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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 16
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
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Sechzehntes Kapitel

Eugen war angekommen. Als er das »vom Christkind beim Onkel für den Neffen abgegebene Jagdgewehr« betrachtete, geriet er außer sich vor Entzücken. Dr. Thorn war fast nicht imstande, die stürmischen Dankesbezeigungen des Neffen abzuwehren.

»Darf ich das Gewehr mit nach Hause nehmen?« fragte er mit glänzenden Augen.

»Das Gewehr gehört ja dir, Eugen«, sagte der Onkel, »es ist eine sehr schöne Waffe, wie sie ein solch nichtsnutziger Junge gar nicht verdient. Freilich kannst du es mit nach Hause nehmen, aber was willst du in Wien damit: Fliegen schießen – oder Wanzen – oder solches Kleintier?«

»Nein, nein, Onkel, wenn ich es nur jeden Tag ein paarmal anschaun kann. Ich werde dabei immer recht, recht dankbar an dich denken. Und dann noch eins: der Vater fürchtet sich vor einem Gewehr ...«

»So ... und du willst ihn damit erschrecken, du dummer Junge! Nein, da wird nichts daraus!«

Eugen bat aber so lange, bis ihm der Onkel einige annehmbare Bedingungen stellte, unter denen er die Flinte nach Wien mitnehmen dürfe.

Erstens: Genaueste Kenntnis der Waffe.

Zweitens: Niemals eine Patrone (leere oder ausgeschossene ausgenommen) in die Läufe zu stecken.

Drittens: Genau nachsehen, ob sich nicht infolge feuchter Luft Rost in den Läufen festsetze.

Eugen schwur einen heiligen Eid, diese Bedingungen einzuhalten

»Na also, dann kannst du es mitnehmen!« gab der Onkel zu.

Nach dem Essen stellte der Onkel seinem Neffen die beiden Hunde vor. Mit wütendem Gebell empfingen die beiden den Fremden.

»Das sind ja Griffons«, sagte mit großartiger Kennermiene der angehende Jäger.

»Donnerwetter, Kerl, woher weißt denn du das?«

»Herr Breuer hat mir ein großes, schönes Buch über die Jagd geschenkt, da sind sie drinnen abgebildet.«

Die Hunde kamen herbei und beschnupperten Eugen. Er versuchte sofort, sich mit ihnen in gutes Einvernehmen zu setzen, und wollte sie liebkosen. Aber knurrend wichen sie zurück.

»Warte nur, wenn sie dich erst kennen werden, dann sind sie sehr heb. Morgen machen wir einen Gang mit ihnen hinaus in den Wald.«

Nach dem Abendessen blieb man noch eine gute Weile sitzen. Eugen erzählte, was er zu Weihnachten alles bekommen hatte.

»Das Liebste aber ist mir das Jagdgewehr«, sagte er mit strahlender Miene, »Onkel, du hast mir eine große, große Freude gemacht.«

Und er nahm die Waffe vom Gewehrstand des Onkels, betrachtete sie mit freudigen Blicken und fuhr mit der Hand hebkosend über die fein damaszierten Läufe, als wenn es etwas Lebendes wäre.

»Das Buch, das mir Herr Breuer geschenkt hat, ist mir auch sehr heb, ›Diezels Niederjagd‹ heißt es.«

»Ein gutes Buch«, sagte anerkennend der Onkel. »Ich hab es auch in meinem Bücherschrank.«

»Ich habe die neueste Auflage«, betonte stolz Eugen, »mit vielen Verbesserungen und Zusätzen!«

»Junge, in dich ist ja der Jagdteufel mit aller Gewalt gefahren«, sagte lachend der Onkel.

»Ich will ein Forstmann werden, kein Beamter. Ich möcht es nicht aushalten den ganzen Tag, wie der Vater oder die Lise, im Bureau zu sitzen und zu schreiben.«

»Ein wirklicher Forstmann muß aber sehr viel lernen«, gab der Onkel zu bedenken.

»Das werd ich schon; wenn ich daran denke, eine Klasse vielleicht wiederholen zu müssen, wird mir völlig übel. Ich will nach dem Gymnasium auf die Hochschule für Bodenkultur gehen.«

»Ja, ja, ganz recht, es ist gut, daß du schon ein festes Lebensziel vor Augen hast. Jetzt sag mir aber, was haben denn dein Vater und deine Mutter gesagt, als das Wildbret anlangte.«

»Vater hat zuerst geschimpft, und als es gekocht war, hat er es sehr gelobt«, antwortete Eugen, »aber Lisel ist gut zu Teil gekommen, sie hat zwei großartige Pelzgarnituren bekommen, die eine von dir Onkel, und die andere von Herrn Breuer und außerdem eine Sealskinmütze, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Lisel könnte jetzt ganz gut eine Nordpolexpedition unternehmen, so gut ist sie ausgerüstet.«

»Und hat man gar nicht entdeckt, von wem die Mütze stammt?« fragte Frau Pauline.

»Nein! Aber Lisel setzt sie sehr gern auf – sie trägt sie jeden Tag, ich glaub, sie wird's auch im Sommer tragen! Ich meine, sie hat einen Klamsch«, setzte er noch ganz überflüssiger Weise hinzu.

Pauline warf einen viel bedeutsamen Blick auf den Bruder.

»Hm, hm«, sagte der, und schüttelte sein weises Haupt.

»Ja, aber jetzt heißt es schlafen gehen, wir wollen morgen mit Hex und Lady in den Wald gehen, das gibt viel Arbeit!« sagte Dr. Thorn, und Frau Pauline nickte wehmütig mit dem Kopf. »Ach ja«, seufzte sie. –

Der Waldgang gestaltete sieh sehr abwechslungsreich. Die beiden Hunde wurden mit Leinen versehen, Hex ward von Herrn Dr. Thorn, Lady von Eugen geführt. Doktor Thorn war außerdem mit einer ansehnlichen Peitsche und einem sehr schrillen Pfeifchen versehen.

Dem Abschiede wohnte die ganze Damenwelt in Doktor Thorns Hause bei. Die drei Damen hegten den heißesten Wunsch, die beiden Herren möchten die Hunde im Walde verlieren.

Die Dressur begann schon auf der Straße.

»Pfui Hex!« rief Dr. Thorn.

»Pfui Lady!« schrie Eugen.

Die beiden Hunde zeigten wieder das größte Interesse an den Kuhfladen.

Nach einiger Zeit sah sich Dr. Thorn genötigt, die Mäuler beider Hunde mit Büscheln trockenen Grases abzuwischen. Sie erschienen grün eingeseift. Zur Strafe für ihre Untat wurden beide mit Maulkörben versehen, die an der Vorderseite mit einem sehr engmaschigen Gitter versehen waren.

Die Hunde ließen traurig ihre Struwelpeterköpfe hängen.

»Ja, ja«, tröstete Dr. Thorn die beiden Scheusäler, »es werden auch Menschen oft Maulkörbe vorgebunden.« Eugen mußte unwillkürlich an seinen teuren Papa denken.

Am Waldrande angelangt, wurden ihnen die Maulkörbe wieder abgenommen; dankbar sahen sie mit ihren zottigen Gesichtern zu ihrem Herrn auf.

Der Wald lag in weißer Winterpracht vor ihnen. In der Nacht hatte es Rauhreif gemacht und im Lichte der noch tief am Horizont stehenden Sonne glitzerten und funkelten die kahlen Zweige der Bäume und das dürre Buschwerk in heller Pracht.

»Schön, schön ist's da«, sagte Eugen, »oh, wie freue ich mich, wenn ich einst Förster sein werde!«

»Na, die Sache hat auch ihre unangenehmen Seiten. Wenn's regnet, ist's im Walde sehr naß – und ...«, er mußte plötzlich seine Rede unterbrechen, denn die beiden Hunde hatten ihre Leinen um seine Füße gewunden und strebten mit Macht einem Hasen nach, der vor ihnen aufgestanden war. Im Nu saß Dr. Thorn auf dem Schnee. Eugen leistete ihm Gesellschaft.

»Hex – Lady!« erklang es durch den stillen Wald.

Als Thorn und Eugen sich aus der Verwicklung befreit hatten, setzte es Hiebe für die beiden Hundedamen. Dies hatte zur Folge, daß sie einige Zeit sehr sittsam neben den beiden Jägern gingen. Nach einiger Zeit »standen« sie weidgerecht einen Fasan.

Eugen hatte verwundert dem Gebaren der Hunde zugesehen.

»Was haben sie denn?« fragte er.

»Pst, pst!« sagte warnend Dr. Thorn.

In diesem Moment erklangen dumpfe Flügelschläge, ein prachtvoller Fasanhahn stieg auf und strich in den Wald hinein.

Eugen war sprachlos vor Entzücken.

»Brav, brav ...«, lobte begeistert Thorn die beiden Köter.

Geehrt und erfreut durch diese Aufmunterung wedelten die Hunde mit ihren kurzen ruppigen Schwänzen und gingen hochanständig mit ihren Herren weiter.

»Ich werde es jetzt versuchen, sie von der Leine abzulassen«, sagte Thorn und öffnete die Karabiner.

Einige Zeit gingen die beiden recht brav mit. Aber das neuerliche Erscheinen eines gewaltigen Hasen zerstörte sofort die Disziplin.

Wie verrückt flohen die Hunde ihm nach.

»Hex – Lady!« klang es wieder durch den Wald.

»Trrrrr« erklang das Patentpfeifchen durch die Stille.

Aber Hex und Lady waren bereits verschwunden. Thorn und Eugen machten sich auf die Suche. Aber alle Mühe war vergebens. Hügel ab, Hügel auf ging es, Dr. Thorn schwitzte infolge des Watens durch den knietiefen Schnee, daß ihm die hellen Tropfen auf der geröteten Stirn standen.

»Es nützt nichts«, sagte er keuchend, »wer weiß, wo die Luder hin sind. Gehen wir nach Hause, es ist bereits 11 Uhr – Tante wartet schon mit dem Mittagessen. Wer einen geruhigen Lebensabend genießen will, soll sich nicht die Aufgabe stellen, junge Griffons aufzuziehen.«

Betrübt gingen sie heimwärts.

»Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer«, dachte sich Eugen, der kurz vorher Scheffels »Ekkehart« gelesen hatte, als der Onkel so mißmutig vor ihm einherstapfte.

»Ich weiß gewiß, die daheim werden eine Riesenfreude haben, wenn ich ohne die zwei Biester heimkomme«, knurrte Dr. Thorn.

Als sie heimkamen, begrüßte sie das wütende Gebell der beiden Hunde. Mit freudigem Antlitz trat ihnen bei der Tür Tante Pauline entgegen.

»Gott sei Dank«, sagte sie, »soeben wollte ich zum Förster schicken. Anderthalb Stunden schon sind die beiden Hunde zu Hause. Ich hatte die furchtbarste Angst, daß euch was passiert ist, als die Hex und Lady allein nach Hause kamen.«

»Pauline, mich hätt's viel mehr gewundert, wenn sie mit mir zugleich gekommen wären«, sagte verdrossen Doktor Thorn.

»Und hungrig waren sie«, fuhr Pauline fort, »komm nur herein ins Speisezimmer und sieh dir die Bescherung an.«

Der Teppich im Zimmer war entfernt, mannigfache Zeichen am Boden deuteten darauf hin, daß eine fulminante Katastrophe stattgefunden habe.

»Ich hatte bereits für uns gedeckt, und in meiner Besorgnis sah ich alle Augenblicke beim Tor hinaus. Dabei muß ich die Tür offen gelassen haben, die Hunde kamen herein und rissen das Tischtuch herab. Die Suppenschüssel, zwei Teller und vier Gläser sind zerbrochen!«

»Sehr schön«, sagte Dr. Thorn und betrachtete mit Gram die Greuel der Verwüstung.

In diesem Augenblick kamen Hex und Lady zur Tür herein und begrüßten das geliebte Herrl mit freundlichem Schwanzwedeln und vielen krummen Verbeugungen.

»Brave Hunde«, sagte Thorn und streichelte sie. »Merke dir, Eugen, für den Fall, daß auch du einmal einen Jagdhund bekommst: ein Hund muß gut behandelt werden. Weiche Hunde dürfen nicht geschlagen werden, sonst werden sie nervös und verschüchtert! Und ich glaube, Hex und Lady sind sehr weiche Hunde. Es wäre mir momentan auch bedeutend lieber, wenn sie bereits ausgestopft wären, aber ich bedenke, daß sie eben junge Hunde sind!«

Während des Speisens – das Mittagmahl wurde im Zimmer der Frau Pauline eingenommen – sagte Herr Dr. Thorn: »Nachmittags lasse ich mich beim Bäckermeister abwägen, damit ich nach acht Tagen konstatieren kann, wieviel ich an Gewicht dann verloren habe!«

Der Nachmittag verlief in lehrreicher Unterhaltung. Nach dem Mittagsschläfchen erteilte der Onkel dem Neffen Unterricht in der Waffenlehre.

Abends wurde der Herr Bürgermeister gemeldet. »Ein seltener Gast, aber sehr willkommen«, begrüßte Dr. Thorn den Gestrengen, »Pauline, die Kognakflasche ... schnell! Sehr brav ... Herr Bürgermeister, daß Sie einmal mit Ihrem Besuche mein geringes Heim beehren!«

»Bitte, gnädige Frau, sich nicht zu bemühen«, sagte mit scharfem Ton der Herr Bürgermeister, »erstens nehme ich zu dieser Stunde niemals geistige Getränke zu mir, und zweitens« – er zögerte – »werde ich niemals in diesem Hause etwas annehmen!«

»Oho!« sagte Dr. Thorn, »da möchte ich denn doch bitten!«

»Entschuldigen Sie, Herr Doktor«, sagte der Bürgermeister ruhig, aber sehr ernst, »wäre es vielleicht möglich, einige Worte mit Ihnen zu reden?«

»Oh, sehr gern, mich wundert es nur, daß Sie mich nicht in die Gemeindekanzlei vorgeladen haben!«

»Es sind private Angelegenheiten, die ich mit Ihnen zu besprechen habe.«

Auf diese Andeutung hin verließen Pauline und Eugen die Szene.

»Sie haben mir den Sohn entfremdet«, begann er.

»Ah – sehr gut! Ich hätte Ihnen den Sohn entfremdet?«

»Ich habe bestimmte Beweise dafür!«

»So! Möchten Sie mir diese Beweise vorlegen?«

»Ja, deswegen bin ich gekommen! Ulrich war stets ein guter, braver Sohn. Seit dem Moment, da Ihre Nichte hier erschienen ist, hat er sich sehr zu seinem Nachteil geändert ...«

»Auch meine Nichte soll sich nicht zu ihrem Vorteil geändert haben, seit sie Ihren Sohn hier getroffen hat. Wollen Sie mir vielleicht einen Vorwurf daraus machen, daß ich meine Nichte zu mir eingeladen habe?«

»Verdrehen Sie nicht die Sachen, Herr Dr. Thorn«, entgegnete mit großer Schärfe der Bürgermeister; »ich habe noch andere Beweise, daß Sie gegen mich konspirieren!«

»Also Revolution! Die Gendarmerie ist hoffentlich schon verständigt!«

»Sie haben meinem Sohn eine Praktikantenstelle im Handelsministerium verschafft. Heute habe ich diesen Brief erhalten – da – da hier steht's!«

»Dürfte ungefähr stimmen«, sagte Dr. Thorn; »ich habe einigen bekannten Herren geschrieben, daß das Gesuch Ihres Sohnes baldigste Erledigung findet. Es freut mich, daß das geschehen ist!«

»Wissen Sie, Herr, was Sie sind?« fragte fast schreiend der Bürgermeister.

»Sehr wohl; Regierungsrat Dr. Thorn, Hausherr dahier und gewohnt, jeden unangenehmen Gast sofort hinauszuwerfen.«

Die prompte Antwort verstimmte den Herrn Bürgermeister.

»Ich habe die Absicht, Sie wegen Störung der Familie zu verklagen!«

»Ich weiß nicht, ob es einen solchen Paragraphen gibt – aber versuchen Sie es getrost. Sie tun übrigens so, als wenn sich Ihr Sohn geradezu in mich verliebt hätte! Was wollen Sie denn eigentlich von mir?«

»Wenn Sie das nicht getan hätten, so wäre mein Sohn wahrscheinlich wieder zu mir zurückgekehrt.«

»Hätten Sie ihn nicht hinausgeworfen, so wäre er wahrscheinlich noch bei Ihnen.«

So ging das Gespräch in recht anmutiger Weise weiter, bis der verletzte Vater dem Dr. Thorn ankündigte, daß er ihn verachte. Dies war Herrn Dr. Thorn denn doch zu viel; er erhob sich, um dem unwillkommenen Gast zu bedeuten, daß er die Audienz als beendet erachte.

»Herr Bürgermeister«, sagte er ruhig, »niemand in der Welt wird mich jemals abhalten, einem Menschen, der ungerechterweise in Not und Elend geraten ist, zu helfen, und kein Bürgermeister wird es verhindern, daß ich einem Jüngling, der von seinem Vater aus Eigensinn und Dummheit aus dem Vaterhause getrieben wurde, beispringe. Ich habe mich nicht zwischen Sie und Ihren Sohn gestellt; erst dann, nachdem Sie jedes Band zwischen Ihnen und Ihrem Sohn selbst zerrissen hatten, habe ich ihm meine Hilfe angeboten. Und jetzt bitte ich Sie, Herr Bürgermeister, mein Haus zu verlassen!«

Höflich öffnete er dabei die Tür.

Wütend schritt der Bürgermeister hinaus.

»Sie werden noch von mir hören, Herr Doktor«, sagte er drohend.

»Selbstverständlich, Herr Bürgermeister«, antwortete friedfertig der Hausherr, »in einem so kleinen Ort hört man alle Augenblicke etwas von seinen geehrten Mitmenschen.«

Dr. Thorn begleitete den Gast durch den Flur. Mit wütendem Gebell stürmten aus dem Hofe Hex und Lady herein. Dr. Thorn hatte alle Mühe, die beiden Hunde abzuwehren.

»Die passen zu Ihnen«, sagte mit einer Miene unsäglichen Abscheues der Bürgermeister, und verließ ohne Gruß das Haus.

Nach dem Nachtmahl setzte sich Dr. Thorn in sein Museum und schrieb zwei sehr lange Briefe; in dem ersten ward Herr Ulrich Kirchmaier, Praktikant beim Handelsministerium in Wien, dringendst ersucht, jeden Verkehr mit Fräulein Elisabeth Thorn sofort einzustellen und weder Sealskinmützen noch Briefe an das geehrte Fräulein abzusenden. In dem zweiten Briefe ward die Bankmanipulantin Fräulein Elisabeth Thorn dringendst ersucht, an Herrn Ulrich Kirchmaier keinerlei Briefe abzusenden und sofort jeden Verkehr mit ihm einzustellen.

Den nächsten Tag war wieder prachtvolles Winterwetter.

»Na, Eugen«, fragte der Onkel, »ist es dir angenehm, auf den Schießplatz zu gehen? Ich mache dich aber aufmerksam, es hat sieben Grad Kälte.«

»Aber Onkel, das macht ja gar nichts, wenn ich einmal Förster werden will, darf mich die Kälte ja nicht genieren.«

Und wie stolz war er, als er, das Gewehr vorschriftsmäßig mit dem Riemen über die linke Schulter gehängt, aus dem Hause schritt.

Der Förster empfing die Gäste sehr liebenswürdig und erklärte, die Schießlektion nicht eher zu beginnen, bis nicht die Gäste etwas Erwärmendes angenommen hätten. Eugen bekam ein Glas warmen Tee, der Onkel genoß als alter Weidmann zwei Sliwowitze. Dann ward der Weg in den Steinbruch angetreten.

An der richtigen Stelle angekommen, zählte der Förster dreißig Schritte ab. Der Waldarbeiter stellte das Brett, auf dem Onkel Gustav ein Papierblatt, darstellend einen flüchtigen Hasen, mit Reißnägeln befestigt hatte, an einer Felsenwand auf und versicherte es mit tüchtigen Steinen.

»Also laden!« befahl der Förster.

Vorschriftsmäßig senkte Eugen die Mündung des Gewehrlaufes zu Boden, drehte den Verschlußhebel zur Seite und steckte die Patrone in den Lauf.

»Sehr brav, mein Junge«, lobte der Herr Förster, als das Gewehr schießbereit war. »Unser Stationsvorstand könnte von dir schon etwas lernen, der richtet beim Laden das Gewehr am liebsten gegen die Brust oder das Gesicht seiner Mitmenschen.«

»Anschlag!« befahl er weiter.

»Tadellos!« sagte der Förster, als Eugen die befohlene Übung ausgeführt hatte. »Gewehrkolben fest an die Schulter andrücken, sonst gibt's eine Ohrfeige. Nicht von mir, sondern von dem Schießprügel! Jetzt ordentlich das Ziel in das Auge fassen ... so ... ganz brav! Und wenn du glaubst, daß du es richtig hast, dann drück los!«

Der Schuß krachte.

Der Holzknecht brachte das Brett herbei.

»Bravo, Eugen!« sagte beglückt Onkel Gustav.

»Ausgezeichnet!« rief der Förster. »Wenn das ein wirklicher Hase war, der hätte jetzt seinen Lebenslauf beendet.«

Eugens Antlitz glühte vor Freude und Aufregung.

Nun ward das Bild eines Rebhuhnes im vollen Flug und danach das eines Rehbockes auf der improvisierten Scheibe angebracht. Auch die Schießversuche auf diese Objekte gelangen geradezu ausgezeichnet. Eugen wurde mit Lob geradezu überschüttet.

Dann ward der Rückweg angetreten.

»Wie wär's, wenn wir ihm ein wirkliches Jagdvergnügen bereiten würden?« fragte der Förster.

Eugens Augen leuchteten hell auf.

»Bitte, Herr Förster«, sagte er mit flehender Miene.

»Beim Lißgraben, neben dem Gehöft des Leitbauern, wechselt ein Fuchs. Vielleicht gelingt's, dem alten Herrn eins auf den Pelz zu brennen. Wir müßten natürlich um längstens sieben Uhr zur Stelle sein!«

Eugen erklärte sich mit freudiger Begeisterung bereit, schon um zwölf Uhr nachts zur Stelle zu sein.

»Ob wir ihn kriegen, ist etwas unsicher«, sagte der Förster, »aber der Pirschgang ist auch etwas wert.«

Es ward verabredet, daß am nächsten Morgen der Herr Förster Eugen abholen sollte.

»Da wird's gut sein, einen Sliwowitz vorher zu nehmen!« meinte der Förster.

Eugen erklärte sich selbst auf diese Bedingung hin bereit, mitzugehen.

»Jetzt aber komm«, sagte der Onkel, »du hast noch Arbeit genug vor dir, du mußt dein Gewehr putzen!«

Am nächsten Morgen, punkt sechs Uhr, trommelte es an die Tür von Herrn Dr. Thorns Hause. Der Hausherr, umhüllt vom dicken, weichen Schlafrock, öffnete selbst.

»O, Herr Förster – sehr willkommen!«

»Was ist's mit Eugen?«

»Er ist schon seit halb Fünf auf. Er wollte erst vor Aufregung keinen Bissen zürn Frühstück nehmen. Durch die Drohung, er müsse dann überhaupt daheim bleiben, zwang ich ihn, Speise zu sich zu nehmen.«

»Das ist ein Racker«, sagte der Förster. »Na, den hat das Jagdfieber ordentlich gepackt.«

Eugen begrüßte den eintretenden Förster so ehrfurchtsvoll, als wenn es sein Schuldirektor wäre. Nur war die Begrüßung bedeutend wärmer.

»Die Damen haben sich zurückgezogen«, erklärte Herr Dr. Thorn die Abwesenheit des weiblichen Geschlechtes. »Sie sind noch nicht in Besuchstoilette. Wenn aber Herr Förster geistige Bedürfnisse haben, so bin ich beauftragt, Ihnen solche zuzuführen. Vielleicht einige Gläser Kognak gefällig?«

Der Förster schmunzelte sehr fröhlich, als er die bekannte Flasche erblickte.

»Ich werde die Jagdflasche damit anfüllen«, schlug Dr. Thorn vor.

In der Jagdflasche war noch eine Neige Sliwowitz vorhanden, welchen Übelstand der Förster mit einem Schluck entfernte.

Als die Jagdflasche gefüllt war, ward die Reise angetreten. Eugen trug sein grünes Jagdgewand und den Hut mit dem Spielhahnstoß.

»Donnerwetter«, sagte auf einmal Onkel Thorn. »Ich werde schon recht vergeßlich. Eugen, das Christkind hat noch etwas gebracht.«

Und er holte aus dem Museum einen ganz neuen, kurzen Pelzrock heraus.

»Wurde direkt beim Christkindl bestellt. Infolge des ungeheuren Andranges zu den Feiertagen ist die Lieferung verspätet eingetroffen.«

»Und wie der Rock paßt!«

Eugen küßte schweigend dem gütigen alten Herrn die Hand.

»Aber jetzt heißt's immer brav sein!« mahnte der Onkel.

Eugen nickte nur, zu sprechen wagte er nicht, weil er sich fürchtete, daß ihm Tränen der Freude die Worte ersticken würden.

Der Förster reichte ihm das Gewehr.

»Wo ist die Jagdtasche?« fragte er dann.

»Ja, richtig, eine Jagdtasche – muß doch nachsehen, ob das Christkind nicht auch eine Jagdtasche gebracht hat.«

Richtig brachte er aus dem Museum auch noch eine sehr hübsche Jagdtasche heraus.

»Nein, wie ich schon vergeßlich werde!« sagte er, als er dem Jungen die Tasche umhing.

Der Förster mußte infolge der ungeheuren Rührung, die ihn erfaßt hatte, sofort einen Kognak trinken.

»Patronen mit Viererschrot sind bereits in der Jagdtasche, wie ich gesehen habe, so ein Christkind denkt doch an alles!«

»Weidmanns Heil!« wünschte der Herr Onkel zum Abschied.

»Weidmanns Dank!« ertönte der Baß des Försters und jubelte Eugen.

Auf der verschneiten Dorfstraße lag das helle Mondlicht, seltsam flimmerte der Schnee in dem fahlen Schein. Aber kalt war es, bitterkalt, der hartgefrorene Schnee knirschte unter ihren Tritten.

»Prachtvolles Jagdwetter!« sagte der Förster, »bin neugierig, ob wir den alten Racker zu Gesicht bekommen. Der Kerl hat schon genug Schaden angestiftet!«

Bald ging der Weg bergauf. Die schwierigste Partie war der Hohlweg, in dem knietief der Schnee lag. Die Kronen der Föhren und Fichten sahen fast schwarz aus.

Plötzlich huschte ein Schatten über den Weg, Eugen sah auf, in lautlosem Fluge zog ein Waldkauz über die Blöße.

Dann kamen sie zu einem Bauernhof, der so still wie verschlafen dalag. Aus den im Mondeslicht schimmernden weißen Mauern sahen die dunklen Fenster wie große, gespenstische Augen auf die beiden herüber.

»Das ist seit einigen Tagen Reineckes Revier. Gestern in aller Früh war der Bauer bei mir und klagte, daß ihm der rothaarige Schurke bereits eine Gans, zwei Enten und einige Hühner gestohlen habe. Jetzt aber heißt es stille sein – denn wenn er nur einen Laut vernimmt, empfiehlt er sich für heute!«

Schweigend stiegen die beiden weiter und weiter empor! Unter Eugens Tritt krachte einmal ein dürrer Ast. Der Förster sah sich mißbilligend um. Eugen schämte sich so, wie er sich nicht einmal geschämt hatte, wenn ihm der Professor einen Sechser einschrieb.

Als sie etwa hundertfünfzig Meter weit gegangen waren, kamen sie an eine Waldblöße. Die schneebedeckte Fläche hob sich seltsam von ihrer tief dunklen Umrahmung ab. Abseits vom Straßenrande, am Stamm einer riesigen Föhre, ward Aufstellung genommen.

»Dort an der Ecke kommt er heraus«, sagte der Förster flüsternd, »wenn er überhaupt kommt! Ich hab die Fährten abgespürt.«

Auf Geheiß des Försters machte Eugen sein Gewehr schußbereit; er hielt es vorschriftsmäßig unter dem linken Arm.

Alle Schauer des schweigenden, nachtdunklen und dabei so mondhellen Waldes fielen in seine Seele – jede Fiber war gespannt.

Plötzlich hörte man aus der Ferne mißtöniges Geschrei erschreckter Gänse und angstvolles Gegacker von Hühnern.

»Jetzt raubt er!« sagte der Förster – »na wart nur!«

Dann klang das Kreischen einer Weiberstimme und das zornige Fluchen eines Mannes waldein.

»Aufgepaßt«, sagte der Förster, »wenn er kommt, so kommt er jetzt.«

Das Pochen vom Herzen des jungen Weidmannes konnte man fast durch die Stille der Nacht vernehmen.

Am Rande der Waldblöße glitt es wie ein grauer Schatten vorüber.

Der Förster tupfte leise den angehenden Weidmann auf die Schulter.

Eugen verstand das Zeichen. Er legte das Gewehr an. Am Rande der Waldblöße stand nun Meister Reinecke; mit gespitzten Lauschern sichernd stand er im hellen Mondlicht da.

In diesem Moment krachte der Schuß aus Eugens Rohr.

Und die Stille des Waldes ward unheimlich lebendig, über die mondbelichtete Waldblöße zog scheltend ein Schwärm von Krähen dahin.

»Er liegt –!« sagte der Förster, »komm, mein Junge.« Er schritt voran, so rasch, daß ihm der Knabe kaum folgen, konnte.

Am Waldrand lag mit zerschossenen Vorderläufen der Fuchs, neben ihm der tote Gockel, den er sich aus dem Bauernhause mitgenommen hatte.

Grimmig wies er den Näherkommenden die Zähne.

»Also, Eugen – den Gnadenschuß aufs Blatt«, Eugen legte an, zitterte aber vor Aufregung. »Na, ich werd' einen ordentlichen Knüppel suchen ...«, sagte der Förster, »und ihm eins auf die Nase geben. Du bist viel zu aufgeregt. Begreif's ja!«

In diesem Moment hatte Eugen seine Ruhe gefunden, neuerlich weckte ein Schuß aus seinem Gewehr das Echo der stillen Waldföhren, der Fuchs streckte sich, einmal wendete er sich noch zähnebleckend seinen Widersachern zu, dann sank der Kopf auf die Seite.

»Weidmannsheil!« sagte der Förster, tauchte ein Tannenzweiglein in das herausquellende Blut des Fuchses und steckte es auf Eugens Hut.

»Brav gemacht, List ein tüchtiger Jung'«, sagte befriedigt der Förster, »den Gockel trägst du und den Lackl werd' ich mitnehmen.«

Aber Eugen bestand darauf, den Fuchs und den Gockel selbst zu tragen.

»Gut – auch recht«, sagte der Förster, »es wird für dich sehr erwärmend wirken.«

Erfüllt von seligstem Stolz schritt Eugen den schneebedeckten Pfad abwärts.

Beim Bauernhaus hielten sie an. Eines der kleinen niederen Fenster war bereits erleuchtet. Mit Macht klopfte der Förster daran.

»Was ist's denn?« klang die Frage heraus.

»Macht's auf, Euren Hahn hab'n wir bracht«, erklärte der Förster.

»Was?«

»Den Hahn hab'n ma wieder bracht, den Euch der Fuchs g'holt hat – törrische Kanon', übereinand'«, schimpfte der Förster.

»Ah – der Herr Förster – kimm scho' – kimm scho'!« sagte das Bäuerlein. An dem Kraftworte hatte der Mann erkannt, wer draußen stehe.

Der Schlüssel knarrte im Schloß; eine Laterne in der Hand, trat der Bauer heraus.

»Hobt's do amol den Toifl derwischt«, sagte er freudigst. Den Hahn nahm er mit einem Schwall von Dankesworten entgegen.

»Das ist der Schütz«, sagte der Förster und wies auf Eugen.

»Der junge Herr?«

Mißbilligend schüttelte der Bauer sein Haupt und lachte.

»Wann der Förster an' nur an Bär'n aufbind'n' kann, dann is eahm schon leichter«, sagte er und lud die Herren; ein, einzutreten. Der Förster lehnte ab.

Weiter ging's durch den Wald. Als die Weidgenossen ins Dorf kamen, umspann schon die Morgendämmerung Wiesen und Felder.

Unbeschreiblich war der Aufruhr, den die Ankunft der beiden Schützen im Hause der Herrn Dr. Thorn verursachte. Tante Pauline öffnete. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als Eugen mit dem Untier auf dem Rücken ins Haus trat.

Marie und Kathi kamen herbei und schlugen die Hände zusammen, als sie Eugens Beute erblickten. Auf den Spektakel hin öffnete sich die Tür von Herrn Dr. Thorns Schlafzimmer. In den gelben weichen Schlafrock gehüllt, guckte er erst vorsichtig heraus.

»O bravo, Weidmannsheil – hat er ihn geschossen?« fragte auch der Onkel.

»Sind lauter Viererschrot drinnen – ich habe nur Sechser und Achter bei mir«, sagte der Förster.

»Ein alter Herr«, sagte bewundernd der Onkel. Marie hatte eine Lampe gebracht, damit man das Raubtier besser betrachten könne. »Ein prachtvoller Kerl – dicht im Pelz! Na, der hat schon genug Geflügel im Magen gehabt!«

Im Speisezimmer herrschte wohlige Wärme. Der Tisch war bereits gedeckt, was im Busen des Försters die angenehmsten Gefühle erweckte.

»Was – so'n warmer Kaffee tut wohl nach solchem kalten Spaziergang?« fragte der Onkel, als er sah, mit welchem Wohlbehagen die durchfrorenen Weidmänner den angenehm duftenden Trank schlürften.

Das Gespräch drehte sich naturgemäß nur um das große Ereignis. Der Herr Förster schilderte begeistert, wie sicher und fest Eugen dagestanden, wie keine Fiber an ihm gezuckt habe, als er den für Meister Reinecke so verderblichen Schuß abgegeben hat.

»Ich muß Förster werden«, sagte Eugen, »gelt, Onkel, du hilfst mir dabei!«

Der Onkel versprach es. Dann ward beraten, was mit dem Fell zu geschehen habe.

»Du willst es der Schule spendieren?« fragte der Onkel.

»Ja, die anderen werden mich alle beneiden«, sagte Eugen; »die haben noch nie ein richtiges Gewehr in der Hand gehabt und auf eine Jagd sind sie auch niemals gegangen!«

»Gut, der Herr Förster wird dem rothaarigen Schurken die Haut über die Ohren ziehen und wir schicken sie dann sofort an die Schule. Ich werde dem Herrn Direktor einen Brief dazu schreiben und ihm deine Heldentat schildern. Der Herr Direktor ist, wie du weißt, ein guter Freund von mir; ich werde einen entsprechenden Geldbetrag mitsenden, damit die Präparierung der Anstalt keine Kosten verursacht.«

»Wenn er sich nur nicht verkühlt hat«, fragte besorgt die Tante, »sonst bekommen wir sofort einen Brief vom Bruder Johann.«

»Aber Tante – das mach' ich gleich mit der Mutter aus, die wird ihm schon die rechte Auffassung beibringen. Ich glaube, zum Briefschreiben hat er jetzt gar keine Zeit – er wird in einemfort Karl Mays Romane lesen.«

»Aber du wirst sofort nach Hause schreiben«, befahl der Onkel.

»Ja – gleich heute, vielleicht findet der Papa so viel Zeit, um darauf zu antworten. Die Antwort könnt' ich übrigens sofort selber schreiben; ich kenne den Stil des Papas sehr genau.«

Alles lachte.

Es war schon neun Uhr morgens, als sich die Gesellschaft trennte.

Der Glanz des glücklichen Tages leuchtete noch lange in Eugens Seele nach. An den Vater, an Lise und Herrn Breuer schrieb er glückstrahlende Briefe. Am letzten Tage seines Aufenthaltes kamen die Antworten zurück.

Vater Thorn schrieb:

»Mein vielgeliebter Sohn Eugen!

Dein Brief hat meinem Vaterherzen große Freude bereitet, trotzdem es mir unbegreiflich erscheint, daß Dein Onkel es zugeben konnte, daß Du eine so gefährliche Sache, wie es die Jagd auf ein so bösartiges Raubtier ist, unternimmst. Infolge Deines Mutes, den Du von mir geerbt hast, ist die Geschichte gut ausgegangen; wie aber wäre es gewesen, wenn der Fuchs auf Dich zugesprungen wäre und Dich gebissen hätte. Er hätte Dir den Kehlkopf aus dem Halse reißen können! Daß Du das Fell an das Gymnasium geschickt hast, finde ich sehr gut. Der Naturgeschichtsprofessor muß Dir nun die Note ›Eins‹ geben.

Ich lese jetzt Karl Mays Romane, worin auch sehr viele Jagden vorkommen. Wenn es mir einmal die Zeit erlaubt, werde ich Dich auf einer Jagd begleiten. Frage Onkel, ob es Hochwild in seinem Revier gibt. Denn wenn ich einmal auf die Jagd gehe, so muß es sich um eine große Sache handeln. Lasse lieber Dein Gewehr beim Onkel zurück, ich habe solche gefährliche Sachen nicht gern im Hause. Wie Du schreibst, ist es eine Waffe neuester Konstruktion. Von solchen weiß man nie genau, wie sie losgehen, und ich möchte nicht, daß Deine Mutter und Deine Schwester in Gefahr kommen. Von mir rede ich nicht; denn ich habe dem Tode stets furchtlos ins Auge geschaut. Bringe auch weder Patronen, Pulver oder gar Schrote oder Kugeln mit, wegen der Explosionsgefahr.

Ich lasse Onkel und Tante bestens grüßens. Ich grüße auch Dich und ermahne Dich, immer sehr vorsichtig zu sein. Mir ist es sehr unangenehm, daß Du das Gewehr bekommen hast!

Dein liebender
                                   Vater.«

»Mir scheint«, sagte der Onkel, »dein Vater fürchtet, daß das Gewehr einmal mitten in der Nacht von selber losgeht. Ein märchenhafter Mensch. Aber nimms nur mit. Die Sache wegen des Waffenpasses werde ich schon machen. Ich schreibe das Gesuch, die nötigen Stempel gebe ich bei und du bittest deine gewaltige Frau Mama, es dem Vater zur Unterschrift zu übergeben.«

Der Abschiedsabend, zu dem auch der Herr Förster geladen war, gestaltete sich so recht nach dem Sinne des Herrn Dr. Thorn.

Die große Hängelampe verbreitete einen milden warmen Schimmer in der Stube, über den Teppich strahlte behaglicher Feuerschein aus dem großen Tonofen. Hex und Lady hatten es sich dort bequem gemacht. Sie lagen dort auf einer alten Decke, die ihnen. Tante Pauline zum Schutze des Parkettbodens aufgebreitet hatte, und sahen mit fröhlichen Blicken nach dem Tische hin, auf dem so köstliche Dinge, an denen auch sie Geschmack gefunden härten, aufgetragen wurden.

Manchmal regte sich in ihnen unbezähmbar die Gier, an dem Reichtum teilzunehmen, aber das scharfe »Pfui« des Herrn Försters scheuchte sie sofort auf ihren Lagerplatz zurück. Als das Abschiedsmahl zu Ende war, brachte der Onkel eine versiegelte Flasche. Tante Pauline bekam ein kleines, der Herr Förster ein großes, und Eugen ein sehr kleines Glas. Der Onkel schenkte ein. Und als der Wein tief golden im Glas perlte, erhob er sich dann, und begann mit bewegter Stimme:

»Mein lieber Neffe! Ich glaube, die Tage, die du jetzt bei uns zugebracht hast, werden dir unvergeßlich bleiben. Wenn du einmal ein alter Mann geworden bist – und ich wünsche dir dieses etwas wehmütige Glück von ganzer Seele –, dann wird die Erinnerung an diese Tage dein erkaltetes Herz neu beleben. Jetzt aber heißt es wieder fleißig arbeiten. Wenn der Traum deiner Jugend Wirklichkeit werden soll, wenn du ein richtiger Forstmann werden willst, dann mußt du viele Mühe aufwenden! Also herzliches Prosit auf deine Zukunft, ich hoffe noch den Tag zu erleben, dich als k. k. Forstrat zu sehen!«

Die Gläser klangen aneinander.

Es wurde noch recht gemütlich. Der Herr Förster erzählte die lustigsten Jagdgeschichten, die bewiesen, was für unglaubliche Sachen ein Forstmann erleben könne.

Onkel Thorn begleitete des anderen Tages Eugen auf den Bahnhof. Der Abschied war sehr kurz. Eugen war so betrübt, daß er kein Wort sprechen konnte. »Sei recht fleißig, Eugen, Arbeit ist die beste Trösterin. Zu Ostern kommst du wieder! Lebe wohl, und grüß' mir alle!«

Der Zug rollte ein.

»So, und jetzt geh'!« sagte kurz der Onkel und verließ noch vor Abgang des Zuges den Bahnhof. Es war ihm nämlich ebenfalls etwas unangenehm ums Herz geworden.

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