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Dr. Thorns Lebensabend

Rudolf Hawel: Dr. Thorns Lebensabend - Kapitel 15
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typefiction
authorRudolf Hawel
titleDr. Thorns Lebensabend
publisherGerlach & Wiedling
year1947
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Fünfzehntes Kapitel

Herr Dr. Thorn hatte durch Vermittlung des Herrn Försters zwei Griffons um schweres Geld angekauft. Als der Förster mit den beiden reizenden Tieren ankam, hatte Frau Pauline erschrocken die Hände zusammengeschlagen.

»Das sind aber Scheusäler!« hatte sie ausgerufen. Auch Kathi und Marie waren gekommen und hatten dezidiert erklärt, zwei so grausliche Hunde ihr Lebtag nicht gesehen zu haben.

Sie waren auch danach. Den Körper bedeckte graubraunes, ziemlich langes, leicht gewelltes Haar, das ihnen dicht über die gelben Augen herabfiel. Sie sahen aus wie zwei Gassenjungen, die sich mindestens acht Wochen lang nicht gekämmt haben. Und ganz grimmige Schnauzbärte hatten sie, die sich in wirren Strähnen von der braunen Nase abwärts senkten.

Aber eines versöhnte mit ihrem struppigen Aussehen, das waren die Augen, die mit einem wunderbaren Gemisch von verständiger Aufmerksamkeit, Humor und ergötzlicher Bosheit unter dem Haargewirr hervorsahen.

Dr. Thorn war ob seines neuen Erwerbes ganz Feuer. Paschas Haus mit dem gestickten Vorhang ward ihnen als Erbe taxfrei überwiesen. Der Boden wurde zwanzig Zentimeter hoch mit feinster Holzwolle bedeckt, und Herr Wymetal hatte einen ganzen Nachmittag damit zu tun, die durch das Austrocknen des Holzes entstandenen Fugen mit Leisten zu vernageln. Als das Gelaß fertig war, wurde es feierlich Hex und Lady zum Gebrauch übergeben. Die beiden Damen bezogen mit großer Selbstverständlichkeit das Haus, und es war herzig anzusehen, wie sie friedlich nebeneinander auf der Holzwolle lagen und mit einer unsäglich dankbaren und frommen Miene auf ihren Herrn sahen.

»Wenn man sie genau anschaut, so sind sie eigentlich ganz liebe Kerle«, sagte anerkennend Frau Pauline.

»Man muß sie aber sehr genau anschauen«, meinte lachend der Herr Doktor

Schon am nächsten Tage gab es für Herrn Dr. Thorn eine angenehme Überraschung. Als er in den Hofraum hinaustrat, sprangen ihm die beiden Hunde mit allen Zeichen großer Freude entgegen; er liebelte sie ab, was sie scheinbar ungeheuer erfreute.

Bei der Hundshütte lagen einige Fetzen braunen Stoffes. Er trat näher hinzu.

Richtig, die Hunde hatten bereits mit der Adaptierung ihres Heims begonnen; der Vorhang war von ihnen in seine Teile zerlegt worden. Die Hunde legten sich vor der Hütte nieder und sahen, freundlich mit den kurzen Schwänzen wedelnd, mit leuchtenden Augen ihrem Herrn ins Gesicht, als wollten sie sagen: »Was, das haben wir aber gut gemacht.«

Mit etwas betretener Miene betrachtete der Herr Doktor die Sachlage.

»Sehr schön«, sagte er. »Was wird Frau Pauline dazu sagen; jetzt könnt's ihr euch mit euren Hintern zudecken!«

Und es lag keine Spur von Freudigkeit in seinen Worten. Frau Pauline kam, auch Kathi und Marie betrachteten die Greuel der Zerstörung. Als Pauline erschien, apportierte ihr freundlich wedelnd Lady das größte Stück des Vorhanges, das noch einen Teil des gestickten P enthielt. Hex präsentierte eine grüne Holzleiste, die bei der Demolierung des Vorhanges mitgegangen war.

»Na, dö werd'n no was anstellen!« prophezeite Marie. Auch Frau Pauline schüttelte wehmütig das Haupt. Die einzigen Fröhlichen waren die beiden Hunde.

»Was soll nun geschehen?« fragte Dr. Thorn. »Wenn wir ihnen einen neuen Vorhang machen, und selbst wenn wir ihn mit dem Monogramm HL verzieren, so werden sie ihn wieder zerreißen. Denn ich glaube nicht, daß sie das P, das auf den früheren Besitzer hinweist, so verstört hat, daß sie diese Verwüstung anrichteten.«

»Denen stick ich überhaupt nichts«, erklärte entrüstet Frau Pauline und verließ den Schauplatz. Kathi und Marie gingen mit ihr. Die beiden Hunde wollten ihnen nach, wurden aber mit allgemeiner Verachtung zurückgewiesen.

Entsprechend den Ermahnungen des Försters brachte Herr Dr. Thorn den Hunden selbst das Frühstück. Die Milch ward mit Leidenschaft verzehrt und die beiden Tiere boten einen recht hübschen Anblick; bedeutende Teile der genossenen weißen Flüssigkeit tropften ihnen von den Bärten herab. Thorn mußte lachen, daß ihm die Tränen aus den Augen rannen.

»Ich werde nach dem Frühstück mit den Hunden einen Spaziergang machen«, sagte Thorn. »Ich habe auch schon ein Mittel gefunden, um den neuen Vorhang vor ihrer Zerstörungssucht zu bewahren. Der Stoff wird mit einer sehr bitteren, vielleicht auch zusammenziehenden, aber durchaus unschädlichen Substanz imprägniert. Da wird ihnen der Gusto schon vergehen, wenn ihnen das Wasser zwischen den Zähnen zusammenrinnt.«

Dr. Thorn kam nach dem Spaziergang mit den beiden Hunden sehr verspätet und höchst echauffiert nach Hause.

Auf die Frage, wie es gegangen sei, antwortete er ziemlich einsilbig.

»Sie haben noch keinen Appell«, sagte er, »aber ich hoffe, nach und nach werden sie ihn bekommen.«

»Warum kommst du so spät?« fragte Pauline.

»Ich konnte die Hunde doch nicht davonlaufen lassen«, erklärte er. »Sie strebten ungestüm in die Weite!«

Er verschwieg, daß es nur der Dazwischenkunft des Försters zu danken war, daß sie überhaupt nach Hause kamen. Der Förster hatte ein Pfeiferl, das einen äußerst durchdringenden schrillen Ton gab. Hex und Lady hatten eben willenlos ihrem »ungestümen Drang ins Weite« nachgegeben, ihr Herrl rief ihnen nach, daß er blau im Gesicht wurde, aber sie hörten ihn nicht. Da erklang der schrille, durchdringende Ton. Die beiden Hundedamen kehrten sofort um, da sie aus Erfahrung wußten, daß dieser Ton gemeiniglich mit einer ansehnlichen Tracht Prügel verbunden sei.

So war es möglich gewesen, die beiden nach Hause zu bringen.

»Und wie sie stinken«, sagte vorwurfsvoll Frau Pauline.

»Ja, sie haben die unangenehme Gewohnheit, Kuhfladen zu fressen und noch anderes. Ich glaube, der unangenehme Geruch rührt davon her!«

Die Hunde wurden sofort in den Hof gejagt.

»Sie haben auch eine Mordtat verübt. Lady erwischte ein junges Kätzchen. Hex half ihr, und ich glaube, das Tier starb an einer Sehnenzerrung. Lady zog beim Kopf, Hex beim Hinterteil an, wodurch sich der Körper der Katze bedeutend verlängerte. Ich glaube, die Hunde werden sehr scharf werden. Für die Katze mußte ich dem Besitzer drei Kronen bezahlen, was eigentlich unverschämt viel ist.«

»Warum hast du dir nicht eine andere Hunderasse angeschafft?« fragte vorwurfsvoll Frau Pauline. »Es gibt doch so schöne Jagdhunde. Gerade solche Köter mußt du dir nehmen!«

»Sag nicht Köter«, verwies ihr der Bruder die unangemessene Redensart. »Griffons sind eine sehr edle Hundeart. Sie haben für mich auch eine hygienische Bedeutung!«

»Ah!« sagte verwundert Frau Pauline.

»Ja!« erwiderte Thorn. »Ich bemerke seit einiger Zeit Anzeichen von Fettleibigkeit an mir. Ich glaube, wenn Hex und Lady einmal sechs Wochen bei uns sind, dann habe ich mir bereits die letzte Spur von Fett weggeärgert!«

Frau Pauline lachte zu dieser eigenartigen Auffassung. »Du hast doch eine wunderbare Manier, selbst dem Unangenehmsten eine gute Seite abzugewinnen!«

»Ja, gottlob!«

Sehr erheiternd wirkte es, als Hex und Lady am nächsten Tag mit Hansl, der zufällig den Hof betrat, Bekanntschaft machten. Die Hunde sahen erst höchst verwundert drein, als das unbekannte Tier angriffbereit die Grenadiermütze senkte. Dann aber fuhren sie wütend auf ihn los. Hansl kam die Geschichte etwas unheimlich vor; die beiden grauen Borstwische erregten ihm tiefen Abscheu, und er versuchte, sich zu drücken. Heulend fuhren ihm die Hunde nach und dahin ging die wilde Jagd durch den Blumen- und Gemüsegarten und wieder zurück. Dr. Thorn, durch den Krawall aufmerksam gemacht, kam heraus und sah mit freudigem Staunen die wilde Jagd.

»Sie werden gut«, sagte er zufrieden, »sie haben Schneid!«

Dann versuchte Dr. Thorn der Sache ein Ende zu machen.

»Hex! Lady!« schrie er mit Stentorstimme, pfiff, was er nur konnte, aber die Hunde hörten nicht.

Ein Glück für Hansl war es, daß ihm einfiel, sich durch den Flur in die Küche zu flüchten, wo ihm durch Marie und Kathi werktätige Hilfe zuteil ward. Die Hunde stürmten natürlich nach, wurden aber dort sehr unangenehm empfangen. Marie hatte den Rüttelbesen und Kathi einen gewaltigen großen Kochlöffel gepackt und Dr. Thorn genoß wenige Minuten danach das ergötzliche Schauspiel, daß die beiden Hunde gestreckten Laufes aus dem Flur ausfuhren und sich in der Hütte verbargen, deren Eingang sie infolge ihrer Eile bald zertrümmert hätten.

Hinter ihnen erschienen wie Rachegeister die beiden Mägde, ihre Waffen schwingend.

Dr. Thorn lachte, daß ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Eine weitere Strafhandlung verbot er strengstens, denn Hex und Lady lagen bereits vereint in ihrer Hütte und schauten mit frommen Augen in den Hof hinaus.

Hansl wurde in seinen Stall geführt. An der Hundehütte vorbei mußte er direkt geschoben werden, solchen Respekt hatte er vor den Kötern bekommen.

Auch noch einen anderen schönen Herzenszug besaßen sie, sie stahlen wie die Raben. Die Köchin hatte Bischofbrot bereitet, eine Sorte von Mehlspeise, in der sie geradezu exzellierte. Während einer momentanen Abwesenheit waren Hex und Lady zu Besuch gekommen, hatten das Blech, auf dem das Bischofbrot lag, vom Tisch gerissen und angefangen, mit großer Begierde die Bäckerei zu verzehren. Als Kathi die Schandtat entdeckte, stieß sie einen gellenden Schrei aus. Dr. Thorn, Frau Pauline und Marie stürzten erschrocken in die Küche, wo Hex und Lady unbekümmert um den Verzweiflungsschrei der Köchin, sich am Bischofbrot gütlich taten. Als die beiden Hunde sahen, daß die vereinte Macht anrücke, nahm jeder noch den Rachen voll von der Leckerei und dann verzogen sich beide in aller Eile in ihre Wohnung.

Beim Gitter des Hühnerhofes konnten sie stundenlang sitzen und hineinschauen. Wenn eines der Kaninchen sichtbar wurde, vergingen sie fast vor Aufregung, sie rannten längs des Gitters hin und her und heulten und bellten.

Wenn Hansl die Hunde hörte, dann zog er sich scheu in seine Kemenate zurück.

»Du mußt die Hunde zu einem Jäger in die Dressur geben!« schlug Frau Pauline vor.

»Nein, nein, das werde ich niemals tun«, erwiderte energisch der Bruder, »ich werde sie selbst in das Feld führen, ich werde sie selbst dressieren!«

»Aber du verstehst das ja nicht – du hast ja niemals Jagdhunde dressiert.«

»Ich habe mir fünf einschlägige Werke gekauft, ausgezeichnete Werke. Bei verzweifelten Gelegenheiten wird mir der Förster mit Rat und Tat an die Hand gehen. Schlagen werde ich die Hunde nicht, denn es sind sehr weiche Hunde, die sehr leicht verschüchtert werden!«

»Die Hunde können verschüchtert werden?« sagte Frau Pauline und warf einen fragenden Blick zum Himmel hinauf.

Die Hunde gaben mancherlei Anlaß zu Debatten. Frau Pauline verwünschte den Förster, der ihrem Bruder den unseligen Rat gegeben hatte, sich solche Scheusäler anzuschaffen.

Ja, wenn der Förster zu Besuch war, waren die beiden jungen Hundedamen ungemein manierlich. Er hatte eine sehr grobe Art zu befehlen, und wenn eine der beiden nicht sofort folgte, so bekam sie sofort eins mit der Peitsche über das Hinterteil, daß sie quietschte.

»Das ist nicht richtig«, sagte dann Dr. Thorn. »So edle Hunde sind bald verschlagen! Mit guten, sanften Worten richtet man auch sehr viel!«

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