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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
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IV.

»Ich bin doch nur ein Gemeindeangestellter! Ich habe doch mit der Fabrik nichts zu tun!«

Immer wieder muß ich es den weinenden, kreischenden Frauen sagen.

»Aber der Vorsteher! Der kann was machen! Der ist doch auch in der Fabrik!«

Bender erklärt:

»Ja, in der Fabrik bin ich. Aber dort bin ich doch nur genau so ein Arbeiter wie euere Männer! Und was kann ich als Vorsteher tun? Was kann die Gemeinde gegen das Werk tun? Kann sie ihm Vorschriften machen?«

»Ja, du denkst auch nur an dich! Du sitzt sicher, weil man sich nicht getraut, den Vorsteher hinauszuwerfen! Aber unsere Männer! Was sollen wir denn machen? Wer wird uns helfen?«

»Die Organisation! Und die Gemeinde! Wir haben noch keinen versinken lassen! Verhungern wird niemand! Und mit der Direktion wird noch verhandelt werden.«

Kaum ist es gelungen, die aufgelösten, verwirrten Frauen ein wenig zu beruhigen, so kommen andere und das zernervende Bemühen, zu trösten, aufzurichten, beginnt von neuem.

Kommen und Gehen. Gruppen erregter Weiber drängen sich in der Kanzlei, Haufen zorniger Arbeiter. Und der Vorsteher beschwichtigt, tröstet, verspricht alle Hilfe, die von der Gemeinde gegeben werden kann. Zu ihm kommen sie wie zu einem Vater. Als führe ein Wunderglaube sie zu ihm. Geehrt, beglückt könnte er sich fühlen dieses fast kindlichen Vertrauens wegen, läge nicht auf ihm so schwer das Bewußtsein übergroßer Verantwortlichkeit, nagte nicht zugleich an ihm das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Er weiß: das ist erst der Anfang! Es wird noch schlimmer werden! – Aicher, der Vorsitzende des Betriebsausschusses, und Schickel, der Vorsitzende der Ortsgruppe der Glasarbeiterorganisation, sind nach Pilsen gefahren, mit führenden Gewerkschaftsmännern zu verhandeln. So muß Bender allein dem Ansturm standhalten.

Gestern war Versammlung der Arbeiter beim Stern-Wirt.

Siebenundvierzig Arbeiter sollen entlassen werden!

Der Betriebsausschuß hat das Recht, bei den Entlassungen mitzubestimmen. Ein qualvolles, verhängnisvolles Recht! Er will, daß niemand entlassen wird, daß die Arbeiter abwechselnd aussetzen. Das Weniger an Arbeit auf alle verteilen, allen ein wenig von der gemeinsamen Sorgenlast aufbürden, gerecht verteilen. Aber die Betriebsleitung hat diesen Vorschlag abgelehnt. Nicht vereinbar mit dem Gange der Produktion sei dieses Aussetzen bald der einen, dann der anderen Gruppe. Es seien einfach Arbeiter überzählig geworden. Auch nach der Entlassung der Siebenundvierzig verwende man im Betriebe immer noch mehr Arbeiter, als unbedingt nötig.

Der Betriebsausschuß soll mitbestimmen, wer zu entlassen ist. Er muß mitbestimmen! Alle Verantwortung über das Schicksal dieser Siebenundvierzig wird damit ihm aufgelastet. Die Kameraden vom Betriebsausschuß wissen wohl, daß jeder der aus dem Werk Scheidenden sie verantwortlich machen, daß jede Frau eines Entlassenen sie anklagen wird, daß die Werksdirektion hinter dem Betriebsausschuß verschwinden, die Rationalisierungsmaßnahme als seine Tat erscheinen wird.

Wer soll zur Entlassung vorgeschlagen werden? Wer? Die jüngsten Arbeiter? Aber auch mancher der Jungen hat für eine Familie zu sorgen, wenn nicht für die eigene, so für eine alte Mutter und jüngere Geschwister. Soll man sich nach der Kinderzahl richten und die Kinderreichen vor der Kündigung bewahren? Soll man entscheiden nach der Zahl der Jahre, die schon im Betriebe verbracht wurden? Wer hat den richtigen Maßstab, wer den richtigen Schlüssel?

Siebenundvierzig Arbeiter sollen entlassen werden – und jeder fragt: warum gerade ich?

Und die Frauen: warum gerade mein Mann?

Der Betriebsausschuß will, daß in einer Versammlung der Belegschaft entschieden werde.

Ich gehöre nicht zur Belegschaft der Fabrik, aber zu den Arbeitern. Auch sie sehen in mir einen der ihren. Es ist für sie selbstverständlich, daß ich an der Versammlung teilnehme.

In einem Winkel sitze ich und schaue in das Gewoge der Versammlung. Niedrig hängt die Saaldecke über den Köpfen der Leute, die in dichtem Gedränge den Raum füllen. Mühsam nur kann die Kellnerin sich zwischen den eifrig aufeinander einredenden Männern durchzwängen. Die Frauen – es nehmen nicht nur die dreißig Arbeiterinnen der Fabrik, sondern auch viele Frauen der Arbeiter an der Versammlung teil – sitzen in mehreren Gruppen in den Winkeln oder in Reihen auf den Wandbänken. Dicke, schwere Rauchschwaden lagern über den erhitzten Köpfen. Es wird viel geredet und viel getrunken. Bier. Man sagt den Glasmachern nach, daß sie viel trinken. Und es mag schon etwas daran sein, an dieser Behauptung. Die Leute sind von ihrer Arbeit her – ich kann mir gar nicht vorstellen, in solcher Glut zu arbeiten! – ans Vieltrinken gewöhnt. Im Betrieb trinken sie seit ein paar Jahren kein Bier mehr. Der Betriebsausschuß hat dafür gesorgt – und der Wirt der Kantine hat ihn deswegen tausendmal verflucht in alle Tiefen der Hölle –, daß billiges Mineralwasser beigestellt wird. Im Wirtshaus trinken sie doch Bier. Sie würden sich schämen, etwas anderes zu trinken. Aber trinken nur die Arbeiter? Die Beamten, die ich kenne, trinken. Die Geschäftsleute, die ich kenne, trinken. Die Bauern trinken. Und wenn Herr Direktor Germand nach Pilsen fährt, wird dort getrunken.

Der Friedrich Hermann, mein liebster Freund, trinkt nicht. Gar nichts. Was er an Geld erübrigen kann, verwendet er für Bücher. Aber er gilt den Kameraden keineswegs als verrückter Büchernarr und ist es auch nicht. Die Arbeiter sind stolz auf ihn. Er ist ein tüchtiger Arbeiter. Und er ist nicht lebensfremd. Trotz seiner Jugend wird sein Rat gern gehört. Er sitzt schon, neben viel Aelteren, in der Gemeindevertretung. Die Gemeindebücherei hat er eingerichtet.

Hermann ist der einzige, der bereit ist, freiwillig aus dem Betrieb auszuscheiden. Auch er hat nichts anderes gelernt, als in der Glasfabrik zu arbeiten. Er weiß gut, daß er keine andere Arbeit finden wird. In den nächsten Monaten nicht und nicht in den nächsten Jahren. Aber er glaubt, daß es eines guten Beispiels bedürfe, und daß die es zu geben haben, die am wenigsten durch die Arbeitslosigkeit gefährdet werden. Hermann hat noch zwei Brüder, die in der Fabrik arbeiten.

Neben mir sitzt Frau Aicher. Sie lehnt, die Arme über der Brust verschränkt, ein wenig zurückgebeugt an der Wand und schaut mit spöttischem Lächeln nach ihrem Mann. Der sitzt mit am Vorstandstisch. Aber er teilt seine Aufmerksamkeit zwischen der Versammlung und der geschäftigen Kellnerin. Die scheint ihn kaum zu beachten, hütet sich, ihm zu nahe zu kommen, aber seine verlangenden Blicke schmeicheln ihr doch. Ein wenig prahlerisch, herausfordernd werden ihre Bewegungen.

Frau Aicher merkt, daß ich ihren Blicken folge und daß auch ich ihren Mann beobachte.

»Sind die Männer komisch, wenn sie balzen! Na ja, wenn es ihr gilt, sieht das keine Frau ganz ungern, da kommt es ihr nicht so blöd vor. Aber wenn man als Unbeteiligte einen Mann dabei beobachten kann! Na, das ist schon urkomisch!«

»Als Unbeteiligte? Sie?«

»Aber freilich! Das Bissel Scharwenzeln bedeutet nichts. Ich fang' mir meinen Mann schon immer wieder ein! Und weil er im Grunde ein guter Kerl ist, drückt ihn dann das Gewissen, na, und dann ist er erst recht brav! Dann kann man ihn wirklich um den Finger wickeln!«

Jetzt spricht René Kleibl. Sein französischer Vorname ist das einzige Vermächtnis des belgischen Vaters, der mit elf anderen in den Ort gekommen war als Vorarbeiter, damals, als die Fabrik eröffnet worden war und es notwendig war, einheimische Arbeiter anzulernen. Die zwölf Fremden, die nie Deutsch und erst recht nicht die Mundart unserer Gegend erlernt haben, waren immer in einem Trupp beisammen, wenn sie im Gasthaus saßen, waren in eine lange Schwarmlinie aufgelöst, wenn sie am Trelchbach standen und angelten, und wurden zu Einzelwesen nur, wenn sie den Mädchen nachstellten. Als sie in ihre Heimat zurückgekehrt waren, hatten die Fische wieder bessere Zeiten und der Wirt schlechtere, und ein paar Mädchen mußten sich damit abfinden, daß die fremdartigen Geliebten ihnen keinen anderen Trost zurückgelassen hatten als schwarzhaarige Säuglinge. Aber da auch die einheimische Bevölkerung dunkelhaarig ist, fielen die heranwachsenden Kinder nicht besonders auf. Die Sprache, in der ihre Väter berauschende Liebesworte gestammelt hatten, bekamen sie nie zu hören, sie übten von früh an die Mundart der Mütter, rauften ganz nach Art der anderen Ortskinder, wuchsen mit diesen heran und wurden, sofern sie Jungen waren, nach der Schulentlassung Glasarbeiter in der Fabrik, in der voreinst ihre Väter an glühenden Wannen und mächtigen Schleiftischen gearbeitet hatten. Aber auch das war kein absonderlicher Lebenslauf, denn auch die Väter vieler anderer Arbeiter waren schon Glasarbeiter im selben Betrieb gewesen. Die anderen Abkömmlinge der Belgier hatten gebräuchliche deutsche Vornamen bekommen; René war der einzige, dem seine Mutter in einer sentimentalen Anwandlung den Namen des fernen Vaters gegeben hatte, einen geliebten, so oft zärtlich, leidenschaftlich, sehnsüchtig geflüsterten, gehauchten, zuletzt schmerzlich gestöhnten Namen. René ist der einzige Belgiersprosse, der überhaupt noch hie und da einmal flüchtig daran denkt, daß er eigentlich nicht ganz ein »Hiesiger« ist.

»Da hat man feste Arme – und kann nicht zuschlagen, weil man den Kerl, dem's gelten soll, nicht vor sich sieht. Da möcht' man losstürmen – und weiß nicht, gegen wen. Da hat man die Organisation – und kann auch mit der Organisation nichts machen. Leutln, was soll man tun?«

René sagte auch nichts Neues. Wer könnte sagen, was nicht schon jeder weiß? Die Betriebseigentümer, die Aktionäre, sitzen in Brüssel und Antwerpen. Was kann man gegen sie tun? Und die Direktion? Die führt die Befehle ihrer Auftraggeber aus. Die Arbeiter stehen einem unangreifbaren Feinde gegenüber.

Streiken? Gegen Massenentlassungen streiken? Kaum aufgetaucht, ist der Gedanke schon wieder versunken. Die Arbeiter fühlen sich ohnmächtig.

Die Versammlung hat kein Ergebnis, das befriedigen könnte. Siebenundvierzig müssen aus dem Betriebe scheiden. Die oder die. Und jeder weiß: arbeitslos – das ist etwas ganz, ganz anderes als in früheren Zeiten! Früher einmal, ei, da waren tüchtige Glasarbeiter gesucht. Und gab es in der Heimat keine Arbeit, dann in der Fremde. In Belgien vielleicht oder in England, in Steiermark oder in Rumänien oder in Mexiko oder Argentinien. Jetzt war die Welt des Arbeiters enger geworden und noch enger sein Arbeitsplatz. Wer einmal von ihm fortgestoßen war, kam nicht so leicht wieder hinzu …

Siebenundvierzig müssen aus dem Betriebe scheiden. Die Versammlung hat schließlich doch dem Vorschlag des Betriebsausschusses zugestimmt, daß zuerst ledige Arbeiter, dann Verheiratete ohne Kinder, schließlich Verheiratete mit nur einem Kinde vorgeschlagen werden sollen. Zuerst gab es noch mancherlei Gemurre, aber da schrie ein Mitglied des Betriebsausschusses, ein junger Mann, in den Saal:

»Kollegen, der Betriebsausschuß denkt nicht an sich selber! Ich gehör' mit zu denen, die gehen müssen – ich hab keine Kinder!«

Das Wort des jungen Mannes wirkte. Stille der Bestürzung und der Beschämung erfaßte die Versammlung. Nein, der Kernbichler hätte nicht gehen müssen! Der hätte nicht mit drankommen müssen! Die Mitglieder des Betriebsausschusses sind gegen Entlassungen einigermaßen geschützt. Der Kernbichler brachte sich selber zum Opfer, wie der Hermann. Und als ihnen das zum Bewußtsein kam, schämten sich viele, die den Betriebsausschuß beneidet hatten, weil er in etwas gesicherterer Stellung war als sie. War den armen Menschen dieser Neid so sehr zu verargen? Menschen, die wissen, daß Entlassung den Weg in jahrelanger Arbeitslosigkeit, in endlos steigende Not bedeutet? Muß nicht jeder, den das Schicksal auf diesen Weg stößt, den Glücklichen beneiden, der ihn nicht zu gehen braucht?

Die Stille wich der Brandung erregter Gespräche, als der Vorsteher die Versammlung schloß. Diskutierende Gruppen drängten ins Freie. Die Siebenundvierzig – ach, jeder, der zu ihnen gehören wird, konnte das leicht für sich selber feststellen! – lassen die Köpfe hängen. Ein paar Frauen weinen. Ihre Männer klopfen ihnen begütigend auf die Schultern. »No, no, Alte, mußt nicht gleich verzagen! Vielleicht wird alles nicht so schlimm, wie wir glauben!« Aber die Männer glauben selber nicht an den Trost, den sie spenden wollen. Sie möchten am liebsten selber mit weinen …

Langsam leert sich der Saal. Frau Aicher hängt sich, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt, zärtlich-anschmiegsam an den Arm ihres Mannes. Ja, der muß ja nun wohl mit ihr heimgehen.

*

In meiner lieben kleinen Stube, lieb, weil ich sie mir schön gemacht habe durch das Hinauswerfen der Photographien und Oeldrucke, die an den Wänden gehangen, und durch Aufstapelung meiner Bücherschätze, – in meiner lieben kleinen Stube sitzt der Erlacher. Er will sich, das merke ich bald, die Angst von der Seele reden. Die Angst, die seit der Entlassung der Siebenundvierzig jeden Arbeiter gepackt hat.

Schwerfällig, bedrückt sitzt er mir gegenüber. Ein ganz anderer Erlacher als der übermütige Mann, mit dem ich damals geplaudert, als Stolz auf sein vollendetes Häuschen und Vorfreude auf das Kind ihn mit Freude erfüllt hatten. Mit vorgeneigtem Kopf sitzt er da, die schweren Hände auf den Knien.

Glasarbeiterhände. Groß, massig, rotbraun. Narbenbedeckt. Schwielenhart sind die Handteller, rissig die Nägel. Wie unschön sind diese Hände, wenn sie untätig sind! So unbeholfen liegen sie da, als wüßten sie es. Aber wenn sie zupacken! Wenn sie schaffen! Gesegnete Arbeitshände! Ihren Sinn verlieren sie, wenn sie gezwungen werden, zu ruhen, wenn sie nicht mehr zugreifen dürfen. Ich habe mich nicht selten meiner weichen Hände geschämt, wenn ich mit Glasarbeitern an einem Tische saß und ihre harten, arbeitsgerauhten Hände sah. Dann habe ich meine in die Taschen gesteckt oder unter dem Tisch verborgen …

»… und wenn das Kind kommt! Und wenn ich doch auch entlassen werde! Mein Häusl! Ich könnt' doch die Hypothek nicht mehr abtragen. Dann verlier ich vielleicht mein Häusl. Und mein Bub – mein Bub hat dann erst kein eigenes Dach über dem Kopf! Und ich hab mich doch nur für das Kind geplagt. Mein Bub sollt' es besser haben als ich …«

Noch ist es nicht so schwer, dem Erlacher die Sorgen wegzutrösten. Zunächst sei er doch nicht dabei, bei den Siebenundvierzig. Die Betriebsleitung selber habe Wert darauf gelegt, ihn zu behalten, weil er ein besonders tüchtiger Arbeiter sei, ein Spezialarbeiter. Da müßt' schon alles schief gehen, da müßt' schon der Betrieb überhaupt stillgelegt werden, wenn auch er entlassen werden sollte. Na, da brauche er doch keine Sorgen zu haben! Und er solle seiner Frau den Kopf nicht schwer machen. Die soll sich richtig auf das Kind freuen können.

»Recht hast, Rieger! Recht hast! Ein dummer Kerl bin ich, daß ich mir solche Sorgen mach! Aber weißt, Rieger, seit ich das Häusl hab, werd' ich die Angst nie los, daß ich's wieder verlieren könnt'. Und wenn man sich soviel Jahr' darnach gesehnt hat, seit meiner Bubenzeit schon, und wenn man so hart dafür gearbeitet und gespart hat!«

Erleichterten Herzens ging der Erlacher fort. Er drückte mir beim Abschied die Hand so herzlich-heftig, als hätte ich ihm ein ungewöhnlich wertvolles Geschenk gemacht.

»Du hast ihm das Beste gegeben, was man jetzt einem solchen Menschen geben kann,« sagte Hermann, der während meines Gesprächs mit Erlacher schweigend in meinen Büchern geblättert hatte. »Du hast ihm Trost gegeben. Wer weiß, wie lang man noch trösten kann? Die Entlassung der Siebenundvierzig – das war doch erst ein Anfang!«

Hermann begann erregt im Stübchen herumzuwandern. Und während seines unermüdlichen Wanderns erzählte er. Manchmal blieb er ein paar Minuten vor dem Bücherschrank stehen, schaute wie gedankenverloren auf irgend einen Buchrücken, las den Titel, wohl ohne zu wissen, was er las, nahm dann seine Wanderung wieder auf.

»Wir waren gegen neunhundert Arbeiter. Die Siebenundvierzig, die hinausgeflogen sind, waren der erste Schub. Man will nur nicht auf einmal alle Ueberflüssigen hinauswerfen. Die Erregung wäre zu groß. Wenn man nach und nach immer wieder Leute entläßt, gewöhnt sich, meint die Direktion, die Oeffentlichkeit daran. Und auch die Arbeiter sollen sich daran gewöhnen. Schließlich findet es der Arbeiter für selbstverständlich, daß er entlassen wird, wenn viele andere mit ihm entlassen werden, viele vor ihm entlassen wurden … Meiner Meinung nach, so weit ich das übersehen kann, werden noch zweihundertfünfzig Leute entlassen werden. Mindestens! – Zuerst, bei der Elektrifizierung, haben sich die Leute damit getröstet, daß nur die Maschinisten und Heizer überflüssig werden. Aber ich will dir einmal erzählen, wie jetzt gearbeitet wird! Früher haben ihrer zwölf oder vierzehn Leute zugreifen müssen beim Transport einer großen Glastafel, weißt, einer von denen, die fünf Meter lang und vier Meter hoch sind. Jetzt – jetzt führt ein Luftdruckkrahn die mächtige Tafel sicherer und – viel schneller als früher! Ach ja, das war eine Heidenschinderei früher, das Tragen der großen Tafeln, und die Arbeiter haben herzhaft geflucht dabei. Jetzt sind nur noch drei Leute notwendig, um den Transport zu begleiten, und die haben es viel, viel leichter. Aber was haben die zehne, die früher geflucht haben, von der Erleichterung der Arbeit, wenn sie nicht arbeiten dürfen? Unsere neue Gußmaschine – ich sag noch immer »unsere« und hab doch gar nichts mehr damit zu tun! – ja, die erzeugt zugleich zwei Glastafeln, von denen jede achtundzwanzig Quadratmeter hat. Früher konnte man nur eine machen. Früher hat man an einem Schleiftisch zwei Stunden gearbeitet, jetzt braucht man zur selben Arbeit nur noch eine Stunde. Das Polieren hat früher drei Stunden gedauert, jetzt dauert es nur noch anderthalb. Alles ist verbessert worden, lieber Freund, alles! Ach, was haben sich da Menschengehirne angestrengt, um Arbeiterhände überflüssig zu machen! Ueberall greift eine Maschine zu, ersetzt eine Maschine das Denken und das Tun der Arbeiter. Weißt du, wenn man so durch die Fabrik geht und die Maschinen arbeiten sieht, ruhig, sicher – da packt einen schon die Freude! Unsere Fabrik ist sicher die modernste im Land, und wahrscheinlich eine der besten unter allen Glasfabriken der Welt! Aber man darf natürlich nicht an die Arbeiter denken, wenn man sich über die Vollkommenheit der Fabrik freuen will!«

Lächelnd wandte sich Hermann zu mir:

»Man könnt' sich wirklich über die Rationalisierung freuen, wenn sie nicht etwas so durch und durch Vernunftloses wäre!«

Ganz unvermittelt griff er nach einem Buch.

»Grashalme! Ach, das ist eine schöne Ausgabe! Der feine Druck! Und das Papier! Ich hab' nur die Reclam-Ausgabe, weißt du, die Uebersetzung von Johannes Schlaf. Aber ich hab' das Büchlein gern. Es ist ein sehr hübscher Lederband …«

Wie Hermanns Hände, harte rauhe Glasarbeiterhände, zart werden, wenn sie Bücher anfassen!

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