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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
projectidf6501fa3
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III.

Auf der Landstraße, die, von der Grenze kommend, über Stangern zu unserem Orte führt und über ihn hinaus, glitt eine Radfahrerin dahin. Sie freute sich des singenden Morgens, der Sonne, die Goldgarben über die Welt ausstreute, und sie freute sich ihrer Jugend und ihrer Frische. Jung und gesund! Und die Welt so schön! So schön im Vorübergleiten! Man fühlt sie sich eigen, sich ihr zugehörend. Fliegt sie einem nicht entgegen, die liebe schöne Welt, wenn man auf dem Rade dahinsaust, in ihre Weite hineingleitet?

Morgensonnenglanz liegt auf dem Holmteich, unzählige goldene Pünktchen und Fleckchen tanzen auf dem leise bewegten Wasser. Bedächtig nicken die Weiden. Und weit und breit kein Mensch auf der Straße! Es ist ja noch so früher Morgen! Das Mädchen gleitet vom Rade, springt ungeduldig und sehnsüchtig, die Maschine mitzerrend, ins Gebüsch, verbirgt das Rad, streift die Kleider ab – sie ist zu ungeduldig, die Kleider sorgfältig zu verstecken, sie will ja nicht lange verweilen, darf es nicht. Die Kleider bleiben liegen, wo sie niedersanken, und aufjauchzend stürzt sich das Mädchen ins Wasser. Prusten, Plätschern, Lachen. Sie richtet sich auf, fast bis zum Halse steht sie im Wasser. Ueber die weite schimmernde, sonneübertanzte Fläche gleitet ihr Blick. Einen jauchzenden Schrei schickt sie über den Teich. Hei, wie frisch das Wasser ist! Wie das prickelt! Just so ist es schön, just so, wenn man tausend zarte feine Nadelspitzen zu fühlen glaubt! Ah, jetzt tiefer hinein in die aufrauschenden, verlangend und nachgiebig sie umfangenden Fluten, weiter, weiter hinaus! Es ist als wäre sie allein in der Welt, und köstlich ist ihr diese Einsamkeit in Wasser und Sonne …

Aber sie ist nicht allein. Auf der Straße war ein Stromer herangewandert, ein Kerl mit sonneverbrannter Nase, tabakkauend und spuckend, ein wenig fröstelnd, weil der Morgen ja doch noch frisch war, aber keineswegs unzufrieden. Straße unter den Füßen! Das ist's, das braucht man, wenn man erst einmal daran gewöhnt ist, sich täglich ein Stückchen Sohle abzulaufen, ins Weite hineinzuwandern. Eine gute, solide, feste Landstraße! Ein bißchen früh ist er heute auf den Beinen, ja, aber langsam wird es schon wärmer, auch das Wandern macht warm, und im nächsten Orte gibt es sicher einen Schnaps oder einen Kaffee. Kaffee wäre ihm lieber. Der wärmt nachhaltiger.

Ein Schrei weckt ihn aus seinen Gedanken, aus den zärtlichen Gedanken, die dem erhofften Kaffee gelten. Es ist der Jubelschrei der Badenden. Der Vagant dringt ins Gebüsch. Von dort drüben her, vom Wasser kam der Schrei, der eigentlich gar nicht wie ein Hilferuf geklungen. Er sieht draußen das schwimmende Mädchen, sieht Kopf und Schultern sich aus dem Wasser heben, sinken, sich heben, schüttelt den Kopf über solche Verrücktheit, in dem gewiß saukalten Wasser herumzuplätschern, und sieht die Kleider. Im Nu ist der Plan zu einem köstlichen Scherz gefaßt, er rafft die Kleider auf, kriecht mit ihnen aus dem Gebüsch zurück an den Saum der Straße. Was die dumme Gans sagen wird, wenn sie aus dem Wasser steigt und ihre Kleider nicht findet? Weinen wird sie, heulen, das weiß man schon! Und dann kann man sie tüchtig auslachen – und vielleicht ist sie auch ein fescher Kerl. Wahrscheinlich, denn eine alte Ziege badet nicht nackt im Freien. Hi, das wär' was für die Augen, fürs Gemüt! Aber die Kleider, hm, besser, man nimmt sie mit und verkauft sie. Ein unverhoffter Nebenverdienst. Und in diesen harten Zeiten muß man jede Kleinigkeit mitnehmen.

Der Stromer rollt die Kleider zu einem Bündel zusammen und nimmt seine Wanderung wieder auf. Etwas beschleunigter ist sein Schritt. Seine Stimmung ist wesentlich besser, um seine Lippen zuckt ein vergnügliches Lächeln, auf seinem stoppeligen Gesicht liegt der Glanz reiner Freude.

War es so? War der Dieb ein alter vielerfahrener Tippelbruder? Oder ein junger Vagant? Niemand hat ihn gesehen auf seinem Wanderweg neben dem Holmteich, niemand ihn beobachtet während der kurzen ertragreichen Rast. Das Mädchen hat ihn nicht gesehen und ihn später doch oft geschildert: so, wie ihn die Phantasie sich vorstellte, und der Erzählenden wandelte sich wiederholt sein Bild. Aus einem alten, versoffenen, griesgrämigen Walzbruder wurde ein junger Tippler, denn es war angenehmer, sich in der Erinnerung von einem jungen Mann beobachtet zu wähnen, und aus dem jungen wurde wieder ein alter, verkommener Kerl, weil es kränkend war, von einem Jüngling nicht bewundert, sondern bestohlen zu werden …

Jetzt freilich, als das Mädchen triefend, frierend dem Wasser entstiegen war und nach den Kleidern langen wollte, galt kein Gedanke dem Alter und dem Aussehen des Diebes. Verlegenheit, Scham, Angst bemächtigten sich der Bestürzten. Was sollte sie tun? Zorn gegen den Dieb quoll auf. Dem Kerl möcht ich die Augen auskratzen! Die Augen – o, wieviele Augen werden mich jetzt sehen! Ich kann doch nicht den ganzen Tag hier in den Sträuchern hocken! Ich muß doch zur Arbeit! So wie ich bin? Eigentlich ist das ungemein komisch! Und plötzlich begann sie zu lachen, laut und herzlich, und sie kroch nicht in sich zusammen, sie hob die Arme, streckte den feuchten Körper der Sonne entgegen, drehte und wendete sich, half durch kräftiges Reiben der Sonne beim Auftrocknen der letzten Wassertropfen nach, und als sie sich erwärmt genug fühlte, holte sie ihr Rad aus dem Versteck.

Das wäre ein Motiv für einen Maler, dachte sie, als sie neben dem Rade stand. »Mädchen mit Rad.« Ich hab' einmal das Bild einer nackten Frau gesehen, die auf einer Wiese saß und ihren mächtigen Federhut zurecht rückte. »Frau mit Hut«, hieß das Bild. Wieder mußte sie lachen. Aber gleich darauf wurde sie wieder ernst und jetzt griff neuerlich die Angst nach ihr. Das Mädchen mit dem Hut hat nur der Maler gesehen – und er hat sie vielleicht nur in seiner Phantasie gesehen. Aber mich würden – ach, wie viele würden mich sehen! Die Straße ist nicht mehr leer, und im Dorf – die Männer, die in die Fabrik gehen, und die Frauen, die vom Kaufmann zurückkommen, und die Schulkinder – nein, nein, ich kann nicht so ins Dorf fahren! Hundert und hundert Augen – und alle starren nach mir! – Schon glaubte sie diese Blicke zu fühlen, und war doch geborgen im Schutz des Ufergesträuchs. Scham brannte in ihr, nun, da ihr ihre Nacktheit als etwas Ungeheuerliches erschien. Verängstigt schmiegte sie sich an den Boden, ins Gras. Was soll ich tun, was soll ich tun? Ich muß doch zur Arbeit und kann nicht fort von hier! Tränen überrieselten die Wangen, in ohnmächtiger Wut ballten sich die Fäuste …

Von der Straße drang Stimmengewirr zu ihr. Ja, jetzt wanderten die Arbeiter aus Stangern zur Fabrik. Wenn es einem von ihnen einfiele, an den Teich zu kommen! Nein, das tun sie nicht, jetzt haben sie keine Zeit, – vor denen brauche ich mich nicht zu fürchten. Aber vielleicht können sie mir helfen! In jähem Entschluß richtete sie sich ein wenig auf, so weit, daß sie ein Stückchen der Straße überschauen konnte. Eine kleine Arbeitergruppe schlenderte langsam näher.

»Pst! Hallo!«

Die Arbeiter blieben stehen, schauten neugierig umher. Wieder hörten sie das leise eindringliche Rufen: »Pst! Hallo!«

»In den Sträuchern steckt jemand! – Aus dem Wasser hat's gerufen!«

Die Männer schickten sich an, ins Gebüsch einzudringen.

»Halt! Nur einer soll näher kommen!«

Kopfschüttelnd blieben die anderen stehen, während ein junger Mann langsamen Schrittes den Sträuchern zuging. Schlimmes konnte es nicht sein, nach einem Hilferuf hatte das nicht geklungen vorhin, – aber da guckte ja schon ein Gesicht aus dem Gezweig, ein Mädchengesicht, und unter dem Gesicht, na, wenn man auch nicht deutlich sehen konnte – aber das war doch –

»Drehen Sie den Kopf zur Seite! So – und jetzt hören Sie: ich hab hier im Gebüsch gebadet und man hat mir die Kleider gestohlen. Ein Glück, daß der Dieb nicht auch mein Rad gesehen hat! Also hören Sie: Sie müssen mir helfen! Irgend ein Kleidungsstück! Ich bin Lore Haufner – Sie kennen mich ja. Besorgen Sie etwas zum Anziehen und legen Sie es hierher, ganz nahe an den Busch. Wenn ich mich auf den Bauch lege und den Arm ausstrecke, kann ich es zu mir zerren.«

Der Arbeiter hatte gehorsam den Kopf zur Seite gewandt. Mühsam nur zwang er die Lachlust nieder. So sehr er begriff, wie schlimm der Verborgenen zu Mute sein mußte – ihre tränenverschleierte Stimme verriet es deutlich genug – komisch kam ihm das doch vor, daß ein nacktes Mädchen im Gesträuch kauerte. Aber er wußte auch, daß man helfen mußte. Nur das wußte er im Augenblick noch nicht, wie das geschehen konnte.

»Leicht gesagt, etwas zum Anziehen beschaffen! Woher denn? Bis wir ins Dorf kommen und irgend ein Frauenzimmer auftreiben – na, und die kommt doch dann nicht allein, da rennt ein ganzes Rudel mit! Aber halt! Ich hab's! Sie haben ja ein Rad – wenn Sie nur irgend was auf den Körper kriegen, dann können sie ins Dorf sausen … Einen Augenblick!«

Der Mann sprang zurück auf die Straße, beriet sich mit seinen Kameraden, die drängten sich zu einem Knäuel zusammen, in dem es eine Weile ein lustiges Gewirre gab, das von Kichern und Lachen begleitet war, – und als der Haufen sich wieder löste, kam ein schmunzelnder Mann daraus hervor, der ein Bündel trug, – es war der Sprecher von vorhin, der schon wußte, wie er sich zu benehmen hatte. Er schritt gesenkten Kopfes zum Busch, hinter dem das Mädchen kauerte, legte dicht davor das Päcklein nieder und flüsterte, ohne den Blick zu heben, in das Versteck:

»Da haben Sie eine Hose und einen Rock! Muß halt einer in Unterhosen in die Fabrik gehen. Das ist nicht so arg, wir nehmen ihn in die Mitte und da sieht es niemand. Und kalt ist's ja nicht. Geben Sie das Zeug beim Polizeier ab, der soll es dann in die Fabrik schaffen. Und Sie werden schon ausnahmsweis' einmal in Hosen radeln können!«

Lachend lief er zu seinen Kameraden zurück. Die machten jetzt große Schritte, es war doch viel Zeit verloren worden und zu spät durfte man nicht kommen. Aber lustig war jetzt der Weg zur Arbeit geworden! Da gab's zu lachen und zu witzeln! Aber freilich, es gab auch Entrüstung über den Dieb, ehrliche Empörung. Den Scherz hätte man verstanden: die Badende ein wenig erschrecken, sich an ihrer Verlegenheit ergötzen, na, und natürlich auch sich an ihrem Anblick erfreuen. Aber die Kleider stehlen! Das war schon eine richtige Lumperei. Das war auch keiner aus der Fabrik, der das getan hatte. Ein Zigeuner vielleicht oder ein Landstreicher …

Plötzlich sauste an den Arbeitern die Radfahrerin vorüber, den Kopf tief niedergebeugt auf die Lenkstange, – raste die Straße dahin, so rasch, daß nur einen Augenblick lang das Absonderliche zu erfassen war, die weite Jacke, die nackten Füße auf den Pedalen, – und jetzt verstummten die Männer, jetzt überwog Mitleid mit der Bestohlenen und durch den Diebstahl in solche Peinlichkeit Geratenen das Belustigende, verdrängte es, zunächst wenigstens, auch die lüsternen Vorstellungen.

Das Mädchen raste in den Ort, stürmte die Ortsstraße entlang, zum Gemeindeamt, sprang ab, ließ das Rad an die Wand sinken, stürzte ins Haus, in die Wohnung des Polizisten und warf sich weinend der Frau des Ortswächters in die Arme, an die Brust …

Als Lore Haufner, mit beträchtlicher Verspätung, in die Kanzlei kam, wußte bereits die ganze Fabrik von ihrem Abenteuer. Mittags kannte es der ganze Ort.

*

Der Klatsch begleitete nun Lore auf allen Wegen, lief ihr voraus und folgte ihr. Kein besonders bösartiger Klatsch. Man wußte ja, daß ihr die Kleider gestohlen worden waren, und das hätte anderen auch geschehen können. Sie war ja nicht die erste, die im Holmteich gebadet hatte! Ja, aber die anderen waren in Schwimmkleidern ins Wasser gestiegen! Nackt baden – das war einfach nicht in Ordnung, das gehörte sich nicht, das tat man nicht … Es gab Frauen, die sehr bedenklich die Köpfe schüttelten und vielsagend die Schultern hoben …

Der Klatsch war also nicht ganz harmlos, – harmlos waren ja auch nicht die Gedanken der Leute. Lüsternheit der Männer umkroch das Mädchen, und wagte auch keiner, wenn er mit Lore zu sprechen hatte, eine unangenehme Bemerkung, eines der mehrdeutigen Wörter, die so eindeutig sind – ihr Verhalten war doch ein klein wenig anders geworden. Kamen Arbeiter in die Kanzlei, so waren ihre Blicke anders als früher. So, als sagten sie: Wir wissen! Eine unsichtbare Schranke schien gefallen zu sein.

In den Frauen war, glaube ich, das Gefühl der Abneigung stark geworden. Sie ahnten wohl die verlangenden Gedanken der Männer und mochten das Weib nicht, das sie erweckt hatte. Sie mochten Lore auch schon deshalb nicht, weil sie jetzt Mittelpunkt der Aufmerksamkeit war. Und dann: der Begriff der Nacktheit ist für sie mit dem der Unanständigkeit verbunden. Denn die proletarischen Frauen, das habe ich längst staunend festgestellt, haben eine engere und strengere Moral als die Frauen des Bürgertums. Eine konservative Moral. Man kann nicht behaupten, daß ein Mädchen geächtet wird, wenn es ein Kind zur Welt bringt, ohne verheiratet zu sein. Und wenn ein Bursch und ein Mädchen zusammenziehen, »ihren Kram zusammenlegen«, so gelten sie ohne weiteres als Mann und Frau. Aber: sind sie einmal Mann und Frau, dann haben sie es auch zu bleiben! Nicht leicht nehmen die Arbeiterfrauen zur Kenntnis, daß man sich bei der Eheschließung geirrt hat, daß man in einer späteren neuen Liebe, vielleicht in der ersten wirklichen Liebe, das Glück findet. Dem Manne, der einer solchen neuen Liebe wegen die Ehe löst, die Frau verläßt, folgen Haß und Verachtung fast aller Frauen. Er hat bei seiner Frau zu bleiben, weil sie seine Frau ist! Vielleicht leitet die Frauen der Instinkt der wirtschaftlich Schwächeren, Ungeschützten, deren Daseinsgrundlage erschüttert wird, wenn die Ehe ins Wanken gerät … Und daß das Nackte unanständig ist, in der Darstellung und im Leben, ist uralte Ueberlieferung, ist noch unerschütterter Bestandteil ihrer Sittlichkeitsvorstellungen, und wenn Lore auch nichts dafür konnte, daß ihr die Kleider gestohlen worden waren, so hatte sie doch schon gegen die Moral verstoßen durch das Nacktbaden.

Lore machte sich wahrscheinlich nicht viel aus dem sie umkreisenden Klatsch, ließ jedenfalls nicht merken, daß sie von ihm wußte.

Auch zu mir schlugen die Wellen dieses Klatsches. Auch mir wurde breit, mit großem Vergnügen an der Ausführlichkeit der Darstellung, das Abenteuer der Badenden erzählt. Oft mußte ich nun an sie denken. Ich sah ein verängstigtes, scheues, bebend an den Boden sich schmiegendes Mädchen. Aber ich sah auch, was vorher gewesen. Es war ein strahlend schönes Bild. Ein triumphierendes, seiner Schönheit sich bewußtes, stolz in den Mantel der Nacktheit gehülltes Weib.

Ich habe Lore schon früher gekannt. So wie man jeden Fabriksangestellten kennt. Ich hatte sie vor jenem Vorfall schon hie und da gesehen, und ich sah sie nachher wieder. Wenn ich im Auftrage der Gemeinde in der Fabrikskanzlei zu tun hatte oder wenn sie abends langsam die Hauptstraße entlang fuhr, nach Stangern, wo sie daheim ist.

*

Am Abend auf einem Hügel zu ruhen!

Weit, weit außerhalb des Ortes, in der Richtung nach Stangern, aber seitlich der Straße, steigt sanft ein Hügel auf, von dem aus man tief ins Land schauen kann.

Dunkle Wälder, blauende Berge im Westen und Südwesten. Rings um mich breite Felder. Da und dort steigt, undeutlich nur sichtbar, ein aus der Ferne fast zart erscheinendes Gerüst auf. Dort sind kleine Kohlenschächte. Die Fördertürme sind es, die so seltsam fremd, trotz aller Gewöhnung des Blickes und des Denkens noch immer fremd, aus der Landschaft aufragen.

Manchmal keucht drüben, im Osten, ein Lastzug dahin. Lange kann ich seinem Weg folgen. Langsam fährt der Zug in die Dämmerung hinein. Trägt er unser Glas in die Ferne? In die ungekannten bunten Länder?

Früher trugen die Züge mehr, viel mehr Glas aus den Magazinen unserer Fabrik hinaus in die Welt. Gerüchte von Absatzstockungen wandern durch den Ort, von Stube zu Stube.

Die Fabrik hat auch die Landschaft verwandelt. Dort, neben dem Ort, der große langgestreckte Schlackenberg! Er wird noch sein, wenn die Fabrik längst nicht mehr besteht. Vielleicht muß in viel späterer Zeit einmal ein Gemeindechronist sich mit dem Rätsel der Entstehung dieses seltsamen Berges plagen …

Und dort rechts glitzert das Wasser des Holmteichs!

Ich habe einen ärgerlichen Auftritt mit ein paar Arbeitern gehabt, und mit einem Fabriksbeamten. Hauptsächlich mit ihm. Er war in der Gemeindekanzlei. Gleichgültig, was der Beamte dort zu tun hatte. Ein Arbeiter fragte ihn, was das schöne Fräulein mache, das kürzlich in Männerhosen spazieren gefahren sei. Da ließ der Beamte ein so meckerndes Lachen los, daß mich die Wut packte. Ich konnte ihn nicht seines Lachen wegen zurechtweisen, aber ich konnte dem Arbeiter ein paar Worte sagen.

»Ein Gentleman,« meinte ich, »hätte über diese Angelegenheit überhaupt nicht gesprochen!« Jetzt aber sei doch schon geschwätzt genug, jetzt solle man endlich das Geschehene geschehen sein lassen und nicht weiter am Rufe einer Dame herumzerren.

Der Arbeiter wollte wissen, was das eigentlich sei, ein Gentleman, und der Beamte fand es äußerst belustigend, daß ich es dem Mann zu erklären versuchte und ihm sagte, daß jeder ein Gentleman sein könne und daß ein Gentleman vor allem den Frauen immer und allerorts Hochachtung entgegenbringe. Der Arbeiter hatte schon begriffen, was ich meinte, aber der Kerl aus der Fabrikskanzlei meckerte wieder und meinte, das müsse er doch dem Fräulein Lore sagen, daß sich der Gemeindesekretär als ihr Ritter entpuppt habe.

Mag er es sagen! Meinetwegen kann auch die Lore über mich lachen!

Nein, es wäre mir nicht gleichgültig, wenn sie über mich lachte!

Ich könnte ihr doch nie erklären, daß ich über ihr Abenteuer anders denke als alle die Klatscher und Tratscher. Ich könnte ihr doch nie begreiflich machen, daß … Ich kann doch nicht nicht in die Kanzlei gehen und sagen: Fräulein Lore Haufner, glauben Sie, bitte, nicht, daß auch ich … Daß ich was? Ich denke doch auch an die nackte Frau! Wenn auch meine Gedanken von Ehrfurcht und Bewunderung getragen sind …

Wie schwer ist es, seine Gedanken zu ordnen! Ich möchte wissen, ob auch andere Menschen so sprunghaft denken oder in logischen Reihen? Mir geschieht es immer wieder, daß ich mich dabei ertappe, wie meine Gedanken mir entfliehen, wie sie herumtollen, plötzlich mit ganz anderen Dingen herumspielen als den Fragen, die ich klären wollte …

Gerne wandere ich am Abend allein hinaus. Wenn es ringsum still wird, ist das Denken leichter. Aber wenn auch das Denken still wird, wenn das Fühlen stärker wird als das Denken, dann ist es am schönsten!

Schon im vorigen Jahre habe ich »meinen« Hügel entdeckt. Aber erst in diesen Tagen habe ich entdeckt, daß es sich hier so wunderschön nicht denken läßt!

Am späten Abend auf diesem Hügel ruhen!

Wenn die Sonne schon untergegangen und die Luft still und rein ist!

Die Blicke aussenden können zum Firmament empor, in die unermeßliche Weite!

Mit suchenden, sehnenden Augen in das Ewige schauen, weit über die kleinen Wolken hinweg und über die ersten Sterne, die am Horizont aufleuchten!

Hoch oben sehe ich zwei große Vögel nach Westen ziehen, dem flammenden Rot der versunkenen Sonne nach – –

Und hier liege ich auf duftigem Rasen, zwischen Heideblumen, in beglückender Einsamkeit, und schließe erschauernd die Augen und tiefe Ruhe breitet sich über meine Seele …

*

Auf diesem Hügel …

Ich war von weiter Morgenfahrt zurückgekommen. Immer schon habe ich das Radfahren geliebt. Aber nie bin ich so oft und so gern wie jetzt auf dem Rade in die Welt geglitten.

Ich habe es nicht gewußt oder nicht wissen wollen, warum ich in den letzten Wochen so gerne mit dem Rad auf der Landstraße dahinsauste. Ich habe immer schon gerne die Landschaft auf solche Art erlebt. Aber jetzt trieb mich seltsame Unrast hinaus.

Schon war der Morgen in den Tag übergegangen. Ich war schon etwas müde geworden. Aber dort drüben lag »mein« Hügel, willkommener geliebter Ruheplatz! Ich stieg, nachdem ich das Rad am Fuße hingebettet, langsam hinan und warf mich, noch ehe ich die Höhe erreicht, faul in das hohe Gras. Ah, das Liegen im Gras! Das Hinaufträumen in den blauen Himmel! Das genießerische Strecken der Glieder! Das versunkene Lauschen auf die bunten Geräusche im Grase! Gezirpe, Gesumm und Gebrumm, und du hörst die Käfer kriechen und du hörst die kleinen Heuschrecken springen! Die Stille ist noch immer da, jene ersehnte Stille ohne Maschinengestampfe und Sirenengekreisch und Menschengeschrei. Aber die Stille ist lebendig geworden, und was du rings um dich hörst, das gehört mit zu ihr. Fast glaube ich, daß absolute Stille, ohne einen Hauch des Lebens, unerträglich wäre …

Ein leises Lachen reißt mich empor – ich schaue in ein Paar lustige Augen. In die Augen Lores! In ihr fröhliches Sonntagsgesicht, das sich mir zugeneigt hat.

»Ich liege schon seit einer guten Stunde da drüben, auf der anderen Seite, in einer kleinen Mulde, in die ich mich wunderschön hineingekuschelt habe. Ich lag und dachte, was man so denkt, wenn der Himmel blau ist und die Sonne lacht und die Grillen zirpen, nämlich nichts, – da stört mich ein Geräusch, weckt mich aus meiner Beschaulichkeit, na, und da mußte ich doch nachschauen, wer der Störenfried war – und siehe, es ist mein Ritter!«

»Hat der Kerl wirklich geklatscht!«

Ich war verärgert über den Schwätzer, erbittert. Nun würde sie plötzlich lachen über mich.

»Ja, er hat geklatscht. Und wie er erzählt hat, das war häßlich. Aber was er erzählt hat, war es nicht! Ich danke Ihnen!«

Nun war ich erst recht verlegen, wußte nicht, was ich sagen sollte, schüttelte nur abwehrend den Kopf.

Ja, und da lag ich nun, das schöne Gesicht so ganz nahe vor mir, und schaute – schaute in Augen, die sich nicht verschüchtert senkten, die weiter lachten …

Wir lagen einander gegenüber, jedes auf dem Bauche, auf die Ellbogen aufgestützt, die Gesichter einander nahe. Und so plauderten wir. Ich weiß nicht mehr, was sie sprach, was sie sagte. Es war wohl ein Geplauder, von dem der Verstand nichts wußte. Die Worte, die wir wechselten, waren Belanglosigkeiten. Wenn ich nur die liebe Stimme hörte! Aber ich hörte zugleich auch den Schlag meines Herzens. Und hörte fernher Vogelruf. Und hörte das schrille Zirpen der Grillen. Ueberwach, überempfindlich waren alle meine Sinne. Hörte ich nicht auch den Schlag ihres Herzens? Nein, ich fühlte das Kreisen des Blutes in ihrem Körper, nun, da ich, ohne Ueberlegung, nach ihren Händen gegriffen hatte! Und immer, immer blieb mein Blick an ihrem Gesicht haften. Und plötzlich umschlossen meine Hände ihre Wangen. Sie wehrte nicht ab. Aber das Gesicht, das eben noch so lustig war, wurde ernst und ihre Lippen, halbgeöffnet, als wollten sie ein Wort formen, zuckten. Ich küßte sie, und Lore ließ so hingebungsvoll sich küssen, als wäre es unentrinnbares Schicksalsgebot, daß unsere Lippen sich vereinten.

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