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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
projectidf6501fa3
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II.

Spricht man von unserem Dorfe, so meint man die Fabrik. Nur Anhängsel der Fabrik ist der Ort mit seinen fast dreihundert Häusern und den sechzehnhundert Menschen, die in ihnen leben. Und diese sechzehnhundert Menschen leben von der Fabrik, der ganze Ort lebt von ihr. Alle Männer, mit Ausnahme etlicher Handwerksgesellen, gehen in die Fabrik zur Arbeit, auch einige Frauen. Wer nicht mehr gehen kann, wer schon zu alt ist, zählt kaum noch mit. Wir haben nicht viele, die so alt sind. Die Glasmacher sind kein langlebiges Volk.

Auch die paar Geschäftsleute und Handwerker leben von der Fabrik, denn ihre Kunden sind die Arbeiter und Beamten der Fabrik. Und so ist's auch mit dem Dutzend Bauern, die wir noch im Orte haben, und mit vielen Bauern der umliegenden Dörfer und mit den paar Krämern und Handwerkern, die mit den Bauern zusammenwohnen. Denn mit ihnen wohnen auch Arbeiter, die in die Fabrik wandern.

Stürbe die Fabrik, so stürbe der Ort mit ihr. Und ein paar tausend Menschen …

Ich konnte lange nicht einschlafen in der Nacht nach diesem Gespräch mit dem Vorsteher. Ich hörte immer noch die schweren Sorgenworte Benders, sah sein gequältes Gesicht. Ich fühle das Nahen eines Verhängnisses und kann nichts tun, es abzuwenden …

Aber meine Gedanken kann ich in andere Bahnen lenken. Wie leicht ist das! Sie fliegen ja so oft ganz plötzlich, inmitten einer Unterredung etwa, während der Arbeit sogar, zu dir!

Daß man so erfüllt sein kann von einem anderen Menschen! So, daß oft für nichts anderes Raum ist im Fühlen und Denken! Daß das Zusammenfassung aller breit aus der Seele strömenden Gefühle, aller verworren schwebenden und taumelnden Gedanken ist: »Du! Du! Du!«

Wie ein Narr komme ich mir manchmal vor und bin doch glücklich in meiner Narrheit!

Ein solcher Narr darf sich auch selber ein Gedicht verzeihen:

Deine Liebe füllt mein ganzes Sein.
Jede Stunde, Liebste, denk ich dein.

Jede Wolke bringt mir einen Gruß,
Den ich zärtlich dir erwidern muß.

Jede Nacht scheint mir ein heller Stern.
Meine Grüße trägt er in die Fern.

Alles Tun, die Arbeit und die Pflicht,
Alles wird zum Preislied, zum Gedicht.

Deine Liebe füllt mein ganzes Sein.
Jede Stunde, Liebste, denk ich dein!

*

So närrisch bin ich doch nicht, Verse in das Gemeindegedenkbuch zu schreiben!

Ein Gemeindesekretär, der Gedichte schreibt?

Nein, ich bin kein Versemacher. Ich weiß schon, daß solche »Gedichte« so ziemlich jedem gelingen, der, ohne besonders aufzufallen, durch die Mittelschule ging. Auch wenn er dann nur Gemeindesekretär in einem Industrieort wurde. Nur ein Gemeindesekretär? Ich bin doch froh darüber, daß ich es wurde! Zuerst, ja, da schien es mir als ein großes Verzichten, in einem Fabriksort mich zu vergraben, in eine enge Gemeindekanzlei mich zu setzen, um dort hocken zu bleiben für immer! Aus einem solchen Käfig kann man nicht mehr entfliehen, – hat man erst einmal die Schwingen zusammengefaltet, um sich niederzulassen an dem kleinen, aber doch täglich neu gefüllten Futternäpfchen, dann vermag man sie gar bald nicht mehr zu breiten zum Flug in die Weite. Ja, damals, als ich mich um diese Stelle bewarb, tat ich es unter dem Zwange der Not. Aber als ich mich erst an den Ort und die Menschen gewöhnt und sie lieben gelernt hatte, die einfachen, geraden, vertrauenden Menschen, da blieb ich gerne und gewann auch meine Arbeit lieb, weil sie Arbeit mit diesen Menschen und für diese Menschen ist …

Die Führung der Gemeindechronik ist nicht Pflicht des Sekretärs. Aber als die Gemeindeleute es wünschten, der Vorsteher es vorschlug, übernahm ich gerne dieses Amt.

Die Geschichte der Gemeinde, das ist seit mehr als dreißig Jahren die Geschichte der Fabrik, die Geschichte unserer Glasindustrie. Als nach dem Kriege die Gemeinden den Auftrag bekamen, Gedenkbücher anzulegen, und alle für die Ortsgeschichte wichtigen Ereignisse niederzuschreiben, da fand man reichlich fließende Quellen erst seit dem Beginn des Jahrhunderts, seit der Gründung der Fabrik. Alles Frühere liegt im Dunkel.

Ich habe treulich niedergeschrieben, was ich erfahren konnte über die Umwandlung des Ortes aus einem Bauerndorf in eine Industriegemeinde, über die Erzeugung der mannigfachen Arten von Spiegelglas in unserer Fabrik und über den Export. Das wurde für mich zu einer Verbindung mit der Welt. Wenn ich vermerkte, daß unser Glas nach New York und San Francisko und Montreal, nach Buenos Aires und Valparaiso, nach London und Dublin, nach Sydney und Melbourne ausgeführt wird, dann fuhr ich mit den großen Transportschiffen über den Ozean und stellte mir die langgezogenen menschenüberfüllten Straßen der großen Städte vor, deren Namen so lockenden, verheißungsvollen Klang haben …

Aber ich kann in die Gemeindechronik nur Geschehnisse eintragen, die für den Ort von Bedeutung sind. Ich darf nicht auch von Menschenschicksalen erzählen. Und ein Gemeindesekretär, zu dem die Leute Vertrauen haben, zu dem sie ihre Sorgen tragen, lernt viele Menschenschicksale kennen.

Ja, und so nebenbei hat er doch auch sein eigenes kleines Menschenschicksal, sein eigenes großes Schicksal.

Das Schreiben war mir bald zur Freude geworden. Aber beim Nachlesen meiner Eintragungen entdeckte ich, daß ich manches zu breit dargestellt hatte, nicht als beamteter Chronist, sondern als mitfühlender Erzähler des Miterlebten. Da habe ich mich entschlossen, außer der amtlichen Gemeindechronik noch eine zweite private zu führen, meine Chronik! Ich entschloß mich dazu nach jenem Tage, an dem der Vorsteher zum ersten Male so sorgenvoll von den großen Veränderungen in der Fabrik sprach. An dem Tage nach jenem Abend, an dem ich das kleine Gedicht an Lore niedergeschrieben hatte.

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