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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
projectidf6501fa3
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I.

»Mein Häusl ist fertig, Vorsteher! Du kannst mir gratulieren!«

»So, ist's fertig?«

Der Vorsteher ließ seine Blicke die Front des netten Häuschens entlang wandern, ließ sie prüfend verweilen an den Fenstern – ja, die waren groß genug, gaben dem Licht Zugang – ließ sie emporsteigen zu dem kleinen Aufbau.

Erlacher bemerkte es.

»Da droben,« sagte er, »im Kammerl droben soll einmal unser Bub wohnen. Zwei Zimmerln und die Küche herunten und droben die Kammer. Denn jetzt, wo wir unser Häusl fertig haben …«

»Jetzt können wir auch ein Kind haben!«

Wie warm war die Stimme der Frau Erlacher! Das stimmt nicht ganz, wenn ich sage, daß ihre Stimme warm war. Sie klang jubelnd, es zitterte in ihr ein verhaltener Glücksschrei, und die Worte »Kind haben!«, die waren aufgeflogen wie ein triumphierender Ruf. Die Frau schmiegte sich eng an den Gatten, der den Spaten, mit dem er im Vorgärtchen herumgearbeitet hatte, niedergleiten ließ, um die Gefährtin zärtlich an sich pressen zu können.

»Gelt, Alter, jetzt haben wir's geschafft? Jetzt sind wir am Ziel?«

»Ja, jetzt haben wir's erreicht! Ein eigenes Häusl! Jetzt können wir auch ein Kind haben! Das haben wir uns zugeschworen, wie wir uns als junge Leute zusammengetan haben: unsere Kinder sollen einmal ihr eigenes Dach über dem Kopf haben! Weißt, Bender«, erklärte Erlacher dem Gemeindevorsteher, »das hab ich ihr schon gesagt, eh wir geheiratet haben: So dürfen es unsere Kinder nicht haben wie ich! Mein Vater war ein Landarbeiter. Weißt, was das heißt? Einmal da wohnen, einmal dort! Und nirgends ein richtiges Heim! In der Rodeine schlafen, im Leutehaus, mit anderen zusammen! Und dann wieder auf die Wanderung gehen, wie – wie Zigeuner. Bloß daß wir nicht haben wandern wollen, meine Eltern nicht und wir Kinder auch nicht. Wir Kinder sind ja auch überall von den Ortskindern wie Zigeunerkinder behandelt worden, keines hat mit uns spielen wollen, davongejagt haben sie uns, wenn wir uns zu ihnen hingetraut haben, und Steine und Schimpfworte haben sie uns nachgeworfen! Das hab ich meiner Alten gesagt: unsere Kinder müssen ihr eigenes Dach über dem Kopf haben! Und da haben wir gespart und gearbeitet und gespart, bis wir's geschafft haben. Und jetzt …«

»Jetzt werden wir ein Kind haben!«

Frau Erlacher sprach mit so schöner, froher Bestimmtheit, daß ihr Mann vor Freude laut auflachte.

»Weißt, Vorsteher«, rief er aus, »wir haben schon angefangen! Wenn man so sagen könnt': beim Häusl der Schlußstein und da der Grundstein, – wenn man so sagen könnt'!«

Frau Erlacher wurde ein wenig rot, verzog schmollend die Lippen, um die doch auch schon ein Lächeln spielte, und gab ihrem Mann einen sanften Rippenstoß. Sie nahm ihm die übermütige Bemerkung nicht allzu übel.

»Wenn schon ihr Männer untereinander so redet, wenn keine Frau dabei ist, – und wenn Du schon zum Vorsteher so redest, der ein alter Freund ist! Aber vor dem Herrn Sekretär!«

»Ach was«, meinte Erlacher, »der ist auch ein Mann, der einen kleinen Spaß versteht, nicht wahr, Herr Rieger? Und Herrgott, er kann's auch wissen, wie wir uns freuen! Aber Du hast mir noch nicht gratuliert, Vorsteher!«

»Der Bub ist doch noch gar nicht da!«

»Wer redet denn jetzt vom Buben? Dazu sollst mir gratulieren, daß mein Häusl fertig ist!«

Der Vorsteher wurde ernst.

»Wieviel bist schuldig?«

»Nicht gar viel. Der Grund war ja billig, die Gemeinde hat allen billigen Grund gegeben, die bauen wollten. Und ich hab fest mit angepackt nach Feierabend. Aber Schulden hab' ich natürlich. Fünfundzwanzigtausend. Eine Hypothek von der Bezirkssparkasse. Aber das ist weiter nicht schlimm. Ich kenn' genug Leute, die mit viel mehr Schulden gebaut haben. Deswegen kannst mir schon gratulieren, wegen der paar Kronen …«

Der Vorsteher schüttelte bedächtig den Kopf.

»Mein Lieber, Du hast zu spät gebaut – oder zu früh!«

Erschrocken schaute der Erlacher ihn an, und die Frau bekam große ängstliche Augen.

»Ja wieso denn?« stotterte er. Wie meinst denn das? Was willst denn damit sagen?«

»Solang du Arbeit hast, ist alles gut. Aber wenn du einmal keine Arbeit mehr hast? Was dann? Dann kannst du nicht mehr bezahlen, nicht einmal die Zinsen kannst du dann zahlen! Du nicht und alle die anderen nicht, die in den letzten Jahren gebaut haben!«

Wie befreit lachte Erlacher.

»Arbeitslos? Ich arbeitslos? Fünfunddreißig bin ich erst! Und da – da schau meine Arme an! Da steckt noch Kraft drinnen für ein paar Jahrzehnte! Und bin ich nicht ein tüchtiger Arbeiter? Nehm ich's nicht mit jedem auf? Warum sollt' ich arbeitslos werden, just ich?«

»Ich will dich nicht schrecken, Erlacher! Und ich sag doch auch nicht, daß just du arbeitslos werden wirst. Aber das weißt du doch: die Fabrik hat heuer weniger Aufträge als im Vorjahre! Und denk an den Umbau in der Fabrik! Rationalisierung, mein Lieber! Keiner von uns weiß, wie der Betrieb organisiert werden wird, wenn der Umbau fertig sein wird. Aber das wissen wir, daß immer Arbeitsleut' überflüssig werden, wenn eine Fabrik rationalisiert wird!«

Erlacher lächelte überlegen. Er ließ sich in seiner Zuversicht nicht mehr irre machen.

»Ja, Arbeiter werden überflüssig werden,« meinte er, »aber nur ein paar Leute. Und das wird auch nicht lang dauern. Die Fabrik wird konkurrenzfähiger werden, wir werden mehr Aufträge bekommen, wenn wir billiger liefern können, – und wenn wir mehr Aufträge haben, dann braucht man auch wieder mehr Arbeiter. Denk doch an den Ruf, den unser Glas hat! In der ganzen Welt! Wo man einmal unser Glas kennt, dort will man kein anderes mehr …«

»Erlacher, das weiß ich doch so gut wie du, was unser Glas wert ist! Und wohin es geliefert wird! Mußt doch einem alten Glasmacher nichts von unserer Fabrik erzählen! Aber ich mach so meine Beobachtungen …«

»Vorsteher, du bist ein alter Grantian geworden! Siehst alles nur schwarz und schwarz! Ich sag dir, Bender, in unserer Fabrik wird einmal noch mein Bub arbeiten, wenn er Glasmacher werden sollt'!«

Frau Erlacher war näher getreten. Ich merkte, daß sie dem Vorsteher etwas sagen wollte, aber erst Mut sammeln mußte. Sie fühlte wahrscheinlich meinen beobachtenden Blick, schaute mich forschend an, ich lächelte ihr ermutigend zu. Ich ahnte nicht, was sie wollte, was für ein Wunsch sich ihr auf die Lippen drängte, aber mir gefällt die Frau ungemein, obwohl sie älter ist als ich, wohl schon über die Dreißig. Sie ist so natürlich, so frisch und geradeheraus! Und sie hat eine so angenehme Stimme! Eine musikalische Stimme, ja, das ist die Richtige! Eine Stimme, die man immer wieder gerne hört. Aber vielleicht höre ich jetzt überhaupt Frauenstimmen gerne. Lieber jedenfalls als früher.

»Vorsteher!« Die Stimme klang bittend. »Wenn unser Bub kommen wird, werden wir einen Paten brauchen, und da haben wir an Sie gedacht …«

Der Vorsteher lachte.

»Recht gern, wenn's nicht anders möglich ist. Aber liebe Leut', ich bin schon so vielen Kindern Pate! Ich kenn' mich bald nicht mehr aus. Aber ich weiß euch einen besseren Paten! Den Sekretär! Der ist sicher noch nicht Pate gewesen! Und er wird sich freuen …«

»Gewiß! Gerne! Es würde mir eine Ehre sein!«

Ich fühlte mich überrumpelt, wurde rot vor Verlegenheit, stammelte ein paar Redensarten, ärgerte mich über den Vorsteher, weil er mich so unvermutet in eine solche Verpflichtung hineingeworfen hatte, und fühlte mich doch auch ernstlich geehrt. Es war ja wirklich ein Vertrauensbeweis, wenn Bender mich vorschlug. Und wenn man der netten Frau Erlacher damit eine Gefälligkeit erweisen könnte, wär' eine solche Patenschaft auch etwas Schönes. »Gilt's?«

Frau Erlacher hielt mir die Hand hin, in die ich zustimmend meine legte. »Es gilt!«

Ich bin froh. Das wird ein prächtiges Kind werden, das Kind dieser frischen, gesunden, lachfreudigen Menschen, die so gerne Eltern sein wollen. Ich freu mich auf mein Patenkind. Und ich freue mich darüber, den beiden Erlacher eine Freude machen zu können. Und ich freue mich über das fröhliche Lachen der Frau Erlacher. Ihr Mund und ihre Augen lachen. Sie wird eine gute Mutter sein.

Bender faßte mich am Arm.

»So, jetzt lassen wir den Erlacher in seinem Garten weiterarbeiten! Sonst wächst noch nicht einmal Gras, wenn der Bub ankommt!«

Lachend hob er, grüßend, die pfeifenbewehrte Hand zum Hutrand.

*

Wir schlenderten durch den Ort. Der Vorsteher sog schweigend an seiner Pfeife. Immer wieder hob er grüßend die Hand. Vor den Haustüren standen plaudernde Gruppen. Alte saßen, froh des schönen Abends, vor den Häusern und träumten ins Weite. Als der Vorsteher vorüberkam, riefen sie ihm freundliche Grußworte zu. Und heimeilende Kinder blieben stehen und sagten artig: »Guten Abend, Herr Vorsteher!«

Ich weiß, wie viel unser Dorf der Tatkraft dieses Mannes zu danken hat. Unter seiner Führung hat es sich gewandelt, hat sich sein Antlitz verjüngt, hat unser Ort ein anderes Kleid bekommen. Als nach dem Krieg das allgemeine Wahlrecht den Arbeitern die Leitung der Gemeinde übergab, zogen Reformbesessene in die Ratsstube ein. Sie trugen längst ein fertiges Zukunftsbild ihrer Gemeinde in den Herzen, sie hatten Jahre lang an ihren Wünschen geformt, und sie brachten aus ihrem Arbeiterleben bestimmte feste Vorstellungen mit: die Vorstellung von der Verbundenheit aller Ortsinsassen und von der Verpflichtung, den Schwächeren zu helfen. Ohne dieses tiefverwurzelte Gefühl der Verbundenheit aller zu einer Gemeinschaft und ohne allstündliche Bereitschaft, ganz selbstverständlich als Gemeinschaftsmenschen zu handeln, wären sie Verlorene gewesen, hätte die Fabrik sie zermalmt, denn der einzelne wäre ohnmächtiger Zwerg im Riesenbau gewesen, abhängig von Gnade oder Uebelwollen der Fabriksleitung. Aber war nicht ihre Arbeit Zusammenarbeit vieler, einer Gemeinschaft? Half nicht seit jeher, bei hundert Anlässen, der Gewandtere dem Ungeschickteren, der Kräftigere dem Schwächeren? Und so wie in der Fabrik hielten sie es auch draußen in ihrem Leben. Sie unterstützten die Kranken und die Alten und die Arbeitslosen, sie halfen zu Weihnachten kinderreichen Familien. Und so sollte es überall sein, im ganzen Leben, in der ganzen weiten Welt. Alle Menschen sollten zu einer Gemeinschaft verbunden werden, in der einer dem anderen, der Stärkere dem Schwächeren hilft. An die Welt konnten sie nicht heran, aber in der Gemeinde packten sie zu …

Ich habe die allmählichen, während des Geschehens fast unmerklichen und nun doch in ihrer Gesamtheit so sichtbaren Wandlungen des Ortes miterlebt. Ich kannte ihn noch zu einer Zeit – sie liegt ja doch nur ein paar Jahre zurück! –, da man bei schlechtem Wetter auf der großen Ortsstraße bis zu den Knöcheln im Kot versank. Jetzt ist die Straße gut gepflastert, der Ortsplatz ist es auch. Der Vorsteher schrieb zwar, als er einen Voranschlag für die Schaffung von Gehsteigen aufstellte, »Tratuare«, – aber er sorgte dafür, daß vor den Häusern Trottoire gebaut wurden. Wohnhäuser hat die Gemeinde gebaut, ein neues Schulgebäude, ein neues Rathaus, einen Turnplatz und einen Kindergarten geschaffen. Den bauwilligen Arbeitern hat sie billigen Grund gegeben.

Ja, das alles habe ich miterlebt, und war oft erstaunt, da ich doch immer gehört hatte, die Glasarbeiter seien ein leichtsinniges Völkchen, und ihnen deshalb nie solche Beharrlichkeit, solche Weitsicht, solche Ausdauer zugetraut hätte. Um die Wahrheit zu sagen: nicht alle zeigen solche Tugenden. Es sind der Vorsteher und ein paar tüchtige Kerle, die alles machen. Aber es ist wohl in jeder Gemeinschaft so, daß eine Elite führt, anregt, plant, vorwärtstreibt, durchführt, und daß die anderen, zustimmend, mehr und mehr vom Tun der Führenden für deren Werk gewonnen, fördernd und helfend folgen.

Ich habe die Wandlung des Ortes miterlebt und nun erlebe ich die geheimnisvolle Wandlung in der Fabrik mit.

Als schwerkörperliches, breittatziges Ungeheuer liegt die Fabrik da. Weithin dehnen sich die roten Flanken ihrer Mauern. Geschlossen ist das große gefräßige Maul, das starkgitterige Tor. Von den großen Erzeugungshallen ist von außen her nicht viel zu sehen, nur ein gewölbtes Dach. Aber hoch steigt darüber der Fabriksschornstein auf. Die Arbeiter sind stolz auf ihn. Fünfundsechzig Meter ist er hoch, pflegen sie jedem zu sagen, der in den Ort kommt.

Auf dem Platze vor der Fabrik liegen Blöcke aufgeschlichteter Steine und Ziegel, liegen Zementfässer und Gerüstholz.

Bender bleibt sinnend stehen.

»Sie wollen es nicht glauben,« sagte er, »daß etwas Schlimmes kommt. Und ganz ist ja auch nicht zu erkennen, was geschehen wird. Aber schau: der große Schornstein ist schon zu einem überflüssigen Dekorationsstück geworden! Schon ist die Ueberlandleitung fertig! Und wenn wir mit elektrischer Kraft arbeiten, wird das Maschinenhaus überflüssig und damit werden die Maschinisten und Heizer und etliche Hilfsarbeiter entbehrlich. Entlassungen gibt es auf jeden Fall. Aber wenn der Betrieb richtig durchrationalisiert wird! Was dann? Was dann?«

Hilflos, ratlos zuckte Bender die Achseln.

Ich habe ihn noch nie so verzagt, so ängstlich gesehen, so zersorgt sein Gesicht.

Lange steht er und starrt nach der Fabrik, als wollte er grübelnd das Geheimnis ihrer Zukunft entschleiern.

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