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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XVI.

Ich blätterte, um über die Zeit des Wartens hinwegzukommen, diese träge schleichende Zeit, in der Gemeindechronik.

Weit offen war mein Fenster, die ersten Grüße des Frühlings zu empfangen, den kosenden lauen Wind, die neckenden Strahlen der nun schon wärmeren und häufigeren Sonne. Lachen spielender Kinder flog von der Straße herein.

Auf dem selben Platz haben vor vielen Jahrzehnten und vor einem Jahrhundert und vor noch viel längerer Zeit schon Kinder gespielt, und ihr Lachen wird leicht und sorglos und unbekümmert gewesen sein wie das der Glasmacherkinder, die im Spiel sich selber vergessen und die finsteren sorgenden Gesichter der Eltern. Bis jäh sich eines der Kinder bewußt wird, daß es Hunger hat, und hurtig ins Haus eilt, von der Mutter eine Brotschnitte zu erbitten.

Auf dem selben Platz. Denn hier war von altersher der Mittelpunkt des Dorfes, um den kleinen Hügel, auf dem das Kirchlein steht, haben sich die Hütten der ersten Ansiedler gruppiert. Häuschen verdrängten die Hütten, aus der Siedlung wurde ein Dorf. Lange Zeiten hindurch mag es sich wenig geändert haben. Die Chronik erzählt – ein Lehrer, der ein wenig Freude daran hat, alten Bräuchen nachzuspüren, hat diesen Beitrag geschrieben – die Chronik erzählt, daß früher fast jedes Haus von einem Holzzaun umgeben war, der »Umschreut« hieß. Heute unterscheiden sich die Häuser des Ortes nicht mehr, in nichts mehr von den Häusern unzähliger anderer Industrieorte im Lande.

Bis ungefähr zur Jahrhundertwende trug die Ortsbevölkerung noch altbäuerliche Tracht. Ich habe diese Art der Kleidung nicht mehr kennen gelernt. Als ich in den Ort kam, mein Amt anzutreten, gab es keine Unterschiede der Kleidung zwischen alteingesessener und neu zugewanderter Bevölkerung, Ortsbewohnern und den Menschen draußen in der Welt …

Stolz berichtet ein Blatt der Chronik von der Fülle und Vielfältigkeit der Glaserzeugung unserer Fabrik: Spiegelglas in allen Stärken, von zwei Millimetern bis zu vierzig Millimetern, und von allen Größen: Schaufenstergläser bis zu mehr als sieben Metern Länge und zweieinhalb Metern Höhe! Fünfundzwanzig Sorten Farbenglas! Farbiges Spiegelglas in dreißig Sorten – dreißig verschiedenen Farbentönungen!

Aergerlich klappte ich das Buch zu.

Ablenken hatte ich mich wollen – und nun war ich plötzlich wieder tief drinnen in dem Gewirre unserer Sorgen. Die prahlerische Aufzählung der vielen und mannigfachen Erzeugnisse unserer Fabrik, niedergeschrieben in glücklichen Tagen, da die Sirene noch täglich neunhundert Menschen zur Arbeit rief, erzählt heute nur noch von Gewesenem, ist Geschichte geworden. Bald wird kein Stück Glas mehr erzeugt werden, wird nur noch in einem Winkel des Hofes ein Haufen glitzernder bunter Glasscherben erkennen lassen, was früher, als noch Lärm und Lachen, Brausen und Schreien die Räume erfüllte, hier geschaffen wurde …

Hinaus! Heute kommt niemand mehr in die Kanzlei, die Leute hocken brütend, in dumpfer Erwartung, in ihren Stuben oder sie streifen, von quälender Unrast getrieben, durch die Gassen. Zur Arbeit fehlt mir nicht so sehr die Lust als das Können. Ich vermag mich nicht zu sammeln, vermag es nicht zu hindern, daß die Gedanken abwandern, hinausgleiten zu den Leuten im Ort, zu den Freunden, deren Wiederkehr wir so bang erwarten und ich kann's erst recht nicht hindern, daß sie weiter und weiter fliegen – nach dem Nordwesten, in meine Heimat. Und sie suchen das Mädchen, von dem ich gestern – war es erst gestern? – war es nicht schon vor unendlich langer Zeit? – Abschied genommen. Eine grüßende Hand winkt, ein Tüchlein flattert …

Alte Männer, alte Weiblein sitzen vor den Haustüren, lassen sich von der endlich wieder gnädigen Sonne die wärmeverlangenden Körper durchglühen, blinzeln ein wenig, schauen verständnisvoll lächelnd den tollenden Kindern zu, schauen in sich hinein, lauschen den aus sich erinnernden Herzen aufsteigenden Stimmen ferner Jugendtage.

Manchmal taucht ein Frauenkopf aus einem Fenster, blickt prüfend ins Freie. Ein paar Atemzüge frischer Luft, ein Bündel Sonnenlicht! Drinnen ruft die Arbeit, der Kopf verschwindet.

Wo die kleinen Gassen in die Ortsstraße münden, an den Ecken stehen – ich weiß nicht, warum just an diesen Plätzen – kleine Gruppen nichtstuender, träge plaudernder, mißvergnügt dreinschauender Männer. Arbeitslose. Wie vernachlässigt manche schon aussehen! Sie haben Angst, ihre letzten guten Anzüge, die Sonntagskleider, abzunützen. Wenn man nicht einmal mehr einen sauberen und ungeflickten Anzug für den Sonntag mehr hat – wer ist man denn dann? So tragen sie alte, abgewetzte, abgeschundene und vielfach geflickte Röcke und Jacken, ausgefranzte verschmierte Hosen, abgetretene Pantoffeln, fühlen sich unbehaglich in dem alten Zeug, schämen sich fast vor einander, und wollen doch nicht daheim hocken bleiben an diesem ersten schönen Tag.

Grüßend nickten sie mir zu.

Einer nimmt die Pfeife aus dem Munde.

»Endlich ist's Frühling geworden!«

Aber das ist nur Feststellung. Ist nur gesagt worden, um etwas zu sagen. An Stelle eines Grußes. Kein Jauchzer an den Frühling!

Ich will nach meinem Patenkind schauen. Vorher aber kann ich gut einmal den alten Friedrich aufsuchen.

Er freut sich jedesmal sehr, wenn ich komme. Ich bin ein Gruß seines Hermann. Ich bin ihm ein Teil Hermanns selbst. Viel von seiner Liebe zu seinem Jüngsten hat er auf mich übertragen.

Vater Friedrich bringt eine große Pappschachtel.

»Das hab ich noch gefunden. Das hat auch zum Museum gehört. Alte Knochen, ganz alte, manche ein bissel angeschwärzt. Ich weiß nicht, was für Knochen das sind, warum der Bub sie aufgehoben hat.«

Alte graubraune fahle Knochen. Tierknochen wahrscheinlich. Ich kann natürlich nicht bestimmen, von welchen Tieren sie stammen. Aber auch in unseren Gegenden lebte einmal der Ur, räuberte der Luchs, streiften Tiere, die wir nicht mehr kennen. Vielleicht kann ich einmal durch einen Kenner die Herkunft dieser Knochen feststellen lassen.

»Nehmen Sie die alten Beiner mit, Herr Sekretär, und geben Sie das Zeug zu den Ringen und Schließspangen, die der Hermann gemalt hat. Ich will nichts mehr davon sehen.«

Der Alte schiebt mir die Schachtel zu.

Langsam schlurft er davon und kehrt, nachdem er eine Weile in einer Lade der alten großen Kommode gekramt, in der Hermann seine Bücher aufbewahrt hatte, zurück. Ein kleines Bändchen hält er in der Hand.

»Ich hab in dem Büchel, in dem der Hermann so oft gelesen hat – es schaut fast aus wie ein Gebetbüchel – und das er so gern gehabt hat, herumgeblättert und hab da und dort ein paar Zeilen gelesen. »Grashalme.« Was sagen Sie zu einem solchen Titel? »Grashalme!« Vielleicht heißt es so, weil darin eine Stelle vorkommt, wo der Schreiber sagt: ›Ein Kind sagte: Was ist Gras? Und brachte es mir mit vollen Händen. Wie konnte ich dem Kinde Antwort geben? Ich weiß es ebensowenig.‹ Das versteh ich nicht, daß man so was niederschreiben kann. Denn was das Gras ist, weiß doch jeder Mensch. – Ein sonderbares Büchel. Schaut aus, als wären lauter Gedichte drin' und dann sind's doch keine. Nirgends ein Reim, alles gerade so, als tat einer langweilige Reden voller Durcheinander halten. Und dann wieder spür' ich, daß doch etwas daran ist an dem, was der Whitman sagt. Das zum Beispiel gefällt mir ganz gut:

Einmal unversehens gehorcht heißt einmal völlig versklavt.

Einmal versklavt aber wird weder eine Nation, noch ein Staat, noch eine Stadt der Erde nachher jemals ihre Freiheit wiedergewinnen.

Aber warum ich mit ihnen über das Büchel reden will: Ich glaub, es ist schuld daran! Es hat ihm den Kopf verdreht! Da, lesen Sie:

Hat jemand gemeint, es sei ein Glück geboren zu werden?

Ich eile, ihm oder ihr zu zeigen, daß es ebenso ein Glück ist, zu sterben, und ich weiß das!«

»Aber Friedrich! Glauben Sie denn wirklich, daß ein paar Zeilen aus einem Gedichtbuch einen Menschen umwerfen können? Nein, Vater Friedrich, so war es nicht! Fragen wir nicht mehr nach den Gründen! Wir wissen so wenig von dem, was in anderen Menschen vorgeht! Hermann war jung und war so arbeitsfroh und hat sich plötzlich für überflüssig gehalten – er war es nicht! War es nicht für euch und nicht für mich und nicht für die Kameraden! – aber er hat sich plötzlich dafür gehalten. Schauen Sie, Friedrich, wir können vielleicht nicht ganz verstehen, was jetzt die jungen Leute packt, wenn sie arbeitslos sind. Wenn Sie früher einmal arbeitslos waren, na, da haben Sie gewußt, daß das vielleicht vier oder sechs Wochen dauern kann und daß sich schon wieder etwas finden wird. Aber die jungen Leute von heute, die fürchten, daß sie überhaupt nie mehr Arbeit bekommen! Vielleicht war es das, was der Hermann nicht ertragen konnte!«

»Aber in dem Büchel sind diese Zeilen rot angestrichen!«

Ich nehme dem Alten das schmale Lederbändchen aus der Hand, blättere darin. Viele Stellen sind rot angehakt. Ich zeige eine dem Friedrich:

»Da! Lesen Sie das!«

Und der Alte liest, langsam, mit rührend komischer Betonung:

»Ich, wo immer auch ich mein Leben lebe: o, Zufällen gegenüber im Gleichgewicht zu sein!

Der Nacht, dem Sturm, Hunger, Spott, Unfällen, Niederlagen Widerstand zu leisten wie Baum und Tier!«

Mit traurigen Augen blickte er mich an.

»So glauben Sie, daß Hermann, wenn er das Büchel richtig gelesen und richtig den Whitman verstanden hätte, daß dann der Hermann das nicht getan hätte?«

*

Als einer der ersten betrat ich den Saal des Sternwirtes.

Unschlüssig standen Arbeiter in der Nähe des Einganges, wurden von Neuankommenden vorgeschoben, ließen sich zögernd nieder. Seltsam, dachte ich, daß es in jeder Versammlung so zugeht: die Leute fühlen sich wahrscheinlich bedrückt von der Leere des großen Raumes, getrauen sich nicht nach vorne, hocken sich möglichst nahe der Türe nieder. Die neuen Besucher rücken um eine Reihe weiter vor, langsam füllt sich so vom Eingange her der Saal. Und die Frauen ballen sich zu Rudeln zusammen und sitzen in dichten Gruppen beieinander, oder sie fädeln sich zu Reihen auf den Bänken längs der Saalwand.

In dichten Schüben kamen nun die Arbeiter mit ihren Frauen. Sie kamen im Arbeitskleid, wie sie die Fabrik verlassen hatten. Die Arbeitslosen kamen in ihren abgenützten Alltagskleidern. Schub um Schub. Grußworte flogen auf. Burschen machten sich scherzend an die Mädchen heran. Die Kellnerin bot Bier an. Scharren vieler Füße, Geknarre der Sessel, manchmal ein derbes Scherzwort, ein Lachen. Eine dunkle Lärmwolke, aus dem Gebrumme und Gesumme der vielen sich zusammenballend, lag über der Versammlung.

Immer noch schwangen sich, noch von der Ballnacht her, letzte Erinnerung an das letzte Fest der Arbeiter, die Papierketten vom Luster nach den Saalecken. Aber sie hatten die Farbenfrische längst verloren, waren rauchgeschwärzt, welk und alt. Manche hing, abgerissen, traurig nieder zu den Köpfen der Arbeiter.

Auch das Plakat, Rest des Plakates, die Hälfte hing nur noch an der verräucherten Wand, erzählte noch vom Ball der Glasarbeiter. Das Reisig, mit dem die Bilder der Arbeiterführer umrahmt waren, waren vertrocknet, gelbbraun, nadelarm. Streifte man im Vorübergehen mit spielendem Finger daran, so rieselten müde die letzten Nadeln nieder, blieb nur noch dürres Zweiggestachel übrig.

Bender trat auf mich zu.

»Wie war es, Vorsteher, was gibt es?« fragte ich.

»Nichts Gutes. Wirst es ja gleich hören. Ich will dir nur geschwind, eh wir anfangen, was Lustiges sagen. Nachher werden wir ja nichts mehr zum Lachen haben! Also ich sag dir, der Aicher ist doch ein verdammter Kerl! Der hat im Zug nach Prag mit einem Mädel angebandelt. Je, kann der schön tun! Ich hab mich ordentlich geschämt, wie ich gesehen hab, daß er so um das Ding herumscherwenzelt. Und denk dir, wie wir aussteigen – auf einmal ist der Aicher verschwunden! Weg war er! Wir haben uns die Augen nach ihm ausgeschaut, sag ich dir! Wenn er sich verläuft in der großen Stadt! sag ich zum Schickel. Der aber hat gelacht. Ah, meint er, der Aicher geht uns nicht verloren, der nicht! Na, machen kannst ja auch nichts, in der fremden Stadt, denk ich mir, und der Aicher ist alt genug, daß er selber auf sich aufpassen kann. Am nächsten Morgen, knapp eh die Konferenz anfängt, taucht der Aicher auf, ein bissel übernächtig, weißt, so zermudelt, aber geschmunzelt hat er, geschmunzelt! Ich glaub, wenn der auf der Totenbahr liegt, und es geht ein Frauenzimmer vorüber, so springt er nochmals auf!«

»Anfangen! Anfangen!«

Bender trat zum Vorstandstisch, und es bedurfte keines Glockenzeichens, um sofort Stille zu schaffen.

Schickel berichtete. So ruhig, so sachlich, wie man es von ihm gewöhnt war. Klarer, sachlicher Bericht über eine Revisionsverhandlung, die ein Todesurteil bestätigte. Das Todesurteil über unsere Fabrik. Das Todesurteil über unseren Ort.

Die ganze vielstündige Konferenz habe nur das eine Ergebnis gehabt: die Feststellung, daß jeder gute Wille fehle, den Betrieb zu erhalten. Nicht bei der Regierung fehle er, selbstverständlich nicht. Aber bei den anderen, den Unternehmern, den Aktionären. Führer der Gewerkschaft sprachen, so berichtete Schickel, und wir haben geredet, und ein Ministerialrat. Und der Oberbuchhalter Dornaus. Er hat den Herren vorgerechnet, daß man durch eine Reform der Verwaltung drei Millionen im Jahr ersparen und damit den Betrieb rentabel machen könnte. Und wir haben gezeigt, wie modern und wie leistungsfähig unsere Fabrik ist, und wir haben gesagt, daß wir zugrunde gehen müssen, wenn die Fabrik gesperrt wird, der Ort und wir mit ihm, und mit uns die Gewerbsleute. Und es hat alles nichts genützt.

Die anderen, die Advokaten und die Generaldirektoren, haben bloß Erklärungen vorgelesen mit vielen Zahlen, und in jeder hat es geheißen, daß die Auflassung unserer Fabrik unabwendbar sei, eine fest beschlossene Sache. Weil, so hat es geheißen, beide Betriebe, unserer und der jüngere in Nordwestböhmen, zu Grund gehen müßten, wenn sie nicht zusammengelegt werden.

Bis hierher hatte der Schickel so ruhig berichtet wie immer. Und ganz ruhig hörten ihm die Arbeiter zu. So, als hörten sie den Tätigkeitsbericht in der Ortsgruppenversammlung des Glasarbeiterverbandes. Ja, so ruhig waren sie. Aber es war doch anders. Diese Spannung in den Gesichtern! Diese ungläubig-staunenden Augen! Dieses Zucken um den Mund! Weit über die Tische vorgebeugt saßen die Männer da, als müßten sie sich dem Redner entgegenrecken, deutlicher, schärfer zu hören, was sie ja doch schon wußten und was zu glauben sich immer noch etwas in ihnen wehrte.

Bisher war Schickel der ruhige Redner wie immer gewesen. Nun aber begann seine Stimme doch leidenschaftlich zu werden, bewegter, und mit ihm wurde die Versammlung lebendiger, liefen Wellen der Erregung durch die Menge, als Schickel erzählte:

»Die belgischen Aktionäre haben einen Advokaten geschickt, den Herrn van der Molen. Er ist einer der Großen im Verwaltungsrat. Auch der Herr van der Molen hat eine Erklärung vorgelesen. So wie man in einer Versammlung einen Bericht vorliest, der niemanden stark interessiert. Mit einer so gleichgültigen Stimme. Ganz trocken, so in dem gewissen faden, gelangweilten Ton. Und so hat der Herr Advokat auch über uns Arbeiter gesprochen. Die Verdienste der Arbeiterschaft, hat er in seiner Vorlesung gesagt, werden von der Firma gebührend anerkannt …«

»Wir pfeifen auf die Anerkennung!« schrie einer der Männer im Saale auf.

»Ja, auf die pfeifen wir! Die kann er sich behalten!«

»Was nützt uns die Anerkennung auf dem Papier!«

»Arbeit wollen wir, keine Anerkennung!«

»Was hat er über die Arbeit gesagt, der belgische Advokat?«

Schickel wartete, bis es wieder ruhig geworden war.

Er hob die Hand, in der ein Blatt Papier hielt.

»Ihr werdet es gleich hören! Ich hab es mir aufgeschrieben, was er weiter gesagt hat. Wort für Wort hab ich es aufgeschrieben. Hört: ›Ihnen‹ – damit meint er uns Arbeiter – ›Ihnen gehören unsere ganzen Sympathien und Anerkennung und teilen wir mit Ihnen die schweren Zeiten, welche bevorstehen‹!«

Sturm brach los, brauste gegen den Vorstandstisch. Die Leute sprangen auf, schrien, fuchtelten mit erhobenen Fäusten in der Luft herum, drängten sich vorwärts, die Masse umbrandete den kleinen Tisch, an dem der Versammlungsleiter saß, an dem der Redner lehnte. So wild war das Getöse um Schickel, so laut umtosten ihn die Schreie, daß ich Angst um ihn bekam. Was die Leute brüllten, konnte ich nicht verstehen. Der aus so vielen Schreien zusammenbrausende Lärm verschlang jeden Einzelruf. Wie dünnes Gezirpe wurde dazwischen das Stimmlein der Glocke laut, die der Vorsitzende unermüdlich schrillen ließ. Er war aufgesprungen gleich den anderen – niemand saß mehr, auch die Frauen nicht, die sich verwirrt und verängstigt aneinanderdrängten – und während seine Rechte unermüdlich auf den Taster der Glocke drückte, schwenkte er ruheheischend die Linke. »Ruhe! Ruhe!« brüllten etliche. Andere schrien umso lauter. Die Leute brüllten einander an, als wäre wüster Streit zwischen ihnen ausgebrochen, als wollten sie jetzt und jetzt einander an die Gurgel fahren – und doch schrie jeder dem anderen die gleiche Meinung zu. Junge Männer stiegen auf Tische und riefen Worte in den Saal, die unverstanden niederfielen in das Lärmgemisch. Schickel breitete die Arme weit aus, gab winkend das Zeichen zum Niedersetzen. Und »Niedersetzen! Niedersetzen!« gellten Rufe auf, und »Ruhe! Ruhe!«

Allmählich wurde es wirklich ruhiger. Da setzte sich einer, dort ließ sich ein anderer nieder. Sitzende zogen die noch immer stehend Brüllenden an den Röcken nieder. Ruhiger Gewordene sprachen besänftigend auf immer noch aufgeregte Kameraden ein. Die Lärmwoge senkte sich, über sie hinweg flog jetzt laut und schrill der mahnende Klang der Glocke. Erloschene Pfeifen wurden neu entzündet. Und »Frisches Bier gefällig?« fragte die Kellnerin.

»Das Wort hat immer noch der Schickel!«, stellte Bender fest.

»Nimmt ihm ja niemand!« rief einer zurück.

Lachen. Leises Geraune. Schickel trat wieder vor. –

»Leuteln, warum habt ihr mich so angebrüllt? Ich hab doch nicht meine Worte vorgelesen! Ich hab doch nicht gesagt, daß wir die schweren Zeiten mit den Aktionären teilen werden, sondern der Herr van der Molen hat gesagt, daß sie mit uns die schweren Zeiten teilen werden!«

»Ja, aber wie!«

»In einer Bar in Prag!«

»In einer Villa in Brüssel!«

Es gab wieder allerlei Zwischenrufe, aber sie wurden nicht wild und drohend ausgestoßen, klangen eher wie bittere Feststellungen. Die Erregung der Menge hatte sich Luft gemacht, sich entladen in dem wilden Ausbruch vorhin.

Und von nun an konnte Schickel ungestört weiterberichten. Was er noch sagen konnte, war nur Ergänzung. Man nahm es auf, wie man Bekanntes aufnimmt. Und ich glaube, die Leute konnten nichts mehr recht erfassen. Was Schickel noch berichtete, glitt an den Ohren vorbei. Man hörte zu und hörte nichts mehr. Jeder versuchte das Unabänderliche, Unabwendbare sich klar zu machen, es zu verarbeiten, es zu erfassen, zu verstehen. Die Fabrik wird geschlossen, ich werde arbeitslos, so und so viel Wochen lang bekomm ich die Unterstützung, so lang wird es noch einigermaßen möglich sein, durchzukommen, aber dann hört das auch auf, wie dann leben? Was werde ich dann tun, wie werde ich mich einrichten? Was soll ich mit mir anfangen?

»Die Mandate des Betriebsausschusses erlöschen mit der Stillegung der Fabrik. Wir danken für das Vertrauen, das ihr uns geschenkt habt, und wir hoffen, daß wir alles getan haben, was unsere Kollegen von uns erwartet haben. Vierzehn Tage noch werden wir unsere Funktionen ausüben. Am Samstag werden die letzten Kollegen, die noch im Betrieb stehen, die Kündigung bekommen. Vierzehn Tage später werden die letzten die Fabrik verlassen.«

Vierzehn Tage noch!

Zwei kurze Wochen noch!

Verzweifelt stierten die Männer vor sich hin. Vor mir saß einer, der gedankenverloren mit dem Zeigefinger in die kleine Bierlache auf der Tischplatte fuhr und wirre nasse Linien auf das braune Holz zeichnete. Sein Nachbar hob die Hände in Brusthöhe und starrte auf sie nieder, auf große, schwere rotbraune Hände, Schwielenhände mit plumpen dicken Fingern, etwas gekrümmten Fingern, gewöhnt des Zupackens. Er wußte wohl nicht, was er tat. Daß ein jähes Gefühl ihn trieb, die nutzlos gewordenen Hände zu betrachten.

Plötzlich brach in die Stille ein verzweifeltes Schluchzen.

Eine der Frauen, die an der Längsseite des Saales saßen, hatte die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen und war in hemmungsloses Schluchzen und Weinen ausgebrochen. Tröstend beugten sich andere Frauen über sie. Frauen, denen es gerade so ums Herz war wie ihr.

»Das muß ich euch noch berichten,« sprach jetzt wieder Schickel, »was der alte Ratzer in der Konferenz gesagt hat. Ihr wißt, er ist nicht sehr für das Reden. Schon gar nicht für's öffentliche Reden. Aber was er gesagt hat, das war uns und euch allen aus dem Herzen gesprochen. Es war das letzte Wort von uns Arbeitern in dieser Sitzung. Man hat schon gemerkt, daß alles Reden nichts nützt. Da ist der alte Ratzer aufgestanden und hat sich zu den Advokaten und Generaldirektoren hingewendet und hat ihnen weinend zugerufen: Meine Herren, Sie haben heute schon den Sarg für uns Arbeiter mitgebracht! Jetzt haben Sie uns das Begräbnis bereitet!«

Den Sarg mitgebracht!

Das Begräbnis bereitet!

Lähmendes Schweigen, Schweigen lähmender Angst lag über der Versammlung.

*

Der Frühling hat die ersten Kerzen der Kastanien entzündet. Goldbestickt sind die Wiesen. In den Fenstern der Arbeiterwohnungen leuchtet es grün und rot und gelb. So viele Blumen vor manchen, daß kein Licht mehr in die Wohnungen fallen kann.

Wieder sitzen die alten Männer, die verrunzelten Weiblein vor den Häusern und bieten sich den streichelnden Händen der Sonne dar.

Von der Schlackenhalde her hallt Geschrei spielender Kinder.

Kalt, sinnlos starrt der hohe Schornstein in die flimmernde Luft.

Lerchenjauchzen fällt vom Himmel.

Als schwerkörperliches, breittatziges Ungeheuer liegt die Fabrik da. Weithin dehnen sich die roten Mauern ihrer Flanken.

Die Sonne müht sich, auch den Fabriksmauern etwas Frühlingsglanz zu geben. Freigiebig wirft sie Strahlengarbe auf Strahlengarbe über die Fabrik, an die roten Mauern.

Weit geöffnet ist das breite Gittermaul der Fabrik.

Ein Arbeiter kommt heraus, ein Bündel unterm Arm. Im Tor bleibt er ein paar Minuten lang stehen, schaut zurück in den Hof, wendet sich, eilt rasch davon.

Ein Trupp kommt durch das Tor. Auch diese Leute bleiben zögernd ein Weilchen stehen, dann schlendern sie langsam, gebückt davon.

Wieder Arbeiter. Ein ganzer Zug, freilich kein geordneter. Lässig schieben sich die Leute heraus. Jeder trägt ein Bündelchen unterm Arm. Die Arbeitskleidung, die alten schmutzigen und öligen blauen Blusen und Hosen. Mancher hat in der Rechten die Blechkanne hängen, das Geschirr, in dem er heute früh zum letzten Male Kaffee zur Arbeit mitgenommen hat. Zur letzten Schicht.

Zu den letzten, die aus dem Tor treten, gehören Bender, Aicher und Schickel.

Mit herzlichem Händedruck verabschieden sie sich vom Torwart.

Draußen bleiben sie stehen, schauen zu, wie die Flügel des Tores sich vorschieben, wie sie zusammenschlagen.

Ein leises Knarren, ein Knirschen des Schlüssels. Aus!

Mit hängenden Köpfen schleichen die letzten fort.

Die letzten Arbeiter der großen Fabrik.

Zerbrochene Menschen. Zu Scherben zerschellt ihr Leben.

In Scherben unser Dorf …

 

Ende.

 

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