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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
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XV.

Nun wissen wir alles.

O, wir wissen viel! Sogar Einzelheiten, die uns gleichgültig sind.

Zum Beispiel, daß eine der großen neuen Maschinen in die nordwestböhmische Fabrik übertragen werden wird und daß für andere Maschinen schon Käufer gefunden sind oder noch gesucht werden. Nicht jede dieser Maschinen wird an anderem Orte zu neuer Arbeit auferstehen. Die meisten werden, so jung und unverbraucht sie auch noch sind, verschrotet werden.

Immerhin: man kümmert sich um die Maschinen, man denkt an sie, man denkt an ihre künftige Verwertung.

Denn diese Maschinen haben einen bestimmten Wert. Und wäre es nur der Metallwert. Auch wenn sie aufhören, Maschinen zu sein, haben sie für ihre Besitzer noch Wert.

Die Arbeiter haben keinen Wert. Sie sind, wenn man ihre Muskeln und ihre Gehirne nicht mehr braucht, weniger als nichts. Eine unangenehme Belastung.

Deshalb sorgt man sich um die Zukunft der Maschinen, um die der Arbeiter nicht.

Ja, wir haben die Oeffentlichkeit aufgerüttelt. Wir dürfen nicht behaupten, daß sie gleichgültig geblieben ist. Alle Zeitungen haben über unseren Ort geschrieben. Sie haben sogar Bilder der Fabrik gebracht. Und alle haben unsere Forderung nach dem Verbot der Stillegung unterstützt.

Aber die Zeitungsleser brauchen nicht nur Berichte über Fabrikssperrungen und Arbeiterentlassungen zu lesen. Es steht ja auch noch anderes in der Zeitung. Was zu fad ist, zu langweilig, zum Beispiel ein Bericht über den Produktionsrückgang in der Glasindustrie und über die steigende Arbeitslosigkeit und die Sperrung vieler Fabriken, das kann man überblättern. Ja, traurig, daß wieder so viele Menschen ihre Arbeit verlieren, traurig. Aber das ist ja nichts Neues mehr. Neu aber ist ein Länderwettspiel. Und neu der Bericht über eine neue Scheidung oder eine neue Heirat eines Filmstars. Die Berichte über Fabrikssperrungen sind nichts Neues.

Es sind schon so viele Fabriken gesperrt worden! Metallfabriken, Textilfabriken, Porzellanfabriken. Der Industrietod hat längst schon das ganze Randgebiet des Landes mähend durchstreift.

Kein Wunder, daß man sich an solche Nachrichten gewöhnt hat wie im Kriege an die Verlustlisten. Als die ersten aufgelegt worden waren, hat jedermann sie studiert. Später hat nur noch in ihnen gesucht, wer einen geliebten Menschen an der Front wußte. Wer um niemanden zu bangen hatte, kümmerte sich nicht mehr um die Verlustlisten. Man war nicht mehr neugierig.

Immerhin wurde die Oeffentlichkeit aufgerüttelt. Die Zeitungen schrieben über uns, alle Zeitungen des Landes. Und die Behörden beschäftigten sich mit unserem Schicksal. Und das blieb nicht ohne Wirkung, daß so viel über uns geschrieben und gesprochen wurde. Die Fabriksleitung veröffentlichte in den Blättern die Mitteilung und sie teilte das gleiche dem Betriebsausschuß mit, daß sie bereit sei, den Arbeitern eine Abfindungssumme von sechshunderttausend Kronen zu überweisen.

Sechshunderttausend Kronen! So viel! Eine so große Summe! Aber auf den einzelnen kommen nur ungefähr tausend Kronen. Und wenn er sie verbraucht hat?

Was dann? Und wenn die Organisation die letzten Unterstützungsgelder ausbezahlt haben wird? Was dann?

Die Arbeiter wissen, daß die Regierung die Sperrung der Fabrik, die Zusammenlegung mit dem nordwestböhmischen Betrieb verhindern wollte. Aber es gibt Gewalten, die mächtiger sind als die Regierungen der Staaten. Die großen anonymen Mächte! Sie stehen nicht im Lichte der Oeffentlichkeit wie die Regierungen. Sie hocken im Dunkeln. Und deshalb glauben viele an die Allmacht der Regierungen. Glauben es, wenn sie von den im Dunklen wirkenden Mächten nichts wissen.

Das internationale Spiegelglaskartell ist eine private Vereinigung. Die belgische Regierung ist keine private Gesellschaft. Das Kartell kann keinen Druck auf unsere Regierung ausüben. Aber die belgische Regierung gab zu verstehen – o, die Drohung war gewiß eingewickelt in allerlei Redensarten des Bedauerns und des Verstehens und verschnürt mit vielerlei Höflichkeitsworten! – ja, sie gab zu verstehen, daß ein paar tausend Bergarbeiter, die Angehörige unseres Staates sind, aus Belgien ausgewiesen werden müßten, leider, bedauerlicher Weise, wenn die Schwierigkeiten, die den belgischen Spiegelglasinteressenten bereitet wurden, nicht in befriedigender Weise aus dem Wege geräumt würden.

Unsere Regierung hatte zu wählen:

Hier ein paar hundert arbeitslose Glasarbeiter, nicht einmal ein volles Tausend, und dort ein paar tausend arbeitslose Bergarbeiter.

Zahl gegen Zahl!

Wir waren die wenigeren, wenn auch die Bevölkerung einer ganzen Ortschaft …

*

Hermanns Vater brachte mir die Sammlungen des Verstorbenen, sein »Museum«, wie der Freund scherzend zu sagen pflegte. Der Alte brachte sie als Geschenk.

»Ihnen macht das Zeug vielleicht Freude. Sie verstehen ja auch mehr davon als ich. Und ich – ich kann die Sachen nicht mehr sehen, ohne zu heulen!«

Hermanns Sammlungen:

Ein paar alte Tonscherben, wahrscheinlich Ueberreste von Töpfen. Scherben einer Urne. Ein paar verkrustete Fibeln und Ringe. Mineralien, die meisten der Steine säuberlich mit Namenszetteln beklebt.

Sammeltrieb des Knaben mag zunächst zum wahllosen Zusammentragen alles Begehrenswerten geführt haben. Der reifende Jüngling, der vertrauter wurde mit der Geschichte seiner Heimat und die Landschaft, in der er heranwuchs, lieben lernte, sonderte und verwarf und schied aus und beschränkte sich darauf, Zeugnisse der alten Geschichte und die Mineralien der Heimat zu sammeln. Denn was er einst getan, weil er seiner Knabenart und den Gesetzen des Knabenalters folgen mußte, wurde zu einer schönen Liebhaberei, zu einer der klugen Freuden, die er sich selber schuf, und es wurde nun mit Verstand und Umsicht getan. Verstand zwang ihn zur Begrenzung; nur einen Teil seiner Freizeit durfte er seiner Sammelfreude gönnen, er hatte doch auch mit den Büchern Verkehr zu pflegen und sich in der Gewerkschaft ein wenig nützlich zu machen und später auch in der Gemeindevertretung, und er durfte, wenn er seiner kleinen Sammlung Sinn geben wollte, nicht auf vielen Gebieten herumpfuschen, sondern mußte auf einem eng begrenzten, von ihm übersehbaren Gebiete sich umtun.

Ein Sammler seiner Art kann nicht wie Leute, die vielleicht mit größerem Rechte so genannt werden und mit ebensolchem Rechte als etwas sonderlinghaft gelten, seine Schätze zusammenkaufen. Er will es auch nicht. Für Hermann bestand der Wert etwa einer seiner Fibeln nicht darin, daß sie selten war und unter Kennern einen bestimmten Preis hatte. Er liebte diese Bogenfibula, weil er selber sie geborgen hatte, weil das Erlebnis des Forschens und Findens an ihr haftete, und weil durch sie die älteste Geschichte seiner Heimat zu ihm sprach. Er liebte jenen Kristall nicht bloß seiner Schönheit wegen, sah in ihm nicht nur ein vollendetstes Kunstwerk der Natur. Er war ihm mehr, war ihm ein Geschenk der Heimat, ein verdientes Geschenk, Lohn für verstehende Heimatliebe. Auf vielen Wanderungen, die ihn manchmal in die Weite und hinauf in die Waldberge, ein andermal in nächste Nähe oder nach dem Süden ins Flachland geführt hatten, waren Hermanns Schätze gesucht, gefunden, geborgen worden. Jeder ein Erlebnis, nicht nur Erlebnis des neugierigen, fieberigen, hoffenden Wühlens, Betastens, Reinigens, Bestimmens, des besitzfrohen Heimtragens, des Eingliederns in die Reihe der Sammlungen. Jede dieser kleinen Kostbarkeiten auch ein Stück erlebte Heimat und gerade deshalb dem Besitzer kostbar!

Scherzend hatte Hermann von seinem Museum gesprochen. Und doch barg die phantastische Uebertreibung einen kleinen, vorläufig freilich noch gut zu versteckenden Kern der Wahrheit. Hermann träumte davon, später einmal ein kleines Ortsmuseum einzurichten. Die Geschichte der Landschaft sollte es zeigen, die Tiere und Pflanzen der Heimat und – auch das hielt Hermann für wichtig – ihre Industrie. Zum Beispiel Proben von Glassorten, die in unserer Fabrik erzeugt werden. Seine kleinen mühsam und liebevoll zusammengetragenen Schätze sollten den Grundstock des künftigen Ortsmuseums bilden.

Ja, Vater Friedrich, ich nehme dein Geschenk an! Vielleicht kann ich einmal, in späterer Zeit, den Traum deines Jungen zur Wahrheit machen. Dann aber werden auch die vielerlei Glassorten aus unserer Fabrik schon Dokumente einer vergangenen Zeit sein.

*

»Er hat mich fortgeschickt. Den Buben soll ich nehmen, hat er gesagt, und schauen, daß ich hinauskomm'. Er muß allein sein. Ich hab nicht fortwollen. Ich hab gesagt, Alter, hab ich gesagt, ich laß dich nicht allein, du hast eine Dummheit im Kopf! Ob er schon einmal eine Dummheit gemacht hat, hat er gefragt. Die einzige Dummheit vielleicht ausgenommen, daß er sich so für das Häusl geplagt hat, von dem man nicht weiß, wem es einmal gehören wird. Ich war so aufgeregt, Herr Sekretär, und ich hab nicht fortwollen. Du gefällst mir nicht, hab ich gesagt, du hast was vor! Nichts hab ich vor, schreit er, garnichts, außer daß ich einmal allein sein will, weil ich nachdenken muß. Ich soll ihn nicht auch noch seckieren, hat er gesagt, und lieber einmal meine Eltern aufsuchen. Was hab ich tun sollen, wenn er mich doch schon beinahe hinausgeworfen hat? Folgen muß ich doch. Also hab ich das Buberl warm eingepackt und bin fortgegangen. Ich bin noch einmal vorm Haus stehen geblieben und hab zurückgeschaut. Da hat mein Alter gelacht und hat noch einmal gewinkt und geschrien, jetzt soll ich schon endlich einmal gehen, sonst wird es zu spät, ich käm' vielleicht gar erst im Finstern zurück und er will nicht, daß ich im Finstern herumtapp mit dem Kind. Da hab ich halt geschaut, daß ich weiter komm, aber ich bin nicht zu meinen Eltern. Das war mir zu weit, und dann, mein Alter ist mir doch nicht ganz richtig vorgekommen, und da hab ich mir gedacht, ich geh lieber zu Ihnen und frag, was ich tun soll. Weil, hab ich mir gedacht, Sie als Pate vom Peterl doch schon mit zur Verwandtschaft gehören.«

»Gleich wieder umkehren, Frau Erlacher!« rief ich, nach meinem Mantel greifend und den Hut aufstülpend. »Und ich geh mit Ihnen. Weiß Gott, was der Mann im Sinn hat!«

Wir hasten durch die Gassen, durch das Dorf, hinaus an den Rand, wo die letztgebauten Häuschen stehen. Wir haben viel Aufsehen erregt auf unserem kurzen Weg. Ich so schnell ausschreitend, daß die Frau nur mit Mühe Schritt zu halten vermag. Und die Frau den eingemummten Säugling an die Brust pressend. Beide angstgetrieben, in beider Gesichter wahrscheinlich alle Zeichen höchster Erregung. Leute, denen wir begegneten, an denen wir vorüberhasteten, blieben stehen, schüttelten den Kopf, schauten uns nach. Ich sah sie stehen, wenn ich mich umwandte nach meiner Gefährtin, die hie und da einmal verschnaufend ein wenig zurückblieb. Auch sah ich, daß in einiger Entfernung uns langsam ein paar Neugierige folgten.

Wir waren bald bei Erlachers Häuschen.

Nichts deutete auf irgend ein besonderes Geschehen hin. Nichts an dem Hause war verändert. Das stellte ich für mich selber fest, als ich der Haustür zueilte. Ich hatte mit einem einzigen Blick das Bild des Häuschens eingefangen, während ich ihm näher gekommen war, die letzten Schritte fast im Lauf zurücklegend.

Die Haustüre war unversperrt.

Der Hausflur leer.

Die Stubentür stoße ich auf.

»Gott sei Dank, Erlacher, daß ich dich so find! Du hast uns einen schönen Schreck eingejagt! Ich hab alles mögliche Schlimme befürchtet.«

Erlacher sitzt inmitten der Stube, ins Leere starrend. Ganz müde, ganz in sich zusammengesunken, ganz niedergebeugt. Langsam wendet er mir das Gesicht zu, ein vergrämtes ratloses Gesicht mit müden verzagten Augen.

»Was denn? Was hast gefürchtet?«

Jetzt ist auch die Frau hereingekommen. Sie lehnt sich keuchend an den Türpfosten, immer noch so fest wie während des Laufens den Kleinen an die Brust pressend. Langsam, langsam scheint sich die ungeheure Spannung zu lösen, langsam das Nachzittern der Erregung zu verebben. Ueber ihr angstverzerrtes, verquältes Gesicht fliegt Vorglanz eines aufkeimenden Lächelns. Nichts ist geschehen! Nichts!

»Hat mich meine Alte bei dir verklatscht, Sekretär? Hat sie dir den Kopf vollgesummt? Unnützer Weis'! Nichts hab ich tun wollen!«

Langsam richtet sich Erlacher auf. Als käme er aus Traumversunkenheit, aus Verlorenheit in tiefe Grübelei allmählich zu sich, streicht er mit der flachen Hand über die Stirne, schaut prüfend umher, als müsse er sich erst neugewöhnen an das altvertraute Bild seiner Wohnstube.

»Nicht wahr ist's! Ich hab wollen! Aber ich hab einfach nicht können! Ich hab nicht können!«

»Was hast nicht können? Was hast tun wollen, Alter?«

Die Frau hat mir das Kind in die Arme gelegt und ist zu ihrem Mann gesprungen und packt ihn und redet auf ihn ein, mütterlich-zärtlich wie zu einem verzagten verweinten Kind.

»Was ich hab tun wollen? Ich weiß es selber nicht mehr recht! Aber das ist mir schon die ganze letzte Zeit im Kopf herumgegangen, daß alles umsonst war, das Plagen und das Sparen, und daß mein Häusl, wenn ich arbeitslos bin und die Hypothek nicht mehr abtragen kann, versteigert werden wird und einem andern gehören wird. Und ich hab es doch gebaut! Für dich und mich und für unseren Peter! Daß er einmal nicht so wie ich in der Fremde herumstreifen muß. Daß er sein eigenes Dach hat, sein Heimatl! Und alles, alles umsonst, hab ich gedacht, das Sparen und das Sorgen und die Arbeit und die Freud! Und da hab ich mir gedacht, wenn man mir das Häusl nicht gönnt, dann gönn' ich's auch keinem andern. Ich weiß nicht mehr recht, was ich hab tun wollen. Nur das Gefühl hab ich gehabt, daß ich 'was tun muß! Deswegen hab ich dich mit dem Kind fortgeschickt. Ich hab mir überlegt, ob ich erst alles zusammenschlagen und dann das Häusl anzünden soll. Weißt, es hat mich so in den Armen gejuckt und in den Fäusten! Denen wer ich's zeigen, hab ich gedacht, denen, die mich von meinem Häusl vertreiben wollen! Alles zusammenschlagen und dann Petroleum darauf und ein Zündhölzl daran gehalten! Aber wie ich den Rock ausgezogen gehabt hab und mich in der Stuben umgeschaut und gedacht hab: so, jetzt packt es an – da hab ich nicht können!«

Mit einem kindlichen Lächeln, als müsse er um Nachsicht für seine Schwäche bitten, fügte er hinzu:

»Das Radiokastl hab ich schon gepackt gehabt und in die Höh' gehoben und hab es mit aller Wucht auf den Fußboden werfen wollen, – aber ich hab es wieder hingestellt. Ich hab es nicht können!«

Erlacher zuckte die Achseln, als begriffe er selber seine Schwäche nicht.

»Wie ich so das Kastl in die Höh' gehoben hab, da ist mir plötzlich eingefallen: Wie oft hat dein Weib sich gefreut über die Musik und du selber auch, wenn ihr am Abend so schön miteinander daheimgesessen seid! Und jetzt willst das Radio demolieren? Nein, das darfst nicht, das Radio darfst nicht zerschlagen! Was denn? Was? Ich hab mich umgeschaut – und da hab ich gewußt, daß ich überhaupt nichts tun kann, gar nichts. Ich hab doch selber mit angepackt beim Bauen, ich selber! Meine Arbeit steckt mit drinnen im Häusl! In den Mauern und im Dachstuhl! Und das Bier, das ich mir nicht gegönnt hab, und viele Pfeifen Tabak, die ich nicht geraucht hab – und da hab ich einfach nicht können! – Es war nichts geschehen, Alte, auch wenn du nicht den Sekretär geholt hättest! Ich hab nichts tun können und ich kann nichts tun!«

Ich gab Frau Erlacher das Kind zurück, lachte ihr und dem Manne zu und verabschiedete mich.

»Jetzt kann ich wohl schon gehen. Jetzt, wo ich gesehen hab, daß nichts zu befürchten ist. Aber gelt, Erlacher, du schimpfst nicht mit deiner Frau, weil sie mich geholt hat? Du hast dich doch ganz so angestellt gehabt, als wolltest du irgend eine Dummheit machen, und daß sie Angst gekriegt hat, wirst du doch begreifen.«

»Ah, wo werd' ich schimpfen! Froh werd' ich sein, wenn sie nicht schimpft! Hätt' ja Ursach' genug! Aber gelt, Rieger, du erzählst nichts von dem, was ich dir gesagt hab? Schließlich – geschehen ist ja nichts, und just alles müssen die Leut' ja doch nicht wissen!«

*

»Diesmal,« sagte Frau Aicher, als wir von der Bahnhaltestelle in den Ort zurückgingen, »diesmal wird mein Mann rechtzeitig zurückkommen, glaub' ich, gleichzeitig mit den anderen!«

Sie lachte, wurde aber gleich wieder ernst.

»Ob es überhaupt einen Sinn hat, daß sie nach Prag fahren? Ob es etwas nützen wird?«

Aicher, Bender und Schickel sind nach Prag gefahren zu einer letzten Aussprache, an der Arbeiter aus unserer Fabrik, Gewerkschaftsführer, Glasindustrielle und Vertreter der Regierung teilnehmen werden. Auch ein Werkbeamter ist mitgefahren. Und der alte Ratzer, der älteste Arbeiter.

Ob die Reise etwas nützen wird?

Niemand glaubt es und niemand will sich das Zerbröckeln alles Glaubens eingestehen. Jeder zweifelt sein eigenes Hoffen an und doch richtet sich jeder noch einmal an einer letzten Hoffnung auf.

Wer in den Bergen verunglückt ist, wird, auch wenn nur der Widerhall seiner Stimme, der von Mal zu Mal schwächer werdende Widerhall seiner dahinschwindenden Stimme ihm antwortet, doch um Hilfe rufen, so lange er noch eines halblauten Tones fähig ist.

Und der Schiffbrüchige auf einsamer Insel im Weltmeer wird nach Rettung ausspähen, so lange das Licht seiner Augen nicht erloschen ist, und in die Ferne winken, so lange sein Arm nicht in letzter Ermattung niedergesunken ist.

Wir wissen gut genug, daß wir an die Rettung der Fabrik nicht mehr glauben dürfen. Aber wir wollen glauben.

Wir wissen genau, daß jede Hoffnung enttäuscht werden muß. Aber wir wollen hoffen.

Wir wissen, daß unsere Freunde unmöglich die ersehnte Kunde von der Fortführung des Betriebes aus Prag mitbringen können. Aber wir waren doch froh, daß diese große Besprechung einberufen wurde.

Wir haben aufgeatmet, denn wir haben noch eine letzte Frist der Selbsttäuschung bekommen. Ein paar Tage, während deren wir uns sagen dürfen: noch ist die endgültige Entscheidung nicht gefallen! Ein paar Stunden noch, ehe wir hören, was wir zu hören erwarten.

*

Gestern habe ich mit vielen anderen unsere Vertrauensmänner zum Zug begleitet.

Heute früh bin ich mit Lore zur Haltestelle gegangen.

Nordwärtsfahrt! Pilsen, Prag, weiter nach Nordwestböhmen.

Lore tritt ihre Stellung in jener Fabrik an, für die unsere geopfert wurde.

Tränen und Lachen. Lachen weinenden Auges. Küsse und wieder Küsse. »Leb wohl!« und »Auf Wiedersehen!« Nicht im Bösen sind wir geschieden, wir haben Liebesbeteuerungen noch im letzten Augenblick gewechselt, als schon der Bahnbeamte das Zeichen zur Abfahrt gab.

Lore liebt mich noch, ich weiß es. Und ich weiß, daß ich sie noch liebe. Aber indem ich sage: »noch« – sage ich, daß unsere Liebe nicht mehr ist, wie sie war.

Lore wird wiederkommen. Sie hat ihre Eltern in Stangern und sie und die Heimat wird sie wohl manchmal besuchen.

Aber es kann geschehen, daß ich einmal, aus dem Fenster der Gemeindekanzlei schauend auf den Ortsplatz, Lore über ihn hinwegschreiten sehe, ohne daß sie den Blick herübersendet zu dem Hause, in dem sie mich weiß …

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