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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
projectidf6501fa3
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XIV.

Nacht hüllt mich ein. Nicht wie ein weicher, anschmiegender bergender Mantel. Nicht lind und süß und kosend. Keine mondenlichtdurchströmte Nacht wie die schöpferischen Nächte des Frühlings, in denen die Knospen schwellen. Schwere schwarze Nacht, schwer durch das auf der Erde und allem Lebenden und auf allen Dingen lastende Dunkel, schwer durch ihre Geheimnisse und schwer durch ihr Grauen.

Nach dem Begräbnisse bin ich, allem Gerede zu entgehen, dem Gebrodel der Erörterungen des Wann und Wie und Warum des Todes Hermanns zu entrinnen, allein weit hinausgewandert. Ich glaubte, keine Menschenstimme mehr ertragen zu können. Mit meinen Erinnerungen an den toten Freund, mit meinem zärtlichen und traurigen Denken an Hermann wanderte ich hinaus. Und so wie ich des Weges: kaum achtete, kümmerte ich mich nicht um das Eilen der Zeit und ich geriet in die Dämmerung und, als ich nun die Notwendigkeit endlicher Umkehr erkannte, bald auch in die nahende Nacht, die rascher war als meine beschleunigten Schritte …

Nur in einem sehr kleinen Umkreis vermögen meine Augen unscharfe Umrisse unbestimmter Dinge zu sehen. Wohl verspüre ich festen Boden unter den Füßen, doch im nächsten Augenblick kann ich in ein Loch, in einen Graben stürzen. Ins Ungewisse trete ich mit jedem Schritt, doch wandere ich ohne Unterbrechung weiter, begleitet vom Hall meiner Schritte, die mir jetzt ein freundliches Geräusch sind.

In weiter Ferne ein Lichterhaufen. Eine hochzinnige Stadt scheint dort zu sein, aber ich weiß, daß es die Lichter der Kohlengruben sind.

Um mich herum Wehen und Rauschen. Das Schneewasser rinnt von den Hängen. Das rauscht und rieselt und gurgelt. Leise und geheimnisvoll. Und leise knarren die Aeste unter dem Anhauch des von den Bergen niederstreichenden Windes. Als gespenstische Klumpen heben die Massen der Baumkronen sich dem Blick des Vorüberwandernden ab von dem nur um wenige Schattierungen lichteren Hintergrunde des wolkendunklen Himmels.

Gelärm eines Baches dringt wie höhnisches Gelächter zu mir herauf. Ich schreite über eine Brücke. Ein Klingen verhallt im Winde. Als ob der Wind Glöcklein mit sich führte – Sterbeglöcklein. Klagende Glöcklein. Ich weiß: das ist die kleine leere messingene Leuchtampel vor der alten Heiligenstatue auf der Brücke. Vom Winde hin und hergependelt, schlägt sie an den Stein an.

Niemandem begegne ich. Allein durchschreite ich das Dunkel. Das Dunkel spricht zu mir. Natur spricht zu mir, spricht durch das Rieseln und Gurgeln des Wassers, durch das Seufzen des Windes, das Knarren der Aeste, und ich kann nicht Antwort geben. Diese Nacht ohne Licht, diese sternenlose feuchte Vorfrühlingsnacht starrt mich an wie ein grauenvolles Gesicht. Käme jetzt ein Zug Toter mir entgegen, es könnte mich nicht wundern …

Zug der Toten! Dieser große Zug der Leidtragenden, der Teilnahmsvollen, der Trauernden heute nachmittag – er war doch wie ein Zug von Toten! In mehr als einer Seele hockte der Gedanke: der hat das Gescheiteste getan, der hat alles hingeworfen, der hat gewußt, daß alles Mühen nichts nützt! Und daneben kauerte doch das Grauen vor dem Tode, die Angst vor dem Hinabstürzen in das Nichts. Ach, jeder fürchtete sich vor sich selber, vor dem Durcheinander seiner Gedanken, die ihn zugleich festhielten im Licht und hinabzerrten ins Dunkel …

Nicht Angst und Schrecken sind in mir. Nur ein stetes Grauen vor der Finsternis. Und Grauen vor dem Zwiespältigen der menschlichen Seele, vor dem Bösen und Kalten in den Tiefen menschlicher Seelen.

Schwer legt sich die Nacht mir aufs Herz. Als wollte sie alle Sinne erstarren machen. Ich sehe nicht Farbe, verspüre nicht Duft. Nur Dunkel um mich und kühle Feuchte. Kein Wohllaut schmeichelt sich ans Ohr. Nur das unwillige zänkische Geplätscher der talwärts hastenden Gewässer und das Wehklagen des Windes dringt zu mir. Ich schreite aus, als hätte ich rasch ein Ziel zu erreichen.

Nicht wahr ist's, daß die Nacht keines Menschen Freund ist! Auf glückhaften Wanderungen durch milde Sternennächte habe ich mich freier, aufgeschlossener gewußt als an manchem Sonnentage. Näher gefühlt habe ich mich dem großen Rätselhaften, Geheimnisvollen, das wir hinter den Dingen ahnen und das uns nicht schreckenvoll dünkt, sondern groß und erhaben. Und bis an die innersten Tore glaubte ich mich vorgetastet zu haben, um dann demütig zu erkennen, daß sie nie werden entriegelt werden.

Und an frohe helle Nächte erinnere ich mich, in denen es keine Rätsel gab und keine großen Fragen sich aufdrängten, in denen es keine Zweifel gab und kein Bangen, weil wir die Gewißheit des Liebens und Geliebtwerdens in unseren Herzen trugen. Nächte der Zweisamkeit.

Doch ist es nicht das nächtliche Alleinsein, das das Grauen gebiert. Denn ich war allein in silbernen Mondnächten und war froh des Alleinseins, weil ich nur so Zwiesprache halten konnte mit mir und der Welt. Und sie nur dem, der allein vor sie trat, einen Blick in ihre Seele gewährte. Ach, und wenn sie ihm nur den Glauben ließ, daß er in ihre Seele schauen durfte!

Es ist nicht das Alleinsein.

Es ist das Einsamsein! Das Einsamsein in solcher Nacht! In dieser Nacht ohne Mondenglanz und ohne den Tanz der Sterne. Einsam, weil ich den Freund tot weiß.

Solange sein Leichnam nicht gefunden war, konnte ich mich an die Hoffnungslüge klammern, er sei noch, sei irgendwo in der Fremde, er sei und sende seine Gedanken in die Heimat und zu mir. Ich hatte ihn noch!

Ein rechter Mann muß einen Freund haben. Er kann allen Reichtum seines Herzens der Geliebten schenken und er wird doch noch übergenug haben für den Freund. Und er kann die ganze Seele und das ganze Herz der Geliebten als köstliche Geschenke empfangen und er wird doch noch immer auch der Freundesgaben bedürfen: seines Verstehens und seiner Anteilnahme, seines Wortes und der Wärme seines Mitempfindens. Mögen die schönsten Gedanken in der Stille keimen, so reifen sie doch im Gespräche mit dem Freunde.

Könnt' ich dich doch noch sehen, wie du in meiner Erinnerung lebtest, ehe ich dich zum letzten Male sah! Den lachenden Burschen mit den klugen Augen, könnt' ich doch ihn noch sehen! Aber ich seh nur noch den zerschmetterten Kopf …

Ich vermag dich nicht vor die Augen meiner Seele zu zaubern, wie ich dich sehen will. Kaum glaube ich dein Gesicht von einst erfaßt zu haben, so drängt sich das blutüberströmte Haupt dazwischen. Und nie mehr seh' ich den schlanken, froh ausschreitenden Jüngling, – nur noch den verkrümmten Leib des Toten im Heidenloch …

Ich habe doch Zeit! Ich hätte mich rastend auf das Brückengeländer stützen oder mich an einen Baum lehnen können. Warum tue ich es nicht? Weil ich den Bück der Nacht nicht ertragen kann!

Und es ist zugleich dein Blick! Blick aus gebrochenen Augen …

Weiter schreite ich, eiliger noch als vorhin, hinein in die Nacht. Schriee doch ein Käuzchen! Es wäre Laut eines lebenden Wesens! Hörte ich doch das Bellen eines Hundes!

So still ist alles wie heute nachmittag. Nein, das war nicht solche Stille. Wohl war, als die Abschiedsreden verklungen waren, die Menge lange wortlos um das Grab gestanden. Aber ihr Schweigen hatte erst das leise verhaltene Weinen der kleinen Therese hörbar gemacht. Und als die Frauen die zitternde Gestalt vorgebeugt am Grabrande stehen sahen, ihren Zustand erkannten, überflutete sie eine Woge des Mitleids und lautes Schluchzen brach auf aus ihnen, sie dachten nicht mehr der eigenen Sorgen und fühlten nur noch das ungeheure Leid der jungen Frau, die den Geliebten und Vater ihres Kindes verloren hatte. Sie stützend war ich neben Therese gestanden und hatte, als die letzten Schollen des Abschieds auf den Sarg hinuntergepoltert waren, sie sorglich hinweggeleitet vom Grabe und ihrem Vater zugeführt, der finster, mit zornverkniffenem Gesichte, seitwärts gestanden war.

Dann war ich, mühsam die Tränen niederkämpfend, Tränen der Trauer um den Freund und des Mitleids mit dem unglücklichen Mädchen, zu Lore gegangen. Ein frohes Aufleuchten ihrer Augen wird mich begrüßen und es wird wie ein tröstendes Licht sein! Ein paar Worte teilnehmenden Verstehens werden mich erquicken! In der Wärme ihrer Körpernähe werde ich mich wieder zur Freude der Lebenden zurückfinden …

Aber Lore raunte mir, während ihre Fingernägel sich in die Hand des Armes bohrten, den ich unter ihren geschoben hatte, zornig zu:

»Du, gelt, das war die Rote! Sie hat ganz ihre Größe! Wenn sie auch jetzt dicker aussieht! Wer weiß, ob das Kind, das sie trägt, wirklich das des Hermann ist! Wer sich auf einem Ball so an die Männer heranwirft!«

Ich löste meinen Arm und wandte mich, ohne ein Wort zu sagen, von Lore ab und ging fort. Rasch, rasch, als verfolgte mich jemand. Ich hätte jetzt nichts zu sagen vermocht. Oder nur böse Worte des Zornes. Ich ging und ging, aus dem Friedhof hinaus auf die Ortsstraße und weiter hinaus auf die Landstraße und wanderte ziellos immer weiter und weiter.

Ich kann diese Art der Eifersucht nicht verstehen. Daß man sich ein Phantom schafft, sich aus Vermutungen und Deutungen und Gespinsten der Phantasie eine Nebenbuhlerin zusammendichtet, um eifersüchtig sein zu können. Daß man auf einen Schatten eifersüchtig sein kann, auf einen längst vom Lichte des Tages ausgelöschten Schatten. Auf den Schimmer einer Farbe. Und daß diese Einbildung so überstark werden kann, daß sie das Vertrauen zum Geliebten überwuchern, den Glauben an ihn zerstören kann! Daß man der Gewalt einer Einbildung erliegen kann!

Vielleicht wollte Lore auch deswegen fort aus der Heimat, um dem roten Gespenst zu entrinnen? Und deshalb mich mit fortziehen, weil sie erst in der Ferne sich sicher fühlte, mich allein für sich zu haben? Aber würde sie nicht doch das Phantom mit sich nehmen in die neue Heimat? Stünde es nicht einmal unvermutet plötzlich, auftauchend aus den Tiefen der Erinnerung, trennend zwischen mir und ihr?

Steht es nicht jetzt schon so zwischen uns? Ich hatte es nie zu verscheuchen, denn für mich lebte es nie. Aber tritt es nicht für Lores Blick, so oft sie sich mir gesellen will, an meine Seite?

Wer vermag je ganz zu ergründen, was in der Seele eines andern, auch in der Seele des geliebtesten Menschen, geschieht?

Wäre ohne Ballbesuch und ohne das Auftauchen des rotmaskierten Mädchens, das sich entweder in scherzhafter Laune oder von einem plötzlichen Verlangen erfaßt an mich gedrängt hatte, nichts Trennendes, kein entfremdendes Gefühl, kein störender Gedanke zwischen uns getreten? Hatte nicht der erste eisige Hauch mich getroffen, als Lore damals, als ich ihr von meinem Bangen um das Schicksal der Arbeiter erzählt hatte, erstaunt fragte: Warum kümmerst du dich so sehr um die Arbeiter?

Wäre nur dieses rote Phantom!

Mehr quält mich eine Wirklichkeit: Daß unsere Körper einander so vertraut sind und unsere Gedanken so weit auseinandergleiten, daß unsere Leiber sich verschmelzen können und unsere Welten einander so fremd bleiben.

Das macht mich so einsam.

Und nie noch habe ich so stark Einsamkeit empfunden wie in dieser Nacht, nie ein so starkes Gefühl des völligen Alleinseins in der Welt!

Käm' doch ein wilder Sturm! Ein Sturm, der krachend Aeste von den Bäumen wirft, heulend über die Felder tollt, ingrimmig sich an mich wirft! Und brächen seine zornigen Hände die Riegel der Wolken auf! Und peitschte er mir den Regen ins Gesicht! Ich hätte mich zu wehren, ich müßte meine Kräfte anspannen, mich gegen seine Gewalt zu behaupten. Ich müßte mich gegen ihn stemmen und mir ihm zum Trotz den Weg bahnen!

Nur nicht diese Ruhe des Unheimlichen! Diese dumpfe Schwere, die schwarz auf dem Lande liegt! Sähe ich doch noch die Lichter der Schächte! Ich wüßte dort Leben! Wie Lichter der Erlösung wären sie mir! Ich fühlte mich nicht so verloren in dieser Nacht ohne Mond und ohne Sternenschimmer, in dieser feuchten Vorfrühlingsnacht mit gespenstischem Wind und gurgelnden Wassern …

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