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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
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X.

Gott und dem Vorsteher waren die Frauen und Mädchen, die sich mit vorsichtigen Trippeltritten dem Sternwirtshaus zubewegten, von Herzen dankbar für die Pflasterung der Hauptstraße und des Ortsplatzes. Warmer Wind hatte den Schnee aufgeweicht und wandernde Füße hatten ihn zu Quatsch zertreten. Wäre das Pflaster nicht, müßte man bis zu den Knöcheln im nachgiebigen Boden versinken. Und die Frauen hatten doch herrlich blankgeputzte Schuhe und die jüngeren und die Mädchen sogar weiße Tanzschuhe! Unter manchem Mantel lugte ein helles Kleid hervor. Tücher verhüllten die Köpfe, viele Gesichter waren unter Masken verborgen.

Neben den freudedurchzitterten Frauen und Mädchen, neben den vor Ungeduld und Erwartung wispeligen, gingen, ruhiger und gefaßter, doch nicht weniger festesfroh, die Gatten und Verehrer. Nicht so vorsichtig traten sie auf, es wäre ihnen fast unmännlich erschienen, und so stiegen sie, wo ihre Begleiterinnen besorgt auswichen, heroisch in den Schmutz, obwohl doch auch ihre Schuhe besonders schön geputzt waren.

Aus den Fenstern des Sternwirtshauses brach helles Licht, und ein Lichtstrom stieß aus dem ständig offenen Tor in die Nacht. Vorsorglich war beim Eingang Fichtenreisig ausgebreitet, zum Abstreifen des ärgsten Schmutzes von den Schuhen auffordernd. Und im Hauseingang lagen alte Säcke auf dem Boden. Hier setzte man das Reinigungswerk fort, ehe man sich, erwartungsvoll und doch zögernd, in den Saal wagte.

Geschmückt war der Saal, für den festlichen Anlaß bereitet, wie immer Dorf- und Vorstadt-Wirtshaussäle schön gemacht sind für Bälle und Kränzchen. Lampions hingen an Schnüren von der Decke nieder und von den Ecken schwangen sich zur Saalmitte, zur großen dort prahlenden Deckenlampe, buntfarbige Papierketten. Einige Bilder bekannter Arbeiterführer, die an den Wänden hingen, waren mit frischen Tannen- und Fichtenzweigen umrahmt, und man hatte ein Uebriges getan und auch die Musikantentribüne mit Reisig geschmückt. Die Wände entlang standen, dicht aneinandergerückt, Tische und Stühle, denn die Mitte des Saales hatte man frei halten müssen für die Tanzenden. Der Hausknecht betrachtete noch einmal prüfend den Boden, den er am Nachmittag tüchtig eingewachst hatte. Er schien mit seinem Werk zufrieden zu sein. Er nickte wohlgefällig und wandte sich dem Ausschank zu. Der Wirt würde seiner Hilfe bedürfen.

Ich umfaßte mit kaum neugierigem Blick das Bild, als ich mit Lore den Saal betrat. Von früheren Besuchen her, von Versammlungen und Bällen, kannte ich den Saal und kannte ich seine Ausschmückung. Aber das fiel mir auf, und es war Ursache eines belustigten Lachens, daß auch das Plakat, das zum Ballbesuch eingeladen hatte, als Wandschmuck verwendet worden war:

 

Einladung zum großen
GLASARBEITERBALL

in den festlich geschmückten Räumen des Gasthauses ›zum blauen Stern‹ am Faschingsamstag.

Masken erwünscht! Eintritt: für Herren
vier Kronen, für Damen drei Kronen.

Devise:

Eine Nacht im Reiche des Prinzen Karneval!

Glückslotterie! Um Mitternacht großer
Einzug der Masken! Die schönste Maske
wird prämiiert!

Der Reinertrag fließt dem Arbeitslosenfonds zu.

 

»Schön, daß Sie uns auch die Ehre geben, Herr Sekretär!« Grüßend streckte mir Schickel die Hand entgegen. Er trieb sich in der Nähe der Tür herum, offenbar fühlte er sich verpflichtet, besonders gern gesehene Gäste besonders zu begrüßen.

»O, und das Fräulein Braut! Das ist aber schön, Fräulein Lore, daß auch Sie zu uns kommen! Hoffentlich wird Ihnen der Ball recht gut gefallen!«

Schickel geleitete uns zu einem Tisch, der als Honoratiorentisch gelten mochte. Der Vorsteher und seine Frau saßen dort, der Oberlehrer nagte an einer Zigarre, die er hastig beiseite legte, als er uns kommen sah. »Willkommen, herzlich willkommen!« rief er uns zu. »Bitte Platz zu nehmen!« Er rechnete, da er über das Tanzalter längst hinaus ist, offenbar auf einen gemütlichen Plausch. »Heiß ist's, recht heiß, und der Ball hat noch gar nicht angefangen!« Mit dem Taschentuch strich er über die Glatze. »Nun, ich werde es schon aushalten, ich brauche ja nicht zu tanzen.«

Noch spielte die Musik keine Tanzweisen, noch spielte sie, zur Begrüßung der anrückenden Ballgäste, schmetternde Märsche.

Der Vorsteher schrie mir ins Ohr:

»Ich hab nicht mehr geglaubt, daß es heuer noch einen Glasarbeiterball geben wird! Aber ich bin froh, recht froh, daß wir ihn machen können. Nicht nur, weil der Anlaß ein so schöner ist. Da haben wir ihn einfach machen müssen. Irgendwie muß sich doch die Freude Luft machen! Aber noch etwas anderes: es ist gut, wenn die Leute einmal abgelenkt werden, wenn sie einmal aufgeweckt werden aus der Kopfhängerei! Hab' ich nicht recht?«

Und als ich bejahend nickte, fuhr Bender, nun freundschaftlich-vertraulich, fort:

»Sakrament, fesch ist das Mädel! Da muß ich schon gratulieren, Sekretär! Bildsauber ist sie! Und so fein aufgemacht!«

Lore hatte die letzten Worte gehört, sie hören müssen, weil die Musik plötzlich verstummt war und Bender in der lauten Art, in der er während des Geblases und Getutes begonnen hatte, weitergesprochen hatte. Glutrot wurde ihr Gesicht, aber sie lächelte dem Vorsteher dankbar zu, als der sie jetzt vergnügt anblinzelte. Mir aber raunte sie, während wir uns am Tisch der Honoratioren niederließen, zärtlich zu: »Für dich habe ich mich schön gemacht! Dir will ich gefallen!«

Keines Schmückens und keines festlichen Kleides hätte es bedurft, um mir zu gefallen. Aber ich gestand mir in diesem Augenblicke doch, daß ich stolz war auf Lore. Ich habe sie immer schön gefunden, sehr schön. Sie war mir zur Verkörperung, zum Inbegriff weiblicher Schönheit geworden. Nie hatte ich darnach gefragt, ob sie auch anderen gefiel, ob auch andere sie so hoch einschätzten. Für mich ist sie so schön, weil ich sie liebe. Versuche ich, mit Worten ihr Bild zu malen, so versagt alles Mühen. Will ich nicht abgebrauchte Bilder, die doch nichts mehr sagen, will ich einfach beschreibende Worte gebrauchen, so entsteht kein lebendiges Bild. Denn was sagt das: Blitzende blaue Augen, eine schöne gerade, feinflügelige Nase? Ich könnte noch sagen, daß sie wohlgebaut ist und ihre freie, unbefangene Haltung, ihr Geradeausschauen mich entzückt. Und daß ich ihre schmalen Hände liebe, obwohl sie gar nicht blütenweiß sind, sondern eher ein wenig wettergefärbt. Heute aber gefiel sie mir über alle Maßen in ihrem hellfarbigen langfließenden Kleid; ich war stolz auf sie und stolz darauf, daß andere ihr prüfende, bewundernde, entflammte Bücke zusandten …

»Die Krise,« sagte der Oberlehrer, und er beugte sich weit vor über den Tisch, um besser verstanden zu werden, weil eben jetzt die Musik mit einem kräftigen Stück einsetzte, »die Krise, Herr Sekretär, muß sich totlaufen! Und sie wird sich totlaufen! Ich habe mich schon oft mit dem Herrn Vorsteher darüber gestritten, der behauptet, sie sei in den Produktionsverhältnissen begründet, unserem Produktionssystem sozusagen immanent! Da schaltet man ja den Menschen einfach aus! Da könnte ja der Mensch einfach nichts tun gegen die Krise! Ich sage Ihnen aber, Herr Sekretär, – und Ihnen, Herr Vorsteher, sag ich's auch …«

»Aber meine Herren, Sie werden doch nicht glauben, daß ich mit meinem Freund einen Ball besuche, um Diskussionen zuzuhören! Tanzen will ich! Und wenn mein Herr mich nicht um einen Tanz bittet, so muß ich halt meinen Herrn auffordern! Darf ich bitten, Herr Sekretär?«

Lachend hob Lore mir die verlangenden Arme entgegen.

Tanzen! Daran hatte ich wahrhaftig nicht gedacht! An jedem Glasarbeiterball hatte ich bisher nur als Zuschauer teilgenommen, hatte ihn in Gesellschaft guter Bekannter plaudernd und schauend versessen. Nie hatte mich einer der Freunde tanzen gesehen. Bender und der Oberlehrer machten denn auch große Staunaugen, als sie mich an Lores Seite, Lore sich mir in die Arme schmiegend, ins Gewühl gleiten sahen …

»Lore, liebe Lore, ich weiß doch gar nicht, was für ein Tanz das ist, wie man sich zu bewegen hat, was für Schritte man zu machen hat! Ich habe, und das ist auch schon lange her, nur Walzer getanzt und kenne keinen der neuen Tänze!«

»Macht nichts, Lieber! Wenn ich dich nur in den Armen habe, du mich in den Armen hältst! Und einer den anderen fühlt! Komm nur, ich führe dich! Es ist nicht so schwer, wie du glaubst! Das ist jetzt ein Foxtrott – wenn du den nicht richtig tanzen kannst, so gleitest du, meinen Schritten folgend, mir nach. Etwas von Rhythmus wird sich ja doch auch dir mitteilen! Und wenn es eine Wendung gilt, werde ich dich schon mit herumdrehen!«

Willenlos ließ ich mich mit fortziehen, machte viele, viel mehr schlecht als recht schleifende Schritte nach dem Takte der Musik, war froh, die Geliebte mir so nahe, so eng an mir, in meinen Armen sie zu haben, und fühlte mich doch gar nicht wohl. Aller Augen, bildete ich mir ein, müßten nach mir sehen, alle Ballbesucher über mich lachen. Es war schon so, wie Lore vorausgesagt hatte, ich fühlte den Rhythmus, wurde von ihm erfaßt, gewann sogar ein wenig Freude am Tanz, aber ich kam mir doch unsäglich lächerlich vor. Nicht das Tanzen erschien mir lächerlich, aber daß ich im Wirbel der anderen mit herumstolperte, ein Plumpsack, der unaufhörlich an andere stieß, anderen ein Hindernis war, manchmal wie hilflos eingekeilt in der Menge sich fühlte und nur sich durchwinden konnte, weil eine gute und gutwillige Tänzerin ihn führte. Aber die Leute schienen meinen Tanz anders aufzufassen, als ich befürchtet hatte. Es freute sie wahrscheinlich, daß ich auf ihrem Ball nicht bloß abseitiger Zuschauer war. Fröhliche Gesichter nickten im Vorübergleiten mir freundlich zu, einer der Tanzenden schrie im Vorbeiwirbeln: »Bravo, Herr Sekretär!« und als ich mit Lore einmal im Gedränge steckte, ratlos, wie nach Hilfe mich umsehend, stieß mich ein Bekannter kameradschaftlich mit dem Ellbogen zwischen die Rippen und riet: »Augen zu und weitertanzen!«

Aber ich war doch herzensfroh, atmete wie nach Entrinnen aus schwerer Gefahr auf, als der Tanz zu Ende war und ich Lore zu ihrem Platz zurückgeleiten konnte. Die Geliebte preßte heftig meinen Arm. Leise sagte sie dicht an meinem Ohr: »Getanzt hast du miserabel, aber es war doch schön, weil du mit mir getanzt hast! Ich glaube, jede Frau wünscht mit dem Geliebten zu tanzen!«

Scherzend empfing mich der Vorsteher:

»Bravo, Sekretär! Das muß man Ihnen lassen: Courage haben Sie! So mir nichts, dir nichts hineinzuspringen! Und eine tapfere Braut haben Sie! Ich habe schon gesehen, Fräulein Lore, wie Sie sich geplagt haben!«

»O, jede Frau muß sich plagen, bis sie ihren Mann richtig erzogen hat! Und ich werde ihn schon zu einem richtigen Mann erziehen!«

Aber einige der nächsten Tänze tanzte sie doch mit anderen Männern, sie hatte sich nicht ungern von ihnen auffordern lassen. Und mir war es Freude, ins Gewoge zu schauen, Lores Weg zu verfolgen, ihre grüßenden Blicke aufzufangen, wenn sie vorüberglitt. Während meine Blicke über das Gewirr der Tanzenden streiften, das farbige Gesamtbild auffangend und doch auch manches Einzelbild: eine leuchtendrote Maske, eine knallgrüne Sennerin, den lachenden Aicher, seine hübsche rundliche Frau, die unmaskiert war – wie Lore, die es auch verschmäht hatte, ihr Gesicht zu verbergen –, während das alles, Farbenkleckse, Menschengewühl, drehende, kreisende, schiebende Menschen und aus der Menge herausleuchtend, zu mir emporleuchtend – Lores Augen, klar und scharf vor mir stand, hatte ich zugleich Visionen von Tänzen:

Zu schmeichelnder Musik aus unsichtbarer Quelle wehen, unter hellstrahlenden Lustern, über spiegelnden Boden Paare im Walzertakt, wenige Paare nur, und die Frauen haben weite Röcke, die sich glockenförmig breiten während des Tanzes …

Und ich sehe mich mit Lore tanzen, so wie sie es von dem Tanz, den sie mit mir gewagt, erwünscht hatte: langsam, gleitend-schreitend, hingegeben einander, beide durchströmt vom gleichen Rhythmus. Und wir tanzen ganz allein …

Und unter silbernem Mond tanzen auf weißer Waldwiese nackte Mädchen. Ihre Körper blühen weiß im Licht, das in dichten Garben über sie ausgegossen ist. Gemessen, fast priesterlich-feierlich sind ihre Bewegungen. Heben sie die Gesichter, dann brennen in ihnen ekstatische Augen …

»Komm, Sekretär, tanz auch einmal mit mir! Guck nicht, träum' nicht! Komm, komm tanzen!«

Die rote Maske. Etwas phantastisch, aber nicht selten auf Arbeiterbällen. Eng anliegendes, anschmiegendes rotes Kleid. Auf dem Kopf eine phrygische Mütze. An der Spitze der Mütze glüht manchmal ein elektrisches Lämpchen auf.

»Wie machst denn das, Freiheitsgöttin, wenn du das Licht leuchten läßt?«

Ein junger Bursche, der sich herzugedrängt hatte, fragte so.

Die Rote lachte.

»An meiner Brust«, erklärte sie, »unter dem Kleid, habe ich eine kleine Batterie. Und wenn ich daran drücke, glüht die Lampe auf. Siehst du da die Schnur, die hinaufführt zur Mütze?«

»Ah ja, freilich sehe ich sie, freilich! So viel versteh' ich schon von der Elektrizität! Aber was ich sagen will: darf man da einmal drücken? Möcht doch sehen, ob die Sach' funktioniert!«

»Nicht bei dir! Mancher möcht probieren! Nichts da! Hände weg von der Freiheit! Und jetzt, Sekretär? Willst nicht den Walzer mit mir tanzen?«

Walzer? Das konnte ich versuchen! Vom Walzer hatte ich doch wenigstens noch eine Ahnung … Und schon zog mich die Rote mit sich fort, schon hatte sie sich mir in die Arme gelegt, schon hatte mich der Strom der Tanzenden gepackt und trug mich, trug uns mit fort …

»Wenn ich einen gern hab und ihn an meine Brust presse – wenn mich einer lieb hat und seine Hand sucht nach meinem Herzen, du, dann glüht die Lampe auf!«

Ich antwortete nicht. Tanzsaalgeschwätz, dachte ich. Was soll ich dazu sagen? Ich habe genug zu tun, wenn ich aufpasse, nicht aus dem Takt zu kommen. Ich kann nicht auch noch Konversation machen.

»Du! Rot ist die Farbe der Liebe! Weißt du es nicht?«

Ich schweige weiter. Jetzt sind wir im dichtesten Gewühl. Ich muß den linken Arm einziehen, will ich nicht anderen Tanzenden ins Gesicht stoßen. Meine linke Hand, die ihre Rechte hält, ist nun fast eingeklemmt zwischen uns – und da läßt ihre Hand los, für eine Sekunde nur, erfaßt wieder meine, die Schale ihrer Hand legt sich an die Oberfläche meiner Hand, preßt sie, für eines Augenblickes Dauer, an ihre Brust …

»Jetzt ist das Licht erglüht! Da drinnen in der Brust! Hast du's nicht auch gespürt?«

»… Franz! Franz! Du hast doch den ersten Walzer mit mir tanzen wollen! – Verzeihung, Fräulein!«

Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt, löst Lore mich aus den Armen der roten Maske und stürzt sich, mich umklammernd, ins flutende Gedränge.

»Franz, warum hast du denn nicht gewartet! Warum hast du dich denn von dem unverschämten Frauenzimmer wegschleppen lassen!«

»Aber Lore, du warst doch nicht da! Du bist doch mit deinem früheren Tänzer am anderen Saalende gewesen!«

»Konnte ich denn wissen, daß jetzt ein Walzer kommt? Du hättest auf mich warten müssen! Du hast mir den ersten Walzer zugesagt gehabt! Ich habe mich so gefreut – und so verdirbst du mir die Freude!«

Fast ingrimmig tanzte Lore. Wie in wildem Zorn. Aber der Walzer war nun bald zu Ende. Als ich, schwer atmend, ein wenig benommen, mit Lore, die an meinem Arm hing, durch den Saal schlenderte, fragte sie:

»Wer ist die Rote?«

»Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, wer sie ist. Wie soll ich wissen, wer hinter der Maske steckt!«

»Verrückt ist sie! Sie hat es auf dich abgesehen! Ich hab doch gesehen, wie sie dich an sich gezogen hat! So eine Schamlosigkeit!«

Lore ließ während der ganzen Zeit, die wir nun ausruhend an unserem Tische verbrachten, die Rote nicht mehr aus den Augen. Sie sah ihr nach, wenn sie mit einem Tänzer durch den Saal schritt, folgte ihr mit den Blicken, wenn sie tanzte. Erst allmählich, als die rote Maske uns längere Zeit fern geblieben war, schien Lores Mißtrauen zu verblassen.

Lauter wurde es ringsumher. Lauter quäkte, so schien es mir, die Musik. Lauter war das Gescharre der Tanzenden. Lauter das Kichern der Frauen. Lauter wurden auch die Stimmen der diskutierenden Männer. Ein paar übermütige Burschen hatten sich häßliche rote Papiernasen angeheftet und bunte Papiermützen auf die schwitzenden Schädel gestülpt.

Rauchschwaden zogen über den Köpfen der Tanzenden dahin …

Ich sah den Sternwirt, in einer Arbeitspause zwischen dem eifrigen Ausschwenken und Füllen der Gläser, sich vergnügt die Hände reiben. Er mochte an den Gewinn denken, den diese Nacht ihm brachte. An diesem Ball verdienten viele. Oder sie glaubten wenigstens an ihm zu verdienen. Die beiden Friseure hatten genug und übergenug zu tun gehabt, die Haare der Ballfreudigen zu ondulieren, schöne Frisuren zurechtzumachen. Sie hatten selbstverständlich auf Kredit arbeiten müssen! Wer hätte Geld gehabt, den Friseur zu bezahlen? Aber die Friseure waren gern bereit, auf die Bezahlung zu warten. Wenn die Fabrik wieder in Gang war, bekamen sie schon ihr Geld! Und die Schuster hatten ebenso gern Schuhe instand gesetzt und neue Schuhe geliefert, und die Frau Kohler, die einzige Damenschneiderin des Ortes, hatte in der Erwartung der baldigen Begleichung aller Rechnungen mit ihrer Tochter, die auch ihre Gehilfin war, Tag und Nacht an den einfachen Festkleidern der Frauen und Töchter unserer Leute gearbeitet. Und Frau Kohler und die Schuhmacher und die Friseure hatten, mit dem Hinweise auf die größeren Einnahmen der nächsten Zeit, mehr als sonst an Waren heimgetragen vom Fleischer Thomas und vom Kaufmann Luckschandl. Nach all der Plage wollte man sich doch einmal einen Festbraten gönnen und einen guten Kaffee! Und gern hatten Luckschandl und Thomas auf Borg gegeben, froh, daß endlich wieder Leben in den Ort kam, endlich wieder die Geschäfte in Gang kamen! Und mit dieser Begründung hatten auch sie neuen Kredit bekommen …

Mit wirklicher Berechtigung aber rieb sich der Sternwirt gewinnfreudig die Hände. Er nahm heute wirklich wieder einmal etwas ein! In der Ballnacht gab es keinen Kredit, kein Aufschreiben, Da wurde bar bezahlt, und wer den Ball mitmachen wollte, hatte eben die letzten Kronen zusammengekratzt, die Sparkassen der Kinder zerschlagen oder doch noch bei einem Freunde etwas geborgt. Was machte es schon aus! Einmal im Jahr muß man doch lustig sein! Und in ein paar Wochen, wenn erst die Fabrik wieder richtig in Betrieb sein wird, kann man alles zurückzahlen …

Höher steigen die Lärmwogen. Aus dem kreischenden, lachenden, kichernden Durcheinander der Tanzenden gellen Jauchzer auf, jodelnde Schreie. Schwerer, dicker, beklemmender wird die Luft. Auf den Tischen breiten sich Bierlachen aus. Unter ihnen liegen auf dem Fußboden Zigarettenreste.

»Die letzten Lose! Das Los bloß eine Krone! Reingewinn für die Arbeitslosen!«

Die rote Maske steht an unserem Tisch, bietet, anmutig knixend, auf einem Teller Lose an.

»Was kann man denn gewinnen?«

»Erster Haupttreffer eine lebende Gans. Zweiter Haupttreffer eine große Torte. Dritter Haupttreffer ein großes Kipfel. Andere Treffer: süße Herzen. Herzen aus Lebkuchen natürlich. Andere gelten nicht so viel. – Die letzten Lose, Herr Sekretär, die letzten Lose, Fräulein Braut! Gewinnlose! Aufbewahrt für Sie! Gleich nach der Demaskierung, nach dem Einzug der Masken, ist Verlosung!«

»Wer sind Sie?« fragte Lore.

»Wer ich bin? Sagt es nicht mein Kleid? Und wer ich sonst noch bin – ist es nicht gleichgültig?«

Ich greife nach den Losen, zahle, sehe die Rote sich dankend verneigen und rasch in der Menge verschwinden. Lore starrt der roten Mütze nach, während ich die zusammengefalteten Papiere, auf deren Innenflächen die Losnummern geschrieben sind, langsam öffne und geglättet vor Lore hinlege. Plötzlich stutze ich, starre auf den entfalteten Papierstreifen, möchte ihn am liebsten zusammenballen und wegwerfen, unter den Tisch, ihn mit dem Fuß zertreten – aber Lore hat ihn schon gesehen, hat mein Zögern gesehen, nimmt das Papier, liest zornig, was ich soeben gelesen habe. Keine Losnummer – mit steilen Buchstaben hingeworfene Worte:

»Du hast die Liebe verschmäht! Was kannst du jetzt gewinnen? Eine Gans!«

»So eine Frechheit! Wenn ich sie erwischen könnt', risse ich ihr die rote Mütze vom Schädel! Aber wart nur, bei der Demaskierung …!«

Lore ist tiefzornig. Tränen stehen in ihren Augen. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt.

Zum Glück wird jetzt, nach einem kräftigen Tusch, die Sammlung der Masken zu festlichem Einzug verkündet. Buntes wirbelndes Durcheinander, die Masken drängen hinaus in den Nebenraum, in dem sie sich versammeln sollen, und das geht nicht ohne Stoßen und Pressen und Lachen und Schreien ab. Und während die Musikanten sich in Positur setzen und die Noten vorbereiten zum Einzugsmarsch, der Wirt sich aufseufzend an die Wand lehnt, ein Weilchen zu verschnaufen, Wirtin und Küchenmädchen herbeieilen, das Schauspiel mitzugenießen, sammeln sich die Männer und die unmaskierten Frauen und Mädchen an der einen Längswand des Saales zu einem dichten Spalier. Und nun kann ich, neben Lore stehend und sie umfangend, sie zärtlich tröstend, begütigend streicheln, ganz sanft und zart. Und ich brauche nichts zu sagen. Lore versteht mich. Als meine Hand emporgerückt ist bis zu ihrer Schulter, beugt sie den Kopf zur Seite und preßt ihre Wange an meine Hand. Und ich weiß nun, daß ihr Zorn verflogen ist, daß sie wieder ruhig geworden ist …

Der Einmarsch und Umzug der Masken, so jubelnd er begrüßt wurde, war keine Verschönerung des Ballbildes. Und die Demaskierung brachte keine Ueberraschungen. Die Rote war nicht mit einmarschiert. Sie war nicht mehr zu sehen.

»Sie hat sich gedrückt,« sagte Lore verächtlich. »Sie hat schon gewußt, daß ich mit ihr abrechnen würde!«

Zum Toben steigerte sich der Lärm, wiehernd wird das Gelächter der Männer, schrill das Gekreische der Frauen, als nun, dem Maskenzuge nachholpernd, zwei junge Burschen einen Divan hereinschleppen, einen alten Divan, den sie wahrscheinlich aus der Wirtsküche entführt haben und an dem gar nichts Bemerkenswertes ist als ein großes Plakat, auf dem mit riesigen unbeholfenen Buchstaben geschrieben ist: Achtung! Man liegt nicht auf mir, man schläft unter mir!

Alle wissen: das ist auf den Aicher gemünzt! Und alle werden still und alle schauen neugierig nach dem Aicher: was wird er tun? Wird er lachen? Wird er toben? Man kennt ihn als gutmütigen Kerl, aber …

Der Aicher ist glutrot. Er schaut ein paar Minuten reglos nach dem Divan. Den haben die Träger niedergleiten lassen und stehen nun, verlegen grinsend, daneben. Plötzlich stürzt der Aicher auf sie los. Vor ihnen steht er, vor den erschreckt Zusammenzuckenden, beide Hände hebt er, die Fäuste schweben in der Luft – es war, als zögere der Aicher noch, sie niedersausen zu lassen.

Jäh ist seine Frau zu ihm geglitten, sie schiebt ihn rasch zur Seite – und da der Mann, noch immer nicht zur Besinnung gekommen, sich ihr nicht widersetzt, glauben die Burschen, der Gefahr entronnen zu sein. Aber plötzlich klatscht Frau Aichers Rechte erst dem einen, dann dem andern ins Gesicht. Die Burschen wagen kein Wort der Empörung.

»Das ist meine Sach'!« ruft Frau Aicher ihrem Mann zu.

»Das war und das ist meine Sach', die Geschichte mit dem Divan. Oder hat jemand eine andere Meinung?«

Nein, niemand. Die Burschen schleichen, den Unglücksdivan mit sich schleppend, als Geschlagene im wörtlichen und übertragenen Sinne aus dem Saal, verfolgt von höhnendem Gelächter. Und während nun das Gespräch wieder aufrauscht, verkündet, rasch die Gelegenheit wahrnehmend zur Schaffung günstigerer Stimmung, einer der Leute, die mit der Lotterie zu tun haben, daß jetzt die Verlosung beginne.

»Ich möchte gehen,« sagt Lore. »Ich habe genug. Ich bin müde. Und es gefällt mir nicht mehr.

Wie sehr bin ich mit Lores Vorschlag einverstanden!

Ist nicht der Ausklang fast jedes Festes trübe? Folgt nicht fast jedem seltsame Stimmung der Wehmut – im besten Falle! Zumeist aber Niedergeschlagenheit und Verdrossensein? Liegt es an uns Menschen, weil wir verlernt haben, uns ganz der Freude hinzugeben, oder daran, daß wir nicht verstehen, unsere Feste richtig zu gestalten? Muß jedes bißchen Lust schalen Nachgeschmack zurücklassen, gibt es keinen Becher reiner Freude? Ich entsinne mich keines Festes, von dem ich ganz zufrieden, ganz froh, mit heiterer Seele fortgegangen wäre …

Während ich Lore in den Mantel hülle, stürmt plötzlich Gelächter auf uns ein.

»Der Sekretär hat den Haupttreffer gemacht! Da sieht man, wer Protektion hat! Da hast du die Gans! Wenn ihr euch dazuhaltet, kann sie euer Hochzeitsbraten werden!«

Einer, ich weiß nicht mehr, wer es war, bringt die Gans, – armes Tier, eingezwängt in eine Lattenkiste, die ihr nicht die geringste Bewegung erlaubt. Zwischen zwei Latten ist der Hals durchgepreßt.

Was soll ich mit der Gans? Zuwider ist mir der Zufall, der sie mir gab. Behalte ich sie, so gibt es vielleicht doch allerlei Gerede: Just der hat sie gewonnen, der sie nicht braucht! Und wer weiß, ob nicht gemogelt wurde! – Rasch wende ich mich dem Vorsteher zu:

»Geben Sie die Gans einer armen Familie!« Einer, die schon lange kein ordentliches Essen hatte!«

Ich stelle, ohne eine Antwort abzuwarten, den Holzkäfig vor dem Vorsteher nieder, rufe ihm, rufe den nächststehenden Bekannten Gute Nacht!-Grüße zu und dränge mich mit Lore aus dem Saal.

Beglückende Frische empfängt uns, umfängt uns. Es ist kalt geworden und trocken. Witternd hebe ich mein Gesicht dem prickelnden Luftzug entgegen, der die lange Ortsstraße herabstreicht. »Wir bekommen Schnee!«

Und dann den Blick emporgehoben zum Sterngeflimmer!

Und an meiner Seite das geliebte Mädchen.

»So, jetzt losmarschiert!«

»Ja, gehen wir – gehen wir heim – zu dir!«

*

Warum zitterte die Hand, die den Schlüssel in das Schloß schob?

Warum diese Erregung, die in Wellen meinen Körper durchlief, deutlich fühlbar?

Als wäre ich ein Jüngling, der erster Umarmung der Geliebten entgegengeht!

Nicht der ersten, aber einer anderen. Und jede neue Umarmung der Geliebten war mir immer ein neues, anderes, einmaliges Erlebnis gewesen. Und bisher hatten wir uns einander nur im Freien gegeben, war es wohl geheimes, unausgesprochenes ersehntes Ziel jeder Wanderung gewesen, eins dem anderen ganz zu gehören, aber es war doch immer wie etwas Ungefähres, Unerwartetes gewesen, unerhoffte und um umso beglückter empfangene Krönung eines sonnigen Tages. Und nun war alles Beiläufige ausgeschaltet, war unser Weg bewußt zweckhaft geworden. Auch wenn kein Wort es angedeutet hatte, war sein unmittelbares Ziel geworden, was mir bisher immer nur wie das Geschenk einer begnadeten Stunde erschienen war. Es irritierte mich, und doch war ich so voll Sehnsucht! Wie viele, viele lange Wochen lagen zwischen dieser Nacht und dem letzten Sonnentag! Und es waren dazwischen fliehende Wolken und Sturm und Regen, klirrender Frost und Schnee und neuer Wärmeeinbruch und Regen und wieder Schnee. Und alle die Wochen seit dem Tod des Sommers waren Wochen ungestillten und deshalb täglich wachsenden Verlangens! So sehnte ich mich denn der neuen ersten Stunde wirklichen Alleinseins entgegen und bangte zugleich vor ihr.

Noch andere Ursachen hatte meine Erregung.

Ich wußte, daß Lore bedenkenlos meiner Einladung gefolgt wäre, mich in meiner Stube zu besuchen. Sie hätte sich nicht um das Gerede der Leute bekümmert. Wahrscheinlich nahm sie an, und wahrscheinlich war ihre Vermutung richtig, daß, sofern man sich überhaupt um unser Tun kümmerte, das Gerede, das den Ort durchlief, das gleiche war, ob sie Gast in meiner Wohnung war oder nicht. Es gibt hier niemanden, der einem Liebespaar zutraut und zumutet, keusch verzichtend dem Hochzeitstage entgegenzuharren. Ja vielleicht gab es deswegen, weil man die allgemeinen Selbstverständlichkeiten des Liebeslebens auch auf uns übertrug, überhaupt kein uns umkreisendes Gerede.

Und doch hatte ich immer das Gefühl gehabt, ich müsse ängstlich auf Lores Ruf achten, sie vor übler Nachrede bewahren, und deshalb hatte ich sie nie gebeten, zu mir zu kommen.

Die armen Leute haben es schwer mit der Liebe. Im Sommer, ja, da gehört ihnen ein großer Teil der Welt: Der Wald, der Ackerrain, die wogenden Felder, die schützenden Hecken, in den Städten die Bänke in den Parkanlagen, der Winkel beim Haustor. Aber wenn schlechtes Wetter kommt, Stürme Regen übers Land werfen und der Frost über die Erde schreitet! Müssen die armen Liebesleute ihr Verlangen über den Winter in den Frühling hineintragen? Denke ich an die übervölkerten Wohnungen unserer Arbeiterfamilien – wo wäre da, neben Eltern und Geschwistern und Großeltern, Platz für seliges Alleinsein junger Liebender? Beim Bauern hat nicht nur die Tochter, hat auch die Magd ihre Kammer, und ist die Kammer auch nur so klein und dürftig. Die heranwachsende Tochter des Arbeiters muß zumeist mit den anderen in einem Raum schlafen! Ach, man kümmert sich um kein Moralgerede, man weiß – oder glaubt doch, es zu wissen –, daß die Söhne und Töchter der Wohlhabenden, des Bürgertums, ihre Jugend nicht anders genießen! Aber wo ist in den Arbeiterwohnungen Platz für junge Liebende?

Im dunklen Hausflur schmiegte Lore sich an mich. Ein langer inniger Kuß, und dann ihre flüsternde Stimme:

»Denk nicht an die Menschen! Wir leben unser Leben für uns, so wie die anderen für sich leben. Was kümmert's andere, daß wir uns lieben?«

So hatte Lore meine Erregung bemerkt und richtig gedeutet!

Nicht ganz … es war da noch etwas anderes, etwas Unfaßbares, nicht zu Erklärendes …

Leise, vorsichtig mit der freien Hand an der Wand tastend, führte ich Lore die hölzerne Treppe hinauf, ängstlich deren Knarren lauschend, das wohl nur mir so laut schien wie das Krachen zersplitternder Balken, aber gewiß von niemandem im Hause gehört wurde, nicht von der Hausfrau, nicht von ihren Kindern. Und nun, im Aufwärtsschleichen, Tritt um Tritt, im Ohr das Aechzen der Treppe und das Rauschen des Kleides Lores, in meiner Rechten das warme weiche Händchen der Freundin, – während dieses Hinaufsteigens im Finstern, wandelte sich mir das Erlebnis des Augenblicks, fühlte ich mich umweht vom Hauch eines lockenden romantischen Abenteuers …

Aber es war nicht das Zimmer eines Abenteurers, in das ich Lore eintreten ließ, es war eine einfache gemietete Stube, meine kleine Wohnstube, die ich mit geringem Aufwand für meine Bedürfnisse zurechtgemacht hatte. Lore kannte sie schon. Gemeinsam mit Hermann war sie bei mir gewesen, einigemale. Aber damals war es heller Tag und Sommer und weit offen stand das Fenster und Blumen blühten auf dem Gesims und breite leuchtende Streifen warf die Sonne herein. Jetzt fiel von der Decke, die Ecken in verschwimmendem Halbdunkel lassend, Licht auf den Tisch in der Zimmermitte, auf ein paar Bücher, eine Schale mit Obst, einen Stapel Zeitungen. Im Schatten lag mein Büchergestell, im Schatten stand an der Wand das Bett. Und doch schien es mir jetzt breit und aufdringlich da zu stehen, so absichtsvoll …

Lore ließ sich den Mantel abnehmen und reckte sich – und wie ich sie so vor mir stehen sah im fließenden Kleid, die Arme dehnend erhoben, den Kopf zurückgeworfen, da packte mich wieder die Freude und glücklich lächelnd trat ich auf sie zu. Lore aber ließ die Arme sinken, sah mir entgegen, hob wie in plötzlichem Entschluß die Hände, legte sie mir auf die Schultern. Tief drang ihr Blick mir in die Augen. Bohrender, forschender, befehlender Blick.

Wie ein Schlag traf mich ihre Frage:

»Wer war die Rote?«

Die rote Maske? Ich hatte sie längst vergessen gehabt, ich sah doch nur Lore, dachte nur an Lore. Und ich wußte wirklich nicht, wer das wunderliche Mädchen war.

»Ich weiß es nicht, Lore. Weiß es wirklich und wahrhaftig nicht! Irgend ein exzentrisches Ding. Oder vielleicht jemand, der uns kennt und uns ein wenig ärgern wollte!«

»Nein, Franz, das war echt! Die hat dich wirklich haben wollen! Aber du: ich teile mit niemandem! Entweder hab ich dich ganz oder gar nicht! Merk dir's!«

Sie ließ die Hände niedergleiten. Und als wären ihre herrischen Worte nur eine nebensächliche Zwischenbemerkung gewesen, räkelte sie sich wieder und sagte mit gekünstelt klagender Stimme, als wäre sie ein schläfriges Kind: »Ich bin müde!«

»Wenn ich doch Kaffee machen könnte! Aber ich hab keinen Kaffee zu Hause, und kann ihn nicht kochen. Und ich kann doch meine Hausfrau nicht wecken! Aber Tee, Lore, Tee! Magst du eine Tasse heißen Tee?«

Ohne ihren Bescheid abzuwarten, holte ich eilfertig mein Kochgerät und Zubehör vom Boden meines Kleiderschrankes hervor: einen elektrischen Kocher, eine Blechbüchse mit Tee, eine Schale mit Zucker, zwei Trinkschalen mit Untertassen und eine Zitronenpresse.

Lore hatte sich auf das Bett geworfen und sah mir, sich auf einen Ellbogen aufstützend, lächelnd zu.

»Du bist so rührend komisch, wenn du so herumhastest!«

Wenn mir niemand zuschaut, ist mein Teekochen nicht im mindesten komisch. Ich koche doch allabendlich Tee! Aber da guckt mir niemand auf die Finger. Ich mag es nicht, wenn mir jemand beim Arbeiten zuschaut. Schon in der Schule habe ich zu zeichnen aufgehört, wenn sich der Professor zu meiner Bank gestellt hat. Sähe mir jemand in der Kanzlei während des Schreibens aufs Papier, auf die Feder, unter der die Worte hervorquellen, oder auf die Finger, die auf den Tasten der Schreibmaschine liegen, – ich müßte zu arbeiten aufhören. Aber ich kann doch Lore nicht sagen: Schau weg, du störst mich!

»Du solltest Wasser in den Topf geben, bevor du ihn heiß werden läßt!«

Natürlich sollte ich das! Ich tue es doch alle Tage! Hätte mir Lore nicht zugeschaut, so hätte ich es auch heute getan. – Ich löste den Stecker aus dem Kontakt und wickelte die Schnur auf, klemmte sie unter den Arm und packte den Griff des Kochers.

»Was machst du denn jetzt?«

»Ich muß doch Wasser holen!«

»Aber das holst du doch besser im Krug!«

Immer habe ich im Krug Wasser geholt. Warum wollte ich es heute im Kocher holen? Ich stellte den Kocher hin und griff zum Kruge. Leise schlich ich mich aus dem Zimmer zur Wasserleitung. Ich gab gar nicht acht auf das Knarren und Aechzen der Treppe, ich huschte so rasch wie möglich hinunter in den Hausflur, schob mich an der Wand entlang zur Wasserleitung vor und füllte meinen Krug. Der Rückweg war leichter. Die Stubentür war geöffnet, so daß ich einen guten Teil meines steilen Weges in dämmerigem Lichte vor mich sah und nicht erst lange herumtasten mußte. Das war gut so, denn auf der Treppe und im Hausflur war es unangenehm kalt.

Lore stand in der Stube, vor der Kanne, in die sie Tee gegeben hatte. Sie nahm mir den Krug aus der Hand.

»So, Lieber, deine Frau kann auch einmal deine Hausfrau sein! Setz jetzt du dich hin und laß mich den Tee zubereiten! Mir macht es nichts aus, wenn man mir dabei zuschaut!«

Aber ein wenig nützlich konnte ich mich doch machen. Ich kramte aus meiner Speisekammer im Kleiderschrank zwei Zitronen heraus, zerschnitt sie und drückte eine halbe Frucht auf die Zitronenpresse.

»Du hast den unteren Teil vergessen, die Schale! Jetzt hast du den Zitronensaft auf dem Tischtuch! Machst du das immer so?«

Verärgert warf ich die Zitrone fort. Jetzt rühr ich aber wirklich keinen Finger mehr! Wenn mir der kleinste Handgriff mißglückt!

Ich bin doch sonst nicht so tollpatschig …

Lore kam zu mir, zog meinen Kopf an ihre Brust.

»Nicht böse sein, lieber Junge, weil ich dich ein bißchen geneckt habe! Wir sind beide erregt. Schau, ist's nicht besser, wenn wir scherzend hinwegkommen über die Spannung des Augenblicks? Ich bin zum ersten Male bei dir, wir sind zum ersten Male richtig zu Hause. Glaubst du, mich packt es weniger als dich? Und wir müssen doch ruhiger werden! Nicht in Fieberschauern soll es sein! Nicht krankhaft gierig! Nur die Erregung freudiger Erwartung und froher Gewißheit soll uns durchströmen! Es soll keine gestohlene Freude sein, nicht wie ein dem Zufall abgelisteter Augenblick!«

Ja, ja, das war schön, dieses freie und stolze Bekenntnis zur Liebe, entsprungen dem Quell innerer Freiheit, – diese verklärende Ruhe, diese prachtvolle starke Bereitschaft zur Liebe, beherrschte Spannung und selbstsichere Erwartung der Lösung. Ja, das war so schön, daß es mich zu neuer Bewunderung Lores zwang. Aber mir war ganz anders zumute. Ich konnte nicht, nein, ich konnte einfach nicht so kunstvoll eine beglückende Situation aufbauen. Freilich, ich mußte warten. Kein Kuß, keine Liebkosung ohne ihre innere Bereitschaft, ohne ihr innerstes Wollen: jetzt! Sie mußte wohl langsam der Umarmungsbereitschaft entgegenreifen, – ich war erfüllt von Ungeduld, wartete, und jede Sekunde des Wartens schien mir sinnloser als die vorhergegangene. Ja, wenn wir auf einer Wanderung gewesen wären! Dann hätte ich gewußt: ein schöner lockender Ruheplatz, eine traumhafte Waldstimmung werden, ohne alles Reden und Vorbedenken, mich in ihre Arme führen. Aber Hand in Hand mit der Geliebten die Treppe heraufsteigen, in ein Zimmer, in dem der erste Blick auf das Bett fällt – und dann eine Stunde und länger im Licht sitzen, das Ersehnte hinausschieben!

Lore goß den Tee ein, ihr Lächeln und die einladende Hand riefen zu Tisch. Ah, es war doch gut, das dampfende Getränk zu schlürfen, Schluck um Schluck! Mein Mädchen weiß den Tee zu bereiten, so, wie ich ihn liebe. Nicht zu schwach. Aber auch nicht etwa schwarz. Seltsam, daß man so oft elenden Tee bekommt, laues fades Wasser. Daß so viele Frauen entweder zu wenig Tee nehmen oder den Tee im Wasser verkochen lassen oder, wenn sie ihn schon abbrühen, zu ungeduldig oder gedankenlos sind, ihn lange ziehen zu lassen …

Ueber die Tasse hinweg blickte ich zu meinem Mädchen, das mir gegenüber saß. Auch sie trank den Tee mit sichtlichem Behagen …

Mein Mädchen! Wie liebe ich dieses Wort: Mädchen! Ich weiß keine schönere, innigere Benennung der Geliebten! Und wäre ich mit ihr verheiratet, so würde ich zu ihr sagen: mein Mädchen! Zart ist das Wort, verehrungsvoll, weich und kosend. Aber es darf nicht verdorben werden, nicht vergröbert durch Verniedlichung. Sag »Mädel« – und es klingt burschikos, leicht, spielerisch, – die Süße des Wortes ist dahin. Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich das Liebeslied aus der Operette »Friederike« höre: »Mädel, mein Mädel, wie lieb ich dich!« Goethe hat doch gewußt, warum er Mädchen sagte! Ueberhaupt eine Frechheit, an Goethes Lyrik herumzuändern. Heilig, unantastbar müßte sie jedem Deutschen sein! In Goethes Gedicht stehen die Worte – und sie müssen ein für allemal gültig sein, weil Goethe sie schrieb: »Wie blinkt dein Auge, wie lieb ich dich!« Und der Libretto-Macher will Goethe verbessern und kleckst hin: »Wie leuchtet dein Auge!«

»Junge, Junge, bist du wieder ins Träumen geglitten?«

»Nein, Mädchen, ich habe immer nur an dich gedacht! Und ich habe gedacht, wie wunderschön das Wort Mädchen ist!«

Die Tasse stellte ich weg und ging zu Lore.

»Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich!«

Lore hatte sich zugleich mit mir erhoben. Wir begegneten einander, in meinen Armen, an meiner Brust flüsterte sie:

»Dein Mädchen will wieder dein Weib werden!«

Aber wo war die gelassene, innerlich-heitere Erwartung von vorhin, die Gefaßtheit und, bei aller Liebesbereitschaft, selbstgewollte Gebundenheit? Wir sanken, eins das andere mitreißend, in unergründliche Tiefen und wurden erhoben zu unmeßbaren Höhen, wir wurden durch glühende Weiten getragen, waren Entrückte, Verzauberte, Besessene, und waren doch ganz, ganz Mensch, Mensch auf dem Gipfel seines Seins.

Selige Ermattung! Glückgesättigt. Dankbar dem geliebten Spender des Glücks, glücklich auch im Bewußtsein, selber Glück geschenkt zu haben. Nichts, kein Hauch des Ueberdrusses, nichts vom Gefühl der Uebersättigung, das, wie ich oft gehört, Männer erfüllen soll nach der Lösung aus der Umarmung. Sättigung, ja! Gelöstsein! Auftauchen aus wogendem goldfunkendurchzucktem Dunkel zu einem milden Licht, das in mir ist, mich ganz durchdringt, mich ganz erfüllt, aus brennendem Rausch, aus starkem und stärkendem Rausch zu herrlicher Klarheit! So fühlen Götter! Ja, den Göttern gleich fühle ich mich, schöpfungsstolzen Göttern, – und ich sehe, ich fühle rings die Sterne des Weltalls kreisen …

»Du! Du!«

Zärtlich sucht meine Hand das Gesicht der Geliebten, streicht dankbar über Stirn und Wangen …

»Du! Du!«

Ich höre in der Stille des Zimmers das Wehen ihres Atems. Ruhig, stetig, gleichmäßig atmet sie.

Ich beuge mich über ihr Gesicht. Lore schläft nicht. Ihre Augen leuchten mich an.

Ihre Arme öffnen sich, ziehen mich heran. Dicht bin ich an ihr, Auge an Auge, Mund an Mund.

Sie schiebt mich weg, richtet sich ein wenig auf. Sie ruft vor sich hin, triumphierend:

»Das war mein Sieg über die Rote!«

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