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Dorf in Scherben

Josef Hofbauer: Dorf in Scherben - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJosef Hofbauer
titleDorf in Scherben
publisherSaturn-Verlag
year1937
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181102
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IX.

In der Gemeindechronik ist verzeichnet, daß die Fabrik vor sechsunddreißig Jahren erbaut wurde. Sie hat in ihrer Blütezeit, vor dem Kriege, zwölfhundert Arbeiter beschäftigt. Nach dem Krieg mußten neue Absatzgebiete gesucht werden. Sie wurden in überseeischen Ländern gefunden. Nach kurzen Zeiten des Schwankens, bald etwas steigender, dann wieder sinkender Beschäftigung, kam es zu einer gewissen Beständigkeit des Absatzes, damit auch der Arbeiterzahl. Neunhundert Leute waren nun Jahre hindurch in der Fabrik tätig.

Jetzt sind es kaum noch fünfhundert!

Und diese fünfhundert arbeiten nie mehr eine volle Woche. Abwechselnd müssen sie aussetzen. Und auch dieses schon arg eingeschränkte Glück, das Glück, überhaupt noch arbeiten zu dürfen, geht ihnen nun verloren. Es gibt ganze Reihen von Kündigungen.

Das war das Weihnachtsgeschenk der Firma.

Gab es irgendwo, in einem einzigen Hause unseres Ortes, frohe Weihnachten?

Ich habe oft, um mehr über die ältere Geschichte unseres Ortes zu erfahren, in der Nachbarschaft herumgefragt, bei Pfarrern und Lehrern, ob nicht bei ihnen Näheres zu erfahren. Ich hätte gern meine Gemeindechronik ergänzt.

Man weiß nicht viel. Man kann mir nicht mehr geben als unklare, bei näherem Zusehen zerfließende Geschichten, wie sie von den Alten immer wieder auf die Jungen überliefert wurden. Allerorts gibt es solche Geschichten, die wahrscheinlich einen wahren Kern haben, aber um ihn herum ein so dichtes Gewebe von schmückenden und entstellenden Zutaten, daß kaum ergründbar ist, was wirklich Geschichte ist. Aber vielleicht ergeht es uns oft just mit dem, was wir für Geschichte halten, so, daß wir das Legendengewebe für den Kern nehmen?

Eine dieser Legenden weiß zu melden, daß im sechzehnten Jahrhundert Ausläufer des großen deutschen Bauernkrieges auch unsere Gegend berührten. Ich glaube nicht recht an einen direkten Zusammenhang zwischen unseren Bauernerhebungen und denen jenseits der Grenze, meine eher, daß es sich hier herüben um ganz selbständige, aber freilich von gleichen Ursachen erzeugten Rebellionen handelt. Aber das ist nicht so wichtig. Für meine Chronik wäre nur wichtig, daß wirklich »Haufen rebellischer Bauern« einmal kriegernd unsere Gegend durchzogen.

Nach allem, was ich von den Bauernkriegen weiß, sind drüben in Deutschland die Bauern geschlagen worden, weil die Aufständischen eines Ortes nur ihre »Herren« sahen, oder, wenn sie weiterzublicken vermochten, die Bauern einer Landschaft nur die »Herren« dieses Gebietes, daß nicht die Gesamtheit der Bauern die Gesamtheit der »Herren« sah! Und doch war ihr Kampf einfacher, gradliniger als der unserer Arbeiter! Ich will den Bauernkampf nicht vereinfachen, weiß wohl, daß manche Führer große Ziele anstrebten, weiß auch, wie schlimm es für die Bauern war, daß der Luther sich auf die Seite der Herren schlug und seinen Streitruf gegen die Bauern erhob. Was ich sagen will, ist ja nur das: die Bauern sahen ihren Feind!

Sie sahen ihn! Da stand die Burg des Herrn. Da waren seine Bewaffneten. Und dort und dort waren andere Burgen anderer »Herren«. Und die Herren sammelten ihre Bewaffneten, und den Bauern standen geschulte, kriegsgewandtere und besser bewaffnete Kämpfer gegenüber als sie selber waren. Aber war der Feind noch so stark und noch so gut bewaffnet und mochte einen schauern bei seinem Anblick: die Bauern sahen ihren Feind!

Unsere Arbeiter sehen ihn nicht!

Sie stehen einer anonymen Macht gegenüber. Einer ausländischen Gesellschaft gehört die Fabrik. Und über ihr und allen Fabriken dieser Art steht, sie alle zusammenfassend, eine geheimnisvolle Macht. Das internationale Tafelglaskartell. Es leitet von Brüssel aus die Tafelglaserzeugung in aller Welt. Es bestimmt, wo Fabriken gebaut werden und welche Fabriken mit anderen zusammengelegt, welche Fabriken stillgelegt werden. Die »Convention Internationale de Glaceries« hat beschlossen, unsere Fabrik stillzulegen. Sie ist höchstes Gericht für viele hundert Arbeiter und Beamte, über deren Schicksal sie endgültig entscheidet. Ein paar kühl rechnende Männer sitzen in Brüssel in breiten Lehnstühlen an wuchtigem Beratungstisch und erwägen, ob diese oder jene Fabrik weiterzuführen, ob der oder jener eine größere Produktionsquote zuzuweisen sei, und entscheiden damit zugleich über Hunger oder Sattsein, Arbeit oder Nichtstun unserer Arbeiter, Leben oder Tod unseres Ortes.

Vielleicht hat eine einzige Stimme, die Stimme eines der Diskussion Ueberdrüssigen, den Ausschlag gegeben, indem sie für die Stillegung sprach!

Nicht laut braucht diese Stimme zu sein. Die lässige Stimme eines Gelangweilten. Oder die kalte Stimme eines erbarmungslosen Rechners. Oder die leichte schwingende Stimme eines Genußfrohen. Vielleicht hat diese eine Stimme mit einem Worte unser aller Leben zerstört!

Haß gegen die Unbekannten wächst in mir. Haß gegen diese männlichen Nornen, die so gleichgültig der Fabrik und damit uns den Lebensfaden abschnitten. Was nützt es, sich zu fragen, ob der Haß berechtigt ist, ob nicht auch diese Männer unter dem Zwange einer mir freilich unbegreiflichen Notwendigkeit handelten! Ich muß, sehe ich den Niederbruch unseres Ortes, Objekte des Hasses haben, Schuldige, die ich hassen kann …

Und wüßten sie von meinem Haß, es wäre ihnen gleichgültig! Nicht einmal des Lachens wert! Vielleicht ahnen sie, daß in dem fernen Lande, das sie kaum anders als vom Zuge aus und in seiner Hauptstadt kennen gelernt haben, die Arbeiter ihrer Fabrik täglich tausend Flüche und tausend stille heimliche flehentliche Bitten zu ihnen senden. Es wird ihnen, wenn solche Ahnung je einmal in ihnen sich regt, doch gleichgültig bleiben.

Unsere Arbeiter kennen nicht die Namen der Männer, die über sie entschieden haben. Unsere Arbeiter können den Namen der »Convention Internationale de Glaceries« nicht aussprechen. Viele können es gar nicht verstehen, daß es von dem Willen einer fremdländischen Gesellschaft abhängen soll, ob sie hier, in ihrer Heimat, arbeiten dürfen oder nicht. Und es ist ja auch nur schwer, recht schwer zu begreifen, – schwer, denn es will einem nicht in den Kopf.

Das lähmt so sehr, das macht mitten im Kampf so müde, daß die Arbeiter ihren Feind nicht sehen. Daß sie sich wehren müssen gegen einen fernen, fremden, unsichtbaren, unfaßbaren Feind!

Gegen eine wohl dem Namen nach bekannte, aber in Wahrheit doch anonyme Macht!

Das macht ihren Kampf zu einem wahrhaft tragischen, hebt ihn empor ins erschütternd Schicksalhaft-Große. Und macht ihn so aussichtslos.

*

»Nein, ich möcht kein Minister sein!« sagt Bender. »Ich habe gerade genug von meiner Vorsteherei!« Er tut ein paar Züge aus seiner Pfeife.

»Aber vorstellen kann ich mir schon manchmal, wie's einem Minister zumute ist, verstehst, dem Finanzminister zum Beispiel. Denn in der Gemeinde ist's just wie im Staat: immer weniger Steuern und immer mehr Ausgaben, je länger die Krise dauert. Unsere Steuergrundlage wird immer schmäler und wir sollen mehr für Armenpflege und Kinderfürsorge ausgeben. Wo hernehmen?«

»Und nicht stehlen!« ergänzte einer der Gemeinderäte, die mit uns in der Kanzlei saßen.

»Ach was, stehlen! Ich ging' meiner Seel' auch stehlen, wenn ich nur wüßt', wohin! Oder glaubst du, in der Fabrik ist noch was zu finden? Mein Lieber, so lang es einen tüchtigen Reingewinn gegeben hat, ist er Jahr für Jahr zu den Aktionären ins Ausland abgeschoben worden! Siebzig Millionen Francs, sagt man …«

»Siebzig Millionen Francs!«

Ehrfürchtiges Staunen ergriff alle. Ich habe oft solche Ehrfurcht vor hohen Zahlen bemerkt. Ein Schornstein ist so viele Meter hoch, eine Brücke so viele Meter lang, ein Mann so viele Kilogramm schwer, eine Stadt hat so viele Einwohner, jemand besitzt so viele Millionen, ein anderer hat so viele Schulden – es klingt immer Bewunderung in der Stimme mit, wenn jemand eine so große Zahl nennen kann, und Ehrfurcht wird wach, wenn man sie hört. Siebzig Millionen! Das war so viel, daß sich's keiner richtig vorstellen konnte. Das also war das Ergebnis der Arbeit! So viel hatten sie geschafft! Sie alle hatten mehr an die Zahl der Kisten mit Tafelglas, die sie erzeugt, und an die Zahl der Länder und Städte gedacht, nach denen das Werk ihrer Arbeit verfrachtet worden war. Natürlich hatte jeder gut genug gewußt, daß die Fabrik erkleckliche Reinerträge abgeworfen hatte, sie hatten ja ebenso gut gewußt, daß dieser Reinerträge wegen allein die Fabrik erbaut und so viele Jahre lang in Betrieb gehalten wurde. Aber siebzig Millionen!

»Na, kommt nur wieder zu euch! Gehen wir von den Millionen zu den Tausendern! Es wird uns schwerer werden, die Tausender aufzubringen, die wir brauchen, als den Aktionären das Zusammenkratzen der siebzig Millionen war! Der Voranschlag stimmt nicht mehr. Wir müssen streichen, gewaltig streichen! Aber bei welchen Posten?«

Der Vorsteher hängt an seiner Arbeit in der Gemeinde, wie er an seiner Arbeit in der Fabrik hängt. Freut er sich dort des Werkes seiner Hände, der herrlichen großen Spiegelscheiben, des feinen marmorierten Glases, so hier des vielen Neuen, das er mit seinen Kameraden geschaffen: des schönen neuen Schulgebäudes, der Straßenbeleuchtung, der Verschönerung des Ortes, und mehr, noch viel mehr der klugen und wirksamen Fürsorgeeinrichtungen der Gemeinde. Und nun sollte er selber vorschlagen, Fürsorgeeinrichtungen einzuschränken! Selber sollte er zerstören, was er aufgebaut! Und er mußte es, mußte es tun unter unentrinnbarem Zwang! Wie gut verstand ich es, daß der Vorsteher sein Werk liebte! Ich, viel weniger daran beteiligt als er, liebte es doch auch! Und ich verstand, während ich die grübelnden Gemeinderäte beobachtete, die Werkfreude der Arbeiter. Mein Vater hatte tausendmal den Schacht verflucht, gestöhnt unter der Schwere der Arbeit, hatte sich wie ein lebendig zur Hölle Verdammter gefühlt, und war doch gern zur Arbeit gegangen! Einmal, ich erinnere mich noch gut, hatte er aussetzen müssen. Na, das war ein paar Tage lang ganz schön gewesen, das Nichtstun, das Ausspannen, das Liegen an der Sonne. Aber bald war mein Vater seltsam unruhig geworden, unfreundlich, mürrisch, eine rechte »Zuwiderwurzen«, wie meine Mutter behauptete; er habe damals, wie er mir später, als ich schon erwachsen war, sagte, das Gefühl gehabt, sich selber im Wege zu stehen. Aber als die Botschaft kam, daß er wieder anfangen könne, war er plötzlich wie umgewandelt, lachte und scherzte mit den Kindern, richtete fröhlich pfeifend sein Arbeitszeug zusammen, sah immer wieder nach, ob es wirklich in Ordnung war, – er freute sich, wieder einfahren, wieder fördern zu können! – Unseren Glasarbeitern bricht mit der Sperrung der Fabrik nicht nur die Lebensgrundlage zusammen, – auch der Lebenssinn! Sie lieben ihre Arbeit und sie lieben die Fabrik. Sie lieben ihre Maschinen und den Lärm in den großen Hallen, und so schwer oft ihre Arbeit ist und nicht ohne Gefahr, sie lieben doch diese Arbeit, das Tun ihrer Hände. Sie wissen alle, daß ihre Arbeit ihnen bestenfalls nur gutes Auskommen, anderen aber Reichtum schafft, wissen es und lieben doch ihre Arbeit. Schaffensfreude ist es, Werkfreude, die selbst dem Gedankenträgsten, dem Einfältigsten noch das Leben verschönt. Und mit der Arbeit nimmt man ihnen diese Freude …

An den Krummhorn Toni denke ich in diesem Augenblick, an den Suchenden und Bittenden, dem ich noch immer keine Lehrstelle verschaffen konnte. An andere junge Burschen, die noch nie die Arbeitsfreude kennen lernten. An meinen jungen Bruder, der keine Arbeit finden kann. Junge Menschen, denen die Werkfreude versagt bleibt …

»Aber das sag ich dir gleich, Vorsteher: den Kindergarten dürfen wir nicht sperren!« rief ein Gemeinderat aus, zur Bekräftigung mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Die kleinen Tschapperln haben sich doch so schön an den Kindergarten gewöhnt! So gern sind sie dort! Und für die Eltern ist es doch auch eine rechte Wohltat!«

»Und an den Schulausgaben können wir auch nicht sparen«, erklärte der Obmann des Schulausschusses. »Das war immer unser Stolz, daß wir den Kindern eine ordentliche Schule geschaffen haben. Sie sollen etwas lernen können, unsere Kinder, – mehr können wir ja so nicht für sie tun. Das ist das Allerletzte, an der Schule sparen!«

»Bei der Fürsorge können wir auch nichts einsparen,« sagte ein Dritter. »Jetzt, in solchen Zeiten, schon gar nicht! Die Armenrenten dürfen wir nicht herabsetzen, sind sowieso nicht hoch, und wir dürfen die armen alten Leut', die niemanden mehr haben, nicht zum Betteln zwingen. Die Krankenschwester brauchen wir auch, – wir haben oft genug erlebt, wie gut es ist, eine richtige Pflegerin im Ort zu haben. Ja, ich möchte eher eine Erhöhung beantragen, für die Fürsorge. Wir brauchen noch Geld für die Kinderausspeisung …«

»Ja Himmelherrgott!« schrie der Vorsteher, »wo sollen wir denn anfangen mit dem Sparen? Wie sollen wir denn ins Gleichgewicht kommen, wenn jeder im Voraus sagt, es darf bei seiner Post nichts gestrichen werden? Sollen wir vielleicht die Ortsbeleuchtung einstellen?«

»Das Schlimmste wär's nicht, aber das reißt uns nicht heraus. Wir müssen halt so lang beisammen hocken bleiben, bis wir die Rechnung im Reinen haben …«

*

Und jetzt ist plötzlich ein Lichtstrahl ins winterliche Dunkel gefallen!

Unsere Vertrauensmänner jubeln:

Sie waren mit den Abgeordneten bei einigen Ministern, und ein Vertreter der Beamten war auch dabei. Und dann waren die Abgeordneten nochmals bei den Ministern. Und sie haben gute Zusagen bekommen. Sie glauben, daß die Regierung die Stillegung untersagen wird.

Die Fabrik wird weiterarbeiten!

Das ist die Rettung!

Alle atmen auf, haben neue Hoffnung.

Mehr: sie fühlen sich sicher, sie nehmen die Fortführung des Betriebes als Gewißheit.

Und ich sehe die Menschen froher durch den Ort gehen. Die fahlen Gesichter bekommen Farbe und Glanz. Der unsichtbare Druck ist von den Leuten genommen. Sie schleichen nicht mehr so scheu, so gebückt, so gedemütigt umher. Gestraffter sind ihre Körper. Lächeln verschönt die verhärmten Gesichter der Frauen. Zärtlicher sind die Mütter zu ihren Kindern und die Männer liebevoller zu ihren Frauen. Und mein Vorsteher, mein lieber Vorsteher, geht nicht mehr mit so hängenden Schultern wie all die Wochen her, – er fürchtet sich nicht mehr, durch den Ort zu gehen, er weicht den Leuten nicht mehr aus. Seine Augen zwinkern wieder lustig unter den dicken grauen Brauen hervor, ja, und ich glaube, die geliebte Pfeife beginnt ihm wieder richtig zu schmecken, behaglicher, genießerischer ist sein Ziehen, nicht mehr so grimmig, so stoßweiße bläst er den Rauch vor sich hin.

Ach es war Zeit, daß der Druck der Angst von den Menschen genommen wurde!

Die ersten Entlassenen sind schon ausgesteuert, bekommen von der Gewerkschaft keine Unterstützung mehr. Sie verelenden. Sie haben kaum etwas zu verkaufen. Und hätten sie Verkäufliches: wer im Orte wäre Käufer? Schlimmer: sie können nichts kaufen, keine Kleider, keine Wäsche, nicht Schuhe, noch Hausrat. Sie müssen, währt ihre Arbeitslosigkeit noch lange, verlumpen. Sie müssen es, wenn nicht zumindest ein Teil der Belegschaft arbeiten kann. Haben wenigstens ein paar hundert Arbeit, so vergessen sie gewiß ihre Kameraden nicht, sorgen für sie mit wie für liebe Angehörige.

Das ist vielleicht das Erschütterndste: zu sehen, wie langsam, langsam das Aeußere unserer Arbeiter – derer, die nun schon sehr lange aus der Fabrik ausgeschieden sind – verfällt. Immer waren unsere Leute peinlich darauf bedacht, an den Sonntagen nett und sauber zu sein. Wie rührend erschien mir manchmal ein Arbeiter im Sonntagsgewand! In dem dunklen Anzug, aus dem so unbeholfen die roten Hände heraushingen! In dem er sich so steif und unbehaglich bewegte! Und doch gefiel es mir immer, daß meine Kameraden so sehr auf ordentliche Kleidung hielten. Sie traten nicht am Samstag, nach der Lohnauszahlung, arbeitsbeschmutzt an einen Wirtshaustisch. Ja, es gab etliche Leichtsinnige, sich selber Verwahrlosende, die aus der Fabrik zu Bier und Karten eilten. Die aber wurden von den meisten mißachtet. Der Arbeiter, der etwas auf sich hielt, eilte nach Hause, sich zu waschen, zu rasieren und umzukleiden. Und am Sonntag, ja, am Sonntag mußte jeder frisch und sauber sein, in einem guten Gewand stecken …

Und jetzt sah man schon des einen oder anderen Gewandung schleißig werden. Man gab auch schon weniger auf das Aeußere. Seltener rasiert. Einmal in den abgetretenen Hausschuhen über die Gasse geschlurft. Auch am Sonntag nachlässig … Als dächten die Leute: Hat ja alles keinen Sinn mehr!

Und jetzt keimt in allen Herzen neue Hoffnung!

Wer Arbeit hat, schwört darauf, weiterarbeiten zu können.

Und wer arbeitslos ist, hofft bald wieder eingestellt zu werden …

Lange schon ist der Krommer arbeitslos und recht schlecht geht es seiner Familie. Sechs Kinder! Aber gestern, als ich an ihrer Wohnung vorbeiging, rief mich Frau Krommer an:

»Herr Sekretär, Herr Sekretär! Kommen S' einmal rein! Ich weiß, daß Sie ein großer Mehlspeisfreund sind! Kosten S' ein Stückel Apfelstrudel! Und ein Schalerl Kaffee! Na, und rasten werden Sie doch auch ein Bisserl! Nicht den Schlaf austragen!«

»Ja, was ist denn geschehen, Frau Krommer, haben Sie Namenstag?«

»Aber nein! Gar nichts, kein Namenstag und kein Geburtstag! Aber wie mein Mann gehört hat, daß wieder zu arbeiten angefangen wird, da hat er gesagt: Alte, hat er gesagt, das feiern wir, da machen wir uns einmal einen guten Tag! Ich hab das schon genug, das labbrige Essen, Erdäpfeln und eine fade Soß, und Reis und Graupen. Jetzt gehst und holst ein tüchtiges Stück Schweinefleisch! – Ein Narr bist, sag ich ihm darauf, woher sollt ich denn das Geld nehmen? Und glaubst vielleicht, der Luckschandl-Kaufmann und der Thomas-Fleischer geben mir noch etwas auf's Büchel, wo ich so schon genug schuldig bin? Alte, hat er gesagt, Alte, wenn der Thomas weiß, daß in der Fabrik wieder angefangen wird, dann borgt er auch wieder, denn er weiß, daß er alles bezahlt kriegt! Und der Luckschandl auch! Na, was soll ich sagen, Herr Sekretär, ich bin halt zum Luckschandl und zum Thomas und sie waren ganz freundlich zu mir und waren lustig, und haben gesagt, das macht nichts, wenn ich noch nicht zahlen kann. Und mit einem solchen Packen« – die Frau breitete die Arme unwahrscheinlich weit aus – »bin ich heimgekommen! Und dem Mann hab ich einen richtigen fetten Schweinebraten gemacht und den Kindern, weil die nicht so aus sind aufs Fleisch, einen guten Apfelstrudel und Kaffee, daß sie auch wieder eine Freud' haben! – Und wie ich Sie hab vorbeigehen sehen, Herr Sekretär, da hab ich mir gedacht, es muß sich doch noch jemand mitfreuen mit uns, und es weiß doch jeder, daß Sie so gern Mehlspeisen essen …«

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