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Don Juan von Kolomea

Leopold Sacher-Masoch: Don Juan von Kolomea - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleGalizische Geschichten
authorLeopold von Sacher-Masoch
year1985
publisherBouvier Verlag
addressBonn
isbn3-416-01896-6
titleDon Juan von Kolomea
pages19-61
created20010523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1875
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Der matte, blaue Rock deckt nicht die kleinen staubigen Füße. Das schmutzige Hemd fällt halb von den Schultern, und wie es über dem Rock gegürtet ist, öffnet es seine Falten und läßt die Brüste sehen.

Um sie duftet es von Thymian; sie hat den Kopf in beiden Händen auf die Kniee gestützt und starrt so vor sich. Ein Leuchtkäfer hat sich in ihr dunkles Haar gesetzt; das fließt nur, ungekämmt, aus dem rothen Kopftuch über den Rücken.

Ihr Gesicht hebt sich von der Seite, vom rothen Abendhimmel beinahe dunkel ab, scharf wie ausgeschnitten. Ihre Nase ist schwungvoll, fein, wie die eines Raubvogels, und wie ich sie anrufe, stößt sie auch einen Schrei aus, wie ein Gebirgsgeier, und ihre Augen zischen gegen mich auf, ihre Blicke schwimmen einen Augenblick so wie Naphtaflammen über ihren Augen.

Ihr Schrei tönt fort – die steile Felswand gibt ihn zurück, der dichte Wald noch einmal, noch einmal das ferne Gebirge. –

Ich bin beinahe erschrocken vor dem Weibe.

Sie bückt sich, pflückt Thymian und zerrt das rothe Kopftuch über das rothbegossene Gesicht.

»Was ist dir?« frage ich.

Sie antwortet nicht, sondern gießt so die melancholischen Töne einer Duma,Eine eigenthümliche Dichtungsart des kleinrussischen Volkslieds von elegischem Charakter und ergreifender schwermüthiger Melodie. wie Thränen, in die Luft.

»Was fehlt dir?« sag' ich, »hast du einen Schmerz, eine Trauer?« – sie schweigt. – »Nun, was hast du?«

Sie sieht mir ins Gesicht, lacht und läßt wieder die langen Wimpern wie dunkle Schleier über ihre Augen herabfallen.

»Nun, was fehlt dir?« – »Ein Schafspelz,« sagt sie leise. Ich lache. »Warte, vom Jahrmarkt bringe ich dir einen.« – Sie verbirgt ihr Gesicht – »aber du wirst darin stinken. So ein neuer Schafspelz! Weißt du was, ich gib dir lieber eine Sukmana, was meinst du, mit Kaninchen, mit schwarzen – oder mit weißen, milchweißen –«

Sie sah mich erstaunt an, nicht eben ernsthaft, zog etwas die Augen zusammen und ihre Lippen tanzten so um die großen weißen Zähne. Dann floß es langsam von den Mundwinkeln über die Wangen, und das Lachen der Spitzbübin zuckt plötzlich über das ganze Gesicht.

»Nun, was lachst du?« – Nichts. – »Nun, sag, willst du die Sukmana – nicht? – wie wäre das mit Kaninchen, mit milchweißen Kaninchen? –«

Plötzlich steht sie auf, richtet ihren Rock, zieht ihr Hemd herab. –

»Nein!« sagt sie, »wenn Sie mir eine geben wollen, soll sie mit silbernem Pelz sein.« – »Mit silbernem, wie?« – »Nun, wie die gnädigen Frauen ihn tragen.«

Ich sah sie nur an.

Die Selbstsucht lag sonnig auf ihrem Gesichte wie Unschuld. Sie küßte ihre Seele, ihre Begierden, so gedankenlos, wie sie ein Heiligenbild küßte. Da war einmal kein Princip oder etwa eine Idee! oder sonst! sie hatte die Moral eines Habichts und die Gesetze des Waldes. Christenthum hatte sie nicht mehr als eine junge Katze, welche manchmal mit der Pfote kreuzweis über die Nase fährt.

Ich brachte ihr richtig die Sukmana aus Lemberg und – Sie werden mich auslachen – –

Ich verliebe mich in das Weib.

Das war so ein Roman, man findet nicht seines Gleichen.

Wie der erste Schuß fiel – war sie da.

Ich kämmte ihr Haar jetzt mit meinen Fingern und wusch ihr die Füße an dem Waldbach, sie aber spritzte mir das Wasser ins Gesicht.

Es war ein seltsames Geschöpf.

Ihre Coquetterie hatte etwas Grausames. Sie quälte mich in tiefster Demuth, wie mich nie der Uebermuth einer Dame gequält hat.

»Aber, erbarmen Sie sich, Herr! Gnädiger! was soll ich mit Ihnen anfangen,« – und sie konnte endlich mit mir anfangen, was sie wollte.« –

Wir schwiegen Beide einige Zeit.

Die Bauern, der Kirchensänger hatten die Schenke verlassen. Der Jude hatte seine Gebetriemen umgeschnallt und war damit eingeschlafen. Er sang im Traume leise durch die Nase und nickte dazu taktvoll mit dem Kopfe.

Sein Weib saß an dem Schenktisch. Der Kopf war in die Hände gesunken, die kleinen Finger hatte sie zwischen die Zähne gesteckt, die schläfrigen Augen waren halb geschlossen, aber ihr Blick hing an dem Fremden.

Der legte die Pfeife weg. Machte sich Luft.

»Soll ich Ihnen die Scene erzählen mit meiner Frau? – – Sie erlassen es mir.« – –

– Meine Frau kränkelte dann einige Zeit.

– – Ich blieb zu Hause, las. Einmal ging sie durch das Zimmer und sagte leise »gute Nacht.« Ich stand auf, da war sie auch wieder fort – ihre Thüre fiel ins Schloß. Es war wieder vorbei. –

Zu jener Zeit hatte ich einen Proceß mit der Herrschaft von Osnowian.

Ehe du das Gericht vorspannst und den Advokaten kutschiren läßt, dachte ich, spannst du deine Pferde ein und fährst selbst hin.

Wen finde ich? Eine geschiedene Frau, die auf ihrem Gute lebt, weil sie die große Welt anekelt, eine moderne Philosophin.

Sie nannte sich Satana und war ein allerliebstes kleines Teufelchen. Sie sprang nur gleich bei jedem Worte und hatte Augen wie Irrlichter.

Ich verlor natürlich den Proceß, aber gewann dafür ihr Herz, ihre Küsse, ihr Lager.

Ich liebte meine Frau noch immer.

Oft lag ich in den Armen einer andern und schloß die Augen, und machte mir glauben, es sei ihr langes feuchtes Haar, ihre wollustheiße, fiebertrockene Lippe.

Meine Frau indeß fieberte von Haß und Liebe gegen mich. Ihr Herz war wie eine jener Blumen, welche im Schatten blühen, es überquoll jetzt von wilder Zärtlichkeit. Sie war erfinderisch, sich dadurch zu verrathen, daß sie sich zu sehr verbergen wollte. Sie legte mir eines Tages einen Brief auf den Tisch, welchen der Kosak meiner Geliebten gebracht hatte, und lachte auf – aber ihr Lachen brach so mitten entzwei, das war beinahe häßlich.

Aus zu viel Liebe wendete ich mich von ihr und sie seufzte nach Rache, aus leidenschaftlicher verschmähter Liebe.

Wenn sie ging, so war es mit einer Hast. Sie schrie aus dem Traume, sie schlug die Dienstleute, die Kinder.

Auf einmal war sie verändert.

Sie schien gefaßt, befriedigt. Ihr Auge ruhte so eigenthümlich gesättigt auf mir, und doch zuckte es wie Schmerz durch ihr stolzes Lachen.

Mein Heger kam.

»Der Herr geht gar nicht mehr in den Wald. Ich kenne einen Fuchs über der Moosrinne und tüchtige Schnepfen,« – diese schoß ich nämlich besonders gerne – »und sie – sie wartet bei dem Stein. Thun Sie doch dem armen Weib die Gnade.«

Ich nehme die Flinte und gehe mit ihm bis an den letzten Zaun des Dorfes.

Dort faßt mich eine namenlose Angst, ich lasse meinen Heger und laufe beinahe nach Hause.

Ich schäme mich fast – gehe leise auf den Fußspitzen – da hör' ich –

Er strich mehrmals die Haare aus der Stirne.

Es ist nicht zu erzählen. – Ich reiße die Thüre auf, und meine Frau liegt – – »Ich störe vielleicht,« sage ich, und schließe wieder die Thüre.

Was thu ich?

Es ist einmal so bei uns. Der Deutsche freilich behandelt die Frau wie einen Unterthan, wir aber unterhandeln mit ihr auf gleichem Fuße, wie ein Monarch mit dem andern.

Wir denken nicht: »Du kannst thun, was du willst. Die Frau muß zufrieden sein.« Bei uns hat der Gatte kein Privilegium, wir haben für Mann und Weib nur ein Recht.

Nimmst du jede Schenkdirne unter das Kinn, so mußt du dulden, daß deine Frau sich von Jedem Artigkeiten sagen läßt. Liegst du in den Armen einer Fremden, dann schweige nur, wenn dein Weib einen Anderen umarmt.

Hatt' ich also ein Recht?

Nein, ich hatte es nicht.

Ich trat also zurück und ging vor der Thüre meiner Frau auf und ab.

Ich fühlte eigentlich gar nichts, es war alles starr, still, ganz still!

Ich sagte mir nur immer: »Hast du nicht dasselbe gethan? Du hast kein Recht, du hast kein Recht.«

Jetzt kommt er heraus.

Ich sage: »Mein Freund, ich habe Euch nicht stören wollen, aber weißt du nicht, daß das mein Haus ist?« – Er zitterte, auch seine Stimme zitterte.

»Thu' mit mir, was du willst!« sagte er.

»Was soll ich mit dir thun? – Aber hast du so eine Idee von Ehre? – Wir müssen also ein paar Kugeln wechseln.«

Ich leuchtete ihm noch die Treppe hinab. Dann ritt ich zu Leon Bodoschkan, er sollte mein Zeuge sein.

Er lächelte trüb. »Es ist eigentlich eine Dummheit,« sagte er, »aber bis morgen früh soll alles in Ordnung sein. Thu' mir nur die Liebe und lies mir heute Nacht diese Blätter da.« Damit gab er mir diese Papiere, sehen Sie, und ich trage sie seitdem immer bei mir. Merkwürdiger Mensch das!

Ich las sie also.

Eigentlich wozu?

Ich forderte den Liebhaber meiner Frau, aber eigentlich hatte das nichts zu bedeuten.

Ich war im Unrecht, ich wußte es also, aber die Ehre – nun Sie wissen. Aber es hatte alles nichts zu bedeuten.

Ich wußte, daß er mich nicht treffen würde. Er konnte auf fünfzehn Schritt einen Heuschober nicht von einem Spatzen unterscheiden – und ich – nun, ich schieße gut.

Ich konnte Rache nehmen. Ich konnte ihn tödten. – Niemand hätte ein Wort gesagt – aber ich hatte kein Recht und schoß vorbei. Denn ich war, wie gesagt, eben so schuldig als er oder mein Weib.

Damals dachte ich daran, mich von meiner Frau zu trennen. Aber die Kinder! Das ist es. Das schmiedet paarweise uns zusammen für die Ewigkeit, und treibt uns fort im Sturmwind, wie in der Hölle Dante's die Verdammten.

Ueberhaupt, haben Sie wohl schon bedacht, wie uns die Natur anführt mit der Liebe? Gestatten Sie mir vielleicht – ach! was wollte ich sagen? – Ja – von Haus aus sind Mann und Weib eigentlich zur Feindschaft erschaffen. Ich hoffe, Sie mißverstehen mich nicht.

Die Natur will unser Geschlecht fortpflanzen. Ja, was will sie denn sonst? wir aber bilden uns ein in unserer Eitelkeit und Leichtgläubigkeit, daß sie unser Glück im Auge hat.

Ja – Fisch mit Mohn! – sobald das Kind da ist, ist es meist auch schon vorbei mit dem Glück und auch mit der Liebe, und Mann und Weib sehen sich an, wie zwei, die einen schlimmen Handel gemacht haben, beide sind getäuscht, und doch hat keines das andere betrogen. Sie aber glauben noch immer, daß es hier nur auf ihr Glück abgesehen ist und befehden sich, statt die Natur anzuklagen, welche uns zu der Liebe, welche so vergänglich ist, ein anderes Gefühl gegeben hat, das nie endet: die Liebe zu den Kindern.

Nun so blieben wir denn zusammen.

Er betrat mein Haus nicht mehr, aber sie sahen sich bei einer Freundin; es gibt so gute Seelen in der Welt; und ich schoß wieder meine Schnepfen.

Ich begann die Frauen jetzt so anzusehen, wie eine Art Wild, dessen Jagd beschwerlicher, aber auch lohnender ist.

Wissen Sie, wie man die Schnepfen schießt? – Nicht? – Man muß also wissen, wie fliegt der Schnepf?

Er fliegt auf, macht drei Stöße, wie ein Irrlicht, zick! zack! dann vorne aus.

Das ist der Augenblick. Da halte ich gerade hin und der Schnepf ist mein.

So etwa auch die Frauen.

Wenn man gleich losdrückt – aus ist es. Hat man aber einmal das Tempo, bekommt man jede –

Zu Hause war Friede.

Die Kinder liefen schon herum und denken Sie – jetzt hatte ich sie lieb. Ich liebte sie, weil meine Frau sie liebte.

Oft dachte ich so, unsere Liebe ist da lebendig geworden und läuft so herum und spielt und lacht; und es wurde mir seltsam zu Muthe.

Dann kam es wieder über mich wie Bosheit. Ich verlangte, daß die Kinder mich lieber haben sollten als die Mutter, daß sie mich allein lieben sollten.

Da nahm ich sie zum Kamin, ließ sie auf meinem Knie reiten, erzählte ihnen Märchen, sang ihnen Lieder, die so das Volk singt, erzählte ihnen Anekdoten, wie etwa ein Jäger erzählt. Und das war wirklich merkwürdig. Ich hatte nämlich – allerdings – Sie wissen ja ich hatte noch ein Kind bekommen, es war das Kind eines fremden Mannes. Ein Mädchen; Sie glauben nicht, wie ähnlich meiner Frau; ganz sie.

Man sagt gewöhnlich, die Mädchen sehen dem Vater gleich, die Söhne der Mutter. Ich habe es nicht erlebt. Der eine ist der Großvater, den andern weiß ich gar nicht, wo ich ihn hinthun soll; den hat meine Frau aus einem Roman. Keiner meiner Söhne hat was von der Mutter, aber das – fremde Kind, das Mädchen.

War es, daß sie damals nur an sich und ihre Rache dachte.

Also. Das Kind hängt sich an mich mit einer Liebe, und wußte doch, daß es mir verhaßt war.

Wenn ich erzählte, bat es leise und setzte sich auf ein Schemelchen in die dunkle Ecke, hörte zu und nur seine Augen leuchteten.

Ich schrie es oft an, daß es zitterte. Wenn ich fortging, stand es in der Ferne und sah mir nach. Wenn ich kam, lief es mir entgegen und erschrak dann über sich selbst.

Einmal sagte der Bub: »Der Bär wird den Vater noch umbringen.« – Da sprang es auf und hatte die Augen voll dicker Thränen.

Es war mir, als wäre das meine Frau, die sich angstvoll an mich drängte, die mich um Verzeihung flehte und um mich weinte.

Einmal sagte ich zu dem Kinde: »Komm doch zu mir.« Da ward es purpurroth und lief davon. Langsam wurden wir die besten Freunde.

Keiner meiner Buben war so wie ich.

»Möchtest du Füchse schießen?« – »Ja,« sagte der Bub, »wenn es nicht so knallen möchte.«

Wenn ich so erzählte von einem Bären. »Nun, er kam auf mich zu. Was glaubst du, was ich that?« Sagt der Bub: »Du bist fortgelaufen.« Das Mädchen aber lacht nur.

Oft nahm sie ein Wolfsfell und schreckte die beiden, die sich unter dem Rock der Mutter versteckten.

»Kennt ihr denn die Schwester nicht?« – »Mutter,« sagten sie, »sie ist dann ein wirklicher Wolf, ihre Augen funkeln so und sie heult, das es ein Vergnügen ist.«

War ich fort vom Hause, trieb das Kind unruhig im ganzen Hause herum. »Wenn der Vater nur nicht umwirft.« – »Wie soll er umwerfen.« – »O! ich kenne die Wallachen, die Braunen, es sind wilde Thiere. Oder wenn der Bär –« – »Der Vater schießt ihn gerade auf den weißen Brustfleck,« sagt mein Bub ganz sachverständig. »Wenn er ihn nicht trifft?« – »Ah! er wird ihn schon treffen.«

Wie das Mädchen größer wird, wirft es sich auf die Erde und wälzt sich und weint.

So nahm ich sie endlich mit.

Ich hatte das kleine Gewehr; meine Frau hatte damit geschossen, kaufte ihr eine Jagdtasche, nahm sie mit.

Das Mädchen hatte Ihnen Muth, Muth wie ein Mann. Nein! wie kein Mann! Wie soll ich Ihnen das erklären?

Wenn es so durch das Dickicht brach, sag' ich: »Nun, wenn es uns schlecht geht?« Sie lachte nur. »Ich bin ja bei dir.« Sie fürchtete nur um mich.

Zu Hause fieberte sie vor Angst, vor dem Wolf war sie ruhig, wie vor einer Henne, sag' ich Ihnen. Und wie wir uns verstanden.

Ich brauchte beinahe nicht zu sprechen. Sie wußte so mein Auge, jeden Zug, jede Bewegung.

Und doch sprachen wir so gerne.

Wenn das Wild dalag, Irena dabei kniete, es ausweidete, dann saßen wir zusammen und die Welt war uns ein Bilderbuch, das ich meinem Kinde zeigte – und es war doch nicht mein Kind! Aber es war ihr Kind und ich hatte es lieb.

Auch meine Frau liebte das Kind leidenschaftlich; und je mehr es sich an mich hing, um so leidenschaftlicher.

Wenn ich das Kind mitnahm, kniete sie nieder, küßte es und sagte leise: »Bleib' bei mir.« Aber es schüttelte den Kopf. Ich lachte und weit weg vom Hause im tiefen Walde erinnerte ich mich noch und freute mich, wenn das Kind bei mir war und die Mutter zu Hause nur so verging vor Angst.

Wenn meine Frau dem Mädchen etwas zu nähen gab, that es nur so, legte die Arbeit plötzlich weg, und lief fort – mein Gewehr zu putzen. Oder die Frau sagte ihr was. Das Kind sah auf mich und rührte sich nicht.

Einmal schreit meine Frau auf. »Er ist nicht dein Vater!«

»Dann bist du nicht meine Mutter,« sagte das Kind ruhig. Sie wird bleich, schweigt fortan und weint nur manchmal. »So ein Unsinn! Wer wird da Thränen vergießen? die Welt ist so lustig!«

Er stürzte das letzte Glas Tokai hinab.

»Lustig! – da sagt – der – der –« er fuhr über die Stirne – »richtig, der Karamsin – der große Karamsin, er ist eigentlich ein Großrusse – aber das thut nichts – der große Karamsin! – wie sagt er denn nur? – wissen Sie das nicht?«

Er griff in sein Haar, als wollte er in seinem Kopfe wühlen.

»Richtig! richtig.«

»Alle Weisheit meines Lebens
Hat das Eine mich gelehrt
Lieb' ist sterblich! ganz vergebens
Hoffst du, daß die Liebe währt!

Bist du treu, sie lachen deiner,
Aendern wie die Moden sich,
Aenderst du dich, keift gemeiner
Eifersücht'ger Neid um dich.

Drum vermeide Hymens Falle,
Hoffe nie: ein Weib sei dein!
Aber lieb' und täusche alle,
Um nicht selbst getäuscht zu sein!«

So ist es.

»Hoffe nie: ein Weib sei dein!
Aber lieb' und täusche alle,
Um nicht selbst getäuscht zu sein!«

Da könnte ich Ihnen allenfalls jetzt so meine Abenteuer erzählen.

Alle Frauen sind mein, alle; Bauernweiber, Judenweiber, Bürgerfrauen, Edelfrauen; alle! Blonde, rothe, braune, schwarze, alle! alle!

Abenteuer, Abenteuer, sag' ich Ihnen, Abenteuer, wie – wie was gleich?

Da habe ich jetzt z. B. so ein Verhältniß mit einer jungen Frau. Was die verliebt ist! – Eine Dame, eine ganze Dame!

Aber mir thut der Kopf etwas weh.

Ich habe noch eine Geliebte jetzt. Sie ist das Weib eines Räubers. Ihr Mann ist gehängt worden, sie selbst – was weiß ich? was kümmert das mich! – Sie kann nicht einmal lesen. Wir reden auch nicht viel zusammen, aber lieben uns – wie die Wölfe!

Immer zehn Weiber auf einmal, oder doch mindestens drei, eine für das Bett, eine für den Geist, und die dritte für das Herz – nein, was sage ich da. Das Herz bleibt aus dem Spiele, ganz aus dem Spiele, sage ich Ihnen.«

Er lachte kindlich und zeigte seine herrlichen weißen Zähne.

»Wozu auch ein Herz? der Mann braucht sein Herz für seine Kinder, seine Freunde, sein Vaterland – aber für ein Weib! Ha! ha! Ich bin nie mehr von einem Weibe getäuscht worden, seitdem ich sie alle täusche. Eine lustige Komödie! Man muß ihnen den Mann zeigen. Ha! ha! und wie sie mich lieben, seit ich nur mein Spiel mit ihnen habe. Ich habe sie alle weinen gemacht, alle!«

»Und wie ist Ihr Verhältniß zu Ihrer Frau?« fragte ich, nachdem er lange still war.

»Nun, wir sind artig zusammen,« antwortete er. »Manchmal wenn ich – wenn ich so denke – an diese Zeit – an sie – da – da – bekomm' ich Kopfweh – Kopfweh – aber jetzt sind wir lustig! lustig! lustig!«

Er warf die Weinflasche an die Wand, daß der Jude aus dem Schlafe aufschrak und sich die Gebetriemen über die Nase herabriß.

»So! jetzt ist mir wohl!« sagte er und knöpfte seinen Rock auf. »Wohl. Lustig!«

»So ist das Leben. Wenn wir so sind – dann ist uns wohl. Lustig! Lustig!«

Er stellte sich mitten in die Schenke, die Arme kokett eingestemmt und begann den Kosak zu tanzen, indem er selbst dazu die kindlich wilden, bacchantisch schwermüthigen Melodien sang.

Bald saß er nur am Boden und warf die Füße wie etwas Ueberflüssiges von sich; bald sprang er bis zur Decke und drehte sich nur so in der Luft.

Jetzt stand er stille, die Arme auf der Brust verschränkt, und wackelte so traurig mit dem Kopfe. Jetzt packt er ihn mit der Hand, als wolle er ihn hinabreißen, und jauchzte auf wie ein Adler jauchzt, wenn er in die Sonne fliegt.

Plötzlich wurde die Thüre aufgerissen und ein alter würdiger Bauer im braunen Sierak, mit langen weißen Haaren, melancholischen Schnurrbart und schlauem Auge, trat ein.

Es war Simion Ostrow, der Richter.

Ein wehmüthiges Lächeln glitt über sein fahles Gesicht als er uns erblickte.

»Herren! wie lange seid ihr da?« sagte er gutmüthig; »gewiß lange? Nun, ich kann nichts dafür.«

»Können wir also fahren?« fragte der Bojar.

»Gewiß,« sagte Simion der Richter.

»Freilich ist es eigentlich zu spät,« fuhr der Andere fort, »ich meine für mich – aber Sie vielleicht. Gott sei mit Ihnen. Bleiben Sie gesund.«

Lustig strich er der Jüdin um das Kinn, das rothe Blut floß ihr ins Gesicht.

Er ging und kehrte noch einmal zurück. Er drückte meine Hand.

»Ah! was denn!« rief er, »das Wasser kommt mit dem Wasser zusammen und der Mensch mit dem Menschen.«Woda s wodoju sidjat sia a tscholowik s tscholowikom. Kleinrussisches Sprüchwort.

Ich stand auf der Schwelle wie er davonfuhr. Er grüßte noch einmal, dann war er fort.

Ich wendete mich zu dem Juden.

»O! er ist ein lustiger Mensch,« jammerte dieser, »ein gefährlicher Mensch, sie heißen ihn Don Juan von Kolomea

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