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Don Juan von Kolomea

Leopold Sacher-Masoch: Don Juan von Kolomea - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleGalizische Geschichten
authorLeopold von Sacher-Masoch
year1985
publisherBouvier Verlag
addressBonn
isbn3-416-01896-6
titleDon Juan von Kolomea
pages19-61
created20010523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1875
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Wie sie mein Weib war, da hatte ich erst den Muth, sie zu lieben und sie mich. Da warf sie Sitte, Anstand, Alles von sich so mit Schnürleib und Strumpfband gleich auf den Boden und wie meine Liebe groß wurde an ihrer Liebe, und groß und immer größer. Meine Liebe und ihre Liebe wuchsen so wie Zwillinge.

Pana Nikolaja küßte ich die Hände, meinem Weib die Füße und biß oft nur so hinein, daß sie schrie und mich ins Gesicht trat.

Jetzt verstand ich, warum man niederkniet und anbetet das Weib mit dem Kinde, aber sie haben auch aus ihr eine Jungfrau gemacht, die Hausthiere unseres Herrgottes.

Sehen Sie, das Mädchen ist so eine Sklavin ihres Hauses. Mancher Vater rechnet sie so zu seinen Gütern. Aber die Frau – jeden Augenblick kann sie mich verlassen. Hab' ich Recht? Sie wählt wie ich wähle. Da stehen sie die Jungfrau auf den Altar. Große Dummheit. Dann sagen sie »Du holdes Kind!« Also ein so buttergelbes Entchen da, ist meines Gleichen. Thun Sie mir den Gefallen und bedenken Sie das.

Die Liebe von Mann und Weib ist die Ehe; ich meine die Ehe wie die Natur sie schließt.

Ueberhaupt, was hat man?

Belieben Sie nur, dieses Leben etwas zu betrachten. Ein seltsamer Text und – –.«

Er horchte einen Augenblick auf das Lied der Bauernwache.

»Und da die Melodie dazu.

Da haben die Deutschen ihren Faust; und auch die Engländer haben so ein Buch. – Bei uns weiß das jeder Bauer. Es ist wie eine Ahnung, die über ihn kommt, was das Leben ist.

Was macht unser Volk so melancholisch?

Die Ebene.

Sie gießt sich aus wie das Meer und wogt im Winde wie das Meer. Der Himmel taucht in sie – wie in das Meer – sie umgibt den Menschen schweigend wie die Unendlichkeit; fremd wie die Natur.

Er möchte zu ihr sprechen und von ihr Antwort bekommen. Wie ein Schrei des Schmerzes entringt sich das Lied seiner Brust und stirbt unbeantwortet wie ein Seufzer.

Da ist es dem Menschen so seltsam. Gehört er nicht zu ihr? Hat sie ihn nicht geschaffen? hat sie ihn unterworfen nur? – hat er sie verlassen? stößt sie ihn von sich?

Sie gibt ihm keine Antwort.

Aus seinem Grabe wächst ein Baum; Sperlinge schreien auf den Aesten – soll das eine Antwort sein?

Er sieht den Ameisen zu, wie sie in langen Karawanen, mit Eiern beladen, durch den warmen Sand ziehen und zurück; da hat er seine Welt. – Ein Wimmeln auf dem kleinsten Raum, ein rastloses Bemühen um – Nichts. Er fühlt sich verlassen, ihm ist als könnte er jeden Augenblick vergessen, daß er lebt.

Da spricht im Weibe die Natur zu ihm: »Du bist mein Kind. Du fürchtest mich wie den Tod, aber hier bin ich wie du. Küsse mich! Ich liebe dich, komm, schaffe mit an dem Räthsel des Lebens, das dich ängstigt. Komm! ich liebe dich!« –

Er schwieg eine Weile. Dann fuhr er fort.

»Ich und Nikolaja, wie glücklich waren wir. Wenn die Eltern kamen oder die Nachbaren, da hätten Sie sehen sollen, wie sie kommandirte im Haus und Alles gehorchte ihr. Die Dienstleute duckten so wie die Enten auf dem Wasser, wenn sie nur auf sie hinsah. Einmal wirft mein junger Kosak ein Dutzend Teller hin. Trägt sie richtig bis an das Kinn hinauf, wirft sie hin; mein Weib die Peitsche vom Nagel. Nun – wenn die Herrin ihn peitscht, sagt er, will er täglich ein Dutzend Teller zerbrechen – verstehen Sie; und beide fangen an zu lachen.

Da kamen auch die Nachbaren.

Zu mir waren sie alle heiligen Zeiten gekommen, das heißt etwa zu Ostern auf ein Geweihtes,Zu Ostern hat jedes Haus in Galizien für Verwandte, Freunde und Bekannte sein »Geweihtes,« eine offene Tafel mit zum Theil nationalen Gerichten, welche sämmtlich vorher in der Kirche geweiht werden. aber jetzt suchten sie es etwa gut zu machen. Alle kamen sie, sag' ich Ihnen.

Da war der pensionirte Leutnant Mack, er kannte den Schiller auswendig, war aber sonst ein guter Mensch. Es war nur das Unglück mit ihm, daß er gerne trank. Wissen Sie, nicht daß er etwa so besoffen wurde und man ihn unter das Sopha werfen konnte. Was meinen Sie, da stellte er sich Ihnen mitten in das Zimmer der kleine dicke rothe Kerl und deklamirte Ihnen allenfalls den Kampf mit dem Drachen und wenn er nüchtern war – bedenken Sie – erzählte er uns so die ganzen französischen Kriege. Sagen Sie selbst, was war da zu machen.

Dann kam der Baron Schebicki. Kennen Sie ihn nicht? – Eigentlich hieß der Alte Schebig, Salomon Schebig. War ein Jude, ging mit dem Bündel, kaufte und verkaufte, machte den Lieferanten für das Aerar, kaufte ein Gut und nannte sich Schebigstein. Heißt einer Lichtenstein, sagte er, warum soll ich nicht heißen Schebigstein? Und der Sohn wurde Baron und nennt sich Raphael Schebicki. Lacht Ihnen immerfort. Sagen Sie ihm »Erweisen Sie mir die Ehre mich zu besuchen;« – lacht er so und sagen Sie ihm »Belieben da ist die Thüre Paschol!« – lacht er auch so. Und jeder hübschen Frau will er gleich Kleider bringen von Brody und einen Shawl von Paris; trinkt immer nur Wasser, geht täglich ins Dampfbad, trägt eine große goldene Kette auf der rothen Sammetweste und macht immer das Kreuz vor der Suppe und nach Tisch.

Dann der Edelmann Domboski; ein langer Pole mit rothen Augen, schwermüthigem Schnurrbart und leeren Taschen; der immer für die armen Emigranten sammelt, jeden den er das zweitemal sieht ungestüm an sein Herz drückt und zärtlich küßt; wenn er ein Glas zu viel hat ungezählte Thränen vergießt, »Noch ist Polen nicht verloren« singt, jeden einzeln unter den Arm nimmt, um ihm die ganze polnische Verschwörung anzuvertrauen; wenn er endlich lustig ist, ein »Vivat, lieben wir uns!« ausbringt und aus den schmutzigen Schuhen der Frauen trinkt.

Der hochwürdige Herr Maziek, so ein gerechter Landpfarrer, der fand für Alles einen Trost, für Geburt, Tod und Heirath. Am meisten pries er jedoch, die selig im Herrn entschlafen. Auch die Kirche habe sie durch das Symbol einer höheren Taxe ausgezeichnet. Wenn er etwas behaupten wollte, sagte er stets »Fegefeuer,« wie ein anderer »bei Gott!« oder »mein Ehrenwort.« Dann der gelehrte Thaddeus Kuternoga, der seit elf Jahren das Doktorat machen will und denken Sie, noch dazu der Philosophie. Der Gutsbesitzer Leon Bodoschkan, ein wahrer Freund und andere lustige Edelleute.

Lustig! Lustig wie ein Schwarm Bienen, aber vor ihr hatten sie Respekt.

Auch die Frauen kamen so zu ihr; gute Freundinnen, die schwatzen, süß lächeln, jede Minute schwören und dann – nun, wir kennen das. Also wir lebten so mit den Nachbaren und ich war stolz auf meine Frau, wenn sie so aus ihren Schuhen tranken und auf sie deklamirten; aber sie sah die Leute gleich so an: »was bemüht ihr Euch?« – Wir waren auch lieber allein.

So eine große Wirthschaft, wissen Sie, man hat seine Sorgen und seine Freuden. Sie nahm sich der Sache an. Wir wollen selbst regieren, sagte sie, und nicht unsere Minister. Da war der Minister der Mandatar Kradulinski, ein alter Pole. Ein Mensch von einer Consequenz, sag' ich Ihnen – er hatte nie ein Haar am Kopfe und nie eine Rechnung in Ordnung. Dann der Förster Kreidel. Ein Deutscher, wie Sie merken. Der war klein, hatte kleine Augen, große durchsichtige Ohren und einen großen durchsichtigen Windhund.

Meine Frau hielt ihnen das Gespann zusammen. Na! ich glaube, die Peitsche hätte sie ihnen gegeben, wenn sie nicht gefahren wären, wie sie es wollte.

Aber die Bauern dafür. Wenn wir so durch die Felder gingen. »Gelobt sei Jesus Christus!« – »In Ewigkeit. Amen!« so fröhlich sag' ich Ihnen. Beim Erntefest, da strömte es nur in unsern Hof, die Schnitter, das Volk. Meine Frau stand auf der Treppe und sie legten ihr den Erntekranz zu Füßen. Jauchzten, sangen, tanzten; sie nahm ein Glas Branntwein: »Bleibt gesund!« und trank es aus.

Die Füße, sag' ich Ihnen, küßten sie ihr nur.

Da ritt sie auch mit mir. Ich hielt ihr die Hand hin, sie trat nur hinein und war auch im Sattel. Zu Pferde hatte sie eine Kosakenmütze, die goldene Quaste tanzte auf ihrem Nacken, und das Pferd wieherte und blies die Nüstern auf, wenn sie es auf den Hals klopfte.

Dann lernte ich sie auch mit der Flinte umgehen. Ich hatte so eine kleine. Hatte Sperlinge damit geschossen, wie ich klein war. Sie warf sie über die Schulter, ging mit mir durch die Wiese und schoß Wachteln. Prächtig! sag' ich ihnen, prächtig! – Da fliegt ein Geier aus dem Walde her, nimmt mir meine Hühner, nimmt meiner Nikolaja gerade die schwarze Henne mit dem weißen Schopf. Ich passe ihm auf. Kannst warten!

Da komm' ich vom Erdäpfelgraben zurück, so eine Gerte in der Hand. Da ist er.

Schreit noch und kreist um den Hof Ich fluche nur. – Da fällt ein Schuß. Er schlägt nur einmal in der Luft und gleich zu Boden.

Wer hat geschossen?

Mein Weib. »Der nimmt mir keine Henne mehr,« sagt sie, und nagelt ihn an das Scheunenthor. Kommt der Faktor,Jedes große Haus hat seinen jüdischen Agenten, sein Faktotum, seinen Familienjuden »Faktor« genannt. packt mit großem Geschrei alle seine Ballen aus. Alles ächt, Alles neu, Alles billig. – Weiß die zu handeln!

Der Jude seufzt nur immer. »Eine gestrenge Frau,« sagt er, aber küßt ihr den Ellenbogen.

Fahre ihnen in die Stadt.

Geht die Frau Starostin,Starost, ein Beamter der polnischen Krone, welcher einen dem jetzigen Kreise analogen Bezirk verwaltete, daher sein Name auf den österreichischen Kreishauptmann übertragen wurde. hat ein blaues Kleid mit weißen Fliegen. Muß Mode sein. Kaufe ein blaues Kleid mit weißen Fliegen. Meine Nikolaja wird roth.

Fahre einmal nach Brody, bringe Sammet von allen Farben, Seidenstoffe, Pelze, was für Pelze! Alles geschwärzt! Das Herz schlägt ihr, sag' ich Ihnen.

Die war ihnen angezogen. Hinzuknieen!

Da hatte sie eine Kazabaika, saftgrün, ausgezeichnet saftgrün, und sibirische graue Eichhörnchen – die Kaiserin von Rußland hat keine besseren – Eichhörnchen daran, so handbreit gleich. Und ganz gefüttert mit dem silbergrauen Pelz, so weich, sag' ich Ihnen.

Da lag sie so an den langen Abenden auf dem Diwan, die Arme unter dem Kopf gekreuzt, und ich lese ihr vor.

Das Feuer knistert, der Samowar singt, das Heimchen zirpt, der Holzwurm klopft, das Mäuschen nagt, denn die weiße Katze liegt auf dem Vorsprung und spinnt.

Lese ihr alle Romane. In der Kreisstadt, wissen Sie, war ja schon die Leihbibliothek und dann die Nachbaren – hat Der ein Buch und Jener.

Sie liegt mit geschlossenen Augen und ich im Lehnstuhl und wir verschlingen die Bücher nur so. Schlafen oft lange nicht ein. Sprechen so, ob der die bekommen wird oder nicht. Wenn etwa so eine Edelmuthsgeschichte vorkommt, da kann meine Nikolaja bis in die kleinen Ohrläppchen dunkelroth werden vor Zorn. Da richtet sie sich etwas auf, stützt sich mit der Hand und sagt zu mir, als hätte ich das geschrieben: »Sie soll das nicht thun, hörst du?« – und weint beinahe.

Die Frauen, wissen Sie, die sind in den Romanen besonders edelmüthig. Da, wenn der Geliebte in Gefahr ist, sind sie gleich dabei, sich zu – opfern, denken Sie. Der Teufel könnt' einen holen. Einmal da kommt auch so eine Szene vor, wo eine Frau den Mann hingibt, um ihr Kind zu retten. Eine dumme Geschichte, sag' ich Ihnen; »die Macht der Mutterliebe,« glaub' ich, heißt das Buch. Eine dumme Geschichte, aber meine Nikolaja fiebert und will viele Wochen kein Buch sehen.

Oft springt sie auf, schlägt mir das Buch ins Gesicht und zeigt mir die Zunge. Hetzen dann wie Kinder. Ich verstecke mich hinter den Thüren und schrecke sie.

Oder sie führt mit mir ganze Märchen auf.

Geht in ihr Zimmer. »Wenn ich wieder komme, bist du mein Sklave.« Dann zieht sie sich als Sultanin an, schlingt einen Shawl um die Lenden, einen anderen um den Kopf wie einen Turban. Meinen Tscherkessendolch im Gürtel, ganz in einen weißen Schleier gehüllt, so kommt sie heraus. Ein Weib! – eine Gottheit von einem Weibe!

Wenn sie schlief, konnte ich Stunden lang sie nur ansehen, wie sie athmete, und wenn sie einmal seufzte, wurde es mir so weh um das Herz, als hätte ich ihr das schwerste Unrecht zugefügt, und eine Angst kam über mich, sie sei nicht mein, sie sei gestorben. Und rief ich sie beim Namen, dann setzte sie sich auf, sah mich groß an und lachte.

Aber die Sultanin konnte sie am besten machen. Sie verzog keine Miene. Wenn ich sagte: »Aber Nikolaja,« und spaßte, sie zog nur die Brauen in die Höhe und bohrte ihre Augen in mich, daß ich mich beinahe schon am Pfahle fühlte. »Bist du bei Sinnen, Sklave?« – Wirklich, da war nichts zu machen. Ich war ihr Sklave und sie gebot wie eine Sultanin.

So lebten wir denn wie ein paar Schwalben, saßen zusammen und zwitscherten.

Eine süße Hoffnung erhöhte unsere Freuden. Und doch, wie bange war mir um das Weib. Ich streichelte ihr oft nur so die Haare aus der Stirne und die Thränen traten mir in die Augen. Sie verstand mich, nahm mich um den Hals und weinte.

Aber es kam unerwartet wie das Glück. Ich fuhr nach Kolomea um den Arzt und wie ich hereintrete, hält sie mir das Kind entgegen.

Die Eltern floßen förmlich vor Freude, die Dienstleute – das schrie und lachte, und Alles besoffen, und auf der Scheune stand der Storch und hielt nachdenklich ein Bein in die Höhe.

Da gab es zu denken, zu sorgen, und jede schwere Stunde band uns nur noch fester zusammen.

Aber so blieb es nicht.«

Seine Stimme war unendlich sanft und leise geworden, sie zitterte nur so in der Luft, leise, wie der dünne Dampf seiner Pfeife.

»Es konnte nicht so bleiben – ich bitte Sie – und dann – so und so – verstehen Sie mich. Es ist so eine Regel. – Ich meine, es ist so die Natur. Ich habe oft darüber nachgedacht, was meinen Sie?

Ich habe einen Freund gehabt – Leon Bodoschkan. Er hat zu viel gelesen und ist darüber krank geworden. Der hat mir oft gesagt –

Aber wozu das? Ich kann Ihnen ja –«

Er zog einige vergilbte Streifen Papier aus der Brust.

»Viel geschrieben hat er auch. War so unbekannt, aber er kannte Alles, so – er sah so hinein wie in ein Gebirgswasser. Die Menschen machte er auf wie Uhren und sah hinein, ob Alles in Ordnung sei. Sagte gleich, wo es fehle. Er verstand Ihnen, wenn die Katzen z. B. zusammen sprachen, lachte und sagte gleich, was sie wollen. Da nahm er Ihnen eine Blume, schnitt sie auf und zeigte Ihnen, wie sie lebt, wie sie sich ernährt. Er sprach gerne von den Frauen.

Die Frauen und die Philosophie, wissen Sie, haben ihn ruinirt.

Da schrieb er oft was nieder und wenn er im Walde ging, warf er Alles von sich. Das Papier ängstigte ihn.

Aber das vergesse ich sonst.

Er sagte, wer seine Liebe auf einem Papier niederschreiben kann, liebt nicht.

Er konnte dicke Bücher lesen in Schweinsleder, den ganzen Nestor – aber vor einem Liebesbriefe lief er davon.

Also z. B.«

Damit legte er die schmutzigen Papierstreifen auf den Tisch.

»Nein! Das ist eine Rechnung.« Er steckte sie wieder ein. »Da ist es.« Er hustete und las dann:

»Was ist unser Leben? – Leiden, Zweifel, Angst, Verzweiflung.

Weißt du, woher du kommst? Wer du bist? Wohin du gehst?

Und keine Gewalt zu haben über die Natur, und keine Antwort zu bekommen auf diese arme verzweifelte Frage. Unsere ganze Weisheit ist zuletzt der Selbstmord.

Aber die Natur hat uns ein Leiden gegeben, noch entsetzlicher als das Leben – die Liebe.

Die Menschen nennen sie Freude, Wollust« –

Mein Freund pflegte bei diesen Worten immer bitterlich zu lachen. – »Sieh' den Wolf an,« sagte er mir, »wenn er sein Weib sucht; wie er durch das Dickicht bricht, das Wasser rinnt ihm nur vom Maul – er heult nicht einmal mehr, er winselt nur noch, und seine Liebe, ist das Genuß? – Das ist ein Kampf, ein Kampf wie um das Leben, das Blut rinnt ihr vom Nacken.

Mein Gott! möchte der Mann sich nicht auch auf das Weib werfen wie auf den Feind? Fühlt er sich nicht endlich wie unterworfen einem unbarmherzigen Feind?

Legt er dem Weibe nicht den stolzen Kopf vor die Füße und fleht: »Trete mich, trete mich mit deinem Fuße, ich will dein Sklave sein, dein Knecht, aber komm, erlöse mich!«

Ja, die Liebe ist ein Leiden, der Genuß – Erlösung! Aber es ist dann eine Gewalt, die Eines über das Andere übt, es ist ein Wettstreit, sich dem Andern zu unterwerfen. Liebe ist Sklaverei und man wird Sklave, wenn man liebt. Man fühlt sich vom Weibe mißhandelt, man schwelgt nur in der Wollust ihrer Despotie und Grausamkeit. Man küßt den Fuß, der uns tritt.

Ein Weib, das ich liebe, macht mir Angst. Ich zittere, wenn sie plötzlich durch das Zimmer geht und ihre Kleider rauschen; eine Bewegung, die mich überrascht, erschreckt mich.

Man möchte sich vermählen für die Ewigkeit, für diese und eine andere Welt, man möchte nur ineinander fließen. Man taucht seine Seele in die fremde Seele, man steigt hinab in die fremde, feindliche Natur und empfängt ihre Taufe. Es ist lächerlich, ganz lächerlich, daß man nicht immer zusammen war. Man zittert jeden Augenblick, sich zu verlieren. Man erschrickt, wenn der Andere das Auge schließt, wenn er seine Stimme verändert. Man möchte ganz nur Ein Wesen werden, alle Eigenschaften, Ideen, Heiligthümer eines Lebens möchte man aus seinem Wesen reißen, um ganz nur mit dem andern sich zu verschmelzen. Man gibt sich hin – wie eine Sache – wie einen Stoff. Mache aus mir, was du bist!

Wie zum Selbstmorde wirft man sich in die andere Natur, bis sich die eigene empört.

Da kommt der Schauer, ganz sich zu verlieren. Man fühlt wie einen Haß gegen die Gewalt des Andern. Man glaubt sich todt. Man will sich auflehnen gegen die Tyrannei des fremden Lebens, sich wiederfinden in sich selbst.

Das ist die Auferstehung der Natur.«

Er suchte einen zweiten Papierfetzen hervor.

»Der Mann hat seine Arbeit, seine Absichten, seine Unternehmung, seine Ideen!

Sie schweben um ihn mit Taubenflügeln, sie heben ihn mit Adlersfittichen. Sie lassen ihn nicht versinken.

Aber das Weib?

Das schreit nach Hülfe. Ihr Ich will nicht sterben, es will nicht! und keine Hülfe!

Da trägt sie noch sein Ebenbild unter dem Herzen, fühlt, wie es wächst und sich bewegt – lebt! – Da – da hält sie's endlich in den Armen. Sie hebt es auf –

Wie ist ihr nun?

Träumt sie? Da spricht das Kind zu ihr: »Ich bin du, und du lebst in mir. Sieh mich nur an, ich rette dich.«

Sie hält das Kind an ihre Brust und ist gerettet.

Nun pflegt sie sich, ihr Selbst, das sie verachtet und verstoßen in dem Kinde, und sieht es groß werden auf ihrem Schooß und gibt sich hin und hängt sich ganz daran.«

Damit legte er die Gedankenfetzen seines Freundes zusammen und verbarg sie an seiner Brust. Dann fühlte er noch einmal mit der flachen Hand darnach und knöpfte seinen Rock zu.

»So war es bei mir auch,« sagte er, »ganz so. Freilich versteh' ich das nicht so zu erklären, wie Leon Bodoschkan, wissen Sie, aber ich will es Ihnen doch erzählen. Was meinen Sie?«

»Natürlich, Bruder.«

»So war es also auch bei mir. Ganz so; ganz so. Glauben Sie mir, ganz so –«

Ich wollte meinen neuen Freund anregen und sagte kaltblütig: »Gewöhnlich nennt man das Kind ein Pfand der Liebe.«

Mein Landedelmann hielt einen Augenblick inne und sah ganz so aus, als hätte ich ihn tödtlich beleidigt. »Ein Pfand der Liebe!« rief er, »ja wohl, ein Pfand der Liebe!

Also ich komme nach Hause. In so einer Wirthschaft, was es da Arbeit gibt! Komme müde wie ein Jagdhund. Nimm mein Weib in die Arme, küsse sie, ihre Hand streicht mir so die Sorgen von der Stirne. Ich streiche mich an ihr wie ein Kater, sie lacht – da schreit daneben das Pfand der Liebe – aus ist die Geschichte. Können bei der Vorrede anfangen, wenn Sie wollen. Aus, sag' ich Ihnen.

Den ganzen Vormittag wüthet man herum mit dem Mandatar, mit dem Oekonom, mit dem Förster. Setzt sich zum Mittagessen, richtig – kaum hat man die Serviette umgebunden – ich binde sie nämlich, Alles nach altem Style – da weint auch mein Pfand der Liebe, weil es nicht von dem Mädchen nehmen will. Mein Weibchen steht auf, füttert das Kind. Aber das Kind verlangt nach dem Fleisch und schreit – fort ins Nebenzimmer und ich kann allein speisen und mir dazu ein Lied pfeifen, wenn ich will, z. B.:

»Sitzt der Kater
Auf dem Zaun
Und thut mau'n.
Gelt, mein Gesang
Ist gar nicht lang?«Ein galizisches Kinderlied.

Da geht man allenfalls – auf die Entenjagd.

Den ganzen Tag bis an die Kniee im Wasser. Man freut sich auf ein gutes Bett.

Was nennen Sie z. B. ein gutes Bett?

Eine gute Matratze, nicht wahr? gute Polster, warme Decken und ein hübsches Weib?«

Er wurde roth, stotterte etwas.

»Nun gut. Man küßt seinem Weibchen rothe Flecke auf Wangen, Nacken, Busen. Man läßt seine Hände die vollen Hüften hinabgleiten – da schreit das Pfand der Liebe.

Das Weib springt aus dem Bette, schlüpft in die Pantoffel und geht auf und ab, das Kind in den Armen wiegend. La! La! La! hört man's die halbe Nacht und schläft – allein. La! La! La! –

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