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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
projectidf2439d12
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Das siebente Abenteuer und das Ende des U-Bootes

Nun war mit einemmal das Meer noch schöner, der Strand war herrlich und die Seeverschickung prächtig, denn der Doktor Kleinermacher war wieder bei den Kindern. Ohne Doktor Kleinermacher geht das Leben gar nicht mehr!

Am nächsten Tag waren Dieter und Traute zur bestimmten Zeit hinter der letzten Düne am Strande. Sie hatten nicht lange zu warten, denn der Doktor war ein pünktlicher Mann. Er begrüßte seine jungen Freunde, holte dann aus seiner Tasche das U-Boot und die Wunderflasche heraus und machte alles zum neuen Abenteuer im Meere bereit. Als er mitten bei den Vorrichtungen war, wurde er plötzlich nachdenklich und sagte:

»Nein, da habe ich doch nur einen Torpedo für unsere Seereise mitgebracht, das ist zu wenig; wenn wir nun leichtsinnigerweise den einen Torpedo abschießen und dann kommt noch eine Gefahr, vielleicht eine größere, dann sind wir wehrlos. Nein, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ich gehe nach Hause und hole noch einen oder zwei Torpedos. Wartet hier inzwischen auf mich, ich lasse euch das U-Boot und die Wunderflasche hier, paßt gut auf. In einer guten Viertelstunde bin ich wieder hier.«

Die Kinder blieben allein und unterhielten sich über die Macht des Wunderwassers. Dieter meinte, mit dem Wunderwasser könnte man weite Reisen machen, ohne viel Geld für Fahrkosten auszugeben. Der Doktor löse eine Fahrkarte, vorher verberge er Dieter und Traute als Zwerge in seiner Tasche und gehe so durch die Sperre. Vielleicht könnten sie sich sogar als Zwerge allein durch die Sperre drängen. Auf jeden Fall müsse man so etwas ausnützen. Ob der Doktor noch nicht daran gedacht habe?

Traute meinte, damit sei der Doktor sicher nicht einverstanden, denn auf Betrug habe er sich noch nie eingelassen. Nun hatte Dieter einen anderen Vorschlag. Man könnte nach Afrika oder nach Indien fahren, dort große Tiere einfangen, Giraffen und Nashörner, und die Tiere würden gleich verkleinert. In Hamburg angekommen würden dann sofort große Elefanten und Giraffen verkauft. Was man da an Transportkosten spare – gar nicht auszudenken! Reich könnte man dabei werden.

Traute war damit schon mehr einverstanden, und Dieter wollte sofort einen Versuch machen. Nicht weit von der Düne weidete auf der Wiese eine Kuh. Langsam ging Dieter auf das Tier zu, und vorsichtig spritzte er auf das Gras, das die Kuh fressen wollte, etwas Wunderwasser. Die Wirkung sollte sich bald bemerkbar machen. Unruhig blökte die Kuh und tänzelte auf ihren Beinen ängstlich umher. Dieter fürchtete einen Angriff und ging einige Schritte zurück. Die Furcht war aber bald nicht mehr notwendig, denn unter dem Blöken der Kuh, das immer leiser wurde, schrumpfte das Tier immer mehr zusammen. Der Kuh war der Vorgang im höchsten Maße unsympathisch. Jetzt war das Tier so klein, daß Dieter das Riesenspielzeug in seine Hand nehmen und aufheben konnte. Eine niedliche, kleine, aber sehr ängstliche Kuh hielt Dieter hoch, und Traute rief immerzu: »Eine niedliche Kuh; ach, wie süß, ach, wie süß.«

Mit ihrem Spielzeug rannten die Kinder zu ihrem alten Platz zurück. Dort setzte Dieter das Tier neben dem U-Boot nieder, und beide erfreuten sich daran, wie die kleine Kuh zwischen den hohen Gräsern der Düne hin und her trippelte. Jetzt suchte sie sogar das U-Boot zu ersteigen. Dieter und Traute konnten sich vor Lachen nicht halten. Da – ein Fehltritt, und die kleine Kuh plumpste durch die Luke in das Innere des Unterwasserschiffes.

Dieter und Traute hörten sofort mit Lachen auf. Das durfte nicht sein. Vielleicht richtete die Kuh im Innern des Bootes Unheil an. Vielleicht tat sie sich selbst etwas zuleide. Auf jeden Fall mußte das Tier wieder heraus. Wenn das der Doktor sehen würde!

Dieter und Traute hielten ein paar Gräser an den Eingang, um die Kuh wieder herauszulocken. Aber kein Tier kam zum Vorschein. Nur ein dummes Muhen tönte aus dem U-Boot heraus. Das Tier lebte also noch. Wenn das der Doktor sähe! Vielleicht war es dann mit der Freundschaft doch aus?

Als alles nichts helfen wollte, nahm Dieter das kleine U-Boot in die Hand, drehte es herum, die Luke nach unten, um der Kuh den Ausgang zu erleichtern. Umsonst. Jetzt schüttelte Dieter das U-Boot in seinen Händen. Das dumme Vieh mußte doch herausfallen, aber alle Versuche waren vergebens. Was machen wir nur, was machen wir nur? Wenn das der Doktor sähe!

Und der Doktor kam an. Traute weinte vor Angst, und Dieter war rot vor Aufregung und Scham. Stotternd erzählte er dem Doktor von seinen Ungezogenheiten. Jetzt war der Doktor ernstlich böse: »Ich dachte immer, ihr seid schon kleine Erwachsene und vernünftig, und nun muß ich sehen, daß ihr nicht Kinder, sondern ungezogene Rangen seid. Euch darf man nicht allein lassen. Aber jetzt ist keine Zeit zum Schimpfen.« Er versuchte alles, was Dieter schon versucht hatte, seine Erfolge waren nicht besser. Dann sagte er: »Es hilft alles nichts, wir müssen das U-Boot auseinandernehmen. Ich springe schnell nach Haus und hole meinen Handwerkzeugkasten. Ich werde mich sehr beeilen, wartet hier, aber macht keine neuen Dummheiten.« Der Doktor rannte fort, und Dieter setzte die Versuche zur Befreiung der Kuh fort, immer wieder ohne Erfolg. Dann kam der Doktor mit seinem Handwerkzeugkasten zurück und wollte eben beginnen, sein Kunstwerk auseinanderzunehmen, als er sich an die Stirn tippte und laut ausrief:

»Zu dumm, auf den einfachsten Gedanken sind wir in unserer Aufregung nicht gekommen. Ich nehme einen Schluck aus der Wunderflasche, gehe selbst in das U-Boot hinein und treibe die Kuh heraus.« Eben wollte er die Wunderflasche an den Mund setzen, da begann es im U-Boot verdächtig zu knacken und zu krachen. Dann brach das kleine Kunstwerk in der Mitte auseinander, und heraus wuchs eine immer größer werdende Kuh. Sie hatte in ihrem Wachstum das U-Boot von innen zerrissen und gesprengt.

Vor Schreck fiel dem Doktor die Wunderflasche aus der Hand, unglückseligerweise auf einen Stein, und die kostbare Flasche mit dem Wunderwasser zersprang in lauter Scherben. Das Wunderwasser versickerte im trockenen Strandsand. Der Doktor hielt vor Schmerz beide Hände vors Gesicht, Traute weinte still vor sich hin, und Dieter sank bleich zusammen. So ein Unglück, so ein entsetzliches Unglück!

Die Kuh aber fühlte sich in ihrer neuen Größe nicht wohl. Sie muhte laut und klagend und hinkte schwerfällig von dannen. Beim Größerwerden und beim Zersprengen des eisernen U-Bootes war sie nicht ohne Schaden davongekommen. Beim Davonhumpeln riß sie Traute und Dieter um, daß auch die beiden Kinder in den Sand kullerten. Dieter riß sich wieder zusammen und rief laut klagend: »Ich bin an allem schuld, ich habe das Unheil angerichtet, ich muß sterben.« Dabei rannte er dem Strande zu und wollte sich ertränken. Traute sah das, rannte hinterher, um Dieter von seinem Vorhaben abzubringen. Aber Dieter riß sich immer wieder los und stand schon bis an den Knien im Wasser. Doch auch der Doktor hatte sich ermannt. Das Wunderwasser war hin, das U-Boot war hin, Dieter aber mußte leben bleiben. Auch er rannte ins Wasser, hob den schreienden und zappelnden Dieter empor und trug ihn wieder aufs Trockene. Der Junge aber wollte immer wieder zurück, schrie und wollte durchaus sterben, weil er dem Doktor so wehe getan habe. Seine gesamten Kunstwerke habe er vernichtet.

Endlich hatte sich Dieter beruhigt, und der Doktor konnte sprechen. »Kinder, das Unglück ist nicht so groß, wie ihr denkt. Das Rezept vom Wunderwasser habe ich ja zu Haus, und ich kann neues herstellen. Auch ein U-Boot kann ich wieder zusammenbauen. Das Unglück ist wirklich nicht so groß, nur muß ich nach Hause fahren, um alles wieder zusammenzubringen. Geht nur in euer Heim, eßt recht tüchtig, und dann kommt ihr wieder zu mir. Ich habe euch allerlei Sachen zu zeigen, die wir auch ohne Wunderwasser sehen können.«

Der Doktor hatte noch lange zu trösten. Dieter und Traute wollten sich nicht beruhigen, sie klagten sich immer von neuem an. Besonders Dieter ging hart mit sich ins Gericht. Dann aber, als der Doktor von einem Seestern und von Krebsen erzählte, die er in seinem Quartier in Gläsern habe, heiterten sich die Kinderherzen wieder auf. Der Doktor mußte noch versprechen, daß er wirklich, wirklich nicht böse sei. Dann verabschiedeten sich die drei.

Dieter und Traute konnten im Kinderheim nicht viel essen. Alle Traurigkeit war noch nicht verschwunden. Den Doktor aber suchten sie nach dem Essen eiligst auf. Der Doktor Kleinermacher ist doch zu gut. Wie hätten andere geschimpft und die Kinder sogar geschlagen, der Doktor aber tröstete die beiden in ihrem Schmerz. Einen solchen Doktor gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder.

Als sie bei ihrem älteren Freunde anklopften und der ihnen öffnete, war jede Spur von Zorn und Verärgerung verschwunden. Er lächelte die Kinder an, führte sie auf ihre Plätze und bot ihnen Kaffee und Kuchen an. Und nun hatten Dieter und Traute plötzlich Hunger und hieben tüchtig drein. Alles Ungemach war vergessen, man war beim Doktor, freute sich und langte kräftig zu.

Mitten in der scherzenden Unterhaltung sagte der Doktor plötzlich: »Jetzt werde ich euch mal zeigen, wie dumm ein Seestern ist.« Und richtig, aus einem Glase holte der Doktor einen lebenden Seestern hervor. Das Tier legte er auf ein Brett. Unter dem Brett stand ein Becken mit Meerwasser. Am Rande des Brettes hatte der Doktor drei lange Nägel eingeschlagen. Der Seestern kroch nun zum Rand des Brettes, da er das Seewasser spürte und gern in das feuchte Element zurück wollte, Nun kam er zu den drei großen Nägeln. Einen Arm steckte er in den einen Zwischenraum, einen zweiten Arm in den anderen Zwischenraum zwischen den drei Nägeln. So kam er dem Wasser immer näher, und die beiden Arme hingen schon am Brett herunter. Nun aber ging es nicht weiter, denn der mittelste Nagel hielt die Wanderung auf. Der Seestern kam nicht auf den Gedanken, daß er mit allen Armen zwischen einem Spalt sich durchzwängen müsse. Nur so konnte er das ersehnte Wasser erreichen. Der Seestern wäre ausgetrocknet, wenn der Doktor nicht nachgeholfen, das Tier emporgehoben und die Arme so gelegt hätte, daß sie alle durch einen Spalt gingen.

»Der Seestern ist aber dumm«, meinte Traute.

Der Doktor aber erwiderte: »Und doch waren die Menschen noch dümmer. Ich will euch die Geschichte erzählen. Im Mittelalter beschäftigten sich die Gelehrten mit allerlei Hirngespinsten. Sie stellten die verrücktesten Behauptungen auf und versuchten, sie zu beweisen. Da gab es zum Beispiel einen Professor, der meinte, wenn man einen Esel zwischen zwei gleich großen Heubündeln aufstellte, und zwar genau in der Mitte zwischen den beiden Heubündeln, dann werde der Esel von den beiden Bündeln mit der genau gleichen Kraft angezogen. Er müsse also in der Mitte bleiben und elendiglich verhungern.

Nun tat aber kein Esel dem Professor den Gefallen, keiner verhungerte, sondern alle fraßen beide Heubündel auf. Wie hätte sich der mittelalterliche Professor gefreut, wenn er von unserem Seestern eine Ahnung gehabt hätte, der im Angesichte des Meereswassers austrocknet. Die beiden Arme des Seesterns spüren gleichermaßen das Wasser, keiner will zurückgehen, und so muß das Tier verdursten ...«

»... wenn der Doktor Kleinermacher nicht wäre«, setzte Dieter fort.

Der Doktor zeigte den Kindern noch eine andere Sache. Er hatte auch einen großen Krebs in einem seiner Gläser. Nun haben die Krebse ein Organ an ihrem Körper, das so ungefähr wie unser Ohr gebaut ist. Die Krebse sammeln kleine Steinchen auf und tun sie in ihre »Ohren« hinein. Lange waren die Gelehrten der Meinung, daß diese »Ohren« Organe zum Hören, daß die Steinchen also kleine Gehörsteinchen seien. Denn auch wir Menschen haben so etwas wie Gehörsteinchen in unserem inneren Ohr.

Dann aber brachten neue Untersuchungen Überraschungen. Die »Ohren« sind gar keine Ohren, sondern Gleichgewichtsorgane. An der Lage der »Gehörsteinchen« im Innern des »Ohres« stellt der Krebs fest, wie seine Lage im Wasser ist.

Der Doktor Kleinermacher hatte alles vorbereitet, um diese Beobachtung zu wiederholen. Aus einem Glas hatte er alle Steinchen entfernt und dann den Krebs hineingetan. Nun hätte der Krebs nie »Gehörsteinchen« gefunden, wenn der Doktor nicht kleine Eisenstücke auf den Boden des Glases gelegt hätte. Willig nahm der Krebs die Eisenstücke auf und tat sie in sein »Ohr«. Eisen funktioniert so gut wie Steine. Der Krebs hatte keine Schwierigkeit und keine Beschwerden. Nun holte der Doktor einen großen Magneten und hielt diesen unterhalb des Glases. Am Krebs war nichts Besonderes zu bemerken. Darauf hielt der Doktor den Magneten seitlich vom Glas. Sofort legte sich der Krebs auf die Seite und schwamm in dieser Stellung durch das Wasser. Die Eisenstücke fielen in ihrer kleinen Körperhöhle nicht zu Boden, sondern klebten an der Seite, vom Magneten angezogen. Der Krebs dachte: diese Seite, das sei unten, und so schwamm er seitwärts durch das Wasser. Es war eigenartig anzusehen, und die beiden Kinder mußten lachen.

Jetzt aber hielt der Doktor den Magneten von oben auf das Aquarium. Sofort stellte sich der Krebs um und schwamm, den Bauch nach oben, durch das Wasser. »Es ist doch kaum zu glauben«, meinte Dieter, »ich hätte nie geglaubt, daß man Tiere mit einem Magneten beeinflussen kann; es geht aber.«

Der Doktor erzählte und zeigte den Kindern noch mehr Wunder. Zum Beispiel legte er eine Stecknadel vorsichtig aufs Wasser. Und die Stecknadel schwamm und ging nicht unter. Die Kinder wußten es von ihrem ersten Abenteuer im Wassertropfen, daß das Wasser eine feine Haut hat, und konnten sich so den Vorfall erklären. Dann erzählte der Doktor, daß im Mittelländischen Meer sogenannte Seegurken leben. Die Form der Tiere erinnere etwas an Gurken. In jene Tiere kriechen kleine bunte Fische hinein, tun den Seegurken nichts, betrachten die Geschöpfe nur als billiges Nachtquartier. Ein Tier lebt im andern, die Natur ist zu sonderbar.

Der Doktor hatte noch viel erzählt. Nun aber stellte Traute eine peinliche Frage. »Sage mal, Doktor Kleinermacher, warum ist eigentlich das Meer so salzig?«

»Ja, kleine Traute, warum ist das Meer salzig? Wie denkst du dir die Sache?«

Traute überlegte lange, dann sagte sie: »Vielleicht ist mal eine große Salzflotte untergegangen. Das Wasser hat das Salz aufgelöst, und dann ist alles salzig geworden. Aber das erscheint mir selbst zu dumm.«

Jetzt sprang Dieter ein: »Ich denke mir die Sache so. Es gibt doch Salzbergwerke. Man findet doch tief unter der Erde riesige Salzlagerstätten. Wahrscheinlich sind auch auf dem Meeresgrunde solche Salzlager. Das Wasser leckt nun das Salz aus und wird davon so salzig.«

Der Doktor erwiderte: »Gut so, Dieter, und doch kann deine Erklärung nicht stimmen. Sieh mal, schon in der Schule lernte ich, die großen Salzlagerstätten stammen vom Meer, sind Ablagerungen des Meeres. Was Wirkung ist, kann doch nicht Ursache sein!«

Dieter und Traute dachten angestrengt nach, aber sie kamen nicht vorwärts. Nun wollte Dieter ganz gelehrt sein. Er sagte: »Wasser besteht aus zwei Gasen, aus Wasserstoff und Sauerstoff. Als sich nun bei der Entstehung der Welt diese beiden Gase zusammenfanden und sich das erste Wasser bildete, da entstand auch das erste Salz, zugleich mit der Bildung des Wassers ...«

»Ja, wie denn aber?« fragte der Doktor.

»Natürlich chemisch«, antwortete verlegen Dieter.

Jetzt griff der Doktor wieder ein. »So kommen wir nicht vorwärts. Du machst dir die Sache viel zu schwer. es ist viel einfacher, so einfach, daß es niemand glauben will. Die großen Flüsse bringen das Salz ins Meer.«

Dieter staunte: »Die Flüsse, die großen Ströme? Die haben ja Süßwasser und kein Salzwasser. Das kann ich aber nicht glauben.«

Der Doktor sprach weiter: »Doch, doch, paßt auf, ich will euch die Sache erklären, hört nur zu. Es gibt doch auf der Erde ein paar Salzseen. Wie wurden diese Seen salzig? Überall in der Erde befinden sich feine Spuren von Salz. Ohne Salz könnten die Pflanzen gar nicht wachsen. Die Rinnsale, Bäche und Flüsse waschen nun überall das Salz aus dem Boden und tragen es weiter. Es sind immer nur ganz geringe Spuren von Salz in dem Flußwasser, so wenig, daß man von dem Süßwasser der Flüsse spricht. Wo bleiben die ganz geringen Salzprisen der Flüsse? Der Jordan, der Fluß in Palästina, führt sein Wasser nach dem Toten Meer, und auch die geringen Salzspuren werden dort abgelagert. Das Tote Meer aber hat keinen Abfluß. Es müßte eigentlich überlaufen. Die Sonne sorgt dafür, daß das Tote Meer nicht überläuft, denn sie verdunstet fortwährend Wasser, aber nur Wasser, denn Salz kann nicht verdunsten. Das Salz muß im Toten Meer bleiben. Und weil der Jordan in vielen tausend Jahren immer neue Salzmengen bringt, immer nur in geringen Portionen, muß das Tote Meer immer salziger werden. Das war das Tote Meer in Palästina. Genau so ergeht es allen anderen Salzseen unserer Erde. Was ist nun mit den großen Meeren? Die großen Ozeane sind nichts weiter als riesige Salzseen, denn auch sie haben keinen Abfluß, sondern nur Zuflüsse. Auch hier verdunstet die Sonne nur das Wasser und nicht das Salz. So kommt das Salz ins Meer, nämlich durch die Süßwasserflüsse. Ist das nicht putzig? – Das ist aber genug für heute, sonst platzen euch die Köpfe.«

Dieter wollte noch mehr wissen, aber Traute gab ehrlich zu, daß sie das alles kaum fassen könne, so schwer sei es gewesen. Eine Abenteuerfahrt sei doch besser, denn da sehe man mehr.

Der Doktor drängte zum Abschied und sagte: »Morgen fahre ich nach Haus. In meiner Wohnung werde ich zuerst neues Wunderwasser herstellen. Darüber wird einige Zeit vergehen. Inzwischen seid ihr schon von hier abgereist, und ich werde euch daher nicht mehr besuchen können. Wir treffen uns in unserer Heimat wieder. Zum nächsten Abenteuer starten wir also nicht hier am Meeresstrande. Geht jetzt in euer Kinderheim, sonst schimpfen eure Schwestern, seid recht brav und freut euch auf unser Wiedersehen.«

Der Abschied war nicht einfach, und Dieter mußte immer wieder daran denken, daß er an der Abreise des Doktors schuld war. Bedrückt ging er daher mit Traute heim. Aber mitten auf dem Wege mußte er doch laut lachen.

Traute fragte: »Was hast du denn, Dieter?«

»Ach, ich muß gerade daran denken, als das Wunderwasser auslief und in den Sand versickerte ... wenn gerade ein Regenwurm im Sande gewesen wäre und vom Wunderwasser gekostet hätte, wie hätte sich der Wurm gewundert, wenn er plötzlich ganz klein geworden wäre.«

»Aber, Dieter, in dem dürren Strandsand werden sich doch keine Regenwürmer umhertreiben.«

»Du wirst recht haben, Traute.«

Die Kinder erreichten ihr Heim, aßen und gingen zu Bett. Sie warteten alle Tage auf ihre Abreise, denn sie wollten wieder ihren Doktor Kleinermacher sehen.

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