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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
projectidf2439d12
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Das vierte Abenteuer unter der Erde

Viele Tage gingen vorüber, und die Kinder hörten nichts mehr von ihrem Doktor Kleinermacher. Dieter sagte oft im Spiel zu seiner Traute: »Der Doktor wird sicher auch die Nase voll haben, genau so wie wir. Es war ja alles furchtbar aufregend, und ich muß oft an unsere Erlebnisse denken; wenn man aber dabei sein Leben verlieren soll, dann danke ich für Backobst.« Auch Traute war nicht anderer Meinung, aber manchmal dachte sie: wie schnell doch die Männer vernünftig werden! Erst konnte es der Dieter vor Abenteuerlust und Heldentum nicht aushalten, nun wollte er weiter nichts als Ball spielen, spazierengehen und wettrennen. Gestern hatte er sogar ihre Puppe in die Hand genommen! Wie vernünftig der Dieter doch geworden war!

Eines Tages aber kam Dieter ganz aufgeregt zu Traute:

»Du, denk dir mal an, der Doktor Kleinermacher hat uns eingeladen. Wir sollen uns auf dem Felde, am Waldrand einfinden. Kommt gar nicht in Frage. Der Doktor soll allein sein Leben aufs Spiel setzen.«

Traute fragte: »Was mag der Doktor denn wieder vorhaben?«

Dieter antwortete: »Das ist mir ganz gleich. Auf uns kann er nicht rechnen.«

Aber Traute fragte weiter: »Man kann doch schließlich erfahren, was der Doktor diesmal besuchen will? Ich bin dafür, wenigstens hinzugehen.«

Dieter antwortete verwundert: »Das hätte ich dir gar nicht zugetraut! Na ja, hingehen können wir ja.«

Darauf Traute: »Du hast wohl Angst, Dieter?«

Aber Dieter war entrüstet: »Angst? Ich und Angst! Natürlich gehen wir hin. Aber aus der Wunderflasche trinke ich keinen Schluck.«

Am nächsten Tage gingen Dieter und Traute zum Treffpunkt. Der Doktor war schon da und ging unruhig auf und ab.

»Kinder, diesmal habe ich ganz was Neues ausgedacht. Wir machen uns heute nur so klein wie Däumling. Dann gehen wir in den Tunnel des Maulwurfs, sehen uns die Wühlmäuse an, vielleicht werden wir auch Regenwürmer treffen, es wird diesmal wieder riesig interessant.«

Jetzt legte Dieter los: »Nein, Doktor Kleinermacher, diesmal gehen wir nicht mit. Unser Leben ist uns zu lieb. Was sollen unsere Eltern sagen, wenn wir tot nach Hause kommen! Mit Mühe und Not sind wir immer der Gefahr entkommen, wir haben viel Glück gehabt. Vom Tode sind wir ein paarmal schon gewarnt worden. Ich höre auf die Warnungen und gehe nicht mehr mit.«

Der Doktor war sehr erschrocken, lange fand er keine Worte. Dann sagte er: »Dieter, wolltest du nicht mal nach Indien reisen und dort mit Tigern und Schlangen kämpfen? Ist das ungefährlicher?«

Traute nickte zustimmend mit dem Kopfe, aber Dieter antwortete: »Wenn ich diesen Bestien gegenüberstehe, dann habe ich wenigstens ein Gewehr in der Hand und kann schießen und mich wehren. Was soll ich aber machen, wenn dein Maulwurf mich fressen will?«

Jetzt legte aber der Doktor los: »Denkt ihr, Kinder, ich habe nicht über alles nachgedacht? Denkt ihr, ich bin sorgloser als ihr? Deswegen blieb ich ja so lange fort. In den letzten Tagen habe ich nicht geträumt, sondern gearbeitet. Hier, schaut mal her!« Dabei zog er aus seiner Tasche drei niedliche kleine Gewehre, nicht größer als ein Streichholz.

»Das sind richtige kleine Büchsen, die kann man laden und abfeuern. Was meint ihr wohl, wie lange ich daran gearbeitet habe? Erst habe ich sie im Groben fertiggemacht. Um die Feinheiten besser bearbeiten zu können, habe ich bei der Arbeit immerzu Wunderwasser getrunken, damit ich als Zwerg die Einzelheiten besser übersah. Nun sind die niedlichen Dinger fertig. Und hier ist Munition; und hier sind drei kleine Schaufeln. Ich habe alles ausprobiert und damit auf Schaben und Mäuse geschossen. Selbst die Mäuse waren sofort mausetot. Uns kann nichts mehr passieren.«

Die Augen der Traute leuchteten immer mehr bei der Betrachtung der Wunderwerke des Doktors. Sie stieß den Dieter aufmunternd an, und der sagte endlich: »Weißt du, Doktor, dann kann man dich ja nicht mehr im Stich lassen, wenn du so für unsere Sicherheit sorgst.« Alle waren wieder eines Sinnes, und der Doktor konnte alle für die unterirdische Reise einrichten. Zuerst legte er einen Maulwurfshügel frei und baute mit einer normalen Handschaufel einen bequemen Tunnel zur Maulwurfswohnung. Dann tranken die drei ihr Wunderwasser. Sie wollten diesmal nur Däumlinge werden, deshalb tranken sie nur kleine Schlucke aus der Flasche. Bald waren sie so klein, wie sie es wünschten. Der Eingang zur Höhle war bald gefunden.

Nun nahm der Doktor die drei Gewehre auf und die Munitionstaschen, die er vor dem Trinken des Wunderwassers auf den Boden gelegt hatte. Eine Laterne, die er gleichfalls aufhob, verbarg er noch den Kindern. Schnell zeigte er dem Dieter und der Traute, wie man die Gewehre lud, wie man zielte und wie man die Kugel abschoß. Die Kinder mußten alles probieren, denn die Gefahren konnten so groß werden, daß auf jedes Gewehr gerechnet werden mußte. Kaum waren die drei mit dem Mechanismus vertraut, als sich auch schon eine Gefahr zeigte. Wie wichtig die Waffen des Doktors waren, sollten die Kinder sofort sehen. Eine Rabenkrähe hatte mit scharfem Auge die drei Däumlinge entdeckt. Eine Krähe ist ein Raubvogel und Allesfresser. Selbst Junghasen sind ihr nicht zu groß, und auch Karpfen reißt sie aus dem Wasser, schlägt ihnen zuerst die Augen aus, und dann tötet sie die blinden, hilflosen Fische. In den drei Däumlingen sah die Krähe einen willkommenen Fraß. Vor Freude stieß sie ihre krähenden Laute aus und senkte sich flatternd auf die drei. Der Doktor riß die Büchse an die Schulter, zielte und schoß ab. In der Aufregung traf er nur einen Flügel. Die Krähe stutzte und flatterte unruhig hin und her. Nanu, die Däumlinge konnten ja schießen. Jetzt legte auch Dieter an und schoß so gut, daß die Krähe entsetzt floh. Immer matter wurden aber die Flügelschläge, dann fiel der Vogel wie ein Sack zu Boden.

»Das war unsere Feuerprobe. Hab Dank, Dieter! Nun aber hinein in den U-Bahn-Tunnel des Maulwurfs. Unter der Erde können die Gefahren nicht größer sein als auf der Erde.«

Der Doktor ging mit angelegtem Gewehr voran; in die Mitte nahmen sie Traute, und Dieter machte den Schluß. Als es zum Sehen zu dunkel geworden war, holte der Doktor seine kleine Laterne hervor und ließ sie aufleuchten. »Du denkst doch an alles, Doktor Kleinermacher, mit dir komme ich immer mit!« sagte Traute.

Traute hatte irgendwo in einem Buch eine saubere Zeichnung von dem unterirdischen Bau eines Maulwurfs gesehen. Auf der Zeichnung gingen die Ringe und Tunnel so regelmäßig, als wenn alles mit dem Zirkel und dem Lineal vorgezeichnet worden wäre. Wie erstaunte Traute, als die Gänge des Maulwurfs kreuz und quer gingen, ohne Ordnung und ohne Symmetrie. »Der Maulwurf baut ganz nach Schnauze«, erklärte der Doktor, »wo er etwas zum Fressen wittert, dahin buddelt er seinen Tunnel. Ihr müßt wissen, der Maulwurf ist das gefräßigste Tier, das wir hier bei uns haben. Täglich frißt der Bursche das Eineinhalbfache seines Gewichtes. Wenn er länger als zwölf Stunden hungern muß, dann verhungert er schon, der kleine Freßteufel. Einen Winterschlaf kann er gar nicht halten, dazu ist er viel zu verfressen, um die Zeit ruhig zu verschlafen. Wie alle Freßsäcke ist er auch kein guter Kamerad. Jeder andre Maulwurfskamerad ist ein Konkurrent, sagt sich der Futterneider. Drum beißt er jeden Artgenossen weg. Selbst von seiner eigenen Frau will er nichts wissen, und über die Hochzeitsnacht hinaus gibt es keine Ehe bei der Familie Maulwurf. Die Mutter wieder verjagt ihren eigenen Gatten, denn der Teufel würde die Kinder auffressen, wenn die Mutter den Rabenvater nicht verjagte. Übrigens, die Rabenväter sind gar nicht so schlecht.«

»Was frißt denn der Maulwurf?« fragte Traute.

»Ungeziefer aller Art«, antwortete der Doktor. »Der Landmann und Gärtner müßten ihre Freude haben, der Maulwurf ist ein äußerst nützliches Tier. Er frißt Regenwürmer, Frösche und Eidechsen, wo er sie kriegen kann, Spitzmäuse, Mäuse, Blindschleichen und Ringelnattern, vor allem frißt er aber die Schädlinge unter den Insekten, die die Pflanzenwurzeln benagen. Und da er ein unermüdlicher Fresser ist, vertilgt er sehr viel von dem Ungeziefer. Dafür stellt der Landmann dem Maulwurf Fallen, in denen das Tier krepiert.«

Dieter wollte wissen, warum der Maulwurf denn eigentlich Maulwurf heiße. Vielleicht weil er mit seinem Maule die Erde zu den bekannten kleinen Häufchen aufwirft? Der Doktor mußte lachen: »Das könnt ihr natürlich nicht wissen. Viel früher hieß das Tier Moltewurf, und Molte hieß damals Erde. Aus dem Namen Moltewurf hat man im Laufe der Jahrhunderte Maulwurf gemacht.«

Jetzt wollte Dieter wieder wissen, was für Feinde der Maulwurf habe. Unter der Erde sei er doch so ziemlich vor jedem Angriff sicher.

Der Doktor fing wieder an: »Doch, doch, der Maulwurf hat viele Feinde. Wenn er mit seinem Körper die bekannten Hügel empordrückt, und eine Eule sieht das gerade, dann hackt sie zu und holt das Tier aus seinem Hause. Ebenso macht es auch der Storch. Aber Iltis, Fuchs und Wiesel mögen den Stänker nicht, denn das Fleisch schmeckt schauderhaft nach Moschus. Dagegen nascht der Igel gern Maulwurfsfleisch, und auch der Falke, der Bussard und der Rabe; denn der Maulwurf bleibt nicht immer unter der Erde. Er steigt manchmal nachts aus seinem U-Bahn-Tunnel heraus und will einen Nachtspaziergang machen. Dabei passiert es dem Freßteufel dann oft, daß er selbst gefressen wird. Mit einem Feinde wird er aber fertig, nämlich mit der Kreuzotter. So giftig die Schlange auch ist, der Maulwurf weiß so geschickt zuzupacken, daß die Kreuzotter ihr Leben lassen muß. Wer hätte das von dem dicken Gesellen gedacht? Die Leiche der Giftschlange frißt der Bergarbeiter dann genießerisch auf.«

Die drei waren auf ihrem Wege durch den Tunnel schon eine ziemlich weite Strecke gegangen. Immer, wenn es um eine Biegung ging, und die Wendungen des Tunnels waren zahlreich, dann leuchtete der Doktor vorsichtig den Gang ab und machte sein Gewehr schußfertig. Oft gingen auch Seitenwege ab, und der Doktor machte sich ein Zeichen, um den Weg zurückzufinden. Einmal bogen sie in einen Querweg ein und waren in bester Unterhaltung, als der Doktor plötzlich vor ihren Augen verschwand. Die Kinder blieben erschreckt im Dunkeln stehen. Dann hörten sie den Doktor unter sich, der um Hilfe rief. Jetzt sahen sie, daß der Doktor in eine tiefe Grube gestürzt war. Mit einer Hand hielt er sich jedoch am Rand der Grube fest, und mit der anderen hielt er die Laterne, die er nicht loslassen wollte. Die Grube ging ziemlich tief hinunter, und unten auf dem Boden schimmerte das Grundwasser. Dieter und Traute halfen dem Doktor mühselig aus der Grube heraus.

Der Maulwurf hatte sich hier einen Tiefbrunnen angelegt, um immer Wasser zu haben, ohne seinen Bau verlassen zu müssen. Mit doppelter Vorsicht gingen die drei weiter. Der Doktor hörte mit dem Erzählen auf und achtete desto besser auf den Weg. Bald sahen sie ein Häufchen, gebildet aus lebenden Regenwürmern, die sich im Knäuel nur schwach bewegten. Der Doktor leuchtete mit seiner Laterne und erkannte, daß der Maulwurf allen Regenwürmern den Kopf abgebissen hatte. Davon starben die Regenwürmer nicht, denn man kann Regenwürmer in zwei Teile zerschneiden, beide Teile leben fort und wachsen wieder heran. Auch die kopflosen Regenwürmer blieben leben, da ihnen aber kein neuer Kopf mehr wuchs, waren sie in ihrer Lebenskraft gehemmt und konnten sich nur schwach bewegen, vor allem nicht fliehen. Das aber wollte der Maulwurf gerade, denn so hatte er für die Notzeit immer frisches Fleisch.

Die drei betrachteten die Regenwürmer näher. Selbst ihre schwachen Bewegungen verursachten für die Ohren der Zwerge ein raschelndes Geräusch, das gewöhnliche Menschen nicht hören können. Der ganze Körper der Regenwürmer war mit dünnen Haaren besetzt, die das Rascheln verursachten. Diese Härchen bleiben den gewöhnlichen Augen verborgen, nur wenn man Regenwürmer über ein Blatt Papier schlängeln läßt, dann wird auch das gewöhnliche Ohr das Rascheln der Haare vernehmen.

Der Doktor erzählte: »Die Regenwürmer sind fleißige und nützliche Tiere. Sie durchwühlen das gesamte Erdreich, und wo sie arbeiten, da gibt es Humusboden. Denn was der Regenwurm verdaut hat, ist Humuserde. Die Gärtner sollten den Regenwürmern ein Denkmal setzen, so nützlich sind sie.«

»Denkt euch mal an«, fuhr er fort, »von diesen Regenwürmern gibt es in den Tropen Biester, die einen Meter lang werden. Damit müßten unsere Angler mal Fische fangen gehen! Seht ihr dort den bleichen Ring in der Mitte der Regenwürmer? Das ist der Hochzeitsring dieser Tiere. Zwar gibt es keine Männchen und keine Weibchen unter den Regenwürmern, jedes Tier ist Männchen und Weibchen zugleich. Zwitter nennt man solche Geschöpfe, aber Hochzeit feiern sie doch. Dann kleben sich die beiden Würmer an den Ringen aneinander, und nach einiger Zeit gibt es kleine Regenwürmer.«

Traute hielt es nicht länger bei den geköpften Regenwürmern aus. Ihr taten die armen Geschöpfe zu leid, und auf ihr Bitten setzten sich alle drei wieder in Marsch.

Der Weg wurde immer länger, und noch immer war vom Maulwurf nichts zu sehen. Dieter verzweifelte schon daran, daß er das Tier noch erblicken würde. Jetzt ging der Tunnel etwas bergauf, und durch eine Ritze sah der Doktor das Tageslicht durchschimmern. Dieter kletterte die Tunnelwand mit des Doktors Hilfe empor und steckte seinen Kopf durch das Loch. Voller Ekel zog er den Kopf jedoch bald wieder ein.

»Was hast du denn gesehen?« fragte der Doktor.

Dieter schüttelte sich und antwortete: »Eine dicke fette eklige Kröte sitzt da oben in einer Bodenspalte.«

»Pfui, die Tiere sind giftig«, sagte Traute.

Der Doktor mußte wieder von der Kröte erzählen:

»Giftige Kröte, das ist übertrieben. Man hat früher viel zuviel von dem harmlosen Tier gefabelt. Zum Beispiel meinte man, wenn eine Kröte über den menschlichen Körper liefe, dann gerinne das Blut auf der Laufstrecke, und die Haut bekäme einen Ausschlag. Eine Kröte soll hundert Menschen vergiften können. Das ist ja alles nicht wahr. Wohl ist die Kröte schwach giftig. Besonders liegt das Gift im Schleim der Haut, aber damit kann die Kröte doch nur ganz kleine Tiere vergiften. Dem Menschen ist sie vollkommen ungefährlich. Im Gegenteil, das Tier ist nützlich. Es frißt so viel Pflanzenschädlinge, daß man in England mit Kröten handelt, und die Gärtner kaufen die Tiere in Mengen. Wir dagegen sagen, die Kröte sei häßlich. Das will ich nicht bestreiten. Daß die Kröte aber häßlich rufen solle, das ist nur Einbildung. Der Unkenruf ist schön, vom häßlichen Unkenruf sprechen und schreiben nur die Menschen, die noch nie eine Unke gehört haben. Laßt das Tier da oben in Ruhe. Es schläft am Tage in Erdritzen, und nachts geht es auf die Ungezieferjagd.«

Die Kinder staunten immer mehr über die Kenntnisse des Doktors. Was der doch alles zu erzählen wußte! Und alle bisherigen Vorstellungen von den Tieren purzelten um wie Kartenhäuser. Traute nahm sich vor, so lange mit dem Doktor zu gehen, wie er es duldete. Aber der Dieter mußte immer mitkommen. Man konnte ja so unheimlich viel von dem Doktor lernen. Manchmal sagte er, er rede immerzu, ihm sei das selbst peinlich; ob er den Kindern nicht auf die Nerven falle? Aber die Kinder widersprachen heftig, sie konnten nicht genug von ihm hören, und sie hatten in ihrem jungen Leben noch nie soviel gelernt wie bei dem Doktor Kleinermacher. Er solle nur immer weitererzählen. Sie seien nur dankbar dafür.

Als die drei weiterwanderten, hielt der Doktor plötzlich seine Lampe hoch und beobachtete die Tunnelwand. Ohne lange zu überlegen, griff der Doktor nach seinem Spaten, überreichte der Traute die Lampe und forderte Dieter auf, mit schußfertigem Gewehr dabeizustehen. Dann legte er die Tunnelwand frei. Es kostete einige Mühe, dann sahen aber die Kinder eine Erdröhre, die beinahe senkrecht von oben nach unten ging. Nach oben endete die Röhre auf der Erdoberfläche, und das Tageslicht schien in das Loch hinein. Bis zur Hälfte war aber die Röhre, die Kinder merkten es schon an dem Geruche, mit Mist gefüllt.

»Hier hat ein Mistkäfer gearbeitet«, erklärte der Doktor. »Wenn das Mistkäferweibchen Eier legen will, dann gräbt es sich vorher eine Röhre, und der Gatte hilft sehr fleißig dabei. Das kann man nicht von allen Vätern im Tierreiche sagen. Wenn die Röhre fertig ist, wird Mist herbeigeschafft und hier abgelagert. Dann kommen die Eier hinein. Von dieser appetitlichen Kost sollen die Mistkäferkinder leben. Es bekommt ihnen, und sie werden groß dabei. Die beiden Eltern sammeln mehr Mist, als die Kinder verzehren können, denn der Mist soll auch im Winter die Kinder wärmen. Manche Mistkäfer sammeln nur Mist von Schafen und Hasen. Das ist sehr praktisch, denn die kugelrunden Häufchen lassen sich sehr gut transportieren und sehr praktisch in den Keller hinabrollen. Ein Mistkäfer in Afrika, der Skarabäus, muß solche Kugeln erst mühsam aus dem Mist formen. Kinder, laßt uns die Öffnung wieder schließen. Mit unserer Arbeit haben wir die Eltern verjagt, und wir wollen ihnen jetzt Ruhe gönnen.«

Der Doktor und Dieter schaufelten den Einbruch wieder zu, und Traute hielt dabei die Laterne. Als die Arbeit fertig war, wanderten die drei weiter. Endlich mußte man doch auf den Maulwurf stoßen. Sollte man denn diesen Gesellen gar nicht zu Gesicht bekommen? Mitten auf dem Wege sahen die Kinder eine fette Made krabbeln. Das Tier war stark gekrümmt und sehr fett.

»Ein Engerling«, erklärte der Doktor. »Drei Jahre lang frißt sich so ein Engerling durch die Erde. Alle Wurzeln beknabbert er und richtet ungeheuren Schaden an. Nach drei Jahren verpuppt sich der Engerling, und heraus kommt ein Maikäfer. Der Käfer lebt nur kurze Zeit, heiratet und frißt in seinem Leben so viel Blätter, wie er vertragen kann. Ungeheuer groß ist der Schaden eines Maikäfers, aber noch gewaltiger ist der Schaden eines Engerlings. Wir wollen ihn töten.« Der Doktor machte sein Gewehr schußfertig. Ein raschelndes Geräusch ließ ihn aber aufhorchen. Sollte jetzt endlich der Maulwurf ...?

Die drei flüchteten in eine enge Nische des Tunnels. Hier waren sie gut gedeckt und konnten alles gut übersehen. Wie erschrak aber Traute, als ein unheimliches Wesen schnell heranraschelte. Das Wesen hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Heuschrecke, war aber viel plumper gebaut, und die Vorderfüße sahen aus wie zwei gewaltige Schaufeln.

»Eine Maulwurfsgrille«, flüsterte der Doktor. »Das Tier lebt unterirdisch, knabbert Wurzeln an, frißt aber auch Tiere aller Art. Die Muskelkraft der Maulwurfsgrille ist gewaltig. Um den Engerling ist es sicher geschehen.«

Und richtig, die Maulwurfsgrille stürzte sich über den Engerling her, daß das Tier sich vor Schmerzen noch mehr krümmte. Nun aber hatten die drei die richtige Abenteuerecke im Maulwurfsgang entdeckt. Ehe die Maulwurfsgrille ihr Mahl beginnen konnte, stürzte ein dunkler Schatten über die Grille her und biß das Tier tot. Das ist eine Maus, dachten Dieter und Traute. Aber der Doktor flüsterte den Kindern zu: »Das Tier hier vor euch heißt zu Unrecht Maus. Spitzmaus ist nämlich sein Name. Es sieht auch einer Maus zum Verwechseln ähnlich, mit den Mäusen aber hat es keine Verwandtschaft. Die Spitzmaus gehört zu den Igeln und Maulwürfen, also zu den Insektenfressern. Ungeheuer gefräßig ist das Tier. Es frißt beinahe soviel wie der Maulwurf, aber der schlägt doch den Rekord im Fressen. Selbst über Mäuse, obgleich die echten Mäuse nicht kleiner sind, stürzt sich die Spitzmaus her, beißt sie tot und frißt sie auf. Täglich frißt der kleine Racker sein eigenes Gewicht. Könnt ihr auch einen Zentner Fleisch jeden Tag verdrücken?«

Die drei beobachteten in ihrem Versteck den schmatzenden Fraß der Spitzmaus und merkten gar nicht, wie sich ein dunkler, schwerer, walzenförmiger Körper heranschob. Das bläuliche Samtfell war sauber, obgleich das Tier sich ständig durch die schmutzige Tunnelwand hindurchschob. Der Maulwurf war da, endlich war der Maulwurf da!

Kaum hatten die drei das Tier gesehen, als es sich auch schon blitzartig vorschob, der Spitzmaus im Genick saß und den entfernten Verwandten totbiß. Gierig schluckte der Maulwurf das Fleisch hinunter, dann machte er sich über die Reste der Maulwurfsgrille her, und schließlich verschluckte er noch als Nachspeise den Engerling. Die selbstzufriedenen, schmatzenden Töne beim Essen zeigten, daß der Maulwurf sich wohlfühlte, denn er war ja beim Fressen, seiner Lieblingsbeschäftigung. Kaum hatte der Maulwurf alles verdrückt, so legte er sich breit hin und rührte sich nicht vom Fleck, ausgerechnet vor dem Versteck der drei. Die kleinen Zwerge waren nun im Maulwurfsbau gefangen. Der Doktor überlegte nicht lange. Die Zeit war sehr schnell vergangen. Es würde nicht lange dauern, und das Wachsen setzte ein. »Wir müssen aus dem Bau heraus, so schnell es geht.«

Er legte das Gewehr an. Töten wollte er den Maulwurf nicht, nur einen Schreckschuß abgeben. Bei einem Angriff war zum Töten ja noch Zeit, und auf Dieters Gewehr konnte man sich verlassen. So plante er nur einen Streifschuß, und beim Abdrücken donnerte ein Echo durch den Tunnel, daß Traute sich ihre Ohren reiben mußte.

Kaum ertönte der Schuß, so war auch der Maulwurf verschwunden. Mit Blitzeseile fegte er den Gang entlang und ward nicht mehr gesehen. Solche Geschwindigkeit hätten die drei diesem walzenförmigen Körper gar nicht zugetraut.

Nun aber heim! Da der Doktor sich Zeichen gemacht hatte, fanden sie schnell wieder den Eingang zur Höhle. Noch immer lag der Haufen der geköpften Regenwürmer im Wege, doch bei dem Tiefbrunnen sah sich der Doktor besser vor. Endlich sahen sie das Tageslicht schimmern und wußten, daß ihre Wanderung vorbei war. Noch beim Ausgang erlebten sie ein kleines Abenteuer. Ein Regenwurm schlängelte sich wild und schmerzhaft in die Höhle hinein. Ein viel kleinerer Tausendfuß hielt den Regenwurm umklammert und ließ ihn nicht los. Der arme Wurm konnte sich nicht wehren und würde wahrscheinlich gefressen werden. Aber die drei hatten keine Zeit mehr zum Beobachten. In aller Eile erreichten sie die frische Luft und warteten auf ihr Wachstum. Sie schauten sich die großen Gräser auf dem Felde an, beobachteten kleine Käfer und große Schmetterlinge und sahen, wie sich die Blumen im Winde wiegten. Dann endlich begann es sich im Körper bemerkbar zu machen, und in kurzer Zeit waren die drei wieder so groß wie zuvor.

Diesmal war alles gut gegangen. Aus dem Unglück vergangener Abenteuer hatte man gelernt. Der Doktor hatte Gewehre und Schaufeln mitgebracht, selbst eine Laterne hatte er nicht vergessen; mit dem Doktor ging doch alles gut.

Beim Nachhausegehen dachten die beiden Kinder: wir bleiben dem Doktor doch treu. Narren wären wir, wenn wir ihn verlassen wollten.

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