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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
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Das dritte Abenteuer mit Bienenhochzeit und Drohnenkrieg

Diesmal brauchten die Kinder nicht so lange auf den Doktor Kleinermacher zu warten wie nach dem Besuch im Wassertropfen. Schon am nächsten Tage holte der Doktor die beiden Kinder wieder ab.

»Dieter und Traute, habt ihr heute wieder Zeit? Wir haben ja nur die Hälfte im Bienenkorb gesehen. Wir müssen nochmals in das Bienenhaus hinein, die Hauptsache haben wir ja vergessen. Leider hat uns gestern der ausschwärmende Bienenhaufen hinausgedrängt. Habt ihr Lust, mit mir wieder zum Imker zu gehen?«

Die Kinder stimmten freudig zu, hatte sich doch selbst Traute so sehr an alle Gefahren gewöhnt, daß ihre Abenteuerlust jetzt so groß war wie die Dieters. Dieter konnte es aber nicht unterdrücken, den Doktor zu fragen, was aus ihnen geworden wäre, wenn das Größerwerden sie nicht draußen, sondern drinnen im Bienenkorb überrascht hätte.

Der Doktor erklärte: »Daran habe ich immer gedacht. Deshalb hielt ich mich ja immer in der Nähe des Flugloches auf. Wenn das Körperprickeln eingesetzt hätte, dann hätte ich euch zugerufen, daß ihr euch sofort auf die nächste Biene schwingt, die nach außen fliegen würde.

Nein, im Innern des Bienenstockes durften wir nicht wachsen. Erstens hätten wir den Bienenkorb auseinandergerissen, und zweitens hätten wir so viel Bienenstiche erhalten, daß wir wohl kaum mit dem Leben davongekommen wären. Es ist aber alles ganz anders gekommen, wie ihr ja gesehen habt. Für heute muß ich euch aber sagen: wenn ihr im Bienenkorb das Prickeln merkt, sofort hinaus, gar nicht erst mein Zeichen abwarten!«

Traute war sehr beruhigt, daß der Doktor so vorsorglich alles überlegte, damit niemand einen Schaden nähme. Mit dem Doktor konnte man überall hingehen, alle Sachen gingen gut aus. Es sollte aber doch anders kommen, als sich der Doktor das Ende des Abenteuers dachte. Er hatte den Plan säuberlich ausgearbeitet, und doch konnte er ihn nicht anwenden.

Guten Mutes gingen die drei wieder zum Imker, und die beiden Kinder hatten viel auf dem Wege zu fragen, und der Doktor hatte viel zu antworten.

Dieter erinnerte den Doktor daran, daß dieser gesagt habe, die Königin sei eigentlich gar keine Königin, sondern eine Schwerarbeiterin. Bei dem Ausschwärmen habe sich aber alles um die Königin gedreht, und jeder habe den Vorgang wie eine Palastrevolution erlebt. Warum sollte da der Name Königin nicht richtig sein?

Der Doktor antwortete: »Die Königin legt immerzu Eier, immerzu Eier. Um die Ordnung des Staates, um die Arbeitsverteilung und die Nachkommenschaft kümmert sie sich gar nicht. Dagegen sorgen sich die fleißigen Arbeiterinnen um alles, was in dem Staate vorgeht. Zwar wird die Königin bedient und gefüttert, aber man dient ihr nicht wie einer Majestät, sondern behütet sie wie ein kostbares Staatsgut. Viele Imker legen weniger Wert auf Honig als auf das Heranzüchten von guten Königinnen. Die aufgezogenen Königinnen verkaufen die Imker und senden sie in alle Welt. Weiselzucht nennt man diesen Betrieb, weil die Königin auch Weisel heißt. Nun kann der Händler nie eine Königin allein versenden. Immer gibt er der Königin eine Anzahl Arbeiterinnen mit, die um die große Dame besorgt sind, sie bedienen und füttern. Wird auf der Reise die Nahrung knapp, dann hungern lieber die Arbeiterinnen, als daß sie ihrer Königin zumuten, Not zu leiden. Manchmal kommt der Käfig mit der lebenden Königin und den toten, verhungerten Arbeiterinnen an. Aber diesen Opfertod hat die Königin nicht befohlen. Es ist der freie Beschluß, oder besser, der unstillbare Drang der Arbeiterinnen, das Letzte für die Königin hinzugeben, denn als einzige Eierlegerin ist sie wertvoller als eine Arbeiterin, von der ja so viel da sind. Ein Mensch kann sich nie davon ganz frei machen, zuerst an sich zu denken. Er hat Angst um seine Person und verzichtet nicht auf kleine selbstsüchtige Vorteile, selbst wenn die Gemeinschaft der Menschen daran Schaden nimmt. Die Biene aber denkt nie an sich, sondern immer nur an die große Gemeinschaft. Naht ein Feind, dann sticht sie diesen Feind, um den Staat zu retten. Und dabei geht sie zugrunde. Denn der Giftstachel hat viele Widerhaken. Der Stich in das Fleisch gelingt sehr gut, aber die arme Biene kann den Stachel nicht mehr herausziehen. Sie zerrt und zerrt, und dabei zerreißt sie sich die feinen inneren Organe des Hinterleibes. Nicht sofort, aber sicher in einiger Zeit muß die heldenhafte Biene sterben. Die einzelne Biene stirbt, das macht nichts, dem großen Staate aber geht es gut. Wieviel besser als wir Menschen sind doch die Bienen!«

Dieter wußte das alles zu würdigen, und er fand auch Worte der Anerkennung und des Staunens, aber bald stellte er die Frage: »Warum können nur die Arbeiterinnen stechen und nicht die Drohnen?«

Der Doktor entgegnete: »Ich will deine Frage bald beantworten. Aber mit der Königin bin ich noch nicht ganz fertig. Das will ich zuerst mal erledigen. Wenn die alte Königin schwärmen will, so wie wir es als Zwerge erlebt haben, dann sind zuerst die Arbeiterinnen am aufgeregtesten. Wenn die Königin ihre junge Nebenbuhlerin töten will, dann verhindern die Arbeiterinnen den Mord. Sie würden ihn nicht verhindern, wenn das Bienenvolk so schwach wäre, daß ein Schwarm den Bienenstaat zu sehr verkleinern würde. Die Arbeiterinnen übersehen alles, geben in solchen Fällen den Weg frei und gestatten der alten Königin den Königinnenmord. Zum Schwärmen scheinen die Arbeiterinnen die Königin geradezu zu drängen. Kann man nach allem noch von einer regierenden Königin sprechen?

Noch erstaunlicher sind die Vorbereitungen zur Hochzeitsreise der Königin. Wieder sind die Arbeiterinnen am aufgeregtesten, die armen verkümmerten Weibchen, die sich an der Hochzeit gar nicht beteiligen können. Nach der Hochzeit werfen sie die unnützen Männchen hinaus, aber das wollen wir noch erleben. Die Arbeiterinnen sind die wirklichen Lenker des Staates, sie regieren alles, und sie schreiben sogar der Königin vor, wohin sie ihre Eier legen soll und welcher Art die Eier sein sollen.«

»Schade«, sagte Traute, »ich hätte mir gern die Königin anders vorgestellt. Mit Krone und Zepter, und alle Bienen müßten ihr gehorchen. Aber, Onkel Kleinermacher, du bist ja so klug, dir muß man es wohl glauben.«

Der Doktor fing wieder an: »Nun, Dieter, warum haben nur die Weibchen einen Stachel? Die Ururahnen der Bienen haben noch nicht von Honig und Blütenstaub gelebt, sondern von Insektenfleisch. Sie überfielen andere Insekten, töteten sie und fraßen sie auf. Bald spürten die Urbienen, daß Honig auch ganz gut schmecke. Sie suchten jetzt die Blumen auf und verzichteten auf Fleisch. Aber die junge Brut wollte noch nichts von Pflanzenkost wissen. Die Bienenkinder schrien noch nach Fleischkost. So machten sich die Urbieneneltern auf den Weg, überfielen Insekten, lähmten sie mit einem Stich und überließen die betäubten Tiere ihren Kindern zur Nahrung. Mit ihrer Legeröhre legten die Weibchen sogar die Eier in den noch lebenden, nur betäubten Insektenkörper hinein, und die ausschlüpfenden Jungen fraßen die armen gelähmten Insekten von innen auf. Bald aber verzichteten auch die jungen Bienenkinder auf Fleischnahrung und ließen sich mit Honig und Blütenstaub ernähren. Die Überfälle auf fremde Insekten hörten jetzt auf. Die Weibchen der Urbienen mußten mit ihren Legeröhren die Eier in das Fleisch fremder Insekten legen. Aus dieser Legeröhre hat sich der Stachel entwickelt. Da aber nur Weibchen eine Legeröhre hatten, konnten auch nur Weibchen einen Stachel bekommen. Darum sind die Drohnen stachellos. Verstehst du das, Dieter?«

Dieter hatte aufmerksam zugehört. Kein Wort entging ihm auf dem Wege zum Imker. Er hätte stundenlang den Gesprächen des Doktors lauschen können. Traute machte jetzt einen Vorschlag:

»Weißt du was, Doktor Kleinermacher, wir fangen uns eine Biene ein, nehmen sie mit nach Haus, geben ihr Honig, Blütenstaub und Wasser, soviel sie will. Dann braucht das arme Tier nicht zu arbeiten und kann ein Leben voller Freude genießen. Dabei können wir das Tierlein immerzu beobachten.«

Der Doktor sagte: »Das geht leider nicht, Trautchen. Jede Biene, die fern vom Bienenkorb leben muß, stirbt an Heimweh, und wenn ihr auch alle Genüsse eines Bienenlebens geboten werden.«

Traute kam überhaupt nicht mehr aus dem Wundern heraus. Da arbeiteten die Bienen so hart und aufregend, daß sie schon nach sechs bis acht Wochen sterben mußten. Bot man ihnen aber ein besseres Schicksal, dann starben sie vor Sehnsucht nach ihrer Plackerei und ihrer harten Arbeit. Die Bienen waren doch komische Tiere. Dieter wollte wissen, welche besonderen Feinde die Bienen haben.

Der Doktor hatte wieder viel zu erzählen:

»Zuerst sind es die Vögel aller Art, die nach Bienen schnappen. Auch fangen sich manchmal Bienen in Spinnennetzen. Vom Bienenwolf haben wir schon gesprochen. Ein heimtückisches Tier ist auch die Wachsmotte, die nicht nur die Zellen, sondern auch die Brut zerstört. Ein eigentümlicher Geselle ist der Totenkopf, ein Schmetterling. Aber der Honigräuber ist sehr selten bei uns, im Süden ist er häufiger. Er dringt als Feind in den Bienenkorb hinein und hat einen so harten Chitinpanzer, daß die Bienenstacheln machtlos sind. Um den Schmetterling abzuwehren, bauen die Bienen Wachsstangen im Flugloch. Die Bienen können zwischen den Wachsstangen noch hindurch, aber nicht mehr der Totenkopf.«

Der Doktor hätte noch weitererzählt, und die Kinder hätten auch gern weitergelauscht, aber sie waren jetzt bei der Imkerei angelangt, und der Doktor drängte zum Handeln. Wieder hatte der Doktor es so eingerichtet, daß sich der Imker bald verabschiedete. Nun führte der Doktor die Kinder zu einem besonderen Bienenkorb.

»Die Bienen haben hier vor kurzem geschwärmt. Im Bienenkorb befindet sich jetzt eine jungfräuliche, neue Königin. Da müssen wir hinein. Es ist alles so vorbereitet wie beim letztenmal. So, nun nehmt euern Schluck aus der Wunderflasche«, sagte der Doktor. Die Kinder ergriffen die Flasche und tranken. Mit allen Erscheinungen und Wirkungen waren sie jetzt schon gut vertraut. Schnell sanken ihre Körper zusammen, und als Zwerge suchten sie wieder die drei betäubten Bienen. In kurzer Zeit fanden sie die Tiere, eilten hin, setzten sich darauf und rieben sich wie beim letztenmal alle ihre Glieder ein. Auch Traute zögerte nicht mehr, sie wußte ja, es würde alles glatt gehen. Nur als sich die wiederbelebten Tiere in die Luft erhoben, nahm ihr der Luftzug alle Beherrschung. Es ging jedoch schon besser als beim erstenmal.

Wieder landeten sie am Flugloch, ritten in das Dunkle des Bienenkorbes hinein und sprangen dann ab. Auch der Traute gelang der Sprung aus dem Sattel ohne Unglück. Nun mußten sie sich wieder an die Dunkelheit im großen Honigdom gewöhnen. Auch der Doktor brauchte seine Zeit, um mit seinen Augen sehen zu können. Immer wieder versuchte er, mit seinen Blicken das Halbdunkel zu durchdringen, es gelang ihm anfangs schwer, aber dann hatte er, was er suchte:

»Schaut mal dorthin, Kinder, da ist sie, die junge Königin!«

Die Kinder folgten der Richtung seines Fingers und erblickten bald die neue Königin, die aufgeregt hin und her rannte. Kaum war die alte Königin mit ihrem Schwarm abgezogen, da hatte sie sich schon aus ihrer Königin-Wiege herausgedrängt und suchte nun die anderen Königin-Zellen auf. Nur eine Königin wird im Haus geduldet. Jede Konkurrentin muß vernichtet werden. Es wäre den vielen Arbeiterinnen ein leichtes gewesen, die Königin-Wiegen zu schützen. Aber sie gaben den Weg frei. Wenn sie nämlich die anderen Königin-Wiegen schützten, dann mußten sie auch zugeben, daß wieder ein Schwarm das Bienenhaus verließ und das Volk schwächte; denn zwei Königinnen zusammen vertragen sich nicht in einem Hause. Aber die zurückgebliebenen Bienen mußten zusammenhalten, durften nicht weiter durch Schwärmen geschwächt werden. So gaben denn die Arbeiterinnen den Weg zu den Königin-Wiegen frei. Der Mord mußte geduldet werden, damit die Gemeinschaft lebt. Der Staat erlaubte den Mord aus Staatsraison.

Die junge Königin rannte auf die nächste Königin-Wiege zu, riß den Wachsdeckel ab, zerrte die verhaßte Konkurrentin hervor und tötete sie. Das gleiche wiederholte sie bei der nächsten Wiege. Die Arbeiterinnen standen untätig dabei und duldeten den Kindermord im Bienenkorb.

Traute bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Sie wollte die Schlächterei nicht mit ansehen. Wie hatte sie die fleißigen Bienen gelobt, und wie sympathisch war ihr das emsige Honigvolk! Das hier aber war barbarischer Mord. Und ausgerechnet die Königin verlor alle Würde und jedes Zartgefühl. Dieter dagegen und der Doktor Kleinermacher sahen dem Schauspiel wißbegierig zu. In ihrem Wissensdurst kannten sie weder etwas Schlechtes noch etwas Gutes. Der kluge Mensch muß alles kennenlernen, darf vor nichts zurückschrecken. Die Männer sind grausam, dachte Traute. Sie wandte sich ab und wollte nichts mehr vom Bienenstaate wissen.

Lange stand sie so in ihrer trotzigen Haltung. Der Kindermord war längst vorüber, sie wußte es nicht. Jetzt aber merkte sie, daß irgend etwas Neues im Bienenstaate vor sich gehen mußte. Die Arbeiterinnen rannten wirr durcheinander, geschäftig und nervös brachten sie den ganzen Honigdom in Aufregung. Was ging jetzt wieder vor?

Weniger aufgeregt waren die Drohnen und die Königin, und dabei waren sie gerade die Nächstbeteiligten an dem, was jetzt folgen sollte.

Die Drohnen unterschieden sich äußerlich nicht nur von der Königin, sondern auch von den Arbeiterinnen. Eine Kleinigkeit waren sie größer als diese. Größer waren auch die Augen, denn sie nahmen nahezu den ganzen Kopf ein, so gewaltig waren sie. Obgleich am Kopfe kaum noch Platz für andere Dinge war, hatten sie noch drei Punktaugen auf der Stirn. Diese Punktaugen dienten wahrscheinlich zum Betrachten der Dinge in der Nähe. Die großen Augen aber brauchten die Drohnen auf ihrer Hochzeitsreise, wenn die fliehende Königin eingeholt werden sollte.

Daß die Drohnen keinen Stachel haben, hatten die Kinder schon oft beobachtet. Jetzt sahen sie aber, daß auch ihre Zunge viel kürzer war. Dem Dieter fiel ein, daß der Doktor mal erzählt hatte, die Drohnen suchten die Blüten nicht auf. Wenn sie Hunger haben, dann naschen sie vom Vorrat, den die Arbeiterinnen gesammelt haben. Was brauchen sie dabei eine lange Zunge? Die Nahrung liegt ja fertig und in Mengen da. Die faulen Drohnen haben es immer bequem.

Im Bienenkorb waren die Drohnen immer gleichgültig an der Königin vorübergegangen. Sie beachteten sie gar nicht. Jetzt aber wollte die Königin nicht mehr im dunklen Bau bleiben. Am Anfang ihres Lebens steht die Sehnsucht nach der Sonne und die Sehnsucht nach dem blauen Himmel. Die jungfräuliche, neue Königin stürzte sich zum Flugloch, startete und schraubte sich schnell und behende immer höher, immer höher in die blaue Luft hinein.

Mit einemmal kamen über die gleichgültigen, langweiligen Drohnen ein Lebensmut und ein Feuer, daß die drei vor Erstaunen Augen machten. Wie wild geworden stürzten sich die männlichen Drohnen auf das Flugloch und starteten gleichfalls in die blaue Luft. Doktor Kleinermacher, Dieter und Traute wollten jetzt nicht mehr in dem Honigdom bleiben. Sie rannten auch auf das Flugloch zu, stellten sich auf das Brettchen vor dem Flugloch und sahen angestrengt in die Luft.

Immer höher, immer höher schraubte sich die neue Königin in die Luft, und Hunderte von Drohnen folgten der flüchtigen Königin. Selbst zu den Nachbarstöcken war die Kunde von dem Hochzeitsflug der Königin gedrungen. Auch fremde Drohnen beteiligten sich an ihrer Verfolgung. Kaum waren die Bienen in der Luft noch zu erkennen. Die drei auf dem Flugbrettchen mußten sich anstrengen, um die Vorgänge in der Luft zu verfolgen. Jetzt hatte eine Drohne, eine einzige Drohne, die Königin erreicht. Die Drohne näherte sich ihr, feierte Hochzeit, und im Überschwang der Freude starb der arme Bräutigam. Entseelt kreiselte der tote Hochzeiter langsam zu Boden. Traute hatte die Drohnen immer gehaßt, jetzt aber hatte sie Mitleid mit dem bedauernswerten Bräutigam. Als die Leiche unten anlangte, regten sich kein Bein und kein Fühler mehr. Mausetot war der arme Hochzeiter. Hunderte von Drohnen gingen auf die Hochzeitsreise, nur einer durfte die Königin beglücken, und dieser eine mußte sterben. Es ist doch sehr vieles noch traurig im Bienenstaate.

Die Königin landete elegant auf dem Flugbrett, dicht neben Dieter, und sie sah sich nicht einmal nach ihrem toten Gemahl um, die herzlose Witwe. Ohne einen Gedanken an Trauer oder Schmerz wischte sie sich die kümmerlichen Reste ihres seligen Gemahls vom Körper. Denn der Arme war auf der Hochzeit, wie schrecklich, buchstäblich geplatzt! Der Traute saßen die Tränen locker, und Dieter ballte die Fäuste: »Die Frauen sind alle herzlos!«

Als die Königin nach der Bluthochzeit wieder den Bienenkorb aufsuchte, gingen auch die Kinder in den Honigdom hinein. Nach ihnen strömten auch alle Drohnen, die ewigen Junggesellen, in das warme Nest. Die männlichen Drohnen sind alle Junggesellen, nur die Toten, die waren verheiratet. Die Königin vergaß schnell alles wieder, Sonnenschein und Hochzeit. Sie wollte jetzt nur noch Eier legen, immerzu Eier legen, bis zur Bewußtlosigkeit und zum Wahnsinn.

Die Kinder glaubten jetzt alles gesehen zu haben, was zu sehen war, aber eine neue Aufregung kündigte sich an. Wieder gingen die Zeichen der Ereignisse zuerst von den Arbeiterinnen aus. Schon während der Hochzeit waren die Arbeiterinnen so aufgeregt, als wenn es um ihre eigene Hochzeit ginge. Diesmal aber führte ihre Aufregung auch zu sehr energischen Handlungen. Kurzerhand drängten sich die Arbeiterinnen auf alles, was Mann hieß. Sie schoben und bedrohten die Drohnen in so energischer Weise, daß die Drohnen das Feld räumen mußten. Die große Drohnenschlacht begann.

Wochenlang habt ihr Faulpelze unser Nest beschmutzt; wir haben euch allen Schmutz nachgeräumt, ihr habt die Vorräte geschleckert, die wir gesammelt haben, nicht einmal habt ihr euch an irgendeiner Arbeit beteiligt, ihr habt keine Blüten besucht, habt die Kinder nicht gepflegt und keine Zelle gebaut. Hinaus mit euch Faulpelzen! Nur Hochzeit wollt ihr feiern, weiter nichts.

Die Männer flogen in großem Bogen jämmerlich zum Flugloch hinaus. Es sah peinlich aus, wie die großen Kerle zur Tür hinauspurzelten. Aber was sollten die Herren der Schöpfung machen, sie hatten keinen Stachel. Wer wehrlos ist, kann nur Pantoffelheld sein. Die Arbeiterinnen räumten gründlich auf. Sie brachen selbst die Wiegen auf und rissen die Eier, Maden und Puppen heraus, die mal Männer werden sollten. Draußen aber lagen Knaben, Jünglinge und Männer umher, und wenn sie auch die Schrecknisse der Drohnenschlacht überstanden hatten, in der kalten Nacht mußten sie alle erfrieren. Die Arbeiterinnen ließen keine Drohne mehr ins Haus. Als so alle Männer des Bienenstockes ergriffen und hinausbefördert wurden, drangen ein paar Bienen auch auf Doktor Kleinermacher und Dieter ein. Traute schrie vor Angst auf, obgleich sie in Ruhe gelassen wurde. Der Doktor und Dieter fürchteten den Stachel sehr und ließen sich ängstlich von den Arbeiterinnen treiben. Traute folgte freiwillig und wehklagend der Rausschmeißer-Truppe. Jetzt hielten sich der Doktor und Dieter am Flugbrett fest, unter ihnen war der gähnende Abgrund. Aber die Arbeiterinnen hatten kein Erbarmen mit allem, was Mann hieß, und bedrängten die beiden so unermüdlich, bis sie mit ihren Händen das Flugbrett nicht mehr fassen konnten.

Sie fielen in die bodenlose Tiefe. Noch einmal schrie Traute gellend auf, dann stürzte sie sich freiwillig hinterher. Wenn der Dieter nicht mehr leben sollte, dann wollte sie auch sterben.

Alle drei hatten mit ihrem Leben abgeschlossen und verspürten die Fahrt in die grundlose Tiefe so unheimlich, daß sich ihnen die Kehlen zuschnürten. Aber mitten im Sturze setzte das bekannte Prickeln ein. Der Körper wollte größer werden und wuchs und wuchs so, daß der Sturz immer ungefährlicher und die Höhe immer geringer wurde. Mit einem harmlosen Sprung landeten die drei auf dem Boden, und dann wuchsen sie noch auf der Erde, bis sie ihre Normalgröße hatten.

Jeder atmete nach der Gefahr befreit auf. Jeder trug sich mit dem Gedanken, das sollte das letztemal gewesen sein, daß man das Schicksal herausgefordert hatte, wirklich das letztemal. Wenn wir nicht zur rechten Zeit gewachsen wären, dann wären wir am Boden zerschellt, und nur noch unsere Leichen wären größer geworden! In tiefen Gedanken und in großer Sorge ging jeder nach Haus.

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