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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
projectidf2439d12
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Das erste Abenteuer im Wassertropfen

Dieter und Traute konnten vor Aufregung in der Nacht lange nicht einschlafen. Als beide endlich den Schlaf fanden, wurden sie von schrecklichen Träumen geplagt. Traute war im Schlaf beim Doktor Kleinermacher, und der wollte sie so klein machen, daß sie in einen Wassertropfen hineinpaßte. Er ergriff das arme Mädel, legte es auf einen Amboß und schlug mit einem Hammer so lange auf Traute ein, bis sie immer mehr zusammenschrumpfte. Traute schrie in ihrer Angst gellend auf. Ihre Eltern machten Licht und traten besorgt an das Kinderbett.

»Was hast du denn, Traute?«

»Ach, der Doktor Kleinermacher schlägt mich immerzu mit einem Hammer. Ich soll so klein werden wie ein Wassertropfen.«

Plötzlich dachte Traute an das Versprechen, das sie Dieter gegeben hatte. Keinem Menschen sollte sie von dem Doktor erzählen, so hatte sie es versprochen. Dem Dieter hatte sie dabei die Hand gegeben und die andere Hand auf die Brust gelegt. Nun hatte sie das Versprechen nicht gehalten, hatte Verrat geübt. Sie schämte sich furchtbar, und schnell sagte sie noch: »Ach, einen Doktor Kleinermacher gibt es ja gar nicht. Das ist ja alles gar nicht wahr.«

Die Eltern lächelten und sagten: »Nicht wahr, Traute, einen Doktor Kleinermacher gibt es ja gar nicht. Du hast bloß schrecklich geträumt. Wir haben ja so ein vernünftiges Mädchen. Schlaf nur ruhig weiter und denke nicht mehr an den bösen Doktor.«

Auch Dieter träumte von Abenteuern im Wassertropfen. Mit einem Schwert in der Hand schwamm er behende und wild durch einen riesigen Wassertropfen. Wale, Haifische, Robben und Krokodile schwammen auf ihn zu. Die Tiere waren nicht viel größer als er. Mit seinem Schwert hieb er tüchtig drein, und ein Ungeheuer nach dem anderen verblutete und sank tot zu Boden. Erst waren die Tiere voller Angriffslust, dann fürchteten sie den Dieter mit dem Schwert und flohen. Aber Dieter war immer hinter ihnen her, schlug mit seinem Schwerte wild um sich und jubelte hell auf in lauter Siegesfreude. In einer Ecke sah er jedoch ein Krokodil schwimmen, das sich um ihn nicht kümmerte. Vor dem Krokodil sah er Doktor Kleinermacher Hand in Hand mit der Traute schwimmen. Ängstlich versuchten die beiden, dem Ungeheuer zu entkommen, doch immer näher kam das Tier den beiden Freunden. Dieter vergaß alle anderen Ungetüme und machte sich in wilder Kampfbegier an das Krokodil heran, um den Doktor und Traute zu retten. Schon erhob er sein Schwert, um zuzuschlagen, da schlug auch schon das Krokodil mit dem Schwanze zu und traf ihn so heftig, daß Dieter aus dem Wassertropfen herausgeschlagen wurde.

Dieter rieb sich verwundert die Augen, er war im Schlaf aus dem Bett gefallen. Das Bettzeug lag in toller Unordnung umher. Der Kampf mit dem Ungeheuer hatte die Betten durcheinandergebracht.

Da es schon hell wurde, zog sich Dieter an, brachte sein Bett wieder in Ordnung, trank schweigend und nachdenklich seinen Kaffee und machte sich auf den Weg zum Doktor Kleinermacher.

Seine Mutter sagte nur zum Vater: »Der Junge hat sich doch wieder etwas in den Kopf gesetzt, er sieht so merkwürdig aus.«

Der Vater entgegnete: »Kindereien!«, und damit war die Sache erledigt.

Auch Traute war schon fertig angezogen. Dieter wartete vor der Haustür auf seine Freundin, und Hand in Hand gingen sie zum Doktor.

»Hast du eigentlich Angst?« fragte Traute.

»Ich, Angst? Nicht die Spur!« antwortete Dieter.

»Ich habe auch keine Angst«, meinte Traute, und dabei zitterte sie etwas.

Viel gesprochen hatten sie nicht, als sie beim Doktor Kleinermacher ankamen. Der empfing sie freundlich, brachte beiden Stühle, forderte sie zum Sitzen auf, und dann fing Doktor Kleinermacher an:

»Ich hatte schon Sorge, ihr beide würdet es euch noch überlegen. Nochmals habe ich alles ausprobiert, an Gefahr glaube ich nicht mehr, es wird alles glatt gehen. Nun muß ich euch noch alles erklären, wie ich uns drei in den Wassertropfen hineinbekommen will. Wir müssen unheimlich klein werden, so klein wie die Tiere im Wassertropfen, noch kleiner als ein Stäubchen. Andere Menschen dürfen uns nicht mehr mit ihren Augen sehen, denn die Tiere im Wassertropfen können ja auch nur mit dem Mikroskop wahrgenommen werden.

Aber wie werden wir so klein?

Ich habe da ein Wasser, ein ganz eigentümliches Wasser. Jahrelang habe ich das Wasser gemischt, zusammengestellt und ausprobiert, endlich ist es mir gelungen. Ein Schluck von jenem Wasser macht uns so klein wie die Tierlein. Je mehr man davon trinkt, desto kleiner wird man. Die Flüssigkeit hält aber nur für einige Zeit an. Nach einer Spanne Zeit dehnt sich unser Körper wieder aus, wir recken uns aus dem Wassertropfen heraus, wachsen und nehmen an Größe zu, bis wir wieder so groß geworden sind wie vorher.

Wollt ihr beide mit mir zusammen das geheimnisvolle Wasser trinken?«

Traute zitterte am ganzen Körper und sah fragend zum Dieter hinüber. Aber Dieter schaute fest und tapfer dem Doktor ins Gesicht und sagte: »Ich will davon trinken.« Traute zitterte immer noch, aber wenn Dieter das Abenteuer erleben wollte, dann mußte sie mitgehen. Auch sie flüsterte: »Ja.«

Der Doktor holte einen Tropfen gewöhnlichen Wassers und schüttete ihn mitten auf den Tisch. Dann holte er eine Flasche von einem Gestell und forderte Traute und Dieter auf, sich neben dem Wassertropfen auf den Tisch zu stellen. Auch er kletterte auf den Tisch und stellte sich neben den beiden Kindern auf.

»Ihr müßt nämlich wissen«, sagte der Doktor, »wenn wir zu weit entfernt vom Wassertropfen uns kleiner machen lassen, dann müssen wir endlos zum Wassertropfen wandern. Ein halbes Meter bedeutet für uns mehr als eine Tageswanderung. In der Zeit sind wir längst wieder groß geworden.«

Nun führte der Doktor die geheimnisvolle Flasche an seinen Mund und nahm einen Schluck, dann reichte er die Flasche den beiden Kindern. Auch Dieter und Traute tranken. Kaum hatte der Doktor die Flasche wieder weggestellt, als ein merkwürdiges Gefühl durch ihren Körper rieselte. Traute sagte: »Das Wasser schmeckt ja wie eingeschlafene Füße«, und dabei prickelte und kitzelte das Wasser durch den ganzen Körper, daß Traute laut lachen mußte. Alle Angst und Furcht waren verschwunden. Auch Dieter merkte, daß es in allen Gliedern juckte und zuckte, und als er auch den Doktor beobachtete, wie der das Gesicht verzog und sich die verschiedensten Körperstellen rieb, stimmte er in Trautes Lachen ein.

Nun aber begann es unheimlich zu werden. Keiner hatte das Gefühl, daß er kleiner wurde. Jeder glaubte, daß die Möbelstücke der Stube ins Ungeheure wuchsen. Der Ofen wurde immer größer, und die Zimmerdecke rückte immer mehr nach oben. Das Zimmer wurde riesengroß. Alles wuchs so sehr, vergrößerte sich so gewaltig über das gewöhnliche Maß hinaus, daß man die Gegenstände nicht mehr mit den Augen erfassen konnte. Schließlich entfernten sich die Riesendinge so schnell, daß man sie gar nicht mehr erblicken konnte. Auch die Tischplatte wurde immer größer und gewaltiger. Der Rand des Tisches verschwand am Horizont. Dabei entdeckten die drei zu ihrem Erstaunen, daß die Tischplatte gar nicht so glatt und gehobelt blieb, wie sie den Kindern sonst erschien. Erst kam sie den Kindern uneben vor, voller Risse und Holper. Dann wuchsen die Holper zu kleinen Hügeln, und schließlich befanden sich die drei zwischen Bergen und Schluchten, wo früher die glatte Tischplatte gewesen war. Endlich hatte das Größerwerden der Dinge ein Ende, das Prickeln im Körper hörte auf, und Doktor Kleinermacher, Dieter und Traute befanden sich in einer Schlucht, mitten auf dem doch so glatten Tisch des Doktors.

Die Welt war so eigenartig und reizvoll, daß Traute sich auf eine Unebenheit setzte und sich immer wieder das Gebirge der Tischplatte ansehen wollte. Auch Dieter konnte sich von dem Anblick nicht losreißen, aber der Doktor hatte es eilig:

»Kinder, wir dürfen nicht zu lange beim Anblick des Tischplattengebirges verweilen. Wir haben wenig Zeit. Bald werden wir wieder größer und haben die Hauptsache gar nicht gesehen. Wir müssen in den Wassertropfen hinein.«

»Wo ist denn der Wassertropfen?« fragte Traute. Der Doktor wies mit der Hand in die Ferne: »Siehst du da hinten die große Glaswand? Das ist unser Wassertropfen. Kommt, kommt, wir müssen so schnell wie möglich dahin.«

Durch eine Schlucht, über Stufen und neben einem Abgrund entlang kletterten die drei der Glaswand zu. Der Doktor voran. Traute in der Mitte und als letzter Dieter, der Traute beim Klettern half. Es kostete Mühe, alle Schwierigkeiten zu überwinden, und Traute konnte bei der Anstrengung nicht unterdrücken, zu sagen: »Lieber Doktor Kleinermacher, wenn wir noch einmal die Reise nach dem Wassertropfen antreten, dann läßt du aber vorher den Tisch hobeln, damit wir nicht so viel klettern müssen.«

Der Doktor lachte und meinte: »So gut kann kein Hobel arbeiten, wie du es als Wassertropfenmensch verlangst. Für uns werden immer Gebirge bleiben, wo der gewöhnliche Mensch eine spiegelglatte Fläche verspürt.«

Noch einmal mußten die drei über einen Felsen klettern, dann standen sie vor einer riesigen Glaswand, die sich weit oben wie eine Kugel wölbte. Dieter wollte wissen, warum denn die Wasserwand nicht zusammenstürze. Der Doktor erklärte:

»Paß mal auf, Dieter, jedes Wasser hat eine Haut, eine sehr feine Haut. Das kannst du nachher selbst ausprobieren. Wenn du recht vorsichtig eine Stecknadel auf eine Wasserfläche legst, aber sehr vorsichtig – es gelingt nicht immer –, dann schwimmt die Stecknadel auf dem Wasser. Oberflächenspannung nennt der Gelehrte diese Haut. Sowie aber die Haut verletzt wird, fällt die Stecknadel zu Boden und geht unter. Sofort aber bildet sich die feine Haut aufs neue. Die feine Haut ist hier für uns eine dicke Glasschicht geworden. Da müssen wir hindurch.«

Der Doktor hämmerte und drückte so lange an der Glasschicht herum, bis er in das Wasser hineinsteigen konnte. Dieter und Traute machten es genau so. Sofort hinter ihnen bildete sich die Glasschicht aufs neue.

Endlich, endlich waren Dieter und Traute mit dem Doktor Kleinermacher im Wassertropfen. Und die Schönheiten, die sie nun sahen, ließen sie immer wieder erstaunen. Hatte man jemals so etwas vermutet? Gab es denn so viel Eigentümlichkeiten und Schönheiten auf der Welt? War alles vielleicht nicht ein Traum?

Große gläserne Röhren lagen aneinandergereiht durch das Wasser. Die Röhren bestanden aus einzelnen Stücken wie aus einzelnen Abschnitten. Die riesigen Glasschläuche lagen wirr durcheinander und erfüllten nahezu das ganze Wasser. Da die großen Schläuche durchsichtig waren, konnte man sehen, daß sich im Innern der Röhren ein grünes Band schlängelte. Die Spiralbänder in allen Röhren färbten das Wasser grün und gaben der ganzen Wasserwelt das farbige Aussehen. Was das denn für Tiere seien, fragte Dieter.

Der Doktor erklärte: »Die Glasröhren, die ihr hier seht, mit den grünen Spiralbändern im Innern, sind keine Tiere, sondern Pflanzen, mikroskopische Pflanzen, sogenannte Grünalgen. Wenn viele solcher Algen im Wasser sind, dann erscheint das Wasser grün. Dabei sind noch nicht einmal die Algen grün, sondern nur die Spiralbänder in den Algen. Aber tun wir das gelehrte Zeug nur beiseite, sind die Pflanzen nicht herrlich? Kann ein Urwald Indiens schöner sein?«

Dieter dachte nur noch mitleidig an Indien, und Traute wußte vor Schönheitsbegeisterung nicht, was sie sagen sollte. Immer wieder rief sie voller Freude aus, daß es nichts Schöneres geben könne.

Viele Tiere huschten durch die grüne Welt. Am häufigsten war ein helles, durchsichtiges Tier. So schnell huschte das Tier durch das Wasser, daß man die Form kaum erkennen konnte. Traute glaubte einen Körper zu erblicken, der ungefähr wie ein Hausschuh aussah. Der Doktor klärte sie auf, daß es ein Pantoffeltierchen sei.

»Wovon leben denn die Tiere?« fragte Dieter.

Der Doktor erläuterte: »Es ist ein merkwürdiges Zeug, was das Pantoffeltierchen zusammenfrißt. Kleine Algen nimmt es gern zu sich, es frißt aber auch noch kleinere Wesen, Kreaturen, die man selbst unter dem Mikroskop kaum sieht.«

»Was sind denn das für Wesen, die noch kleiner sind?« wollte Dieter wissen.

»Dem Namen nach kennst du die Bösewichter«, sagte Doktor Kleinermacher, »es sind nämlich die Krankheitserreger, die Bakterien und Bazillen. Die Wissenschaft zählt diese unleidlichen Geschöpfe zu den Pflanzen. Da, sieh mal, die kleine Anhäufung von Stäben, das sind solche Bakterien. Ein Glück, daß unser gutes Pantoffeltierchen solche Bösewichter frißt. Ich kann nur sagen: Guten Appetit!«

Jetzt hielt nicht weit entfernt von den dreien ein Pantoffeltierchen an, und man konnte es genauer beschauen.

Der ganze Körper war mit Flimmerhärchen bedeckt. An beiden Enden des Körpers befanden sich zwei Bläschen. Da das Tier so durchsichtig war, konnte der innere Organismus des Pantoffeltierchens beobachtet werden. Wenn die eine Blase groß und vollgepumpt war, wurde die Blase am anderen Körperende leer und klein. So pumpte es immer wechselseitig im Körper des Pantoffeltierchens.

Nun sah Traute auf einer Alge ein komisches Tier entlang kriechen. Wie eine Schildkröte kroch das Wesen auf der Röhre entlang. Der Panzer war rotbraun, die Füße unter dem Panzer aber waren nackt und schleimig.

Der Doktor fing wieder an zu erklären: »Uhrglastierchen nennt der Forscher das Wesen. Die Füße sind formlos und können in ihrer Gestalt immer verändert werden. Der Panzer aber schützt das kleine schleimige Tier. Sieh mal dort, das arme Schlammtier hat keinen natürlichen Panzer. Es mußte sich selbst einen bauen. Sandhäuschen nennen die Forscher die Kreatur.«

Und richtig, statt des Panzers bedeckte Felsstück neben Felsstück den nackten, schwammigen Körper. Von der Schleimmasse waren die einzelnen Felsenstücke verklebt. Nur unten waren die Füße nackt und bloß. Aber es gab noch mehr Wunder zu sehen. In der Form wie grüne Gurken durchschwirrten viele grüne Tiere das Wasser. An dem einen Ende hatten sie eine lange Peitsche, und mit dieser Peitsche schlugen sie das Wasser im Kreise. Es sah aus wie eine Schiffsschraube. Wegen dieser Peitsche, erklärte der Doktor, nenne man die Tiere Geißeltierchen. Sehr verschieden und mannigfaltig war das Aussehen der Geißeltierchen. Manche hatten um ihre Geißel einen hohen durchsichtigen Kragen. Sie heißen deshalb Kragengeißler. Andere hatten einen roten Fleck auf dem Körper. Der Doktor erklärte, der rote Fleck sei das Auge der Geißeltierchen. Zwar könnten sie mit dem roten Fleck nicht so gut sehen wie wir mit unseren Augen, aber was hell und dunkel sei, könnten die Tiere schon wahrnehmen.

Immer wieder entdeckten Dieter und Traute neue, ganz verrückte Tierformen. Da kroch ein Wesen auf ungefähr acht Stachelbeinen an einer Alge abwärts. »Wie eine große Laus«, rief Traute voller Ekel aus, und der Doktor antwortete: »Richtig, wie eine Laus, drum heißen die Tiere auch Laustiere. Aber sind jene Tiere nicht viel schöner?« Dieter und Traute folgten dem Finger des Doktors, und da sahen sie auf einer Alge riesige Tulpen wachsen. Sie mußten sich erklären lassen, daß das Tiere seien, sogenannte Glockentierchen. Der Doktor führte seinen Stab auf die Glockentierchen zu, und schon zogen sich die Tiere verärgert zurück und rollten dabei ihren Stengel ein. Als Dieter die Tiere weiter ärgern wollte, lösten sich die »Pflanzen« von ihrem Boden ab und schwammen beleidigt von dannen.

Das Schönste aber hatten die drei im Wassertropfen noch nicht gesehen. Durch das Naß kugelte ein herrliches Tier, so schön anzusehen, daß Traute immer neue Ausrufe des Bewunderns fand. Das Tier steckte in einem kugelrunden Skelettpanzer. Der Panzer war so herrlich und fein gearbeitet, daß die Ornamente und Verzierungen noch schöner erschienen als alles, was man bisher gesehen hatte. Von dem Panzer gingen lange Nadeln und Strahlen nach allen Seiten aus, wie Strahlen von einer Sonne. Sonnentierchen hieß denn auch das Tier.

Mitten in der Verzückung über das schöne Tier schrie Traute gellend auf. Ein schleimiger, nackter Klumpen kam auf das Mädchen zugekrochen. Der Doktor wollte noch warnen und sagte: »Vorsicht, Traute, das ist ein Wechseltierchen. Man nennt es so, weil der formlose Schleimklumpen gar keine bestimmte Gestalt hat, sondern immerzu seine Gestalt ändern kann.«

Aber der Doktor hatte noch nicht ausgeredet, als der Schleimklumpen schon Trautes Fuß umzingelte. Voller Ekel und Furcht schrie Traute laut auf. Jetzt oder nie, dachte Dieter, kannst du ein Held werden. Er riß dem Doktor den Stab aus der Hand und hieb so kräftig auf das Wechseltier ein, daß sich das schleimige Wesen in zwei Hälften spaltete. Siegesfreudig glaubte Dieter schon, er habe das Wechseltier getötet, aber der Doktor klärte ihn auf: »So leicht sterben die Wechseltierchen nicht. Sie haben keinen Mund und keine Füße. Wenn sie dahinkriechen, umschlingen sie alles mit ihrer schleimigen Masse, und was sie umhüllt haben, haben sie gefressen. Wenn man sie teilt, so daß das Wechseltierchen aus zwei Hälften besteht, dann hat das Wechseltier aufgehört, ein Tier zu sein, es sind dann zwei geworden.«

Und richtig, die eine Hälfte des Tieres hielt immer noch Trautes Fuß umschlungen, und jetzt kroch auch der andere Teil heran und wollte sich über Traute hermachen. Immer ängstlicher wurde das Mädchen, und immer lauter schrie es um Hilfe. Der Doktor war ganz ratlos, und Dieter schlug, so wild er konnte, auf das Wechseltier ein, daß die Schlammasse aufspritzte. Aber es sollte alles nichts helfen, die beiden Wechseltierchen wollten von Trautes Fuß nicht lassen.

Da durchströmte plötzlich alle drei wieder ein merkwürdiges Gefühl. Es juckte und zuckte in allen Gliedern, und sie wuchsen und wurden immer größer, daß sie bald mit ihrer Gestalt den ganzen Wassertropfen einnahmen. Dann durchbrachen sie wachsend den Wassertropfen und wuchsen in die Luft hinein. Aus dem Gebirge der Tischplatte wurde wieder bald die glatte Fläche des Tisches. Doktor Kleinermacher, Dieter und Traute standen in voller Lebensgröße im Zimmer des Doktors. Sie sprangen vom Tisch herunter und freuten sich, zur rechten Zeit dem gefräßigen Wechseltierchen entronnen zu sein.

Zuerst sahen sie sich das Zimmer und die Möbel voller Erstaunen an. Dann blickten sie auf den winzigen Wassertropfen auf dem Tisch und konnten sich gar nicht an den Gedanken gewöhnen, daß sie darin gewesen waren und daß der Wassertropfen so voller Wunder sei. Noch lange hatten sie von den Erlebnissen im Wassertropfen zu erzählen, und als der Doktor mit zugekniffenen Augen fragte: »Na, Kinder, gereut es euch noch, daß ihr mit mir das Wunderwasser getrunken habt?«, da antworteten Dieter und Traute: »Nein, es war schön im Wassertropfen.« Dieter setzte noch hinzu: »Selbst die Gefahr war schön.«

Dann konnten die Kinder gehen. Der Doktor begleitete sie bis zur Tür und rief ihnen noch nach: »Kommt bald wieder. Ich habe noch eine Überraschung für euch.«

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