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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
projectidf2439d12
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Dieter will nach Indien fahren und bleibt in der Heimat

Traute und Dieter waren mitten im Ballspielen. Traute lachte immerzu, und Dieter blieb ernsthaft und still. Er gab den Ball immer wieder zurück, aber seine Augen und Gedanken waren ganz woanders.

»Was hast du denn, Dieter?«

»Traute, ich muß dir was erzählen. Laß das Ballspielen sein. Hast du schon darüber nachgedacht, daß wir immer älter werden? Was soll eigentlich aus uns werden?«

»Du bist aber komisch, Dieter! Wenn ich älter werde, ziehe ich mir längere Kleider an und binde mir keine Schleife mehr ins Haar. Dann lerne ich kochen und nähen, und dann kommt einer und heiratet mich. Würdest du mich heiraten, Dieter? Was willst du denn eigentlich später werden, Dieter? Weißt du, du mußt Rennfahrer werden, dann drücke ich immer für dich den Daumen. Oder besser, du wirst Tierbändiger. Dann bekommst du eine schöne Uniform, ganz bunt und voll lauter Silberschnüre und glänzender Knöpfe. Warte mal, noch besser, du wirst Matrose. Matrosen konnte ich immer fein leiden. Dieter, du mußt Matrose werden. Dann kommst du und heiratest mich. Du, ich freue mich schon jetzt darauf.«

»Traute, weißt du was ich gern werden möchte? Ich denke immerzu daran. Weltreisender möchte ich werden. Immer ganz weit weg reisen, nach Indien oder Afrika oder nach Amerika. Überall soll es furchtbar wild und abenteuerlich sein. In meinen Träumen war ich schon oft in Indien. Ich kenne das Land ganz genau. In den Urwäldern schleichen die großen Tiger, und an den Bäumen hängen die Riesenschlangen. Von Ast zu Ast springen die Affen, viel besser und sicherer als die besten Turner. Dann rasen Gazellen über die Steppe, schöne Tiere und so schlank und herrlich. Wunderbar ist es in Indien!«

»Nimmst du mich mit, Dieter?«

»Ja, Traute, du sollst überall mitkommen. Auch nach dem Südpol und nach Grönland. Von Grönland habe ich viel gelesen. Da drücken sich langsam die Gletscher ins Meer. Hundert Meter hoch sind die Eiswände und noch höher. Dann plötzlich bricht ein Stück vom Gletscher ab. Das Stück ist noch größer als ein hohes Haus. Langsam schwimmt der abgebrochene Eisberg nach dem Süden und schmilzt allmählich auf. Traute, das müssen wir beide alles sehen. Die Welt ist so schön. Überall geschehen Wunder und Abenteuer, und wir werden immer älter und sind nirgends dabei.«

»Au fein, Dieter, ich komme überall mit. Komm, laß uns schnell älter werden. Meiner Mutter möchte ich jetzt schon erzählen, daß wir später beide auf die Weltreise gehen.«

»Warum denn immer später, wenn wir älter geworden sind? Als Kinder müssen wir in die Welt ziehen. Die Erwachsenen denken nicht mehr an Heldentaten und Wunder. Wir wollen als Kinder schon zeigen, was wir können. Die Erwachsenen sollen staunen. Die Erwachsenen müssen einfach überrascht werden.«

»Etwas Angst habe ich, Dieter, aber ich glaube, man muß mit dem mitgehen, der einen später heiraten will. Meiner Mutter will ich aber doch noch auf Wiedersehen sagen.«

»Nein, Traute, wir dürfen niemandem etwas sagen. Das muß ganz unter uns bleiben. Du mußt mir dein Wort geben, daß du schweigst.«

Traute reichte ihrem Spielkameraden die rechte Hand, und die Linke legte sie auf ihre Brust. Dabei sah sie dem Dieter in die Augen und versprach, von der geplanten Weltreise keinem Menschen ein Wort zu sagen, auch der Mutter nicht. Jedoch – ein klein wenig zitterte Trautchen dabei. Dieter aber kannte keine Furcht, und wie ein Ritter so fest und tapfer blickte er der Traute ins Auge. Dann aber wurde er wieder nachdenklich.

»Wohin reisen wir zuerst? Ich werde den Weg auf Vaters Globus suchen. Zuerst soll es nach Indien gehen. Ich glaube, ohne Geld kommen wir nicht aus. Wenn wir erst in Indien sind, können wir alles mit Muscheln bezahlen, die wir am Strande finden. Vielleicht finden wir auch Gold und Edelsteine. In Europa müssen wir aber alles mit Geld bezahlen. Und Europa ist groß. Woher bekommen wir Geld?«

Traute meinte, ob man nicht doch lieber zu Hause bleiben und warten solle, bis man größer geworden sei. Das Ballspielen war doch auch ganz nett. Aber davon wollte Dieter nichts wissen. Er sagte nur, die Frauen seien zu zimperlich, und bei jeder Gelegenheit fingen sie an zu zweifeln. Ein Mann müsse sich durchhauen. Aber er wußte auch nicht, wie er die Reise anfangen sollte. Da meinte Traute, vielleicht sei es doch besser, sich an einen Erwachsenen zu wenden. Vielleicht an einen, der schon mal in Indien war.

Dieter erklärte: »Quatsch, die Erwachsenen verraten uns nur. Wir müssen allein über alle Schwierigkeiten hinweg.«

Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke. In der kleinen Gasse wohnte im Hinterhaus der Doktor Kleinermacher. In der Stube des alten Herrn standen immer ausgestopfte Tiere umher, an den Wänden hingen Bilder von fernen Ländern, und auf dem Tisch standen Mikroskope und Fernrohre bunt durcheinander. Von vielen anderen Apparaten wußte Dieter gar nicht, wozu sie dienten. Aber je unbekannter alles war, desto geheimnisvoller erschien es. Doktor Kleinermacher war ein altes, verhutzeltes Männlein. Wie ein Hexenmeister sah er aus. Aber er hatte Kinder gern, und viele besuchten ihn. Keinem Kinde hatte er je etwas getan. Und, was noch besser war, kein Kind hatte er bis jetzt bei den Eltern oder bei dem Lehrer verpetzt. Wenn ihm etwas an einem Kinde nicht gefiel, dann nahm sich der Doktor Kleinermacher das Kind vor, redete freundlich, aber ernsthaft mit ihm, und dann war alles gut. Hin zum Doktor Kleinermacher, nur der konnte helfen! Dieter hatte Traute bald erzählt, wer der komische Doktor wäre. Ganz unbekannt war der Traute nicht, was für eine Gestalt der Mann aus der kleinen Gasse war. Dem kleinen Mädel war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, einen Mann aufzusuchen, der wie ein Hexenmeister aussah, aber sie ging doch Hand in Hand mit Dieter zur kleinen Gasse. Der Dieter hatte ja mehr Mut als zehn Erwachsene. So ein Weltreisender ist soviel wert wie ein Ritter. Schade, daß der Dieter keine Ritterrüstung anhatte, die müßte ihm gut stehen.

Mit solchen Gedanken kamen die beiden in der engen Gasse an. Dieter kannte das Haus. Als sie eintraten, war es im Flur dunkel, daß Traute ihrem Beschützer noch fester die Hand drückte. Im Treppenhaus wurde es nicht heller, und die Stufen knarrten bei jedem Schritt. So und nicht anders mußte es in dem Haus eines Hexenmeisters aussehen.

Dieter klingelte, und dann schlurften Schritte von innen bis zur Tür. Ein Hutzelmännchen öffnete. Durch die Brille sahen zwei freundliche große Augen. Der Bart war nicht lang, aber er umrahmte das ganze Gesicht. Die Haare waren nach hinten gekämmt und reichten bis auf den Kragen. Freundlich beugte sich der Alte zu den beiden Kindern und fragte:

»Na, Dieter, wen hast du denn da mitgebracht? Du hast doch einen besonderen Wunsch, das sehe ich dir von den Augen ab. Kommt erst mal rein in meine gute Stube.«

In der Stube sah es so aus, wie es Dieter der Traute beschrieben hatte. Der Doktor Kleinermacher mußte den Kram und den Hausrat aus aller Herren Ländern gesammelt haben. Sicher war der Doktor auch in Indien gewesen. Dann stellte der Doktor nochmals seine Frage, und Dieter fing an zu erzählen:

»Lieber Doktor Kleinermacher, wir sind beide noch Kinder, die Traute und ich. Die Traute ist nämlich meine Freundin, und später will ich sie heiraten. Aber wir beide wollen Helden sein, solange wir noch Kinder sind. Die Ritter sind zwar schon ausgestorben. Die sind damals durch alle Länder gezogen und haben die Abenteuer eingesammelt wie schöne Erinnerungen. Die Ritter sind alle tot. Aber Weltreisende gibt's noch. In Indien gibt's noch Tiger und Riesenschlangen, in Grönland gibt's noch Gletscher und Eisberge, in Afrika gibt's noch Löwen und Krokodile, aber in Amerika gibt es schon keine Indianer und keine Büffel mehr. Bald wird es auch in Indien nur noch Eisenbahnen, Autos und Untergrundbahnen geben, und in Grönland wird man Schneeschipper einstellen. Noch lohnt es sich, Weltreisender zu werden. Wir beide. Traute und ich, wollen neue Länder entdecken, Abenteuer bestehen ... kannst du uns dabei helfen?«

Der Doktor Kleinermacher lächelte währenddem immer, und als Dieter fertig war, lachte er laut los.

»Du hast gut gesprochen, Dieter, wie ein kleiner Redner. Und eine Frau hast du auch schon. Du wirst mal ein tapferer Mann werden. Aber warum willst du nach Indien? Glaubst du, daß Indien schöner sei als Deutschland?«

»Aber, Doktor Kleinermacher, wie kann man nur so sprechen! Wie kann man nur Deutschland mit Indien vergleichen? So spricht doch kein gebildeter Mensch!«

»Da muß ich dir eine kleine Sache erzählen, Dieter. Mich besuchte mal ein Grieche. Ich hielt den Mann fest, denn er sollte mir sehr viel von seiner Heimat erzählen. Immer wieder verlangte ich, daß er erzählte, von seinen Bergen, seiner Akropolis und seinen Tempeln. Endlich sagte der Grieche, was ich nur mit seinen Tempeln habe? Unsere Wälder und Berge seien viel schöner. Und die U-Bahn finde er viel interessanter als seine Akropolis.«

Das konnte Dieter nicht begreifen, und der Doktor mußte weitererzählen. »Wenn ich in Thüringen von einem kleinen Berge aus ins Tal sehe, die Sonne geht dabei unter, und von irgendwoher höre ich eine Quelle rauschen, dann fühle ich mich so glücklich, so freudig, daß ich das Bild mit keiner Landschaft in Indien vertauschen möchte. Und dann sagst du, die Gazellen seien so schön. Weißt du denn nicht, daß unsere Rehe viel schöner sind? Ich habe fast alle Tiere der Erde gesehen, gewiß, die Gazellen sind sehr schön, aber die schönsten Tiere der Erde bleiben mir die Rehe aus unserem Walde. Das sagt dir ein alter Weltreisender. Glaube mir, unsere Rehe haben so viel Anmut, so viel Grazie, so viel Schönheit, daß mich der Anblick immer wieder entzückt.«

Dieter konnte immer noch nicht sprechen. So gewaltig wurde er von dem Doktor aus allen Himmeln Indiens gerissen, daß er stumm blieb. Und Traute sah mit Schrecken, daß es noch größere Leute gab als ihren Dieter. Das hätte sie nie geglaubt. Sie meinte immer, Dieter sei so klug, da kämen selbst die Erwachsenen nicht mit. Er dürfte es nur nicht zeigen, sonst würden die Erwachsenen neidisch auf den Jungen. Aber was der Doktor sagte, war wirklich überzeugend. Der fing wieder an zu sprechen:

»Nun meinst du, es gäbe in Deutschland keine Abenteuer. Erlebnisse und Abenteuer sollst du haben, mein kleiner Held. In Watte sollt ihr Jungen nicht gewickelt werden. Seht mal, Dieter und Traute, hier ist ein kleiner Wassertropfen. In dem kleinen Wassertropfen schwimmen so viel abenteuerliche Tiere in phantastischen Formen umher, wie sie kein Urwald Indiens aufweisen kann. Und die Tiere schwimmen nicht friedlich durch das Wasser. Eins greift das andere an. Hier in diesem Wassertropfen gibt es Mord und Totschlag, Lebenskampf und Schönheit. Der Wassertropfen ist voller blühender Phantasie und Buntheit.«

»Aber das kann man doch gar nicht sehen«, meinte Dieter.

Der Doktor lächelte: »Ja, das kann man nicht sehen, weil die Tiere und Pflanzen im Wassertropfen so klein sind, daß unser Auge sie nicht findet. Aber da hilft uns mein Mikroskop. Ich werde den Wassertropfen unter ein Mikroskop legen, und dann könnt ihr mal durchschauen.«

Der Doktor machte den Apparat fertig, stellte alles mit den feinen Schrauben sauber ein, und dann winkte er Dieter heran. Erst konnte sich der Junge nicht an den sonderbaren Anblick gewöhnen, dann sah er immer klarer, und es war wirklich so, wie der Doktor es erzählt hatte. Diese wunderbare Welt unter dem Mikroskop im Wassertropfen war ja unbeschreiblich. Die Formen der Tiere und Pflanzen konnte man gar nicht wiedergeben. Dieter wußte vor Entzücken nicht, was er sagen sollte. Dann konnte Traute auch durch die Gläser sehen. Drei Kissen mußte der Doktor auf den Stuhl legen, damit Traute auch gut durchschauen konnte.

»Nein, Dieter, schöner kann es in Indien auch nicht sein als im Wassertropfen. Ich habe ja gar nicht gewußt, wie herrlich es im Wassertropfen zugeht«, plapperte Traute.

Auch Dieter freute sich sehr, und seine Augen glänzten, aber nicht mehr vor Begeisterung, nach Indien zu gelangen. Dann wurde er plötzlich nachdenklich. Etwas traurig sprach er zum Doktor:

»Indien hast du mir gründlich ausgetrieben, Doktor Kleinermacher. Nun habe ich aber einen anderen Wunsch. Ich fühle, ich werde nicht mehr glücklich, bis ich diesen Wunsch erfüllt sehe. Kannst du mir dabei helfen? Ich möchte so klein werden wie deine Tiere im Wassertropfen, dann will ich in den Tropfen hineingehen und alle diese Wunder erleben. Kannst du mir dabei helfen, Doktor Kleinermacher?«

Doktor Kleinermacher wurde sehr ernst und fand lange keine Antwort, und der Traute klopfte das Herz, als wenn es im Halse läge. Da hatte der Doktor dem Dieter alle Gefahren ausgeredet, und sie fühlte sich schon glücklich mit dem Leben davongekommen. Jetzt will der Junge wieder Abenteuer bestehen, Abenteuer im Wassertropfen! Es ist schrecklich mit den Männern! Aber dem Mann, der einen später heiraten will, muß man überallhin folgen. Traute setzte ein tapferes Gesicht auf und wartete auf die Antwort des Doktors. Und der sprach mit ernstem Gesicht:

»Ich habe mich selbst schon damit beschäftigt, Dieter. Es ist sehr gefährlich, und ich weiß nicht, wie es ausgehen wird, mein Junge. Aber du bist tapfer, ich spüre es. Ich mache alles bereit, besuche mich morgen wieder, und dann wollen wir unsere Reise beginnen. Wir wollen in den Wassertropfen hineinsteigen. Aber wenn du Angst bekommst, Dieter, dann bleib zu Hause. Auch Traute darf wieder mitkommen, wenn sie sich alles gründlich überlegt hat.«

Traute schluckte alle Furcht hinunter, sah ihrem Dieter fest in die Augen und sagte: »Ich komme bestimmt mit.«

Die beiden Kinder verabschiedeten sich von dem Doktor Kleinermacher und gingen Hand in Hand nach Hause. Auf dem Wege sprachen sie kein Wort, aber beide wußten, daß sie sich morgen wiedersehen würden – beim Doktor Kleinermacher.

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