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Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt

Herbert Paatz: Doktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHerbert Paatz
titleDoktor Kleinermacher führt Dieter in die Welt
publisherDeutscher Verlag
printrun16. - 25. Tausend
year1938
illustratorJ. Grüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170307
projectidf2439d12
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Das zehnte Abenteuer unter Bienenläusen

Als am verabredeten Tage Dieter und Traute zur Wohnung des Doktor Kleinermacher gingen, beobachteten sie schon von weitem einen Menschenauflauf unter dem Fenster des Doktors. Viele Kinder waren da versammelt, aber auch einige Erwachsene. Was war mit dem Doktor los? Hatte man ihn im Verdacht, ein Hexenmeister zu sein, sollte er verhaftet werden? Herrgott, beschütze unseren lieben Doktor Kleinermacher! Aber das konnte doch gar nicht sein, man lebte doch nicht mehr im Mittelalter!

Nur einen Moment hatten die Kinder den Gedanken, schnell wegzurennen – wir wollen mit der Sache nichts zu tun haben, wir wollen nicht mit verbrannt werden. Dann warfen sie ihre schlechten, feigen Gedanken fort und gingen tapfer auf das Haus des Doktors zu. Vielleicht können wir dem Doktor noch helfen, vielleicht retten ihn noch unsere Aussagen. Der Doktor hat so viel getan, daß wir jetzt auch für ihn etwas tun können. Schnellen Schrittes kamen sie dem Hause näher.

Und nun sahen Dieter und Traute, daß nicht nur eine Ansammlung von Menschen unter dem Fenster des Doktors war, sondern auch eine Ansammlung von bunten, prächtigen Schmetterlingen. Auf und nieder gaukelten die Falter, immer vor dem Fenster des Doktors.

»Sehen die nicht schön aus, die Splittermännchen?« sagte Dieter. Als er noch ein ganz kleiner Junge war und kaum sprechen konnte, hatte er zu einem Schmetterling Splittermännchen gesagt, seit der Zeit sagte die ganze Familie, Vater, Mutter und Geschwister, zu den Faltern Splittermännchen. Auch Traute fand den Namen hübsch, und sie sagte,: »So viele Splittermännchen auf einem Haufen habe ich noch gar nicht gesehen. Was will der Doktor mit den Tieren? Hat er eine Versammlung der Splittermännchen einberufen?«

Die Kinder stürmten die Treppe empor, klopften an, überfielen den Doktor und schrien: »Doktor Kleinermacher, was hast du denn den Splittermännchen zu erzählen, daß du sie alle hast herkommen lassen? Sie klopfen schon an deinem Fenster und wollen hinein. Mach doch das Fenster auf. Und unten die Leute, sie staunen und freuen sich alle, was du für einen bunten Besuch hast. Menschen stehen unten, sooo ein Auflauf!«

Der Doktor lächelte: »Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ich muß sie euch erzählen. Seit Jahren suche ich schon nach einem seltenen Schmetterling in unserer Gegend. Was soll ich euch den lateinischen Namen sagen, ihr vergeßt ihn ja doch wieder. Also, heute gehe ich über das Feld beim Imker, und was sehen meine Augen? Den seit Jahren gesuchten seltenen Schmetterling. Ich fing ihn ein und nahm ihn mit nach Haus. Es war ein Weibchen. Nun tat ich das Weibchen in eine Schachtel, machte ein paar Luftlöcher hinein und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett.

Es verging einige Zeit, erst frühstückte ich, dann machte ich ein Nickerchen, und mitten im Schlaf wurde ich gestört. Was sollte denn der Lärm vor meinem Fenster? Gerade unter meinem Fenster johlten ein paar Schulbuben und ließen mir keine Ruhe. Ich trat ans Fenster, um Ruhe zu verlangen. Viele Kinder und ein paar Erwachsene starrten in die Luft, zeigten mit Fingern empor und riefen immer und freuten sich. Und oben, direkt an meinem Fenster, flogen die Schmetterlinge auf und nieder. Ihr habt sie ja gesehen.

Was hier vorgeht, wußte ich gleich. Es waren alles Schmetterlinge von derselben Art und alles Männchen. Sie hatten mein Weibchen im Kasten gerochen und kamen nun von weit und breit, um der Gefangenen guten Tag zu sagen. Ist das nicht sonderbar? Jahrelang suche ich nach der seltenen Art in unserer Gegend, kann keinen finden, jetzt endlich habe ich ein Weibchen gefunden, und schon treiben sich die Männchen zu Dutzenden vor meinem Fenster umher.«

»Wo kamen denn die vielen Männchen auf einmal her?« fragte Dieter.

Der Doktor fuhr fort: »Ja, das ist das Geheimnis der Schmetterlinge. Die Weibchen haben auf ihren Flügeln ein paar Duftschuppen. Wir riechen kaum den Duft der Schmetterlinge, so gering ist er. Aber die Männchen haben gute Nasen, ihr wißt ja schon, die Nasen, das sind die ›Fühler‹. Und die Nasen sind so gut, daß ein Männchen ein Weibchen über Kilometer hinweg riecht. Diese Art Schmetterlinge ist hier sehr selten. Von weither haben sie das Weibchen gerochen und sind immer der Nase nach bis vor mein Fenster geflogen. Die Gelehrten behaupten, daß es so sei, wie ich euch erzählte. Vielleicht irren sich aber auch die Gelehrten? Vielleicht verständigen sich die Schmetterlinge ganz anders? Wer weiß es, wer kann es wissen?«

Traute staunte: »Nun guck einer die Splittermännchen an, so gute Nasen haben sie, und soviel Geheimnisse haben sie, das habe ich den bunten Spittermännchen gar nicht zugetraut.«

Nun war aber keine Zeit mehr zu verlieren. Das zehnte Abenteuer sollte starten, und alles war gut vorbereitet. Der Doktor hatte ganz kleine Flaschen mit Wunderwasser fertiggemacht, und die große Wunderflasche nahm er auch mit. Dann wurden wieder die drei Gewehre eingepackt und drei Fallschirme, die so klein waren, daß man sie kaum sehen konnte. Außerdem hatte er noch einen kleinen Aufzug mit einer Rolle und einen Zwirnsfaden mit. So ging es auf die Reise.

Die drei stapften munter drauflos, und als sie die Stadt hinter sich hatten, sangen Dieter und Traute ein lustiges Lied. Der Doktor sang auch mit, das war aber das einzige, was der Doktor nicht konnte. Schön war sein Gesang nicht, deshalb hatten die Kinder den Doktor auch noch nie singen hören.

Mitten im Gesang schrie Traute auf. Ein Holzbock – das Tier wird auch Zecke genannt – hatte sich von oben, von einem Baume, auf Traute gestürzt. Das kleine Tierchen biß sich sofort am Halse fest und saugte Blut. Dieter wollte hilfsbereit herbeispringen und das Tier herunterschlagen, aber der Doktor hielt Dieter zurück: »So muß man das nicht machen. Die Zecke hat sich so fest gesaugt, daß du wohl den Körper abschlägst, aber nicht den Kopf, der im Fleische steckenbleibt. Das gibt dann böse Entzündungen.« Der Doktor träufelte Petroleum auf den Körper der Zecke, unwillig ließ sie im Saugen nach, hielt ihren Kopf aus der Wunde, und in diesem Moment schlug der Doktor die Zecke vom Körper weg.

Die drei gingen darauf weiter, der Gesang war verstummt, dafür hatte aber der Doktor zu erzählen:

»So eine Zecke ist ein merkwürdiges Ding, ein ganz merkwürdiges Viech. Kann nicht riechen und nicht sehen, sitzt immerzu im Baum und wartet auf Erschütterungen des Bodens. Da hüpft ein Frosch durch das Gras unter dem Baum, die Zecke läßt sich fallen, fällt daneben und muß nun mühsam wieder den Baum hinaufkrabbeln. Dann geht eine Kuh unter dem Baum vorüber. Die Zecke merkt die Erschütterungen, läßt sich fallen, fällt daneben, und wieder muß sie den Baum hinaufkrabbeln. Dann kommt ein Pferd vorüber. Deutlich vernimmt die Zecke die Erschütterungen des Bodens. Und jetzt läßt sie sich wieder fallen, und endlich, endlich fällt sie auf das Pferd und kann sich am Blut vollsaugen.

Gelehrte haben es ausprobiert, wie lange so eine Zecke auf dem Baum sitzen kann, ohne zu verhungern. Es dauert Monate, es dauert sogar über ein Jahr, ehe die Zecke verhungert. Da muß man wirklich staunen.«

Jetzt mußte Dieter lachen. Traute fragte, was denn daran so lächerlich sei, und Dieter erzählte:

»Ich habe mir eben vorgestellt, ich wäre eine Zecke, könnte nicht sehen und nicht riechen und müßte auf einem Baume am Straßenrande sitzen und warten, bis der Bäckerwagen vorüberfährt. Ich warte und warte, und da merke ich unter mir: rumbum bum bum, aha, das ist doch der Bäckerwagen, endlich kann ich mich satt essen! Ich denke mir, jetzt ist der Wagen unter meinem Baum, lasse mich fallen und falle ... auf den Wagen der Müllabfuhr. Pfui Spinne, das wär kein Vergnügen! – Mühsam arbeite ich mich aus dem Dreck heraus und klettere wieder auf meinen Baum. Einen Hunger habe ich! Da, rumbum bum bum, rumbum bum bum, das ist aber sicher der Bäckerwagen. Jetzt muß der Wagen unter meinem Baum sein, ich lasse mich fallen und falle ... in einen Wagen mit Eierkörben. Alle Eier sind zerbrochen. Das Eigelb hängt an meinen Kleidern, und rohe Eier mag ich gar nicht. Mühsam klettere ich wieder auf meinen Baum. – So ein Elend, einen Hunger habe ich, mein Magen knurrt immerzu. Es ist wirklich nur mein Magen. Da höre ich wieder: rumbum bum bum bum, rumbum bum bum bum. Das ist aber der Bäckerwagen. Ich lasse mich fallen und falle ... in eine Kutsche, einem dicken Herrn gerade auf den Schoß. Der fängt an zu schimpfen, seine Frau verhaut mich mit ihrem Regenschirm, und die Tochter fällt in Ohnmacht. – Zerschlagen und hungrig klettere ich wieder auf meinen Baum. Mein Magen hängt mir jetzt schon bis zu den Knien herunter. Kommt denn endlich der Bäckerwagen? Doch dann kommt er wirklich. Ich falle mitten in einen Schrippenkorb und esse mich für drei Wochen satt.«

Traute und der Doktor mußten lachen, immerzu lachen. Das hatte der Dieter aber gut erzählt! Traute sagte noch: »Wenn es bei uns einmal eine Viertelstunde später Mittag gibt als sonst, dann ziehe ich eine Schippe und fange an zu weinen. Jetzt will ich immer an die arme Zecke denken, die manchmal über ein Jahr auf ihren Mittagstisch warten muß.«

Endlich waren die drei auf ihrem alten Platze angekommen, und der Doktor machte alles zum zehnten Abenteuer bereit. An der Blume, auf der die kleinen Bienenläuse saßen, befestigte er die Rolle, legte den Zwirnsfaden darüber, und dann ging die Wunderflasche herum. Jeder trank sein bestimmtes Quantum.

Diesmal wurden die drei so groß wie Käfer. Dann nahmen die Zwerge ihre Gewehre zu sich, ihre drei kleinen Wunderflaschen und ihre noch kleineren Fallschirme. Eilig wollten die Zwerge jetzt zu ihrer Blume eilen, aber da krabbelte ihnen ein Ohrwurm in den Weg.

Traute wollte auf den Ohrwurm anlegen, aber der Doktor verwehrte ihr den Schuß. Traute protestierte: »So ein schrecklicher Wurm, krabbelt schlafenden Menschen ins Ohr, knabbert ihnen das Trommelfell durch und frißt sich bis zum Gehirn durch. So etwas muß man erschießen.«

Aber der Doktor gab keine Schußerlaubnis: »Erstens ist der Ohrwurm kein Wurm, sondern ein Insekt. Namen täuschen oft. Auch der Maiwurm ist kein Wurm, sondern ein Käfer. Käfer sind auch die Spanischen Fliegen und das Glühwürmchen. Der Walfisch ist kein Fisch, sondern ein Säugetier, dagegen ist das Seepferdchen kein Pferd, sondern ein Fisch.

Nun soll der Ohrwurm das Trommelfell durchbeißen? Dazu sind die Ohrwürmer viel zu harmlos. Mit ihrer Zange am Hinterleibe töten sie kein Tier. Ohrwürmer fressen nur Tiere, die schon tot sind. Vor allem, was noch lebt, nehmen sie Reißaus.

Bösartig unter den Ohrwürmern ist nur der Vater. Wenn der seine Kinder sieht, will er sie auffressen. Deshalb bedeckt die Ohrwurmmutter ihre Eier mit dem Leib. Wenn die Jungen herauskommen, fressen zum Danke die kleinen Ohrwurmkinder ihre tote Mutter auf. In der Natur geht alles durcheinander.«

Der Doktor wollte noch etwas von den Ohrwürmern erzählen, als eine wirkliche Gefahr herankam. Ein Käfer, sehr schön bunt glänzend, rannte schnell herbei. Es war der Goldschmied, ein Käfer, der tüchtig um sich beißt, immer hungrig ist und alles überfällt, was er gerade noch überwältigen kann. Der Goldschmied frißt Maikäfer, Regenwürmer, Raupen und – schrecklich – nach der Hochzeit frißt die Frau sogar ihren eigenen Mann auf. Aber der Gärtner und Förster sind auf den Goldschmied nicht böse, es ist meist Ungeziefer, was der Käfer frißt.

Der Doktor wußte, daß der Goldschmied eine große Gefahr war, deshalb legte er sein Gewehr an und machte es schußfertig. Aber der Goldschmied hatte es nicht auf die drei Zwerge abgesehen, sondern auf den Ohrwurm. Der arme Geselle wollte enteilen, aber der Laufkäfer war eins, zwei, drei, hinter ihm, packte ihn von hinten, knabberte ihn an, daß der Ohrwurm sich krümmte wie ein echter Wurm. Der Goldschmied war erbarmungslos und speiste an seinem Opfer, das sich vor Schmerzen krümmte und wand. So etwas wie einen Gnadenbiß kennen die Insekten nicht.

Als der Goldschmied mit seiner Mahlzeit fertig war, stürzte er sich über einen Regenwurm her, der mal frische Luft schöpfen wollte. Der Regenwurm war viel, viel länger als der Räuber, aber dem Käfer war keine Wurst zu lang, er biß tüchtig zu und speiste von dem sich hin und her krümmenden Opfer. Der Goldschmied schien ein Nimmersatt zu sein. Konnte denn der Bursche nie genug bekommen?

Da kam von oben ein Gepolter herunter. Was war denn da los? Die drei standen unweit eines Baumes, und oben ging das Gepolter los, bis sie die Bescherung unten sahen. Eine eklige, mit langen Haaren bewachsene Raupe krümmte sich am Boden, und ihr im Nacken saß ein metallisch schimmernder Käfer.

»Das ist der Puppenräuber«, sagte der Doktor, »ein mindestens ebenso gewaltiger Räuber wie der Goldschmied. Aber der Goldschmied räubert im Sande, der Puppenräuber kann klettern und besucht die Bäume. Da oben fällt er die schädlichen Raupen an, und die Förster sind ihm sehr dankbar. Schaut nur den Goldschmied an, der Krach war dem kühnen Räuber doch zu erschrecklich. Er läßt den angebissenen Regenwurm im Stich und sucht das Weite.«

Oben im Baum hatte der Puppenräuber die viel größere Raupe angefallen. Der Puppenräuber hatte zugebissen, und das tat der Raupe weh. Sie wehrte sich, bäumte sich, aber der Puppenräuber saß im Nacken und wollte nicht loslassen. Da unternahm die Raupe den letzten Schritt der Verzweiflung. Sie ließ sich von oben herabfallen, in der Hoffnung, der Puppenräuber würde den Sturz nicht mitmachen und loslassen. Aber der Puppenräuber ließ nicht los, biß immer fester zu und gab den Kampf auf der Erde nicht auf.

Die drei hatten genug von der Schlächterei und beschlossen, sich nicht länger die blutige Arbeit mit anzusehen. Der Puppenräuber wird Sieger bleiben, er wird die Raupe auffressen, und seine Arbeit ist dem Menschen nützlich, denn die schlimmen Raupen zerstören unsere schönen Bäume und Wälder. Aber noch länger zusehen ist nicht schön. Überdies wollten sie ja sehen, was die Bienenläuse auf der Blüte machten.

»Jetzt lassen wir uns wirklich nicht mehr länger aufhalten«, sagte der Doktor, »und wenn es vom Himmel Schokolade und Marzipan regnet. – Was ist denn da los?«

Neugierig trat der Doktor näher.

»Aber, Doktor Kleinermacher, du wolltest dich doch nicht mehr aufhalten lassen?« ermahnte Traute.

Der Doktor aber sagte: »Kinder, was da geschieht, gehört zu unseren Bienenläusen. Kommt nur mit.«

Ein Maiwurm – das ist ein dicker, fetter Käfer, der zwei Flügelstummel hat, die gar nicht mehr zum Fliegen taugen – machte sich im Sande zu schaffen. Wie ein viel zu kleiner Frack saßen die beiden Flügelstummel dem Käfer am Leibe. Der Hinterkörper war weich und fett.

Der Maiwurm hatte sich in die Erde eine kleine Grube gegraben und dahinein seine Eier gelegt. Was so ein Maiwurm für Eier legen konnte ... unheimlich! Viertausend Eier legt so eine Maiwurmmutter, zwar nicht in eine Grube, sondern in mehrere, aber die Leistung ist doch erstaunlich. Und da – – unweit vom selben Ort krabbelten kleine Tierlein aus den Eiern. Sind das nicht die Bienenläuse? Richtig, die kleinen Tierlein kriechen den Blumen zu, krabbeln dann den Stengel empor, um zur Blume zu gelangen.

»Jetzt habt ihr die Mutter der winzigen Bienenläuse gesehen. Eine Riesendame ist Frau Maiwurm gegen ihre Kinder. Nun wollen wir uns aber wirklich nicht länger aufhalten lassen und die Blume besteigen«, sagte der Doktor. Die drei schritten rüstig auf ihre Blume zu. Dieter mußte zuerst das eine Ende des Zwirnsfadens ergreifen, am anderen Ende zog der Doktor, und so kam Dieter nach oben. Hier schwang er sich auf die Blüte und hielt sich fest. Dann wurde Traute vom Doktor emporgezogen. Dieter half der Traute oben, emporzuklimmen. Zuletzt zog sich der Doktor selber hoch. An einem Zwirnsfadenende hielt er sich fest, und am anderen Ende zog er. Die Arbeit war mühselig, aber der Doktor schaffte es. Oben auf der Blüte angelangt, erklärte er: »Um mit den Bienenläusen gemeinsam eine Reise zu machen, sind wir natürlich viel zu groß. Jetzt holt eure kleinen Wunderflaschen hervor und trinkt sie aus.«

Die drei tranken auf der Blüte, wie der Doktor angeordnet hatte, und jetzt wurden sie noch kleiner, so klein wie die Bienenläuse, die zahlreich zwischen den Blütenblättern saßen. Die Bienenläuse aßen keinen Blütenstaub, sie tranken keinen Honig, sie warteten nur und warteten – worauf? Sie warteten auf eine günstige Gelegenheit.

Eine Fliege kam angekrochen. Sie ruhte sich nur eine Weile auf der Blüte aus, gleich wollte sie weiterfliegen. Aber sofort hakten sich ein paar Bienenläuse an dem Fliegenbein fest. Dieter wollte hinzu und das gleiche tun, aber der Doktor hielt ihn zurück: »Hierbleiben! Die armen Bienenläuse wissen nicht, was sie tun. Von ihrer Mutter, der Frau Maiwurm, sind sie nicht aufgeklärt worden. Wie jedes Menschenkind nach der Mutterbrust greift und Milch trinkt, ohne daß es von irgend jemand belehrt worden wäre, so wissen die Bienenläuse nur eins: Kommt hier was angeflogen, dann festhalten und einhaken. Alles andere kommt von selbst. Die armen Läuse können noch nicht Fliegen und Wildbienen unterscheiden. Am Fliegenbein hängen jetzt die Bienenläuse und müssen verhungern.«

Jetzt kam ein Rosenkäfer angebrummt. Wieder hakten sich ein paar Bienenläuse ein. Sie mußten verhungern und sterben, die armen Kinder. Dann kam eine Hausbiene angesummt. Auch die Hausbiene ist keine gute Nährmutter für Bienenläuse. Auch die Läuse auf den Hausbienen müssen verhungern. Jetzt erst wurde dem Dieter klar, warum Frau Maiwurm so viel Eier legt. Sie muß unheimlich viel Kinder in die Welt setzen, weil die allermeisten Kinder verlorengehen. Finden alle auskrabbelnden Bienenläuse denn Blüten, die sie erklettern können? Und werden jene Blüten denn auch von den Wildbienen besucht? Das Risiko ist zu groß für die Bienenläuse, darum müssen sie sehr zahlreich sein.

Jetzt endlich kam eine Wildbiene angesummt. Ein paar Bienenläuse hakten sich ein, aber auch der Doktor, Dieter und Traute paßten auf den Schwung auf und hielten sich im Pelz der Biene fest. Unangenehm berührt von dem Ballast, flog die Biene sofort los und startete in Richtung ihres Nestes. Dort hatte sie ein paar Wachszellen gebaut, und die Wachszellen waren schon voll von Honig. Dieter und Traute wagten während des Fluges nicht, nach unten zu blicken, sie fürchteten, schwindlig zu werden. Aber der Doktor blickte kühn in die Welt. Er wollte wissen, wohin die Reise ging, und ob die Biene geraden Flugs ihr Nest aufsucht. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er gar nicht darauf geachtet habe, ob die Biene männlichen oder weiblichen Geschlechts war. War die Biene ein Männchen, dann mußten die Bienenläuse ja auch verhungern, denn die Väter kümmerten sich nicht um das Nest und um die Brut. Das ganze Experiment wäre dann umsonst gewesen.

Aber die Biene war ein Weibchen. Sie flog zum Nest, zu ihren gefüllten Wachszellen. Dort kroch sie einige Male hin und her, und die Bienenläuse hielten sich weiter im Fell der Biene fest. Jetzt legte sie in eine Honigzelle ein Ei. Das war für eine Bienenlaus das Signal, sich von der Biene frei zu machen und sich in die volle Honigzelle zu stürzen. Der Doktor, Dieter und Traute ließen gleichfalls los und setzten sich auf dem Zellenrande nieder. Kaum war die Biene fort, so stürzte sich die Bienenlaus auf das frisch gelegte Ei und verzehrte es.

So ein kleiner falscher Räuber! Während der Fahrt hatte die Bienenlaus die Biene nie belästigt, hatte kein Blut gesaugt wie die echten Läuse. Aber in der Zelle angelangt, tötete sie sofort das zukünftige Kind der Biene. Dann wühlte sie im Honig umher und fraß und fraß und wurde zusehends immer dicker. So viel Nahrung konnte die Bienenlaus nicht vertragen. Zu lange hatte sie gehungert. Mitten im Fraße platzte sie, und aus der Haut stieg ein Wurm, der ungefähr wie ein Engerling aussah.

In der Nebenzelle sahen die Kinder einen älteren, dickeren, fetten Engerling im Honig umherwühlen. Die gute Nahrung setzt Speck an. Der Doktor erklärte den Kindern: »Die Bienenläuse, die hier zu Bienenengerlingen geworden sind, fühlen sich hier so wohl, daß sie die Bienenzellen gar nicht verlassen wollen. Immer dicker werden sie und immer umfangreicher. Erst fressen sie das Bienenei auf, dann den Honig, und dann gehen sie zu den Nachbarzellen hinüber und fressen da weiter. Die Bienenmutter hat schönes Kruppzeug in ihre Wiege gelegt. Manchmal treffen es die Bienenläuse nicht so gut, dann können sie sich nicht so voll essen. Deswegen gibt es auch so verschieden große Maiwürmer. Manche sind sehr groß, manche etwas kleiner. Das Parasitenleben ist kein geregeltes Leben, Glück muß man dabei haben.«

Mitten im Erzählen machte sich in einer entfernteren Zelle eine Bienenlauspuppe frei. Die Bienenlaus ist ein Engerling geworden, dann wurde sie zur Puppe, und jetzt regte sie sich, und die Puppe wurde lebendig. Die Nähte krachten, und nun endlich kroch aus der Puppe ein fix und fertiger Maiwurm. Das ist so ein Lebenslauf einer Bienenlaus. Die Kinder sind winzig und klein, für gewöhnliche Menschenaugen kaum wahrnehmbar. Zuletzt, am Lebensabend, steht eine große Maiwurmmadam da, die wieder viertausend Eier in die Erde legt.

Neugierig wollten sich die Kinder an den Maiwurm heranmachen. Aber der Doktor hielt sie zurück:

»Vorsicht, Kinder, der Maiwurm spritzt Blut. Und das ist ein sehr gefährliches Zeug. Wie Öl sieht die Flüssigkeit aus, die der Maiwurm aus seinem Körper herausdrückt. Habt ihr schon einmal von Spanischen Fliegen gehört? Das sind auch Käfer. Man sammelt sie, preßt sie aus, und den Brei streicht man auf ein Pflaster. Das Zeug ist ein sogenanntes blasenziehendes Mittel. Wenn man sich solche Salbe auf die Haut streicht, bekommt man faustgroße Blasen. Kantharidin haben die Spanischen Fliegen im Körper, und dasselbe Gift haben auch die Maiwürmer. Weil sie sonst schutzlos und anfällig wären, müssen sie schleichendes Gift im Blute haben. Die Tiere hüten sich, Maiwürmer zu fressen. Kommt dem Maiwurm nicht zu nahe!«

Inzwischen krabbelt der Maiwurm fort. Nun fürchteten die drei, wenn die Biene zurückkäme und die Zerstörung sähe, daß sie dann als Schuldige gelten würden. »Wir wollen das Bienennest wieder verlassen«, meinte der Doktor. Die Fallschirme wurden ausgebreitet, und die drei vertrauten sich der Luft und dem Winde an.

Sicher waren die drei zu winzig für eine Luftreise. Vom Winde wurden sie hin und her geworfen, und manchmal fühlten sie, daß die Reise nicht abwärts, sondern aufwärts ging. Der Wind schien zuzunehmen, und der Doktor fürchtete, sie könnten bei der Luftreise vom Größerwerden überrascht werden. Vielleicht ging die Reise viel zu hoch? Wenn doch nur Windstille käme und sie so langsam wie Federn nach unten flögen. Aber der Wind blies immer kräftiger, und es wurde immer ungemütlicher unter dem Fallschirm.

Jetzt wurde es sogar ganz arg. Es fing an zu regnen, und riesige Wassertropfen, wie Luftballone so groß, rauschten dicht neben ihnen vorbei. Die Sache wurde lebensgefährlich, denn wenn so ein riesiger Wasserballon ein Zwerglein traf, dann war es mit allen Abenteuern und dem Leben aus. Manche Wassertropfen streiften die Fallschirme, und dabei wurden sie hinuntergedrückt, aber so rasch und gewaltig, daß es einen fürchterlichen Ruck durch den Körper gab. Wenn schon ein Ende, dann lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es war den Kindern schon recht, daß sie so gewalttätig und schmerzhaft der Erde zu gerissen wurden. Sie waren zufrieden, daß die Luftreise ein Ende nehmen sollte. Nur der Erde zu, weiter wünschten sie sich nichts.

Als sie auf die sich nähernde Erde blickten, bekamen sie einen neuen Schreck. Dort unten rauschten die Wasser und brodelten, daß sie glaubten, sie würden im Sturm auf einem Ozean landen. Alles floß wie wilde Sturzbäche, und nur vereinzelt ragten ein paar Sandfelsen empor. Das gibt ja eine schöne Landung, ächzte Dieter. Traute aber konnte vor Schreck gar nicht mehr denken. Jetzt klatschten die drei auf dem Wasser auf. Sofort tauchten sie in dem brodelnden Wasser unter und konnten nicht mehr atmen. Aber bald kamen die Köpfe wieder empor. Ängstlich sah der Doktor nach Traute und Dieter. Nicht weit von ihm schwammen die Kinder, von den Fluten wild umhergerissen. Hilfe konnte er ihnen nicht bringen. Wenn doch bald alles ein Ende haben möchte! Wenn in der Nähe ein riesiger Wasserballon aufklatschte, dann gab es Wellen und Spritzer, daß einem der Atem wegblieb. Dieter dachte gerade darüber nach, was wohl aus ihm werden würde, wenn so ein Wasserballon auf seinem Kopfe aufplumpste. Der Gedanke war noch nicht zu Ende, da sah er über seinem Kopfe ein solches fürchterliches Ding auf sich zu sausen. Er wollte noch tauchen, um der Gewalt zu entgehen, dann spürte er einen mächtigen Schlag, er wurde tief in das Wasser gedrückt ... und verlor die Besinnung.

Was dann aus ihm wurde, wußte er nicht mehr. Erst später erzählte ihm der Doktor, daß er das Unglück kommen gesehen hatte. Er wollte helfen, versuchte hinzuzuschwimmen, aber die Flut hinderte ihn daran. Mitten in seinen vergeblichen Versuchen setzte das rettende Wachstum ein. Zuerst fühlte er Boden unter seinen Füßen, er konnte im Wasser stehen, dann wuchs er weit über das Wasser hinaus, und das kochende Meer wurde zu einer elenden Pfütze, zu einem harmlosen Gerinsel am Boden. Es regnete, das war alles, und es regnete gar nicht mal schlimm. Er eilte zu Dieter, der betäubt vom Schlage am Boden lag, aber schon gewachsen war. Auch Traute war in natürlicher Größe zur Stelle. Das Wachstum und das Prickeln im Körper mußten den Dieter lebendig gemacht haben, denn bald schlug er seine Augen auf.

Etwas durchnäßt kamen sie in der Wohnung des Doktors an. Sie tranken warmen Tee und aßen etwas Gebäck, und alles Ungemach war bald vergessen.

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