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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 9
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Firdusi

Abul Kasim Mansur, bekannter unter seinem Beinamen Firdusi, »der Glänzende«, der größte Dichter des Orients, in einer Reihe stehend mit den gewaltigsten Poeten des Westens, einem Homer, Dante, Shakespeare, Goethe, wurde gegen 940 n. Chr. zu Schadab, nahe bei Tus, in Chorasan, geboren. Sein Vater war ein kleiner Grundbesitzer, der ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließ. Er erlernte sowohl das Arabische wie die Pehlwi-Sprache, und verheiratete sich noch vor dem 28. Jahre. Früh hatte er den Gedanken gefaßt, die Königs- und Heldensagen der Perser in Verse zu bringen und begann sein Riesenwerk im 36. Jahre. Obwohl die Proben seiner Dichtung ihm die Gunst des Statthalters von Chorasan, Abu-Mansur, zuzogen und den Ruhm seines Namens verbreiteten, blieb er ruhig in Tus, und erst im 58. Jahre kam er nach Gasna, in die Hauptstadt Sultan Mahmuds; Anssari nannte ihn die geeignetste Kraft, welche fähig sei, das iranische Königsbuch zu schreiben, wie es Mahmud lange von seinen Dichtern gewünscht hatte. Der Sultan, entzückt von den Versen Abul Kasim Mansurs, legte ihm den Namen Firdusi bei, gewährte ihm ein sorgenfreies Leben und versprach ihm, für jedes Tausend von Doppelversen alsbald nach dessen Vollendung tausend Goldstücke auszuzahlen. Firdusi bat jedoch, die einzelnen Summen bis nach Vollendung des Ganzen aufzusparen, da er gedachte, einen Kanal für seine Vaterstadt Tus anzulegen. Aber der Neid der Höflinge, besonders des Veziers Hassan Maimendi, wußte des Sultans Begeisterung nach und nach zu dämpfen; Firdusi hatte infolgedessen mit allerhand Widerwärtigkeiten, auch mit leiblicher Not zu kämpfen; im fünfundsechzigsten Jahre verlor er einen Sohn, im Alter von 37 Jahren, und als er endlich, 1011 n. Chr., sein gewaltiges Werk vollendet hatte, erhielt er statt 60,000 Goldstücke, nur ebensoviel Silberstücke, als er sich grade im Bade befand. In seiner Entrüstung verteilte er sie sofort an den Badediener und einen Schenkwirt, bei dem er ein Glas Bier (Fukaa) getrunken hatte. Als Mahmud dies hörte, drohte er, ihn von seinen Elefanten zerstampfen zu lassen, eine Drohung, die freilich nicht zur Ausführung kam. Vielmehr verzieh der Sultan seinem Dichter bald und sprach ihn von aller Strafe frei. Dennoch vermochte Firdusis Stolz die Kränkung nicht zu ertragen, er schrieb seine berühmte furchtbare Satire gegen Mahmud und entwich nach Bagdad, wo er verschiedene arabische Kassiden und ein Epos von 9000 Distichen: »Jussuf und Suleicka« dichtete; als hier der Aufenthalt unsicher ward, wandte er sich nach Kuhistan, dessen Statthalter Nasir Lek ihm gewogen war und der eine Versöhnung zwischen Dichter und König ausgewirkt zu haben scheint. Wenigstens befindet sich der Dichter gegen Ende seines Lebens wieder in Tus, wo er 1020 n. Chr. starb. Wie erzählt wird, langten grade, als der Leichenzug zum Thore hinaus sich bewegte, Boten von Mahmud an, der sein Unrecht eingesehen, und die schuldige Summe, sowie ein Ehrenkleid überbrachten. Die Tochter wies mit dem Stolze des Vaters alles zurück, auf einen Vorschlag aber der Schwester Firdusis wurde das Geld zur Ausführung jenes Kanalbaues und zur Errichtung eines Karavanserais verwandt. Das Grabmal des großen Dichters soll noch in Tus vorhanden sein.

Satire auf Sultan Mahmud den Gasnewiden.

O Welterobrer Mahmud, wenn du Spott
Mit mir auch treibst, so zittre doch vor Gott!
Du meintest, keiner werde sich zum Kläger
Aufwerfen wider dich, den Kronenträger,
Doch dachtest nicht an meines Geistes Blitze,
An meines Wortes schneid'ge Lanzenspitze;
Kein zahmes Lamm bin ich, wie du geglaubt,
Ich bin ein Löwe, der nach Beute schnaubt!
Verleumder wagten es, mich anzuschwärzen,
Daß keine Liebe mehr in meinem Herzen
Zu dem Propheten und zu Ali wohne; Ali, vierter der Kalifen und Eidam Muhammeds, in Kufa 661 ermordet, genießt bekanntlich bei den Schiitischen Persern fast göttliche Verehrung und gilt als Nationalheiliger; die Erinnerung an seinen Tod versetzt noch jetzt den Perser in Haß gegen die Sunniten, Araber und Türken. Firdusi wurde verleumdet, heimlicher Anhänger der Zoroastrischen Lichtreligion zu sein
Allein ich schwor' es bei der Herrscherkrone;
Treu bleib' ich ihnen, jede böse Schmähung
Verachtend, bis zum Tag der Auferstehung,
Und, magst du mir das Haupt vom Rumpfe schneiden,
Nicht lass' ich von der Liebe zu den beiden!
Ein Sklav' bin ich dem Hause des Propheten,
Und selbst der Staub, den Alis Fuß getreten,
Ist heilig mir! Stampft, wie du mir gedroht,
Mich deiner Elefanten Fuß auch tot,
So trag' ich, im Vertrau'n auf jene zwei,
Dies Los doch heiter und von Kleinmut frei.
Der Gottgesendete von reiner Seele,
Der Meister der Verbote und Befehle,
Den jeder ehrt, der Geist hat und Verständnis,
Spricht so: »Ich bin die Stadt der Gotterkenntnis,
Und Ali ist zu dieser Stadt das Thor.«
Stets klingen diese Worte mir im Ohr,
In diesem Glauben bin ich groß geworden,
Und noch, wenn deine Schergen mich ermorden,
Bekenn' ich ihn! Auch du, o Mahmud, wende,
Andächtig zu den beiden Herz und Hände!
Weichst du von ihnen, so ist dein Verstand
Fürwahr noch kleiner als ein Körnchen Sand!
Gott, der die Strafen abwägt und den Lohn,
Erhebt sie beide drüben auf den Thron,
Und ich kann vor dem Stuhl, auf dem sie sitzen,
Dann hundert Kön'ge so wie dich beschützen.

Vor allen Herrschern, welche noch auf Erden
Erstehen, soll es laut bekundet werden,
Daß ich, der treu ich meinem Glauben blieb,
Mein Königsbuch nicht für Schah Mahmud schrieb;
In des Propheten und in Alis Namen
Allein hab' ich gesät des Wortes Samen.
Viel Männer lassen sich als groß begaffen,
Doch kein Firdusi ward vor mir erschaffen,
Die Kraft der Welt war allzuklein dazu!
Zwar kaum auf meine Verse blicktest du,
Doch wisse, jeden, welcher mein Gedicht
Mißachtet, trifft des Himmels Strafgericht.
In Worten, deren Schimmer nie erblaßt
Hab' ich dies Buch der Könige verfaßt;
Viel müht' ich mich bei dem, was ich gedichtet,
Mein Hoffen war auf Dank und Lohn gerichtet,
Und als ich nun, ein Greis mit weißem Haare,
Mich näherte dem achtzigsten der Jahre,
Da schwand, so wie ein leerer Traum zerrinnt,
All meine Hoffnung plötzlich in den Wind.
Ich hab' in zweimal sechszigtausend Zeilen
Die Männerschlachten und den Kampf mit Keulen,
Die Schilder und die Schwerter, hochgeschwungen,
Die Bogen und die Harnische besungen,
Beschrieben Fangestricke, Pfeile, Speere
Und Flüsse, Wüsten, Ebenen und Meere.
Vom Kampf mit Lanzen und mit Hellebarden;
Von Krokodilen und von Leoparden,
Von Diwen, die den Himmel durch ihr Schreien
Erschüttern, von der Ghule Böse Geister; Ghule soviel wie Hexe. Zaubereien
Hab' ich gesungen und von Abenteuern
Mit Wölfen, Leu'n und Drachenungeheuern,
Von Königen mit Krone und mit Helm
Wie Schah Afrasiab und Tur und Selm, Diese und die folgenden Namen nennen die Könige und Helden, deren Thaten das Schah-nameh besingt.
Wie Feridun und Dschemschid und Sohak,
Vor dessen Missethun die Welt erschrak,
Wie Chosru mit dem Heer der Lanzenschwinger
Und Tahmuras, der kühne Diwbezwinger.
Gesungen hab' ich von der Krieger Ruhm,
Von ihren Thaten, ihrem Heldentum,
Von Rustem, dem gewalt'gen Elefanten,
Von Sam und Sal, den nimmer übermannten,
Von Guders und von seinen achtzig Kindern,
Den Leu'n des Kampfs, den Türken Türken – Turaner – Überwindern,
Gesungen vom gepanzerten, beschildeten
Ispendiar, dem wie aus Erz gebildeten,
Und von Dschamasp, vor dessen Sonnenglanze
Des Himmels Sternenheer erblich, das ganze.
Das sind die Helden, stark und mutbefeuert,
Von deren Ruhm die Kunde ich erneuert;
Sie alle starben längst, doch ich beschied
Ein ew'ges Leben ihnen durch mein Lied.

O Schah! ein Werk ließ ich dir zum Vermächtnis,
Das nie vergeht: als einziges Gedächtnis
Wird es von dir auf Erden hinterbleiben,
Wenn man dich selbst vergaß und all dem Treiben.
Durch Sonnenbrand und Regenguß zerfallen
Die Königsschlösser und die Tempelhallen;
Doch den gewalt'gen Bau, den ich erhoben,
Versehrt nicht Regen, noch der Stürme Toben;
So lang' die Welt besteht, die Jahre kreisen,
Wird, wer Verstand hat, meine Dichtung preisen.
In Armut und in Elend und mißachtet,
Mich rastlos mühend, hab' ich lang' geschmachtet.
Ein andrer Lohn ward mir von dir versprochen,
Allein dein Wort hast treulos du gebrochen.
Ein böser Feind – ihn treffe Gottes Fluch! –
Hat mich bei dir verleumdet und mein Buch,
Du liehest ihm dein Ohr, der Allzurasche,
Und meiner Hoffnung Flamme ward zu Asche,
Dir lag es ob, statt ihm Gehör zu schenken,
Dir lag es ob, o König, zu bedenken,
Wie durch mein Werk, das hehr vor allen strahlt,
Ich meine Schuld auf Erden abbezahlt.
Zahllose Dichter lebten schon hienieden
Und manche wußten einen Vers zu schmieden,
Doch alle sind sie lange schon vergessen;
Ich aber – kann mit mir sich einer messen? –
Durch das Gedicht, das ich hervorgebracht,
Hab' ich die Welt zum Paradies gemacht;
Das alte Iran, lang' vom Staub bedeckt,
Hab' ich zu neuem Leben auferweckt,
Und wenn Schah Mahmud nicht ein Knicker wäre,
So hätt' er längst zu königlicher Ehre
Mit goldner Krone mir das Haupt gekrönt;
Doch daß ein Sklave Mahmud der Ghasnewide entstammte niederem Geschlechte; sein Vater hatte als Usurpator des Thrones sich bemächtigt. Brauch und Sitte höhnt,
Begreift sich wohl! Wär' er ein Königssohn,
So säß' ich neben ihm auf einem Thron;
Wär' er erzeugt in fürstlichem Palast,
In Gold und Silber hätt' er mich gefaßt,
Allein wer Adel nicht, noch Größe kennt,
Der zittert, wenn man große Namen nennt.
In Wahrheit, dieser Mahmud, dieser Pilz
Des Glückes, ist kein König, nein ein Filz!
Nachdem ich dreißig Jahre unverwendet
All meine Kräfte meinem Werk gespendet,
Stets hoffend, daß der Schah mein Haupt erhöhte,
Mich schützend wider dieses Lebens Nöte,
Erschloß er huldvoll seines Schatzes Thür
Und gab mir zur Belohnung – ein Glas Bier!
Nicht mehr ihm galt ich als ein solches Glas,
O seltne Großmut dieses reichen Schah's!
Er, der nicht Glauben hat, noch Tugend ehrt,
Selbst einen Tropfen Bier ist er nicht wert.

Ein Sklavensohn lernt niemals Majestät,
Ward gleich sein Vater auf den Thron erhöht;
Wer den Gemeinen aus dem Staub erhebt
Und Dank für seine Müh'n von ihm erstrebt,
Der zieht sich eine Schlange groß mit Liebe,
Das Wasser fängt er auf in einem Siebe,
Ob einen Baum von bitterer Natur
Man auch verpflanzen mag auf Edens Flur,
Ob man ihn aus des Paradieses Flüssen
Auch tränkt mit süßer Milch und Honiggüssen,
Nicht laßt sich seine Bitterkeit bezwingen
Und immer wird er herbe Früchte bringen.
Berührt dich eines Ambrahändlers Hand,
So duftet lang' davon noch dein Gewand,
Allein rührst du den Kohlenbrenner an,
Schwarz wirst du selber, so wie Kohlen, dann.
Der Böse ward zu bösem Thun geboren,
Kein Waschen macht zum Weißen je den Mohren;
Wer Gutes hofft von schändlichen Gesellen,
Wer Labetrunk begehrt von gift'gen Quellen,
Gilt denen gleich an Thorheit allenthalben,
Die sich mit Staub, anstatt mit Balsam salben.

Wärst du ein echter Schah zu sein beflissen,
So hättest, Mahmud, du geehrt das Wissen,
Und jener alten Kön'ge Brauch, der frommen,
Die ich besang, zum Vorbild dir genommen.
Um deshalb aber schreib' ich, das vernimm,
Jetzt diese mächt'gen Verse voll von Grimm,
Damit der Schah, belehrt durch meinen Rat,
Sich selbst nicht schände, wie er diesmal that,
Und Dichter nicht mißachte, so wie jetzt;
Denn sieht ein solcher sich gering geschätzt,
So schleudert er auf dich ein Strafgedicht,
Das ewig dauert bis zum Weltgericht,
Wenn ich zum Thron des höchsten Richters trete,
Und, mir das Haupt mit Staub bestreuend, bete:
»O Herr! im Feuer ihn verzehre du,
Doch mich in ew'gem Licht verkläre du!«

A. Fr. v. Schack.

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