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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 36
Quellenangabe
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Ahmed Hatif

aus Ispahan, starb im Jahre 1783. Eine merkwürdige Erscheinung in der Zeit des allgemeinen Verfalls der persischen Poesie, ein Dichter von bedeutenden Eigenschaften, ein mystischer Dichter, der sich nicht unwürdig nach Sajib ausnimmt. »Aber Hatif ist nur eine glückliche Ausnahme in einer Periode völliger Finsternis; sein Talent macht die Schwächen der Poeten seiner Zeit und der Gegenwart nur noch fühlbarer.« (Barbier de Maynard.)

Hymnus auf göttliche Einheit und Liebe

O Du, dem Herz und Seele sind zudienst,
Auf dessen Pfad sie ausgegossen beide!
Dir dient das Herz, weil Du das Herz gewinnst,
Die Seele Dir, weil Du der Seelen Freude;
Schwer ist's, das Herz aus Deiner Hand befrei'n,
Leicht ist's, zu Deinen Füßen opfernd Seelen,
Pfad Deiner Ein'gung ist ein Pfad voll Pein,
Schmerz Deiner Liebe – Schmerz, dem Mittel fehlen;
Wir Diener weihen Herz und Seele Dir,
Das Aug' – am Wink, das Ohr – am Richtspruch hangt es:
Willst Frieden Du – hier, nimm das Herz uns, hier,
Hier – nimm die Seele, wenn Dein Zorn verlangt es!

   

Von Liebe heiß, von Sehnsuchtsdrang erfaßt,
So irrt' ich gestern unstät durch die Weiten,
Bis Dich zu schauen des Verlangens Hast
Mich trieb, dem Feuertempel zuzuschreiten.
Sieh' dort – ihm fern sei Unheil! – ein Verein,
Wo Erden- nicht, nein, Gottes-Lichter flimmern,
Und ringsum Glut gleich jener, deren Schein
Einst Moses nächtlich sah am Horeb schimmern.
Sieh' dort – ein Alter schürend Flammenlicht,
Um ihn in Ehrfurcht kriechend Priester, junge,
Jasmin die Wangen, Rosen das Gesicht,
Schmalmundig alle und von süßer Zunge,
Und Harfe, Zither, Trommel, Laute, Rohr,
Wein, Fackeln, Speisen, Königskraut und Rosen,
Mondschöner Schenken, moschuslock'ger Chor
Und heitrer Sänger anmutsvolles Kosen,
Und Magierpriester jeden Ranges dann,
Geschürzt zum Werke, ihren Dienst beschickend;
Doch ich, voll Scham, daß ich ein Muselmann,
Stand dort, mich scheu in einen Winkel drückend.
Da frug der Greis: »Wer da?« die Antwort war:
»Ein Liebender, der umirrt ohne Rasten,« –
»Reicht reinen Weins,« rief er, »ein Glas ihm dar,
Ob ungeladen, mag er heut' hier gasten!«
Der Schenk der Magier mit der Feuerhand
Ließ in den Becher rinnen lohe Flammen;
Ich trank – und wegschwand Denkkraft und Verstand,
Unglaube, Glaube, schmolz im Brand zusammen;
Hinstürzt' ich trunken und im Rausche dort
Mit einem Laut, umsonst, daß ich beschreib' es,
Aus meinem Innern plötzlich scholl dies Wort,
Durch alle Fiebern dröhnend meines Leibes:
Nur Einer ist und nichts als dieser Eine,
Ein einz'ger Gott, sonst keine Gottheit, keine!

   

O Freund, von dir werd' ich mich trennen nie,
Eh schwertgetrennt soll Glied für Glied mir krachen.
Und hätt' ich hundert Seelen, gab' ich sie
Für deines Munds ein helles Zuckerlachen,
Halt, Vater, ein zu raten Liebe mir,
Nie wird dies Kind zum Meister sich erheben.
Die Menge auch, sie rat mir – ach, von dir,
Von deiner Liebe könnt' sie Rat mir geben!
Zum Gau des Heils ich kenn' den Pfad doch – ach, ich
Bin, wo hinaus, in Fallen hier gefangen!
Zur schönen Christin in der Kirche sprach ich:
O du, die mein Herz in deinem Netz siehst hangen,
Du, deren schmaler, Büßerstrick so gern
Ich für mein Haar, das lose, wählt' zum Bande,
Wie lang wirst du dem Pfad der Einheit fern,
Den einen lästern durch der Dreiheit Schande?
Gott ist ein Einziger, warum demnach
Als Vater, Sohn und Heilgen Geist ihn grüßen?« –
Da that sie auf den lieben Mund und sprach,
Indes die Lippen Zucker tropften, süßen:
Erst wenn der Einheit Rätsel dir werd' klar,
Wirst du, daß ich ungläubig nicht, erkennen:
Eins ist die Seide und nicht drei, ob zwar
Die Seide, seta, fein sie könnt' benennen;
Drei Spiegel sind's, in die, der Gottheit Braut
Die Flammen wirft des Flammenhaupts, die hellen.«
So stritten wir, als eine Glocke laut
Ich diese Worte plötzlich hörte gellen:
Nur Einer ist und nichts als dieser Eine,
Ein einz'ger Gott, sonst keine Gottheit, keine!

   

Zur Schenke gestern einen Ausflug macht' ich,
Als mir im Herzen Liebesflammen tobten,
Dort sah ein Festmahl schimmernd und voll Pracht ich,
Den greisen Wirt zu oberst, den erprobten,
Die Diener sah ich stehen reihenweis,
Die Zecher sitzen, Mann an Mann sich lehnend,
Den Greis erhöht, um ihn der Gäste Kreis,
Teils ganz berauscht, im Taumel teils sich dehnend,
Doch alle voll von Gottes Huld, ihr Blick
Für Wahrheit scharf, ihr Ohr das Recht erkundend,
Des einen Trinkspruch: »Sei der Wein zum Glück!«
Des andern Rückgruß: »Sei er lieblich mundend!«
Im Busen Frieden und sein Innres rein,
Die Lippen stumme die Herzen voll von Worten,
So saßen sie bei Harfenklang und Wein,
Im Arm die Seligkeiten von hier und dorten.
Ich aber trat voll Ehrfurcht vor und sprach:
»Greis, damals Knecht der Greis Verstand muß dienen!
Ich bin verliebt und kummervoll und schwach,
Schau meine Schmerzen und gieb Heilung ihnen!«
Darauf der Greis, den Lächeln überkam:
»Deß Herz als Ruhplatz Engeln dient im Fluge!
Bei mir was suchst du, du vor dem aus Scham
Der Rebe Kind verschleiert sitzt im Kruge?«
Ich aber rief: »Mein Innres brennt, gieb Flut
Und diesen Brand laß aus der Seele weichen:
Schon gestern, ach, ergriff mich diese Glut
Soll auch das Heute, weh, dem Gestern gleichen?!«
Da rief er lächelnd: »Faß den Becher du,« –
Ich setzt ihn an – »doch nicht zu viel laß schenken!«
Ich trank – ein Schluck – und los war ich im Nu
Der Qual: Bewußtsein und der Bürde: denken.
Darauf erwachend kannt' ich Einen nur –
Sinnbild und Wort war alles andre – schauen,
Bis solchen Spruch urplötzlich ich erfuhr,
Den Engel riefen aus dem Hort im Blauen:
Nur Einer ist und nichts als dieser Eine,
Ein einz'ger Gott, sonst keine Gottheit, keine!

   

Des Herzens aug' schließ auf: Die Seele schaust du,
In solches selbst, das nicht zu schauen, schaust du;
Wählst du das Reich der Liebe dir zum Ziel,
Das ganze All von Rosenauen schaust du.
Der Winke deß, der Bürger jenem Reich,
Dienstbar sich drehn des Himmels Sphären schaust du,
Was du dort schaust, dein Herz begehrt es gleich,
Und was dein Herz dort wird begehren, schaust du.
Den ärmsten Bettler in der Liebe Land
Als Weltregenten stolzer gehen schaust du,
Und manchen auch, der früher barfuß stand,
Dort auf der Sterne Scheitel stehen schaust du,
Und manchen auch, der nackten Hauptes schweift,
Dort unter Gottes Thron sich zelten schaust du,
Und jeden, jeden, den der Geist ergreift,
Verachtend schaun auf beiden Welten schaust du.
Dort in zwei Hälften die Atome scheide:
Ein Sonnenbild in jedem Stäubchen schaust du.
Was dein, giebst hin in Liebe du's, ein Heide
Bin ich, wenn Schadens mir ein Quentchen schaust du.
Im Liebesfeuer, wenn dir schmilzt die Seele,
Als Goldtinktur der Liebe Seele schaust du,
Von allem los, was Schranken heißt, dich zähle;
Unendlichkeit, kein Hemmnis bliebe, schaust du,
Die Einen nur – so hoch dringst du empor –
Aus Welt und Weltbewohnern Einen schaust du.
Denn Einer ist und Nichts als dieser Eine
Ein einz'ger Gott, sonst keine Gottheit, keine.

   

Trotz Thor und Welt siehst du enthüllt den Freund,
Bist du ein Seher, in Verklärung funkeln,
Du suchst die Lämpchen – und die Sonne scheint,
Der Mittag blendet – und du irrst im Dunkeln,
Der Nacht, die in dir selbst wohnt, dich entrücke,
Und alle Welt voll Osten schaust du flimmern,
Nicht Blinden gleich nach Führern schrei und Krücke
Auf ebnem Weg, wo allwärts Lichter schimmern.
Schau an im Garten, wenn dein Auge wach,
Die klare Quelle um die Blumen kosen:
Ob farblos selbst, in Farben tausendfach,
Erkenn' am Schmelz von Tulpen sie und Rosen,
Den Pfad des Strebens schreite und als Zehrung
O woll' zur Reise Liebe mit dir nehmen,
Sie, die so leicht zu manchem giebt Gewährung,
Wozu Verstand nur schwer wird sich bequemen.
Ruf an den Freund bei Früh- und Abendlicht,
Ruf ihn bei Tages Auf- und Niedergängen,
Ob hundertmal »mich schaust du nie«, er spricht,
Du hör' nicht auf, dem Schauen nachzuhängen.
Bis endlich du erreichen wirst den Ort,
Den Phantasie und Denkkraft nicht erreichen,
O schau'n den Freund im Heiligtume dort,
Daraus voll Schau selbst Gabriel muß weichen.
So – und nun kennst du Zehrung, Pfad und Ziel:
Bist Mann des Wegs du, nimm sie hin und gehe,
Und bist du's nicht, wie andere so viel,
Ho ruf: »O Freund!« und still entsagend stehe.
Doch Hatif du, den der Geweihten Schar
Bald schilt als trunken und bald preist als weise,
Vom Schenken, Sänger, Glas und Weine klar,
Vom Büßeistrick, Geliebten, Magiergreise –
Der Sinn, du weißt es, ein geheimer ist er,
Den man bald ausspricht, bald kaum wagt zu nennen,
Des Sinnbilds Sinn doch, wenn sich dir erschließt er,
Wirst dies als Rätsels Rätsel du erkennen:
Nur Einer ist und Nichts als dieser Eine,
Ein einz'ger Gott, sonst keine Gottheit, keine.

Ottokar Schlechta-Wssehrd.

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