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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 35
Quellenangabe
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Sajib

Lebte um das Jahr 1590. Er ist einer der allerbedeutendsten, wenn nicht her bedeutendste Dichter aus der Zeit des Verfalls und Niederganges der persischen Poesie, aus den Tagen nach Dichami. Tiefe und Eindringlichkeit der Gedanken, hoher Schwung der Phantasie, feurig glühende Leidenschaft zeichnen seine philosophisch-mystischen Gedichte aus. »Er ist vielleicht der einzige Persische Lyriker, der den Titel eines philosophischen Dichters vorzugsweise verdient, indem er weder, wie Hafis und die Legion seiner Vorgänger und Nachahmer, die epikureische Poesie des Lebens unter Blumen und Bechern zu nieder von der Erde leicht weghascht, noch wie Rumi und die Heerschar der Mystiker das höchste Gut des Lebens bloß mit übersinnlichen Schwingen innerer Offenbarungen zu hoch überfliegen will: sondern, beide Klippen vermeidend, die ewigen Aussprüche der Vernunft und die praktischen Wahrheiten des Verstandes in dem tiefen und klaren Flutenspiegel schöner Rede darlegt, Ernst und besonnen und doch ergreifend und eindringend, verdient er, wie wenig andere Dichter, im vollsten Sinne seinen Dichteinamen, welcher »der Durchdringende« heißt.

Mystische Ghaselrn.

I.

Herr, aus Deiner Quelle schenk' mir einen vollen Becher ein,
Sehend laß mein Aug' beständig und mein Herze wachsam sein!
Jedes Härchen meines Geistes seine eigne Straße zieht,
Bei dem Mahl der Einheit sammle mein zerstreuetes Gemüt!
Wein vergießen wir, wenn zitternd unsre Hand den Becher hält,
Herr, stärk' mir des Arms Gelenke, wenn er Deinen Becher hält!
Düster ist des Herzens Kammer, daß ich Dich nicht sehen kann,
An der Liebe Gluten zünde, Herr! mir eine Leuchte an!
Ungelenk der Liebe Gang wird durch des Leibes schweres Kleid,
Gieb dem Geiste ein Gewand, Herr! das ihm passe, leicht und weit!
Zwingt, zu Windungen mich Sehnsucht, läßt mich Liebe nimmer ruhn,
Solche Windungen sind Faden, dran Demanten hängen tun.
Drum, o Herr, nimm andre Schätze, aufgehäuften Reichtum hin,
Nach den Krümmungen der Schlange steht alleine mir der Sinn.
Eng und düster die vier Wände der vier Elemente sind,
Hier kein Tanzsaal ist der Liebe, größern Tanzsaal gieb geschwind!
Eine Zeit hast Du ertragen mein Geschwätze, sonder Werk,
Jetzt nun laß mein Schwatzen ruhen, gieb mir nun zu Werken Stärk'.
Ach, so lange war ich Umkreis, jede Stund' an andrem Ort,
Laß mit ehrnem Fuß mich stehen jetzt als Centrum immerfort!
Heldenblick beständig schauen, nicht beständig Segen schafft,
Hast Dein Schauen Du verstattet, gieb mir auch zum Schauen Kraft.

II.

O selig, wer einmal den Blick schaut, dran alle Sekten entglüht!
O selig, wer einmal die Lipp' küßt, draus ewiger Frühling erblüht!
Blickt lockend dein Auge zum Himmel, entglühn die Sterne vor Lieb',
Sie kommen vom Himmel zur Erde, gelockt durch der Liebe Trieb.
Leichtfüßige Geister, sie stürzen kopflos ins Vernichtungsgemach,
Es bleiben Verstände wie Schuhe an der Thür, sie können nicht nach.
Mein Wunsch und all mein Verlangen ist all nur in Einem erfüllt:
Ich wünsche den Schleier der Wangen, und dieser Wunsch ist erfüllt.
Ich liebe das Dunkel der Nächte, Liebfunken im Herzen mir glühn,
Nein, auch im Glanze der Sonne umfliegt mich der Liebe Skorpion,
Er wacht im Dunkel der Nächte, teilt aus der Liebe Lohn.

III.

Starker, der in seiner Locken Die Locken wegen ihrer Undurchdringliche das Bild der unerforschlichen Geheimnisse Gottes. Ketten Löwen überwunden führt,
Schickst ins Feld du deiner Augen Blicke, scheu das Wild vor diesem Löwen wird.
Willst du wissen, was die Wesen fühlen, die für dich in Lieb' entbrannten,
Öffnet Morgenwind die Rosenknospen, wird das Sehnen der Natur bekannt.
Schöner! vor deß himmelshellem Auge Dornen selbst im Rosenauge sind,
Schönste Rose, trittst du auf den Marktplatz, fällt der Rosen Preis geschwind.
Nachtlang hat der Herzensmänner Auge Ströme heißen Bluts geweint,
Einer deiner Blick' wird Morgenlabtrunk, strahlend das Gericht erscheint.
Kleinstes Spiel bei unsrer Liebe Brennen, Leben in Vernichtung geben ist,
In des Kindes Hand auf diesem Ballplatz, statt des Balls ein Sinai ist.

IV.

Mittelpunkt des Erdenballes ist der Himmelskreis der Liebe,
Ewigkeit ist eine Stufe zu dem Nest der Liebestriebe.
Tauschen Tag und Nacht im Wechsel unaufhörlich die Gewänder,
Nimmer kennen Sonn' und Mondschein, Tag und Nacht der Liebe Länder.
Spricht die Lieb' auch ihr Geheimnis stets bei unbewachten Thüren,
Kann Verstand, so viel er horchet, nimmer doch die Lieb' kopieren.
Zwar behende unaufhörlich kreiset sich der Liebe Himmel,
Sajib dankt Gott, daß am Ziele endlich seines Lebens Streben,
Keine als der Liebe Freunde sind zu Freunden ihm gegeben.

V.

Närrisch, weiß ich, der Verstand ist, doch die Liebe Weisheit ist,
Schwertschlag, weiß ich, der mich tötet, nur ein Labebecher ist.
Tugend in der Welt Ruine Trunkenen ein Rätsel ist,
In der Liebe Garten, weiß ich, Glück 'ne fremde Pflanze ist.
Wenn das Glück mir schmeichelnd lispelt, weiß ich, daß es Zauber ist,
Wenn vor Weinen laut ich schluchze, es des Darbens Anfang ist.
In dem Würfelspiel der Liebe Kopf verlieren kleinstes ist.
Ocean voll Well' und Woge, weiß ich, nur ein Körnchen ist.
Kreist der Himmel um die Sonne, Liebesluft der Mück' es ist.
Reines Herz, auch dieses weiß ich, des Geliebten Wohnsitz ist.

VI.

Meines Leibes Schiff in Trümmern in dem Meergrund untersank,
Jetzt hab' ich das Meer durchbrochen, Aufgang ist mein Untergang! Illeli!
Wahrheit ward mir mein Elias, zeigt den Weg mir ohne Mühn,
Aus der Regenbogenfarben Täuschung will ich kühn entfliehn! Illeli!
Perlentau bin ich der Sphären, der entsank dem Blütenthron,
Perlentau im Staube weilt nicht, wird aufs Neu' der Rose Kron'! Illeli!
Fort mit dir, du Kleid aus Staube! Hurtig wirst du abgelegt;
Wasser Das Wasser als das Bild heiliger Reinheit. ist mein Kleid nun worden, Wasser jetzt mein Bildnis trägt! Illeli!
Himmelstropfkrystallhell war ich, Erdenstaub ließ mich nicht rein,
Nun geborgen werd' ich, setz' mich in des Demants Herz hinein. Illeli!
Ach, vor Sehnsucht ward ich längst schon dem gespannten Bogen gleich,
Doch der Bogen ist zerbrochen, bin dem Herrn der Welt nun gleich! Illeli!
Von der Erd' des Körpers riß mich auf Muhammeds Blitzesroß,
Führt zum Gastmahl mich der Kindschaft, führt mich in der Heimat Schoß! Illeli!
Flüchtig baute sich mein Körper, wie die Welle webt der Wind,
Drum zerdrück' die Wasserblase ich im Augenblick geschwind! Jelleli!
Hin an der Vergessung Kuppel häng' die Flasch' ich mit dem Wein,
Trunken will ich jetzt alleine von des Freundes Augen sein! Jelleli!
Also bin ich jetzt betrunken, daß bei meiner Kindschaft Mahl
Ich die Gläser angebunden an der Himmel Himmel Saal! Jelleli!
Sonn' gab mir den goldnen Becher, Mond den silbernen Pokal,
In dem Rausch zerschlug ich beide, jubelnd hunderttausendmal Jelleli!
Götzendiener werden Löwen ob der Lust am Götzendienst,
Löwe bin ich auch geworden ob der Lust am Menschendienst. Jelleli!
Meister dieses Lieds ist Sajib, Gotterfüllung hat's geschenkt,
Sonder Müh' ist es gezeichnet, Bild an Bild ohn' Müh' gehängt.

Tholuck.

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