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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 24
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Mahmud Schebisteri

Über das Leben dieses Dichters ist uns sehr wenig bekannt. Er stammt aus dem acht Farasangen von Tebris entfernten Schebister und liegt auch dortselbst begraben. Er starb im Jahre 1320. Mahmud ist einer der hervorragendsten Vertreter der orientalischen Mystik, sein Hauptwerk das im ganzen Orient bekannte und hochangesehene »Güldscheni ras«, »Rosenflor des Geheimnisses«, das berühmteste Lehrgedicht der Sufis. Er schrieb dasselbe drei Jahre vor seinem Tode als Antwort auf fünfzehn gereimte Fragen, welche der große Scheich Sajjid Huseini von Chorasan nach Tebris gesandt hatte. Das »Güldscheni ras« verbreitet sich über alle wichtigen Fragen des Sufismus, für den es gleichsam ein Schulbuch ist. Der philosophisch-religiöse und kulturgeschichtliche Gehalt ist bei weitem größer als der poetische. Der Ton ist trocken, nüchtern, verstandesgemäß und erhebt sich nur einigemal zu jenem Schwung der Begeisterung, in der sich sonst diese Mystik am liebsten tummelt. Der Dichter charakterisiert sich selbst am besten in der Einleitung:

Sie wissen alle wohl, daß ich in meinem Leben
Mir vorgenommen, nie mich Versen zu ergeben,
Und wenn ich von Natur zum Dichten auch bereit,
So ist gar selten doch hierzu Gelegenheit.
Wiewohl in Prose ich geschrieben manches Buch,
So galt dem Doppelreim doch nie noch mein Versuch.
Dem Silbenmaß, dem Vers ist nicht der Sinn gemäß,
Und nicht ein jeder Sinn paßt in des Reims Gefäß;
Buchstaben stimmen oft nicht überein mit Dingen,
Das Kasp'sche Meer läßt sich in ein Geschirr nicht bringen;
Wie soll ich, da mich schon die Wort' in Prosa engen,
Durch Reim und Silbenmaß den Sinn noch mehr bedrängen?
Dies sag' ich nicht aus Ruhm, ich sag's aus Dankbarkeit,
Weil mir der Mann von Herz so leichter dann verzeiht.
Ich schäme mich deshalb der eignen Verse nicht,
In tausend Jahren herrscht ein Attar im Gedicht.

Aus dem »Rosenflor des Geheimnisses.«

Vierte Frage

Wer sind die Wallenden, die auf dem Wege rennen,
Und welchen soll ich den vollkommnen Menschen nennen?

Antwort auf die vierte Frage

Du fragst mich, wen man denn des Pfades des Pfades der Beschaulichkeit, des Sufismus. Pilger nennet;
Der ist es, der genau den eignen Ursprung kennet,
Er, dem des Wandels Bahn Enthüllungen bereitet;
Ihn zum Notwendigen vom Mangelhaften leitet.
Der Pilger ist's, der schnell vorübergeht als Freier,
Der rein ist von dem Selbst, wie von dem Rauch das Feuer,
Der umgekehrten Schritts zurück zu Gott gekommen,
Bis er geworden ganz zum Menschen, der vollkommen!

Sechste Regel

Vor allem lerne du, wie's in der Zeit gekommen,
Daß aus dem Menschen ward ein neuer Mensch vollkommen?
Materie erschien zuerst im Mutterschoß,
Und rang alsdann daraus mit Geist beseelt sich los.
Durch Allmacht regt es sich als Embryo im stillen,
Und tritt dann in die Welt begabt mit eignem Willen.
Am Kinde werden dann die Sinne ausgebildet,
Sodaß es in der That sich bald die Welt einbildet.
Wenn alle Teile sind in Ordnung erst gekommen,
Wird zu dem Ganzen dann die Straße erst genommen.
Die Gluten flammen auf des Zornes, der Begier,
Empor hebt sich der Stolz, der Geiz, die Habbegier;
Wie schlechte Eigenschaft ins Leben tritt herfür,
Wird schlechter dann der Mensch als Diw und reißend Tier.
Gesunken ist der Mensch alsdann zum tiefsten Punkt,
Der von der Einheit ist der wahre Kontrapunkt;
Der Thaten Menge bringt die Vielheit nur zuwegen,
Und dieser steht gerad' der Anbeginn entgegen.
Wenn er sich zugesteht, daß ihn das Netz verführe,
So ist er irr' geführt, weit schlechter als die Tiere;
Wenn aber aus der Welt der Seelen strahlt ein Licht,
Sei's ein Eingebungsstrahl, sei's ein Beweis, der licht,
So wird sein Herz erhellt durch Gottes Huld und Gnade,
Er kehret dann zurück zum wahren Leitungspfade,
Durch der Eingebung Licht und durch Beweis voll Klarheit,
Gelangt er auf den Weg der offenkund'gen Wahrheit.
Er kehret dann zurück zu dem Verließ des Schlechten
Und wendet sich hierauf zum Gipfel des Gerechten,
Zu dieser Zeit beginnt die Sünd' er zu bereuen,
Und wird im reinen Haus den Adam dann erneuen,
Er wird von Handlungen, von schmählichen ganz rein,
Wie Idris der Prophet im vierten Himmel sein,
Wenn er von Schlechtigkeit sich erst hat losgekettet,
Hat er wie Noah auch das Leben sich gerettet.
Im Ganzen ist alsdann die Macht des Teils zu schauen,
Er wird wie Abraham beseelet von Vertrauen.
Wenn er ergeben ist in Thaten und im Worte,
Gelangt wie Moses er bis zu der höchsten Pforte;
Und ist er erst geklärt von seinem Wesen rein,
So fährt wie Jesus er zum vierten Himmel ein,
Und wenn er nur einmal sein Dasein opfert auf,
So fährt wie Mohammed er in den Himmel auf;
Er wird als lichter Punkt dem ersten sich vereinen,
Dort wo Propheten nicht und Engel nicht erscheinen.

Dritte Vergleichung

Prophet ist lichte Sonn' und Heiliger ist Mond,
Der gegenüber im Verein mit Gotte thront.
Prophetenschaft ist in sich selber rein und klar,
Die Heil'genschaft ist drin versteckt, nicht offenbar.
Im Heiligen ist Heil'genschaft verborgen nur,
In dem Propheten zeigt sich offen ihre Spur.
Der Pilger, des Gefährt in des Propheten Bahn,
Der eignet Heiligkeit sich des Propheten an.
Er findet auf dem Wege von: wenn ihr liebet Gott,
Zu dem geheimsten Ort des Spruchs: so liebt euch Gott.
Im trauten Kabinet vereint er sich mit Gott,
Und wird dann eingeschlürft auf einmal dann von Gott.
Er folgt dem Heiligen in dessen tiefstein Sinn,
Er wird ein Frommer, doch nie in des Heil'gen Sinn;
Des Heiligen Geschäft ist erst vollendet dann,
Wenn er vollendet dort, wo er gefangen an.

Fortsetzung der Antwort auf die vierte Frage.

Vollkommner Mann ist der, so aus Vollkommenheit
Mit seiner Meisterschaft dem Dienst als Sklav' sich weiht,
Wenn er auf diese Art die Bahn durchmessen hat,
Setzt Gott ihm auf den Kopf den Bund vom Kalifat.
Die Dauer findet er, nachdem er sich vernichtet,
Zum Anfang wird sein End' dann wieder eingerichtet.
Er machet das Gesetz zu seinem Fahnenbaum,
Die Bahn, die mystische, zu seines Kleides Saum.
Die ew'ge Wahrheit ist sein Platz für alle Fälle,
Wo zwischen Glauben und Unglauben seine Stelle.
Der Sitten löblichsten ist nahe er verwandt,
Durch Eingezogenheil und Wissenschaft bekannt.
Ihm stehet alles nah, er stehet allem fern,
Ist im Geheimnißdom geweihet nur dem Herrn.

Vierte Vergleichung.

Die Mandel wird zuletzt verderbt gewiß geschaut,
Wenn du, ist sie nicht reif, abziehn ihr willst die Haut;
Ist sie gereift, so ist sie gut auch ohne Häute;
Wenn du den Kern nur nimmst und thust die Haut beiseite;
Gesetz ist Mandelschal', und Wahrheit ist der Kern,
Und zwischen beiden liegt der wahre Weg zum Herrn.
Des Pilgers Fehler sind Gebrechen in dem Mark,
Auch ohne Schale ist er reif und schön und stark.
Wenn zur Gewißheit ist der Kund'ge vorgedrungen,
So ist die Mandel reif, die Schale ist zersprungen,
Doch andre Mandel schwillt mitsamt der Schale auf,
In diesem Wachstum macht sie andren Kreiseslauf.
Aus Wasser und aus Staub erhebt sie sich zum Baum,
Der seine Äste streckt weit in der Himmel Raum.
Derselbe bringt hervor ein andermal ein Korn,
Durch Fügungen wird Eins als tausendfach gebor'n.
Wie Gang des Korns zum Baum auf einer Linie wird,
Der Punkt zur Linie und die zum Kreise wird,
Und wenn der ganze Kreis den Umlauf hat vollendet,
Beginnt der erste Punkt dort, wo der letzte endet;
Zum zweitenmal wird er im Kreiseslauf gelangen,
Zu jener Handlungsart, von der er ausgegangen.
Wenn er auf diese Art die ganze Bahn durchrannt,
Wird ihm der Meisterbund vom Herren zuerkannt;
Nicht Seelenwanderung ist solcherlei Gewährung,
Einstreuungen sind es im Auge der Verklärung,
Sie fragten, was da sei des Endes wahrer Sinn;
Die Antwort lautete: Die Rückkehr zum Beginn.

Sechste Regel.

Prophetentum, zuerst dem Adam eingebunden,
Hat die Vollendung dann im Mohammed gefunden,
Die Heiligkeit blieb nur, die ihren Weg gemacht,
Bis in der Welt als Punkt den Umlauf sie vollbracht.
Ihr Ganzes wird als Licht im Mehdi Mehdi oder Mahdi, der von Mohammed verkündete Prophet der Zukunft, auf dessen Erscheinen noch heute die Welt des Islam wartet. einst gestellt,
Vollendet wird durch ihn so die als jene Welt.
Die Heiligen sind nur die Glieder von dem Heile,
Er stellt das Ganze vor und sie sind nur die Teile,
Da er der nächste sich zur Meisterschaft verhält,
So kommt Barmherzigkeit zustande in der Welt.
Er ist der Leitende in der und jener Welt,
Der zum Nachfolgenden sich Menschensohn bestellt.

Fünfte Vergleichung.

Wenn sich der Sonne Licht getrennet von der Nacht,
Erscheint des Orients, Meridians und Morgens Pracht,
Und wenn des Himmels Rad vollendet seinen Lauf,
Geht Nachmittag und Untergang und Abend auf.
Das große Licht der Sonn' ist das Prophetentum,
Das bald in Adam, bald in Moses gehet um.
Willst du das große Buch der Weltgeschichte lesen,
So wirst erkennen du, wes Ranges sie gewesen.
Stets andern Schatten wirft die Sonne auf die Pfade,
Darnach kannst messen du des wahren Glaubens Grade.
In dem Äquator steht mittags des Herren Licht,
Das reine, welches kennt des Unrechts Schatten nicht.
Kein Schatten folget dort dem graden Wuchs, dem echten,
Nicht hinten und nicht vorn, nicht links und nicht zur Rechten,
Da er geraden Pfad zum Aufenthalt erwählt,
Hat er sich nach Befehl gerade aufgestellt.
Sein Schatten wird sich nie mit schwarzem Rande gatten,
O, wahres Gotteslicht, o wahrer Gottesschatten!
Als Kibla zwischen Ost und Westen lichtgedrängt,
Ist er im Mittelpunkt des eignen Lichts versenkt.
Zum Muselmanne ward der böse Genius,
Verbarg als Schatten dann sich unter dessen Fuß.
Die Stufen alle schließt der Grad des Fußes ein,
Aus seinem Schatten geht hervor des Menschen Sein,
Von seinem Lichte ist die Heiligkeit nur Schatten,
In welchem sich der Ost und West als Eins begatten.
Auf jedem Schatten, der auftrat auf seinen Wegen,
Entsteht ein anderer der jenem tritt entgegen.
Ein Gotteskundiger, der kennt Moslimenruhm,
Ist Abgesandter nur von dem Prophetentum.
Prophetvollendeter in der Propheten Gaben,
Ist über Heilige bei weitem hoch erhaben.
Er ist in Sicherheit und Ruhe vor der Welt,
Indem er Pflanz' und Tier und Erd' und Stein beseelt,
Zur Kenntnis Gottes geht er durch die Einheit ein,
Es zeiget sich in ihm, was absolutes Sein.
Es bleibet in der Welt Ungläubiger nicht mehr,
Die Ungerechtigkeit wird offenbare Lehr'.

Antwort auf die vierzehnte Frage

Die vierzehnte Frage lautete:

Was ist der Sinn von Kerz', von Liebchen und von Wein,
Was heißt denn Forderung, stets liederlich zu sein?

Bekanntlich spricht der Sufismus seine Lehren nicht in nackten Worten, sondern in Bildern und oft sehr sinnlichen realistischen Bildern aus. Sie bezeichnen sich als Zecher und Trinker, Gott als Liebchen ec.

Das Liebchen, Kerz' und Wein, sie sind des Weins Erklärung,
In einem jeden liegt des wahren Seins Verklärung.
Der Wein, die Kerze sind Begeistrung und Erkenntnis;
Und in dem Liebchen schau des wahren Seins Bekenntnis.
Der Wein ist Lampenglas, Das Glas ist der Schutz der Laterne. die Kerze leuchtet drin,
Der Glanz des Geisteslichts ist dann des Liebchens Sinn.
Von Liebchens Schönheit sprang in Moses Herz der Funken,
Der Wein ward Glut, die Kerz' als Baum von Feuer trunken. Bezieht sich auf die Offenbarung Gottes im Dornenstrauch.
Der Wein, die Kerze sind das Licht der Himmelfahrt,
Die Majestät des Herrn im Liebchen ist bewahrt.
Der Wein, die Kerze und das Liebchen sind bereit,
Verliere nicht, statt liebzukosen, jetzt die Zeit.
Du zech' vom Weine der Entselbstung eine Zeit,
Vielleicht vom eignen Ich wirst du alsdann befreit.
Trink' Wein und nimm als Wein des Freundes Angesicht,
Indem dir nicht Pokal des trunknen Aug's gebricht.
Trink Wein vom ew'gen Glas, den Schenke dir einschenkt,
Der Text aus dem Koran: der Herr hat sie getränkt.
Der reine Trank ist der, der von beflecktem Sein,
Dich reiniget, wenn du betrunken stets willst sein.
O trinke Wein, damit du hebst der Kälte Flor,
Der schlechte Trinker geht dem guten Manne vor!
Dem, der entfernet ist von Gottes Angesicht,
Paßt Flor der Finsternis viel besser als das Licht.
Denn Adam fand in Nacht der Reue bittre Frucht,
Und Satan ward im Licht des Hochmuts bald verflucht.
Ihm, dessen Herz umwölkt, ein Spiegel ist voll Rauch,
Was nützt es ihm, wenn er sich drin beschauet auch?
Wenn auf den Wein ein Strahl vom Angesichte fällt,
Darein von Blasen auch zugleich die Menge fällt.
Bedeckt mit Blasen fließt der Seelen Welt im Strome,
Doch diese Blasen sind für Heilige die Dome.
Von tiefem Weine ist die Weltvernunft berauscht,
Die Weltenseele steht mit Ring im Ohr als Sklave und lauscht,
Und eine Schenke ist die ganze Welt für Zecher,
Von jedem Sinnenstaub der Busen ist ein Becher;
Vernunft und Engel sind, und Seele ist betrunken,
Die Luft, die Erde sind, der Himmel ist betrunken.
Der Himmel dreht sich um, daß er verwirrt Ihn suche,
Begierde schwellt das Herz nach einzigem Geruche.
Die Engel trinken rein aus dieser reinen Hefe, Hefe-Kanne.
Und ausgegossen ward dann in den Staub die Hefe.
Von Hefen wurden dann berauscht die Elemente,
Das ein' ersäufte sich, indes das andre brennte.
Vom Duft der Hefe, der auf jenen Staub gesprungen,
Entstand der Mensch, der sich zum Himmel dann geschwungen.
Von ihrem Wiederschein ward morscher Leib zur Seele,
Von ihrer Hitze ward belebt gefrorne Seele.
Durch diesen Hefeduft ist das Geschöpf verwirrt,
So daß beständig es von seinem Hause irrt,
Der Hefeduft macht den zu einem Philosophen,
Indes die anderen auf Überliefrung Auf die durch das positive Gesetz verheißenen Freuden des Paradieses. hoffen.
Aufricht'ger Diener wird, wer halb geschlürft den Saft,
Ein Liebender, wer ganz geleert der Flasche Kraft;
In einem Zuge trinkt ein anderer gar aus,
Den Schenken und den Wein, das Glas, das Humpenhaus.
Verschlungen hat er all' und hält den Mund noch offen.
O Herz! Groß wie das Meer von dem noch mehr zu hoffen,
Er hat auf einen Zug geleert das ganze Sein,
Und ist von Leugnungen, Bekenntnissen nun rein.
Auf die Enthaltsamkeit und auf den trocknen Traum
Verzichtend greift er nach des alten Wirtes Saum.

Fünfte Andeutung über die Orte des äußeren Lebens

Befreiung von dem Ich wird im Bordell erscheinen.
Unglauben ist die Selbstsucht, wenn auch in dem Reinen.
An Eines halten sich, die wüste Pfade wallen,
Einswerdung läßt die angehängten Dinge fallen.
Den Wüsten ist die Welt die ganze Wüstenei,
Die Stätte Liebender, die aller Sorgen frei.
Der Wüsten Stelldichein ist Vogelnest der Seele,
Bordell und Schenke sind raumlosen Hauses Schwelle.
Auf Wüstem Wüstes liegt in Wüster Stelldichein,
Auf jenem Felde liegt die Welt als Wasserschein.
Die wüste Stätte hat nicht Grenzen und nicht Wände,
Noch keiner sah davon den Anfang und das Ende.
Wenn hundert Jahre du auch weilst in diesen Gründen,
So wirst du weder dich noch andere dorten finden.
Ein Haufe weilet dort, die kopflos, fußlos sind,
Die nicht Ungläubige und auch nicht Gläub'ge sind.
Der Wein der Selbstentäußerung hat sie ergriffen,
Sie hat Verzicht auf das, was gut und bös, ergriffen.
Sie trinken alle Wein, doch ohne Mund und Gaumen,
Sie thaten all Verzicht auf guten, bösen Namen,
Auf Sage, mystisches, auf himmlisches Gesicht,
Auf Bild der Einsamkeit und auf der Würde Licht.
Von Hefenduft sind sie bewußtlos hingesunken,
Von dem Geschmack des Nichtseins sind sie ganz betrunken.
Den Stab, den Wasserkrug, den Gurt und Rosenkranz,
In Hefen opfern sie's mit einemmale ganz.
Bald fallen und bald stehn sie auf in Thon und Flut,
Entströmend ihrem Aug' der Thränen statt nur Blut:
Bald tragen sie im Rausch in der Mysterienwelt,
Des Königs Läufern gleich, den Nacken hoch gestellt;
Bald drücken sie ihr schwarz Gesicht hart an die Wand,
Bald zeigen rot geschminkt sie sich im höchsten Stand;
Bald drehen sie sich auf des Reigens hehrem Pfade,
So ohne Kopf als Fuß im Kreis gleich einem Rade.
Mit jedem Tone, den der Sänger ihnen bringt,
Begeisterung in sie von andren Welten dringt.
Der Seele Reigen ist nicht leeres Wort und Schall,
Nein! jede Melodie Geheimniswiederhall.
Die Kutte ziehe aus und wirf sie in die Luft,
Gereiniget alsdann von Farbe und von Duft.
Hinweggewaschen dann vom reinen Weine, schau
Die Farben all, das Schwarz, das Rot und Grün und Blau.
Wer einen Becher trinkt alsdann vom reinen Wein,
Der wird ein Ssufi sein von Eigenschaften rein;
Die Seele reiniget er von allem Staub und Mist,
Er kann nicht sagen dann, wie ihm geschehen ist.
Er greifet nach dem Saum vom trunkenen Gesicht
Und kümmert weiter sich um Scheich und Jünger nicht.
Was braucht er Tugend hier, was Eingezogenheit?
Der Jünger und der Scheich, die Leute stehen weit.
Willst du nach Großem und nach Kleinem dich bescheiden,
Wird Götz' und Gurt und Christentum dich besser kleiden.
Der Trunkenheit im Schlaf ist unser Sein zum Raub,
Zum Herrn des Herren, wie verhält sich denn der Staub?
Verwundert fragt Vernunft, was wohl das Wort beweist,
Daß du nach meinem Aug' gemacht, gebildet seist.

J. v. Hammer.

Erwachen des Dichters zum mystischen Leben

Sinn des folgenden: Wenn Gott selbst erscheint, so sehen die Gelehrten alle ihre Spekulationen wie Seifenblasen zerplatzen.

Aus dem Schluß des Gedichtes: Achte Andeutung über die Götzen und Christenknaben

Einst war auch ich in meinem Selbst befangen,
Und wußte nichts von himmlischem Verlangen.
Da plötzlich trat bei frühem Morgenlichte
In mein Gemach ein himmlisches Gesichte.
Noch keine Blum' im Herzensgarten blühte,
In tiefem Schlummer lag noch mein Gemüte.
Da schaut' ich hin auf seine goldnen Wangen,
Und rief ein Ach mit seligem Verlangen.
Wohl die Gestalt des Aches Sinn erkannte,
Und also sie zu mir sich redend wandte:
O Heuchler du, dem hinfuhr all sein Leben,
Im Namen und Gesetzes leerem Streben!
Sieh nun von wem, die dir als Meister galten,
Die Buchstaben so lang' dich abgehalten.
An meiner Wange Glut des Herzens Stillung
Ist mehr denn tausend Jahre Pflichterfüllung,
Ich blickte hin auf jener Wange Gluten,
Da fühlt' in mir ein Meer der Scham ich fluten.
Ein brennend Schamgefühl mich ganz durchwallte,
Das rot und schwarz mir meine Wangen malte.
Je mehr die Sonn' in mir begann zu tagen,
Je mehr begann ich an mir selbst zu zagen.
Da füllt der Freund den Becher mir und reicht ihn,
Nimm hin, er spricht, den Becher, du bedarfst ihn.
Kühl Wasser war's, was meine Zung' getrunken,
Doch in mir ward's zu lichten Feuerfunken.
Er sprach: Unreine Mischungen in dir erstarben,
Jetzt bist du frei, o Freund! von allen Farben!
Und da den Becher ich hinabgetrunken,
Da war zuboden trunken ich gesunken.
Nun bin nicht trunken ich, auch nicht bei Sinnen,
In jedem Nu verändr' ich mein Beginnen.
Jetzt bin gleich seinem Auge ich betrunken,
Jetzt gleich der Locke in Gewirr versunken.
Jetzt schwelg' ich froh im Duft der Rosenblüten,
Jetzt Feuerflammen grimmig um mich wüten.

Tholuck.

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