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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 22
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
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Rûmî

Mewlânâ Dschelâl-ed-dîn, genannt Rûmî, d. h. der Grieche, wurde 1207 zu Balch geboren und starb 1273 zu Konia. Sein Vater, Behâ-ed-dîn, aus einer der ausgezeichnetsten und angesehensten dortigen Gelehrtenfamilie, verließ Balch, wo er in höchstem Ansehen stand, weil der Sultan Muhammed Chârezm-Schah (1199–1220) Argwohn gegen ihn faßte, und trat mit seinen Jüngern die Pilgerfahrt nach Mekka an. Hierbei kam er auch über Nischapur, wo der große Ferîd-ed-dîn Attâr dem jungen Rûmî eine glänzende Zukunft vorausgesagt haben soll. Später wandte sich der Vater nach Konia, wo er, hochgeehrt von dem Seldschukkenfürsten Ala-ed-dîn (1213–1236), bis zu seinem Tode 1283 lehrte. Sein Sohn folgte ihm im Lehramte und übertraf bald an Ruf und Ruhm den Vater um das doppelte. Die positiven Wissenschaften aber befriedigten ihn nicht und er trat mit mehreren berühmten Scheichen der Sofis, wie Ssalâh-ed-dîn Zerkûbi und Hussâm-ed-dîn Tschelebi in Verbindung; auf Veranlassung des letzteren schrieb er das »Mesnewi«. Ein neues Leben aber ging für ihn auf, als Scheich Schems-ed-dîn Tebrizi nach Konia kam, angeblich ein Sohn des Fürsten der Assassinen, Chând 'Ala-ed-dîn und Rûmî ganz dem beschaulichen Leben zuführte. Der Dichter unterbrach seine Vorlesungen, zum Ärger des Volkes und seiner Schüler, die Tebrizi verwünschten und ihn zwangen, Konia zu verlassen. Rûmî holte ihn wieder zurück, doch um so heftiger brach der Zorn des Volkes aus und Tebrizi mußte zum zweitenmale sich trennen, diesmal auf zwei Jahre, die er in Syrien zubrachte. Während seiner Abwesenheit dichtete Mewlânâ die gewaltigsten und erhabensten Ghaselen seines Divans an den fernen Freund. Mewlânâ liegt samt seinem Vater, seinem Sohne, der in einem bekannten Gedichte, Weled-nameh, das Leben des Vaters und Großvaters verherrlicht hat, sowie seinem Lehrer Tebrizi in Konia begraben; ihre Grabstätten sind noch heute ein berühmter Gnaden- und Wallfahrtsort der Muselmänner, besonders der Mewlewis, der Mitglieder des berühmten Derwischordens, den Rûmî gestiftet hat, und für den er den mystischen Reigen erfand, von dem in seinem Divan zu lesen ist. Rûmî's »Mesnewi« ist nach dem »Schah-nameh« das im ganzen Orient berühmteste Gedicht, moralischen und ascetischen, allegorischen und mystischen Inhalts; Erzählungen und Koranlegenden, untermischt mit zahlreichen Lehren und tiefsinnigen Betrachtungen sind in ihm enthalten. Sein »Divan«, ohne Zweifel das gewaltigste Erzeugnis mystischer Poesie, »an das ein anderer Maßstab als an gewöhnliche lyrische Dichtungen zu legen ist,« »ist von den Ufern des Ganges bis zu jenen des Bosporus das Handbuch aller Sofis, das Gesetzbuch und Ritual aller Mystiker.«

Aus dem »Mesnewi.«

(Doppelverse.)

Erzählung vom Papageien In diesem Kapitel geißelt der Dichter das stolze Pharisäertum, welches sich mit Verkennungen des göttlichen und Hervorhebung des irdischen Bestandteiles den Heiligen an die Seite stellt.

Ein Kaufmann einen Papagei vor Jahren
Besaß, in Sang und Rede wohlerfahren.
Der saß als Wächter an des Ladens Pforte,
Und sprach zu jedem Kundsmann kluge Worte.
Denn wohl der Menschenkinder Sprache kannt' er,
Doch seinesgleichen Weisen auch verstand er.
Vom Laden ging nachhaus einst sein Gebieter,
Und ließ den Papagei zurück als Hüter.
Ein Kätzlein in den Laden sprang,
Um eine Maus zu fangen; todesbang
Flatterte hin und her der Papagei,
Und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei.
Von seinem Hause kam der Kaufmann wieder,
Und setzte sorglos sich im Laden nieder; –
Da sah er Rosenöl allüberall –
Im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl.
Viel Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr.
Da kam die Reu', der Kaufmann seufzte schwer,
Raufte den Bart, und rief: »Umsponnen
Ist mit Gewölk die Sonne meiner Wonnen!
Wär' mir, da auf den Redner ich den bösen
Schlag ausgeführt, doch lahm die Hand gewesen!«
Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende,
Auf daß sein Tier die Sprache wiederfände!
Umsonst! Als er am vierten Morgen klagend
Im Laden saß, der Hoffnung fast entsagend,
In tausend Sorgen, was zu machen sei,
Daß wieder reden mög' sein Papagei,
Ließ sich in bloßem Haupt ein Büßer blicken,
Der Schädel glatt, wie eines Beckens Rücken.
Da Hub der Vogel gleich zu reden an,
Und rief dem Derwisch zu: »Sag, lieber Mann,
Wie wurdest, Kahlkopf, du zum Kahlen? sprich!
Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich?«
Man lachte des Vergleichs, daß seine Lage
Der Vogel auf den Derwisch übertrage.

 

O miß dich nimmer mit den Heil´gen, Reinen,
Wenn in der Schrift auch gleicht der Wein dem Weinen!
Irr ging die ganze Welt aus diesem Grunde,
Von Gottes Boten ward nur wen'gen Kunde.
Auf gleiche Stufe wollte mit Propheten,
Mit Gottes Lieblingen, die Menge treten,
Und sprach: »Sie sind wie wir nur Fleisch; der Speise,
Des Schlafs bedürfen wir in gleicher Weise –«
Und die endlose Kluft, die zwischen beiden,
Ließ ihre Blindheit sie nicht unterscheiden!
Zwei Bienen sich an einer Blume laben –
Die eine sticht, die andre bildet Waben.
Zwei Rehe nährt ein Rasen, eine Luft,
Dies giebt nur Losung, jenes Moschusduft.
Ein Sumpf erzeugt zwei Rohre – dieser Saft
Ist hohl, und jener strotzt von Zuckersaft.
Zahlloses so! Vom einen zu dem andern
Den Weg gilt's Ewigkeiten zu durchwandern.

Einer genießt, um von sich nur zu geben,
Ein andrer, um nach Gottes Licht zu streben;
Zu Geiz und Neid wirkt jenem seine Nahrung,
Und dieses zu des einen Offenbarung.
Ein Land ist gut, ein andres öd und schlecht,
Ein Geist ist bös, ein andrer rein und recht.
Wohl oft für beide gleich der äußre Schein ist,
Wie bittres Wasser gleich dem süßen rein ist;
Doch der Geschmack weiß wohl zu unterscheiden,
Was süß ist und was salzig von den beiden.
Wer Zauberei mit Wunderthaten mißt,
Glaubt, beide sein erbaut auf Trug und List.
Die frechen Zaubrer im Ägyptenland,
Nahmen wie Moses einen Stab zur Hand;
Doch welcher Abstand zwischen beiden Stäben!
Des einen Wirkung Tod, des andern Leben;
Jenem der Fluch, der nichts verschonende,
Diesem die Huld, die reich belohnende!
Drum scheint der Heuchler Sinn mir dem des Affen
Vergleichbar, ihm zum Unglück anerschaffen;
Was der Mensch thut, der Affe ist bemüht
Es nachzuahmen, wenn oft er es sieht –
Und denkt: »Was nur der Mensch thut, thu ich auch,« –
Der Unterschied wird ihm nicht klar, dem Gauch.
O streue Staub dem Nachäffler aufs Haupt,
Ihm, der dem Frommen gleichzukommen glaubt!
Denn betet auch der Heuchler zu dem Herrn,
Wie Fromme beten – Demut ist ihm fern.
Im guten Werk stehn Frömmigkeit und Trug
Wie auf dem Schachbrett im Entscheidungszug:
Das Ende ist's, wo stets der Gläub'ge siegt,
Das Jenseits, wo der Heuchler unterliegt,
Weilen sie auch an einem Spiel zumal,
Den einen trennt vom andern Berg und Thal.
Je nach besondrem Ziele wandeln beide,
Je wie ihr Name aussagt, handeln beide,
Ob seines Namens freut des Gläub'gen Herz sich,
Des Heuchlers Herz füllt drob mit Zorn und Schmerz sich.
Wenn dort der Name gilt als höchste Zier,
Scheut man ihn mehr, als alles Elend hier.
Und doch im Worte »Gläubig« liegt kein Adel,
Es ist Bezeichnung nur, nicht Lob, nicht Tadel.
Wenn man jemanden aber »Heuchler« nennt,
Wie Skorpionenstich dies Wort ihm brennt.
Drum scheint es mir entstammt dem Höllenschrecken,
Sonst gäb' es nicht der Hölle Pein zu schmecken.
Doch liegt der Abscheu nicht im Lautverhältnis
Wie nicht der Meerflut Schalheit im Behältnis.
Behältnis ist das Wort, wie Wasser drin ist
Sein Sinn – der Urquell Gott von allem Sinn ist.
Bittres und süßes Wasser sind hinieden
Durch eine ew'ge Scheidewand geschieden.
Doch wisse, beide einem Quell entspringen, d. h. der Gegensatz zwischen Gut und Bös findet seine Auflösung in der absoluten Einheit Gottes.
Und nur nach diesem Urquell sollst du ringen.
Es giebt der Prüfstein von des Goldes Währung,
Ob falsch es oder echt sei, die Belehrung;
Wem einen Prüfstein Gott ins Herz gelegt,
Der weiß zu sondern zwischen Falsch und Echt.
Fremdart'gen Stoff im Munde treibt das Leben,
Jedwedes Wesen von sich rasch zu geben;
Und drang's mit tausend Bissen in den Mund,
Doch macht der Lebenssinn der auf Erhaltung des Leibes gerichtete Sinn, im Gegensatz zu dem geistigen Sinne des Glaubens. das Fremde kund.
Irdischer Sinn führt uns in Weltgetümmel,
Der Glaubenssinn führt uns hinaus zum Himmel;
Fraget den Ort, wenn jener Sinn erkrankt –
Das Wohlsein dieses man nur Gott verdankt.
Jener ist kräftig, wenn der Leib in Kraft ist,
Und dieser, wenn der Leib siech und erschlafft ist.

 

Ja meiner Seele Pfade, Die Pfade, welche Scheich Tebrizi geht. sie vernichten
Den Leib, um ihn dann neu emporzurichten.
O selig, wer dem Wahren zugewendet,
In seiner Liebe Gut und Habe spendet!
Nach Schätzen grabend reiß sein Haus er nieder,
Und aus dem Fund baut er ein schön'res wieder.
Er hemmt den Strom und reinigt seinen Grund,
Daß er dann lauter fließe und gesund;
Er reißt die Haut auf und zieht aus der Wunde
Den Dorn und neue Haut wächst ihm zur Stunde;
Er nimmt die Burg den Feinden, sie zerstörend,
Und sie mit hundert Türmen dann bewehrend.
Doch wer begreift den Herrn auf seinen Wegen?
Ich red' hier nur nach Menschen-Unvermögen.
Neu, immer neu zeigt sich uns seine Spur –
Des Glaubens Wesen ist ein Staunen nur,
Doch nicht um weg zu sehn von Gott; nein, trunken
Am Freund an Gott. zu hangen, ganz in ihm versunken,
Der eine stets den Freund im Auge hält,
Des andern Blick nur auf ihn selber fällt.
O schau' und merke beider Angesicht,
Denn so erkennst du wohl, was deine Pflicht.
Oft schleicht einher Iblis Satan. im Menschenkleid,
Drum reich' die Hand nicht jedem, der sie beut!
Ahmt doch der Jäger nach des Vogels Sang,
Um ihn zu täuschen durch den falschen Klang;
Der Vogel, der den süßen Ruf vernommen,
Fliegt nieder um im Netz dann umzukommen.
So mit des Derwisch' Worten schmücken
Sich Niedrige, um Thoren zu berücken.
Licht ist und Wärme des Gerechten Handeln,
Doch Schlechtheit ist und Trug des Schlechten Handeln.
Zum Betteln trägt er das Wollkleid – ja
Achmed benennt er den Musseilima; Der gefährliche Gegner Muhammeds, der sich gleichfalls für einen Gesandten Gottes ausgab.
Doch den Musseilima nur Lügner hieß man,
Und Muhammed als Geistbegabten pries man.
Wie duftet süß der Gottbegeistrung Wein,
Doch ird'scher Wein führt nur zu Schmach und Pein.

   

Wer wachen Auges eher schläft als wacht, d. h. wer für das Göttliche schläft, indem er es vernachlässigt.
Dem wär es besser, schlief er Tag und Nacht. Damit ihn die Sünde und überhaupt die Beschäftigung mit irdischen Dingen nicht beflecken kann.
Wacht nicht dem ein'gen Wahren unser Geist,
Als Hemmnis da das Wachen sich erweist.
Am Tag, in Phantasie-Verwirrungen,
In Habsucht- und Besorgnis-Irrungen,
Find't keine Rast die Seele und verliert
Den Weg, der sie zur ew'gen Wonne führt.
Der schläft, der sich an Luftgebilden letzt,
Auf Einbildungen seine Hoffnung setzt.
Statt der Huri im Traum des Divs genießt er
Und seine Wollust über ihn ergießt er;
Also ein ödes Land befruchtend, findet
Sich selbst er wieder und sein Traumbild schwindet,
Er findet wüst den Kopf, den Leib befleckt –
Weh, wen ein nichtig Traumgebilde neckt.
Es kreist hoch in der Luft der Aar; sein Schatten
Irrt wie ein Vogel durch Gefild und Matten,
Und mühsam, diesen Schatten zu erlegen,
Verfolgt der Thor auf Wegen ihn und Stegen,
Und weiß nicht, daß ein Luftbild nur des Wildes
Es ist, noch wo der Kern des Schattenbildes.
Eifrig verfolgend schießt er seine Pfeile
Und leert den Köcher aus in blinder Eile; –
Des Lebensköchers Pfeile gehn dem Thoren,
Der nur nach Schatten hascht, also verloren! –

   

Muhammed und der Spötter

Dem Achmed schnitt ein Spötter ein Gesicht
Und ein verzognes Antlitz blieb dem Wicht;
Da rief er aus: »Verzeihe meine Schuld,
O du, dem Weisheit ward von Gott und Huld!
Verhöhnt ich dich, so war's aus Unverstand,
Der Spott hat auf mich selber sich gewandt.«

Will Gott, daß jemand beschämt erscheine,
So macht er ihn zum Lästrer gegen Reine.
Will eine Unthat Gott in Nacht versenken,
So läßt er ihrer keinen Hauch gedenken.
Will Gott mit Hilf' und Beistand zu uns stehen,
Flößt er uns Drang zum Weinen ein und Flehen.
Selig das Aug', das ihm zerfließt in Thränen,
Glücklich das Herz, das ihm erglüht im Sehnen!
Kein Weinen, das nicht Gott zum Lachen lenkt;
O Heil dem Knechte, dem Knechte Gottes. der des Ausgangs denkt!
Es schießt das Kraut, wo immer Bäche fließen,
Erbarmen sprießt, wo Thränen sich ergießen.
Dem Wasserrade gleich, im Thränentau
Klage, bis frisch ergrünt der Seele Au!
Weinende tröste, wenn du Thränen liebst,
Denn Gnade wird dir, wenn du Gnade übst.

Die Furcht vor dem Tode

Zur Morgenzeit trat einst ein edler Gast
Mit banger Eil' in Salomos Palast,
Aus Gram sein Antlitz bleich und blau sein Mund; –
Der König sprach: »Was ist dir? Thu' mir's kund!«Er sprach: »Es sah, im Auge wilde Gier,
Der Todesengel Asrael nach mir.«
Der König sprach: »Was soll ich thun? Verkünde!«
Er sprach: »O Seelenhorst, befiehl dem Winde,
Daß er nach Indien alsobald mich bringe,
Ob dort vielleicht zu leben mir gelinge!«
So find't der Mensch, der vor der Armut bang
Sich scheut, in Geiz und Gier den Untergang.
Der Armutsschein glich jenes Manns Erbeben,
Es glich sein Indien solchen nicht'gem Streben.

Über Land und Meer trug ihn sofort
Der Wind nach Indien auf des Königs Wort.
Im Ratssaal aber sprach am andern Tage
Der König zu dem Todesengel: »Sage,
Was schautest du so grimm nach jenem Frommen,
Daß ihm die Angst das Leben fast genommen?«
Er sprach: »Nicht grimm hab' ich ihn angesehn,
Verwundert nur sah ich am Weg ihn stehn,
Da für denselben Tag mir Gott befohlen,
Aus Indien seine Seele herzuholen.
Ich sprach erstaunt: »Und hätt' er hundert Schwingen,
Gar weit ist's, heut bis Indien noch zu dringen!«

Was alles ird'sche Thun, hiernach ermiß es!
Mach' klar dein Auge und zum Sehn erschließ es!
Vermagst du je dir selber zu entfliehn,
Sündhaft dich dem Allmächt'gen zu entziehn?«

Georg Rosen.

Aus dem »Divan.«

I.

Wohl endet Tod des Lebens Not,
Doch schauert Leben vor dem Tod,
Das Leben sieht die dunkle Hand,
Den blanken Kelch nicht, den sie bot.
So schauert vor der Lieb' ein Herz,
Als wie vom Untergang bedroht,
Denn wo die Lieb' erwachet, stirbt
Das Ich, der dunkele Despot.
Du, laß ihn sterben über Nacht,
Und atme frei im Morgenrot.

II.

Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball;
Zum Stäubchen sag' ich: bleibe! und zu der Sonn': entwall'.

Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch,
Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall.

Ich bin der Mast, das Steuer, der Steuermann, das Schiff;
Ich bin, woran es scheitert, die Klippe von Korall.

Ich bin der Vogelsteller, der Vogel und das Netz;
Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Widerhall.

Ich bin der Baum des Lebens und drauf der Papagei;
Das Schweigen, der Gedanke, die Zunge und der Schall.

Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist,
Ich bin der Funk' im Steine, der Goldblick im Metall.

Ich bin der Rausch, die Rebe, die Kelter und der Most,
Der Zecher und der Schenke, der Becher von Krystall.

Die Kerz', und der die Kerze umkreist, der Schmetterling;
Die Ros', und von der Rose berauscht die Nachtigall.

Ich bin der Arzt, die Krankheit, das Gift und Gegengift,
Das Süße und das Bittre, der Honig und die Gall'.

Ich bin der Krieg, der Friede, die Wahlstatt und der Sieg.
Die Stadt und ihr Beschirmer, der Stürmer und der Wall.

Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß,
Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall.

Ich bin der Hirsch, der Löwe, das Lamm und auch der Wolf;
Ich bin der Hirt, der alle beschließt in einem Stall.

Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring,
Der Schöpfung Stufenleiter, das Steigen und der Fall.

III.

Ich sah empor und sah in allen Räumen Eines;
Hinab ins Meer, und sah in allen Wellenschäumen Eines.

Ich sah ins Herz, es war ein Meer, ein Raum der Welten,
Voll tausend Träum'; ich sah in allen Träumen Eines.

Du bist das Erste, Letzte, Äußre, Innre, Ganze;
Es strahlt dein Licht in allen Farbensäumen Eines.

Du schaust von Ostens Grenze bis zur Grenz' im Westen,
Dir blüht das Laub an allen grünen Bäumen Eines.

Vier widerspenst'ge Tiere ziehn den Weltenwagen;
Du zügelst sie, sie sind an deinen Zäumen Eines.

Luft, Feuer, Erd' und Wasser sind in Eins geschmolzen
In deiner Furcht, daß dir nicht wagt zu bäumen Eines.

Der Herzen alles Lebens zwischen Erd' und Himmel
Anbetung dir zu schlagen soll nicht säumen Eines.

IV.

Ich sah, wie auf zur Sonne sich schwang ein Adelaar,
Und wie im Schatten girrte ein Turteltaubenpaar.

Ich sah, wie Wolkenherden der Ost am Himmel trieb,
Und auf der Flur dem Hirten sich stellten Lämmlein dar.

Ich hörte Sterne fragen: wann sollen wir entstehn?
Und Keim' im Körnchen: Sollen wir schlafen immerdar?

Ich sah ein Gras am Morgen erblühn, und vor der Nacht
Verblühn, und Cedern trotzen den Stürmen tausend Jahr.

Ich sah des Weltmeers Wogen, wie Kön'ge, schaumgekrönt,
Vorm Fels sich niederwerfen, wie Beter am Altar.

Ich sah ein Tröpflein funkeln, Juwel am Sonnenstrahl,
Das, aufgeglüht zu werden, nicht scheute die Gefahr.

Ich sah im Menschenwimmeln sich Städt' und Häuser bau'n,
Und Hügelein zu häufen sich müh'n Ameisenschar.

Ich sah das Roß des Kriegers zertreten Stand und Land,
Daß seine Hufe wurden von Blute rosenfar.

Ich sah den Winter weben aus Flocken ein Gewand
Der Erde, die der Frühling verlassen nackt und bar.

Den Webstuhl hört' ich sausen, der Sonnenschleier wob,
Und sah ein Räuplein weben sein Grab aus Fädlein klar.

Ich sahe Groß und Kleines, und sah auch Kleines groß;
Denn Gottes Gleichnis sah ich in allem, was da war.

V.

Einst um Liebe, die Peri, hat der Dschinne Schmerz gefreit;
Damals trug er Lichtgewand, und noch nicht ein Feuerkleid.
Als die reizende Peri sich dem Freier abgewandt,
Ward sein Glanz verzehrende Glut, und blieb es seit der Zeit.
Sich verzehren wollt' er selbst, doch unsterblich fühlt' er sich:
Und die reizende Peri zu versehren, that ihm leid.
Ab ihr wenden wollt' er sich, über sich vermocht er's nicht;
Wo sie hin sich wendete, gab er ihr von fern Geleit.
Durch geheimen Zauber nun so verbunden sind die zwei;
Wo sich nur das eine zeigt, ist das andre auch nicht weit.
Wo in endliche Natur sich die Liebe senken will,
Schauern durch die Kreatur Schmerzen der Unsterblichkeit.
Wann die Rose öffnen will ihre Brust dem Himmelsstrahl,
Sprenget die verschlossene Knosp' ihr Trieb mit Schmerzlichkeit.
Wann des Lebens Schmetterling in der Puppe Tod erwacht,
Zeuget die geborstne Hülle, wie ihn Schmerz befreit.
Siehe, jede Zeitgeburt reißt nicht ohne Schmerz sich los;
Wäre Liebe ohne Schmerz die Geburt der Ewigkeit?

VI.

Ich sah ein Meer im Sturme, des Wogen mit Gezische
Sich brachen, und erloschen im weißen Schaumgemische.

Auf diesem Meere sah ich, wie untergingen Schiffe,
Auftauchten dann verwandelt und schwammen fort als Fische.

Dschelaleddin, o sage, du hast dies angerichtet,
Was Zauberer, bedeutet das Spiel, das zauberische?

Er sprach: So lang' du schwimmest auf künstlichen Gerüsten,
Bist du im Sturm nie sicher, daß dir die Kunst entwische.

Laß sinken das Gerüste, und schwimme rüstig weiter!
Den lebensfrischen Mut trägt des Lebensmeeres Frische.

Rückert. Die Rückert'schen Übersetzungen sind als Übersetzungen Rûmî's freilich kaum noch anzusehen. Dennoch teilen wir einige zur Probe mit, weil sie, unserem deutschen Geiste angepaßt, doch ganz im Geiste Rûmîs gehalten sind.

VII.

Ob auch dein Haupt zum Himmel ragt,
Vor Gott doch bist du nichts –
Wenn nicht dein Herz nach Liebe fragt,
Sehnsüchtig ihres Lichts.

Was rauh ist, Liebe macht es weich,
Macht Heldenseelen zag,
Den Feigen kühn, den Armen reich,
Und wandelt Nacht in Tag.

Sie lockt des Quells verborgne Flut
Aus hartem Felsgestein,
Ist schlangenklug, hat Löwenmut –
Schließt Erd' und Himmel ein.

Und ist die Seele anfangs schier,
Verwirrt von ihrer Pracht –
Einst doch reißt Liebe sie von hier
Aus ihres Kerkers Nacht.

H. Hart.

VIII.

Der du einzig lebend bist und weise, Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Uns begünstigst auf des Lebens Reise, Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Ein'ger, huldvoll öffnest du die Hände, herrlich bist du, heilig ohne Ende,
Und Erbarmen nur ist deine Spende; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Lüste sind's, die uns in Fesseln zwingen, Wünsche sind's, die Sklaverei uns bringen,
Und wir forschen nach verborgnen Dingen; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Schwach und dürftig sind wir und voll Schande, irren sinnlos durch entfernte Lande,
Sind gefesselt durch des Körpers Bande; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Die ihr Haupt an deine Schwelle legen, hört man, dir zum Lob, die Zunge regen,
Laut und still dich preisen allerwegen; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Vor dir müssen alle Übel schwinden, du beseitigst huldvoll alle Sünden,
Und gestattest Gnade uns zu finden; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Bald von Lüsten dieser Welt umstricket, bald vom Lohne jener Welt entzücket,
Bleibt der Meister unserm Blick entrücket; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Gleich dem Morgensang der Nachtigallen, sollen immer deine Klagen schallen,
Und in Schmerz und Sehnsucht sollst du lallen: Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Fürst, der weise alles löst und bindet, sieh die Schar der Diener, die erblindet,
Trost allein in deiner Gnade findet; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Du verhüllest deiner Diener Fehle, schmückest reich und herrlich Geist und Seele;
Unumschränkt sind deine Machtbefehle; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Laß uns nicht in Sünden untergehen, die wir reuig um Vergebung flehen;
Aber ach! im schwarzen Buche stehen; Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!
Horch, allnächtig ruft Dschelal im Drange heißer Liebe, dich, o Herr! und bange
Stimmt er zu des Cherubs heil'gem Sange: Herr und Gott, wir haben schwer gesündigt!

IX.

Gottes Mann ist stets berauscht, auch ohne Wein,
Gottes Mann wird ohne Braten satt auch sein.
Gottes Mann ist stets verwundert und verzückt,
Gottes Mann wird ohne Schlaf und Kost erquickt.
Gottes Mann ist nicht geformt aus Staub und Flut,
Gottes Mann ist nicht geformt aus Luft und Glut.
Gottes Mann wird auch im Mönchskleid König sein,
Gottes Mann gleicht einem Schatz in Wüstenei'n.
Gottes Mann ist eine Qiblah Richtung, in welcher der Tempel von Mekka steht, und nach welcher sich der Mohammedaner im Gebete wendet. weit im Land,
Gottes Mann ist stets des Rechtes Unterpfand.
Gottes Mann, ihm liegt sein Glaube beim Idol,
Gottes Mann, was nennt er Recht, was Unrecht wohl?
Gottes Mann erkennt der Wahrheit hohen Wert,
Gottes Mann ist nicht in Schrift und Buch gelehrt.
Gottes Mann gleicht eines Meeres weitem Schoß,
Gottes Mann träuft helle Perlen, wolkenlos.
Gottes Mann lebt stets verborgen. O mein Sohn!
Gottes Mann, ihn such' und finde, dir zum Lohn!

X.

Bald haßt man mich, bald bin ich der Verehrte,
Bald der Begehrende, bald der Begehrte;
Bald glückt es mir, die Sinne zu besiegen,
Bald siegen sie, und ich muß unterliegen;
Bald bin ich Joseph, Der Joseph der Bibel. Vrgl. bei Dschami »Jussuf und Suleicha.« der in Schönheit pranget,
Bald bin ich Jakob, der in Trauer banget;
Bald reißt mir Liebe die Geduld in Stücke,
Bald füg' ich mich, wie Job dem bösen Glücke.
Bald bin ich hohl wie Flöten, bald erfüllet,
Bald sinnlos, und in Weindunst bald gehüllet;
Bald macht ein Goldstück mich ins Feuer rennen,
Bald eine Silberbrust wie Gold mich brennen;
Bald reite ich auf eines Dives Rücken,
Bald neidet Job die Reize, die mich schmücken; Job, Hiob, nicht allein durch seine Leiden, sondern auch durch seine wunderbaren Reize bei den Mohammedanern ein Gegenstand der Verehrung.
Bald richtet sich auf Andacht all mein Streben,
Bald hab' ich sünd'gem Frevel mich ergeben;
Bald bin ich Wolf, bald Löwe und bald Schlange,
Bald bin ich Mensch und liebe und verlange;
Bald bin ich strenge, häßlich, rauh von Sitten,
Bald bin ich reizend, sanft und wohl gelitten;
Bald ist von Schande frei des Weisen Leben,
Bald ist er ganz der Schande preisgegeben.

XI.

Verstand, der ird'sche Lenker meines Strebens,
Zeigt mir der Welten Bahnen und ihr Walten.
Die Kunde vom Geheimnis meines Lebens
Ist in des Menschen Eigenschaft enthalten.
Der Worte Perlen, die mein Mund vergießet,
O laß an deines Geistes Ohr sie prangen:
Denn jetzt im Augenblick, der schnell verfließet,
Hält der Begeist´rung Odem mich umfangen.
Die Männer, wandelnd auf der Wahrheit Wegen,
Befragt' ich einst mit gläubig-frommem Sinne:
»Es ist wohl Gott an jedem Ort zugegen:
Doch welchen hält er vorzugsweise inne?«
Da hört' im Augenblicke von sechs Seiten von allen Seiten der Erde, die hier als ein Würfel gedacht wird: von oben, unten, rechts, links, vorwärts, rückwärts.
Mein Geistesohr die Worte zu ihm dringen:
»Das Herz nur kann der Gottheit Schatz bedeuten:
Du hörst in ihm der Gottheit Stimme klingen.«
Im Lichte, das ihr Wesen stets versendet,
Konnt' ihre Schönheit ich gar leicht erspähen:
Denn in dem Schimmer, den die Sonne spendet,
Kann, wo die Sonne weilt, man deutlich sehen.
O eile, Freund! denn meine Augen schauen
Jetzt einzig nur der Gottheit heil'gen Schimmer:
Erschien die Sonne strahlend auf den Auen,
Dann sieht man ja das Heer der Sterne nimmer.
Trink aus dem Becher der geweihten Liebe
Den Wein der Ewigkeit mit reinem Munde,
Denn sein Berauschen sind verliebte Triebe,
Und Höhe liegt in seinem tiefsten Grunde.
»Woll' uns des Herzens Rätsel doch erklären,
– So bat ich – Tebris' Sonne, Hoher, Reiner!« Scheich Tebrisi, s. Biographie Rûmîs.
Er sprach: »Ich will dich mein Geheimnis lehren:
Es sind die Worte: Außer Gott ist keiner!«

XII.

Ich war am Tag, als noch kein Name war,
Und man vom Dasein noch kein Zeichen fand;
Zum Zeichen formte sich des Freundes Haar,
Und Gott nur war der einz'ge Gegenstand;
Es kamen alle Namen nur von mir,
Zur Zeit, als noch kein Ich war und kein Wir.

Ich betete den Schöpfer an, zur Zeit
Als noch Maria nicht den Heiland trug;
Ich maß das Kreuz, ich maß die Christenheit,
Doch nicht am Kreuz hing der, nach dem ich frug;
Ich ging zum Götzenhaus, zum Tempel hin,
Doch fruchtlos sucht' ich eine Farbe drin.
Ich wollte nun ihn in der Kaba schau'n,
Des Greises wie des Jünglings höchstem Ziel,
Und ging nach Kandahar, nach Herats Gau'n,
Und suchte unten, suchte oben viel;
Umsonst! – Da trieb's mich auf den Kaf zu gehn:
Doch war von Anka Das Ringgebirge, welches sich der Sage nach um die ganze Welt herumzieht, und auf dem der Wundervogel Simurg, arabisch Anka, d. i. der Langhalsige, sein Nest hat. keine Spur zu sehn.

Durch sieben Erden drang ich fruchtlos vor:
Ich fand sie gleich den sieben Himmeln Nach dem Koran giebt es sieben Himmel und sieben Erden. leer;
Ich frug des Schicksals Tafel und sein Rohr, Rohr des Schicksals, Feder, mit der es die Geschichte eines jeden Menschen unauslöschlich in seine Tafeln schreibt.
Doch von ihm sprachen beide nimmermehr;
Es sah mein Aug', der Gottheit zugewandt,
Nur das, was ich als göttlich nicht erkannt.

Nun blickt' ich in mein eignes Herz hinein,
Da fand ich ihn, den sonst ich nirgends fand;
Da fühlte ich des Rausches süße Pein,
Und jedes Stäubchen meines Seins verschwand;
Und so wie Tebris' Sonne, klar und hehr,
Erschien kein Trunkner und Entzückter mehr.

XIII.

Im Gram verharren zeugt von niedrem Sinne;
Kein niedres Herz kann dein Geheimnis nähren.
Du bebst mit Recht, kannst du nicht Mut bewähren;
Ein Herz, das liebt, ragt an des Himmels Zinne.
Was du für Heilung hältst, macht dich erkranken;
Was du für Treue nimmst, ist List und Tücke;
Die Seele schwindet bei der Liebe Glücke;
Wo weilt Vernunft? Nur in des Wahnsinns Schranken.
Ein liebend Herz, Simurgen zu vergleichen,
Fällt in kein Netz, erfliegt des Himmels Höhen.
Um Niedres sieht man oft ein Herz sich drehen;
Doch solch ein Herz sieht Rast und Ruhe weichen.
Trink, Tebris' Sonne du, aus Moses Schale,
Dann wird dir Nilblut hell zum Wasserstrahle.

XIV.

Wär' auch die ganze Welt mit Dornen rings umstellt,
Ein Herz, das Liebe fühlt, bleibt stets ein Rosenfeld.
Dreht ohne Endzweck auch des Himmels Rad sich um,
Nicht ohne Endzweck doch ist der Verliebten Welt.
Es grämen alle sich, doch der Verliebten Herz,
Sieh, wie es heiter, froh und munter sich erhält.
Nie ist, wer liebt, allein; und wär' er auch allein,
Dem Liebling hat der Freund sich heimlich zugesellt.
Der Wein der Liebenden wogt aus der Brust hervor,
Und der Verliebte ist's, der Heimliches erzählt.
Verspreche hundertmal, die Liebe glaubt dir nicht,
Weil's an so mancher List den Schönen nie gefehlt.
Siehst du Verliebte krank, so hast du sicherlich,
Neun Liebchen an dem Haupt des kranken Freunds gezählt.
Besteig' der Liebe Pferd, ganz sorglos um den Weg:
Das Pferd der Liebe trabt ja immer gleichen Zelt;
Es bringt in einem Ritt dich zu der Poststation,
Wär' auch die Straße rauh und noch so schlecht bestellt.
Ein liebend Herz verschmäht der ird'schen Speise Kost,
Ein liebend Herz ist stets ja nur ein Becherheld.
Durch Tebris' Sonnenlicht des Glaubens findest du
Ein Herz, das sich in Rausch und Nüchternheit gefällt.

XV.

Der Du schufst der Himmel Sieben, kraftlos bin ich, sende Hilfe!
Du, den Jung' und Alte lieben! Kraftlos bin ich, sende Hilfe!
Der Du Geist und Seele zügelst, Zeit und Raum mit Kraft beherrschest,
Kennst, was uns geheim geblieben! Kraftlos bin ich, sende Hilfe!
Gnädig gegen Gut' und Böse, kennst in Huld Du keine Grenzen:
Ein'ger ruf' ich schmerzgetrieben – kraftlos bin ich, sende Hilfe!
Du Bereich'rer des Verarmten, Du Gefährte des Verlass'nen,
Hast dich Treuen treu verschrieben; kraftlos bin ich, sende Hilfe!
Mund und Gaum preist deinen Namen; Tag und Nacht ruft meine Stimme:
»Lenker Du von allen Trieben! Kraftlos bin ich, sende Hilfe!«
Du des Glaubens lichte Sonne! Mir, dem Vogel in dem Käfig,
Wolle Hilfe nicht verschieben! Kraftlos bin ich, sende Hilfe!

XVI.

Der Du herrschest auf dem ew'gen Throne,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!
Du des Lebens, der Erbarmung Krone,
Großer Gott, verzeihe und verschone!

Der Du schaffest und voll Huld ernährest,
Nächte dunkel machst und Tage klärest,
Und Vergebung jeder Schuld gewährest,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Der Du das Verhüllende verdeckest,
Das Geheimste aus den Tiefen weckest,
Alle Thaten kennest und vollstreckest,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Mächtig bist Du, und ich bin der Schwache,
Schlafend leb' ich, und Du bist der Wache,
Sündig bin ich, Huld ist Deine Rache,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Wenn ein Thor hat Falsch und Trug gesponnen,
Wenn ein Weiser Kluges hat begonnen,
Wenn ein Diener fehlte unbesonnen,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Wer den Hals von Deinem Reich gewendet,
Hat stets spur- und namenlos geendet,
Der Du Dürft'gen Hilfe stets gespendet,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Thaten will ich, Kenntnis nicht erflehen;
Schlau und falsch hat man mich stets gesehen.
Der Du nie und nimmer wirst vergehen,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Laß mich, ach, nicht meine Fehler lieben,
Fürst, der nur Gerechtigkeit kann üben,
Weil ich Frevel sonder Zahl getrieben,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Der Du Balsam in die Herzen gießest,
Freundlich jeden Körperschmerz versüßest,
Und, als Schlüssel, jedes Thor erschließest,
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Auf der Flur hat man des Ostes Wehen
Frech der Rose Hemd zerreißen sehen,
Und es schien ihr holdes Aug' zu flehen:
»Großer Gott! Verzeihe und verschone!«

O Gefährte Du der dunkeln Mächte!
Du erschufst und nährest Deine Knechte.
Leite meine Seele hin zum Rechte:
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Sprich: » Ein Gott herrscht in der Welten Reichen,
Einig, einig, nimmer zu erreichen;
Und ich konnte andre ihm vergleichen?
Großer Gott! Verzeihe und verschone!«

Der Du schufst die lichten Himmelssäle!
Blicke nicht auf meine häuf'gen Fehle,
Denn gleich sündig stets blieb meine Seele;
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Nur die Gottheit kann Dein Wesen lehren;
Ewig werden Deine Zeichen währen;
Deine Spiegel sind des Sieges Ehren;
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Netze sind auf Berg und Thal zu sehen:
Mocht' ich fromm sein, mocht' ich mich vergehen,
Horcht' nicht minder auf des Sängers Flehen;
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Ich erlitt zu wiederholten Malen
Von den Menschen jede Art von Qualen;
Rein vom Roste soll mein Herz doch strahlen;
Großer Gott! Verzeihe und verschone!

Leicht durchschreiten wir der Welt Gefährde,
Wenn uns Gott erleichtert die Beschwerde.
Rufe stets: »O Unbestand der Erde!
Großer Gott! Verzeihe und verschone!«

Glaubenssonne! Im Tebris der Seele
Drückst das Siegel du auf die Befehle;
Sprich vom Herzen denn mit lauter Kehle:
»Großer Gott! Verzeihe und verschone!«

XVII.

Sieh, es nahet uns der Schenke mit des ew'gen Weins Pokale:
Trinket aus dem ew'gen Becher und verschmäht die ird'sche Schale!
Sättigt euch, doch ohne Speise; horchet auf, doch ohne Ohren;
Sprecht, doch ohne Schall und Worte; schweigt, als wär't ihr stumm geboren!
Seid stets fröhlich, o Verliebte, trinkt und zecht nach Wohlgefallen!
Schwingt euch auf der Hoheit Rücken, tretet in die Marmorhallen!
Weckt des Herolds laute Stimme; Männern nur gilt sein Verlangen:
Des Gerichtes Herold nahte, und ihr seid in Lust befangen!
Trinkt, um ganz den Durst zu löschen, schwelgt, um Wonne zu erjagen;
Dieser Tag gehört der Feier: feiert nach der Faste Tagen!
O willfahret, o willfahrt uns auf der Einheit reinen Wegen!
Einem Flusse sind wir ähnlich: taucht darein, so wird euch Segen!
O Vertrauter Selsebilens! Wir sind Selsebilens Quelle: Quelle im Paradiese.
Auf denn, holder Knabe, leit' uns zu des Paradieses Schwelle.

XVIII.

Unser Reigen, Der Reigen (Semaa) ist der Tanz der Derwische, deren Stifter Rûmî ist. Dieser Tanz, eine Nachbildung des Kreisens der Sphären, scheint indischen Ursprungs zu sein, indem nach der indischen Mythologie der Gott der Harmonie mit der Flöte die himmlischen Körper ringsum sich in Bewegung setzt. Auch erinnert dieser planetarische Tanz an jenen der Cureten. Der Reigen wird noch heute, allwöchentlich, Dienstags und Freitags, nach dem Mittagsgebete in dem Oratorium der Derwische ausgeführt. teure Seele, ist nur geistiger Natur;
Meide drum bei diesem Tanze stets des Hochmuts fernste Spur.

Unser Reigen kennt den Dünkel, kennt die schnöde Selbstsucht nicht;
Männlich deinem Selbst entsagen sei darum dir strenge Pflicht.

Unser Reigen ist nicht Körpern, ist nicht Seelen unterthan;
Schwinge dich im Sphärenschwunge über aller Sekten Wahn!

Unser Reigen ist Berauschung, Liebe ohne Sinnentrug,
Und er gähret gleich dem Weine in des Körpers irdnem Krug.

Unser Reigen bannt die Bosheit, bannt den Haß aus jeder Brust,
Macht gar leicht dich frei vom Stolze, reinigt dich von wilder Lust.

Unser Reigen läßt der Seele wundervollen Garten schau'n;
Deines Grames Rosenfelder wandelt er in Rosenau'n.

Unser Reigen ist des Lebens, ist der Jugend ew'ger Quell,
Bist du, Chiser, Ein Prophet, fand nach der Legende den Quell des Lebens. o so trinke von dem Lebenswasser schnell.

Unser Reigen ist ein Festtisch, wo Gott Köstliches vereint;
Wohl der glückbeteilten Seele, die dabei als Gast erscheint!

Unser Reigen ist ein seltnes wunderbares Unterpfand,
Das des Allerbarmers Gnade legte nur in Menschenhand.

Unserm Reigen bebt die Erde, wenn ihr Auge auf ihn fällt,
Und von Furcht und Angst erschüttert wird des Himmels Azurzelt.

Unser Reigen, alle sprechen, die da einmal ihn gesehn:
»Nimmer haben wir die Kräfte, jenen Tanz zu überstehn!«

Unser Reigen ist der Anteil, der in reinen Geistern wohnt,
So wie unsers Körpers Anteil jener Geist, der in ihm thront.

Unser Reigen ist voll Fürsten, herrschend in der Liebe Land:
Sieh, wie einer stets dem andern des Verdienstes Ball entwand!

Unser Reigen ist ein Pfandgut, das der Schöpfer, huldbewegt,
In des dankerfüllten Adams frohe Hände hat gelegt.

Unser Reigen ist erhaben über jede Himmelsflur;
Unerforscht ist dies Geheimnis, und du prüfst es fruchtlos nur.

Unser Reigen ist die Wüste, immerdar mit Blut gefüllt;
Horch, wie in der Wüsten Mitte eine Schar von Löwen brüllt!

Unser Reigen ist als männlich, ist als kriegerisch bekannt,
Weil er stets aus seinem Kreise alle Weiber hat verbannt.

Unser Reigen ist kein Wohnplatz für die niedre Dienerschar;
Jeder ist darin ein König, ja ein Weltmonarch sogar.

Unser Reigen ist die Wonne, Gott von Angesicht zu schau'n:
Vor des Teufels schlauen Ränken darf darin uns nimmer grau'n.

Unser Reigen – wenn der Mollah fromm in dessen Ringe weilt,
Wanket er und wird von Schrecken und von banger Furcht ereilt.

Unser Reigen – setzt der Mollah sich in dessen hehren Kreis,
Nahen Gottes fromme Männer diesem Kreise scharenweis.

Unser Reigen – zwar man übt ihn nur auf niedrem Erdengrund,
Und doch macht er Sonnen kreisen und der Sterne lichten Bund.

Unser Reigen ist ein Festtag, kennt nur Lust und keinen Schmerz,
Und kein Seufzen und kein Stöhnen preßt er aus der Menschen Herz.

Unser Reigen ist das Leben, ist die Seele der Natur;
Ohne Seele ist die Erde wohl ein lächelnd Feuer nur.

Unser Reigen ist ein Garten, Huris weilen drin voll Huld;
Aber ach, du bist erblindet, und dies ist nicht meine Schuld.

Unser Reigen, ihn beschränket nicht des Himmels hehres Feld,
Denn an Höhe sind ihm Schranken, sind ihm Grenzen nicht gestellt.

Unser Reigen gleicht dem Schatze, der mit Perlen ist gefüllt;
Tausend Meere, tausend Schachte hat er überall enthüllt.

Unser Reigen ist unschätzbar, ist der köstlichste Gewinn;
Drum, o Sohn, gieb nicht zu wohlfeil, gieb um keinen Preis ihn hin.

XIX.

Schon naht der Herbst, o Gärtner! Auf den Wangen
Der Blätter zeigt sich seine fahle Spur;
O Gärtner, horch der Bäume lautem Bangen,
Und horch der stummen Klage auf der Flur!
Die Lippe schweigt, das Aug', vom Naß umfangen,
Beweint die Safranfarbe der Natur;
Des Grames Rabe hat den Hain betreten,
Und fragt nun spöttisch, wo sich Rosen betten?

Wo sind Jasmin und Lilje hingekommen?
Wo ist die Wiese hold in Grün gehüllt?
Habt ihr von Früchten-Ammen nichts vernommen,
Und vom Behälter, stets mit Milch gefüllt?
Mein Sprosser, meine Taube sind entschwommen!
Wo ist des Psittichs, wo der Pfauen Bild?
Weil Adam von dem Unglückskorn genossen, Nach dem Koran ist es nicht ein Apfel, sondern ein Korn gewesen, dessen verbotener Genuß Adam aus dem Paradiese trieb.
Ist ihre Krone, ist ihr Schmuck zerflossen.

Wie Adam einst, klagt jetzt der Rosengarten.
Wenn Gott auch sprach: »Verzweifeln sollt ihr nicht.«
In Trauer stehn die Bäume, die gescharten,
Und stöhnen, fruchtleer, ob dem Strafgericht.
Vom Storche muß ich noch auf Antwort warten,
Ob ihn das Grab umfängt, ob Himmelslicht?
Bald rauscht der Bach, o Rabe, durch die Wiese
Und schafft die Welt zum neuen Paradiese.

O Schwätzer! laß drei Monde nur entschwinden,
Dann schaut dein blindes Aug' der Erde Pracht;
Und Esrafil wird uns das Licht entzünden,
Und wir erwachen aus des Todes Nacht.
Wie lang noch wirst du Zweifel uns verkünden,
Und blut'gen Auges schau'n des Himmels Macht?
Bald stirbt des Herbstes Wurm und seine Plagen,
Und wonnig wird des Glückes Morgen tagen.

O holder Morgen, mach' das Dunkel weichen,
Und laß der Wärme Zauber sich erneu'n!
O Sonne, trete in des Widders Zeichen,
Entflieh' dem Mars und wolle Ambra streun!
Laß Rosen lächeln und belebe Leichen,
Laß alles sich der höchsten Klarheit freun!
Gleich Körnern drangen wir aus unsrer Hülle,
Und Gaben bringt der Garten nun in Fülle.

Vom Schönheitsglanze ist die Au' umflirret;
Der Zeitenkreis rühmt seine Vaterschaft;
Der Storch, der auf des Köschkes Kiosk, Pavillon. Zinnen schwirret,
Ruft: »Dein, o Herr, ist Macht und Reich und Kraft!«
Der Sprosser schlägt, die Turteltaube girret
Vom jungen Glück, das kräftig wirkt und schafft;
Drum schweig' und horche auf der Vögel Lieder;
Sie schweben ja vom Geisterlande nieder.

XX.

Du schenkst mir deine Liebe; doch ich will dich versehren – drum horch!
Erhebe keine Bauten, denn ich will sie verheeren – drum horch!
Baust du zweihundert Häuser, Ameisen gleich und Bienen,
Ich heiße doch Verwandte und Freunde dich entbehren – drum horch!
Du trachtest stets die Männer und Weiber zu berauschen,
Doch ich will dein Erstaunen und deinen Rausch vermehren – drum horch!
Durchschreite kühn das Feuer, wie's Gottes Freund Abraham. durchschritten,
Zu hundert Rosenauen will ich die Glut verklären – drum horch!
Wenn Armut dich, gleich Mühlen, im raschen Schwunge drehte,
Will ich empor dich heben hoch zu des Himmels Sphären – drum horch!
Und wärst du auch an Weisheit ein Lokman oder Plato,
Will ich mit einem Blicke dich ganz und gar bethören – drum horch!
Du liegst in meinen Händen wie ein erlegter Vogel:
Ich, Jäger, will für Vögel dich in ein Netz verkehren – drum horch!
Du schläfst gleich einer Schlange, beim reichen Schatz, o Wächter!
Ich krümme dich, o Schlange: du wirst umsonst dich wehren – drum horch!
O Muschel, traure nimmer, da dich mein Meer umfangen:
Als Muschel soll dein Busen die hellsten Perlen nähren – drum horch!
Es können nimmer Schwerter dir an die Seele dringen,
Wirst du dich mir als Opfer, gleich Ismail Abrahms Sohn, aus der Bibel bekannt. bewähren – drum horch!
Und ward dein Saum beflecket, so greif' nach meinem Saume;
Ich will dir einen Lichtsaum dem Monde gleich bescheeren – drum horch!
Ich bin der Vogel Huma, Königsvogel oder Morgenvogel, trägt Ring und Feder in den Klauen, als die Zeichen der Herrschaft und des Ruhmes. voll Huld dein Haupt beschattend:
Ich will, man soll als Sultan, als Feridun Mächtiger König, der siebente aus der Pischdadierdynastie; im »Schah-nameh« wird seine Geschichte besungen. dich ehren – drum horch!
Ich warne: »Lese nimmer, sei stumm stets und geduldig;
Ich will die wahre Lesung des heil'gen Buchs dich lehren – drum horch!«

V. v. Rosenzweig.

XXI.

Die Pilger, die zur Kaba ausgegangen,
Wenn endlich sie zum Ziele hingelangen,
Sehn sie ein Haus von Stein, erhaben, heilig,
Von kahlen, Thalabhängen rings umfangen.
Sie ziehen aus und hoffen Gott zu schauen –
Sie suchen viel, umsonst ist ihr Verlangen!
Doch schallt wühl eine Stimme aus dem Tempel,
Wenn dessen Schwell' inbrünstig sie umfangen:
»Was betet ihr zu Thon und Stein, ihr Thoren!
Das Haus verehrt, nach dem die Reinen rangen!
Des Herzens Haus, das Haus des Wahren, Einen;
O selig, die in diesen Tempel drangen!
Heil denen, die da ruhn, wie Schems Scheich Schems-ed-dîn Tebrizi, s. Biogr. daheim,
Und kosten nicht den Wüstenpfad, den langen!«

G. Rosen.

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