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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 21
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
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Sadi.

Muslich-ed-dîn Sadi wurde ungefähr 1184 n. Chr. in Schîrâz geboren, wo sein Vater Abdallah im Dienste des dort regierenden Herrschers der Provinz Fars, Sad ibn Zeugi, stand. Nach dem Tode des Vaters wurde er von diesem seinem fürstlichen Gönner in die berühmte Medrese nach Bagdâd geschickt, die nach ihrem Begründer, dem berühmten Vezier Nisâm el mulk, die Nizâmijje genannt wurde. Sein Lehrer war der Scheich Schemseddîn Abulfarach Ibn el-Chauzî. Wahrscheinlich verbrachte er hier eine Reihe von Jahren, und bemächtigte sich auch der arabischen Sprache, in der er einige Kassiden schrieb. Früh bereits scheint er zu größerem dichterischem Ruhme gelangt zu sein. Ca. 1226 (623 d. Hedschra), infolge der durch die Mongolenstürme hervorgerufenen Umwälzungen, machte er sich auf Reisen, auf denen er ungefähr dreißig Jahre zubrachte; er kam weit umher, nach Indien, Arabien, Syrien, Ägypten u. s. w. und soll vierzehnmal die Pilgerfahrt nach Mekka angetreten haben: als Einsiedler lebte er in der Wüste bei Jerusalem, wurde von Franken gefangen genommen, und mußte in Tripolis niedere Arbeiten verrichten. Ein vornehmer Mann von Haleb erkannte ihn, kaufte ihn für zehn Dinare frei und gab ihm seine Tochter zur Gattin. Doch war diese Ehe eine äußerst unglückliche. 1257 finden wir Sadi wieder in Schîrâz wohnen, beschäftigt mit der Zusammenstellung seiner berühmtesten Werke, des »Bostan« (»Fruchtgarten«), welcher 1257 fertig wurde und des »Gülistan« (»Rosengarten«), der im folgenden Jahre zustande kam. Sadi soll 102 Jahre alt geworden sein, was nicht unwahrscheinlich erscheint: jedenfalls erreichte er ein hohes Alter und wurde zu Schîrâz begraben, wo sein Grabmal, wie das des Hafis, gezeigt wird. Außer jenen genannten Hauptschöpfungen enthält die Sammlung Sadischer Werke Ghaselen, Kassiden, Ghaselenfragmente und Vierzeiler, sowie einige Prosaabhandlungen moralischen, aber auch priapeischen Charakters, darunter ein »Rat für Könige«, der in zwei Abteilungen zerfällt, eine prosaische und eine in Versen gehaltene Spruchsammlung. Aus der letztern sind die unten mitgeteilten von Bacher übersetzten Aphorismen und Sprüche.

Aus dem »Bostan.«

Erste Abteilung: Von der Gerechtigkeit und Regierungskunst.

Der sparsame König.

Ein edler König war, von dem sie sagen,
Daß er ein Kleid von grobem Stoff getragen.
Als jemand sprach: »O Fürst auf Glückes Bahn,
Zieh doch ein Kleid von Seid' aus China an,«
Antwortet' er: »So dient's zur Hülle und Decke,
Doch thu' ich mehr, hat's nur den Prunk zum Zwecke.
Nicht darum nehm' ich Steuer ein und Zoll,
Daß ich den Leib und Thron mir schmücken soll.
Will ich den Weibern gleich mit Putz mich tragen,
Wie soll ich dann als Mann den Feind verjagen?
Wohl hab' ich hundertfache Lust und Gier,
Allein der Schatz gehört ja nicht bloß mir;
Den Schatz muß ich des Heeres wegen füllen,
Nicht um des Putzes und des Prunkes willen.
Pflegt die Soldaten nicht der Fürst nach Pflicht,
Bewachen sie des Reiches Grenzen nicht.
Kann keck der Feind des Bauern Pferd entführen,
Wozu dem König Zehnten und Gebühren?
Die Steuer nimmt der Fürst, das Pferd der Feind;
Wie bleibt mit solchem Thron das Glück vereint?
Die Schwachen drücken ist nicht edle Weise;
Das Huhn nur schnappt das Korn weg der Ameise.
Das Volk, es ist ein Baum, der wohl gepflegt,
Nach deiner Freunde Wunsch dir Früchte trägt;
Reiß' ihn nicht grausam aus mit Stamm und Zweigen,
Sich selbst zu schaden ist den Thoren eigen.
Mit Wohlsein und Genuß ist reich beglückt,
Wer seine Untergebnen nicht bedrückt.
Muß auch der Unterthan sich machtlos beugen,
So wird sein Seufzen doch zum Himmel steigen!
Wo Güte nur gewinnt des Landes Gut,
Da fließe durch Gewalt kein Tropfen Blut.
Fürwahr, die ganze Erde zu gewinnen,
Darf nicht ein Tropfen Blut zur Erde rinnen.

Der große Dschemschid Mythischer König der Perser, welcher das Volk den Ackerbau u.s.w. lehrte. Seine Kämpfe mit Zohak hat Firdusi besungen. grub auf einen Stein
An einer Quelle diesen Spruch einst ein:
»Es ruhten manche aus an dieser Stelle,
Und gingen, als sich schloß des Lichtes Quelle;
Die Welt erobert' ich durch Kraft und Mut,
Doch nehm' ich nichts ins Grab von meinem Gut.«

O pein'ge nicht, hast du ihn überwunden,
Den Feind, er hat schon Schmerz genug empfunden;
Lebend'ger Feind in Hut ist besser als
Des toten Feindes Blut auf deinen Hals.

Der Edle kennt keine Selbstsucht.

Der Herr, der von der Trommel Schall erwacht,
Was weiß er, wie dem Wächter war die Nacht?
Der Wandrer hat die eigne Last zu tragen,
Wird um des Esels Bürde sich nicht plagen;
Doch wenn du keiner der Gefallnen bist,
Was stehst du da, wenn du Gefallne siehst?
Darüber will ich etwas dir erzählen,
Denn unrecht wär' es, ließ ich dieses fehlen.

In Syrien war einst ein so dürres Jahr,
Daß Freundesliebe selbst vergessen war.
So karg erwies der Himmel sich der Erde,
Daß Palm' und Saat umsonst nach Naß begehrte.
Vertrocknet war des Wassers ew'ger Quell,
Nur aus der Waise Augen floß er hell;
Nur aus der Witwe Brust könnt' er entspringen,
Sah man noch Rauch aus einem Fenster dringen,
Die Bäume sah ich nackt, von Schmuck entblößt,
Des Starken Arm in Schwäche aufgelöst;
Kein Grün besaß der Berg, kein Gras die Wiese,
Heuschrecken fraßen es, und Menschen diese.
Damals bot meinem Blick ein Freund sich dar,
Auf dessen Knochen nur die Haut noch war.
Ich war erstaunt, er war sonst stark gebauet,
An Gütern reich, mit hohem Amt betrauet.
»O lautrer Freund,« sprach ich, »ich bitte dich,
Was für ein Unheil drückt dich nieder? sprich!«
Entrüstet rief er aus: »Bist du bei Sinnen?
Du weißt's und fragst! sündhaft ist dein Beginnen.
Siehst du nicht, daß beim Äußersten es steht,
Das Unheil über alle Grenzen geht?
Der Himmel will kein Naß herab uns bringen,
Des Jammers Rauch nicht auf zum Himmel dringen.«
Ich sprach: »Doch du, du fürchtest keine Not;
Wo Gegengift ist, bringt nicht Gift den Tod;
Mag den, der nichts hat, treffen das Verderben,
Du hast: wird in der Flut die Ente sterben?«
Er sah mich an mit kummervollem Mut,
Wie es der Weise bei den Thoren thut:
»Ist einer an dem Ufer auch geborgen,
Wird er nicht für den Freund im Wasser sorgen?
Nicht meine Not macht hager mein Gesicht,
Der andern Not ist's, die durchs Herz mir sticht.
Der Edle möchte Wunden nicht erblicken,
Ob andrer Leib, ob sie den eignen drücken.
Bin ich, gottlob, auch ohne Wunde noch,
Wenn eine Wund' ich sehe, schaudr' ich doch.
Verbittert ist die Freude des Gesunden,
Hat er zur Seite einen krank voll Wunden.
Seh' ich den Armen hungernd an der Thür,
So wird zu Gift im Hals der Bissen mir.
Wo meine Freunde im Gefängnis schmachten,
Kann ich der Freude nicht im Garten achten.«
Der Seufzer Rauch facht einst ein Feuer an,
Halb Bagdad brannte davon ab, sagt man.
»Gottlob!« rief einer, als die Stadt verheeret,
»Es blieb doch meine Bude unversehret.«
»O Mann der Selbstsucht,« sprach ein weiser Mann,
Dich kümmert nur, was dich selbst treffen kann!
Mag eine Stadt doch auf in Flammen gehen,
Bleibt unversehrt das eigne Haus nur stehen!«
Ein Herz von Stein nur ißt sich dick und satt,
Wenn auf dem Bauch den Stein ein andrer hat. d. h. nur ein Mann mit steinernem Herzen kann sich den Magen füllen, während ein anderer, vom Hunger gequält, einen Stein auf den Bauch binden muß.
Wie kann der Reiche an das Essen denken,
Sieht Arme er mit blut'gem Gram sich tränken?
Gesund ist der nicht, der den Kranken pflegt,
Dem Kranken gleich, ist er von Schmerz erregt.
Ein Edler, der zum Rastort schnell getrieben,
Schläft nicht, wenn Freunde noch zurückgeblieben.
Der Kön'ge Herz fühlt selbst sich schwer gedrückt,
Sehn sie den Esel tief im Schlamm gebückt.
Ruht Glück und Heil auf eines Hauses Pforten,
Genüget eines ihm von Sadis Worten:
Genug ist's, wenn es dir zu Herzen geht,
Daß keinen Jasmin mäht, wer Dornen sät.

Mamun und das Mädchen.

Als Mamun der Chalif Sohn des berühmten Harun al Raschid. Regierte von 813-833. in Bagdad thront',
Kauft' er ein Mädchen, lieblich wie der Mond;
Scharfsinn war ihr ein Spiel, ihr Leib voll Wonne
Ein Rosenstock, ihr Antlitz eine Sonne;
Die Fingerspitzen färbte, in das Blut
Der Mächt'gen tauchend sie mit Hennaglut,
Selbst Heilige verführten ihre Brauen,
Wie Regenbogen vor der Sonn' zu schauen.
In stiller Nacht verweigerte den Leib
Dem Mamun einst das Hurigleiche Weib.
Des Zornes Feuer konnt' er nicht verhalten,
Wie Zwillingspaar wollt' er das Haupt ihr spalten.
Sie sprach: »Schlag' ab mit scharfem Schwerte hier
Mein Haupt, doch habe nichts zu thun mit mir!«
»Was ist's, sprach er, das deine Ruh gestöret?
Was hab' ich an mir, das dich so empöret?«
»Magst du, sprach sie, mich dem Verderben weihn,
Das Riechen deines Mund's ist meine Pein;
Durch Pfeil und Schwert stirbt man auf einmal schmählich,
Durch den Geruch des Mundes nur allmählich.«
Als dieses Wort der mächt'ge Fürst vernimmt,
Fühlt er sich tief empöret und ergrimmt;
Er nimmt Arznei, so schwer es ihn auch kränket,
Die ihm wie Rosenduft den Odem schenket.
Die Schöne nahm er zur Gefährtin sich:
»Sie sagt die Fehler mir, drum liebt sie mich.«

Der will, so mein ich, daß es wohl dir gehet,
Der dir es sagt, was dir im Wege stehet.
Wer zum Verirrten sagt: Du gehest recht,
Gewiß der handelt frevelhaft und schlecht.
Wenn andre nicht den Fehler bei dir schelten,
So wird der Fehler dir als Tugend gelten.
Sprich nicht: Nimm honigsüßen Zucker ein,
Kann einem nur Scammonium heilsam sein.
Des Apothekers Wort wird wahr erfunden:
»Nimm bitt're Arzenei, willst du gesunden.«
Suchst du ein gutes Mittel, weil du krank,
Nimm ein von Sadis Rat den bittern Trank,
Geseihet in verständ'ger Einsicht Siebe,
Gemischt mit Honig thät'ger Gottesliebe.

Zweite Abteilung: Vom Wohlthun

Abraham und der Feuerdiener

Kannst du's, laß nie vom Mitleid ab dich lenken,
Wer Mitleid schenkt, dem wird man Mitleid schenken.
Sei stolz nicht darauf, daß du gütig bist,
Weil du so hoch, ein andrer niedrig ist;
Getroffen ward er von des Schicksals Streichen,
Kann dich des Schicksals Schwert nicht auch erreichen?
Siehst Tausende du flehn nach deiner Huld,
Dem Herrn bezahle du des Dankes Schuld,
Daß sich nach dir die Augen vieler wenden,
Und nicht dein Auge blickt nach and'rer Händen.
Die Großmut, sagt' ich, sei der Großen Ruhm:
Nein, sie ist der Propheten Eigentum.

In einer Woche war, wie ich vernommen,
Kein Wandrer einst zu Abraham gekommen.
In edelm Sinn aß früh er nichts allein,
Es kehrte denn ein Armer bei ihm ein.
Er ging hinaus, um hin und her zu spähen,
Da sah er an dem Rand der Wüste stehen
Gleich einer Weide einsam einen Greis,
Des Hauptes Haar vom Schnee des Alters weiß.
Er wandte zu ihm grüßend seine Schritte,
Und lud ihn ein, wie es der Edeln Sitte:
»O meiner Augen Stern, geliebter Mann,
Nimm Brot und Salz doch gütig bei mir an!«
Er sagte zu und folgte dem Geheiße;
Wohl kannte er des Hochgepries'nen Weise.
Von Dienern ward, wie Gästen es gebührt,
Der arme Greis zum Ehrenplatz geführt;
Dann brachten sie den Tisch mit Trank und Speise,
Und alle setzten sich darum im Kreise.
Als man: »Im Namen Gottes!« drauf begann,
Vernahm kein Wort man von dem alten Mann.
»O Greis,« sprach Abraham, »das lange Leben
Hat dir der Greise Andacht nicht gegeben!
Erfordert nicht die Pflicht, daß, wenn man speist,
Man auch den Herrn der Speise dankend preist?«
»Von deinem Pfad,« sprach er, »bleib' ich entfernet,
Das hab' ich bei dem Magier nicht gelernet.«
Da ward der heilige Prophet gewahr,
Daß er ein schlechter Feuerdiener war;
Verächtlich jagt er fort ihn von den Seinen;
Was unrein, ist ein Greuel für die Reinen.
Der Engel kam vom Herrn der Welt sofort,
Und sprach mit strengem Vorwurf dieses Wort:
»Ich hab' ihn hundert Jahre wohl getragen,
Mußt du mit Abscheu ihn sogleich verjagen?
Hebt er zum Feuer auch des Flehens Blick,
Warum ziehst du der Güte Hand zurück?«

Man lebe nicht von andrer Mühe

Ein Mann sah einen Fuchs einst ohne Beine,
Begriff nicht, wie hier Gottes Güt' erscheine;
»Ist's möglich, daß zu leben er vermag?
Woher erhält er Speise jeden Tag?«
Der Derwisch war darob in sich zerfallen;
Da kam ein Leu, den Schakal in den Krallen,
Der fraß den Schakal hier nach Löwen Art,
Genug blieb, daß der Fuchs auch satt noch ward;
Am andern Tag ließ sich ein Habicht nieder,
Und so versorgte Gott ihn immer wieder.
Da glaubt' ein neues Licht der Mann zu schaun.
Er wollte fortan nur auf Gott vertraun,
Als Ameis' in dem Winkel ruhig leben:
»Auch Löwen kann Gewalt den Fraß nicht geben.«
Das Kinn steckt' in den Kragen er in Ruh:
»Aus dem Verborgnen sendet Gott mir's zu.«
Doch will nicht Freund noch Fremder bei ihm pochen,
Wie Klauen dürr wird Ader, Haut und Knochen.
Als er Geduld und Sinne schon verlor,
Da aus der Zelle Wand schallt's an sein Ohr:
»Geh' Taugenichts, ein wilder Löwe werde,
Nicht wie ein lahmer Fuchs wirf dich zur Erde.
Als Löwe schaffe, daß was übrig ist,
Sei nicht ein Fuchs, der satt vom Rest sich frißt.«
Hat einer wie die Löwen starke Glieder,
Ein Hund ist er, legt er als Fuchs sich nieder.
Geh' hin auf Fang, gieb andern zum Genuß,
Und lau're nicht auf andrer Überfluß.
Kannst du's, mit eignem Arm dein Brot erjage:
Was du gethan nur wiegt auf deiner Wage.
Um andrer Wohl sei du als Mann bestrebt;
Ein Schurke, wer von andrer Mühe lebt.
Nimm bei der Hand, willst du dir raten lassen,
Latz nicht von andern bei der Hand dich fassen.
Dem Knechte wird der Herr nur gnädig sein,
Durch welchen die Geschöpfe sich erfreun.
Wer Hirn hat, wird auch gern großmütig schenken,
Denn haut- und hirnlos sind, die niedrig denken.
In beiden Welten trifft der Gutes an,
Der Gottes Volke Gutes hier gethan.

Dritte Abteilung: Von der Liebe.

Der Bettler vor dem Gotteshause.

Ein Durst'ger sprach, als seine Sinne schwanden:
»Heil denen, die den Tod im Wasser fanden!«
»Was thut's, wenn du ja doch stirbst, sprach ein Thor,
Ob naß, ob trocken ist dein Mund zuvor?«
Er sprach: »So kann ich meinen Mund doch netzen,
Muß ich mein Leben auch zum Pfande setzen,«
Der Durst'ge stürzet gierig, weiß er gleich
Daß er ertrinkt, sich in den tiefen Teich,
Liebst du, du mußt des Freundes Schleppe fassen,
Und mußtest du ihm auch das Leben lassen.
Ins Paradies der Ruhe gehst du ein,
Durchschrittst du erst des Nichtseins Höllenpein,
Der Sä'nden Herz ist schwer von Müh und Sorgen;
Wie ruhig schlafen sie am Erntemorgen!
Der hat hier seines Sehnens Wunsch erreicht,
Dem man in jener Welt den Becher reicht.
Von reichen Armen, die den Pfad Den Pfad des Lebens in Gott, der Beschaulichkeit. erwählet,
Von Fürsten, Bettlern wurde mir erzählet,
Daß einst ein Greis ging früh zum Betteln aus,
Und flehend rief vor einem Gotteshaus,
Da sagt ihm einer: »Hier wohnt niemand drinnen
Der dir was giebt, drum hebe dich von hinnen!«
»Wer ist's denn, fragt' er, dem das Haus gehört,
Daß mitleidslos er andrer Fleh'n nicht hört?«
»Halt' ein, rief jener, sündhaft sind die Worte,
Denn unser Herr ist Herr von diesem Orte.«
Als Leuchter dann und Kanzel er gesehn,
Blieb er aus heißem Herzen seufzend stehn:
»Ach! unrecht ist es, diesen Ort zu meiden!
Sollt' ich getäuscht von dieser Pforte scheiden?«
Ein ganzes Jahr, hör' ich, verweilt' er dort,
Hob flehend auf die Hände fort und fort,
Einst nachts glitt mit dem Fuße aus sein Leben,
Und es ergriff sein Herz der Schwäche Beben,
Als früh man leuchtete in sein Gesicht,
Erlosch der Morgenleuchte gleich sein Licht,
Doch freudig jauchzend rief er noch die Worte:
»Dem Klopfenden thut auf sich Gottes Pforte,«
Geduldig harrt, wer nie das Ziel vergißt:
Läßt sich's verdrießen je der Alchymist?
Wie vieles Gold macht er zu schwarzer Erde,
Daß ihm vielleicht einst Gold aus Kupfer werde!
Gold kann zum Kaufen ja doch gut nur sein,
Kauft man sich Bess'res als den Freund wohl ein?
Wenn ein Geliebter dir das Herz beschweret,
Du findest wieder, was dir Trost gewähret;
Sein Grollen trage nicht mit bitterm Mut,
Lösch' aus mit anderm Wasser seine Glut!
Doch hat an Schönheit er nicht seinesgleichen,
Um kleiner Qual darfst du nicht von ihm weichen.
Dein Herz kannst du von jemand ab nur ziehn,
Wenn du vermagst zu leben ohne ihn.
Die Nacht durchwacht' ein Frommer bis zu Ende,
Und hob zum Flehn am Morgen auf die Hände,
Da klingt in seinem Ohr ein leises Wort:
»Hör auf umsonst dich zu bemühn, geh' fort!
An dieser Pfort' erhört man nicht dein Flehen,
Geh' hin mit Schmach, mit Seufzen bleibe stehen!«
Die andre Nacht schläft er vor Beten nicht:
Ein Jünger, der sein Thun gewahret, spricht:
»Da du gesehn, daß hier das Thor verschlossen,
Bemüh' umsonst dich nicht so unverdrossen!«
Ein Strom von Thränen gleich Rubinen brach
Hervor auf seine Wangen, und er sprach:
»Mein Sohn, ob er den Zügel von mir wende,
Von seinem Gurt zieh ich nicht ab die Hände,
Ich würde hoffnungslos dann fort nur gehn
Von hier, könnt' einen andern Weg ich sehn.
Schließt sich ein Thor nicht auf des Bettlers Worten,
Ihn kümmert's nicht, kennt er noch andre Pforten:
Geht mein Weg nicht durch diese Straßen hin,
Ich kann ja eine andre doch nicht ziehn.«
So beugt ergebungsvoll das Haupt er nieder,
Da tönt in seiner Seele Ohr es wieder:
»Er ist erhört, hat er Verdienst auch nicht,
Da ohn' uns jede Zuflucht ihm gebricht.«

Der Falter und die Kerze.

Als nachts einst meine Augen schlaflos lagen,
Hört' ich den Falter zu der Kerze sagen:
»Ich liebe, brenne drum mit Recht, allein
Warum du weinst und brennst, seh' ich nicht ein.«
»O Armer,« sprach sie, »sehnend mir verbunden,
Das Wachs, der süße Freund ist mir entschwunden;
Wie eine Schirin wird es mir geraubt,
Wie Ferhad Vrgl. Chosru und Schirin, Der Baumeister Ferhab war der unglückliche Liebhaber der Schirin, der Geliebten des Nhosru Parwis. flammt vom Feuer auf mein Haupt.«
Sie sprach's und stets aus schmerzensvollem Sehnen
Floß auf die blasse Wang' ein Strom von Thränen.
»Was weißt von wahrer Liebe, Eitler, du?
Nicht fern, nicht nahe hältst du aus in Ruh':
Du fliehst, wenn nur die Flamme dich versehret,
Ich stehe, bis sie ganz mich aufgezehret;
Dir sengt die Liebesglut des Flügels Rand,
Vom Kopf zum Fuß werd' ich von ihr verbrannt.«
Ein kleiner Teil der Nacht war erst zu Ende,
Da löschten aus die Kerzen Perihände.
Sie sprach und aus dem Haupte stieg der Rauch:
»So ist, mein Sohn, der Liebe Ausgang auch;
Des Brennens Qual wird sich, das magst du lernen,
Nur wenn das Lebenslicht erlischt, entfernen.«
O weine nicht, hat dir der Tod entrückt
Den Freund, nein, freue dich, daß er beglückt.
Nicht wasche ab vom Haupte, was dich peinigt,
Wie Sadi, sei vom Schmutz die Hand gereinigt!
Aufs Ziel geht unverwandt der Tapfre los,
Liebt Pfeilen auch und Steinen er sich bloß.
Du bist gewarnt, magst fern vom Meer du bleiben,
Doch gehst du hin, laß von der Flut dich treiben.

Vierte Abteilung: Von der Demut.

Die Demut.

Aus Staub erschuf dich einst der Herr der Welt,
Drum falle, wie der Staub zuboden fällt;
Nicht gierig, stolz, gewaltsam sei auf Erden,
Aus Staub bist du, darfst nicht zum Feuer werden.
Als stolzen Sinn des Feuers Glut gezeigt,
Hat demutsvoll der Staub sich tief geneigt;
Da jenes Hoffart, Demut der erwiesen,
Macht' er zum Teufel jen's, zum Menschen diesen.
Ein Regentropfen fiel hinab ins Meer,
Und staunte ob des Meeres Größe sehr.
Was kann ich neben ihm zu sein noch meinen?
Fürwahr, bei ihm muß ich ein Nichts erscheinen.
Indem er so verächtlich hielt sein Los,
Pflegt' ihn die Muschel still in ihrem Schoß,
Und nach und nach ließ ihn des Himmels Walten
Zur prächt'gen Königsperle sich gestalten.
Weil klein er war, stieg er zur Größ' empor,
Daß Sein ihm ward, klopft er an Nichtseins Thor.

Lokman als Sklave.

Lokman Der bekannte arabische Fabeldichter, der Äsop des Orients. sah schwärzlich aus, wie ich gehöret,
War hübsch nicht von Gestalt, nicht wohl genähret.
Einst hielt für seinen Sklaven ihn ein Mann
In Bagdad, stellt zur Lehmarbeit ihn an.
In einem Jahr bracht' er ein Haus zustande,
Indes sein Herr ihn nur als Sklaven kannte.
Als der entfloh'ne Sklave wiederkam,
Ergriff den Herrn vor Lokman Furcht und Scham.
Er will die Knie' entschuld'gend ihm umfassen:
Was hilft Entschuld'gung? spricht Lokman gelassen.
Mich quält' ein Jahr lang deiner Härte Schmerz:
Macht eine Stunde frei davon mein Herz?
Und doch sei dir, o guter Mann, verziehen;
Dein Nutzen hat auch mir Gewinn verliehen;
Du hast dir deine Wohnung fest gemacht,
Mir hat es weise Lehre viel gebracht.
Mir steht zuhaus ein Sklave zubefehle,
Den oftmals ich durch harte Dienste quäle;
Hartherzig quäl' ich diesen nicht fortan,
Gedenkend, wie ich Lehmarbeit gethan.«
Wer nicht den Druck gefühlt von mächt'gen Armen,
Erglüht nicht gegen Schwache von Erbarmen.
Drum sagte Behram Sohn Jesdedscherds III., des letzten Sassaniden. zum Vezier mit Recht:
»Begegne streng und finster nicht dem Knecht!«
Ist hart für dich die Rede der Gebieter,
So sei nicht hart den Untergebnen wieder.

Siebente Abteilung: Sadi in der Nisamieh Hohe Schule, von Nisâm el mulk gegründet. zu Bagdad.

In der Nisamieh ward mir Sold entrichtet,
Ich Tag und Nacht zu lehren dort verpflichtet.
Zum Meister sprach ich einst: »O weiser Mann,
Der und der Freund sieht nur mit Neid mich an;
Da tiefrer Lehre Pfad ich nicht verfehle,
Ergrimmet in sich selbst die schlechte Seele.«
Er hört' es, der der Weisheit Vorbild war,
Mit strengem Blick rief er: »O wunderbar!
Neid willst beim Freund so übel du empfinden,
Wer lehrte dich, Verleumdung gut zu finden?
Mag ihn des Neides Weg zur Hölle ziehn,
Auf diesem Weg gelangst auch du dahin.«

Feriduns Vezier.

Vezier war einer an Feriduns Mythischer König von Iran, von Firdusi besungen. Hand,
Fernseh'nden Blicks, erleuchtet von Verstand,
Bestrebt, erst zu gehorchen Gottes Willen,
Dann das Gebot des Königs zu erfüllen.
Das Volk plagt der Vezier, der, schlecht gesinnt,
Nur strebt, daß er mehr Geld und Gut gewinnt:
Willst du auf Gott nicht erst die Blicke richten,
Auf Lohn vom König auch mußt du verzichten.
Einst kam jemand am Morgen früh zum Schah:
»An jedem Tag sei Rat und Glück dir nah!
Nicht Tücke, guter Rat ist's, wenn ich's sage,
Daß heimlich der Vezier dir feind ist, klage.
Nicht einen siehst du in dem Heere ziehn,
Dem er nicht Silber oder Gold geliehn,
Mit der Bedingung, wenn der Schah das Leben
Verläßt, dann alles ihm zurückzugeben;
Der Eigennütz'ge will dein Leben nicht,
Aus Furcht, er leiste auf sein Geld Verzicht.«
Da blickt auf den Vezier, des Reiches Stütze,
Der Schah mit finsterm Grimm und Zornesblitze:
»Du, der in Freundsgestalt vor mir erscheint,
Warum denn bist im Innern du mein Feind?«
Den Boden küssend, sprach er: »Auf die Frage
Ziemt's, daß ich jetzt, was ich verbarg, dir sage.
Mein Wunsch, glorreicher König, ist allein,
Dein Heil mög' eines jeden Wunsch nur sein;
Da nun der Tod sie zwingt, daß Geld zu geben,
Wünscht man aus Furcht vor mir, du mögest leben.
Willst du nicht, daß aufrichtig ihr Gebet
Wohlsein und langes Leben dir erfleht?
Gewinn bringt das Gebet zum Glück und Heile,
Ein Panzer ist es für des Unglücks Pfeile.«
Der Schah war ob der Rede hocherfreut,
Sein Antlitz that sich auf voll Freundlichkeit;
War der Vezier schon vorher hoch geehret,
Ihm wurde Ehr' und Würde noch vermehret.

Ist der Verleumder nicht der größte Thor?
Nie kam ein Unglücksel'gerer mir vor;
Voll Unverstand und ohne Überlegen
Wird Zwiespalt zwischen Freunden er erregen,
Doch zwischen diesen tritt Versöhnung ein,
Unglücklich und beschämt wird er nur sein!
Ein Feu'rentzünden zwischen zwei'n, und drinnen
Sich selbst verbrennen, thörichtes Beginnen!
Der weiß, wie Einsamkeit an Süße reich,
Wer bei der Welt Thun schweiget, Sadi gleich.
Was nützliches du weißt nur, sprich vor allen,
Und sollt' es keinem einz'gen auch gefallen;
Einst hebt die Reue ihre Stimm' und spricht:
Warum, ach! hörten wir die Wahrheit nicht.

Achte Abteilung: Von der Dankbarkeit.

Der undankbare Fürst.

Ein tapfrer Fürst stürzt' einst vom Rappen nieder,
Verrenkte sich am Hals des Wirbels Glieder;
Fest steckt der Hals ihm, wie dem Elefant,
Den Kopf nur wandt' er, wenn den Leib er wandt';
Die Ärzte wußten keinen Rat zu geben,
Da kam aus Griechenland ein Weiser eben,
Der richtete den Hals und Kopf ihm ein,
Sonst mußte ohne ihn gelähmt er sein.
Als er erschien drauf in des Königs Hallen,
Ließ keinen Blick der Schlechte auf ihn fallen;
Der Weise senkte tief sein Haupt vor Scham,
Und sprach im Gehn bei sich, wie ich vernahm:
»Kam ich nicht, ihm den Hals zurechtzudrehen,
Vermöcht' er jetzt nicht, von mir wegzusehen.«
Er sandt' ein Korn durch einen Diener hin:
»Leg' auf die Räucherpfanne es vor ihn!«
Der König niest', als sich der Rauch erhoben,
Und Hals und Kopf war wie zuvor verschoben.
Entschuld'gend lief man nach in eil'gem Lauf,
Doch suchte man den Mann vergebens auf.

Ein Irrtum.

Ein heil'ger Mann ward im Vorübergehen
Von einem als ein Jude angesehen;
Der gab ihm auf den Nacken einen Streich;
Der Derwisch schenkt' ihm seinen Rock sogleich.
Beschämt sprach er: »Was ich gethan dir habe,
War Irrtum nur, verzeih'! warum die Gabe?«
»Mit Dank,« sprach er, »nicht böse nehm' ich's hin,
Daß ich nicht das bin, was ich dir erschien.«

Neunte Abteilung:

Von der Bekehrung.

Der tote Feind.

Zwei Männer lebten einst in Haß und Streit,
Wie Tiger stolz das Haupt und kampfbereit;
So scheute jeder, daß den Feind er schaue,
Zu eng war's ihnen unterm Himmelsbaue.
Den einen traf aufs Haupt des Todes Schlag,
Und unter ging des Lebens schöner Tag.
Das Herz des Feindes war erfreut darüber.
Nach ein'ger Zeit ging er am Grab vorüber.
Die Lagerstatt sah er mit Lehm verschmiert,
Statt daß die Wohnung einst mit Gold verziert.
Ihn trieb der Haß, daß mit gewalt'gen Händen
Ein Brett er wegriß, um das Grab zu schänden.
Da sah das stolze Haupt er tiefgebückt,
Voll Staub das Auge, das so weit geblickt,
Den Leib im Grabeskerker hin zum Preise
Dem Wurm geworfen, der Ameisen Speise,
Den Vollmond des Gesichts, wie Neumonds Spur,
Ein Strohhalm der Gestalt Cypresse nur,
Der kräft'gen Hand, der Faust mit mächt'gem Schlage
Gelöst die Sehnen durch die Macht der Tage.
So sehr ergriff sein Herz das Mitleid dann,
Daß auf den Staub ein Strom von Thränen rann;
Mit Reu' erfüllt ihn sein gehäss'ges Treiben,
Und auf den Stein des Grabes ließ er schreiben:
»Sei nicht ob eines Menschen Tod erfreut,
Denn lange bleibt nach ihm für dich nicht Zeit.«

Sadi am Grabe seines Kindes.

In Sana Hauptstadt von Jemen. war ein Kind mir hingeschwunden;
Was soll ich sagen, was ich da empfunden?
Kein Bild, was Josephschön schön wie Joseph von Ägypten – ist ein ständiger Vergleich in der Poesie des Islam. das Schicksal bringt,
Das nicht, gleich Jonas, Grabes Fisch verschlingt;
Wer kann im Garten hier Cypressen finden,
Die nicht entwurzelt bald von Todes Winden?
Kein Wunder, daß dem Staub die Ros' entsprießt,
Da manche Rose ja der Staub verschließt.
Ich sprach bei mir: »Stirb, du mit Staub bedecket!
Das Kind geht rein dahin, der Greis beflecket.«
Voll Gram und Herzeleid auf seinem Grab,
Riß über ihm den einen Stein ich ab;
Als ich den finstern, engen Ort erblicket,
Ward mir vom Schrecken Farb' und Sinn entrücket;
Als wieder die Besinnung ich gewann,
Hört' ich des lieben Kindes Stimme dann:
»Wenn vor dem finstern Ort voll Graun du stehest,
Sei weise, daß mit Licht hinein du gehest!«
Soll hell sein, wie der Tag die Grabnacht dir,
Zünd' an die Leuchte guter Werke hier.
Der Gärtner zittert wie von Fieberbeben,
Die Palme möchte keine Frucht ihm geben;
Voll Weltlust meint dagegen mancher noch,
Ob er auch nicht gesät, er ernte doch:
Nur wer gepflanzt, wird an der Frucht sich laben,
Nur wer gesät, wird eine Ernte haben.

Graf

Aus dem »Gülistan.«

Aus der ersten Abteilung:

Die Sitten der Könige

Ein König hatte eine Krankheit, welche näher zu beschreiben nicht anständig wäre. Mehrere griechische Ärzte kamen darin überein, daß es gegen dieses Übel kein anderes Mittel gebe, als die Galle eines Menschen, der durch bestimmte Merkmale bezeichnet sei. Der König befahl zu suchen und man fand eines Bauern Sohn mit den Merkmalen, welche die Ärzte angegeben hatten. Der König ließ die Eltern rufen und stellte sie durch ein unermeßliches Geschenk zufrieden. Der Kadhi gab ein Gutachten, daß das Vergießen des Blutes eines Unterthanen behufs Heilung des Königs erlaubt sei. Der Scharfrichter war im Begriff die Hinrichtung zu vollziehen, da wandte der Knabe sein Gesicht gen Himmel und lachte. Der König fragte: »Was hast du in dieser Lage für eine Veranlassung zu lachen?« Der Knabe antwortete: »Liebende Fürsorge für die Kinder ist die Pflicht der Eltern, eine Klage bringt man vor den Kadhi und Gerechtigkeit fordert man vom Könige; nun aber haben mich meine Eltern um zerbrechlichen irdischen Gutes willen dem Tode überliefert; der Kadhi hat zu meiner Hinrichtung sein Gutachten gegeben, und der König sieht seine Rettung in meinem Untergange; ich habe also keine andere Zuflucht als zu Gott dem Erhabenen!«

            Bei wem führ' ich gegen deine Grausamkeit Beschwerde?
            Gegen dich von dir verlang' ich, daß mein Recht mir werde.

Des Sultans Herz wurde ob dieser Worte gerührt, die Thränen traten ihm in die Augen und er sprach: »Es ist besser, daß ich sterbe, als daß ich das Blut eines Unschuldigen vergieße.« Er küßte ihm Kopf und Augen, drückte ihn an seine Brust, gab ihm ein sehr reiches Geschenk und ließ ihn los. Man sagt, in derselben Woche sei der König gesund geworden.

            Hiebei denk' ich stets an jenen Elefantenführer,
            Der einst diesen Vers hersagte an des Niles Strand:
            Weißt du, wie der Ameis' unter deinem Fuß zu Mut ist?
            So wie dir, wenn mit dem Fuß dich tritt der Elefant.

Aus der zweiten Abteilung:

Gesinnungen der Derwische

Ein König fragte einst einen Frommen: »Denkst du auch wohl zuweilen an mich?« Dieser antwortete: »Allerdings, so oft ich Gott vergesse.«

            Es schweift, den Er aus seiner Thür verstieß, nach allen Orten,
            Den aber, den Er ruft, läßt er nicht gehen an fremde Pforten.

Aus der vierten Abteilung:

Vorteile der Schweigsamkeit

Ein verständiger Jüngling, der aus verschiedenen Wissenschaften einen reichen Vorrat und seltene Anlagen besaß, hielt, so oft er sich in Gesellschaft Gelehrter befand, seine Zunge beständig im Band. Einst fragte ihn sein Vater: »Mein Sohn, warum sagst du nicht auch etwas von dem, was du weißt?« Er antwortete: »Ich fürchte, daß sie mich etwas fragen, worüber ich nichts weiß zu sagen, und dann würde ich Beschämung davontragen.«

            Ein armer Mönch schlug ein'ge Nägel
            In seinen Schuh, wie ich gehört;
            Gleich faßt ein Reiter ihn am Ärmel:
            Komm Freund, beschlage mir mein Pferd.

Es fragt nach dir niemand, so lang' du kannst schweigen;
Kaum sagst du was, sollst du Belege auch zeigen.

Aus der siebenten Abteilung: Einfluß der Erziehung

Ich sah einst einen Araber, der zu seinem Sohne sagte: »Mein Söhnchen, am Tage der Auferstehung wird man dich fragen: Was hast du gethan? Aber man wird nicht zu dir sagen: Wer ist dein Ahn?«

Dem Kabavorhang, Tempel in Mekka. den man gläubig küßt,
Ist nicht vom Seidenwurme Ruhm geworden.
Weil ein'ge Zeit am heil'gen Ort er ist,
So ist er selbst ein Heiligtum geworden.

Nesselmann.

Kasside

Das Leben ist so schön, doch ach, es währet nicht;
Drum fuß' auf dem, was sich so schnell verzehret, nicht.
Dem Mann, der Fichten gleich im Wuchs, mit stolzem Gange,
Ist ew'ger Jugend Blüt' und Glanz bescheret nicht.
Die Rose, die so frisch in süßem Dufte lächelt,
Weiß die, daß das Bestehn ihr doch verwehret, nicht?
Euch ewig nähren an der Mutter Erde Busen –
Ach! Liebesduft haucht sie nicht aus – begehret nicht,
Geh' unbedacht nicht hin und sorglos gleich dem Schafe,
Der Wolf als Hirte führt dich unversehret nicht.
Daß treulos ist die Welt, bleibt keinem Blick verborgen;
Was jeder sieht, bedarf, daß man's erkläret, nicht.
Wo weht der Frühlingswind befruchtend durch die Fluren,
Daß sie des Herbstes Sturm darauf verheeret nicht?
Gäbst du dahin als Preis der ganzen Erde Reiche,
Um einen Tag wird doch dein Sein vermehret nicht.
O binde nicht dein Herz an diese Herbergsstätte,
Der Wandrer baut ein Haus, das er entbehret, nicht,
Geht auch die Welt nach Wunsch, der Feind doch auf der Ferse;
Ein Ort ist drin, wo man nur Glück erfähret, nicht.
Als Götzendiener bist du in der Form befangen,
Des Wesens Hochgenuß ist dir gelehret nicht.
Der Welt hat der entsagt, wer Gott nur hat zum Freunde,
Daß seiner Freiheit Fuß mit Last beschweret nicht.
Sei auf der Hut, daß dich die Zunge nicht verderbe!
Das Unheil, das die Zung' verschafft, verjähret nicht.
Thu' Thaten, stecke nicht die Fahn auf! prunklos wirket
Der Mann; ein Weg ist, wo er sicher fähret, nicht.
Auf Gottes Wege geh und wo du willst, verweile,
Den Weisen ist zur Zell' ein Ort verwehret nicht.
Zum ew'gen Thron heb' auf die Hand der Not! der Fromme
Hat andres, als daß er zu Gott sich kehret, nicht.
Doch besser thu' es nicht, den Freund nicht zu beläst'gen;
Ein zweiter ist ja, der sich dir bewähret, nicht.
Was nützt der Predigt Guß, der auf die Häupter regnet?
Ein Perlenmund ist, wer mit Ernst bewehret, nicht.
Die Welt hast, Sadi du, durch Wortes Schwert erobert;
Der Himmel gab dir's, sonst wärst du geehret nicht.
So schnell wie sich dein Ruhm in jedes Land verbreitet,
Hat sich des Tigris Strom zum Meer entleeret nicht.
Nicht jedem, der an uns zum Ritter werden möchte,
Gelingt's, denn der Gewalt ist Glück gewähret nicht.
Doch braucht der Moschus nicht des Krämers Lob; der Käufer
Riecht seinen Duft, bedarf, was ihn belehret, nicht.

K. Heinr. Graf.

Begeisterung

Welch ein Antlitz! zart und lieblich, gleich der Blüte von Jasmin;
Welch ein Wuchs! am Berg die Ceder nimmer mir so hold erschien,
Welche Locken! duftig gleich den Blumen, die am Waldrand blühn –
Mädchen, lösch' – o lösch' die Flammen, die den Busen mir durchglühn.
Hart erfaßte mich das Schicksal, lindre du mein düstres Leid,
Und willst du mein Herz dagegen – Herz und Seele nimm sie beid'.
Nimm mein Gut, dir liegt's zu Füßen, nimm mein Blut, ich weih' es dir,
Laß dein Sklav' mich sein, dein letzter, schalte, wie du willst, mit mir.
Von mir schleudr' ich alle Weisheit, ist sie doch ein Schmetterling,
Und du bist die Flamme, drin sich mancher Falter schon verfing.
Mädchen, sieh wie rings der Frühling selbst den Staub lebendig macht,
Wie die Welt aus tausend Tropfen Morgentau's herüberlacht,
Wie es duftet rings von Rosen, Moschus und Basilikon –
Komm herab aus deiner Höhe, dein in Brünsten harr' ich schon.
Wo du schreitest, neigt die Ceder finster sich von Neid verzehrt,
Und die Rose birgt ihr Antlitz, doch der Himmel, schnell bethört,
Wünscht sich tausend Dichterzungen, seine Lieb' dir zu gestehn,
Und auch ich mit tausend Zungen möcht' um Heilung zu dir flehn.
Hebst den Schleier du, so lodert rings die Erde auf entzückt,
Senkst du ihn, in öde Leere fühlt sie wieder sich entrückt.
Nichts ist süßer, als dein Lächeln, reizender nichts als dein Mund,
Du bezauberst mich, als läg' ich in der Gottheit tiefstem Grund.
Nicht mehr will ich in der Klause einsam betend mich kastei'n,
Mit Verliebten will ich schwärmen, Schenke komm und bring' mir Wein.
Sänger spielt – indes ich jauchzend euch den Takt schlag' mit dem Fuß,
Sadi ist verliebt, der Liebsten bringt er dieses Lied zum Gruß.

Heinrich Hart.

Aus dem »Pend-nameh.«

An die Seele

Wohl vierzig Jahre des kostbaren Lebens – sind schon dahin getrieben,
Doch sind seit der Kindheit, die Ziele des Strebens – sich immer gleich geblieben,
Gar sorgenlos hast du und eitel gehandelt – befangen stets vom Wahn,
Auch nicht einen Augenblick bist du gewandelt – des Rechtes grade Bahn.
Wie thöricht, dem Leben, das leer und vergänglich – so sorglos zu vertrauen.
Drum nicht auf den Wechsel des Glücks, das verfänglich – mit Ruhe sollst du schauen.

Lob der Barmherzigkeit

O Herz, wer immerhin den Tisch des Edelmuts bestellt,
Der wird für sein barmherzig Werk berühmt in dieser Welt,
Im Weltall giebt Barmherzigkeit allein den guten Ruf;
Barmherzigkeit, sie ist es, die schon Rettung manchem schuf.
Nichts Schön'res giebt's auf Erden ja als die Barmherzigkeit,
Und nichts, was dich beliebter macht im Volke weit und breit.
Barmherzigkeit ist jedem Glück ein sichres Kapital;
Es reift des Lebens Ernte reich in ihrem Sonnenstrahl.
Erfülle mit Barmherzigkeit der Menschen Herzen ganz,
Nur so erfüllest du die Welt mit deiner Thaten Glanz;
Beharrlich in Barmherzigkeit sei du zu jeder Zeit,
Denn Gott, der Seelen schuf, er that's nur – aus Barmherzigkeit. Im Original eigtl: denn der Schöpfer der Seele ist barmherzig.

Gegen die Unterdrückung

Die Ungerechtigkeit zerstört die Welt,
Wie Sturm im Herbst ein Blumengartenzelt.
Nicht Ungerechtigkeiten darfst du dulden,
Sonst sinkt dein Herrschaftstag durch dein Verschulden;
Wo Glut der Tyrannei hoch flammt empor,
Da dringt der Menschheit Schrei zu Gottes Ohr.
Den Armen unterdrücke nicht, den Schwachen,
Denn der Tyrann stürzt in der Hölle Rachen.
Wenn Unterdrückte Schmerzensseufzer hauchen,
Wird Land und Meer davon in Flammen rauchen.
Den Schwachen schone, dem nicht Widerstand
Verliehn; denk' an den Tod, an Grabesrand!
Erfreu' dich nicht des Hauchs, der aus den Herzen
Der unterdrückten Wesen steigt in Schmerzen.
Nicht finstre Strenge übe, sonder Weilen
Kann dich des Herrn Gericht im Nu ereilen.

Zufriedenheit

Wenn du Zufriedenheit erlangst,
Mein Herz! bist du ein Fürst im Lande des Behagens.
Wenn du in Armut sorgst und bangst,
Sei sonder Angst,
Der Reichtum ist nicht achtungswert – die Weisen sagen's.
Es rechnet nie der kluge Mann
Als Schande sich die Armut an;
Die Armut war die höchste Zier ja des Propheten.
Und wer nicht kann
Von sich behaupten: ich bin reich,
Der werde, wenn ihn gleich die blöden Thoren schmähten,
Vor Furcht nicht bleich,
Daß ihn der Fürst brandschatze gleich. Im Original heißt es nur: wenn du nicht reich bist, so mache dir deshalb keinen Kummer, denn der Sultan verlangt keine Abgabe von den Verarmten.
Des reichen Mannes Prunk ist Gold
Und blankes Silber, das in seiner Truhe ist,
Doch Ruhe ist
Vor allem stets der Armut hold;
In jedem Stand den schönsten Sold
Erwirbt nur, wer mit dem zufrieden,
Was ihm beschieden;
Ihm hat das Schicksal ja den schönsten Lohn gezahlt
Vor allen Glücklichen hienieden.
Erleuchte dich mit des zufriednen Sinnes Wonne,
So wie die Sonne
Mit ihrem Licht die Welt bestrahlt.

Preis der Wahrheit

O mein Herz, willst du die Wahrheit wählen,
Wird es niemals dir an Freunden fehlen.
Weise lassen von der Wahrheit nimmer,
Sie verleiht des Ruhmes hellsten Schimmer.
Ist die Wahrheit deinem Wesen eigen,
Möge Preis auf dich herniedersteigen!
Hauchst, der Tagesquelle gleich, du Wahrheit,
Weicht der Thorheit Dunkel dieser Klarheit.
Sprich die Wahrheit immer nur, die echte,
Edler als die Linke gilt die Rechte.
Wahrheit ist der Achtung reinster Born,
An den Wahrheitsrosen ist kein Dorn.
Wie bestünd', wer Falsches sprach und that,
Wenn der Tag sich des Gerichtes naht?
Von der Falschheit alle Übel kamen;
Denn sie mordet selbst den guten Namen.

Gegen die Lüge

Er, dessen Zunge sich stets nur zum Lügen beweget,
Dessen Herz gleicht der Lampe, der mangelt das Licht;
Schmach und Entehrung sind Früchte, die Falschheit stets träget,
Scham und Schande erwirbt sich der lügende Wicht.
Bruder, sieh zu, daß dein Mund keine Lüge je spricht;
Falschheit ist ehrlos, und Lug wird von jedem verachtet.
Falschheit zu meiden wird immer als Weisheit betrachtet,
Weil es dem Lügner an Achtung der Menschen gebricht.

Über die Unbeständigkeit alles Irdischen

Manche Fürsten, majestät'sche Kronenschmücker,
Manche Krieger, Nationenunterdrücker,
Manche hohe Helden, mächt'ge Heerbezwinger,
Manche löwenkühne Männer, Schwerterschwinger,
Manche Mondantlitz'ge, schlanker als der Buchsbaum,
Manche Sonnenwang'ge, zart wie Rankenwuchs kaum,
Manche weitberühmte, hohe Thatentücht'ge,
Manch' Cypressenwüchs'ge, Rosenangesicht'ge,
Haben ihres Sein's Gewand zerrissen, haben
Ihre Häupter in des Staubes Kleid begraben;
So ist ihres Rufes Ernt' im Wind verschwunden,
Daß sich keine Spur von ihnen mehr gefunden.
Häng' dein Herz nicht an des Kiosks süße Düfte –
Denn es sind von Unheil schwanger seine Lüfte;
Sohn! Auf diesem Erdenrunde giebt's Bestand nicht,
Drum verbirge du dein irdisch Sein im Tand nicht.

Wollheim.

Aphorismen und Sinngedichte

Nach oben und nach unten

Du willst von Größern keinen Druck erfahren,
Mein Freund, darum sei milde gegen Schwache!
Bangt dir vor'm wucht'gen Elefantenfuße,
Sei nicht Ameisentreten deine Sache.

Die Herrschaft ein Fruchtbaum

Dem Fruchtbaum gleicht ein festes Reich,
Mit seinen Früchten sei zufrieden;
Wer thöricht an die Wurzeln Hand legt,
Dem ist mehr keine Frucht beschieden.

Nichts verleiht das Recht zur Tyrannei

Der ganze Erdkreis sei dir unterthan,
Zum Himmel hebe dich dein Herrscherwahn,
Rühm' dich mit Dschemschids Reich, mit Karuns Der biblische Korah. Schätzen,
Nichts giebt dir Recht, ein Wesen zu verletzen.

Zweierlei Sehen

Die Schönen anzublicken, ist meinem Aug' gestattet,
Denn in der Schönheit sieht es die Gottheit abgeschattet.
In jedem Haupte sitzt zwar zum Seh'n ein Augenpaar,
Doch deines sieht das Werk nur, meins nimmt den Künstler wahr.

Lebensprogramm

Des Lebens eine Hälfte: fröhlich leben,
Die andere: nach gutem Namen streben.
Wer offnen Sinn's ist, findet stets Genossen,
Und man verschließt sich dir, bist du verschlossen.

Des Vaters letzte Lehre

Bevor des Vaters teure Seele hinging,
»Nimm diesen Rat,« sprach er, »mein teures Kind;
Birg dein Geheimnis vor dem liebsten Freunde,
Sonst sagt er's den, die ihm die liebsten sind.«

Der Bettler

Wer selbst nicht hat gekostet der Armut Bitterkeit,
Verzieht die Miene, wendet vom Bettler sein Gesicht:
Vom Elend nur zu hören, bist du nicht stark genug,
Wie schwer ist erst dem Armen zu tragen sein Gewicht.

An Bösen Gutes

Nichtswürdigen zeigen guten Weg
Heißt leuchtend vor den Blinden gehn,
Und rohen Menschen Gutes thun,
Ist Korn in fels'gen Boden sä'n.

Ungestilltes Sehnen

Nachts umgab ein lust'ger Kreis mich,
Schenke und Gesang mich freute,
Ich verschmähte Anstandsregeln
Und die Heuchelei ich scheute;
Herz, sei ruhig – sagt' ich plötzlich –
Ihre Grenzen hat die Lust!
Morgens merk' ich, daß unstillbar
Bleibt das Sehnen meiner Brust.

Jeder auf seine Art

Nicht ist's schwacher Spinnen Sache,
Jagend Beute zu erlangen;
Sie zu nähren, müssen Fliegen
Sich in ihren Netzen fangen.

Scharfsinn

Dem Taugenichts ist große Spürkraft eigen,
Wenn sein Verstand auch noch so fadenscheinig;
Denn sieht er zwei sich unterreden, denkt er:
Die sind gewiß, um mich zu schelten, einig.

Fliege und Spinne

Die Fliege sagte spottend zu der Spinne:
Welch dünne Beine und der Arm wie fein!
Bist du, sprach jene, erst in meinem Netze,
Verdunkl' ich dir die Welt mit diesem Bein.

Bacher.

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