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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 20
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Ferid-ed-dîn Attar.

Geboren 1119 zu Nischapur, betrieb anfangs das Gewerbe eines Gewürzkrämers, woher sein Beiname Attar. Ein Derwisch, der an seinem Laden zufällig vorüberging, machte ihn durch einige Worte auf die Nichtigkeit aller menschlichen Güter aufmerksam, Worte, die seine Seele so bewegten, daß er sich von da an dem beschaulichen Leben und der Ascetik widmete. Er machte die Pilgerfahrt nach Mekka, kehrte dann in seine Geburtsstadt zurück und schrieb seine mystisch-ascetischen Gedichte und Abhandlungen. Bestimmten Nachrichten zufolge wurde er 110 Jahre alt. Obwohl er an Großartigkeit und Bedeutung hinter Rumi zurückbleibt, so gebührt ihm doch nach diesem die erste Stelle unter den Dichtern des Sufismus. Außerordentlich groß ist seine Fruchtbarkeit gewesen: außer prosaischen Erbauungswerken, wie die »Biographieen der Heiligen,« »die Brüder der Lust« u.a. verfaßte er in gebundener Sprache »das Buch der Geheimnisse,« »das Buch der Drangsale,« »das göttliche Buch,« »das Buch der Nachtigallen,« »Gül und Hormus,« »das Buch der Kamele,« »das Buch Haiders,« »das auserwählte Buch«; die drei berühmtesten aber und im Orient allgemein gelesenen, welche die Quintessenz seines Schaffens enthalten, sind »die Vögelgespräche« (Mantik-et-tair), das »Buch des Rates« (Pend-nameh) und »das Kleinod der Substanz« (Dschewahiressat), das letztere, ähnlich wie Rûmîs Mesnewi, eine Sammlung von allegorisch-mystischen Erzählungen, untermischt mit tiefsinnigen Betrachtungen und Ausbrüchen sufistischer Lyrik.

Aus dem »Kleinod der Substanz.«

I.

Eia! jubl' ich fröhlich, kenn ich nun nicht selbst als einfach mich!
Zu mir selbst in Liebe brenn' ich, berg' in dieser Liebe mich.
In mir ist das Centrum! Eia! Und das Centrum wunderbar
Liegt zugleich vor mir als Kreis da. Umfang hier auch Ende war!
Eia! Zeig' ich nicht im Spiegel Weltengeistes Angesicht!
Eia! Meines Rätsels Siegel lösen tausend Jahre nicht!
Traun; in meines Geistes Klarheit zeigt nicht bloß die Menschheit sich,
Nicht im Abbild, nein in Wahrheit bin das Ursein Gott, das »achad«. selber ich!
Keiner woll' den Ruhm gewinnen, daß er sage, was ich bin!
Wer es wagt, mag wohl beginnen, doch das End' ist irrer Sinn.
Keiner hat mich je ergründet, keiner je mein Bildnis wies,
Hat mich Einer je verkündet, war ich's, der mich selber pries.
Perl' und Kaufmann bin zugleich ich, ein Geheimnis wunderbar!
Lege auf dem Kaufplatz selbst mich zum Verkauf den Menschen dar.
Ein Juwel bin ich, es spiegeln in dem diamantnen Licht
Wie in hunderttausend Spiegeln alle Wesen ihr Gesicht.
Zeit und Raum liegt mir zu Füßen, drum rühm' meine Einheit ich,
Wenn ich schwelgend will genießen, stürz' ich in mich selber mich.
Lösung deine Seel' begehret aller Wesen wunderlich,
Rätsel und Geheimnis lehret alle dir mein eignes Ich.
Herold bin ich selbst mir worden, weis' dich zu den Wundern hin,
Daß jetzt in Attarens Worten ich Gott selbst der Redner bin.
Attar ist jetzt Mund und Ohr mir, da ich mich ihm selber zeig'.
O des Wunders! denn er spricht hier und hört sich auch selbst zugleich!
Tief versunken in Entzückung ist Attar und regt sich nicht,
Ich bin's, der in der Entzückung statt Attar die Worte spricht.
Ich betäubte seine Kräfte, ich betäubte seinen Sinn,
Zog ihn aus der Welt Geschäfte in mein eignes Wesen hin.
Nichts er schaut als mich alleine, alles andre sieht er nicht:
Was er spricht, red' ich alleine, und er lauscht dem, was er spricht.
Also hab' ich in der Weihe das Geheimnis aufgedeckt,
Jetzt wird es verhüllt aufs neue, ewig bleib' es nun verdeckt!
Jetzt will ich Attar erregen, jetzt verberg' vor ihm ich mich –
Seht ihn seine Zung' bewegen, seht! das Auge öffnet sich!
Eia Attar, Geisteskönig! sag', ob du dein Rätsel weißt?
Trägst das Weltall samt dem König alles Seins in deinem Geist.

II.

Einst sah man Gabriel, von Licht umschwommen,
Bei Nacht herab zu dem Propheten kommen.
Das Blitzroß führt er her aus Himmels Höhen,
Und bleibet ehrfurchtsvoll vor Achmed stehen.
Gott spricht: Wohlan, Prophet! Sitz auf zu Rosse!
Schwing auf dich zu des neunten Himmels Schoße!
Ich will dir nun des Seins Geheimnis weisen.
Wohlan, du sollst ins Herz der Geistwelt reisen!
Als diese Nacht im Paradies erschallte
Die Botschaft, daß gen Himmel Achmed wallte,
Da hörte man in Eden Jubel schallen,
Daß Sterne selbst vor Schreck vom Himmel fallen.
Die Seligen eröffneten die Thüren,
Die von dem Himmelszelt zur Erde führen,
Hier saßen sie, und lauschten voll Verlangen
Um den Prophet mit Jubel zu empfangen.
Und Gabriel herbei das Blitzroß brachte;
Im Nu Mohammed auf zum Himmel jagte.
Sich selbst vergaß sogleich er; nur der Eine
Erfüllte mit der Einheit ihn alleine.
Schnell sprengte die sechs Himmel er vorüber,
Im siebenten ließ er das Blitzroß nieder.
Hier hört man kaum den Tritt von seinen Füßen,
Da eilen all' herbei, ihn zu begrüßen.
Adam voran, dann die Propheten alle
Begrüßen ihn mit lautem Jubelschalle,
Willkommen, Adam ruft, du Herzensfreude!
Wie lang' schon trag' ich deinethalben Leide!
Nun hast fürwahr die Wahrheit du geschauet,
Bist mit der Welt Geheimnis nun vertrauet.
Nun bitte Gott, daß er dein Volk mit Segen
Mir auf mein Herz als Pflaster wolle legen! d. h. daß deine Gemeinde, deine Religion den von mir begangenen Sündenfall wieder gutmache.
Drauf Noah kam und sprach: Gebenedeiter!
Das Weltall schau in dir ich, du Geweihter!
Mein Geist legt sich als Opfer vor dir nieder,
Wie diese Nacht kommt keine je uns wieder!
So sprachen all', sein Antlitz glänzte heiter,
Doch plötzlich sprengt er in die Höhe weiter.
Er fliegt hinauf ins ungeschaffne Urlicht,
Mit mattem Fittich Gabriel ihm nachfliegt,
Bis er zurückbleibt. Bald sieht aus den Höhen
Muhammed ihn gleich einem Sperling sehen.
Muhammeds Sein find't Platz nicht in sich selbst mehr,
Er löst sich auf in des Alleinigen Urmeer.
Als einsam er mit seinem Gott verhandelt,
Wird plötzlich er in seinen Gott verwandelt.
Sieh auf! Verschwunden ist sofort Muhammed,
Alleine an der Bündnisstätte Gott steht.
Muhammed sieht, wie Gott sein Ich erfüllet,
Daß alles Gott, und Gott in Gott verhüllet.
Gott spricht zu ihm: Kein Mensch dich jetzt verstehet,
Das Centrum bist du, das als Kreis sich drehet.
Doch ließ ich nur vor dir den Schleier nieder,
Drum sage keinem, was du sahest, wieder.
Doch wiederum sag' auch, was du erfahren,
In deinem Geist soll meinen man gewahren!
So sank herab er wieder aus den Höhen,
Beim Frühgebet sah man ihn betend stehen.
Ein solch Gebet hat nimmer er genossen,
Denn mit dem Freund war er in Eins geflossen.

III.

Was du bist, o Menschenkind, ist dir selbst verborgen,
Weißt du nicht, dein Innres ist Abend, Mittag, Morgen?
Weißt du nicht, daß du fürwahr bist der neunte Himmel?
Aus den Sphären sankst herab du ins Weltgetümmel,
Du fürwahr der Pinsel bist, der das Weltall malte,
Du das Licht des Lebens bist, das ins Nichtsein strahlte.
Bist du nicht das Paradies? Wie auf weitem Beete
Auf des Körpers Scholle hin dich dein Gärtner säte;
Ja du bist des Himmels Sonn', ob dich gleich gefangen
Auf der Erde hat anjetzt sündliches Verlangen,
Bist du nicht der Gabriel, dem ununterbrochen
Offenbarung Gottes wird in das Herz gesprochen?
Bist du nicht der Michael, der, von Gott gewähret,
Allem Wesen auch zugleich Gottes Speis' bescheret?
Israel bist du fürwahr, der am jüngsten Tage
Alle Toten wecken wird mit Drommetenschlage.
Adam bist du, Namen gab Adam allen Wesen,
Du auch kannst in deinem Geist alle Rätsel lösen.
Noah bist du, den die Flut ringsumher umspület,
Der im Bauch des Schiffes ruht und sich sicher fühlet,
Abraham bist du fürwahr, mordest deinen Nimrod,
Geist dem leeren Truggebild der Erscheinung bringt Tod.
Moses bist du, lichtumstrahlt, an dem Berge Sina,
Wahrheitslicht umwoget dich wie mit Meeresflut da.
Bist du nicht der Isaak, der sogleich sein Leben
Bei der Liebe süßem Drang hat in Tod gegeben?
Jakob bist du, der voll Freud' Thränen viel vergossen,
Da noch einmal Joseph er in den Arm geschlossen.
Jesus bist du, der allein seinen Freund begehrte,
Nimmer an der Schale sich, nur am Marke nährte.
Traun! Muhammed bist du, der sich gen Himmel schwinget,
Tief in Gott's Geheimnisse auf dem Blitzroß dringet.

IV.

Die ganze Welt ein Marktplatz ist der Liebe,
Ist wohl ein Ding, das fern von Liebe bliebe?
Ein Liebeszeichen schuf Gott jedem Wesen,
Das kannst sogleich du an der Stirn ihm lesen.
So Erd' wie Himmel, Sonne, Mond und Sterne,
An jedem glänzt das Liebesmal von ferne.
Von Liebeslust sind alle entglommen,
Viel tausend Jahr sie nicht zu Sinnen kommen.
Zur Erd' berauscht die Häupter alle neigen,
Von jedem heischt die Lieb' geheimes Schweigen.
Was suchen alle Wesen emsig? Liebe!
Und folgen sie nicht dem Verbindungstriebe,
So sprechen mit sich selbst sie von der Liebe.
Schon längst gehör' ich in der Liebe Orden,
Schon längst ist Liebe mir ein Tempel worden.
Wer's übernimmt, der Welten Glanz zu singen,
Der muß fürwahr auch in die Liebe dringen.

V.

Strahlte Josephs Joseph von Ägypten, der Sohn Jakobs, ist ein Lieblingsheld des Orients, der Inbegriff aller Jünglingsschönheit. Seine im Koran mit reicher Ausschmückung erzählte Affaire mit Suleicha, der Frau Potivhars, ist von vielen Dichtern, u. a. Firdusi, Nizâmî, Dschâmi in poetischen Erzählungen besungen. Angesicht aus dem engen Zimmer,
Ward das ganze Weltenall licht durch seinen Schimmer.
Wie der Tropfen untergeht, fällt er in die Fluten,
So ging unter jedermann in der Wange Gluten,
Trat der Schöne nur hervor, währte es nicht lange,
Starben hunderttausende an der Gluten Wange.
Auch ein Schwarzer war allda, Pirus war sein Namen,
Auch in seinem Herzen lag tief der Liebe Samen.
Schwarz sein Antlitz war, doch weiß, weiß wie Schnee sein Herze,
Auf des Herzens Altar stand stets der Liebe Kerze.

Auf den Marktplatz, auf die Straß', kam der Trunkne nimmer,
Stets in Rausch versenkt verließ nimmer er sein Zimmer.
Keiner hat ihn je gesehn, Wochen, Monden, Jahre,
Liebestrunken wußt' er nichts je von Tag und Jahre.
Viel Geheimnis strömt ihm zu durch des Anschau'ns Wonne.
Durch des Freundes steten Blick ward sein Herz zur Sonne.
Stille saß er unverwandt in des Herzens Kammer
Gottversenket kennt er nicht andrer Freud' und Jammer.
Täglich sah man Hunderte zu dem Schwarzen wandern,
Denn von seinem Gotteshauch gab er gerne andern.
Schwarz der Hauch von außen war, doch von innen Klarheit
Geistig war wie Jesu Hauch dieser Hauch in Wahrheit.
Nimmer ließ der reine Geist seiner Lust den Züge!,
Darum war sein Herze jetzt reiner Gottesspiegel.
Bilder wurden viele ihm, engelschön, gezeiget,
Doch zu seinem Freund allein blieb sein Herz geneiget.
Als auch er nun Botschaft hört, daß Joseph erschienen
Wie der Vollmond schön, sogleich kommt er auch von Sinnen.
Sinnlos läuft er mit der Meng' Joseph anzuschauen,
Schaut und geht, so wie er schaut, unter in dem Schauen,
Wunderbar sein eigner Geist strahlt in Joseph wieder.
Da mit lautem Schrei er sinkt an den Boden nieder.
Voll Verwundrung rings umher jene Trunknen stehen,
Also trunken hatte nie man Pirus gesehen.
Wieder steht er auf und kniet hin zu Josephs Füßen,
Seine heiße Lipp' bedeckt sie mit tausend Küssen.
Wohl mir, ruft er, daß so lang', ganz in Ihn versunken,
Gerne Schmerz und Leiden ich einsam hab' getrunken.
Nun hab' ich dich doch geschaut, dich, der Schönheit Sonne,
Trank mich satt aus deinem Brunn an deines Freundes Wonne.
Bist du nicht ein Mondeslicht, das durch Dunkel flieget,
Und wie stiller Nachtgesang uns in Schlummer wieget?
Doch der Schwarze darf nicht nahn dem Sultan der Herzen,
Darf das finstre Staubkorn wohl Mundes Wange schwärzen?
Nein, ich trenne mich von dir, nehme jetzt den Abschied,
Vor dem Hauch des Todes mir aller Schmerz hinwegflieht.
Unverwendet sah sein Aug' nach der Wangenglut hin,
Lauter schrie und alsobald sank er tot zur Erd' hin.
Weinend trat Joseph heran, tief bewegt vom Schmerze,
Gleichwie siedend Wasser wallt, wallte ihm sein Herze.
Einen Kuß der Schöne haucht auf die bleiche Wange,
Frei nun – ruft er – Pirus ist, der gefesselt lange!
Und das Volk betäubet steht an der Leich' und weinen,
Keiner ist, in dessen Aug' Perlen nicht erscheinen.
Einer thut mit Jammern gleich es dem andern sagen.
Bis jedwede Straß' erschallt von des Schmerzes Klagen.
An Bestattung Joseph nun läßt die Freunde denken,
Weinend sie den teuern Freund in die Erde senken,
Daß sein Herz geraubt ihm ward, hat er lang beweinet,
Mit dem Herzensräuber wird ganz er nun vereinet.
Auch da Joseph König ward, schwand nicht seine Liebe,
Zu dem Grabe lockten ihn oft der Liebe Triebe.
Auf dem Grabstein saß er oft, weinte heiße Zähren,
Rief: Nur Eine Liebe soll ewig bei mir währen.

VI.

Ich bin einfach, alle Dinge sind mir unterthänig,
Über Tod und Leben herrsch' ewig ich als König,
Lebend bin ich, werde auch unvergänglich leben,
Denn kein Wesen ist, das je den Tod mir kann geben.
Ich durchstreif' die ganze Welt, doch in allen Reichen
Finde nichts ich, das vor mir Namen hab' und Zeichen,
Ich bin Gott, ja Gott bin ich, einfach ich mich finde,
Makel kenn' ich, Fehler nicht, Flecken nicht, noch Sünde.
Einstens kam aus fernem Land ich hierher gegangen,
Dahin einst treibt wieder mich rückwärts mein Verlangen,
Wie im Urbeginn der Zeit einfach ich gewesen,
Also wieder einfach wird an dem End' mein Wesen.
Jedes Wesens Bild in mir aus mir selbst sich ausprägt,
Schwankend der Erscheinung Well' auch mein eignes Bild trägt,
Seid ihr allzugleich mit mir einst hervorgetreten,
Müßt mit mir ihr auch zugleich einst zurücktreten,
Niemand außer ich allein wohnt in meinem Wesen,
Drum ist auch mein Herold nie der Verstand gewesen.
Nimmer wird Verstandeskraft je mein Bildnis malen,
Ach, wie ist Verstand so tief in Morast gefallen!

VII.

Du bist der Fuchs, der, trotz der List, bethöret
Ins Wasser fiel, wie uns die Fabel lehret.
Behend ein Fuchs auf Berg und Thal einst rannte,
An einen Brunnen plötzlich er sich wandte.
Den Kopf er senkte in den Brunnen nieder,
Da schien ein zweiter Fuchs im Brunnen wieder.
Nun thät den Finger an die Nas' er legen,
Begann mit jenem Fuchs Gespräch zu pflegen.
Er winkt und grüßt, auch jener grüßet munter!
Ei! Ei! er spricht, ich muß zu ihm hinunter!
Gern möcht' zu ihm er zum Besuche eilen,
Drum stürzt er plump hinein sich ohn' Verweilen.
Doch als er angelangt im Brunnen unten,
Hat keinen Fuchs er als sich selbst gefunden.
Schnell wollt' er gern heraus nun wieder springen,
Doch aufwärts wollt' es nicht so leicht gelingen.
Geplätscher macht er viel und greulich schreit er:
»Ich Thor!« er schrie, »ich dacht', ich war' gescheiter!
O weh, daß ich mich nicht in acht genommen!
Heda! Will niemand mir zuhilfe kommen!
Doch ach! Hier hilft wohl weder Schrei'n noch Bitten,
Mein Geist ist schier mir aus der Hand geglitten.«
Wohl viel die Äuglein nach dem Rand er wandte,
Und viele Seufzer er nach oben sandte;
Doch plötzlich zog das Wasser ihn hinunter,
Mit lautem Schrei ging er im Wasser unter.
Dem Füchslein du, o Menschenkind, gar gleich bist,
Des Teufels Brunn der Brunnen dieser Welt ist.
Im Wetter sahst dein eignes Schattenbild du,
Auf diesen Schatten stürztest du in Hast zu.
Wohl dem, der schnell ans Tageslicht hinaufflieht,
Eh in die Tief' der Strudel ihn hinabzieht.

VIII.

Einst, so sagt mir alte Kunde, war ein greiser Schiffersmann,
Der schon viele hundert Reisen hatte auf dem Meer gethan,
Dem ein Knab' war, majestätisch wie die Sonn' im Mittagslicht,
Lieblich wie der Mond am Abend, wenn er sich auf Wolken wiegt,
Rosenblüt' war seine Wange und sein Auge wie Narziß,
Schlank im Wuchs, daß er Cypressen hinter sich an Schlankheit ließ.
Gottesfürchtig war der Vater, doch in Mark und Form zugleich,
Jüngling war unschuldig, reine, einem Morgenhauche gleich.
Einstens nun begab der Vater wiederum auf Reisen sich,
Seinen Sohn aus heißer Liebe nahm er auf der Fahrt mit sich.
Als am Meeresstrand sie kamen, stehn die Kaufleut' weinend da,
Jedem geht von Freunden, Brüdern, Eltern jetzt die Trennung nah.
Vom Geliebten Abschied nehmend, Thür vor Thüre all' noch gehn,
An dem Auferstehungstage giebt's dereinst ein Wiedersehn.
Hurtig nun, schreit ein Matrose, fertig euch zur Reise macht!
Denn soeben ist in Osten uns ein schöner Wind erwacht!
Nun ein jeder schnell mit Abschied und Geschäft will fertig sein,
Und im Hui wie Mäuse springen alle in das Schiff hinein.
Als die Welle drauf das Fahrzeug spielend auf- und niederwiegt,
Voller Ängsten alles schreiend furchtsam in die Winkel kriecht.
Auch der Vater mit dem Sohne steigen in das Schiff hinein,
Taub vom Schrei'n, müd' vom Gedränge, nehmen ihren Platz sie ein.
Als die Segel drauf gestrichen, und das Schiff auf ebner Well'
Bald dahinfährt, unaufhaltsam, wie der Pfeil in Lüften schnell,
Spricht der Jüngling zu dem Vater: Vater, sag, wie konntest du
Auf des Meeres Well' hingeben unsers Lebens schöne Ruh?
Häuser baut man nicht auf Wellen, nicht Paläste auf dem Meer,
Komm zurück, auf diese Fluten wag' ich mich dann nimmermehr.
Drauf der Vater: Jüngling schaue, wie die ganze Welt bewegt,
Rechts und links und nah und ferne jeden Lust des Geldes tragt.
Lieblich ist's zur See zu fahren, wenn Gefahr vorüber ist,
Tafelfreuden viel und Ehre der Gefahren Frucht dann ist.
Ihm der Jüngling: Vater, nimmer dies dir Ehr' und Freude bringt,
Ehr' und Freude so gewonnen, bald hin in Vernichtung sinkt.
Wehe Vater! Du betrübst mich, solche Rede ist nicht schön!
Fort vom Meer ich muß; laß Vater! auf das Land mich wieder gehn!
Ihm der Vater: Trauter Jüngling, teurer du denn Gold mir bist,
Wisse, daß mein Gold und Silber gleich dem Staube vor dir ist.
Jüngling, was ich auch betrachte, überall ist deine Spur,
Mond und Erde, Sonn' und Himmel ist fürwahr dein Spiegel nur.
Denn, gingst du, o Sohn, von hinnen, flöh' mit dir mein Leben mir,
Wiss', nur dir zuliebe fahr ich jetzt in Sturm und Wogen hier.
Drauf der Jüngling : Teurer Vater; ach, Geheimnis kennst du nicht,
Laß mich, Vater, offenbaren dir des Absoluten Licht,
Wisse Vater! in dem Herzen des Alleinigen ich wohn',
Simurg bin ich, auf dem Berge der Unendlichkeit ich thron'!
Offenbarung auf des Meeres Fluten mir entgegenquillt,
In des Meeres Tiefen ging mir auf des Absoluten Bild.
Teure Seele, sprach der Vater, halt mit solcher Rede ein!
Willst du, Knäbchen, unerfahren, weiser selbst als Greise sein?
Laß, o Jüngling, an der Schale des Gesetzes g'nügen dir,
Absolute Wahrheit kommt mir nicht als Spiel für Kinder für.
Ihm der Jüngling: Vater, nimmer bringst du mich vom Wege ab,
Unverwendet ich mein Auge nach der Heimat kehret hab'.
Dieses Meer ward mir das Vorbild, wie man sich vernichten muß,
Auf die eigne Ichheit setz' ich im Triumphe nun den Fuß.
Liebe geht mit Feuerflammen als Wegweiser mir voran,
Fort Verstand, ich brauch' dich nimmer, folg' der Lieb' auf ihrer Bahn,
Einen scheu' ich, alle andre werf' ich hurtig hinter mich,
Seiner Liebe Flammenauge suche unaufhörlich ich.
Drauf der Vater zornentflammet: »Jüngling, schweigst du nicht zur Stund,
Stürz ich dich, du kecker Schwätzer, alsobald in Meeresgrund!
Bist du gleich mein teu'rstes Kleinod, fehlet dir doch mein Verstand,
Dir gebührt nicht Absolutes, für dich ist Gesetzes Land.
Ihm der Jüngling liebetrunken: Vater du begreifst mich nicht
Wiss', in jedem Geist verborgen der Geliebte schlummernd liegt.
Wiss, daß ich mir jetzt erschienen als des Lebens Ocean,
Dich und alle Menschen schau ich jetzt in meinem Geiste an.
Warum sollt ich's nicht verkünden, sprech ich es doch selber nicht,
Da ich selbst vor mir vergehe, Gott in meinen Worten spricht.
In das Meer wolltst du mich stürzen, wohl mir, Vater, thu' es schnell,
Da ich in mir selbst vergangen, giebt das Leben mir die Well'.
Vater, ich bin der Geliebte, durch und durch mich Gott erfüllt,
Offenbarung unaufhörlich mir in meinem Herzen quillt.
Und was spricht mir Offenbarung? Untergang dein Aufgang ist,
In dem Schiff von Raum und Zeiten jetzt dein Geist Gefangner ist.
Offenbarung sagt mir: Springe frisch hinein in Gottes Flut,
So nur sich, o Geist, der Knoten deiner Rätsel lösen thut,
Vater, Gott ich bin, ich zeige meine Wang' den Menschen jetzt.
Weil ich selbst mich offenbaret, zeig' ich mich den Menschen jetzt.
Ich bin Gott, drum geht in Gott auch mein Dasein unter,
Wie der Tropfen in dem Meer alsobald geht unter.
Also ruft er laut und stürzet jauchzend in die Fluten sich.
Alles Schiffsvolk, händeringend, steht und jammert bitterlich.
Wie die Schneeflock' in der Sonne Strahlen auseinanderfließt.
So der schöne Jüngling balde in der Flut verschwunden ist.
Und der Vater steht und blicket unverwandt der Strömung nach,
Endlich dringt aus seinem Herzen laut ein jammervolles Ach.
Wieder schweigt er dann und sinnet, plötzlich schaut er um sich her.
An den Rand des Schiffes tritt er, stürzt sich schweigend in das Meer.
Alles Schiffsvolk steht betäubet, wie der Punkt im Kreise starr.
Festgebannt steht jeder gleich wie Perlen in der Muschel starr.

Aus dem »Pend-nameh.«

1.

Vier Dinge sind, die, wenn sie fortgegangen,
Zurück nicht führt das sehnlichste Verlangen;
Das Wort, das unversehns der Zung' entflohn,
Der Pfeil, der fliegend fern vom Bogen schon;
Wie kann gesprochnes Wort zurückzubringen
Und Schicksalslauf zu wenden dir gelingen?
Führst du wohl je geschoss'nen Pfeil zurück?
Erlangst aufs neu entschwundnes Lebensglück?
Wer erst gesprochen, ohne zu bedenken,
Den wird hernach vielfache Reue kränken;
Sprachst du noch nicht, so steht's in deiner Macht;
Sprachst du, wie wird es ungeschehn gemacht?
Des Lebens Augenblick betracht' als Beute;
Ist es dahin, nie wird das Gestern Heute.
Den Schicksalsschluß trieb keiner von sich ab,
Am besten that, wer ruhig sich ergab.
Wer sicher will die Lebenszeit genießen,
Muß seinen Mund mit einem Siegel schließen.
Mit Recht muß dir das Leben teuer stehn:
Ist es dahin, nie wirst du's wiedersehn.

2.

Bei Kön'gen findet Freundschaft keinen Ort,
Die Weisen sagen's, glaube diesem Wort.

3.

Was du dem Feinde willst verhehlen,
Mußt du den Freunden nicht erzählen.

4.

Vier Dinge sind, o Bruder, voll Gefahr;
Wenn du's vermagst, nimm ja dein Bestes wahr!
Dem Sultan nahn, den Bösen viel vertrauen,
Nach Weltgut streben, umgehn mit den Frauen.
Dem Sultan nahn, ist wie des Feuers Brand,
Der Seele Tod ist Böser Freundschaftsband.
Im Innern ist die Welt voll Gift und Schlangen,
Mag auch ihr Äußres bunt mit Farben prangen.
Ob sie nur Putz und Schmuck dem Auge zeigt,
Verderben ist's, das ihrem Gift entsteigt.
Der bunten Schlange Gift sucht Todesbeute,
Fern halten sich von ihr verständ'ge Leute;
Nach Flitter strecken Kinder nur die Hand,
Nur Weiber freut Geruch und Farbentand.
Die Welt sucht stets als Braut sich neu zu schmücken,
Und immer neue Gatten zu berücken.
Glückselig, wer, einst von ihr festgebannt,
Auf immer ihr den Rücken hat gewandt.
Hold lächelt sie zu ihres Gatten Küssen,
Doch bald ist er von ihrem Zahn zerrissen.

5.

Der Dank kann erst die Wohlthat recht vollenden,
Dem Undank muß sie sich zur Strafe wenden.
Der Undank hemmt der Gnadengaben Lauf,
Dem Danke schließt sich ihre Fülle auf.

6.

Wem Gott vergönnt ein Wissender zu sein,
In dessen Herzen wohnt nur Gott allein;
Ihn kümmert nicht, was ihm die Welt auch schicke;
Ja auf sich selbst nicht wirft er seine Blicke.
In ihm vernichtet sein, heißt Wissen nur;
Nicht weiß, wem noch des eignen Daseins Spur.
Der Wissende strebt nicht nach Welten;
Nur Gott allein, sonst nichts kann für ihn gelten.
Auf Gottes Antlitz ruht des Geistes Blick,
Vom eignen Selbst bleibt kein Gefühl zurück.

7.

Der Sultan, der die Unterthanen quält,
Er glaube nicht, daß er sein Reich behält.

8.

Ist Gold in eines Unverständ'gen Händen,
So kann er's nur vergeuden und verschwenden.

9.

Viele Fehler sind, o Bruder, in der Welt,
Durch die ein König selbst in Schaden fällt.
Kann öffentlich er nicht das Lachen meiden,
So wird er an Ehrfurcht Abbruch leiden.
Wenn er mit Niedern sich zusammensetzt,
So wird der König auch gering geschätzt.
Bei Weibern viele Zeit allein verscherzen,
Zerstört des Königs Achtung in den Herzen.
Wer auf der Erde mächtig ist und frei,
Hat Hang zum Druck wohl und zur Tyrannei.
Dem König ziemt Gerechtigkeit und Treue,
Daß sich die Welt ob seinem Rechte freue.
Ist er ein Ungerechter und Tyrann,
So richtet er nichts aus mit Roß und Mann;
Ist er gerecht und freundlich beim Begegnen,
So wird auch Gott sein Reich mit Dauer segnen.
Übt der Sultan am Heere Edelmut,
Für ihn vergießt es hundertmal sein Blut.

10.

Wer wagt des Sultans Meinung zu bestreiten,
Kann nur sich selbst den Untergang bereiten.
Wer sich entgegensetzt des Königs Macht,
Sein Tag ist schwarz wie Finsternis der Nacht.

11.

Voll Schauer ist der Weg Der Weg des Lebens. und Räuber lauern;
Nimm einen Führer, laß dich Müh' nicht dauern;
Die Herberg' Gottes Wohnung. ist entfernt, schwer ist die Last;
O bleibe nicht zurück, geh' ohne Rast.

12.

Bei wem sich Rat und That entsprechend finden,
An dessen Rat wird sich ein andrer binden.
Doch hält er selbst auf das nicht, was er spricht,
Gehorchen andre seinen Worten nicht.

13.

Magst du auch Geld und Gut endlos zusammentragen,
Du wirst doch nackt und bloß zuletzt ins Grab getragen.

14.

Die mit Verachtung auf den Feind nur blicken,
Sie werden einst zur Flucht vor ihm sich schicken.
Ein einz'ger Funke, wenn er angefacht,
Hat einer Welt oft Untergang gebracht.
Vor kleinen Übeln wahre dich zur Zeit,
Sonst bist du bald von aller Rettung weit.
Will man sich nicht um einen Kopfschmerz kümmern,
So wird sich bald der ganze Leib verschlimmern.

15.

O achte wohl auf eines Gegners Wort,
Sonst reißt er schnell dich ins Verderben fort.
Das Wasser kann ein kleines Feuer dampfen;
Ist es entflammt, wer will es dann bekämpfen?

16.

Leiht man den Worten, die du sagst, kein Ohr,
Hast du auch hundert, bringe keines vor.

17.

Wer das nicht handelnd übt, was er gelernt,
Hat sich vom wahren Wege weit entfernt.

18.

Wer nur gemächlich sucht den Leib zu pflegen,
Dem ist der Ochs und Esel überlegen.

Karl Heinr. Graf.

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