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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 19
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
year1887
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Nizâmî

Abû Muhammed ibn Jûsuf Nizâm-eddîn oder Nizâmî wurde zu Ganga im Lande Arrân 1137 geboren und starb, 63 ½ Jahr alt, ebendortselbst. Früh verlor er seinen Vater. Die Frömmigkeit, welche einen Hauptzug seines Charakters und seiner Schriften bildet, trieb ihn anfangs einer gewissen dürren Ascese in die Arme, in der er jedoch nicht lange Befriedigung fand, sodaß er sich einer heitereren Lebensanschauung zuwandte. Sein erstes Werk, mehr didaktischer Natur, ein Vorläufer Sâdi'scher Poesie, ist das »Mahzan-alasrâr«, »Magazin der Geheimnisse«, aber erst mit dem romantischen Epos »Chosrau und Schîrîn« betrat er das Feld seiner eigentlichen Größe. Der Atabeg Kizil Arslân berief ihn an seinen Hof, und schenkte ihm zwei Dörfer. Auf diesem seinem Besitztum lebte der Dichter in stiller Zurückgezogenheit, da er im Gegensatz zu den meisten übrigen persischen Poeten die Unabhängigkeit dem Hofleben vorzog. 1186 stellte er seinen »Diwan« zusammen, der aber verloren gegangen zu sein scheint, und wandte sich dann, auf Wunsch des Fürsten vom benachbarten Schirwân, Achsitan, der Geschichte des berühmten arabischen Liebespaares »Leila und Medschnun« zu; widerwillig machte er sich an den Stoff heran, vollendete ihn aber mit glänzender Meisterschaft in vier Monaten. Seine letzten Werke sind das in zwei Teile zerfallende Helden-Epos von Alexander dem Großen (Iskender-nameh), wozu er durch seine Bewunderung für Firdusi veranlaßt wurde, und das »Heft-Peiker« (»Die sieben Schönheiten«), mit dem er wieder in die Bahnen der Romantik einlenkte. ..... Dreimal war der Dichter verheiratet und besaß einen Sohn aus der ersten Ehe.

Aus dem »Magazin der Geheimnisse.«

I.

Herr Jesus auf gewohnter Wanderung
Ging einst auf einen Markt hin. Da lag
Ein toter Hund und viele Leute standen
Um ihn herum, wie Geier um ein Aas.
Sie schmähten alle die verworfne Leiche,
Es war zu groß kein Schimpf, zu stark kein Ausdruck
Den Aufgebrachten über alle Maßen
Ob einer so höchst ungefügen Schau,
Ob eines so höchst widrigen Geruches.
Herr Jesus aber trat heran und sprach
Sanftmütigen Tones so: »Die Zähne seht,
Die herrlichen, sie sind so weiß, wie Perlen!«
Mit Tiefbeschämung trifft sie diese Rede,
Die meisten in Beschimpfung allumher;
Sie sind wie Muscheln, welche die Gewalt
Der Flamme fühlend, durch und durch erglühn.

Daumer.

II.

Nur ein Abglanz des Prophetentumes
Ist der Dichtkunst heilig ernster Schleier,
Vor und nach sich reihn des Geistes Größen:
Den Propheten folgt die Schar der Dichter.
Beide sind Vertraute eines Freundes, Gottes.
Kern jedoch sind jene, diese Hülle.

III.

Herzlos sind wie Gold die Dichterlinge,
Denen feil um Gold die hohe Kunst ist.
Wer fürs Gold die Lichtgedanken hingiebt,
Giebt für Steine leuchtende Rubine.
Diese Leute, die gelehrt sich dünken,
Stehn am tiefsten auf der eitlen Höhe.
Schmückt sie heut die goldverzierte Mütze,
Drückt sie morgen schon die Eisenkette.
Wer, Quecksilber gleich, abhold dem Gold ist,
Glänzt wie Silber, frei von Sangars Der letzte der seldschukkischen Großsultane; † 1157. Eisen!

Bacher.

Aus dem Heft-peikar.«

Das »Heft-peikar« (»Die sieben Schönen«), Nisâmîs letztes Werk, enthält mehrere kleinere episch-lyrische Erzählungen. Der schöne und tapfere Prinz Behram-Gur (Sohn des letzten Sassanidenkönigs Jesdedscherd, in der ersten Hälfte des 5. Jahrh. n. Chr. lebend) besaß in einem verschlossenen Gemache seines Palastes die Bilder von sieben ausgezeichneten Schönheiten, einer indischen, tatarischen, chowaresmischen, slawischen, mauritanischen, griechischen und persischen Prinzessin, um deren Liebe er warb und die er später heimführte. Darauf ließ er für seine Frauen einen Palast mit sieben Pavillons bauen, jeder derselben einem der Planeten geweiht und in einer der sieben Farben ausgeschmückt; abwechselnd besuchte der Prinz jede seiner Frauen an einem Tage in der Woche. Während seines Besuches bei der slawischen Fürstin, die einen roten Pavillon besaß, worauf sich die letzten der mitgeteilten Verse beziehen, erzählt diese ihm die nachfolgende Geschichte von der Tochter eines russischen Fürsten, welche ebenso schön wie in allen Zauberkünsten erfahren von Anbetern umworben wird. Gleich der chinesischen Prinzessin Turandot, hat sie sich jedoch in einer Burg verschlossen und macht den Besitz ihrer Hand von vier Bedingungen abhängig: gutem Ruf der Wohlthätigkeit, der Entdeckung und Bezwingung der Zaubertalismane, welche ihre Burg schützen, sowie der Lösung einiger Rätsel. Wer sich umsonst bemüht, soll getötet werden. Schon haben viele ihr Leben gewagt und ihre Häupter krönen die Thore der Stadt: hier hebt das mitgeteilte Fragment der Erzählung an.

Da war von hohem Stamm ein Königssproß,
Ein Jüngling schön, von adeligem Werte,
Verständig, kühn, ein wackerer Genoß;
Waldesel sank und Leu vor seinem Schwerte.
Einst ging er aus der Stadt hinaus, zu jagen,
Weil neu ringsum ergrünt des Lenzes Reich;
Da sah die Schrift Die Bedingungen für die Freier der Prinzessin. er ob dem Stadtthor ragen,
Die hunderttausend Flaschen Giftes gleich.
Durch Schwerter schien der Sehnsucht Thor verwehrt,
Doch war das Bild herzraubend, augentzückend
Durch Schönheit, Anmut geistberückend,
Das jetzt schon seine Ungeduld vermehrt.
»An Heil – so ruft er – sei das Rohr stets reich,
Aus dessen Spitze diese Worte drangen,
Es formt die Schrift, die Welten schmückt; obgleich
Vom Haupt zum Fuß ihm hundert Häupter hangen. Die Häupter der getöteten Freier.
Wenn das Juwel, das einen Drachen ziert, Die Prinzessin.
Ich fliehe, find' ich keine Zufluchtsstätte;
Wenn ich mich vor der Lockungsschrift nicht rette.
Mein Herz den Gleichmut wohl im Kampf verliert.
Tobt Liebeslust im Herzen mir verderblich,
So bricht's, allein die Liebe bleibt unsterblich.
Die Schrift dort, ob sie auch in Seide prange,
Ist Dorn an Datteln, ist am Halsband Schlange,
O möge doch, wenn jedes Haupt zerschellt,
Zugleich das Mühsal sein des Todes Raub.
Was nützt' mir's, wenn mein Haupt vom Rumpfe fällt?
Im Staube liegt's, besudelt wird's vom Staub.
Zieh' ich behutsam nicht die Hand zurück,
Verwickl' ich wohl das Haupt in jene Schlingen;
Mag kühner Mut mir auch das Herz durchdringen,
Wie kann ich preisen meines Lebens Glück?
Daß ich dem Peri-Zauberwerk entflieh',
Unmöglich ist's, brauch' ich nicht selbst Magie;
Denn eh ich sie nicht aus dem Feld geschlagen,
Werd' ich mein Haupt an Thorenwerk nicht wagen.
Und alle Mittel, klein wie groß, ich brauche,
Mein Schaf zu retten vor des Wolfes Hauche,
Denn jedes Werk, mit Unlust unternommen,
Wird aus der Ordnung in Verwirrung kommen.
Nicht kleinlich denke, wenn das Glück dir schwindet,
Da dieses immer größres Unglück schafft;
Wer den Gewinn vor'm Weltenvorhang findet,
Der greift die Schwäche und verwirft die Kraft. Wer im Äußerlichen das Glück sucht, findet den Schein statt der Wirklichkeit.
Muß nicht, da wüstes Herz mir ist als Geist,
Mehr als das Herz die Leber sieden mir Die Leber gilt bei den Orientalen für den Sitz der Empfindung.
Wie wäre da das Herz zufrieden mir?
Wie käm's, daß mir im Sinn Erinnerung kreist?
Nicht ob des eignen Schicksals will ich klagen;
Mein Haupt – Blutopfer-Tausend – hin ihr tragen.«
Er sprach's, das Herz von wildem Harm verzehrt,
Indes manch tiefer Seufzer ihm entfährt.
Die Thräne quillt; im Geist kann er entdecken
Das Schwert am Teppich, und das Haupt im Becken.
Doch hält er seine Liebe streng verborgen,
Und niemandem vertraut er seine Sorgen.
An jedem Tage, bei des Morgens Grauen,
Treibt ihn ein Sehnen, ungestüm und wild,
Um in der Stadt das wundersame Bild
Vom Grab Ferhâds und Schîrins Schloß zu schauen.
Er suchet nach dem Tausendschlüsselbunde,
Doch nichts zeigt ihm des Seiles Ende an;
Er sieht wohl hundert Freundeshäupter dran,
Doch von des Seiles Haupt giebt niemand Kunde. d. h. wo das Seil zu Ende war – die Wohnung der Prinzessin. Er suchet überall an allen Seiten,
Wie er wohl schmelzen kann die harten Ketten;
Gern möcht' er zu des Werks Vollendung schreiten,
Drum forscht und spüret er an allen Stätten,
Daß sich des Wunderwerkes Plan ihm kündet:
Ob's Diwen-Werk, ob Engel es gegründet.
Den kühnen Rossen legt er Zügel an,
Und so erforscht er jedes Wissens Grund;
Indem die Menschen sämtlich er für sich gewann,
Ward alles, was verschlossen war, ihm kund.
Als er die Weisheit dieser Welt begreift,
Der Welt und Menschen Kenntnis klug erringend,
Wird Çîmurg er, zum Sonnenglanz sich schwingend,
Ein Vogel, der von Berg zu Berge schweift.

Nachdem der Jüngling die Magie erlernt, löst er die drei ersten Bedingungen und dringt bis an das Thor der Burg. Die Prinzessin sendet ihm einen Boten entgegen, läßt ihn beglückwünschen und ihn auffordern, ihr innerhalb zwei Tagen zur Hauptstadt zu folgen und dort die letzte Aufgabe, vier Rätsel, zu lösen. Der Prinz ist damit einverstanden und zieht im Triumph in die Hauptstadt ein. Indessen begiebt sich die Fürstin zu dem Vater und teilt ihm den glücklichen Erfolg des Prinzen mit, verlangt aber nunmehr die Erfüllung der vierten Bedingung.

»Was ist die vierte? – rief der Schâh darauf –
Nicht zwanzig, eine stell' die Schöne auf!« Der Schâh ist ungehalten über die Tochter.
»Vier schwere Rätsel« – sprach ihr Honigmund –
»Thu' ich, damit er sie nur löse, kund;
Und hat er sie erraten, sei zum Lohne,
Ihm alsobald aufs Haupt gesetzt die Krone.
Doch wird sein Maultier auf dem Pfad ermatten,
Wer weiß, ob es sich rührt vom Platz sodann; Maultier seines Geistes.
Drum setze, bricht die Morgenröte an,
Der Schâh sich unter seines Throndachs Schatten.« –
Da sprach der Schâh: »Stets thu' das Bill'ge ich,
Was du beschließen magst, bewill'ge ich!« – –
Sie setzten das Gespräch nicht weiter fort,
Und suchten Rast und Schlaf am Ruheort.
Kaum glänzt' am Himmelsblau das Morgenrot,
Wie aus den Felsen schimmern die Rubinen,
Als schon der Schâh den Fürstenrat entbot,
Des Amtes Last zu tragen, dort erschienen.
Er lud nun hochberühmte Männer ein,
Das Recht zu sprechen, und zu thun nicht scheuend,
Und auch den Prinzen bat, sein Gast zu sein,
Der Schâh, mit Perlen ihm das Haupt bestreuend.
Im Kiosk die Tafeln rings, die goldnen, gleißen,
Von reicher Überfülle Last gebeugt,
Und ob der Gier, die fast beim Mahl sich zeigt,
War's »Festmahl« nicht – nein »freßt mal!« mußt es heißen.
Ein jeder wählte sich, nach Herzenslust,
Die Speisen rechts und links, die er begehret,
Und als die Gäste alles nun verzehret,
Da preisen sie den Wirt aus voller Brust.
Der Schâh befiehlt die innern Säle dann
Zu reiben mit des feinsten Goldes Proben. d. h. den Saal mit Gefäßen und Zierraten von solchem Golde zu schmücken, daß der Probierstein sie als das reinste Gold erweisen kann.
Er selbst setzt sich an seinen Platz ganz oben,
Und weist den Gästen ihre Sitze an.
Ihm gegenüber seine Tochter sitzt;
Und daß – gewandt in Tändelein der Minne –
Für jenen neue List sie schlau ersinne,
Beginnt das Spiel sie hinterm Vorhang ißt.
Zwei Perlen nahm sie aus der Ohre Ringen,
Und gab sie einem Diener, um in Hast
Zu reichen sie dem schlangenklugen Gast,
Und dann ihr seine Antwort gleich zu bringen.
Der Jüngling nimmt sie, und im Geist erwägt er,
Und rät, was jene wohl gewollt, im Nu;
Hierauf zu diesen beiden Perlen legt er
Drei andre, als Genossen, noch hinzu.
Er giebt sie dann dem wackren Boten hin,
Den er damit der hohen Fürstin schicket.
Als nun die Felsenherzige erblicket
Die Perlen-Fünf, erweicht sie ihren Sinn.
Da seine Antwort selbst ein Rätsel schien,
Ersann sie eines drauf, wie Staub am Grund; so fein, so dunkel, wie Staub.
Sie bröckelt Zucker mit den Fingern, und
Der Diener einem überreichte sie ihn.
Daß er zum Fremden schnell zurücke kehret;
Der, gleich entdeckend den verborgnen Sinn,
Vom Diener einen Becher Milch begehret,
Und streut den Zucker d'rein, und spricht: Nimm hin! –
Der Bote kehrt zu seiner Herrin wieder,
Und legt des Werks Ergebnis vor ihr nieder;
Da, von der Hand streift einen ihrer Ringe
Sie, daß man jenem alsobald ihn bringe.
Der Jüngling nahm ihn aus der Jungfrau Hand,
Der durch den Ring von Kraft und Mut umflossne;
Dann gab die Maid, die Huristamm entsprossne,
Ihm eine Perl', dran ein Rubin sich fand.
Der Schönheit Mond Der Mond der Schönheit heißt oft die Geliebte, hier die Prinzessin. birgt wohl zwei Rätsel drunter,
Doch ist die Lösung beider ihm beschieden;
Ziert jed' Juwel ein andrer Schein, ein bunter,
An Wert und Reinheit sind sie nicht verschieden.
Und eine Perle läßt, lichtblau vom Scheine,
Daß keine dritte, so wie diese reich,
Er von den Dienern bringen, fügt dann kleine
Korallen zu, und schickt sie jener gleich.
Als sie Koralle nun und Perl' erblickt,
Löst lächelnd sich der Lippen Siegelband,
Sie nimmt die Perle, die das Ohr ihr schmückt,
Und die Korallen wählt sie für die Hand!
Zum Vater sprach sie: »Auf, ans Werk Auf, rüste die Verlobung! denn, eilig.
Ich fleh dich an, ist dir mein Glück noch heilig;
Wo wäre Glück mir ohne ihn gewesen?
Er sei mein Gatte, ihn hab' ich erlesen!
Genossenschaft find' ich beim Gatten ja,
Dem hier nicht oder sonstwo jemand gleich;
Sei ich auch klug, so wie der Teure da,
Bin ich doch nicht, wie er, an Wissen reich.« –
Der Vater, froh bei diesem lieben Wort,
Sprach zur Perî: »Die Eh' ist mir willkommen,
Doch was an Frag' und Antwort ich vernommen,
Verhüllet mir ein Schleier fort und fort;
Da, was geschah, ich nicht enträtseln kann,
Sollst du genau von allem Kunde geben.« –
In tausend Listen, wohlgewandt, begann
Den Schleier vom Geheimnis sie zu heben.
Sie sprach: »Als ich den Plan ersann,
Vom Ohr zu nehmen mir die Perlenschnur,
Zeigt' ich durch die zwei reinen Perlen an,
Daß mir das Leben wert zwei Tage nur.
Doch als den Zucker ich hinzugebracht,
Zusammen mit den Perlen ihn gerieben,
So hieß dies: Leben ist mit süßen Trieben Eigtl. »Das Leben ist von Sinnenlust befleckt.«
Gemischt, wie mit dem Zucker Perlenpracht.
Da nun aus Zauber und Chemie entsproß
Die Lehre, wie Substanzen sind zu scheiden,
So sagt, wer Milch geschüttet zu den beiden,
Daß diese blieb, der andere zerfloß –
Der Zucker, wenn auf Perlen auch gestreut,
Von einem Tropfen Milch zu schmelzen dräut; –
Da ich aus seiner Schale Zucker aß,
Milchtrinkend, ich im Kampf mich mit ihm maß;
Und ich gestand durch jenen Ring es ein,
Ich achte mich als Gattin, ihm verbündet –
»Wie das Geschmeid' ihr Haupt umflicht (so kündet
Er durch die Perl') will ich ihr eigen sein.«
Ich legte die Juwelen an sogleich,
Ein Zeichen, daß ich ihm als Gattin eigen,
Ihm, beide Perlen prüfend, mußt' sich's zeigen,
Daß keine dritte in der Welt so reich.
Die blaue Perle nahm er in die Hände,
Da war sein Blick von Himmelsrausch entrückt;
Ich hatte mit dem Geschmeide mich geschmückt,
Daß ich als Gattin fest an ihn mich bände.
Ja, seiner Perlen-Morgengabe Platz
Sei mir am Busen, ein Schatzkammer-Schatz,
Und ob der fünf verborgnen Rätselfragen
Hab' ich fünf Königspauken nun geschlagen!« fünf Triumphe oder fünf Wonnen hab' ich erlebt.

Der Schah, gezähmt es sehend, löst die Knoten
Der Geisel seinem Füllen; der bis jetzt ungebändigten Prinzessin. wie's geboten
In den Gesetzen, ordnet er zum Feste,
Zum bräutlichen, nun alles an aufs beste,
Und Zuckerkrümchen streut er auf die Matten,
Indem er Suhreh Çoheils Werk befahl; Suhreh ist der Planet Venus, Çoheil ist der Canopus, der nach orientalischer Vorstellung den Edelsteinen eine rote Farbe zu leihen vermag; der Sinn dieser Worte ist: er überließ es der Liebe (Venus), das Erröten zuwege zu bringen.
Mit schönen Teppichen schmückt er den Saal,
Wo Moschusduft und Aloë sich gatten.
Mit ihrem Brautschmuck schmücket er die Braut,
Cypress' und Rose aneinander fügend;
Sich an der Heiden frohen Glück vergnügend,
Hat er, sein selbst nicht denkend, sie getraut. –
Als der Minierer in den Schacht jetzt steigt
Der Seele, hilfreich nehmend jedes Bangen,
Küßt er die Lippen bald und bald die Wangen,
Brandschatzt Granat' und Dattel, die sie zeigt Granat-Mund, Dattel-Busenknospen.
Dann spielt mit dem Demant an ihrer Hand er,
Ruht am Fasanenbusen, weich und mild,
Und seine Perl' an ihrem Finger fand er,
Im trunkenen Narzissenaug' sein Bild.
Erholung schenkt sie seinem Sehnsuchtsbrand;
Und Wange färbt er rot ihr und Gewand,
Sodaß am ersten Tage schon es offenbar,
Daß ihres Kleides Rot ein Odem war.
Dem Schwarzen sieht das Rote man entsteigen,
Drum wird ihr roter Schmuck als Lohn zu eigen;
Weil sie durch Rot den finstern Ernst verbannt,
Wird sie des roten Kleides Engel auch genannt.
Und rot benennet man das lautre Gold;
Dem Schönsten wird der Titel »rot« gegeben,
Und weil sie Blut durchströmt mit warmem Leben
Wird's rot, ob ihrer Seele, gut und hold.
Bei denen, die ein edler Sinn beglückt,
Sind rote Wangen Zeichen ihrer Güte;
Im Garten ist des Schahs die Rosenblüte
Nicht rot, wenn ihn nicht selbst die Röte schmückt. Wenn der Schah selbst nicht rot, d. h. nicht gut ist.
Doch als das Märchen nun ein Ende fand,
Da wallet Rosenröte in den Lüften,
Es glühen Behrams Wangen wie von Düften
Des reinsten Weins, er liebkost mit der Hand
Der roten Rosen, die sich ganz ihm weihte,
Drückt sie ans Herz und schläft an ihrer Seite.
Wollheim.

Aus dem »Alexanderbuch.«

I.
Gebet.

O Herr, dem die Herrschaft der Welt angehört,
Und dem mein Gemüt hier Gehorsam beschwört,
Du schirmst, was erhöht ist, du schirmst, was gering,
Das Weltall, es ist nicht, du bist jedes Ding,
Es zeigt uns die Schöpfung, was hoch ist und tief,
Du bist's, dessen Allmacht hervor alles rief,
Du Allwisser bist's, der, was Nacht ist, erhellt.
Dein Kiel ist die Weisheit, dein Schreibbuch die Welt.
Dem Zeugnisse, daß du der Wahrhaft'ge seist,
Verlieh schon am Anfang Beweiskraft der Geist.
Den Geist hast du lichtvoll zum Blitz uns gemacht,
Die Welt für den Anfang zum Sitz uns gemacht.
O du, der den Sternenhimmel anzündetest,
Die Erd' uns als Herberge bloß gründetest,
Ein Tröpflein erschufst du zum Meerwasserschwall,
Den kostbar'n Juwel bildet dein Sonnenball.

Platen.

II.
Das Eldorado.

Auf seinen Zügen kommt Alexander der Große zuletzt in eine paradiesische Gegend, welche ihm einer der Bewohner folgendermaßen beschreibt:

Da du nach unserer Lage dich erkundigst,
So wollen wir, o König, alles künden.
Vernimm die Wahrheit: Unser Volksstamm, welcher
In diesen Bergen wohnt und diesen Thälern,
Ein sanft Geschlecht ist, fromm in seinem Glauben
Und keine Haarbreit von dem Rechten weichend.
Kein Mißlaut stört den Gleichklang unsres Handelns,
Harmonisch stimmen alle unsre Thaten.
Verkehrtheit tilgen wir aus unserm Kreise,
Ergaben uns der Herrschaft wahren Rechtes,
In keinem Fall entfährt ein Lügenwort uns,
Drum schrecken nachts uns keine bösen Träume.
Wir stellen keine Fragen, die nicht frommen,
Denn eitles Fragen ist vor Gott ein Greuel.
Was Gott uns zuschickt, nehmen wir entgegen,
Denn widerstreben hieße Gott versuchen;
Nicht stemmen wir uns gegen seine Fügung,
Wie käme Widerstand zu Gottesfürcht'gen?
Beugt Elend den Genossen, leihn wir Beistand
Und eigne Not ertragen wir geduldig.
Ist irgend wer durch uns geschädigt worden,
Und dieser Unbill Kunde uns zu Ohr kömmt,
So öffnen freudig wir des Beutels Mündung,
Um reichlich jeden Abgang zu ersetzen.
Begüterter ist keiner als der andre,
Zu gleichen Teilen alle wir besitzen.
Wir sehn uns alle an als Gleichgestellte,
Drum lächeln niemals wir beim Jammer andrer.
Nicht kennen Furcht vor Dieben wir, drum giebt es
Nicht städt'sche Wache, nicht im Felde Hüter.
Da nichts wir andern, Fremden je entwenden,
Sind auch vor Diebstahl Fremder wir gesichert;
Nicht schützet Schloß und Riegel uns die Häuser
Und frei die Herden ohne Hirten weiden.
Gott würdigt uns Geringe seines Schutzes,
Hält fern von uns des Wolfs, des Löwen Tücken;
Und wagt der Wolf ein Lämmchen anzuschnauben,
Der Untergang träf' ihn zur selben Stunde.
Wenn jemand eine Ähre unsrer Saat nimmt,
Fühlt einen Pfeil er unversehns im Herzen.
Das Saatkorn streuen wir in unsre Äcker,
Der Saat Gedeihn dem Höchsten überlassend.
Einmal gesät, bekümmert uns das Korn nicht,
Als wann nach sechs der Monde naht die Ernte;
Dem Ewigen allein liegt unsre Hut ob,
Auf ihn vertrauen wir und sonst auf keinen.
Nicht fand bei uns Verleumdung eine Stätte,
Vor andrer Fehler schließen wir die Augen.
Wünscht jemand einer Streitigkeit Entscheidung,
So suchen wir im Ausgleich sie zu schlichten.
Auf schlechte Bahn wir niemanden verleiten,
Wir meiden Aufruhr, scheuen Blutvergießen.
Wir fühlen jeder mit dem Gram des andern
Und nehmen wieder Teil an seiner Freude.
Des Goldes, Silbers trügerischer Schimmer
Bei keinem unter uns Beachtung findet.
Wir thun einander nicht das kleinste Leid an,
Kein Sandkorn eignen wir uns an gewaltsam.
Nicht scheu vor uns des Feldes Tiere fliehen,
Auch rührt sich keine Hand, sie zu verletzen.
Treibt sie die Not, so kommen Reh und Steinbock
Und treten mit Vertrau'n in unsre Thüren,
Wenn wir auf sie zu jagen sind genötigt,
Erlegen wir nach unsrer Notdurft Maßstab;
Sonst, wenn der Jagd wir nicht mehr sind bedürftig,
Gestatten dem Gewild wir Feld und Fluren,
Wir essen nicht, wie Ochs und Esel, maßlos,
Und schließen auch die Lippe vor Genuß nicht;
Von Speis' und Trank ein solches Maß wir nehmen,
Daß noch einmal so viel wir nehmen könnten.
Nicht stirbt bei uns der Mutter weg ein Jüngling,
Ein jeder hochbetagt beschließt sein Leben.
Wenn jemand stirbt, wird uns das Herz nicht bange,
Denn kein Erfolg entsprösse unserm Schmerze,
Wir sagen hinter niemand's Rücken etwas,
Was ins Gesicht wir ihm nicht sagen könnten.
Wir spüren niemals nach dem Thun des andern,
Erheben kein Geschrei, wenn er gefehlt hat.
Mag gut, mag schlecht uns das Geschick begegnen,
Wir weichen niemals ab von diesen Regeln,
Was immer Gott vollkommen hat erschaffen,
Wir fragen nie: was ist das, woher kömmt dies?
Ein jeder kann in unsrer Mitte weilen,
Der rein und sittenstreng gleich uns will leben;
Sowie jedoch er unsre Sitt' verletzt hat,
Wird schleunigst er verbannt aus unsren Grenzen.

Bacher.

Sprüche.

1.

Gerätst du in die Mitte zweier Feinde,
Mach, daß sie zankend auseinandergehen.
Hetz' auf den Wolf den Tiger dir zum Heile,
Aus zweier Steine Reibung ziehst das Mehl du.

2.

Schatzkammern legt man an des Goldes halber,
Das Gold, am besten legt's man an beim Feinde;
Mit süßer Lockung kommt der Fuchs zufalle,
Für Leckerbissen giebt das Kind den Ring hin.

3.

Nicht schmück' dich selber, wie die Blum' im Garten,
In andrer Händen laß die Lampe schimmern!
Ein dünkelhafter Mager Priester der Lichtreligion, der Feueranbeter. sprach zum Feuer:
Was giebt es bessers als wir zwei hienieden?
Das Feuer sagte: Willst du's recht erwägen,
Müßt man verbrennen dich und mich verlöschen.

4.

Die Treue ist dir mitgeborne Tugend,
Laß nicht die Gabe, die von Anfang dein ward.

5.

Nur deshalb ist die Muschel starr wie Knochen,
Weil geizig sie der Perle Mark verschließet.

6.

Warum, um nur des Bauches Lust zu stillen,
Nach allen Seiten ruh- und rastlos jagen?
Die Wüste und den Ocean durchschneiden,
Wo nichts am Ziele winkt, als – Brot zu essen!
Die Strebenden, die mit Verstand begabt sind,
Was suchen anders sie als schließlich Ruhe?
Die ganze Welt durchschreiten ihre Füße,
Daß sie zuletzt den Fuß zum Ruhsitz lenken.
Der Einsichtsvolle weiß, daß die da reisen,
Die Stillesitzer immer glücklich preisen.
Die Sicherheit weilt nur im Land der Ruhe
Und außer seinen Grenzen – stete Mühsal!

7.

Hältst eine Speise du zuhaus verborgen,
In siebzig Häuser bald ihr übler Duft dringt;
Doch schickst davon du rings den Nachbarn allen,
Wird dir des Ruhmes Moschusduft zuteile.

8.

Ein Diener süßer Rede, wenn auch lieblos,
Ist besser als ein liebevoller Dummkopf;
Die Liebe ziemt's mit schönem Wort zu zeigen,
Was nützt die Neigung mir, die schlecht sich ausdrückt?

W. Bacher.

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