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Divan der persischen Poesie

: Divan der persischen Poesie - Kapitel 11
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typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDivan der persischen Poesie
publisherVerlag von Otto Hendel
editorJulius Hart
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Sohrab

Dieses Gedicht voll herber Tragik hat stofflich große Ähnlichkeit mit unserem Hildebrandslied. Auf einer Fahrt ins Turanische hat Rustem, der Sohn des Sal und der Rudabe, der persische Siegfried, mit Tehmine, der Tochter des Königs von Semengan, einen Sohn Sohrab erzeugt, der an Kraft und Kühnheit dem Vater gleich wird. Als Sohrab groß geworden, treibt ihn kriegerisches Verlangen, Iran zu erobern, seinen Vater aufzusuchen und ihn und sich zum unumschränkten Herrscher des Landes zu machen, dessen Vasall Rustem ist. Afrasiab aber, der König von Turan, hofft, daß dieser gefährlichste Feind seines Landes von Sohrab besiegt werden könne und trifft daher Vorbereitungen, daß, sobald Rustem diesem entgegentritt, der Sohn den Vater nicht erkennt. So geschieht es denn auch. Ohne sich gegenseitig zu erkennen, treffen Rustem und Sohrab aufeinander. Schon hat der Sohn einmal den Vater niedergeworfen, aber der letztere durch List dem Todesstreich sich entzogen. Am folgenden Tage wollen sich beide noch einmal im Waffentanz begegnen, zu dem sich Rustem besonders vorbereitet:

Es hatte Rustem, sagt man, im Beginne
Durch Gottes Huld so große Stärke inne,
Daß, wenn zu fels'gem Grund den Schritt er lenkte,
Sein Fuß dort einbrach, weil der Fels sich senkte.
Als lästig war ihm diese Kraft erschienen,
Die ihm beschwerlich fiel, statt ihm zu dienen;
Er hatte früher drum sich im Gebet
Zu Gott gewendet und ihn angefleht,
Daß er die Überkraft ihm minderte,
Weil sie auf jedem Gang ihn hinderte;
So hatte Gott auf seinen Wunsch geringer
Die Stärke denn gemacht dem Weltbezwinger.
Nun aber, da der Sieg ihm zweifelhaft
Bedünkte wegen Sohrabs großer Kraft,
Rief er: »O du, von dem das Gute kommt,
In dieser Drangsal gieb mir, was mir frommt!
Gieb mir zurück die einst verlieh'ne Gabe,
Die Kraft, die ich vordem besessen habe!«
Und sieh, da gab ihm Gott die Kraft der Glieder,
Die er genommen, auf sein Flehen wieder!
Aufs Schlachtfeld kehrte Rustem dann voll Bängnis;
Er zagte vor dem kommenden Verhängnis.
Dort harrte schon Sohrab, den Bogen haltend,
Mit seines Rosses Huf den Boden spaltend;
Wie wenn der Elefant zum Angriff braust,
So schrie er auf, die Fangschnur in der Faust.
Rustem sah staunend auf des Jünglings Toben,
Als wollt' er mit den Blicken ihn erproben;
Die Seele sank ihm, die sonst nie verzagte,
Bevor mit Sohrab er den Zweikampf wagte!
Dem Jüngling aber, der ihn schaute, trug
Der Jugendwind das Herz hinweg; im Flug
Sprengt' er heran; er maß mit seinem Blick
Des Mächt'gen Brust und Schultern und Genick
Und rief ihm zu: »Warum nach deiner Flucht
Wird nun aufs neu der Kampf von dir versucht?
Soll dich mein Schwert befördern zu den Toten?
Dem Unglück hast du deine Stirn geboten!«

Noch einmal banden beide fest die Rosse;
Das Schicksal richtete die Wurfgeschosse
Auf ihre Häupter; wenn es naht, sogleich
Wird harter Felsen gleich dem Wachse weich.
Aufs neue loderte die Wut des Streits;
Am Gürtel faßten sie sich gegenseits,
Doch, als ob Gott die Hand dem Sohrab lähmte,
Entriß sich Rustem ihm, der ungezähmte,
Erhob die Faust, das Krokodil zu packen,
Und faßte des Gewalt'gen Haupt und Nacken,
Daß ihm der Rücken, gleich dem Rohre, brach;
Gekommen war des edlen Jünglings Tag;
Zu Boden warf der Alte ihn am Ende
Und griff, damit er nimmermehr erstände,
Nach seinem Schwerte; hastig zückt' er es,
Und tief ins Herz dem Sohrab drückt' er es.

Ihr, die ihr Rachewerke übt, bedenkt,
Daß für das Blut, mit dem eu'r Schwert ihr tränkt,
Das Schicksal euch mit spitzem Dorn zerfleischt,
Und euer Blut von euch zur Sühne heischt!

Sohrab, in Schmerz sich windend, seufzte tief,
Er ahnte, daß es aus mit ihm und rief:
»Das ist das Los, das ich mir selbst erkor!
In deine Hand zu meinem Todesthor
Gab ich den Schlüssel! Minder schuld bist du;
Der Himmel hob und stürzte mich im Nu!
Zum Spotte nun dient meine Jugend allen,
Daß dieser hohe Wuchs in Staub gefallen.
Vom Vater sprach die Mutter mir so viel,
Und daß ich ihn so liebte, darum fiel
Mein Haupt! Ihn suchend, bin ich ausgezogen,
Und um mein Leben hat mich das betrogen!
Die Frucht der Mühen hab' ich nicht gesehn,
Ach! nicht des Vaters Angesicht gesehn!
Doch ob ein Fisch, du schwämmest durch die Welle,
Ob durch den Himmel flohst mit Sternenschnelle,
Ob du dich bärgst in nächt'ge Finsternisse,
Ob deine Hand herab die Sonne risse –
Doch trifft dich meines Vaters Racheschwert,
Wenn er, daß mich dein Arm erschlug, erfährt.
Der Großen wird, der Krieger, einer schon
An Rustem melden, daß du seinen Sohn,
Indes er seinen Vater aufgesucht,
Zur Erde hinwarfst, lieblos und verrucht!«

Rustem vernahm's; vor seinen Augen ward
Die Welt verdunkelt, leblos und erstarrt
Stand er, der Schwindel faßte ihm das Haupt,
Und auf die Erde sank er sinnberaubt.
Dann rief er, als er wieder zu sich kam,
Zu Sohrab voll Verzweiflung und voll Gram:
»Hast du von Rustem ein Erinnerungsmal?
Man mög' ihn streichen aus der Großen Zahl!
Ich selbst bin Rustem! Wisse das, Sohrab!
Mag Sal denn trauern über meinem Grab!«
Dann brüllt' er auf, es siedete sein Blut,
Er raufte sich das Haar und schrie vor Wut.
Als Sohrab solches ward von Rustem inne,
Da rief er, und es schwanden ihm die Sinne:
»So bist du Rustem, der den Dolch du zücktest,
Und unbarmherzig in die Brust mir drücktest?
Ich suchte dich zum Frieden zu bewegen,
Doch keine Liebe konnt' ich in dir regen!
An meinem Panzer löse nun die Bänder,
Sieh' meinen Leib, entledigt der Gewänder!
Als mich zum Kampf die Pauke rief von dannen,
Da hing die Mutter – blut'ge Thränen rannen
Ihr auf die Wangen um den Abschiedsharm –
Mir diesen Onyx scheidend um den Arm
Und sprach: »Dein Vater gab mir dieses Zeichen!
Bewahr' es treu, es ihm dereinst zu reichen!
Doch ach! zu spät, zu spät nun ist's geworden,
Der Vater mußte seinen Sohn ermorden!«
Rustem sah hin, erkannte das Geschmeid',
Zerriß auf seinem Leibe jedes Kleid,
Und rief: »O du, den ich getötet habe,
Glorreicher, allem Volk gerühmter Knabe!«
Sein Haar zerrauft' er, ließ den Thränen Lauf,
Bestreute sich mit Staub und brüllte auf;
Da sprach Sohrab zu ihm: »Es ist vergebens!
Das Weinen laß! Wenn du dich nun des Lebens
Mit eigner Hand beraubst, was hilft dir das?
Wie es geschehen sollte, so geschah's!«

Da schon die Sonne aufgehört zu scheinen,
Und Rustem nicht zurückgekehrt den Seinen,
So eilten zwanzig Wackre aus dem Heere
Zum Kampfplatz hin, was dort geschehen wäre.
Sie sahn die staubbedeckten Rosse stehn,
Von Rustem aber war nichts zu erspähn;
Sie fanden seinen Sattel leer von ihm,
Und rings umher kein Zeichen mehr von ihm:
Da glaubten sie, er sei im Streit gefallen,
Und jeder ward von schwerem Leid befallen.
Zu Kawus Kai Kawus, der Schah von Iran, Rustems Lehnsfürst. brachten sie das Trauerwort:
»Der Thron der Macht hat Rustem, seinen Hort,
Verloren!« Lauter Weheruf ertönte,
Sodaß die Erde von den Klagen dröhnte.
Kai Kawus rief: »Die Trommeln und Drommeten
Laßt tönen und den Tus Einer der ersten Helden am Throne des Karus. heißt näher treten!«
An seine Krieger gab er dann Befehl:
»Zum Kampfplatz sendet mir ein Laufkamel,
Da, was Sohrab verübt hat, noch nicht klar ist!
Beweinen muß ich Iran, wenn es wahr ist.
Wenn er den Rustem wirklich mir erschlagen,
Wie dürft' ein einz'lner dann es mit ihm wagen?
Wir alle müßten uns zur Schlacht vereinen;
Und selbst wir alle, trotzten wir dem Einen?«

Sohrab, da er den Tritt der Schar vernahm,
Die spähend zu der Todesstätte kam,
Sprach so zu Rustem: »Hin sind meine Tage,
Und anders wird dadurch der Türken Lage;
So zeig' nur deine Liebe denn! Berede
Den Schah, daß er die Meinen nicht befehde!
Nur das Vertrau'n auf mich hat sie so stark
Gemacht, den Krieg bis hier an Irans Mark
Zu tragen. Vielerlei verhieß ich ihnen,
Erreichung ihrer Wünsche wies ich ihnen.
Denn wie, o tapfrer Recke, konnt' ich glauben,
Der Vater würde mir das Leben rauben?
Auf ihrem Zug nach Haus nicht ficht sie an!
Sieh mir mit bösen Blicken nicht sie an!
Im Schlosse halt' ich einen Mann gefangen,
Den ich mit Bitten oftmals angegangen,
Von dir ein Zeichen mir zu geben – war
Dein Bild vor meinem Blick doch immerdar!
Doch falsche Antwort hat er stets erdichtet,
Mich hat er und sein eignes Glück vernichtet;
Durch seine Schuld ward mein Geschick erfüllt,
Der helle Tag vor meinem Blick verhüllt.
Erkunde, wer er ist! Doch habe Huld
Und straf' ihn nicht am Leben für die Schuld!
Die Zeichen, die die Mutter gab, erschaut' ich,
Und dennoch nicht den eignen Augen traut' ich!
Wie's in den Sternen mir geschrieben stand,
So mußt' ich sterben von des Vaters Hand;
Ich kam als Blitz und gehe wie der Wind,
Im Himmel sieht dich wieder einst dein Kind!«

Kaum atmen konnte Rustem, schmerzgepreßt
War ihm die Brust, das Auge ihm genäßt;
Er schwang sich auf den Reksch; Der Reksch, das berühmte Streitpferd Rustems. im Herzen schwoll
Das Blut ihm und ein kalter Seufzer quoll
Vom Mund ihm der vollbrachten Unthat wegen;
So ritt er klagend seinem Heer entgegen. .....

Bald darauf stirbt der junge Held.

...... Der Vater brüllte auf verzweiflungsvoll,
Indes ihm Blut vom Augenlide quoll,
Er sprang vom Pferd, riß sich die Kriegeshaube
Herab, bestreute sich das Haar mit Staube,
Und von dem Heere wurden, von den Großen,
Wehklagen, Schmerzensrufe ausgestoßen.
Rustem rief aus: »O weh, mein Mutentflammter,
Mein tapfrer Sohn, du Pehlewan-Entstammter!
Wie dich sehn Mond und Sterne keinen wieder!
Kein Helm deckt einen Kopf wie deinen wieder!
Wem ist wie mir ein Unglück widerfahren?
Den Sohn erschlug ich, ich, ein Greis von Jahren!
Den Sohn, den Enkel Sams, den Ruhmgenannten,
Den mutterseits mit Königsblut verwandten!
Der Stärkste heiß' ich auf dem Erdenkreis,
Und doch vor ihm war ich ein schwaches Reis!
Haut von dem Arme mir die Hand zur Strafe!
Mir ziemt, daß ich fortan im Staube schlafe!
Was sag' ich seiner Mutter von dem Toten?
Wie wag' ich, ihr zu senden einen Boten?
Was führ' ich an, weshalb ich ohne Huld
Das Lebenslicht dem Knaben sonder Schuld
Geraubt? Mit Abscheu wird man von mir sprechen,
Denn welcher Vater hat ein gleich Verbrechen
Verübt? Hat einer je des eignen Sprossen,
Des Tapfern, Jungen, Edlen Blut vergossen?
Sein königlicher Muttervater, was
Wird er der Tochter sagen? Wird mit Haß
Und Fluch er nicht den Stamm des Sam belegen,
Und gegen mich Verruchten Ingrimm hegen?
Doch könnt' ich glauben, daß ein Kind so zart,
Und doch vom Wuchse hoch nach Cedern-Art,
Als Heeresführer rückte in die Schlacht?
Durch diesen Knaben ward mein Tag zur Nacht!«

Dann sprach er weiter: »Ihm, der nun erblichen,
Mit Flor umhüllt das Haupt des Jugendlichen,
Ihm, dem der Sinn nach Thron und Herrschaft stand,
Der aber nur die enge Bahre fand.«

Erhoben ward der Sarg und unter Klagen
Zum Platz vor Rustems Zelte hingetragen;
Mit Staub war aller Krieger Haupt bedeckt,
Und Feuer ward im Lager angesteckt;
Die bunten Zelte rafften sie zusammen,
Und schleuderten sie in die lohen Flammen,
Samt Rustems Sattel; laute Klagen schollen
Und Rustems Stimme klang wie Donnerrollen:
»Wann sieht die Erde deinesgleichen je,
Du tapfrer, mut'ger Streiter? Wehe, weh
Um so viel Tugend, nun dahingerafft!
Um so viel Mannheit, so viel Körperkraft!
Weh, daß der Sohn fern von der Mutter sank
Durch Vatershand: Mein Herz ist todeskrank!«
Blutweinend mit zerrissenem Gewand,
Ein Grab sich höhlend mit der eigenen Hand,
Rief er: »Wie wird die edle Rudabe,
Wie wird mich Salser schmähen! Wehe, weh!
Sie werden solches nicht für möglich halten!
Dem Sohn, dem eignen Sohn das Herz zu spalten!
Was kann ich sagen, daß ihr Herz ich tröste?
Von allen ist mein Frevel ja der größte!
Was denken wohl die Großen, wenn sie wissen,
Daß ich die mächt'ge Ceder ausgerissen!«
Die Pehlewanen saßen, voll von Leid,
Im Staub des Wegs um Rustem her gereiht;
Sie sprachen ihm manch' mildes Tröstungswort,
Doch er wies allen Zuspruch von sich fort ......

Mit der Leiche des Sohnes kehrt Rustem alsdann in seine Provinz, Sabulistan, zurück. Der greise Sal kommt ihm mit dem gesamten Volke entgegen:

Der Heerzug schritt dem Sarg voran; bestaubt
Und voll von Erde war der Großen Haupt;
Die Rosse gingen mit beschnitt'nen Schweifen,
Zerschlagen waren Pauken, Cymbeln, Pfeifen.
Sal sah, der edle Pehlewanensprosse,
Den Sarg, und stieg vom goldgezäumten Rosse;
Rustem, die Seele wund von Kümmernissen,
Trat ihm entgegen, das Gewand zerrissen,
Die Großen hoben von dem Dromedare
Den Sarg herab und stürzten um die Bahre
Zu Boden mit gelöstem Gürtelband.
Weh, daß der Edle solches Ende fand!
Tehemten Rustem. hob den Deckel von dem Sarg,
Den goldbeschlagnen, der die Leiche barg,
Und sprach: »Sieh diesen Regenbogen-Gleichen,
Im engen Sarge sieh den Todesbleichen!«
Sal weinte Blut, daß solcher Jüngling tot,
Und flehte Gott, den Helfer in der Not;
Tehemten rief: »Weh, daß du mußtest sterben,
Weh mir, der dich gerissen ins Verderben!«

So erhebt sich immer von neuem die Klage um den Gefallenen:

Auch Rustem weinte stets von neuem wieder,
Blut quoll vom Auge auf die Brust ihm nieder;
Es schien, als wär's der letzte Tag, daß so
Die Lust aus allen Menschenherzen floh,
Tehemten trug den Sarg zum zweitenmal
Hin vor die Großen und den Vater Sal;
Die Nägel von dem Deckel schlug er ab,
Vom Sohne nahm das Leichentuch er ab;
Und als vor aller Blick nun lag der Tote,
Da war's, als ob der Himmel Einsturz drohte;
So Weib als Mann, so Greis als Jüngling ward
Vor Schrecken bleich, sie standen all erstarrt,
Ihr Angesicht mit blut'gem Naß beträufend
Und dunklen Staub auf ihre Häupter häufend.
Ein Grab schien Rustems prächtiger Palast,
Seit Sohrab auf der Bahre lag erblaßt.
Der Tote glich, der Starke, Hochgemute,
Dem Sam, wenn er nach Kämpfen schlummernd ruhte.
Aufs neue mit dem gelben Leichentuch
Verhüllte Rustem ihn; den Deckel schlug
Er zu und sprach: »In einer Gruft von Golde,
Von Moschus duftend, soll mir ruhn der Holde;
Zwar das auch leiht ihm keine ew'ge Dauer,
Was aber bleibt mir sonst in meiner Trauer?«

Von Thränen wurden seine Augen blind.
Ein Grab von Roßhufform dem teuern Kind
Erhob er, wo fortan der Tote lag,
Im Schrein von Sandelholz und Goldbeschlag. ...

Am lautesten erhebt sich jedoch die Klage der Mutter Theminen; die Schilderung ihres Schmerzes gehört wohl zu dem Gewaltigsten, Ergreifendsten und Erschütterndsten, was die Weltlitteratur hervorgebracht hat:

Auch Sohrabs Mutter hörte, was geschehn,
Daß ihr der Sohn geraubt sei und durch wen;
Da ihr Gewand zerriß das schöne Weib,
Rubinengleich erschien ihr nackter Leib;
Die Hände rang sie, schluchzte laut vor Qual,
In Ohnmacht sank sie ein ums andremal;
Die Locken um die Finger rollte sie,
Und riß sie aus, nicht Tröstung wollte sie.
Bald, daß ihr Thränen Bluts vom Auge rinnen,
Bald daß sie hinstürzt mit geschwundnen Sinnen;
Staub streut sie sich aufs Haupt in ihrem Kummer,
Zerfleischt sich selbst die Glieder, flieht den Schlummer,
Wirft Feuer sich aufs Haupt, das ihr Gesicht,
Ihr schwarzes Lockenhaar verbrennt, und spricht:
»O Leben seiner Mutter, nun erlischt
Dein Strahl! Du wirst dem schwarzen Staub gemischt!
Mit beiden Augen nach dem Wege spähend,
Dem Gatten und dem Sohn entgegensehend,
Dacht' ich, von Hoffnungen das Herz geschwellt:
»Nun schweift mein Sohrab durch die Welt,
Nun findet er den Vater und das Glück,
Mit dem Ersehnten kehrt er mir zurück!
Ach, andre Kunde hofft' ich, Sohn, nicht solche,
Daß Rustem dich durchbohrt mit seinem Dolche!
Mit deiner Schönheit fühlt er kein Erbarmen,
Mit deinem hohen Wuchs, den starken Armen!
Nicht für die Brust, die hochgestaltete,
Die mitleidslos sein Dolch zerspaltete!
Wie zärtlich hab' ich dich, mein Kind, gepflegt,
Dich Tag und Nacht an meiner Brust gehegt:
Nun ist das alles mir in Blut ertränkt,
Dein schöner Leib ward in die Gruft gesenkt!
Wen preß' ich nun statt deiner an die Brust?
Wo find' ich Tröstung je für den Verlust?
Mit wem, anstatt mit dir, in meiner Kammer
Nun plaudre ich? Wem künd' ich meinen Jammer?
Weh' um dies Leben, weh'! Es warf der Tod,
In Staub die Fackel, die so hell geloht!
Du gingst, o Sohn, den Vater zu erkunden
An seiner statt hast du das Grab gefunden;
Nach Hoffnungsfülle wardst du hoffnungslos
Und ruhst nun jammervoll im Erdenschoß
Vor jenem, welcher seinen Dolch gezückt
Und tief in deine Silberbrust gedrückt.
Du hättest ihm den Onyx zeigen sollen,
Ihm deinen Namen nicht verschweigen sollen!
Sagt' ich dir nicht, woran des Vaters Haupt
Zu kennen sei? doch du hast nicht geglaubt!
Nun dein beraubt und ohne Lebenskraft,
Verzweifelnd lieg' ich in Gefangenschaft!
Warum nicht folgt' ich dir auf deiner Fahrt?
Vielleicht vor Unheil hätt' ich dich bewahrt.
Mich hätte Rustem dann von fern erkannt
Und dich als Sohn, mein Sohrab, gern erkannt.
Nie hätt' er gegen dich das Schwert gebraucht,
Es nimmer in dein Blut, mein Kind, getaucht!«

Sie sprach's, zerschlug sich, alles Trostes bar,
Das schöne Antlitz, raufte sich das Haar;
Sie jammerte, sie klagte, herzdurchdringend,
Sie sank zu Boden, sinnlos, händeringend;
Kein Auge blieb bei ihrem Jammer trocken,
Mitleid ließ aller Wesen Herzen stocken;
Als ob das Blut in ihren Adern starrte,
Sank leblos auf die Erde sie, die harte,
Dann raffte sie sich plötzlich wieder auf
Und ließ aufs neue ihren Thränen Lauf;
Blut weinte sie, nicht Thränen um den Sohn;
Drauf ließ sie Sohrabs Diadem und Thron
Sich holen, netzte sie mit Thränengüssen
Und rief: »O hehrer Baum, nun ausgerissen!«
Das Roß ward ihr gebracht, geschwind von Schritten,
Das er in alter, froher Zeit geritten;
Den Kopf des Renners an den Busen preßte sie,
Mit heißen Zähren seine Mähnen näßte sie,
Sie küßte ihm die Stirn mit Jammerruf
Und drückte ihr Gesicht auf seinen Huf.
Sie streichelte des Sohnes Festgewand,
Als wär' es selbst ihr Sohrab, mit der Hand;
Rot ward vom Blute ihrer Augenlider
Der Boden, in den Blutstrom sank sie nieder;
Den Panzer holte sie, das Schwert, den Speer,
Den Bogen und die wucht'ge Keule her;
Sie nahm den goldnen Zügel, nahm den Schild
Des Sohnes und zerschlug die Stirn sich wild,
Ergriff den Fangestrick von hundert Ellen
Und schleuderte ihn weit hinweg, den hellen
Brustharnisch küßte sie, die Kriegerhaube,
Und rief: »O Leu, so liegst du nun im Staube!«
Sie zog die scharfe Klinge des Sohrab,
Lief zu dem Pferde, schnitt den Schweif ihm ab;
Was sie an Gold und reichgezäumten Rossen
Besaß, gab sie den Armen hin; verschlossen
Ward ihr Palast; ihr Thronsitz sank in Trümmer;
Was ohne Sohrab galt ihr Prunk und Schimmer?
Des Schlosses Thore wurden schwarz verhüllt,
Mit Staub so Saal und Festgemach erfüllt.
Die Mutter ließ die reichgeschmückten Hallen.
Daraus Sohrab entflohn, in Schutt zerfallen;
Sie weinte Tag und Nacht in ihrem Leiden
Und lebt ein Jahr noch nach des Sohnes Scheiden;
Dann starb sie, Gram war ihres Todes Keim,
Und ihre Seele ging zu Sohrab heim.

Kai Chosrus Heimgang.

Nach längerer segensreicher Regierung wird Kai Chosru, der zweite König von Iran aus der Kajanidendynastie, vom Ekel am Leben erfaßt und beschließt, dem Throne zu entsagen und den Tod zu suchen. Vergebens wollen ihn die Großen des Reiches, die ihn für geistesgestört halten, von seinem Entschlusse abbringen. Er übergiebt das Reich seinem Nachfolger Lohrasv, verteilt Schätze und nimmt Abschied von dem Volke, dem er stets ein edler und liebevoller Herrscher gewesen. Die Erkenntnis des Elends des Daseins erinnert an indische Vorstellungen.

Nachdem er den Lohrasv zum Schah ernannt,
Sprach so zu den Iraniern hingewandt,
Der hehre Chosru: »Früher oder später!
Geht ihr auch, so wie ich, den Weg der Väter!
Da ich nun von der niedern Erde scheide,
So bitt' ich Gott, im Glücke, wie im Leide
Mit euch zu sein!« Gram unterbrach sein Reden!
Mit Thränen Abschied nehmend, küßte jeden
Er auf die Wangen, weinte laut vor Schmerz
Und rief, indem er einzeln an sein Herz
Die Krieger drückte: »Wenn doch Gott vergönnte,
Daß ich euch Wackre mit mir nehmen könnte!«
Wehrufe tönten, gellende, verwirrte,
Vor denen sich die Sonne bang verirrte,
Aus Chosrus Heer, aus Häusern und aus Kammern
Erscholl der Weiber und der Kinder Jammern;
Man hörte Märkte, Straßen, Bazarhallen
Von lauten Klagen um den Schah erschallen,
Sodaß weithin die Erde davor zitterte;
Die Großen in dem Weh, das sie erschütterte,
Zerrissen ihr Gewand, wie sinnberaubt,
Und sanken aus den Boden mit dem Haupt.

Von neuem dann zu den Iraniern sprach
Kai Chosru: »Meinem Rufe folget nach!
Gott dem Gerechten, dem ihr Treue schwurt,
Brecht nie den Eid, ihr Edlen von Geburt
Wie von Gesinnung! So hab' ich gestrebt,
Daß mich ein guter Name überlebt.
Nicht ward der Erde zugewandt mein Sinnen;
Nun führt Serosch, der Engel, Der Todesengel. mich von hinnen.«

Drauf während Thränen jedermann vergoß,
Bestieg er den Bahsad, das schwarze Roß,
Er kehrte trauernd zu dem Schlosse wieder
Und bog die heilige Cypresse nieder.
Vier Töchter weilten ihm im Frau'ngemach,
Von Antlitz schöner als der junge Tag,
Und niemals noch entschleiert. Diese rief
Er sich heran und sprach: »Nicht allzutief
Beklagt mich, in dem Schmerz müßt ihr euch fassen!
Ich will nun diese flücht'ge Welt verlassen,
Sodaß ich nie euch wiedersehen werde;
Denn müd' bin ich der ungerechten Erde,
Zu Gott geh' ich, dem Allgerechten, Hehren,
Und nimmer werd' ich von ihm wiederkehren.«

Die Töchter schluchzten laut vor Schmerz und Liebe;
Daß ihnen länger nicht der Vater bliebe,
Beklagten weinend sie. Des Trostes bar
Zerrauften jammernd sie ihr Lockenhaar,
Zerrissen ihre Kleider, ihren Schmuck,
Und riefen aus: »Von diesem Leidensdruck,
Von dieser Welt, dem düstern Trauerort,
O Vater, Vater, nimm uns mit dir fort!«
Kai Chosru gab zur Antwort: »Alle reifen
Zum Tod, doch ziemt es nicht, ihm vorzugreifen.
Wo sind die Edlen alle, die noch gestern
Froh atmeten? Wo sind des Dschemschid Der erste König der Perser. Schwestern?
Wo ist Ferengis, meine Mutter, nun
Die kühn mit mir durchschnitten den Dschihun. Grenzfluß zwischen Iran und Turan. Kai Chosru, in Turan von König Afrasiab erzogen, floh mit seiner Mutter, von dem Helden Gir geführt, nach Iran.
Und wo die herrliche Mahaferid,
Mit der sich keine maß im Weltgebiet?
Sie ruhn im Staub! doch dunkel ist's für jeden
Ob sie zur Hölle gingen, ob nach Eden.
Vermöchten in die Erde wir zu sehn,
Dann würden ihr Geheimnis wir erspähn;
In ihrem Schoß sind Könige gehäuft,
Mit Kriegerblut ist ihre Brust beträuft.
Von Thränen sei beim Scheiden frei mein Auge,
Daß es den Weg mir klar zu zeigen tauge!«

Dann zu Lohrasp mit schwergebrochnem Laute,
Indem er ihm die Töchter anvertraute,
Sprach er: »Nichts kann, wie sie, mir teuer sein;
Sie schmückten meines Lebens Rosenhain.
In dieser selben Wohnung hege sie!
So lang du lebst, mit Sorge pflege sie,
Damit du dich nicht schämen mögst dereinst,
Damit wenn du vor Gottes Thron erscheinst,
Und Hand in Hand mit Sijawusch Der unglückliche Vater Chosru's, der »Balder« des Schah-nameh. ich dir
Entgegentrete, du vor ihm und mir
Bestehen mögst!« Lohrasp versprach, die Töchter
Des Schahs zu hüten als ein treuer Wächter.
Kai Chosru ging, sich rüstend für die Reise,
Zu seinen Großen dann. In ihrem Kreise
Sprach er: »Kehrt jetzt zurück in den Palast!
Verbannt den Schmerz um mich und seid gefaßt!
Empört euch wider Gottes Willen nicht;
Von ihm kommt ja das Dunkel wie das Licht.
Gedenket mein und sprecht von mir nur Gutes!
Seid redlich stets und brav und freud'gen Mutes!
Auf Gott vertrau'nd, lebt froh bis an die Gruft,
Und sträubt euch nicht, wenn er euch zu sich ruft.«

Die Großen Irans senkten vor dem Schah
Die Häupter nieder auf die Erde: »Ewig nah« –
So sagten sie – »soll dieser Rat uns bleiben;
In unsre Herzen wollen wir ihn schreiben!«

Der Schah sprach zu Lohrasp: »Geh du zurück!
Ich lasse nun der Erde Leid und Glück!
Verkläre du hinieden deinen Namen,
Und säe anders nichts als guten Samen.
Du darfst, wenn du auch frisch dich fühlst von Kräften,
An Thron und Schätze doch dein Herz nicht heften,
Denn bald schon wird auch dir der Tag sich trüben
Und bald ruft dich der Weltenherr nach drüben.
Trag' Sorge, daß gerecht dein Handeln sei
Und halte dich von Erdenbanden frei!«
Vom Rosse stieg mit klagender Gebärde
Lohrasp und küßte vor dem Schah die Erde,
Doch dieser hieß ihn freundlich sich ermannen,
Bot ihm sein Lebewohl und ritt von dannen.
Mit Chosru aber zogen als Genossen
Giw, Gustehem und Tus; an diese schlossen
Sich dann noch Guders, Rustem, sowie Sal,
Der siebente war Bischen in der Zahl,
Der achte Feriburs, des Chosru Ohm,
Und hinter ihnen wälzte sich ein Strom
Von Volk, auch folgten von dem Heere viele.
Nach dem Gebirg ging, als dem Reiseziele,
Der Zug. Halt ward gemacht nach sieben Tagen,
Da man den Durst, die Mühsal kaum zu tragen
Vermochte. Jeder Blick war thränenfeucht,
Den Kummer hatte keiner noch gescheucht.
Als über das Gebirg am nächsten Morgen
Die Sonne stieg, da eilten, voll von Sorgen
Und Angst zu Tausenden voll Wehgeschrei,
Iranier, Mann und Weib und Kind, herbei.
Von Klagen, Jammerrufen widerhallten
Die Bergesschluchten und die Felsenspalten.
Ein jeder sprach: »Was hat dein Herz getrübt,
O Schah, ward Missethat an dir verübt?
Hat einer aus dem Volke dich gekränkt,
Daß deshalb dir auf Flucht die Seele denkt,
So sag' es uns und bleib'! Laß, wenn du fern,
Die alte Welt nicht einem jungen Herrn!
Sieh alle uns vor dir im Staube! Teuer
Bist du, o Schah, uns wie das heil'ge Feuer!
Wie kam es, daß dein Geisteslicht erlosch?
Ward etwa Feridun Persischer König der Vorzeit. auch durch Serosch
Hinweggeführt? Wir wollen mit Gebeten
An den Altar des heil'gen Feuers treten,
Damit uns Gott vergebe unsre Sünde
Und dir der Weisheit Flamme neu entzünde!«

Unwillig ward der Schah, der dies vernahm
Und sagte zu den Klagenden: »So Gram
Wie Bitten sind hier übel angebracht,
Denn wohl hab' ich mein Handeln überdacht.
Nichts hülf' es, wenn ihr mir den Weg versperrtet,
Drum laßt mich, seid im Herzen nicht verhärtet
Und nicht mit Gottes Schickung mißvergnügt.
Nein, dankt ihm, daß er alles so gefügt!«
Dann sprach er zu den Großen so: »Nun kehrt
Aus dem Gebirg' zurück, denn lange währt
Noch meine Reise über wasserlose
Erdstriche; keine Bäume, ja kaum Moose
Sind dort zu finden auf dem dürren Sand,
Nur schwer hält man so vielen Mühen stand.
Drum zieht nicht mit mir auf der weiten Fahrt,
Damit ihr euch den Hin- und Rückweg spart.«

Drei von den Pehlewanen folgten weise
Dem Rate, Rustem, Sal, sowie der greise,
Erlauchte Guders; in die Ebne kehrten
Sie heim. Allein die übrigen Gefährten
Giw, Feriburs und Tus, die thatenreichen,
Und Bischen, wollten von dem Schah nicht weichen;
Sie zogen eine Nacht und einen Tag
In wüsten Gegenden, viel Ungemach
Ertragend, noch mit ihm; doch dann bemerkten
Sie einen Quell; daß sie durch Trank sich stärkten
Und sich erquickten, stiegen sie zur Stelle
Hernieder an den Rand der klaren Quelle.
Und Chosru sprach: »Hier werde diese Nacht
– Es ist ein guter Rastort – Halt gemacht!
Genug trug ich der Mühsal und der Wehen;
Doch morgen wird kein Auge mehr mich sehen.
Sobald die Sonne ihr Panier entrollt
Und diese Quelle färbt mit ihrem Gold,
Dann wird, wenn dem, was mir Serosch enthüllt,
Ich glauben darf, das Schicksal mir erfüllt.
Wenn jetzt mein Herz vor diesem Wege bebte,
Trüb' wär' das Leben, das ich fürder lebte.«

Als dann das Dunkel anbrach, warf der Schah
Sich auf die Knie; betend lag er da,
Wusch Haupt und Brust sich in dem Quell, dem reinen,
Und betete zu Gott, dem Ew'gen, Einen.
Drauf sprach er zu den Helden: »Lebt für immer
Nun wohl! Auf Erden treffen wir uns nimmer.
Wenn sich die Sonne hebt am Himmelssaum,
Dann seht ihr mich nicht anders als im Traum.
Kehrt ihr auch morgen heim! in diesen dürren
Erdstrichen dürft ihr fernerhin nicht irren.
Ein Sturm wird vom Gebirge, ein Orkan,
Die Zweige von den Bäumen brechend, nahn,
Die Wolken werden dichte Flocken schnei'n,
Den Weg zu finden wird unmöglich sein.«

Den Helden füllte sich das Herz mit Kummer,
Und trauernd streckten sie sich hin zum Schlummer.

Als ob den Bergen in den Morgenstunden
Die Sonne stieg, da war der Schah verschwunden.
Die Großen suchten ringsum ihn und spähten,
Ob in dem Sande, den sein Fuß betreten,
Sich nirgendwo ein Zeichen von ihm fände;
Sie forschten in der Wüste; doch am Ende,
Da von Kai Chosru keine Spur zu schauen,
Nichts zu erspäh'n war, gingen sie mit Grauen,
Betrübt und nicht begreifend das verworr'ne
Geschick, von neuem zu dem Wasserborne.
Der hehre Schah war an der Quelle Borden
Von dieser Welt hinweggenommen worden.
»Wie er vorausgesagt, ist er geschieden« –
Sprach Feriburs – »mit seinem Geist sei Frieden!
Doch uns ziemt nun, zur Heimkehr aufzubrechen!«
Die andern aber huben an zu sprechen:
»Weich ist der Boden, warm die Luft und hell,
Und müd' sind wir, was scheiden wir so schnell?
Wir wollen ruhen, Speisen erst genießen
Und ehe wir zum Aufbruch uns entschließen,
Nochmals zur Quelle gehn!« – Drauf stiegen wieder
Sie zu dem Rand der klaren Quelle nieder.
Noch lange von Kai Chosru sprachen sie;
Auf Erden sah man solches Wunder nie,
Und keine Kunde hat man je empfangen,
Daß solcher Art ein Schah dahingegangen.
Ach! um den Hehren, den Gewaltigen,
Den Einsichtsvollen, Hochgestaltigen,
Daß er zu Gott, nicht tot, nein, noch lebendig
Gegangen sei, kaum glaubt es, wer verständig!
Was soll man, daß aus ihm geworden, denken?
»Wird man dem, was wir künden, Glauben schenken?«
Giw sagte zu den andern: »Irans Länder
Seh'n nie mehr einen gleichen Segenspender;
Den Freunden hold, ein Schrecken seiner Feinde,
War er der Hort und Schirm der Weltgemeinde;
Im Kampf ein Elefant, der nichts verschont,
Beim Feste milde leuchtend, wie der Mond.«

Von Speise, was sich fand, genossen sie,
Und dann zum Schlaf die Augen schlossen sie.
Auf einmal brach ein Sturm herein, der Bogen
Des Himmels ward von Wolken schwarz umzogen,
Schnee fiel; weiß wie ein Segel ward die ganze
Erdfläche; kaum noch ragte eine Lanze
Daraus hervor, die Ritter wurden alle
Vom Schnee begraben, der in dichtem Falle
Herniederstob; sie lagen brunnentief
Versenkt; erst regte noch, indem er schlief,
Sich einer wohl, doch endlich widerstanden
Sie nicht und ihre Lebensgeister schwanden.

Ad. Fr. v. Schack.

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