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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Dietwalt und Amelinde - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleDietwalt und Amelinde
pages145
created20000831
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Dieser Männischen Amalasunta wird das Lob von Procopio gegeben / daß sie den Kindern Symachi / Boetii und anderer herrlichen Männer mehr / die ihr Vatter umbbringen lassen / ihr Vätterlich Erb wider gegeben / und ihren Sohn Adelreichen / welchen sie mit ihrem nunmehr auch abgestorbenem Gemahl Euthario einem edlen Römer erzeugt / wol aufferzogen: auch neben ihme als eine fromme Königin wol und weislich regiert habe.

Seint wir unseren Printz Dietwalten mit seiner Amelinden im Elend verlassen / haben wir viel schwere Krieg / Reichsveränderungen und Todfäll hoher Potentaten vernommen; wollen uns derowegen widerumb zu diesem Paar wenden / zu sehen ob sich noch keine Gelegenheit anbeut / vermittelst deren sie widerumb in vorigen glückseligen Stand gesetzt werden möchten; Wir liessen Dietwalten bey einem Bauren / dem er das Vieh gehütet / in welchem Stand er sich auch viel Jahr umb so viel desto lieber gedultet / weil er taglich seine getreue Amelindis bey sich hatte / und vor jederman verborgen und unerkannt verbleiben konnte; Er hatte aus dem gemeinen Geschrey wol gehöret / wie seit seiner Peregrination in Burgund gehauset: und daß er wegen Abgang des Königlichen gantzen Geschlechts zum eintzigen rechtmässigen Erben selbiger Kron worden wäre / die ihm auch die bezwungne Burgunder gern aufgesetzt haben würden / aber er wolte lieber nach dem Willen Gottes in stiller Erniderung noch länger einem Bauren dienen / als sich wider desselben Willen groß machen und sein angehöriges Königreich beherrschen; Ja er hatte ein Eckel und Abscheuen an seinem eignen Vatterland / weil es in seinen Augen schiene / als wann es wegen so vieler schändlichen Mordthaten und Blutvergiessungen von Gott selbsten verflucht: und den Ausländern zum Raub gegeben worden wäre.

Einsmals hütet er am Gestatt des Meers seiner Heerde und Amelindis lase Muscheln aus dem Sand / daraus sie eine Gattung Perlen zuzurichten wuste / die allerdings den Natürlichen ähnlich waren / welche sie zu verkaufen: und das Erlöste beydes zur Nahrung und Kleidung anzulegen gewohnt war; da nun jedweders also seinen Geschäfften abwartet / sihe da strandet ein Schiff von Marsilia / welche Stadt ehemalen von den Griechischen Phocensern erbaut worden / und deren Jnnwohner sich mit Fischen / mit Kauffmannschafft und auch mit Meer-Rauberey zu diesen wunderbarlichen Kriegs-Zeiten zu ernähren und zu behelffen pflegten; Diese setzten einen Nachen ans Land / umb zu sehen was etwan diß Orts vor Nutzen vor sie zu schaffen seyn möchte; und ehe sie die Heerd andasteten / nahmen sie zuvor den Hirten und seine Schäferin und führten beyde auffs Schiff / damit aus ihrer Examination und Aussag verstanden werden möchte / ob sie auch mit gutem Fug die Heerd hinweg nehmen dörfften; dann ob sie wol ohne Scheu raubten wo sie zukommen mochten / so musten sie doch behutsamb darmit umbgehen; also das sie keinen von ihren gewaltigen Nachbarn / welches damal die König der Ost-Gothier und Francken neben den Venedigern waren / vor den Kopff stiessen / noch ihrer gemeinen Stadt Landsassen und Unterthanen selbst beschwerlich wären; so wol das grobe Schif-Volck als die Principal-Kriegsleute und Kauffherrn verstummten über der überirrdischen Schönheit der unvergleichlichen Hirtin / nach dem sie zu ihnen auffs Schiff gebracht worden; dann sich Amelindis denselben Tag mit ihrer falschen Saffrans Schmincke nicht angestrichen: sondern weil sie in Sicherheit zu seyn vermeinte / ihr holdselig Angesicht von der dicken Farbe die sie nach und nach darauff gekleibt / gesäubert und abgewaschen hatte / welches sie anjetzo zu spat bereuete; Als nun Dietwalt gefragt wurde / wem seine Heerd zuständig wäre / antwortet er / an den Flaggen und Wappen des Schiffs sehe er wol daß er nicht bedörffte solches zu verhelen / dieweil sie eben derselbigen Stadt Unterthanen zuständig wäre / deren das Schiff angehörte; hoffte derowegen sie würden ihn und die Heerde nicht allein unbetrübt lassen / sondern wanns vonnöhten wäre / vielmehr vor Uberfall und Schaden beschützen; Jhm wurde gesagt / er hätte ihnen weder Maß noch Gesetz vorzuschreiben / was sie thun oder lassen solten / wann er aber solcher Gebottmässigkeit sich nicht enthalten konnte / so könnten sie ihm weisen / daß er mit seinen Erinnerungen nicht zu verhindern vermöchte / daß sie ihm selbst nicht den Garaus machten und über Bord ausschmissen; indessen vernarreten sich die Vornemsten des Schiffs je länger je mehr an der Amelindis / wer sie ansahe / muste sich verwundern daß nur ein geringer Schäfer ein solche ausbündige Schönheit zum Weib haben solte; die Allervornembste auff dem Schiff entbrannten vor Hitz ihrer unzimlichen Begierden / und welche vor solcher Anfechtung befreyd verblieben / musten doch die Princessin als ein Wunder- und Meisterstück der Natur in ihrem Hertzen lieben / ehren und anbeten; Es wurde dieser beyden Personen wegen Raht gehalten und ihrenthalber auch unterschiedliche Stimmen gesammlet; Die Auffrichtigste und Gewissenhaffte sagten / man sey schuldig / sie widerumb ohne allen Entgelt ans Land zu setzen; diesen widersprachen die jenige die aus Trieb ihrer hefftigen Begierden von diesem rahren Blumenstock Rosen zu brechen gedachten / als welche gar nicht gesinnet waren / die Princessin mehr von dem Schiff zu lassen; Was? sagten sie / was soll einem schlechten Schäfer so ein schönes Weib? und ob wir sie ihm gleich nehmen / ja wann wir ihn gleich gar erwürgen und über Bord werffen; was wirds wol vor eine grosse Sache seyn? Sintemal wir uns an einer solchen nidrigen Person nicht hoch vergreifen könnten; Die dritte Parthey ware auch einer dritten Meinung / welchen auch die Erste endlich beyfielen; Diese hielten darvor / wann man je nicht billich handlen wolte / so müste man dannoch der Sach einen Schein der Billichkeit anstreichen / damit wann es künfftig vielleicht zu einer Verantwortung kommen solte / sie gleichwol desto besser hinaus langen könnten; an einem armen Hirten seye sich zwar nicht so sehr zuvergreiffen / sie müsten aber wissen daß sie gemeiner Stadt Angehörige nicht betrüben / vielweniger berauben: und noch weniger gar ermorden: sondern sie auff alle müglichste Fäll (wie der Schäfer selbst gesagt) beschützen solten; Gesetzt wir nehmen dem Hirten sein Weib / und setzen ihn wider ans Land; würde er nicht ehender als wir zu Massilia seyn? und sich bey unseren Oberen über diese gewaltsame That beschweren / allwo wir dann dem billigen Lohn unserer begangenen Unbillichkeit nicht würden entrinnen können; Solten wir aber so verwegen und gottlos seyn / ihne umbzubringen / umb sein Weib zu schänden / nach dem wir dieselbe zuvor zu einer betrübten Wittib gemacht / so kan ja jederman sich wol einbilden / daß die Hirtin eine solche unchristliche That nimmermehr verschweigen: sondern mit der Zeit uns eine solche Laugen überhäncken werde / die unseren Köpffen viel zu heiß und scharpff seyn würde / es wäre dann Sach daß ihr diese betrübte Frau / nachdem ihr zuvor ihren Mann getödtet / sie selbst aber geschändet / und euere unzimliche Begierden genugsam an ihr vollbracht / auch ermorden woltet / welches aber Gott verhüten wolle! dann solches eine so beschaffne grausame und unmenschliche That wäre / daß auch dergleichen bey den Heyden und allen Barbaren: Ja bey den wiltesten Völckern und schrecklichsten Tyrannen niemalen erhöret worden; Ja es wäre eine solche That / die nicht verschwiegen bleiben: noch ungestraft hingehen kan / als darüber ehe der Himmel selbst erschwartzen und das Meer sich auffthun würde / die Ubelthäter sammt dem Schiff und Gut in seinen Abgrund zu verschlingen / umb ihre Gedächtniß mit sammt ihren Lastern und Bosheiten vom Erdboden auszutilgen; darauff erklärten sich die verboste Liebhaber / welches bey nahe die Jüngste / Reichste und also auch die Gewaltigste auff dem Schiff waren / daß sie diese Schönheit weder wolten / wissen / könnten / noch getrauten vom Schiff zu lassen / und solte auch gantz Massilien voller Galgen: ihr Schiff voller Räder: und die Hölle selbst offen stehen / sie zu verschlingen! und damit sie erweisen möchten / daß ihnen diese verzweifelte Reden ein Ernst wären / schwuren sie / daß der jenige / so sie von ihnen wider zu Land zu bringen unterstehen würde / von ihren Händen sterben müste.

Jn solchem Lermen gedachten beyde Partheyen an den alten Gereonem / (welcher gleichsam auff dem Schiff erzogen worden / und wegen seiner Reichthumb: wegen seiner Weisheit und Erfahrenheit: vornemblich aber wegen seines Ehrwürdigen Alters und hohen Verstands bey ihnen in grossem Ansehen war;) und sie wurden auch mit einander eins / denselben über diesem ihrem Zweyspalt / daran vielleicht ihr höchstes Glück und Unglück: und an dessen Ausgang ihr Heil oder Unheil gelegen wäre / zu hören; derselbe verhörete beyde Partheyen / und als er sahe wie die Sachen beschaffen waren / gab er diesen Ausschlag. Wann wir bey eurer Vorfahren Zeiten / ihr meine hertzliebe Söhne und Mitbrüder / in unsern Handlungen so unvorsichtig gangen wären / so hätte unser Schiff vorlängst entweder auff truckenem Lande an einem Felsen der Justitz: oder sonst durch ein Unglück scheidern müssen; demnach wir aber allemal die Vorsichtigkeit gebraucht / seyn wir auch jederzeit dergleichen gefährlichem Schifbruch glücklich entronnen / wiewol wir manches verwägen und unverantwortliches Stücklein begangen und angestellt; dem was ihr jetzt vorhabt / muß ebenmässig kluger Raht beygefügt: und die Sach also gekartet und ausgespielt werden / daß ihr / es gehe auch wie es wolle / ins künfftig vor unschuldig erkannt: und euer ungerechtes Beginnen gebillicht werde; Jhr sehet daß der Hirt ein armer Tropf und aller Sachen bedörfftig ist / derowegen müst ihr ihm die Augen mit ein wenig Gelt verblenden und ihm sein Weib abkauffen / wer weiß wo er nicht selbsten so leichtfertig ist / daß er der Armuht zu entrinnen / lieber ein schön Stück Gelt nehmen: als sein schönes Weib noch länger behalten wird; wann ihr die Hirtin dann auff dem Schiff: ihren Mann aber mit seiner Bezahlung abgefertigt: und wider ans Land gesetzt haben werdet; So kan alsdann ein jeder sein bestes thun / mit Freundlichkeit von ihr zu erhalten / was ihr mit Gewalt zu nehmen nicht verantworten könnet; und zweiffelt mir gar nicht / sie werde sich aller Weiber wanckelmütigem Sinn nach / dergestalt bequemen / vornemblich wann ihr der Mann aus den Augen seyn wird / daß ihr mit ihrem guten Willen mehr freundliche Gunstbezeugungen von ihr geniessen werdet / als wann sie gleich mit zwang zum Beyschlaff gebracht würde / bey welcher Nohtzüchtigung ohne das mehr Unlusts / als Wollust befindlich.

Diesem Raht wurde einhellig gefolgt / und von denen so Theil an der Princessin haben wolten / bey 600. Kronen zusammen geschossen; Als sie aber von Dietwalten verstunden / daß er lieber sterben als seine Hirtin verkaufen wolte / wurde ihm unverholen gesagt / solches würde ihm auch widerfahren / wann er ihre Bezahlung nicht annehmen werde; Amelindis sahe wol in was vor einer Gefahr ihr Printz stunde / erhielte derowegen leichtlich vom Gereone / daß sie mit ihm alleinig reden dörfte / mit Versprechen ihn zu vermögen / daß er das Gelt vor sie annehmen / und sich willig wieder von dem Schiff begeben solte; da nun solches zugeben wurde / sagte sie zu Dietwalten: Mein tapfferer Hirt / verlast euch kecklich auff meine Treu / und glaubet mir sicherlich / daß ich Mittel genug weiß meine Fräuliche Ehr und Keuschheit zu erhalten; derowegen gebt euch aus der Gefahr des Tods und nehmt das anerbotten Gelt an / mit Versicherung / wann ihr mir vor dißmal nicht folgen werdet / daß weder ihr mit dem Leben: noch ich mit meiner Keuschheit entrinnen; mehrers hatte sie nicht Zeit zu reden / Dietwalt aber / der wol wuste daß seine Princessin keine vergebliche Wort: vielweniger Lügen zu reden pflegte / verwilligt mit Unwillen das Gelt zu nehmen / und sich ans Land setzen zu lassen / da er nun zu solchem Ende in einen Nachen stiege / widerumb zu Land zu fahren / sihe / da wurde ihm das Gelt so ungestümm zugeschüttet / daß es in Angesicht der Amelinden miteinander ins Meer fiele / welche sich dessentwegen sehr bekümmert und einen lauten Schrey liesse; Aber der Printz schrye ihr zu und sagte / Gedult / Gedult / mein auserwählte Princessin / sie erinnere sich / daß die Zeit unsers bestimmten Elends kein Jahr mehr tauren wird; und gleichwie dieser Wort damal von den Schifleuten nicht sonderlich geachtet wurde / also wurden sie auch nicht von ihnen verstanden; zu dem Fergen aber / der ihn ausgesetzt / sagte er; befehle deinen Patronen und Principalen in meinem Nahmen / sie sollen Achtung geben / daß meine Princessin / die sie als eine Hirtin bey sich behalten / dergestalt tractirt werde / daß sie künfftig meine Kräffte nicht empfinden: noch ihre Verpflegung mit ihren Köpffen bezahlen: oder gar ihr Vatterland Massilia umb ihres Frevels willen zerstören: und im Rauch gen Himmel fliehen sehen dörffen. Diesen Befehl nahm der Ferg mit einem Gelächter / als von einem Großsprecher auff / und erzehlet auch solche ernstliche Betrohung denen auff dem Schiff vor einen kurtzweiligen Schwang! mit welchem sich die meiste kützelten / die Verständige aber kränckten und bekümmerten.

Dann als diese die Amelindis genauer betrachteten / sahen sie (ob zwar unter einem schlechten Habit) so wol aus ihrem Angesicht und übriger Leibs-Gestalt / als allen ihren anderen Sitten und Geberden / etwas / ich weiß nicht was / besonders / herfür blühen / daß ihnen nichts Hirtisches noch Gemeines: sondern etwas Seltenes: ja ein solche Majestät vorstellete / darüber sich ihre allerhitzigste Buhler entsetzten / und nicht erkühnen dörfften / gegen ihr / das Allergeringste von ihrem Anligen und worzu sie vornemblich erkaufft worden wäre / zu gedencken; diese Andacht wehrete ein paar Tag.

Wir wollen aber zuvor / noch weiters von Dietwalten reden / von welchem angefochtenen Printzen jederman kecklich glauben darff / daß er damals der allerbetrübteste und bekümmerte Mensch auff dem gantzen Erdboden gewesen; Er sahe dem Schiff / das seine Liebste hinweg führte / kläglich nach / und muste ihm wider seinen Willen Glück wünschen / weil widrigen Falls dessen Princessin an seinem Unglück hätte Theil haben müssen; und ob zwar sein Vertrauen so fest und unbeweglich auff die Güte und gnädige Versehung Gottes / wie auch auff seiner Princessin beständige Treu und kluge Vorsichtigkeit gegründet war / daß er an Erhaltung ihrer Ehr und Keuschheit gar nicht zweiffelte; so wurde er jedoch umb deren Anfechtungen willen / damit seine Amelindis angefochten würde werden / auffs höchste betrübt / das Vornembst das ihn tröstet und erhielte / war dieses / daß er seinen Trost allein auff Gott gesetzt / auff welchen er sich auch mit einer solchen Zuversicht verliesse / daß es endlich das Ansehen mit ihm hatte / als wäre ihm niemalen nichts Widrigs begegnet; doch konnte er in derselben Gegent nicht länger verharren / weil er mit schmertzlichem Angedencken sein Elend behertzigen muste / so offt er hier und dar die Fußstapffen und Oerter sahe / da etwan hiebevor die unvergleichliche Amelindis gestanden oder gewandelt; welche Ort ihm lauter neue Wunden und neue Schmertzen ins Hertz machten; Jhn bedeuchte die gantze Landschafft wäre verfinstert / weil seine Sonne ihr nicht mehr leuchtet / und alle Wiesen / Wälder und Felder wären öd / leer und ihrer Zierden beraubt worden / weil sie mit der Gegenwart seiner Amelinden nicht mehr prangen konnten. Derowegen verliesse er die sonst angenehme Weid mit sammt der Heerd / des Vorsatzes sich zu höhern und gewaltigern Leuten als nur zu Bauern zu begeben / welcher Beywohnunge er umb seiner Princessin Schönheit wegen bisher zuvermeiden / und hingegen diese Geringere zu erwählen Ursach gehabt; Er wuste wol seinen Freund Wittich / der damals bey den Ost-Gothiern ein Printz von grosser Æestimation: und gegen ihm also gesinnt war / daß er auch das Hertz im Leib mit ihm getheilt hätte; weil er aber in seinem Elend kein Menschliche: sondern allein Göttliche Hülff und Trost verlangt und geniessen wolte / sihe da verliesse er die Seite Jtaliæ / und setzte ihm vor sich langs dem Meer Gestatt nach Marsilien zu begeben / ob er viellicht dorten etwas von seiner Princessin hören möchte; gleich wie aber die Flamme eines Liechts wann es schier verleschen will / sich erst erhebt und grösser scheinet als zuvor / also wolte auch des Printzen Unglück / weil es sich nunmehr allerdings müd an ihm gewütet / den letzten Hertzstoß desto gewaltiger thun / dann er verirrete in einer ungeheuren Wildnis / daraus er nicht mehr kommen konnte / sondern nach langem Hin- und Her-Lauffen sich seines endlichen Untergangs und Verderbens darinnen versahe.

Jn diesen äussersten Nöhten des verlassenen Printzen wolte der leidige Feind des Menschlichen Geschlechts (der niemal feyret / sondern alle Fäll und Gelegenheit unsere Gebrechlichkeit beobachtet) auch noch eine Schlacht wagen / weil ihn bedeuchte / der Printz wäre jetzunder so schwach / daß er ohnschwer zu überwinden; derowegen zog er wider in voriger Gestalt eines Einsidlers auff / und sagte; tapfferer Printz / wist ihr euch nicht mehr zu erinnern was vor einen getreuen Raht ich euch und eurer Liebsten auff dem Gebürg gegeben / und wann ihr damals demselbigen gefolgt / so hättet ihr seithero nicht im Elend wallen: und euch endlich gar in dieses euer endliches Verderben stürtzen dörffen; über das ists an dem / daß euere Amelinde noch in dieser Stund gezwungen wird / ihren edlen Leib dem viehischen Schiff-Volck zu unterwerffen / welchem allem noch zu helffen und vorzukommen wäre / wann ihr nur hierzu meine Hülff begehren und gebrauchen wollet; es ist wol ehe durch mich ein vertriebener König widerumb in sein Land gebracht und in das Seinig gesetzt worden; darauff antwortet Dietwalt / wann mein Gott mich und meine Amelindis seiner Hülff nicht würdigt / so begehre ich auch keine von dir; vermeinst du dann / sagte der Versucher / Gott soll selbst vom Himmel steigen / und dich auff den Händen tragen / damit er dich persöhnlich wiederumb in den Stuhl deiner vorigen Herrlichkeit setze? Du must meine Hülff vor eine Göttliche Hülffe auffnehmen / und glauben daß sie dir und deiner Princessin von oben herab zu gesendet worden sey; Jch glaube / antwortet Dietwalt / daß du ein Ertzlügner und Betrüger seyest / und daß die allerbeste Hülff die jemand von dir annimmt / nichts anders als Jammer mit sich schleppe / darumb will ich auch nichts mit dir weder zu schicken noch zu schaffen haben; Troll dich derowegen hin wo du herkommen bist / und lasse mich gleichwol in Gedult erwarten / was die Güte des getreuen Gottes mit mir machen wird; Hierauff zog der leidige Feind ab / aber der Printz klagte seinen Jammer Gott / und bate daß ihn seine Barmhertzigkeit nicht verlassen wolte: und als er sein Gebet geendigt / sahe er von weitem eben den jenigen Bettler daher streichen / der ihm hiebevor im Lustgarten erschienen / da er und seine Amelindis sich mit künfftiger Glückseligkeit und der gantzen Welt Uberwünd: und Beherrschung kitzelten; Er konnte seine Ankunfft beynahe vor keine gute Erscheinung halten / weil er bereits ein lange Zeit hero lauter Traurigkeiten und Unglück zu überstehen gewohnt war; als ihm aber dieser von Gott dem Allmächtigen alles Glück und Heil wünschte / fienge er an ein bessere zu hoffen; und sagte / ach wann mich der liebe Gott wider einmal mit gnädigen Augen anblicken wolte / so wäre es niemal besser Zeit gewesen / als eben jetzt / als der ich seiner Hülffe jetzunder am nöhtigsten bedarff; Getrost mein tapfferer Printz / antwortet der Bettler / ihr habt nunmehr nicht allein die Welt: sondern den Teuffel selbst überwunden / so daß euer letzter Sieg allein ein Käiserthumb meritirt, aber besser ists ihr bleibt in Schrancken der Demut; nehmt hin widerumb den köstlichen Ring / den ihr mir ehemalen umb Gottes willen zum Allmosen gegeben habt / weil ihr jetzunder seiner selbsten bedörfft / ihr werdet ihn verkauffen und euch als ein Reuttersmann mundirn / damit ihr euere Amelinden mit sammt euren Land und Leuten widerumb mit etwas scheinbarlicher Kleidung annehmet; und wie er so sagte / zog er den Ring herfür / ihn dem Printzen zu geben; der sagte hingegen / ach ich bin so verwirret und wegen meiner seltzamen Begegnissen so bestürtzt und aus mir selber / daß ich des Liechts meiner Vernunfft nicht mehr mächtig bin / und wo sich eine Hülff anbeut / mich aus meinem Elend und Kummer zu erretten / sihe so muß ich in Furcht und Sorgen stehen / daß solches sonst nichts als neue Versuchungen seyen / etc. Nicht also / edler Printz / antwortet der Bettler / ihr habt durch Gottes Gnad ritterlich überwunden / und derowegen ist es nunmehr Zeit den Lohn eurer Tapfferkeit zu empfahen / und solchen mit eurer Princessin / hier zeitlich also zu geniessen / daß ihr euch darneben geschickt macht / auch ewiglich zu triumphirn.

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