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Dietwald Wernerkin

Wilhelm Jensen: Dietwald Wernerkin - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 1
authorWilhelm Jensen
titleDietwald Wernerkin
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070830
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Fünftes Kapitel.

Gar rauh, unwirsch und unwirtlich empfing das Deutsche Reich den jungen Ritter, als er mit seiner Gefolgschaft aus der sonnigen lombardischen Tiefebene durch die finstere Veroneser Klause ins tirolische Land einbog. Nicht mindere Schrecken und Gefahren harrten seiner dort, als im Sturm und Hochgang der Biscaischen See; obwohl er schon mehr als die meisten der mit ihm Lebenden von der Mannigfaltigkeit der Erde gewahrt, trat ihm hier doch noch etwas völlig Neues, Ungeahntes in den Weg. Er hatte nicht gedacht, das winterliche Hochgebirge könne noch feindseliger und schwerer zu überwinden sein, als das wilde Meer. In feierlicher Ruhe und Erhabenheit lag es vor ihm gebreitet, verlockend, zu den weißen Gipfeln hinanzusteigen. Doch rasch blieb der lachende Frühling wie ein Märchen von Blumen und Sonnenwärme hinter den Reitern zurück, kaum gebahnter Weg wand sich unter überhängenden Felsmassen, an tosenden Wassern in immer rauher anwehende Klüfte wie in eine öde Schlucht des Todes hinein. So zogen sie tagelang unausgesetzt langsam aufwärts, oft durch einen wütenden Stromfall zu weiterer Umwanderung über Geröll und Trümmer genötigt, froh, wenn sie mit dem Einbruch des Abends eine roh aus Baumstämmen geschichtete Sommer-Viehhütte antrafen, um eng zusammengedrückt das Morgenlicht darin zu erharren. Nur da und dort stießen sie auf eine armselige Ortschaft, deren Bewohner ein kaum verständliches Gemisch deutscher und italienischer Sprache redeten und ihr Erstaunen darin kundgaben, woher die Reiter kamen und wohin sie wollten. Noch eine Strecke fürder könnten sie Vordringen, dann müßten sie zurückwenden, denn vor dem Maimond vermöge nur der Adler über den Brennerberg zu fliegen, doch nicht Mensch und Pferd. Aber Dietwald Wernerkins Augen antworteten, er müsse hinüber, und sie ritten weiter. Steiler ging es nun empor, der schon zuvor kaum mehr sichtbare Weg schwand unterm Schnee, Eis hing in glitzernden Riesenzapfen von den schwarzen Gesteinwänden und zersplitterten Föhrenstämmen. Noch dann hörten auch die Bäume auf und alles ward leblos: die verderbentobenden Wellen des Ozeans hatten das Gefühl weniger überschauert als die lautlose Todesstarre, so weit Auge und Ohr reichte. Nur ein eisiger Sturmwind pfiff den Schritt um Schritt immer höher Klimmenden nordher entgegen und verwandelte die Haare des Bartes in knisternde Frostkristalle. Graf Heinrich von Holstein mußte keine Vorstellung davon besessen haben, was es hieß, um die Mitte des März pfadlos und führerlos, denn niemand war für Geldlohn dazu erbötig, die Alpen zu überkreuzen; die Geleitsmannen des jungen Ritters murrten, versanken mit ihren am Zügel geführten Pferden bis an den Leib im Schnee und weigerten den Gehorsam. Sie wollten mit Bären, Feinden und Teufeln kämpfen, doch nicht wider ein stets neu aus dem Boden aufrückendes Herr von Gletscherspießen und von Eispfeilen in der Luft. Speise und wärmender Trunk gebrach, aus der bläulichen Haut des Gesichtes und der Hände schwand das Blut. Die tödlich Ermatteten trafen Abrede, umzuwenden und zu versuchen, ob sie lebend nach Italien zurückgelangten; den Weitermarsch fortzusetzen, schien Wahnwitz. Dietwald befahl, drohte, bat: »Nur noch bis dort!« und dann »bis dort!« Er stachelte ihr Ehrgefühl, daß er, wenn sie von ihm ließen, allein auf Tod oder Leben vorwärts ziehen werde, aber erschöpft, entmutigt stand auch er zuletzt inmitten der unabsehbaren Schneewüste. Er hatte, um sein Gelöbnis zu wahren, das für Menschenkraft Ausführbare vollbracht, und auch ihm schien es jetzt unmöglich. Atmungslos anhaltend, sah er starr vor sich hinaus und sein Mund murmelte: »Zurück!« denn noch immer stieg die weiße Blache an. Seine Begleiter wandten ihre Gäule, da kam's ein halb hundert Schritte vor dem jungen Anführer taumelnd wie ein faustgroßer Stein aus der Luft herabgeschossen und fiel dunkel auf den Schnee. Doch war's kein abgebröckeltes Felsstückchen, wie sie oftmals aus Wolkenhöhe herabsprangen, denn es reget sich fort, und das scharfe Auge Dietwalds erkannte, daß es hülflos mit kleinen Flügeln im eisigen Geflock zappelte. Schier ohne zu denken, lief er noch einmal vorwärts bis auf das fluglahme Geschöpfchen zu und hob es in seine Hand. Aber wie er's nun mitleidig hielt, war's eine halberstarrte Lerche, und im gleichen Augenblick klang es plötzlich über ihm, daß sein Kopf emporflog. Tausende von schwirrenden dunklen Pünktchen segelten ihm in dichtem Geschwader zu Häupten, es waren die Lerchen, die als Sendboten des Frühlings über die Alpen gen Norden zogen. Wie ein Strom lebendiger Kraft schoß es dem Todesmatten noch einmal jählings durchs Blut, daß er ungestüm auf einen wallartig vor ihm ragenden, tief verschneiten Felsgrat vorsprang, um den wandernden Vögeln noch einen Blick nachzuwerfen. Da stieß er einen jubelnden Schrei aus, daß seine rückgewendeten Genossen hastig die Stirn umdrehten, denn tief drunten in weitem Talgrund mit sonnenglitzernden Turmknäufen lag ihm die Stadt Innsbruck zu Füßen.

»Habet Dank, ihr Getreuen, und tragt mir Botschaft vorauf!« rief der junge Ritter dem verschwindenden Vogelzug, mit Lippen, Hand und Herz grüßend, drein: sein freudig staunendes Geleit kam und sah, daß sie die letzte Ansteigung des Brennerberges überwunden, und von neuem Mut belebt, leiteten sie ihre Rosse hurtiger durch den stiebenden Schnee gegen das Inntal hinunter. Die flugmatt herabgestürzte Lerche aber trug Dietwald sorglich in warmer Hut an seiner Brust mit sich; furchtlos und traulich schmiegte sie sich dort, und seinem Gefolge zumeist weit voran, hielt er glückselige Zwiesprache mit ihr, obwohl sie nichts auf seine Worte erwiderte, und streichelte dann und wann zärtlich dankbar ihr zutraulich aufblickendes Köpfchen. Es fiel ihm leid und schwer, sich von ihr zu trennen; doch als sie über zwei Tage weiter von Innsbruck – denn einen Tag Rast hatte er dort seinen Gefährten nach der unsagbaren Not und Mühsal vergönnen müssen – am warmbesonnten Gelände des breiten Stromes hinabritten, da nahm er das Vöglein hervor und sagte: »Mir ist's traurig, von dir zu lassen, aber dir ist's trauriger, bei mir bleiben. Deine Art hat höhern Flug, und die Freiheit ist aller Lebendigen köstlichstes Gut. So kann's nicht anders sein nach Erdenfug, wir müssen voneinander scheiden, uns nimmermehr zu sehen. Flieg' auf zu deiner Sonne, wie ich zu der meinigen!« Die Lerche blieb noch ein kurzes Weilchen auf seiner geöffneten Hand, dann schlug sie die Flügel und stieg schmetternd über ihm in die blaue Luft.

Denn der lachende Himmel geleitete jetzt wieder den jungen Boten; es war, als ziehe, seinem Gefolge angehörig, der Frühling ins Deutsche Reich. Auf bessern Straßen ging es rasch nun am Innfluß hinab und seitwärts von ihm gerade gen Norden hinüber zur Stadt Regensburg. Hier auf der breiten Donaubrücke lag zum letzten Male vor Dietwald Wernerkins rückgewandtem Blick am wolkenlosen Horizont der weite, glanzhelle Schneekranz des Alpengebirgs, kaum zu glauben, daß die silbergleißenden Zacken nach der andern Seite ebenso gen Venedig hinüberschauten und doch fast Wochen verronnen waren, bis die Reiter sich von der Lagunenstadt über dieses verlockend glänzende Gebild durch grausige Schrecknis kaum mit dem Leben hierher durchgekämpft. So hatten die Zaubergipfel seit vielen Jahrhunderten gefunkelt und gewinkt und mit ihrem verführerischen Geleucht das deutsche Trachten, Kaiser, Fürsten und Volk ins Sonnenland Italia hinübergezogen, nicht zu des Deutschen Reiches und deutscher Kraft an Leib und Seele Heil. Herrlich und schön war es da drüben und wohlgetan, eine Weile Sinne und Gemüt daran lebendiger aufzuschließen und zu bereichern, doch ein ernst-höherer Geist wehte den jungen Ritter aus dem schlichten deutschen Boden an, von den glanzlosern Berggeländen, vor allem von der stolzumwallten, gewerbstätigen und gedankenbelebten freien Stadt und Reichsfeste Nürnberg. Er richtete seinen Zug dergestalt, daß er stets in einer der großen Handelsstädte zum Nachtlager eintraf, doch zu Regensburg, Nürnberg und Leipzig kam der Schlaf kaum in seine Augen, da er dort stets alsogleich nach seiner Ankunft die vornehmsten Kaufherren in ihrer Trinkstube aufsuchte, ihnen mancherlei hochwillkommene Meldung und befreundeten Gruß vom Fontego de' Tedeschi überbrachte und viele Nachtstunden unter bedeutsamen Redeaustausch mit ihnen am Tische saß. Ihr Sinnen und Handelstrachten ging aber fast einzig nach dem Süden, über die Alpen zu den Schätzen des Morgenlandes: von der ›Dudeschen Hanse‹ wußten die meisten kaum mehr, als den halb unverstandenen Namen, und gedankenvoll sinnend, ritt Dietwald mit dem Frühmorgen weiter. Ihn bedünkte, bei dem überall offen liegenden Zerfall des Reiches könne eine macht- und ruhmreiche Zukunft desselben einzig noch daraus erwachsen, daß die unnatürliche Scheidewand zwischen Süd und Norden falle und die blühend-kraftvollen ober- und niederdeutschen Städte, die Behüter des Rechtes, Wohlstandes und der Gesittung, sich zu einem großen, gemeinsamen Bunde die Hand reichten. Das mochte wohl allmählich gedeihen können, wenn nur erst die Anfangsfäden einer Befreundung und wechselseitigen Kenntnis durch Handelsbeziehungen zwischen ihnen geknüpft wären, und unter solchen ernstbedacht und fern in kommende Zeiten blickenden, hinter seinem jugendlichen Antlitz kaum zu mutmaßenden Erwägungen setzte der Bote des Grafen Heinrich seinen rastlos innegehaltenen Weg fort. Mehr noch als von Angesicht war er aber im Innern ein ganz anderer geworden, als der unerfahrene knabenhafte Jüngling, der vor bald erst Jahresfrist von Bardowiek ziellos in die Welt hinausgeritten. Die Meerfahrt, sein arbeitsames Verweilen zu Venedig und die Todesgefahren des Überganges über die winterstarren Alpen hatten ihm an männlich festem Sinn, Klugheit und Geisteskraft die Reife eines Jahrzehntes zugebracht. Mancherlei Bedrohung von Straßenrittern und herabdräuenden Raubburgen fand er unterwegs, doch bestand er die einen gleichmäßig mit furchtloser Tapferkeit und wich den andern, wo sie allzu starke Übermacht kündigten, mit vorbedachtsamer Umsicht aus. Überall aber zogen auf Feld, Heide und Berghang trillernd die Lerchen vor ihm auf. Dann empfand Dietwald Wernerkin, wie vieles auch der Verlauf des Jahres in ihm verwandelt haben mochte, daß sein Herz mit dem nämlichen jubelnden Schlag in den Frühling hinauspochte, wie auf der Heide, darüber die hohen Türme Lübecks zuerst vor ihm in den Himmel gestiegen. Noch weit hoffnungsfreudiger, schien's ihm, durfte seine Brust anschwellen, denn damals hätte er nicht zu ahnen und zu hoffen vermocht, daß er heut mit den goldenen Sporen hier gen Rendsburg hinaufreiten werde. Oftmals dachte er, mit begierigem Auge den Brief des Grafen Heinrich betrachtend, welcherlei wichtige Botschaft wohl darin enthalten sein möge, vermutlich hochbedeutsame Angelegenheit des Holstenlandes, und es benahm ihm nur Wunder, daß der Absender das Schreiben nicht an seinen Bruder, den Grafen Klaus, sondern an Elisabeth gewandt habe. Aber in sein Nachdenken drang der Lenzesgruß der Lerchen hinein, und ihm war's, als töne ihm immerfort aus ihrem Gesang die Stimme Herrn Johann Wittenborgs, daß wohl einer niedrig und unbeachtet in die Fremde gezogen und heimgekommen, würdig auch, um ein Fürstenkind werben zu dürfen.

Erst zu Magdeburg an der Elbe gelangte Dietwald Wernerkin an den südlichsten Ort im deutschen Binnenlande, bis zu dem die Hansa, doch nur mit lockerm Verbande noch, ihren äußersten Kreis schlug; dann traf bald auch niederdeutscher Sprachklang wieder an sein Ohr, das Land breitete sich nach allen Seiten zu weiter Ebene aus, und heimatlich anwehend kam der harte Frühjahrswind von der Ostsee den Reitern täglich mit kühlerem Atem entgegen. Obwohl die Jahreszeit nun über die Mitte des Aprilmondes vorgerückt war, fanden sie morgens zum erstenmal wieder häufig die überschwemmten Wiesen und Gräben am Wegrand mit glitzernden Eiskrusten belegt, als zögen sie nicht dem Sommer, sondern herannahendem Winter entgegen, aber trotzdem schlug das Herz des jungen Boten immer sehnsüchtiger nordwärts vorauf. Sandstiebend ritt er jetzt über die weite Heide gegen das lauenburgische Land, und plötzlich hob er sich am Abend einmal in den Bügeln und schaute gen Westen hinüber. Dort standen fern und klein, dunklen Baumstämmen gleich, einige Spitzen gegen das letzte Himmelsrot, und kein Blick nahm sie gewahr als der seinige, denn nur er erkannte sie und wußte, daß es die alten Türme von Bardowiek waren, unter denen er bis vor einem Jahre als Knabe geträumt. Seltsam auch von ihm abgesunken lag die verschollene Stadt drüben, doch ebenso schwand es fast wie ein Traum hinter ihm zurück, daß er Hispanien umschifft und auf dem Rialto gestanden, wie er nun bei dem einsamen Städtchen Lauenburg den Elbfluß wieder übersetzte und auf bekanntem Wege gegen Oldesloe hinaufbog. Nur ging sein Trachten von dort heute nicht ostwärts, sondern gegen Nordwest; doch einmal überlief's ihn hier plötzlich mit freudig-sonderbarem Schauergefühl, da stiegen unvermutet weit am Horizont die stolzgesellten Türme Lübecks grüßend in die Luft. Er winkte ihnen hinüber, dann hielt er sein Roß links von ihnen ab über den öden Rücken des Holstenlandes. So war es erster Maitag, an dem er mit seinem Geleit gegen die Mittagsstunde in das Tor der festen, vom breiten Eiderfluß umgürteten Stadt Rendsburg einritt. Nur kurz verweilte er, sich vom Wegstaub säubernd, in einer Herberge, dann wandte er sich dem Burgschlosse des holsteinischen Grafenhauses zu. Laut erwartungsvoll pochte es ihm in der Brust, ob die Gräfin Elisabeth wirklich dort anwesend sei, und als er bejahende Antwort empfing, entfiel ihm einen Augenblick vor noch stärkerm Herzschlag beinahe Kraft und Mut, den Fuß weiterzusetzen. Doch dann ließ er ihr vermelden, daß ein Abgesandter ihres Bruders aus Italien ihr vom Grafen Heinrich Botschaft überbringe, und folgte dem voraufschreitenden Schloßknappen nach. Die Gesuchte befand sich indes nicht in der Burg, sondern verweilte hinter dieser in einem großen, bis an das landseeartig erweiterte Eiderbecken hinabreichenden Garten; dort traf der Page sie allein an, kam zurück und brachte Erwiderung, der Botschafter ihres Bruders sei der Gräfin willkommen. Nun schritt Dietwald Wernerkin rasch vor, doch dann stockte sein Fuß nochmals, denn auf einem sonnigen Rasen mit einem blauen Veilchenstrauß in der Hand trat ihm eine hohe, liebliche Gestalt entgegen, von der er wußte, wer sie sei, und die er dennoch auf den ersten Blick nicht erkannte, als habe Johann Wittenborg ihn damals mit dem Namen des fremden Mädchens von der Heide bei der Burg Arensfeld getäuscht. Denn wenn das Jahr ihn gewaltig an Körper und Geist verändert hatte, so stand Elisabeth von Holstein, aus einem halben Kinde zur blühenden Jungfrau erwachsen, doch noch befremdender verwandelt vor ihm, und er mußte sie wortlos anstaunen, daß sie's in der Wahrheit sei. Und ebenso auch blickte sie ihm ins Gesicht, dann flog ein helles, holdseliges Rot über ihr Antlitz und zugleich ein Ruf von ihren Lippen: »Ihr?« und ihre Hand streckte sich nach ihm aus: »Ihr seid meines Bruders Abgesandter aus Italien? Träumt mir denn noch oder ist's Tag?«

»Nein, Gräfin Elisabeth,« gab er mit leicht zitternden Lippen zur Antwort, »ich bin es,« und er nahm ihre Hand und hielt sie.

Sie wiederholte noch einmal »Ihr?« und ihre blauen Augen gingen leuchtend wie der wolkenlose Maihimmel über ihn bis auf seine Goldsporen hinab: »Und ein Ritter seid Ihr geworden?«

»Von Eures Bruders Hand auf dem Rialto zu Venedig.«

»Welch ein Glück!« stieß sie, einem freudevollen Kinde gleich hervor. »Das ahnten wir beide nicht vor einem Jahr! Wißt Ihr's noch?«

»Habt denn auch Ihr noch daran gedacht, Gräfin Elisabeth?« fragte er stockend.

»Auch ich? Sollt' ich dessen nicht gedenken, dem ich Freiheit und Leben gedankt?« Sie sah ihn halb erschrocken an: »Ihr seid anders geworden und redet so fremd. So spracht Ihr mich damals auf der Heide nicht an.« »Ihr seid anders geworden – ich wußte damals nicht, welche Ansprache Euch zukam.«

Sie fiel hastig ein: »Nein, ich bin die nämliche, Dietwald Wernerkin, und heiße Euch auch nicht Herr Ritter, wie's Euch von andern gebührt. Mein Mund müßte lachen, wenn ich's spräche – wie kann man anders werden, als man gewesen? Hört – kennt Ihr sie? Das ist auch die gleiche!«

Lerchenstimme klang in der sonnigen Mittagsstille über ihren Häupten aus der warmen Frühlingsluft herab, und mit glückseligem Herzschlag entgegnete der junge Ritter:

»Ihr spracht, wir wollten einander gedenken, wenn wir sie hörten. Ich tat es oft.«

»Ihr schwört's wohl bei Ritterehre? Das kann ich nicht,« lächelte Elisabeth in scherzender Freudigkeit. »Aber wenn Ihr einen Bürgen begehrt, daß auch ich Wort hielt – noch heut – so befragt die Veilchen.«

Sie bot ihm den kleinen Veilchenstrauß entgegen, er beugte sich darauf und zog den süßen Duft ein. Dann hob er die Stirn und erwiderte, mühsam ein Aufjubeln seiner Brust verhaltend:

»Ja, sie sagen's – darf ich ihnen danken, Elisabeth?«

Sie nickte wunderlieblich. »Ihr redet wie in Märchen, als müßt' ich Euch mit du anreden, wie damals. In welcher Sprache, die sie verständen, wolltet Ihr ihnen danken, Dietwald?«

»Nicht den Veilchen, doch der, die ihnen das Gedächtnis verliehen,« gab er rasch zur Antwort, und er beugte sich abermals nieder und drückte leise die Lippen auf die schöne Hand, die den Strauß gefaßt hielt. »Hab' ich den Dank in einer Sprache geredet, die sie verstanden, Elisabeth?«

Das holde Rot deckte mit noch höherer Färbung ihre Stirn, ihre Augen gaben ihm mit klarem, wundersamem Aufblick stumm bejahende Antwort, doch die Lippen darunter entgegneten, mit leichter Verwirrung nach einer Erwiderung für das Ohr suchend:

»Wir reden, als gingen wir noch zusammen auf der schönen Heide und Ihr kämet nicht aus dem italienischen Land –«

Nun röteten sich auch seine Schläfen, »Verzeihet, Ihr gemahnt mich, weshalb ich hierher gekommen und was mir das Recht verleiht, vor Euch zu stehen,« und er zog hastig jetzt den Brief des Grafen Heinrich hervor, den Elisabeths Hand in Empfang nahm. Doch sie öffnete das Schreiben nicht und versetzte lächelnden Mundes:

»Hättet Ihr denn ohne Eure Sendung nicht Recht und Anlaß gefunden, mich aufzusuchen? Wäret wohl gar an Rendsburg vorübergeritten, wenn Euer Auftrag Euch anders' wohin gen Nord geführt?« Und sie lachte mädchenhaft-schelmisch dazu und fügte mit erkünstelt ernsthafter Miene drein: »Freilich ist es weit von Italien hierher und mag wenig verlocken, von den Orangenblüten und Granaten dort zu den kleinen Blümchen, die bei uns wachsen, zurückzukommen, zumal wenn man goldene Sporen trägt und ausziehen kann, ein Königreich zu erobern.«

»Glaubt Ihr's, Elisabeth?« flog es von den Lippen des jungen Ritters. »Euer Bruder war mir wohlgesinnt und wollt' mich mit sich nehmen zum Kreuzzug ins Heilige Land. Aber ich hatte ein anderes Kreuzgelöbnis getan, das mir höher stand, als hätt' ich die Muselmannskrone des Großsultans selber erbeutet. Ihr riefet vorhin die Veilchen zum Zeugnis an, ich könnt' Euch auch einen Bürgen für meine Aussage aufbieten –«

Er zog an der Schnur um seinen Hals das kleine Goldkreuz hervor; die Jungfrau stieß mit freudigem Geleucht zwischen den Lidern aus:

»Hat's Euch geleitet und allzeit gut behütet? Dann sei ihm gedankt! Gebt's mir zurück!«

Ihre Hand streckte sich nach dem Kreuzchen, Dietwald entgegnete rasch:

»Es hat meinen Leib in mancherlei Drangsal und Fährnis gut bewahrt, aber besser noch behütet hat es mein Herz, Elisabeth, daß dieses in Not und Ungemach stets sonder Zagen geblieben und allzeit gewußt, es sei gefeit wider alle Gefahr und alle Verlockung auf Erden. Ich kann's Euch heute noch nicht zurückgeben, denn ich bedarf seines Beistandes noch gar sehr für manchen Tag auf meiner Kreuzfahrt – aber dereinst, verhoffe ich –«

Sanft abwehrend hielt er ihre vorgestreckte Hand. »Dereinst?« wiederholte sie leise. »So laßt mich ihm wenigstens Dank sagen, Dietwald, für das, was es bis heute vollbracht, und ihm einen Gruß mitgeben für die Tage, wo es wieder fern von mir sein wird.«

Sie bog den goldenen Scheitel vor, das Kreuz mit den Lippen zu berühren, doch dicht über ihm begegneten ihre Augen denen des jungen Ritters, und ein süß-geheimer Strahl webte zwischen ihnen ein blaues, glänzendes Band, das die Lippen des Mädchens von ihrem Wege abirren ließ und sie denen Dietwald Wernerkins näher entgegenzog. So dicht nahten sie sich in der sonnigen, nur von Lerchengesang durchtönten Mittagstille des einsamen Gartens, daß ihr leiser Hauch sich anwehte, da fiel aus der achtlosen Hand Elisabeths von Holstein der Brief knisternd zu Boden, und sie schrak zusammen, bückte hastig den Mund tiefer herab, küßte das kleine Kreuz und flüsterte: »Bring' ihn wiederum zurück wie heute –«

Dann hatte sie hochroten Antlitzes die Hand nach dem Schreiben niedergestreckt, brach dessen Wachssiegel auf und sprach: »Es war wohl Unrecht, daß ich den Gruß meines Bruders so lang außer acht gelassen,« und ihr Blick heftete sich auf die Schriftzüge, doch nicht wie mit eifrigem Begehren, die Meldung zu erkunden, sondern als suchten ihre Lider nach einem willkommenen Anlaß, sich herabgesenkt zu haben.

Aber dann floß plötzlich alles Blut aus dem Angesicht der jungen Gräfin. Sie stieß einen irr aufzitternden Ton von den Lippen, ihre Hand faßte hinter sich nach dem Stamm eines Baumes, und weiß entfärbt, gleich seinen frühlingsdichten Kirschblüten, sagte sie stammelnd:

»Wisset Ihr von dem Inhalt des Briefes?«

Ein jäher Schreck hatte Dietwald bei der verstörten Wandlung ihres Aussehens durchrüttelt, er erwiderte atemstockend:

»Nein – Euer Bruder hat mir nur gesprochen, daß Hochgewichtiges darin –«

»So leset – er geht auch Euch an.«

Sie entgegnete es tonlos und reichte ihm das Blatt. Vor seinen Augen verschwamm die Schrift, er las mühsam: »Brüderlichen Gruß zuvor in Treuen meiner schönen, liebwerten Schwester Elisabeth. Und in Eilfertigkeit tue ich Dir kund zu wissen, daß der junge König Hakon von Norwegen, König Magnus' Sohn, sein Eheverlöbnis mit König Waldemars Tochter Margareta gelöst und bei mir um Deine Hand hat werben lassen. In brüderlicher Sorgnis für Deine Wohlfahrt und nicht minder für diejenige meines Holstenlandes vorbedacht, habe ich nicht bessern Freier für Dich irgendwo erachtet und dem König Hakon alsogleich meine Zusage erteilt. Ich begrüße Dich, wie Du dieses Schreiben eröffnest, als Königsbraut von Norwegen, und ein Abgesandter Königs Hakon wird alsbald bei Dir eintreffen, um als Stellvertreter Deines zukünftigen Gemahls Dein Ehebündnis mit ihm durch das Bindungswort der Kirche zu befestigen. Es ist mein Wille, daß die Vermählung nach der Ankunft des norwegischen Botschafters keinerlei Aufschub leide und mit hochfestlichem Gepränge statthabe. Als Beistand aber in jeglichem Fall, wo Du dessen bedarfst, habe ich Dir meinen Sendboten, den Ritter Dietwald Wernerkin auserlesen, den ich für Dich und mich in ritterliche Pflicht und Eid genommen, getreulich als Dein Obhüter und Kämmerer neben Dir zu stehen, als mein Statthalter Dich an den Altar zu führen, Dich sicher zu geleiten zu Wasser und zu Land, bis Du in die Königsburg zu Bergenhuus gelangt bist. Solches verhoffe ich von seinem ehrlichen Gelöbnis und dem absondern Vertrauen, das ich hier zu Venedig in seine Treue, Klugheit und Unerschrockenheit setzen gelernt –«

So weit las Dietwald Wernerkin, bis zu diesem ehrenvollen Lobspruch des Grafen Heinrich, und langsam sank sein Arm mit dem Schreiben herab. Auch sein Gesicht hatte das rote Lebensblut verlassen. Es war noch alles umher, wie es vor wenigen Augenblicken gewesen: die Maisonne lag warm und golden auf dem jungen Grün, den weißen Blüten des Gartens, die Veilchen dufteten vom Rasengrund, und Lerchengeschwirr füllte die Luft. Nur durch den Sonnenglanz und Duft und Jubelklang eines ungesprochenen Frühlingstraumes war ein jäher Durchriß gegangen, mit unabänderlichem Geschick hatte ihn widerstandsunfähig ein Schriftzug der Hand des eisernen Grafen für immerdar ausgelöscht, und durch den freudigen Lenz blickten sich nur vier blaue Menschenaugen wortlos, todesweh entgegen.

Sie regten sich beide nicht, sprachen nicht. Es war, als redeten die Augen, es sei noch nicht geschehen, bis einer ein Wort über die Lippen gebracht, und beide blieben stumm. Sie hielten den Traum noch wie ein Duftgewölk um sich, das der Hauch des Mundes zerreißen mußte.

Da tat dies ein anderer, enthob sie der Qual, es selbst zu müssen. Ein laufender Schritt tönte vom Schloß her, und barhäuptig, atemberaubt kam ein grauhaariger Kämmerer heran. Er verneigte sich ehrerbietig, nach Luft schöpfend, und stieß hervor:

»Verzeihet, hochedle Gräfin, daß ich also vor Euch trete, doch ungeheure Botschaft durchläuft von Osten her unsere Stadt. Es hat König Waldemar Atterdag die ruhmreiche Stadt Wisby auf Gotland mit einem Heere überfallen und sich ihrer starken Mauern, durch Verrat, sagt man, bemeistert – Tausende ihrer Bürger liegen hingestreckt in den Gassen, und unermeßliche Schätze und Reichtümer, zu deren gutem Verwahrsam er den Zugang gewußt, hat der Eroberer mit sich geraubt. So berichtet die Kunde, die von Lübeck her gekommen; dort hat das Volk mit großem Aufruhr Herrn Johann Wittenborg zum Burgemeister der Stadt berufen, daß er die Gewalt, Schimpf und Unglimpf wett mache, die König Waldemar an einer der obersten Städte des großen Hansebundes geübt. Und, sagt der Ruf, ist schon eilfertige Botschaft ausgegangen an alle Städte der gemeinen Hansa, Schiffe zu rüsten wider den Friedbrecher, gegen den auch die Könige von Schweden und von Norwegen ihre Waffen kehren werden. Es ist gleich einem Sturm und Blitzschlag aus der blauen Luft herniedergefahren über alle Lande –«

Der Alte hielt atemlos und vor Aufregung zitternd inne, sonder Ahnung, daß auch seinem Munde ein Sturm entfahren, der ein Traumgewölk vor ihm gefaßt und es zerflatternd in die Luft verstreut. Einmal hob und senkte sich langsam die Brust der Gräfin Elisabeth, dann erwiderte sie:

»Habt Dank für Eure eilige Meldung und gehet und beruhigt Euch. Die Gewalt herrschet auf der Erde, nicht das Recht, wir müssen's dulden. Auch ich habe gewichtige Botschaft durch den Ritter empfangen und werde sie Euch alsbald im Schlosse künden.«

Der Kämmerer neigte sich und ging. Er hatte nur kurze Augenblicke dort gestanden, doch sie hatten die traumhafte Hoffnung zweier Menschenleben auseinander getrennt und jedes auf den Beginn des neuen Weges geführt. Noch ehe der Fußtritt des Alten verklang, trat Dietwald Wernerkin bleich, doch festen Schrittes vor und sprach:

»Ich grüße Euch als Königsbraut, Gräfin, und harre Eures Gebots. Was ich Eurem Bruder unwissentlich gelobt, verbürgt mein Wort; ich werde sein Geheisch erfüllen, wann und wo Ihr meiner bedürft. Noch zur Stunde seid Ihr meiner Beihülfe nicht benötigt, so verstattet mir Urlaub, daß ich nach Lübeck gehe, dort einer Pflicht obzuliegen.«

Die Lippen Elisabeths suchten ein bitterliches Zucken zu verhalten. »So schnell,« entgegnete sie, »wollt Ihr Rendsburg schon wieder lassen?«

»Ihr wisset, daß ich den Türmen Lübecks vor Eurem Bruder Treue zugesagt, und der Himmel, verhoffe ich, wird fügen, daß ich sie beiden zu halten vermag. Wenn der Tag herannaht, an dem ich Euch nach seinem Willen zum Altar geleiten soll, da entsendet mir Botschaft an Herrn Johann Wittenborg, dort wird sie mich antreffen.«

»So gehet, Herr Ritter. Ihr habt recht, was solltet Ihr nutzlos hier verweilen.«

»Gott befohlen, Gräfin Elisabeth!«

Er verneigte sich und ging. Doch wie er einige Schritte getan, klang ein Ruf hinter ihm durch die Sonnenstille des Gartens:

»Dietwald –!«

Sein Kopf wandte sich und seine Lippen fragten zitternd:

»Was befehlt Ihr, Königin von Norwegen?«

»Daß Ihr nicht so geht – zum letztenmal im Leben nicht so geht! Wir sehen uns wohl wieder, dann bin ich's, wie Ihr mich genannt – o gingen wir noch über die Heide miteinander! Hab' ich dir denn Leides getan, daß du mir zürnst?«

Er war zurückgekommen. »Nein, Ihr nicht – du nicht. Elisabeth, nur König Hakons Gemahl. Du sagst es, wenn wir uns wiedersehen, bist du's, und wir gehen zum letztenmal im Leben voneinander. Wir müssen's rasch, Elisabeth, doch du hast recht, wenn man für immerdar scheidet, da darf man's wohl mit anderm Wort. Du gabst mir einst ein Gedächtnisgeleit, das mich mit seinem Goldglanz bis ans Ende an die Morgensonne meines Tags über der Heide gemahnen wird – gib mir noch eines dazu, das dieser Stunde gleicht, in ihr geblüht hat und mit ihr welkt.«

Seine Hand streckte sich bittend nach dem Veilchenstrauß, den sie noch hielt. Sie reichte ihn ihm, er beugte sich und wollte noch einmal wie zuvor ihre schöne Hand mit den Lippen berühren. Da schlang ihr Arm sich einen Herzschlag lang um seinen Nacken, und wie ein süßer, warmer Frühlingshauch streiften ihre Lippen über die seinigen. Dann wandte sie sich hastig von ihm fort, und wortlos, ohne den Blick zu kehren, ging er eilig zum Schloßtor hinauf; die goldumlockte Stirn wider eine Rasenbank drückend aber lag die junge Königsbraut auf den Knien und schluchzte in unhemmbar bitterlichem Weinen.

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