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Dietwald Wernerkin

Wilhelm Jensen: Dietwald Wernerkin - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 1
authorWilhelm Jensen
titleDietwald Wernerkin
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Es war eine weite Umfahrt von der weißen Felsküste Gotlands bis zum weißen Sandlido, der die Lagunenstadt vor den Stürmen des Adriameeres behütete, weit und wundersam, nur von wenigen Bewohnern der Länder Europas noch ausgeführt. Zahllose Gefahren von wilden Naturkräften, Menschenlist und -gewalt bedrohten fast unablässig das Schiff, Wind und Brandung, Klippen und Piraten, die zu jeder Stunde bei Nacht und Tag achtsame Bereitschaft erheischten. Durch den Sund zog die lübische Kogge an der noch kleingeringfügigen, nur aus wenigen zerstreuten Gassen bestehenden Stadt Kopenhagen vorüber, dann unter dem Schloß Gurre, dem Lieblingsaufenthalt Königs Waldemar Atterdag, und den Dächern von Helsingborg fort in das übel verrufene Kattegatt hinaus. Doch der Himmel begünstigte noch immer die Fahrt, so wagte sich der Schiffer von der weißumschäumten, öden Sandzunge des Skagerak geradaus durch die Nordsee zur Küste des Britenlandes und setzte an dieser entlang seinen Lauf nach Süden fort. Die Tage waren blau und die Nächte mondhell, und günstiger Wind hielt die Segel gespannt, daß es kaum zweier Wochen bedurfte, um das Fahrzeug bis an den Eingang des Ärmelmeeres zu bringen. Hier aber harrten Stürme und berghohe See unter nächtig verfinstertem Himmel, und lange Tage verrannen, in denen das Schiff, ohnmächtig kämpfend, gleich einem Spielzeug vom Wasser umhergeschleudert ward und am Abend, statt vorwärts gelangt zu sein, zurückgeworfen unter einem Ufer Schutz suchte. Der Tod umdräute das Häuflein Leben zwischen den stöhnenden, dumpfkeuchenden Holzplanken in hundertfältig wechselnder Gestalt, warf seine Wellenarme, geisterhaft flackernd wie langaufgerollte Leichentücher bis zu den knatternden Rahen empor, doch mutig vollzogen die Seeleute im Geheul der Windsbraut die Befehle des Schiffers und ungeschreckt, gleich ihnen, blickte Dietwald Wernerkin in das rings um ihn schäumende Verderben. Er hatte es zuvor nicht gewußt, und fast erstaunte es ihn selbst, daß ihn keine Furcht befiel. Ihm war's, ein Stern stehe ihm auch über dem schwarzen Gewölk unsichtbar zu Häupten und halte sein Leben in sicherer Hut, daß es hier noch nicht enden könne, sondern an ein Ziel hingelangen müsse, und er jauchzte mit jugendtrotziger Brust gegen das Toben des Sturmes. Aber doch auch waren es Wochen, mit der steten Anspannung des Leibes und der Seele bei Tag und Nacht und der Bedrohnis des Unterganges in der wilden Wasserwüste zu jeder Stunde, aus dem Jüngling ein festes Mannesherz auszureifen, das nicht in leichtgesinntem Übermut, sondern mit bedachtem Ernst der Gefahr ins Antlitz zu schauen erlernte. Dann hatten sie, ohne schweren Schaden zu erleiden, die unheilvolle See von Biscaya hinter sich gelassen und liefen am Ende des Junimonds in die breite Hafenbai der portugiesischen Stadt Lisboa ein. Wolkenlos breitete sich nun wieder der Azur und eine blendende Sonne schoß glutheiße Goldpfeile daraus herab. Dietwald Wernerkin aber wußte nicht, wohin er die staunenden Augen wenden sollte. Zur Rechten unabsehbar dehnte sich ihm das Mare Atlanticum, zog seinen Blick und seine Gedanken in traumhafte Weiten, daß er nicht zu begreifen vermochte, dasselbe könne uferlos in die Unendlichkeit hinausgehen, sondern als müsse es irgendwo auch drüben an eine wundersame Küste anschlagen. Und befremdlich erschien es ihm, daß niemand davon eine Kunde besaß, noch den Drang, sie zu erwerben, da es ihn mit einer Sehnsucht befiel, wenn er der Herr eines guten Schiffes sei, die Segel in die unbekannte Ferne, der Sonne folgend, hinauszuspannen. Dann aber mußten seine Augen und seine Gedanken sich von der Unermeßlichkeit des Ozeans abwenden, denn vor ihm rollte der breitflutende Tajostrom seine glänzenden Wasser, und darüber, am Ufergelände emporgestaffelt, von südlicher Pflanzenherrlichkeit umblüht, stiegen blickverwirrend die weißleuchtenden Häuser Lisboas unter maurischen Kuppeln und Türmen mit zaubervollem Reiz ins Blau. Gegen diese Fülle an Licht und Lebensreichtum sank die nordische Welt, selbst die stolzen Städte Wisby und Lübeck, wie in matte Nebeldämmerung gehüllt, zurück: doch ob ein fremdartiger Rausch in den Straßen die Sinne Dietwalds umgab, drang er ihm doch nirgendwo berückend bis zum Herzen hinab. Er erfreute sich der bisher von ihm ungeahnten unerschöpflichen Mannigfaltigkeit der Erde und strebte alles Bewundernswerte und Neuartige mit raschem Verständnis aufzufassen, zu ergründen und zu bewahren. Aber wenn er manchmal in dem blendenden Glanz die Augen schloß, da stand ihm drinnen vor den Lidern über allen Wundern der Fremde immer als der schönste Märchenplatz der Erde eine stillsonnige Heide mit goldenem Blumenkelch über grünschimmerndem Blättergewand, und lächelnd schritt er weiter.

Der Aufenthalt der Kogge zu Lissabon dauerte nur wenige Tage, dann setzte sie ihre Fahrt durchs Gaditanische Meer fort und bog zwischen den alten Säulen des Herkules ins ›Mare nostrum‹ der einstmaligen römischen Weltherrschaft ein. Von dieser war in die stille kaum mehr als halblebendige Abgeschiedenheit Bardowieks wenig Kunde geraten, aber einiges hatte Dietwald von den Geistlichen des Domstiftes doch dann und wann vernommen und in seiner Knabeneinsamkeit zu Gebilden der Vorstellung ineinander geflochten, so daß manchmal jetzt ein Name mit seltsamem Aufklang und zu hoher Teilnahme ein halbverschollenes Gedächtnis in ihm wachrief. So stand er von der Frühsonne bis zur letzten Abenddämmerung unverwandt auslugend am Bugspriet und zog, schönheitstrunken an Augen und Seele, die immer wechselnde Farbenpracht des oft purpurn glühenden Wassers, der vorüberschwindenden leuchtenden Gestade in sich ein. Er begriff's nicht, doch ward es häufig offenbar, daß sein Blick allein auf dem Schiff von dieser wundersamen Herrlichkeit gefesselt und entzückt wurde; die andern, auch der Schiffer, schauten gleichgültig darüber hinweg und berechneten nur, wie lang es noch dauern werde, bis sie zu lustig ungebundenem Leben in Venedig anlanden würden. Freilich waren die Tage für sie mit reichlicher Mühsal verknüpft, denn die Kogge fuhr beinahe eine Woche hindurch an der schlimmsten Seeräuberküste der Erde, dem Barbaresken-Ufer Afrikas entlang, so daß die Bemannung auch bei Nacht sich unausgesetzt gegen einen Überfall auf der Wacht halten mußte. Oftmals tauchten vom fernschimmernden Strande her, über dem der Atlas das Himmelsgewölbe trug, schwarze Punkte auf und kamen als blitzschnell fliegende Piratenboote mit roten Segeln heran. Doch gemeiniglich bogen sie bei dem Anblick des von zahlreichen kraftvollen nordischen Gestalten behüteten Fahrzeuges mit rascher Wendung vorüber. Nur in einer Nacht, welche bei völliger Windstille die Kogge in totem Wasser liegen ließ, ertönte plötzlich geller Pfiff und betäubendes Geschrei rings um den Schiffsrumpf, und als Dietwald, dem die Lider von der heißen Tagwacht niedergefallen waren, zum Deckraum hinaufflog, kletterten schon von allen Seiten katzengleich behende, halbnackte Gestalten an den Plankenwanden empor und schleuderten lodernde Pechfackeln vor sich auf. Doch der junge Führer der Söldnerschaft des bedrohten Fahrzeuges verlor nicht um eines Augenblickes Länge die ruhige Besonnenheit, sondern erteilte, einem furchtlos wohlerfahrenen Kriegsmanne gleich, einem halben Dutzend seiner Gehülfen den sichern Befehl, lediglich mit Wasserschläuchen und Zubern auf die Fackeln zu achten, um das Schiff vor dem Brande zu bewahren. Die andern sonderte er hurtig in vier Häuflein und hieß sie, unbekümmert, ob einzelne der Angreifer den Bord bereits erklommen, auf den Deckkastellen bereit lagernde Balken und schwere Steine in die leichten Barken der Piraten hinabschleudern, während er selbst allein sich unerschrocken den ersten, unter wildem Triumphgeschrei heransprengenden Feinden entgegenwarf. Sein Schwert spaltete mit wuchtigem Hieb dem vordersten den schwarzhaarigen Kopf mitten auseinander und traf den nächsten, der tigerhaften Vorsprungs nach seinem Nacken packte, verwendeten Arms mit dem Gefäßknauf auf die Stirn, daß er taumelnd in die Knie brach. Drunten erhob sich ein Wut- und Schreckgeheul aus den von den Wurfgeschossen getroffenen und umgestürzten Booten, deren Insassen nicht zur Unterstützung der Voraufgedrungenen nachzufolgen vermochten und in dichtem Gedränge durcheinander ins Wasser hinunterkollerten. Immerhin zwar kämpfte Dietwald auf dem Deck zwischen den Kastellen mit einer Handvoll von Verteidigern noch gegen mehr als zwiefache Überzahl, aber da diese sich von nachrückendem Beistand abgeschnitten sah, gebrach ihr mit jedem Augenblick mehr die Entschlossenheit. Bald wandten einige scheu den Kopf nach eigener Rettung um, da und dort sprang einer feigmütig über die Schiffswände zurück; nun rief der junge Anführer lauttönend: »Fangt die Schurken lebendig, damit wir sie der Stadt Venedig zum Gastgeschenk mitbringen!« und von seinem Beispiel mitgerissen, warfen seine Genossen sich mit einem grimmigen nordischen Auflachen wider den Rest der mutlos bestürzten, keine Gegenwehr mehr leistenden Seeräuber. Die Hälfte der letzteren entkam noch in wirrer Flucht, doch fast ein Dutzend ward überwältigt und mit Stricken gebunden; wunderlich hatten die rotlodernden Fackeln das wilde Getümmel überleuchtet und sandten ihren Flackerschein zu seiten der Kogge auf die See hinaus, wo die noch ungeschädigt verbliebenen Piratenbarken hastig davonruderten, um dem Pfeilbereich der zwischen sie hineinzielenden Armbrustschützen zu entrinnen. Es mochte seit dem Beginn des Überfalls kaum eine Viertelstunde vergangen sein, als ringsum laut- und leblose Stille der Nacht wieder um das Schiff gebreitet lag, nun hob sich zugleich jetzt ein günstiger Wind und trieb, das Segelwerk fröhlich aufbauschend, das Fahrzeug gegen den ersten blassen Morgenstreifen im Osten weiter. Der Schiffer aber sprach: »Herr Johann Wittenborg hat wohl gewußt, daß er fürsorglich bedacht gewesen, als er die Kogge Eurem Mut und Arm und trefflicher Umsicht anvertraut, Herr Junker, denn ohne Euch wäre sie sicherlich niemals in den Travehafen zu Lübeck zurückgelangt.«

Als nun aber nach Ablauf einer weiteren Woche hinter dem weißen Lido die hohe Domkuppel des heiligen Markus und zahlreiche andere Türme umher vor dem erwartungsvollen Blick Dietwalds in die goldene Luft stiegen und bald darauf die Kogge, stattlich über den heitern Lagunenspiegel einhergezogen, an der felsgemauerten Schiffsriva den Anker fallen ließ, da verbreitete sich rasch in allen Gassen Venedigs die Kunde von der Ankunft der seltenen hochnordischen Gäste, der Gefahr, die sie glücklich bestanden, und der eigenartigen Mittelmeersbeute, die sie mit sich gebracht. Männer und Weiber des Volkes drängten in dichten, lautbeweglichen Haufen herzu, um mit eigenen Augen der gefürchteten barbareskischen Piraten ansichtig zu werden, von denen der Handel und die Seeherrschaft der Republik noch gefährlicher als von ihren mächtigen Nebenbuhlerinnen an den Küsten Italiens bedroht wurden. Dietwald Wernerkin jedoch kleidete sich alsbald in ein zu Wisby erstandenes ansehnliches Gewand und ließ sich in den unfern belegenen Dogenpalast führen, wohin ihm der Ruf schon vorausgeeilt war, so daß ihm nicht nur eine Anzahl von Mitgliedern der hohen Signoria in vornehmer Haltung, doch neubegiererfüllten Blicks, sondern selbst der Doge Giovanni Delfino im großen mit buntem Marmorestrich bedeckten Saale entgegentrat. Der Gewalt desselben gab der junge Schiffsgeleitsmann die gefangenen Seeräuber anheim und überreichte dazu als ein Geschenk des Rates von der Stadt Lübeck eine kunstvoll geschnitzte Eichenholztruhe, bis zum Rande mit kostbaren großen Bernsteinfundstücken der Ostsee angehäuft. Zwar war er unfähig, sich der italienischen Sprache zu bedienen, und mußte seine Worte von einem Dolmetscher übertragen lassen, doch die Mienen der Nobili und des Dogen gaben übereinstimmend kund, daß sein jugendfrisches, gewandtes und doch würdiges Behaben, die freimütige und zugleich bescheidene Art seiner Anrede in der unverstandenen Zunge bei ihnen allen günstigsten Eindruck wachriefen und den niederdeutschen Ankömmlingen bereitwillige Aufnahme und Förderung zu Venedig verhießen. Einigermaßen erstaunt aber gewahrte Dietwald die dort übliche außerordentliche Geschwindigkeit der Rechtspflege und Vollstreckung eines Urteilsspruches, denn als er nach Verlauf nur weniger Stunden zur Kogge zurückkehrte, sah er an der Riva über einer unermeßlichen Menge von schwatzenden, lachenden, singenden und augenblitzenden Menschenköpfen bereits sämtliche Piraten stumm und regungslos an den hohen Rahen einer Staatsgaleere ausgehängt.

Selbstbegreiflich aber mit der größten Anteilnahme und freudiger Zuvorkommenheit ward der junge nordische Landsmann von den Insassen des Fontego de' Tedeschi nahe am Canale grande empfangen. Freilich fiel es ihm im Beginn fast kaum weniger mühsam, die oberdeutsche Sprache der Kaufleute aus Regensburg, Augsburg, Nürnberg und den andern bedeutsamen Handelsstädten im Norden des Alpengebirges zu verstehen, als die der Venezianer, doch ihre Hände und Augen redeten genugsam von der Befriedigung, mit der sie den Zuwachs ihrer Landsmannschaft begrüßten, und sie räumten ihm bereitwilligst sofort ein Gemach im Kaufhof zu seiner Unterkunft ein. Dieser hatte sich seit dem Aufenthalt Peter Holmfelds ausnehmend zu seinem Vorteile verwandelt, war mit prächtigen Galerien geschmückt, mit prunkvollen Sälen und mehr als einem halben Hundert wohlausgestatteter Wohnräume versehen worden und legte beredtes Zeugnis von dem Reichtum ab, den sich der Handelsbetrieb der deutschen Kaufgilde in Venedig erwarb. Allein Dietwald nahm bald gewahr – obzwar die Signoria auch gegenwärtig noch die »deutsche Nation« manchmal »ihr Herzblatt« hieß, wenn sie in den vollen Geldtruhen derselben ein Anlehen für ihren bedürftigen Staatssäckel zu machen erhoffte – daß der glänzende Außenschein nicht in allem einer ebenso erfreulichen Wesenheit entsprach. Der Fontego de' Tedeschi glich in seinen Macht- und Rechtsbefugnissen keineswegs den stolz-unabhängigen und selbstherrlichen »teutschen Kaufhöfen« des Hansebundes zu Bergen, London, Brügge, Wisby und Nowgorod, sondern der Markuslöwe hielt mit scharfer Acht und drückender Wucht seine starken Tatzen daraufgelegt. Die Obergewalt über das weite Handelsgehöft stand nicht den deutschen Inhabern, sondern dreien Cittadini mit Namen Visdomini al Fontego de' Tedeschi zu, die zusamt ihren Schreibern und einem Fontegaro im Hause ihren Wohnsitz einnahmen und die Schlüssel desselben in Händen hielten. Ihrer Aufsicht unterlag der Geschäftsverkehr aller Waren, die Einfuhr und Ausfuhr, das Wagerecht, der Verkauf, welcher lediglich an Angehörige der Republik verstattet war. Zu so vielfältiger Beschränkung und lästigem Zwange gesellte sich eine erhebliche Zahl an die Stadt zu erlegender Gefälle und Abgaben, und der Neid der eingeborenen Bevölkerung gegen die reichen Fremdlinge ließ die Geschäftstätigkeit und Rechtssicherheit der letzteren zu unruhigen Zeiten manchmal durchaus nicht als neidenswert erscheinen. Um so willlommener mußten sie das Eintreffen eines jungen Landsgenossen von edler Geburt begrüßen, der im Dienste der mächtigen nordischen Hansa stand und obendrein durch die Bewältigung und Mitführung der Seeräuber bei den Vornehmen und dem Volke Venedigs den deutschen Namen mit Verdienst und neuem Ansehen bedeckt hatte.

Dazu kam jedoch noch ein anderes, um Dietwald Wernerkin im Fontego de' Tedeschi eine besondere Aufnahme zu bereiten. Er hatte auf der langen Seefahrt viel und ernsthaft überdacht, und immer deutlicher war ihm die Erkenntnis gekommen, daß nicht in oftmals eitlem, ritterlichem Gebaren und Waffengepränge, sondern weit mehr in der Wissensfülle und Herrschaft des menschlichen Geistes über die tausendförmigen Gestaltungen und Erzeugnisse des Erdbodens das höchste und rühmlichste Ziel des Lebens zu gewahren sei. Als ein leuchtendes Vorbild solches Kenntnisreichtums, tätiger Kraft, Klugheit und hohen Sinnes stand ihm Herr Johann Wittenborg vor Augen, der im Beginn seiner Jugend auch nur Lehrgehülfe im Handlungsgeschäft eines Kaufherrn zu Lübeck gewesen, und Dietwald hatte von fern die Markuskirche mit dem festgewonnenen Entschlusse begrüßt, der Geschlechtsüberlieferung seiner Väter nicht an seinem Teil fürder nachzutrachten und nicht gleich ihnen mit ärmlichen Einkünften, ohne Einfluß und Gültigkeit in der Welt tatenlos leere Anmaßung auf ritterbürtigen Stand und Namen zur Schau zu tragen, sondern zu Venedig Unterweisung in den Wissensbedürfnissen und Befähigungen für die Ausübung des Handelsgewerbes zu suchen. Und nachdem nur wenige Tage verronnen waren, führte er seine Absicht mit unbeirrbarer Willensfestigkeit aus, indem er wie ein gewöhnlicher Neuling bei einem der deutschen Kaufherrn des Fontego in die Lehre trat und eifrig von der untersten Stufe an den Betrieb des Geschäftes zu erlernen begann. Er scheute nicht vor den niedrigsten Dienstleistungen körperlichen Handlangertums zurück, sich Fertigkeit im Verpacken von Waren, sicherm Umschnüren von Ballen und Zimmermannsgeschick beim Öffnen und Schließen von Kisten zu erwerben; bald jedoch kam ihm seine unter den Junkern der Zeit nicht häufige Kunst des Lesens und Schreibens jetzt außerordentlich zu statten, da sein Lehrherr eines vertrauenswürdigen Gehülfen der Schreibstube dringend benötigt ward und seinen eigenen Vorteil nicht besser wahren zu können erkannte, als indem er Dietwald für diesen wichtigen Beruf ausersah. Denn der junge Kaufmannslehrling legte in kurzer Zeit ein so rasches Auffassungsvermögen und ruhig-sicheres Urteil an den Tag, daß sämtliche Teilhaber des Fontego oftmals nicht wenig über den umsichtigen Klarblick des jugendlichen niederdeutschen Kopfes erstaunten. Ja, es geriet ihnen bald zur Gewohnheit, in schwierigen Fällen zuvor seinen Ratschlag einzuholen, dem sie auch nicht selten wider eigne anfängliche Meinung zu ihrem Nutzen Folge leisteten. Sie mochten im Beginn nicht allzuviel Zutrauen in die Ausdauer des adligen Jünglings gesetzt haben, doch als nicht nur Monde, sondern ein halbes Jahr verrann, in welchem er täglich mit der gleichen Unermüdlichkeit bei seiner standeswidrigen Arbeit verharrte, da konnte es ihnen nicht Zweifel belassen, daß er seinem neuerfaßten Beruf mit vollem Ernst, sich darin nach jeder Richtung zu vervollkommnen, obliege. Für Dietwald aber war es ein Tag hoher Befriedigung, wie er zum erstenmal als Vergelt seiner Tätigkeit aus der Hand seines »Prinzipals« ein halbes Dutzend florentinischer Goldflorinen empfing und diese ihm den Beleg ins Auge funkelten, daß er nicht allein mehr ein für seinen eigenen Nutzen Lernender, sondern bereits ein lohneswürdiger Mitförderer des Gewinnes seines Handelsgeschäftes sei.

Trotz seinem emsigen Fleiß indes blieb ihm genugsam Muße, alle Seltsamkeit und Sehenswürdigkeit der Lagunenstadt mit täglich wachsendem Verständnis zu betrachten, sich mit den Einrichtungen, Gesetzen und der Verfassung der mächtigen Republik im Innersten vertraut zu machen und obendrein das heitere Leben des schönen Südlandes mit jugendlicher Freudigkeit zu genießen. Die heiße Sonne Venedigs hatte sein schon von der Meerfahrt ziemlich an Farbe verändertes Gesicht noch tiefer gebräunt. Und er zog in seiner hochkraftvollen germanischen Körpergestalt mit dem länger wachsenden blonden Vollbart und den himmelblauen Augen überall in den engen Gassen die Blicke der Eingeborenen auf sich, die er zumeist um Kopfeslänge überragte. Besonders aber schauten ihm die Frauen und Mädchen aus Tür und Fenster bewundernd nach, und manch verheißungsvoll aufglühender Sternblitz schwarzer Augen grüßte ihm ins Antlitz. Er hatte schnell die italienische Sprache soweit erlernt, um alle bräuchlichen Tagesreden zu verstehen und darauf zu entgegnen, und er erwiderte stets einen derartigen Blick und wohl hinzugeselltes deutungsreiches Wort mit frohsinnigem Gruß und artiger Antwort, die seine Bewunderung der ihm dargebotenen Anmut und Schönheit kundgab. Noch vermochte keins der Mädchen Venedigs sich laut oder im geheimen zu berühmen, daß es jemals zwischen seinen Lidern einen Funken zum Aufglimmen gebracht und eine schweigsame Erwiderung des stummberedten Augengrußes mit sich heimgebracht habe. Verwundert nahmen die andern jungen Gesellen des deutschen Kaufhofes dies gewahr, welche die Gunst, deren sie sich vielfach bei den hübschen Töchtern der Stadt erfreuten, nicht ungenutzt ließen und sich bei mancher derselben noch besonderes Anrecht auf den Namen eines »Herzblatts« erwarben. Aber in Dietwald Wernerkins fröhlicher Miene lag, wenn die Rede auf Liebesgetändel verfiel, ein ernsthafter Ausdruck, daß sie sich scheuten, wie wohl bei sonstigen ihrer Genossen, über seine Abwendung von leichtlebigem Verkehr mit schönen Minen zu spotten oder selbst ihn um den Anlaß dieser ihnen unverständlichen Enthaltung zu befragen. Denn in allem andern gemeinsamen jugendlichen Betreiben überbot er sie unbestritten an Kraft, körperlicher Gewandtheit und zagloser Kühnheit. In der Kunstfertigkeit des Hiebfechtens, des Schwimmens und bald auch des Ruderns vermochte keiner mit ihm zu wetten, und in gleicher Weise hütete jeder sich, mit anders als harmlos neckischem Wort die stete Schlagfertigkeit seiner treffenden Entgegnung herauszufordern. Die zu Bardowiek in Träumerei eingewiegten Geisteskräfte des jungen Mannes hatten sich, denen seines Körpers entsprechend, mit überraschender Schnelligkeit entwickelt, als hätten sie zu ihrer Reife nur der heißen Sonnenstrahlen Italiens bedurft. Am liebsten jedoch unter allen Muße-Erholungen seiner Arbeit bestieg er abends eine der zahlreichen, dem Kaufhof angehörigen Barken und durchruderte, bald schnell dahinfliegend, bald langsam weitergleitend, allein das Labyrinthgeflecht der großen und kleinen Kanäle der Inselstadt. Besonders in der glanzhellen Mondnacht überkam ihn aus den schweigend dann herabblickenden Palästen von rotem und weißem Marmorstein ein Vollgefühl und wachsendes Verständnis der Würde, Schönheit und Bedeutung der Baukunst, und zugleich erschloß sich seinem innern Auge der Zusammenhang des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen, wie alles aus kleinen Anfängen entspringe und durch den Fortschritt der Menschenerkenntnis, die Verbindung der leiblichen und geistigen Kräfte vieler, ihre Unterordnung unter Gesetz, Gemeinwohl und weise lenkenden Willen zu solcher Blüte emporgedeihe. Oft und gern stand Dietwald Wernerkin mit gedankenvollem Blick vor den beiden hohen Granitsäulen auf der Piazetta, deren eine schon vor beinahe dritthalb Jahrhunderten durch den Dogen Domenico Michieli von einem siegreichen Kreuzzuge aus Syrien heimgeführt, das geflügelte Erzstandbild des Markuslöwen trug, und bei seinem Anblick ging wechselreiche Geschichte der Zeiten und Menschengeschlechter dem Gemüt des Betrachters vorüber. Daran gedachte die immer lärmende, streitende, lachende und lustige Volksmenge um ihn her freilich nicht, die nur dem Gewinn, Verlust und Vergnügen des heutigen Tages lebte, doch um so mehr befiel es Dietwald mit einem seltsam über die Lagune herwehenden Ernst, wenn er das schweigsame eherne Gedenkzeichen anschaute, das immer gleich auf soviel Gedränge stets ebensolcher, nur den Augenblick haschender Köpfe heruntergesehen. Nachdenklich schritt er dann über den Markusplatz heim, auf dem ein Gewimmel zahmer, dunkelfarbiger und buntschillernder Tauben ihm kaum vor dem Fuß zurückwich. Da kam ihm allemal das Gedächtnis an die »Taube von Venedig«, wie Knud Hendrikson Witta Holmfeld benannt, und der Name erschien ihm wohlzutreffend, da das Mädchen ihn jetzt, wie er sich ihr Bild in der Erinnerung wachrief, nach äußerer und innerer Art als eine echte Venezianerin bedünkte, die keinen Tropfen ernsten nordischen Blutes zur Mitgift empfangen, sondern, einzig der Verlockung augenblicklicher Lust nachfolgend, sich wie eine flatternde Taube im heißen Sonnenlicht schaukelte.

Dergestalt war nicht allein Sommer und Herbst, sondern auch der milde Winter Venedigs über den jungen Sohn des Sachsenlandes hingegangen, fast ohne daß er in seiner eifrigen Tätigkeit einen Wechsel der Jahreszeiten bemerkt hätte. Nur dann und wann sagte ihm einmal der ferne Anblick der weit gen Nord wie aus glänzendem Silber gehauenen tiefverschneiten Alpenzacken, daß dadrüben hartstarrender Winter die Herrschaft führe; sein Tagesbetrieb erlitt keine Wandlung dadurch, und die Monde schwanden seiner Lernbegier wie auf Flügeln vorüber. Freudig sah er sich dem Ziel seines arbeitsamen Trachtens stets näher gerückt, daß er von Tag zu Tag tieferen Einblick in das mannigfaltige Wesen des Handels gewann, und nach dem goldenen Lohn, den sein Gurt immer reichlicher anhäufte, durfte er sich wohl bereits als einen verdienstlichen und wertvollen Genossen im Geschäfte seines Augsburger Kaufherrn betrachten. So bat dieser selbst ihn, sich einmal Ruh und Rast zu vergönnen, und an einem Sonntagmorgen ruderte Dietwald in einer Gondel über den Lagunenspiegel zum Lido hinüber. Es war ein sonnenfunkelnder Tag um das Ende des Februars, leuchtend und flimmernd lagen Nähe und Weite, und die Barke anlandend, warf er sich in den warmen Sand der einsamen Landzunge. Er konnte indes das Gedächtnis seiner täglichen Beschäftigung nicht hinter sich lassen, Zahlen und Berechnungen kreuzten sich in seiner zurückgelegten Stirn durcheinander. Doch plötzlich rissen sie jählings entzwei, er wußte nicht wovon. Dann horchte sein Ohr auf, und über ihm kam aus dem Blau ein heller Ton herab. Ein erster Lerchenruf des einziehenden Frühlings war's, und er flog hastig, wie von unsichtbaren Händen emporgerissen, in die Höhe. Da grüßten nordwärts in weitem Bogen die weißglänzenden Alpenberge, und mit einer unsagbaren, lautpochenden Sehnsucht schlug auf einmal das Herz Dietwald Wernerkins über den fernen Eiswall des Deutschen Reiches hinüber. Ihm war, als könne er's nicht tragen, sondern er müsse, gleich den Möwen um ihn, Flügel ausspannen, durch die blaue Luft fortsegeln: immer silbertöniger jubelte es über ihm, der ganze Himmel schien von Lerchengesang angefüllt, blieb ihm klingend im Ohr, auch als er in die Gondel zurückgeeilt, und begleitete ihn heim bis an den Kaufhof zwischen dem Häusergewirr Venedigs. Dort nahm er stumm an der gemeinsamen Mittagsmahlzeit teil, bis das Trachten seiner befremdeten Genossen sich darauf verwandte, ihn mit Scherz und Witzspiel aus seiner ungewohnten Schweigsamkeit aufzunötigen. So trank er zuletzt gegen seine bräuchliche Enthaltsamkeit eine Bottiglia feurigen Weines – der helle Klang der feinen venezianischen Gläser tönte ihm wieder wie Lerchengeschwirr um die Sinne, doch jetzt nicht märchenlieblich nur, sondern hoffnungsfreudig zugleich, und als sei ihm Köstliches verheißen, flossen seine Lippen nun von jugendlichem Übermut und Frohlaune über. Nach Beendigung der Mahlzeit begab die deutsche Tischrunde sich vor die Tür des Fontego ins Freie, wo man auf den offenen Platz am großen Kanal dicht neben der Rialtobrücke hinuntersah. Dort hatte sich viel Volk zur Sonntagnachmittagsbelustigung zusammengesellt, Schiffer lagen gestreckt in ihren Barken und sangen Antwort-Ritornelle hinüber und herüber, andere saßen auf dem sonnigen Ufergestein und erzählten aufhorchendem Kreis gläubig bestaunte Wundermären. Finger wurden blitzschnell im Moraspiel hin und wieder geworfen, und lautes Zankgeschrei brach zwischen die Zahlenrufe hinein. Doch am meisten fesselte Augen und Ohren ein Gaukler, der affengleich behende Gliederverrenkungen zur Schau gab und auf ausgespanntem Seil über den Köpfen der jauchzenden Zuschauer tanzte. Daneben hatte er einen hohen, fest in die Erde gefügten Mastbaum emporgerichtet und rund um ihn kurze, mit der Spitze nach oben gewandte Schwerter aufgepflanzt. Nun verließ er das Tau, schnellte sich mit einem Katzenansprung an den Mast, erkletterte diesen bis zur halben Höhe, daß über ihm der Holzschaft, wie im Fall begriffen, weit hin und her schwankte, und befestigte in der Mitte eine weiße Fahne mit dem schwarzen Markuslöwenbilde darauf. Dann kam er, geschickt die unten drohende Gefahr vermeidend, an den Boden zurück und rief: Wer es wage, die Fahne herabzuholen, dem sei sie eigen und als Lohn seines Mutes zugleich ein Kuß von den wunderherrlichen Granatlippen Signorinas, der schönsten donzella di Venezia la bella. In der Tat stand ein Mädchen von ausnehmender, jungblühender Schönheit neben ihm und warf verheißungsvoll lachende Augen über die Menge umher, doch niemand fand sich, um den gefährlichen Preis zu wetten, und der Gaukler schritt mit einem Zinnteller umher und wiederholte stets mit possenhaft überzeugungsvoller Miene: Wer den größern Mut besitze, von solchem Lohne abzustehen, der werde wohl empfinden, daß er für die Erhaltung seines Lebens die dankbare Verpflichtung habe, einen ärmlichen Bajazzo zum Hochzeitkleid der Signorina beizusteuern, die im Begriff stehe, einen der vornehmsten Nobili der großmächtigsten Republik zu heiraten, sie wisse nur noch nicht, welchem von ihnen sie die Glücksgunst ihrer Wahl zuteil werden lassen sollte, da keiner sie dem andern zu lassen gewillt sei. Lautes Gelächter der Hörer antwortete, und die kupfernen Münzen klapperten auf den Teller des Einsammlers, von Rufen begleitet: »Für einen messingenen Stirnreif – für einen bleiernen Armring – für eine Strumpfzwickel Signoras, wenn sie Strümpfe bei der Hochzeit trägt – für ein Hanfband, falls daß Signora der Wunsch kommen möchte, es sich nach der Brautnacht um den alabasternen Hals zu knüpfen!« So scholl es belacht und beklatscht umher, bis eine Stimme lauttönig dem Herumschreitenden zurief: »Dort bleib von weitem, da sind Deutsche; sie küssen gern die schönen Dirnen von Venedig, aber sie sind vorsichtige Handelsleute, es muß nichts kosten an Blut und Gold!« Helljauchzender Beifall der Menge stimmte den Worten zu und verriet, daß sie erfreut den Anlaß aufgriff, ihrem Neid über den Wohlstand der Fremdlinge derartigen Ausdruck zu verleihen; der Sammelnde, der an die zuschauenden deutschen Kaufleute geraten, wiederholte mit einer spöttischen Ehrfurchtsverneigung: »Ahi, son' Tedeschi, rivoltate il piattello!« und die Bajocchi in seine hohle Hand schüttend, drehte er, vorübergehend, den Teller um. Dann jedoch hielt er sichtbar erstaunt an, Dietwald Wernerkin war plötzlichen Schritts in die Tür des Fontego zurückgeeilt, kam wieder hervor und wandte sich kurzen Worts: »Ich halte Euer Gebot,« dem Mastbaum zu. Der heiße Mittagswein füllte seine Augen noch mit kühn-übermütigem Glanz, daß es ihn unwiderstehlich trieb, den herausfordernden Spott der Italiener nicht wie sonst kaltblütig zu tragen, und ehe die meisten auf dem Platz noch wußten, was geschah, hatte er den glatten Holzstamm umfaßt und rang sich kraftvoll-behend daran empor. Sein Körpergewicht mochte das des schmächtig-hagern venezianischen Turnkünstlers fast um das Doppelte übertreffen, der Mast schwankte wie von einem Sturm gerüttelt und schien in jedem Augenblick mit dem Niedersturz seiner Last in die tödlichen Schwertspitzen zu drohen. Doch ungeschreckt kletterte der junge Wettbewerber aufwärts, ein lautes Getöse unter ihm, wohl der Bewunderung, aber nicht freudigen Beifalls, kündete, daß er die Fahne erreicht habe. Dann indes ward es atemlos still und alle Blicke starrten aus weitoffenen Wimpern hinauf, denn Dietwald ließ den Preis unberührt, schwang sich an ihm vorüber, noch um die Länge seiner Gestalt an dem unheimlich krachenden Mastbaum höher empor. Da hielt er an, griff in seine Brust und zog etwas Weißes hervor, das er zuvor eilig aus dem Kaufhofe geholt und nun an dem Holz befestigte. Dann glitt er rasch herab, schwang sich in weitem Sprung über die Schwerter zu Boden, und manneshoch über dem Markuslöwen droben flatterte im Windzug auf einer Fahne der neue zweiköpfige Kaiseradler des Deutschen Reiches. Die Volksmenge stand verdutzt und wußte nicht, ob sie den kühnen Obsieger beklatschen solle oder nicht, er aber trat schnell auf die junge Preisverleiherin zu, die dem schönen blonden Germanen halb mit unsicherer Scheu, halb mit bereitwillig verheißenden dunklen Augensternen entgegenblickte. Doch vor sie hingelangt, verneigte er sich artig und sprach lächelnd: »Ich tat's fürs Deutsche Reich, Signora, nicht um Euren neidenswerten Lohn, den Ihr Eurem beglückten Bräutigam heute abend in der Gondel zu dem seinigen dreinreichen mögt. Verstattet mir dafür, daß zu meinem Gedenken an Eurem Hochzeitstage sich die schönste Stirn Venedigs mit der köstlichsten Blumenzier Eurer ruhmvollen Stadt bekränzt,« und der Sprecher legte mit fürstlicher Freigebigkeit einen Goldgulden auf den Zinnteller des neben ihm stehenden Gauklers. Trotzdem malte sich in den Zügen des schönen Mädchens Enttäuschung, als hätte sie lieber, statt das reiche Geschenk zu empfangen, selber den wohlverdienten Preis ausgeteilt; doch von allen Lippen der leichtbeweglichen venezianischen Volksmasse brach jetzt über das ritterlich feine und edelsinnige Behagen des jungen Fremdlings ein brausender Jubelsturm: »Evviva il Tedesco! Il nobile! Il generoso!« Da tönte eine machtvoll überhallende deutsche Stimme drein: »Das war gute Tat, die dem deutschen Namen Ehre zugefügt in fremdem Lande!« Und wie die Köpfe und auch der Dietwald Wernerkins herumflogen, hielt inmitten der Rialtobrücke, von reisigem Geleit umgeben, auf gepanzertem Streitroß eine hohe, stahlumfunkelte Rittergestalt, auch blond von Haar am Rand des emporgeschlagenen Visiers und mit hellblauen Augen dreinschauend. Der Rufende, der noch jung, kaum an die dreißig Jahre zählen konnte, hatte bereits seit einiger Weile unbeachtet als Zeuge des Vorganges droben sein Pferd angehalten, nun ritt er mit dem Gefolge abwärts, gegen Dietwald hinan und fragte artig, doch mit einem Ton, aus dem die Gewöhnung des Gebietens vernehmlich aufklang:

»Wer seid Ihr? Mich bedünkt, in Eurem Mute fließt kein Handelsblut eines Kaufmanns.«

Der Angeredete verneigte sich vor dem Fremden und entgegnete mit ruhiger Zuversicht:

»Ihr beirrt Euch, Herr Ritter, denn ich bin ein Dienstmann der edelsten Hansestadt Lübeck und trachte nach der Auszeichnung, einstmals auch ihrem hochmächtigen Handelsstand angehören zu dürfen, ob Ihr Euch gleich darin nicht täuscht, daß meiner Vorväter Blut von alters her wohl mit dem Eurigen in die Wette rinnen mag.«

»Ihr redet kecklich, doch wer sein Leben an den Preis deutscher Ehre gesetzt, mag's,« gab der Ritter zu kurzer Antwort. »Wie benennt Ihr Euch und von wannen kommt Ihr hierher?«

Dietwald erwiderte auf die Fragen, der Fremde ließ wohlgefällig den Blick auf ihm weilen und versetzte:

»Ich bin der lobesamen Kaufgilde der gemeinen Hanse, insonders der Stadt Lübeck, wohlzugetan. Suchet mich, wenn's Euch gefällt, heute abend in der Herberge zur Crociata am Canale della Giudecca. Da wollen wir erproben, ob Euer Blut meinem beim Cyperwein stand hält, Junker!«

Er ritt mit einem klangvollen Auflachen, ohne weiteres beizufügen, vorwärts. Dietwald sah der stolzvornehmen und doch anmutend gewinnenden Hochgestalt wortlos befremdet nach, bis ihm einfiel, daß er nicht einmal den Namen des Ritters in Erfahrung gebracht. Nun wandte er sich an den Letzten des vorüberkommenden Geleites und fragte: »Wer ist Euer Herr?«

»Kennt Ihr ihn nicht?« entgegnete der Befragte mit einiger Verwunderung. »Man nennt ihn weit im Abend- und Morgenland. Es ist Graf Heinrich, der Eiserne zubenannt, von Holstein, der von Damietta zurückgekommen, neue Schwerter für König Ludwig den Heiligen von Frankreich wider die Ungläubigen zu werben.«

Doch Dietwald Wernerkin vernahm die letztere Erläuterung kaum mehr. Das Blut war ihm plötzlich glutrot ins Angesicht heraufgeschossen, er wiederholte stammelnd: »Graf Heinrich von Holstein – vermeldet Eurem Herrn, daß ich ihm schuldigen Dank für seine Gunst wisse und nicht säumen werde, ihm am Abend meine Achtung zu erweisen.« Und wie von der Betäubung eines Schwindels erfaßt, blickte er stumm hinter den Davonziehenden drein. Sein Herz klopfte nur eines: das war die Erfüllung der Ahnung einer wundersamen Köstlichkeit, die ihm heute die Brust angeschwellt, daß er hier in der weiten Fremde mit dem Bruder Elisabeths zusammengeführt worden und es in seine Hand gegeben lag, um dessen Wohlgefallen zu werben. Er begriff's jetzt kaum, daß er den jungen Grafen nicht an der Ähnlichkeit mit seiner Schwester erkannt habe, denn es waren die gleichen blondumrahmten und blauäugigen Züge, nur ohne den sanften, traumhaften Blick und das sonnige Lächeln Elisabeths; kurz, scharftönig und herrisch gewöhnt, regte sich der Mund des eisernen Grafen. So vollendeten Gegensatz in allem sein Antlitz zu einem dunkelumlockten bot, es kam Dietwald, daß ihn etwas sonderbar an Knud Hendrikson gemahne, er wußte sich nicht zu sagen, was. Aber sein Herz schlug dem ruhmesvollen Bruder Elisabeths freudig und hoffnungsreich entgegen, die Gunst desselben, mit der das Zufallsglück ihn beschenkt, weiter zu gewinnen.

Das gelang ihm auch ohne Kunst und Müheaufwand lediglich durch sein eigenes Selbst, sein treffendes Urteil, sein ehrerbietig-bescheidenes und doch offen-freimütiges Wesen. Zwar vermochte er es am Abend beim Becher nicht mit Graf Heinrich aufzunehmen, daß dieser stolz lachte: »Ihr seht, Junker, mein Blut ist doch noch etwas über Eurem zu Bardowiek!« Doch Dietwald entgegnete ohne Zaudern: »Ihr besiegt den Wein, ich aber muß erst erlernen, mich nicht von ihm besiegen zu lassen. Der Lehrling soll es dem Meister nicht gleichtun wollen, damit er nicht nach Verdienst in Schande fällt.«– »Habt recht,« versetzte Graf Heinrich, »ob's zwar bei vielen, die sich Edle heißen, dafür gilt, halte ich's doch nicht für Ruhm, trunken zu sein, und besser, den Kopf überm Tisch zu tragen als darunter. Hättet, wie ich vernommen, Euer Schiff schwerlich hierher gebracht, Junker, wenn der Wein Euch an der Barbareskenküste das Hirn dunkel gemacht. Da habt Ihr Euch nicht als ein Lehrling gebart, vielmehr als Meister, trotz Eurer Jugend, und wenn's mir Gewichtiges zu vollführen gälte, würd' ich allemal lieber solchen damit betrauen, der offen spräche, er fürchtet sich vor dem Wein, als der prahlte, er lasse sich von keinem Humpen ins Bockshorn jagen, ihn auf einen Zug auszuleeren. Trinket drum nach Eurem Maß, mich erlustigt die volle Kanne, aber fröhlicher macht's mich heute, gute sächsische Augen vor mir zu gewahren!« Von diesem fröhlichen Gefallen legte Graf Heinrich mannigfach Zeugnis ab, und es war auch ein gar erheblicher, sich rasch kundgebender Unterschied zwischen der geistigen Bedeutsamkeit, dem klugen Verstande und der kenntnisvollen Rede Dietwald Wernerkins und den ritterlichen Geleitsleuten, die am Tische mitsaßen und den Mund kaum zu anderm als zum häufigen Ausleeren ihrer Becher zu besitzen schienen. Graf Heinrich ließ sich Näheres von der Vergangenheit seines jungen Gastes berichten und hörte ihm mit Teilnahme zu. Fast stand Dietwald im Begriff, von seiner Begegnung mit Elisabeth zu erzählen, doch eine Scheu verschloß ihm plötzlich den Mund, daß er errötend fortfuhr, wie er nach Lübeck geritten und dort Herrn Johann Wittenborg seinen Dienst angeboten habe. Da fuhr der Hörer heftig heraus: »Stehe als guter Nachbar zur Löwenstadt, und es mag wohl der Tag kommen, daß wir einander not sind. Aber Krämerdienst geziemt nicht für edles Blut! Tretet in meine Gefolgschaft, Junker, und ziehet mit ins heilige Land, bis ich vielleicht bald Euren Arm und Rat am Eiderfluß gebrauche!«

So wundersam verlockend aber auch dieses Ansinnen Dietwald im Ohr und Herzen erklang, widerstand er dennoch mit entschlossener Festigkeit und erwiderte:

»Habet mehr an Dank für Euer Gebot, als ich sagen kann, Herr Graf. Ich wüßte nicht bessere Schicksalsgunst und Fügung für mich, doch Ihr werdet nicht dawider streiten, es geziemt vorerst dem Manne, andern und sich selber Treue zu halten in dem, was er begonnen. Steht mein Gedenken aber nicht nach dem heiligen Grab, noch weiter zum Süden, sondern alsobald ich's mit Können und Ehren vermag, gen Lübeck zurück: glaube auch, es dürfte eine Zeit kommen, drin Ihr die Ratsherren und Geschlechter der edlen Stadt nicht als Krämer geringachten werdet. Ist doch in gleichem die gewaltige Kraft dieser mächtigen Stadt Venedig, ihre stolze Signoria und der Doge selbst aus dem Handel emporgewachsen, den sie als Herzblut ihres stolzen Gemeinwesens behütet. Euer Arm bedarf meines schwachen Beistandes nicht; wär' ich Euch aber vonnöten, Herr Graf, so setzt' ich mein Leben zu jeder Stund' mit hohen Freuden für Euren Ruhm und Dienst ein.«

Das hatte der Jüngling mit offenem Freimut für sich selbst wie zu Ehren der Lübecker Kaufleute, doch ohne alle Anmaßung ausgesprochen, und Graf Heinrich fand nichts darauf zu erwidern, als ein kurznickendes: »Bedenkt´s Euch wohl noch!« Damit verabschiedete er auch um die Mitternacht seinen jungen Gast: »Solange mein Weilen in der Stadt andauert, wartet der Stuhl an meinem Tische auf Euch, Junker. Ich kann Euch zur Stunde nicht mit Eurem Wort halten, daß Ihr mir vonnöten wäret, aber ich verhoffe, Ihr bedenkt's noch anders.«

Doch obwohl zwei Wochen lang Dietwald nun täglich als willkommener Teilhaber am Mahle des eisernen Grafen saß, der immer offenbar sein Gefallen an ihm kundtat, ihn bald fast einem gleichstehenden Freunde ähnlich empfing und mit Scherz und Ernst ihn von seinem Entschluß abzuwenden trachtete, so blieb er, wenn auch oftmals nur mühsam, seinem Vorsatze dennoch getreu und kehrte jedesmal eifrig zu seiner Arbeit in der Schreibstube des Kaufhauses zurück. Dann aber war's ein Tag in der Mitte des März, daß schon früh am Morgen ein eilfertiger Bote in den Fontego gelaufen kam, Graf Heinrich entbiete dem Herrn Junker seinen Wunsch, ihn sogleich in der Herberge bei sich zu begrüßen. Verwundert leistete Dietwald der Aufforderung Folge, drüben indes trat ihm der junge Fürst fast ohne Gruß entgegen und sprach ihn ernst-nachdenklichen Auges schleunig an:

»Ihr sagtet mir zu, wenn Ihr mir vonnöten wäret, da seiet Ihr zu meinem Dienst bereit. Ich habe eine Botschaft empfangen, die lange Zeit unterwegs gewesen ist und eiliger Erwiderung bedarf. Es ist Hochgewichtiges für mich, das ohne Säumnis geschehen muß, und ich weiß niemanden damit sicher zu betrauen als Euch. Wollt Ihr als Sendbote für mich reiten? Es wird Euch guten Entgelt tragen.«

Dietwald stand von dem Unerwarteten betroffen und entgegnete unschlüssig:

»Ich vermeinte damit, falls Ihr Euch in Drängnis und Gefahr fändet, Herr Graf, daß mein Arm Euch vonnöten –«

Doch Graf Heinrich fiel ein: »Euer Kopf ist's mir, oder sagt, Euer Herz, das ich erprobt und weiß, es hält ein Gelöbnis, wenn Euer Mund es ablegt. So nehmt ein Dutzend von meinen reisigen Leuten, reitet gen Rendsburg im Holstenland und überbringt diesen Brief dort an meine Schwester, die Gräfin Elisabeth. Leistet mir Handschlag, daß Ihr ohne Verweilen bis dahin Euren Weg nehmen und im weitern getreu in meinem Dienst vollführen wollt, was der Inhalt des Schreibens von Euch heischt. Es läuft weder Eurer Ehre noch einer Pflicht, die Euch sonst obliegt, zuwider.«

Graf Heinrich war sichtlich mit seinen eigenen gewichtigen Gedanken allzusehr beschäftigt, als daß sein Blick gewahrnahm, wie Dietwald Wernerkins Antlitz plötzlich erblaßt und jählings darauf ein purpurnes Rot über seine Stirn aufgeflammt war. Mit fremdartig stammelnden Lippen brachte er mühsam zur Antwort hervor:

»Wenn Ihr sprecht, daß es vonnöten ist, Herr Graf – da haltet Ihr mein Wort – und ich bin bereit – und gelob's Euch, was Ihr von mir begehrt.«

Er streckte seine rechte Hand aus, die Graf Heinrich mit freudiger Erwiderung schüttelte: »So nehm' ich Euch in ritterliche Pflicht! Es ist nicht Fürsten-, sondern Freundesdienst, den Ihr mir und meiner Schwester zusagt; seid gewiß, daß ich ihn Euch als Freund gedenke.« Er hatte bei einem seiner Worte leicht gestockt und fügte rasch hinterdrein: »Trefft Eure Zurüstung für den weiten Umritt und kommt um die Mittagsstunde auf die Rialtobrücke, wo ich Euch zuerst gewahrt, dort stell' ich Euch Euer Geleit.«

Taumelnden Fußes, daß die Leute auf der Straße ihm schier wie einem Trunkenen der »intemperanti Tedeschi« nachblickten, gelangte Dietwald in den Kaufhof zurück, traf dort eilfertig, wie in einem Traum umherschreitend, die Vorkehrungen zu seiner plötzlichen Reise und nahm Abschied von seinen bisherigen Genossen, welche die Kunde seines Fortganges mit lautem, unverhohlenem Bedauern aufnahmen.

Alle gaben ihm um Mittag das Geleit an den Canale grande, so daß der Raum an diesem beinahe ganz von Deutschen erfüllt war, denn Graf Heinrich stand gleichfalls schon zuwartend mit seinem Gefolge auf der Rialtobrücke. Hinter ihm, von den ausgewählten Reisigen zur Bereitschaft des jungen Sendboten gehalten, scharrte ein wohlgepanzertes, regelloses Pferd mit dem Huf; nun winkte Graf Heinrich der Eiserne dem Ankommenden und sprach, als dieser vor ihn trat: »Knie zu Boden, Dietwald Wernerkin!«

Seiner Sinne noch immer unmächtig, vollzog dieser wortlos, ohne Denken und Wissen weshalb, den gebieterischen Befehl, Graf Heinrich aber zog sein blaufunkelndes Damaszenerschwert von der Hüfte, hob es hoch ins Goldgeleucht der italischen Sonne empor und sprach weithin tönend:

»Meine Botschaft ist hoher Art und ihr gebührt, daß ein fürnehmlicher Bote sie trägt. Ich habe dich in Eid und Pflicht genommen und weiß, daß du Treue hältst der Ehre und dem Recht, Kaiser und Kirche, Mann und Weib. Du knietest hin als Edelknecht, stehe auf von der Rialtobrücke zu Venedig, Dietwald Wernerkin, jeglichem ebenbürtig als ein edler, freier, unbescholtener Ritter des Deutschen Reiches!«

Der Sprecher hatte bei seinen Worten dem Knienden die Schwertleite erteilt, dreimal mit der Fläche seines Schwertes ihm Nacken und Schulter berührt, hob ihn jetzt an der Hand vom Boden empor und begrüßte ihn mit dem ritterlichen Bruderkuß. Lauter Jubel von allen deutschen Lippen umher hallte weit am Canale grande entlang; der junge Ritter stand wie irrbetäubt, auf einen Wink des Grafen traten Knappen herzu, legten ihm ein bereitgehaltenes kostbares Panzerhemd an, setzten ihm den federgeschmückten Wappenhelm aufs Haupt, umgürteten ihn mit einem neuen Schwert und befestigten goldene Sporen an seinen Füßen. Dann reichten sie ihm Schild und Lanze und hielten ihm den Bügel des wiehernden Rosses, auf das er sich, einem Traumwandelnden gleich, hinaufschwang. Graf Heinrich streckte ihm nochmals die Rechte und sprach:

»Reitet mit Gott und gutem Geleit, Ritter Wernerkin, ich habe Gewichtiges in Eure Hand gelegt. Grüßet mir mein Holstenland, es mag wohl geschehen, daß auch ich es bälder wieder gewahre, als wir's heut denken. Davon werdet Ihr mir Kundschaft senden, wenn es not tut. Fahrt wohl von der Sonnenstadt ins graue Nordland.«

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