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Friedrich Maximilian Klinger: Die Zwillinge - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Zwillinge
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000438-1
titleDie Zwillinge
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

(Ein Zimmer.)

Guelfo. Grimaldi.
(An einem Tisch mit Weinflaschen und ein Buch vor sich aufgeschlagen.)

Grimaldi. Guelfo, Du bist auf einmal wieder sehr wild ernsthaft geworden. Ich bitt' Dich, verscheuch diesen starren in sich nagenden Blick mit einigem Lächeln, das Deiner grossen Miene mehr Zierde giebt.

Guelfo. Still und trink! (geht auf und nieder)

Grimaldi. Soll ich weiter lesen in Brutus Leben?

Guelfo. Nein, ich habs nun sehr genung. Laß mich das zusammenrechnen, was ich gehört habe. Caßius, Grimaldi! Caßius!

Grimaldi. Du nennst ihn eben so oft, als Du sonst eine gewisse Donna nanntest. Gilt der mehr bey Dir, als Brutus?

Guelfo. Das glaub' ich. Was in dem Menschen lag! Oh! wenn Du mir jeden Tag einen solchen Charakter aufstelltest, Grimaldi! Du solltest der einzige Mensch seyn, den ich liebte.

Grimaldi. Und ich wär' der einzige Mensch auf Gottes Boden, der am meisten litte. Ich zieh' mir den Brutus vor.

Guelfo. Ich fühl' den Caßius näher. Und Grimaldi, darauf kömmts doch an. Wie viel gewinnt der Mahler, wenn er mir ein Gemählde hinstellt, wofür ich den Spiegel in mir habe. Mir gehts in allen Fällen so. Ich kann eigentlich den nur recht durchschauen, ganz meinem Herzen nachfühlen und bestimmen, der am meisten mit mir übereinkömmt; der meine Seele so trift, daß ich gleich das Reißbley nehmen möchte, ihn lebendig hinzuwerfen. Deßwegen gewinnen bey mir Dichter und Geschichtschreiber so selten. Hu, hagrer Caßius! Mir ists, als stieg er vor mir auf. Ich werd' diese Nacht unruhig schlafen.

Grimaldi. Ich will Dir mehr lesen.

Guelfo. Das thu' doch! Den Pyrrhus.

Grimaldi. Wenn Du mir nur nicht so bang' machtest! nicht so oft im ängstlichen Schlummer fürchterlich träumtest und riefst!

Guelfo. Wen ruf ich, Grimaldi?

Grimaldi. Ferdinando – wie man einen Todtfeind ruft.

Guelfo. Ha! da! meinen Bruder! Grimaldi, nimm den Stammbaum, streich seinen Namen durch, und denn reiß ihn hier weg. Trink dem Caßius zu! Ich wollt' ihn mahlen, den hagren Caßius!

Grimaldi. Das wollt' ich auch.

Guelfo. Du? wenns Juliette wäre.

Grimaldi. Guelfo! nur diesen Namen nicht, wenn Du meine Augen trocken sehen willst.

Guelfo. Du wolltest den Caßius mahlen? Wie machtest Du das?

Grimaldi. Ich wollte Ferdinando rufen – den Guelfo ansehen, fest, ohne Zittern, das einen Furchtsamen, wie mich, viel kostet; wollte diesen Blick nehmen, diese Farbe, diese lebenden Muskeln – he, Guelfo?

Guelfo. Willst Du mich stolz machen? Trink, Grimaldi! Wacker! (trinken) Ich trink zeither gern. Der Wein ist doch gut?

Grimaldi. Sehr gut, wenn Du freundlich siehst.

Guelfo. O Grimaldi, wenn der Wein nicht wäre! Ohne ihn hätts das wilde ungestüme meines Herzens lang' mit mir zu Ende gebracht. Ich kanns mit nichts so gut unter mich bringen, als wenn ich mich nach und nach in Schlaf trinke. Und Grimaldi, das sind meine besten Stunden, die vorhergehen; wenn der süsse Geist des Weins meine Nerven einschmeichelt, sich der milde Geist auf mich herabläßt, und mich mit seinen sanften balsamischen Fittigen deckt. – Laß ihn sprudeln! Unter mich, Teufel! (trinken)

Grimaldi. Es ist ein herrlicher Trunk; aber, Guelfo, mich macht er düsterer und trauriger. Nu seine Wirkung in Betracht Deiner?

Guelfo. Recht, Grimaldi. Ja, wenns auch immer so bey mir ginge. Aber selten, selten! O es hitzt mein Blut zu oft, und treibt mir die Würggedanken mit einem Feuer durch die Adern, daß sie schwellen, und mir für mich selbst bange machen. Wenn mir so dieß und jens unter dem Trinken einfällt, wobey ich denn gewöhnlich schneller trinke, endigt sichs zu oft mit einer Wuth, die Blut heischt – Laß nur! wir wollen ihr schon noch zur Gnüge geben!

Grimaldi. Steh' uns Gott bey! wenn Du so bist. Kaum sinds acht Tage, schmißt Du mich an Boden, daß meine Gebeine zusammen rasselten. Und das blos, weil Deine verkehrtstehende Augen einen andern in mir zu sehen glaubten. Und wenn ich der Schreckscene gedenke –

Guelfo. Was ist das? Eine Schreckscene? Ich hör' gern' so was

Grimaldi. Als Du den Della Forza durch die Lunge schossest, um seine Marter zu verlängern.

Guelfo. Sieh' da! das hätt' ich fast vergessen.

Grimaldi. Nu, wer auch das vergißt!

Guelfo. Ich verbitte mir alle Bemerkungen. Erzähl' mirs, es thut mir gut itzt. Noch so weiß ich, wie er die Augen drehte, und sich in Staub wälzte. Was hatt' ich doch mit ihm?

Grimaldi. Das erste war, daß er Deinen Bruder bey dem Herzog herausstrich – – Du wirst zu ernsthaft.

Guelfo. Trink und red' fort, ohne Dich um mein Gesicht zu kümmern.

Grimaldi. Daß er Deiner nicht mit einem Worte dachte, ob Du schon in der Antichamber standest, und alles hören konntest.

Guelfo. Itzt fällt mirs nach und nach wieder ein. Ha! das hetzte mich grimmig.

Grimaldi. Das zweyte war, daß der Herzog Deinen Bruder allenthalben zu haben suchte, und, noch mehr, ihm die reiche und schöne Gräfinn Kamilla verschafte, die er nie kriegt hätte. Guelfo! Guelfo! faß dich! Kamilla, die der rauhe Guelfo liebte, die der süsse, empfindsame, kluge Ferdinando wegschnappte. Ein herrliches Geschöpf, die Kamilla! Sie soll leben!

Guelfo. O Grimaldi! Grimaldi! Du thust meinem Bruder trefliche Dienste. (drückt ihm die Hand und umfaßt ihn) Erzähle weiter!

Grimaldi. Nur schone mich mit Deinen Liebkosungen; ich bin zu schwach, in Guelfos starkem Arm zu liegen. Zu Venedig küßte Della Forza Gioconda; Du verbotst es ihm, er thats doch –

Guelfo. Begegnete mir höhnisch, und ich knallt' ihn nieder. Die Geschichte that mir damals sehr gut. Sie wickelte mir die Galle los, die mich nach und nach erwürgt hätte. Trink, Grimaldi! Deine Augäpfel ziehen sich ja schon mächtig in die Länge.

Grimaldi. Und hier der aufgeworfne Zug an Deinem Munde schwillt grimmig. Deine Augenbraunen senken sich noch tiefer – Du wirst immer mehr Caßius.

Guelfo. Schwinde immer mehr zusammen, und mein Bruder reitet auf dem Adler über mich hinaus. Aber herunterreissen will ich ihn, will ihn im stolzen Schwung haschen, und niederschmettern! Kriechen soll er bey der Erde, und ich will schweben! Zittre, Grimaldi! und ich will Dich packen, dürres Geripp! Dich an Boden schmettern! Blaß sollt ihr alle stehen, bricht Guelfos Zorn los, der mich hinreißt, wie der hohe Sturm. Weg dann! ich bin nichts, nichts! schlag auf mein Herz – und nichts! Wenn ich seine Titel hinschreibe, schmier ich einen Bogen voll. Schreib ich mich gegen über, heißts – Ritter Guelfo, mit einem Einkommen von 500 Ducaten. Hörst Du, Grimaldi! hier die grossen Excellenzen, die Gouverneurs, der Herr von des alten Guelfos fetten Gütern. Nicht so viel Land ist mein, als ich mit meinem Degen übermessen kann. Und warum denn nun? Grimaldi, warum hab' ich nichts, und er alles? Suchs in Deinem Gehirn auf, bleicher Strudelkopf!

Grimaldi. (geht ans Clavier und spielt wechselsweise einige sanfte und starke Passagen.)

Guelfo. Dich und Dein Instrument in die Tiber, Schwärmer! Was willst Du mich locken, daß meine Seele auf diesen Saiten schwebe? Daß ich den Guelfo vergesse?

Grimaldi. (spielt wie oben)

Guelfo. Grimaldi! starke, dumpfe, rasche Töne! Meine Nerven zittern einen Ton, Deine Saiten springen, wenn Du ihn anschlägst. Hör' auf! Wirf mich nicht so nieder, Grimaldi!

Grimaldi. (endigt stark)

Guelfo. Diesen Ton verstund ich.

Grimaldi. Brutus, du schläfst! Brutus, du schläfst! riefen alle, und trafen Brutus Geist, schriebens ein mit Feuerflammen. Caßius rief auch: Brutus, du schläfst! Brutus überdachts bey Donner und Blitz, es reifte, Cäsar lag.

Guelfo. Ha, mein freundlicher Grimaldi? Dieß ist die Erklärung Deiner letzten Töne? Was solls heissen?

Grimaldi. Du verstehst mich, Guelfo! Es soll wenig heissen; so viel, wenn Du doch willst – – Guelfo, ich weiß selten, was ich selbst will – Nun dann! Nimms so! Guelfo, schweb' auch! es breite sich Dein starker Geist aus, heb' sich über ihn! Jag mit dem Bruder zum blinkenden Ziel! was kömmt auch drauf an, wenn Du ihm im Ringrennen ein Bein unterstellst, daß Du hoch am Ziel schwebest! That ers doch auch, und oft, oft! Aber nur die Nase muß er sich blutig fallen, Guelfo, mehr nicht; sonst wärs unbrüderlich. Mehr nicht, und Du schwebst oben! Ha, mein Guelfo, Du schwebst, der Wein blinkt! Siehst Du, Guelfo – auf mich wollte einstens ein ungeheurer Berg stürzen, ich hatte noch Stärke und frohen Muth, ich faßte ihn an der Wurzel, schob ihm ein Sandkorn unter. Er stund, drohte, und stund. Ich hatte Glauben, Guelfo! Wenn Du Glauben hättest – oh! mit der schwarzen Melancholie und der traurigen Phantasie, die mich zerarbeitet! Ich schwitze und schrumpfe zusammen – Guelfo! Ritter Guelfo!

Guelfo. Grimaldi, Dein Herz liegt mir über verschiedne Punkte verdeckt. Aber herausreissen will ichs, wies in Deinem Innern liegt. Aufgedeckt will ich lesen, ob das blosse Racketten sind, die nur manchmal beym Wein aufsteigen, und zerknallen; oder ob das Festigkeit, Grösse und Entschluß ist? Itzt siehst du wieder so kleinlaut – trink! trink!

Grimaldi. Guelfo, Dir fehlt nichts, als Glauben an Dich, und Du bist ein gemachter Mann, der alles mit Gewalt nach sich zieht. Sieh, ich bin ein zusammengedrückter, gewürgter Wurm, der sich kaum aufwenden kann, so haben ihn Menschen in Korb gestampft, wohin er sich wandte. Und das all ist so scharf durch meinen sonst emporschwebenden Geist gefahren, hat so unedel alle grosse Triebe verschlungen, und das Feuer verkältet, daß mit mir nichts anzufangen ist. Oh Guelfo! es war eine blühende Zeit – ich kann itzt nichts, als mein Herz nach und nach aufreiben, und hassen mich und alles. Für mich ist Natur und Leben todt, weil man mir den Sinn dafür unfreundlich tödtete. In meinem Leben möcht' ich mich an Einem rächen, mich dann in meine Kissen hüllen, und mit Wollust sterben. (sieht durchs Fenster) Dort kömmt eine Chaise her!

Guelfo. Es wird der Doctor Galbo seyn, ich ließ ihn rufen.

Grimaldi. Hast Du noch nichts entdeckt? – Adieu, Ritter Guelfo! Der traurige Mantel der Melancholie hat sich um mich geschlungen, ich will weinen. Adieu! Gib mir Deine Hand! Adieu!

Guelfo. Mensch! Mensch! Du machst mich rasend mit Deiner Zweydeutigkeit. Merk Dir das! Wo ich Dich erwische, will ichs aus Dir herausziehen, und hingen die Gedanken mit Hacken in Deiner Seele. Du sagst zu viel und zu wenig.

Grimaldi. Ich schlaf die Melancholie weg. Und dann ruf ich diese Nacht, wie Caßius – Brutus, du schläfst! (geht ins Nebenzimmer)

Guelfo. Was hilft das nun all, wenn ich mir mit geballter Faust vor die Stirne schlag' und mit den Winden heule – droh' und lerme, und bey alledem nur Luftschlösser, Kartenhäuser baue! Der Junge wird gekos't, geleckt, geliebt, von Vater und Mutter, und ich steh' allenthalben in der Rechnung ein garstiges Nichts. Guelfo! Guelfo! – Nichts lautet närrischer, als wenn ich mir selbst rufe. Guelfo! He dann, Guelfo! (stampft) Mein Blut wird heiß, mein Zorn drängt sich hervor.

Zweyter Auftritt

Doctor Galbo, (klopft an). Guelfo, (hernach) Grimaldi.

Guelfo. Näher! Näher!

Galbo. Wie befinden sich Eure Gnaden? Ich bin sehr erschrocken über die eilige Botschaft.

Guelfo. Zu viel Hitze, lieber Doctor! Zu viel Hitze!

Galbo. (fühlt den Puls) Unruhig, unruhig, sehr unruhig, gnädiger Herr! Aber ists Wunder? Hier die Flaschen, und gewiß erst von der Jagd?

Guelfo. Davon mags kommen; ich verfolgte ein Reh zu hastig. Setzen Sie sich doch. Ich hab letzthin über etwas mit Ihnen gesprochen – Wär mir nicht zu Kühlung zu helfen?

Galbo. Ich will gleich etwas aufschreiben.

Guelfo. Gut denn!

Galbo. (schreibts und giebts ihm)

Guelfo. Doctor, hier – nehmen Sie diesen Wechsel.

Galbo. Gnädiger Herr!

Guelfo. Ohne Umstände! – Donner! was zaudern Sie? Sie wissen, daß ich das Gezier nicht leiden kann. Umsonst geb' ich nichts!

Galbo. Sanfter, gnädiger Herr! So legt sich die Hitze nicht.

Guelfo. Lassen Sie mich mit dem Geschwätz! – Doctor!

Galbo. Was befehlen Sie?

Guelfo. Ich fragte Sie schon einigemal, und nun – Sie waren bey der Niederkunft meiner Mutter; nicht wahr?

Galbo. Das war ich – die schrecklichste! Ich glaubte nicht, daß es die gnädige Gräfinn überleben würde.

Guelfo. Denn sagen Sie mir schnell – hören Sie? so schnell, wie ich frage – wer von uns beyden erblickte zuerst das Licht? Guelfo oder Ferdinando?

Galbo. Das kann ich nicht sagen.

Guelfo. Doctor!

Galbo. Es ging so ängstlich, so schrecklich, und in der Sorge für die Gräfinn, für die Kleinen, trug sichs zu –

Guelfo. Heraus mit, oder ich pack Sie an der Brust, und drück' Ihnen das letzte Wort mit dem letzten Hauch heraus! He dann, bey meinem Leben! es wird Licht – Fort!

Galbo. Sie waren beyde da, und man wußte nicht, welches der Erstgeborne war. Aber aus sichern Zeichen –

Guelfo. Behalten Sie den Wechsel, und gehn Sie! Fort, Doctor! Weiter brauch ich nichts. Und wenn Sie vor der Hand ein Wort – verstehn Sie mich?

Galbo. (ab.)

Guelfo. Grimaldi! Grimaldi! – Ha! was schüttelst du, Feuer? was reißt du in mir? Haben sie? Still! still! Laß mich zu mir kommen, und treib mich zur Raserey! Grimaldi! o ich will alles zerreissen! Vater! Vater! Mutter! ich will euch ausstreichen! will euch ausstreichen, euch bis aufs letzte Fäserchen aus dem Herzen reissen! Grimaldi!

Grimaldi. (kömmt.)

Guelfo. (faßt ihn an der Brust) Sieh mich an, Grimaldi! Sieh mich an, und häng an meiner Stirne! Zweifelst Du, ob ich der Erstgeborne bin? Zweifelst Du?

Grimaldi. Guelfo, ich hab' alles gehört; mich warf ein dumpfes Gefühl herum, daß ich nicht schlafen konnte. Donner und Wetter! steh da, Guelfo! (fährt ihn an den Spiegel) Dieser Blick! dieses Wesen! diese sich ausbreitende Menschenbeugende Gluth im schwarzen, grossen, rollenden Auge! – Guelfo! Du bist für ein Königreich geboren. Eine weissagende Gottheit, mein Genius sagt mirs. Guelfo! Du bist Ferdinandos Bruder nicht. Ha! Wie kamst Du unter das Geschlecht dieser Schwachen? Du bist vertauscht! O Du bist so nicht geboren! Sieh Dich an, königlicher Guelfo! Hast Du nicht den verzehrenden Königsblick? Schlag mir vor die Stirne, wenn ich lüge! Mit diesen Empfindungen, mit diesem Denken, wie kamst Du unter sie? Sieh Dein Bild! Sieh Dich! Edler! Edler! Guelfo! Guelfo! Guelfo!

Guelfo. Grimaldi, mich reißt ein Gedanke hin – meine Seele schwirrt blutig von Vorsatz zu Vorsatz; und der Rachgeist läßt sich schwarz vor mir nieder, und hascht mein Herz. Ha! laß mich fest stehen! Laß mich einig werden! Hörtest Du den Doctor? Man wußte nicht, welcher es wäre, weil man nicht wissen wollte! weil seine heuchlerische, sanfte Miene schon damals der Aeltern Herz an sich bannte! Mein starrer Blick riß schon damals ihr Herz von mir. Ha dann, Heuchler! ich will dich lehren! Herausgeben sollst du mir die Erstgeburt, herausgeben sollst du mir Vater und Mutter, herausgeben sollst du mir alles; oder ich will dich würgen, wie Kain, und verflucht, den Mord auf der Stirne, herumirren.

Grimaldi. Lieber Guelfo, nicht so!

Guelfo. Mit mir Esaus Geschichte zu spielen, noch eh' er stammlen konnte! Kos't den Knaben! kos't ihn fort! schließt ihn in die zärtlichen Arme! Herausreissen will ich ihn! Ihr stahlt mir alles, und gabt's ihm, weil ihr meinen Geist nicht fassen konntet. Grimaldi, als Knabe ward ich in Schatten gestellt, und er ans Licht gezogen; ihm alles doppelt gegeben, mir einfach. Fein ging man mit Heuchler Jacob um, und stieß den rauhen Esau weg. Wie denn? warum denn?

Grimaldi. Was drängt sich auf in Dir?

Guelfo. Tausend Bilder des Vergangnen. Wie er alles hatte! Kriegten wir Spielzeug, Zuckerbrodt, das Beste hatt' er. Und so mit allen Dingen, wie wir heran wuchsen. Um ein junges neapolitanisches Hengstchen flehte ich einstens, lag zu des alten Guelfos Füssen und netzte sie. Nichts! Ferdinando hatt' es, ob er sich schon nicht im Sattel halten konnte, und blutig zurückkam. Da wollt' er mirs geben; aber nieder stieß ich den flüchtigen Springer im Grimm. Da kreuzigten sie sich. Und nun dann, Grimaldi! alle Güter, alle Besitzthümer ihm! mir 500 Ducaten Apanage – das all, weil man nicht wußte, nicht wissen wollte –

Grimaldi. Du bist des alten Guelfos Sohn nicht. Du bist ausser dem Bette gezeugt. Hat er einen Zug, ein Fäserchen am Leibe, wie Du? Guelfo!

Guelfo. Nun denn, heraus will ichs haben! Hörst Du's brüllen? Heraus will ichs haben! Ich will meine Mutter in die Enge treiben, und bekennen soll sie! Ha! wie sie mich ausstiessen, auf Reisen jagten, er mir mittlerweile diebisch des Vaters Gunst, Herz und Güter stahl! Grimaldi, diese Nacht will ich wachen, alle Umstände zusammen ziehen, will alles deutlich sehen! Es ist hell, wie die Wahrheit. Aber reitzen will ich meine Galle, mein Blut jagen, will sie alle hassen lernen! O wie mir alles glühend einfällt, daß sies immer vorhatten! Dieser Umstand und dieser – ich wills zusammenziehen, und der Auswurf soll blutig ausfallen! Guelfos Erster ich! Hörst Du, wie die Wahrheit aus dem Echo zingelt: Guelfos Erster Du! – Grimaldi, wie wärs möglich? Sag' nur! red' nur!

Grimaldi. Was weiß ich von! Mich ärgert nichts, als daß Dir mitgespielt ist.

Guelfo. Martre mich nicht! Ich sehs, wies aus Deinem bleichen Gesicht, aus Deinen stieren Augen herausblickt. Haß'st Du ihn nicht? und möchtst ihn haben, hinzuschleudern das Leben Deines Mörders?

Grimaldi. Guelfo! es kann mich einer beleidigt haben, ich kanns ihm vergeben haben. Noch einmal, was mich ärgert, ist, daß Du zur Eiche aufgewachsen warst, nun da stehst, ein kleines dürres Bäumchen am Wege, für das der Bettler eben so wenig Ehrfurcht hat, als der Grosse, Dich anstößt, und jeder sich ein Sprößchen abbricht, daß Du kahl da stehest. Du allein hättst Dein Haus in vorige Aufnahme gebracht durch Deine Tapferkeit. Und wie viel würde gefehlt haben, wenn Du Kamilla geheyrathet hättest, Du hättest Dich mit Deinen und ihren Gütern zum Herzog aufgeschwungen; dann brav gearbeitet – Guelfo! ein Mensch mit diesem Sinn, mit dieser Festigkeit, mit dieser niederwerfenden Gewalt – Ich möchte rasend werden! Der Welt einen Mann zu stehlen, an dem sie sich geweidet hätte, wie an einer neuen Erscheinung! Ich muß aufhören; mich faßt eine üble Laune, und ich möchte Dir rathen, möchte – was will das auch! – Mich friert's, und 's läuft mir kalt durch die Adern. Ich fürchte krank zu werden über mein Elend und diese Nachricht. Guelfo! daß wir so hingestreckt sind! – Laß mich los! ich rede nichts mehr.

Guelfo. Und was brauch' ich denn alles das? Fühl' ich mich nicht, und weiß, wozu ich geschaffen bin? und weiß, wie man sich an mir versündigt hat? Grimaldi, ich würde mich selbst niederstossen, Augenblicks, wenn mir das nicht grimmig zubliese. Was denn? Mein Vater? meine Mutter? Sind sies? Laß das nur, und spar Dein wenig Othen, daß Du fortgehst ich wills schon drehen.

Grimaldi. Nu meintwegen! Wers gut treibt, der hats gut! sagte mein Vater, und schickte mich mit 100 Ducaten in die Welt. Und weit wär ich mit kommen – Guelfo, wenn Du einmal kalt bist, will ich Dirs erzählen.

Guelfo. Geh nur, ich brauchs nicht. Wenn Du mir begegnest, laß das die Losung seyn: Guelfo, du schläfst! Diese Nacht will ich viel mit Dir reden.

Grimaldi. Ein Wort noch! Nimm alles zusammen! sieh Dich an! sieh Dich an, Guelfo, ob Du sein Sohn bist? Halts zusammen, ob ihr Zwillinge seyd? Mir ist vieles dunkel noch bey der Geschichte, und ich bin so wenig aufgelegt, klar zu sehen – Der Tod hat sich längst um meine Gebeine gehängt; loßreissen werd' ich ihn dießmal nicht. Und finstres Denken, mein beleidigtes zerstoßnes Herz – Dieser Blick ist gut, Guelfo! Fahr fort! Bey alledem möcht' ich Ferdinando kein Haar krümmen. Verfahr gut, habs gut! Ich wollte, die Nacht und alle Nächte wären um.

Guelfo. Was ich worden wär! was ich worden wär! Guelfo, wie hat man schon bey deiner Geburt gearbeitet, dich zu ersticken! Und wenn ich mich anseh, anfühl, mein Muth hervor bricht – Fieberhafter Grimaldi, Du streichelst die Tropfen von der Stirn, und mißt mich mit den Augen – staunst, wunderst Dich, ziehst die Augenbraunen –

Grimaldi. Einen grossen Menschen in einem kleinen zu sehn. – Man kömmt! Guelfo! (ab)

Dritter Auftritt.

Amalia. Guelfo.

Amalia. Guelfo! mein Sohn!

Guelfo. Mutter, Dein Sohn?

Amalia. Bist Du krank, mein Guelfo?

Guelfo. Nein! nicht!

Amalia. Ich hörte, Du hättest den Doctor kommen lassen, und lief ängstlich nach Dir. Was ist Dir?

Guelfo. Nichts! Nichts!

Amalia. Wie, mein Sohn? Deiner Mutter keinen Liebesblick?

Guelfo. Ha, meine Mutter! Mutter! Mutter und meine Mutter! Ich hab der Liebesblicke keinen. Kennen Sie den Guelfo? – Oh! ich bitte, mit all' dem Kosen und Streicheln lassen Sie mich! Meine Wangen sind der milden sanften Hand der Mutter ungewohnt.

Amalia. So sollst Du diesen Kuß haben! Sollst ihn aufgedrungen haben von der Mutter Lippen, mein wilder Sohn Guelfo! Wehr dich nicht, Guelfo! und diesen, und diesen, mit all' der Liebe der Mutter!

Guelfo. Wie, Mutter? Sie irren sich. Meine Lippen sind nicht sanft, meine Stimme klingt nicht süß, ich bin nicht weise, bin der rauhe Ritter Guelfo.

Amalia. Und auch der liebe Guelfo. O mein Guelfo, sieh freundlich, sieh gut, mach unsre Freude laut und vollkommen! Warum läßt Du uns so unfreundlich? (faßt ihn an der Hand) Sieh, Guelfo, ich könnte Dir itzt viele Vorwürfe machen, daß Du uns fliehst, daß Du immer ausser Hause bist, und, wenn Du zurück kömmst, Dich einsperrst: und ich und Dein Vater weinen über Deine rauhe Gemüthsart Tag und Nacht. Aber, ich wills nicht thun, mein Guelfo! will das all dulden, wills mütterlich dulden! Du wirst Dich ändern. Nicht wahr, Guelfo? Du wirst milder?

Guelfo. Ja denn! ich werde milder! Lassen Sie mich! Noch einmal, Ihr Kosen ist meinen Wangen unbekannt.

Amalia. Du stößt meine Hand weg! Guelfo! stößt Deine Mutter weg!

Guelfo. Weine! weine! klage! taumle zu Deinem Ferdinando! He, Mutter? (faßt ihre Hand.)

Amalia. Drück' mich hart, starker Guelfo! Deine Hand ist männlich; schone der weichen Hand der Mutter nicht, wenns der Druck der Liebe ist.

Guelfo. Ja, der Druck der Liebe, und der Druck – Was nun, Guelfo?

Amalia. Da fiel eine dicke, volle Thräne herunter. Ha, Guelfo!

Guelfo. Es ist meine nicht.

Amalia. Lüge nicht, mein Guelfo! Laß sie Dein seyn! Ich sah sie auf Deinem Auge zittern. Laß sie mich wegküssen! Wenn der Mann, wie Du, weint, fühlt er tief. Nicht, mein Guelfo? Du liebst Deine Mutter, die Dich so sehr liebt, die Tag und Nacht seufzt, und betet, Du möchtest gut seyn, und Liebe erwiedern? Mein starker Guelfo, laß mich an Dir ruhen! Du hast mir viel Liebes gethan die Stunde, hast mir viel Liebes getan Dein Leben durch.

Guelfo. Mutter – was haben Sie mit mir vor?

Amalia. Lieber Guelfo, wenn meine Liebe Dich nicht schützte – o Dein Herz schlägt stark! Schlägts der Mutter?

Guelfo. Weiß ich das? wenn mich Ihre Liebe nicht schützte –? nun? –

Amalia. Dein Vater wird jeden Tag mehr aufgebracht. Täglich kommen Klagen wegen Deiner. Oft wollt' er Dich aufsuchen, Dirs vorhalten im Grimm. Ich schlung mich um ihn, hielt ihn, log – heut erst noch –

Guelfo. Mag er kommen! Guelfo kennt sich und seinen Vater. Weib, Du hättst mich nicht gebären sollen! Ich war kein Knabe für Euch, bin kein Mann für Euch! Erwürgen hättst Du mich sollen! erdrücken in der Wiege, daß ich nicht aufgewachsen wäre, der Löwe Guelfo! Ich hab' Muth, Feuer, Geist, Stärke, – und habt mich niedergeschlagen bey der Geburt! Ha! bin ich aus dem Hause der Guelfen? – Nicht, Weib? Du gebarst den Ritter Guelfo, daß er Spott sey? Deine sanften Hände wären damals stark genug gewesen, mich zu würgen. Schling sie um mich! Du kannst Guelfos Nacken nicht umspannen; und doch, wenn Du mir den Dienst thun willst, halt' ich still.

Amalia. Guelfo! mein Sohn! mein Sohn! erbarm' Dich Deiner Mutter!

Guelfo. Und wer erbarmt sich meiner, der ich gefoltert werde von bösen Geistern innig? Wer erbarmte sich meiner von je? Mir? mir? des Guelfo?

Amalia. Angst! Angst! – – Dein Vater kömmt. Berg' Dich hinter die Liebe Deiner Mutter, wenn er zürnt.

Guelfo. Still, Mutter!

Vierter Auftritt.

Alter Guelfo. Vorige. (hernach) ein Bedienter.

Amalia. (zum Vater) Guelfo, Dein Sohn ist gut und sanft. Ich versichre Dich, der Ritter war nie so lieb. Komm, lieber Guelfo, Du sollst sehen, daß man dem Ritter viel Unrecht thut. Er ist ein herrlicher Junge, unser Guelfo, ein tapferer Ritter, dem keiner steht. Sieh ihn an, Vater! Hast Du Einen in Italien gesehen, der ihm gleicht? Ein bischen wild ist mein Guelfo; aber das giebt sich: und Tapferkeit, sagt man, ist wild. Nicht, mein Guelfo?

Alter Guelfo. Das wär was! Nun denn, Ritter, wende Dich zu mir! Gib mir Deine nervigte Hand, Sohn! Denk' immer, daß Du ein Sohn des berühmten Guelfo bist, das ich Dir nicht genug sagen kann! Denk, daß wir viele Feinde haben; Deine Faust kann sie schrecken, denn Du bist fürchterlich berühmt im Streit. O mein Ferdinando! mein Guelfo! zwey starke Pfeiler meines beneideten Hauses, auf denen der Alte in Frieden ruhen kann, fest und geschützt. Meine Aerndte in Krieg und Vertheidigung ist gethan; ich habe mich hingestreckt, träume meine Jugend, und seh' Euch zu. Da stehen sie, Guelfo ein Felsen im Meer, und Ferdinando, der mehr durch Klugheit gewinnt, weil er stiller ist, reifer überlegt, und seinen Vortheil absieht.

Amalia. Und Guelfo?

Alter Guelfo. Wenn Du edel bist, Guelfo, Deine Wildheit zum Guten lenkst, Deine Tapferkeit von Ferdinandos Klugheit leiten läßt, soll unser Haus bald ein Herzogthum blühen. He, Guelfo?

Guelfo. He, Guelfo! He, Herzog Ferdinando! He, Guelfo!

Alter Guelfo. He, Ritter Guelfo!

Amalia. He! Freude! Und mein starker Sohn Guelfo noch General! Das muß er werden. Hat er sich nicht rechtschaffen gehalten, daß ihn alle neiden? Trägt er nicht eine grosse Wunde unter dem Orden, die ihn mehr ziert, als der Orden? Noch einmal, ein herrlicher Junge, mein Guelfo, wenn er seine Mutter liebt, und still ist!

Alter Guelfo. Amalia, ist das des Kind's Blick? Es kocht was in ihm! Sieh den Drachenblick! Guelfo!

Amalia. Geh doch! laß doch! Wer weiß, was dem Guelfo ist! Er ist krank.

Alter Guelfo. Nein doch! Ich muß sehen, wie sich Leidenschaften bey meinen Kindern zeichnen. Was beißt er die Zähne? was zieht er die Faust zusammen? was wölkt sich die Stirne? So steht man vorm Feinde. Mann, Dein Gesicht gefällt mir nicht.

Guelfo. Dann gebt mir eine Larve!

Alter Guelfo. Ha! Das ist die schändlichste Larve, die Du itzt trägst.

Amalia. Er ist krank, sag ich, es schmerzt ihn was. Geh doch, Guelfo! Reit dem Sohn und der Braut entgegen! Geh doch! ich will ihn sanft machen, er ist gar willig, wenn ich allein um ihn bin.

Alter Guelfo. Nein doch! Guelfo! sieh Deines Vaters Angesicht – Blickt' ich Dich so an, Du solltest mich hassen. Was soll ich thun?

Guelfo. Den Guelfo hassen, wie Du thust.

Alter Guelfo. War das Guelfos zweyter Sohn?

Guelfo. Guelfos Narr!

Amalia. Guelfo, geh doch! Laß es hiermit! Guelfo wird gut; Du weißt, daß das seine Krankheit ist.

Alter Guelfo. Fluch Dir, Guelfo! wenn Du so siehst.

Guelfo. Fluch mir! wenn ich anders seh.

Amalia. Segen Guelfo, wenn er noch wilder sieht. Hinaus, Alter! Will keiner gehen? Beyde heiß, wie Feuer! Vater! Sohn! He da! ich schwaches Weib will Euch Wütende abhalten. Wart! ich will meine Schnürchen abreissen, und Euch anheften, weit von einander. Ich bin ein schwaches Weib, will mich an Dich hängen, Alter! Keiner soll des andern Stirne sehen. He Guelfo! (wirft ihm ein Tuch aufs Gesicht) ich will Dein wildes Gesicht decken, das ihn erzürnt. Blickst mir doch gut zu, mein Sohn!

Guelfo. Laßt es! Seyd getrost, Mutter! Ihr sollt des Guelfos los werden, den Ihr zu Grunde gerichtet, den Ihr bey der Geburt zu Grunde gerichtet habt!

Alter Guelfo. Ein böser Geist redet aus Dir! Du hast den Würgteufel, der Vater und Mutter nicht schont. Die Sorge für Dich riß mich von den Feinden, als ich den erfochtenen Sieg nutzen wollte. Du bist mein Sohn nicht.

Guelfo. Sagt das noch einmal, ich bin Euer Sohn nicht.

Alter Guelfo. So nicht.

Guelfo. Los von Vater! – Mutter, bin ich Dein Sohn?

Amalia. Mein Sohn? Still! still! Ihr endet mit mir!

Guelfo. Ha dann! von Euch beyden los! entsagt! Hast Du noch etwas, berühmter Guelfo? – Ich habs gehört, und das zittert mir in der Seele – ich bin Guelfos Sohn nicht! Gott, du hasts gehört! Ich bin Guelfos Sohn nicht. Ich habs gehört, wie Guelfos Fluch den Bastard Guelfo traf. (kniet) Hier knie' ich und schwör Dir ab – schwör Dir ab, ich bin Dein Sohn nicht, grauer Guelfo! bin Dein Sohn nicht, sanftes Weib! Nun dann! ich ziehe mein Schwerdt, und beginne den Schwur – Ich armer Ritter Guelfo – laßt Eure Thräne nicht um mich in Staub fallen! mischt sie mit Ferdinandos Freudenthränen! – Ich armer Ritter und Bastard –

Alter Guelfo (indem sie ihm beyde um den Hals fallen) Du bist mein Sohn! mein lieber Sohn.

Amalia. Du sollst mein Sohn seyn, und wenn Du mir das Herz noch mehr bluten machtest! und wenn Du mir den bittern Todeskelch reichtest! Du bist mein Sohn! mein Guelfo! den ich unter meinem Herzen trug, ihm freudig entgegen weinte, eh' ich ihn sah! bist mein Guelfo!

Alter Guelfo. Tausend väterlichen Segen für den zu raschen Fluch, mein Sohn! Sey Deines Hauses Zierde!

Guelfo. Ihr spielt mit mir – mißbraucht mich! Wohl dann! ich will's seyn – kann ichs seyn.

Amalia. Laß Du die Thränen fallen vom Aug', alter Guelfo! Sie zieren Dich. Und laß sie uns mischen mit Freudenthränen! O Guelfo, sey der Mutter Lust! Sagt' ich Dir nicht, der Ritter ist gut; Du kennst ihn nicht, wie ihn die Mutter kennt. Sieh gut, Sohn!

(Während daß Amalia spricht, bringt ein Diener dem alten Guelfo einen Brief, er liest)

Alter Guelfo. Erschrecklich! Ich hab' Dir meinen Segen geben, ich hab' Dir meine Thränen geben – und da – und da – lies! lies! – Was zitterst Du, Weib? Hinaus! ich will Dich hinaus stossen – und da –

Amalia. Und da ist mein Sohn, der soll mich schützen für Guelfos Grimm.

Alter Guelfo. Und er hat den Mann gepeitscht, daß er auf den Tod liegt – den Mann, der seinen vielen Kindern Brodt gab. Er hat sie hingebracht, Hungers zu sterben! zu laufen in die Wildniß! Ich gab ihm meinen Segen, weinte ihm meine Thränen. Ha! ich will meine Augen ausreissen, weinen sie noch einmal über Guelfos zweyten Sohn! Hast Du gelesen?

Guelfo. Ich thats; ja doch, ich thats. Ich schüttle mich, und Guelfo nehm seinen Segen und trag' ihn über Ferdinando! Verdient das Fluch? Ich peitschte meinen Pachter, weil er mir das Reh stahl – das schönste Reh im Forst; peitschte ihn, weil er meinen Hund stach, daß er starb. Wer will Rechenschaft?

Amalia. That er das?

Guelfo. Ob ers that? Lügt Ritter Guelfo? – Wart einen Augenblick, alter Guelfo! (sucht im Schreibtisch) Hier ist die Abtretung des Guts; und so zerreiß ich sie. Nimms nun, gibs dem Erstgebornen! Hier hast Du Deinen Segen; gewirkt hat er noch nichts. Nimms, nimm alles! Hier steh' ich ohne alle Ansprüche. Nimm, daß ich kahl werde! He da! Ritter Guelfo! leg deinen Degen an, und zieh gegen die Türken! Was fehlt Dir noch? Du bist reich mit deinem Herz und Arm.

Alter Guelfo. Nein! nein! Du sollst das Gut behalten, und mehr dazu. Ich will dem Pachter Entschädigung geben; es wird so arg nicht seyn.

Guelfo. Ich will nichts, ich bin reich.

Amalia. Nimms doch, Guelfo! Ich will Dir einen prächtigen Schmuck geben, für Deine künftige Braut.

Guelfo. Ha, ha, ha! – Guelfo, geben Sie mir den Zug Apfelschimmel zum Erbtheil; und ich gehe, der verfluchte, verlorne Sohn! Geben Sie mir den Zug Apfelschimmel; ich will mich reich halten, will mich mit diesem Muth durch die Welt schlagen.

Amalia. Gib ihm die Schimmel, gib ihm die Pferde all.

Alter Guelfo. Guelfo, die Schimmel hat Dein Bruder schon.

Guelfo. Mag er sie behalten!

Alter Guelfo. Er kömmt in einer halben Stunde mit seiner Braut; er giebt sie Dir. Guelfo, freu' Dich mit uns!

Amalia. Du sollst sie haben. Komm uns nach! (ab)

Fünfter Auftritt.

Guelfo, (allein.) Niederschiessen will ich sie und ihn! Ich will sie nicht, ich mag sie nicht! Träumt ichs doch, wußt ichs doch! Es sind vortrefliche Pferde, und stampfen (stampft) den Boden, blasen, werfen die Mähne, haben einen Blitz im Aug – Heyda! Ritter Guelfo! kauf dir einen Esel, und reit zum Türken! Er hat sie, hat Segen, Liebe, Herzogthum – und Kamilla! Ha! ich werd rasend! O ich küßte die Fingerspitzen der Kamilla, und war Wonnetrunken; legte meine Rauhigkeit nieder, wie der Tieger, der Orpheus Sang hörte. Sie sang – Kamilla! Hu, Caßius! (In ein Nebenkabinet ab)

Ende des ersten Aufzuges.

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