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Die zweite Frau

Eugenie Marlitt: Die zweite Frau - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorE. Marlitt
titleDie zweite Frau
year1891
publisherKeil
noteEs wurde das Exemplar der Univ.-Bibl. Regensburg verwendet.
firstpub1874
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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18.

In der Schönwerther Schloßküche, dem Stelldichein der Domestiken, machte das Gerücht, daß die Frau Baronin während der Abwesenheit des jungen Herrn »auf Besuch« nach Rudisdorf gehen werde, durchaus keinen sensationellen Eindruck. Die Lakaien versicherten, sie hätten diesen »Besuch« schon im ersten Augenblick prophezeit, wo der gnädige Herr beim Aussteigen wirklich nicht gewußt habe, ob er die Braut anrühren solle oder nicht – zuletzt habe sie doch allein aus dem Wagen steigen müssen –; die Kammerjungfer, die gerade den Bügelstahl aus dem Küchenfeuer nahm, sagte gelassen, sie sei froh darüber, es gehe ihr wider die Natur, eine Dame zu bedienen, die ihr Mann nicht estimiere, und die immer nur »Musselinfähnchen« trage, und das Küchenmädchen mit den brandroten Flechten seufzte schwermütig beim Tellerabtrocknen und meinte, der gnädige Herr sei nun einmal ein geschworener Feind der »Blondinen«, alle Damen, die droben in seinem Zimmer hingen – hätten braune oder schwarze Locken – die erste Frau auch – er müsse die zweite geradezu »unbesehen« genommen haben ... In der höheren Region des Schlosses aber herrschte förmlicher Sonnenschein – das Parkett hatte Ruhe vor dem Krückstock des alten Herrn; Leo bekam einen Marstall voll prächtig aufgezäumter Pferde, der Kammerdiener einen Frack, der noch gar nicht sehr abgenutzt war – dabei kamen auch die sehr geläufigen Titel »Dummkopf« und »Tölpel« in Wegfall; er avancierte, für einige Tage wenigstens, zum »lieben Freund« und »guten, alten Kerl« – und das alles, weil »die Gnädigste in der That das Genick gebrochen hatte«.

Mit seinem Neffen hatte der Hofmarschall noch nicht darüber gesprochen – es war auch gar nicht nötig. Mainau hatte die protestantische, vermögenslose Frau in das Haus gebracht, ohne die Einwürfe, die inständigen Bitten und Vorstellungen des Onkels auch nur im mindesten zu berücksichtigen; nun kamen die prophezeiten Folgen des unüberlegten, abenteuerlichen Schrittes, und das war Buße und Demütigung genug, wenn er auch infolge seines sprichwörtlichen Glückes kaum mit einem blauen Auge aus der Affaire hervorging ... Es verlief alles so hübsch glatt und anständig. Die junge Frau präsidierte nach wie vor als Hausfrau; sie bereitete abends den Thee und unterrichtete Leo, ganz als sei nichts vorgefallen – nur vermied sie fast angstvoll, mit dem Hofmarschall allein zu sein; er bemerkte das und lachte ihr diabolisch ins Gesicht, als sie einmal, beim Ueberreichen der Theetasse seine Hand berührend, wie von einer Viper gestochen, zurückfuhr – ja freilich, er war aber auch ein schlimmer Prophet gewesen, er hatte ihr ja mit wenigen schneidenden Worten den Moment markiert, wo sie »unmöglich geworden«.

Die Abreise des jungen Herrn war allerdings vorläufig verschoben worden und zwar, weil er drüben auf seinem Gute Wolkershausen gewesen und bei einem zufälligen Einblicke in die Verwaltungsbücher eine beispiellose Unordnung vorgefunden hatte. Solche Dinge dürfe man doch nicht im Rücken lassen, wenn man eine so weite Reise antrete, wie er beabsichtige, hatte er zum Hofmarschall gesagt, der vor Erstaunen über diesen plötzlichen energischen Eingriff in das abwärts rollende Rad der Liederlichkeit und Verwahrlosung fast vom Stuhle gefallen wäre ... Die neuen Koffer von Juchtenleder hatten einstweilen in eine luftige Bodenkammer gestellt werden müssen, weil sie noch gar so betäubend stark rochen, und das glänzende Abschiedsdiner, das Mainau den Mitgliedern des Klubs im ersten Hotel der Residenz geben wollte, war vorläufig vertagt worden ... Im übrigen geschah alles, um dem Gerede in der Residenz die Spitze abzubrechen – die Herzogin bot selbst in ihrer unerschöpflichen Huld die Hand dazu; sie wußte ja am besten, wie die Sachen standen, und konnte deshalb ungefährdet den Wunsch aussprechen, die junge Frau noch vor ihrer »Besuchsreise in die alte Heimat« bei Hofe vorgestellt zu sehen. Liane hatte sich nicht geweigert – es sollte ja das erste und letzte Mal sein –, und so war »die hochblonde Trachenbergerin im unvermeidlichen blauseidenen Kleide«, wie die Hofdame sarkastisch bemerkte, auf eine halbe Stunde bei Hofe erschienen, um wenigstens »eine glänzende Erinnerung in die Rudisdorfer Einsamkeit mitzunehmen«.

Das Kistchen mit dem Schmucketui und den getrockneten Pflanzen war nun nicht abeschickt worden – Liane kam ja selbst; auch war sie nicht mehr im Besitze des Bildes, dessen Erlös das Badegeld für die Gräfin Trachenberg vervollständigen sollte. Mainau hatte es ebenfalls konfisziert, »weil man allerdings nicht wünschen könne, daß unliebsame Momente des Hauses Mainau auf diese Weise abermals in die Oeffentlichkeit drängen« ... Sehr viel abwesend und mit den Reformen auf seinen Gütern dringend beschäftigt, machte er es aber doch fast immer möglich, abends beim Thee zu erscheinen, und da schlug er genau den Ton von früher an. Er unterhielt sich mit dem Onkel und dem Hofprediger und bemerkte es nicht, daß der letztere Schönwerth fast gar nicht mehr verließ – die Herzogin hatte ihn für einige Wochen halb und halb beurlaubt, um seine angegriffenen Nerven in der Schönwerther Landluft zu stärken –; nur als er eines Abends den Vorschlag machte, die Religionsstunden aus dem Salon des Hofmarschalls lieber hinunter in die Kinderstube zu verlegen, da er bemerkte, daß das monotone Hersagen des Kindes den alten Herrn nervös mache, da zuckte es einen Augenblick sehr bedenklich über Mainaus Gesicht, und mit einer Stimme, die so gepreßt klang, als werde ihm die Kehle zugeschnürt, gab er dem besorgten Geistlichen zu bedenken, daß man seiner protestantischen Gemahlin eine solche Zumutung nicht wohl machen dürfe.

Nun war seine mehrtägige unausgesetzte Abwesenheit in Wolkershausen dringend nötig geworden. Er ritt eines Nachmittags fort; oben am Fenster erschien der Hofprediger neben dem Onkel; beide sahen zu, wie er das Pferd bestieg, während die junge Frau, die eben mit Leo in den Garten gehen wollte, herantrat, um das Kind vom Papa Abschied nehmen zu lassen. Er reichte Leo die Hand vom Pferde herab – seiner Frau nicht. Sein Gesicht, auf welchem die vier Augen droben angelegentlich ruhten, blieb vollkommen unbewegt; den Hals des Pferdes klopfend, bog er sich nieder, und jetzt sah Liane in ein Paar finsterdrohende Augen. »Ich hoffe, dich gut protestantisch wiederzufinden, Juliane,« sagte er mit gedämpfter Stimme. Sie wandte sich erzürnt ab, und er sprengte mit einem flüchtigen Gruße nach oben aus dem Schloßhofe.

Jeden Morgen kam ein reitender Bote aus Wolkershausen mit einem Zettel von Mainaus Hand, der hauptsächlich Nachrichten über Leos Ergehen verlangte. Der Hofmarschall lachte hell auf über diese neue Marotte des launenhaften Sonderlings, der früher nach Weib und Kind oft monatelang nicht gefragt habe, und sich nun mit einemmal auf die Tolle der zärtlich besorgten Affenliebe kapriziere. Er schrieb die Antwort stets eigenhändig unter die Nachfrage, die an niemand speziell gerichtet war. Eines Morgens aber erschien der Bote, nach Abgabe des offiziellen Zettels in der Bel–Etage, drunten bei der jungen Frau und brachte ihr einen versiegelten Brief. Beim Oeffnen fielen ihr eine Menge beschriebener Blätter entgegen – auf einer beiliegenden Visitenkarte bezeichnete Mainau dieselben als den Anfang eines Manuskripts, an welchem er nach den Anfechtungen und Sorgen des Tages in späten Nachtstunden zu seiner Erholung schreibe; er unterbreite diesen Anfang ihrem Urteile.

Mit einem wunderlichen Gemische von froher Ueberraschung und beklommener Scheu hielt sie die Blätter einen Augenblick unentschlossen in der Hand – diese neue, durch sie selbst heraufbeschworene Beziehung zu dem Manne, den sie binnen kurzem auf immer verlassen wollte, machte sie stutzig, wie man plötzlich den Fuß zurückzieht auf unbewußt betretenem fremden Gebiete –, dann aber antwortete sie ihm in flüchtigen Zügen, sie bringe jetzt die Nachmittagsstunden mit Leo stets im Forsthause zu – dort, in der Stille des Waldes, wolle sie das Manuskript lesen.

Sie hatte ihm ja selbst gesagt, daß sie ein bedeutendes schriftstellerisches Talent in ihm vermute – und doch, als sie sich in diese an »Juliane« gerichteten Reisebriefe aus Norwegen vertiefte, da stockte ihr der Atem vor Ueberraschung. Diese kräftigen Schriftzüge waren, wie es schien, nicht einmal ins Stocken geraten. Unaufhaltsam, wie vom Gewittersturm getragen, flogen und stürzten diese in langer Haft gehaltenen glänzenden Bilder und Schilderungen vor ihr vorüber. Die junge Frau dachte nicht mehr daran, wer sie geschrieben – der kapriziöse Salonheld mit dem rücksichtslosen Spottpfeile auf den Lippen und der gemachten Blasiertheit in jeder Bewegung war abgefallen von dem einsamen Manne, der von hoher, sturmgepeitschter Klippe sinnend auf das winzige und doch so hochmütige Treiben der Menschheit herabsah. Der ganze Plunder der höfischen Umgangsformen war abgestreift von dem Jäger, der mit fieberhaft siedendem Blute den Bären verfolgte und weite Schneewüsten verirrt durchkreuzte, um dann wochenlang in den tief in die Einöde versprengten Gehöften zu rasten, hingerissen durch die seiner innersten Natur verwandte altgermanische Kraft, ja Wildheit der Bewohner, durch ihre reinen Sitten, durch die Züchtigkeit der Frauen. Ganz besonders diesen Charakterschilderungen gegenüber gedachte Liane stillbeschämt ihres harten Vorwurfs, daß er überall nur das Auffallende und Blendende wegnasche.

Vor dem Forsthause, das Liane erst jetzt gleichsam entdeckt, hatte sie gestern die Blätter gelesen, und heute lagen sie wieder vor ihr ... Das Forsthaus war keines jener modernen, kokett geschmückten Häuser im Schweizerstile, wie man sie gern an den Waldessaum verlegt. Es war ein uraltes Gebäude mit schiefen Wänden und verschobenen Fenstern, hinter welchen die weißen Filetgardinen der Frau Försterin, wie verlegen über ihr unpassendes Placement, nur in schmalen Streifen erschienen. Weder Ziegel noch Schiefer hatten je den alten Veteranen geschützt – ein festes, gutgehaltenes Strohdach stieg in jäher Steilheit empor und trug eine so gewaltige Esse auf seinem Firste, als erde tagtäglich für ein ganzes Regiment Soldaten drunten in der Küche geschmort und gebacken. Ein von niedrigen Staketen eingefaßter, breiter Mittelweg durchschnitt den kleinen Vorgarten und führte zu der tiefgelegenen Hausthür, die, meist gastlich offen, die sandbestreuten Dielen des Flurs sehen ließ. An einer der Staketecken stand eine Holzbank, die ein hochwipfeliger Birnbaum vom Gärtchen aus beschattete – eine ganze Rankenwucht von wildem Hopfen fiel über das Geländer und strebte am Stamme des Obstbaumes empor. Hier saß die junge Frau vor einem Tische, den die Försterin mit einer bunten Kaffeeserviette geschmückt hatte. Freilich, von einem Ausblicke in die Ferne war nicht die Rede. Wie vergraben lag das alte Haus inmitten des Hochwaldes, und wohl nur vom erblindeten Giebelfensterchen droben, oder aus dem Taubenschlage dicht unter dem Firste konnte man ferne Höhenzüge, oder vielleicht auch die bunten Mosaikdächer von Schloß Schönwerth sehen. Im kleinen Garten blühten allerdings Verbenen und Dahlien, und neben der Hausthür stand sogar ein schöner Oleander im Kübel – aber kaum zehn Schritt davon entfernt lugten schon wieder unverdrängt die blauen Glockenblumen, das feuchte Grün des Maiblumenschlages und im tiefen Dunkel die bleichen Köpfe zahllos hingestreuter Pilze aus dem Walddickicht ... Hier überkam die junge Frau stets das Gefühl eines momentanen Verschollenseins, und das that ihr wohl. Sie wurde in keiner Weise belästigt. Die Försterin hielt sich in ehrerbietiger Entfernung und ging ihren häuslichen Geschäften nach; ihr Mann war meist fern mit seinen Gehilfen und Hunden, und so webte um das alte Haus mit dem Strohdache Schweigen, zauberhaftes Schweigen, das nur durch das Rucksen der ab– und zufliegenden Tauben und dann und wann durch ein leises Gebrumme vom Kuhstalle her unterbrochen wurde.

Die junge Frau im hellen Sommerkleide konnte recht wohl für des Försters Töchterlein gelten, so hold, anmutig und jungfräulich saß sie unter dem Baume; den neben ihr liegenden runden Strohhut wenig respektierend, hatte sich des Försters große, buntgetigerte Hauskatze breit und bequem über die andere Hälfte der Bank hingestreckt; auf dem Tische blinkte die Kaffeemaschine von Messing neben einem runden Laibe Schwarzbrot und dem dazugehörigen Butterteller, und in einem lackierten Blechkörbchen lagen gelbe, eben erst vom Baume geschüttelte Birnen.

Dieses appetitliche Arrangement war augenblicklich ein wenig beiseite geschoben – Leo hatte eine späte Erdbeerblüte gebracht und war emsig dabei, sie unter Aufsicht und Beihilfe der Mama für sein Herbarium herzurichten. Sein brauner Lockenkopf schmiegte sich nahe an die hellglänzenden Flechten der Mutter – auf beider Wangen lag die rosige Glut der Jugend, des erhöhten freudigen Pulsschlages im kräftigen Waldodem, im wohligen ungezwungenen Sichgehenlassen.

»Der Papa!« schrie Leo plötzlich auf und flog mit ausgebreiteten Armen nach dem Wege, der sich schräg gegenüber schmal und dunkel aufthat. Da trat Mainau wirklich im schlichten braunen Sommerrocke, den Stock in der Hand, mit raschen Schritten heraus. Liane erhob sich und ging ihm entgegen, während er den Knaben hoch in die Lüfte hob und ihn dann mit einem Kusse auf den Boden stellte.

»Aus dem tiefen Walde, Mainau? ... Und zu Fuße?« fragte sie überrascht.

»Mein Gott, ich war des Rumpelns auf der Heerstraße müde – ich bin zu Wagen gekommen und habe ihn beim Chausseehause verlassen –«

»Von dort bis hierher mag es eine tüchtige Wegstunde sein.«

Er zuckte lächelnd die Achseln. »Was thut man nicht, wenn man – seinen Knaben so lange nicht gesehen hat! ... Aus deinen Zeilen wußte ich, daß ich um diese Zeit Schönwerth doch leer finden würde.« – Er schritt auf den Tisch zu. »Sieh da, wie lecker und gemütlich das aussieht!« sagte er und ließ sich auf der Bank nieder. Die Katze wurde rücksichtsvoll nur ein wenig nach dem Rande zu geschoben, denn sie hatte hier Heimatrechte.

Liane verschwand für einen Augenblick im Forsthause und kehrte mit heißem Wasser zurück. Im Nu brannte die Flamme unter der kleinen Maschine, und gleich darauf mischte sich das köstliche Kaffeearoma mit der Waldluft ... Den mächtigen Brotlaib an sich gedrückt, schnitt und strich die junge Frau Butterbrote, so flink und mit solcher Lust, als gehöre das, wie in der That bei Försters Töchterlein, zu ihrem Tagewerke.

»Nein, mein Junge, der Platz gehört der Mama,« sagte Mainau – er schob Leo, der auf die Bank klettern wollte, fast heftig beiseite und lud die junge Frau, die eben die Tasse gefüllt hatte, mit einer Handbewegung ein, sich neben ihn zu setzen.

Sie zögerte – er hätte doch recht gut die Katze fortjagen können, denn der Raum, der auf der anderen Seite blieb, war doch gar zu schmal; aber er that es nicht. In demselben Augenblicke machte die Försterin, die einen Rohrstuhl brachte, ihrer Verlegenheit ein Ende – sie hob Leo auf die Bank und setzte sich unter einem erleichterten Aufatmen auf den Stuhl ... Mainau warf seinen Hut auf den Rasen und fuhr mit beiden Händen durch sein schönes, braunes Lockenhaar – das finstere Lächeln, mit welchem er die diensteifrige Försterin begrüßte, sah nichts weniger als dankbar aus.

»Jetzt hab' ich mit meinen eigenen Augen gesehen, was das für eine unglückliche Ehe ist,« sagte sie drin zu ihrer alten Magd. »Guck doch 'nüber! Sie sitzen ja nicht einmal nebeneinander – und ein Gesicht macht er, als hätte ihm die liebe, sanfte Frau mit ihren bildschönen Händen Essig statt Kaffee eingeschenkt ... Für den ist solch ein Zank– und Sprühteufelchen, wie die erste Gnädige war, am allerbesten – ja, werde nur einer aus den Männern klug!«

Der Schatten auf Mainaus Stirn war schon wieder verflogen. Er lehnte sich zurück an die Banklehne, so daß die Hopfenranken kühlend seine Stirn streiften – seine Augen glitten langsam über die flüsternden Baumwipfel, die seitwärts hervorkommende Hausecke und den ländlich besetzten Kaffeetisch.

»Wir spielen ein wenig Landprediger von Wakefield, wie mir scheint,« sagte er lächelnd. »Bis jetzt habe ich wirklich nicht gewußt, daß wir hier ein so köstliches Stückchen Waldpoesie besitzen. Der Förster möchte gern das Strohdach los sein; er petitioniert eifrig – aber nun bleibt es.« – Er führte mit sichtlichem Behagen die Tasse an die Lippen. »Solch ein ›Tischlein deck' dich‹ mitten im Walde zu finden, wenn man erst auf der staubigen, heißen Chaussee gefahren und dann eine tüchtige Stunde marschiert ist –«

»Ich weiß, wie das thut,« unterbrach ihn die junge Frau lebhaft. »Wenn ich mit Magnus vom Pflanzensuchen zurückkam, müde, hungrig, mit brennenden Füßen, und bei der Fontäne in die lange Allee einbog, die du kennst, da sah ich schon von weitem den weißgedeckten Tisch hinter der Glaswand des Gartensalons stehen – die lieben, alten häßlichen Lehnstühle, die du auch kennst, umkreisten ihn, und in demselben Momente, wo uns Ulrike bemerkte, schlug die kleine blaue Flamme unter dem Theekessel auf. Solch ein Heimkommen ist wonnig – besonders, wenn man mit einem heranziehenden Gewitter um die Wette gelaufen ist, wenn man schon die ersten fallenden Tropfen im Gesicht gespürt hat und nun unter dem heimischen Dache, im süßen Ausruhen, draußen den Sturm pfeifen und die Regenschauer niederprasseln hört.«

»Und nach solch einem Heimkommen sehnst du dich fast krank, seit du in Schönwerth bist?«

Sie drückte mit aufstrahlenden Augen die festverschlungenen Hände unwillkürlich auf die Brust – man sah das zustimmende »Ja« auf ihren Lippen schweben, aber sie sprach es nicht aus.

»Mama sagt immer, die letzten Trachenberger seien im Aussterben und im – Aus arten begriffen,« versetzte sie, mit einem reizenden Lächeln der direkten Antwort ausweichend. »Der Hang, in stiller, friedensvoller Häuslichkeit zu leben, den engen Kreis seiner Lieben, soviel man vermag, zu beglücken und darin selbst das eigene Glück zu finden – er mag schon ›hausbacken‹ sein, wie Mama ihm schuld gibt – im Rudisdorfer Schlosse, wie es noch vor zehn Jahren gewesen ist, hätte er allerdings nicht mit der kleinsten Wurzel haften dürfen – aber er, er allein hat uns drei Geschwister stark gemacht in dem furchtbaren Umschwung der Verhältnisse, an welchem die Mama fast gestorben ist ... Uebrigens sind wir keine Hausunken, die sich in den engsten Gesichtskreis einspinnen und Egoisten werden, indem sie aus dem großen Verbande der gesamten Menschheit scheiden. Wir haben im Gegenteile unruhige Köpfe, die gern mitarbeiten und vorwärts wollen ... Du wirst lachen, wenn ich dir sage, daß wir uns den Zucker beim Kaffee, die Butter auf dem Brote versagt haben, um gute Werke und Instrumente zu wissenschaftlichen Zwecken kaufen und verschiedene Zeitungen halten zu können ... Solch ein Zusammenleben und Wirken ist unsagbar beglückend, und jetzt, da ich deine Schilderungen aus Norwegen gelesen habe, begreife ich nicht – ach, sie sind köstlich, herzerschütternd!« – unterbrach sie sich selbst und legte die Hand auf das kleine Heft, das auf der Tischecke lag. – »Wenn du dich entschließen könntest, sie zu veröffentlichen –«

»St! – kein Wort weiter, Juliane!« rief er – eine tiefe Blässe folgte der Glut, die bei den ersten begeisterten Worten der jungen Frau in seine Wangen gestiegen war. – »Beschwöre die häßlichen Geister nicht wieder herauf, die entschlafen sind, die du selbst mit zweischneidiger Waffe angegriffen hast!« – Er drückte die geballte Hand auf die Brusttasche. »Dein Brief war mit mir in Wolkershausen – er ist gut geschrieben, Juliane, so wirksam geschrieben, daß er als Bannfluch gegen die männliche Eitelkeit eigentlich vervielfältigt werden müßte ... Du hast einen klaren Philosophenkopf – ich gebe dir in vielem recht, wenn ich auch zum Beispiel nicht glaube, daß man erst verarmen müsse, um einzusehen, daß ein inniges Zusammenleben allerdings das süßeste Glück in sich schließt.«

Er nahm mit zerstreutem Blicke sein Manuskript auf und blätterte darin – einzelne kleine Blätter fielen heraus, nach denen er überrascht griff.

»Ja, denke nur,« lachte die junge Frau leise auf, »die lebendigen Schilderungen wirkten dergestalt elektrisierend auf mich, daß ich unwillkürlich nach dem Stifte griff und zu illustrieren anfing.«

»Du hast eine glückliche Hand, Juliane – das ist köstlich gemacht! ... Merkwürdig, dein Stift schmiegt sich den Schilderungen an, als habest  d u  sie gedacht, nicht ich g deine Kritik spürt jeder meiner Regungen nach bis auf das kleinste Wurzelfäserchen, dem sie entsprossen, und doch – mein Gott, was grüble ich! – Das ist ja eben die tödlichste, leidenschaftsloseste Objektivität, die dich zu meinem Meister macht.« – Er sprach herb, mit einem schneidend scharfen Klange in der Stimme. – »Wie wär's, Juliane, wenn wir uns associierten? Das heißt, ich schreibe und du illustrierst?« sagte er gleich darauf in leichtem Tone.

»Gern – schicke mir Reiseberichte, soviel du willst –«

»Der geschiedenen Frau?«

Sie schrak unwillkürlich zurück. Wohl hätte sie ihm sagen können: »Unser Verkehr in Schönwerth ist ein abnormer; wir sollen Freud und Leid miteinander teilen und gehen nebeneinander mit völlig getrenntem Geschicke – du solltest mein Beschützer sein und läßt mich mißhandeln und stündlich mein ganzes Fühlen verwunden, ohne daß es dir auch nur einfällt, einen Finger drum zu rühren – das Verhältnis ist unmoralisch, und ich schüttle es ab; dagegen stelle ich mich über manches, das die Welt unpassend nennt.« – Von allem, was sie dachte, sagte sie ihm nur dies letztere: »Ich glaube, der Schriftsteller und die Zeichnerin, die seine Werke illustriert, können getrost schriftlich miteinander verkehren,« setzte sie hinzu. »Wer kann etwas darin finden, wenn wir nicht Todfeindschaft auseinandergehen, sondern eine Art von freundschaftlicher Beziehung zwischen uns festhalten –«

»Wie kannst du wagen, mir das zu bieten – ich will deine Freundschaft nicht,« fuhr er wild empor und sprang auf. »Wohl – ich bin von meiner selbstbewußten Höhe tief, tief herabgestürzt, aber ich gehöre zu denen, die lieber hungern als betteln.«

Vielleicht hatte die Försterin diesen Ausbruch durch das halboffene Fenster erlauscht und wähnte einen ehelichen Zwist im Anzuge. Mit halbunterdrückter Stimme rief und lockte sie Leo zu sich, um ihm ein Füllen im Hofe zu zeigen – das Kind that ihr leid.

Mainau war das Staket entlang geschritten und starrte einige Sekunden lang in die gelben Ringelblumen, die ein Kohlbeet bekränzten – dann kam er langsam an den Tisch zurück, wo die junge Frau mit bebenden Händen die auf den Rasen hingeschleuderten Papierblätter sammelte.

»In Schönwerth ist während meiner Abwesenheit alles beim alten geblieben?« fragte er gezwungen ruhig und trommelte leise mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Ich habe dir gar nichts Außergewöhnliches zu berichten – höchstens, daß Gabriel über seine nahe Abreise in Thränen schwimmt – Frau Löhn scheint tief bekümmert und erregt zu sein.«

»Frau Löhn? Was geht das die Löhn an? Und wie kommst du auf den sonderbaren Gedanken, daß diese Frau irgend etwas in der Welt errege? – Mit was für Augen, mit was für einer aufgeregten Phantasie siehst du die Dinge in Schönwerth an! ... Die Löhn, dieses harte Mannweib, dieser grobzugehauene Holzklotz ohne Nerven – sie dankt sicher Gott, wenn sie den Jungen endlich los wird –«

»Das glaube ich entschieden nicht.«

»Ah – du hältst sie also für eine empfindsame Seele, wie du auch in dem schlaffen, energielosen Burschen das kühne Genie eines Michelangelo oder dergleichen entdeckt haben willst?«

Dieses kalte Verhöhnen, die Absicht, sie zu reizen und ihr weh zu thun, erbitterte sie; aber sie wollte keinen Streit mehr mit ihm.

»Ich erinnere mich nicht, Gabriel mit einem berühmten Meister verglichen zu haben,« erwiderte sie, ihn mit einem ernsten Blick messend. »Ich habe nur gesagt, daß ein bedeutendes Malertalent in ihm erstickt wird – und das wiederhole ich in diesem Augenblicke ausdrücklich.«

»Bah – wer erstickt es denn? – Ist es so durchschlagend, wie du meinst, dann hat es gerade im Kloster den besten Boden – die Maler haben manchen hochberühmten Mönch in ihren Reihen ... Uebrigens, weshalb um des Kaisers Bart streiten! Weder ich, noch der Onkel haben den Knaben für den geistlichen Beruf bestimmt; wir führen nur den letzten Willen eines Verstorbenen durch.«

»Hast du diesen letzten Willen wirklich gelesen und gewissenhaft – geprüft?«

Er fuhr herum – seine aufglühenden Augen bohrten sich in die ihren. »Juliane, nimm dich in acht!« drohte er mit gedämpfter Stimme und hob den Zeigefinger. »Mir schient, du möchtest dem Hause, dem du den Rücken wendest, noch einen Makel anhängen – du möchtest gerne sagen können: ›Ich gebe zu, daß durch die Sequestration ein entstellender Flecken auf das Geschlecht der Trachenberger gefallen ist – aber dort im Schönwerther Schlosse geht auch nicht alles mit rechten Dingen zu, mit dem großen Reichtum hat es seine ganz besondere Bewandtnis.‹ Auf diese Verdächtigung hin antworte ich dir: ›Der Onkel ist geizig; er ist vom Hochmutsteufel besessen, wie kaum ein anderer; er hat seine kleinen Bosheiten, gegen die man sich auflehnen muß – aber mit seinem besonnenen Kopf, seiner kühlen Natur, an die nie die Verirrungen schlimmer Leidenschaften herantreten durften, hat er zeitlebens an den Hauptgrundsätzen des echten Edelmannes unerschütterlich festgehalten – darin vertraue ich ihm blind, unbedingt, und fasse es als eine tödliche Verletzung meiner eigenen Ehre auf, wollte man auch nur spielend leise auf ehrenrührige Dinge, wie z. B. einen gefälschten letzten Willen, oder dergleichen hindeuten ... Ich gebe dir das zu bedenken, Juliane‹. Und nun meine ich, ist es Zeit, heimzugehen – das Rauschen in den Wipfeln wird verdächtig; wenn auch schon in den ersten Septembertagen, sind wir bei der drückenden Schwüle doch nicht sicher vor einem Gewitter ... Unser Heimkommen wird freilich kein so wonniges sein, wie du vorhin geschildert – aber was thut's? – Man muß sich auch darüber hinwegzusetzen wissen.«

Sie wandte ihm schweigend den Rücken und ging in das Haus, um Leo zu holen. Jeder Nerv bebte in ihr. »Liane, er ist schrecklich!« hatte Ulrike am Hochzeitstage aufgeschrieen, und da war er doch nur ruhig kalt gewesen – was würde sie sagen solchen Ausbrüchen gegenüber, in denen er Gebärden annahm und Töne in seiner Stimme hatte, die geradezu vernichtend wirkten! ... Und doch – wie wunderlich – Liane verstummte ängstlich und beklommen vor ihnen; sie fühlte sich tief verletzt durch seine ungerechten Beschuldigungen; aber er war ihr verständlicher als in seiner erkünstelten Passivität und Blasiertheit – das war seine Natur, sein Charakter, der ja auch unbewußt aus seinen schriftlichen Darstellungen hervortrat und der sie plötzlich gegen ihren Willen anzog; wie wäre es ihr sonst möglich gewesen, ihm – jetzt, im Hineilen nach dem Hause, schlug sie beschämt die Hände vor das heißerglühende Gesicht, denn sie war ja zurückgewiesen worden – eine Art von freundschaftlicher Beziehung vorzuschlagen?  

19.

Schwere Wetterwolken mit hagelweißen Konturen zogen in der That über die Schönwerther Gegend hin, als die Heimkehrenden beim Jägerhäuschen aus dem Walde traten. Mainau, der vorwärts geeilt war, ohne auch nur noch ein Wort zu sprechen, wollte das hereinbrechende Unwetter im Jägerhäuschen abwarten; aber Liane wies auf den Hofmarschall hin, der sich jedenfalls um Leo sehr ängstigen würde, und so ging es weiter im Geschwindschritte durch den Garten. Der Sturm pfiff hinterdrein; in den Obstplantagen wirbelten abgerissene Blätter in den Lüften, und reife Früchte klatschten schwer nieder und kollerten über den Weg.

Mainau stampfte leicht mit dem Fuße auf, als in der Nähe des Schlosses ein Stallbursche im Vorübereilen meldete, die Reitpferde der Frau Herzogin und ihrer Dame ständen im Stalle – sie sei spazierengeritten und im Schlosse während des Wetters »untergetreten«.

»Nun, wird mir nicht auch eine süße Heimkehr in Schönwerth? Kann man liebenswürdiger und besorgnisvoller empfangen werden?« fragte Mainau in kaltspöttischem Tone und neigte leicht hinüberdeutend den Kopf nach der Freitreppe des Schlosses. Die Herzogin im königsblauen Reitkleide war rasch aus der Glasthür getreten – der Sturm faßte peitschend ihre lang über den Nacken herabhängenden schwarzen Locken und riß und pflückte an der weißen Straußenfeder ihres Hutes; aber sie ergriff mit beiden Händen des Treppengeländer und starrte so ungläubig erstaunt nieder auf das scheinbar einträchtig daherkommende Paar, welches Leo in seiner Mitte führte, daß sie Mainaus Begrüßung ganz übersah. Sie zog sich mit einer stolzen Wendung des Kopfes ebenso rasch wieder zurück und lehnte sich bequem in einem Fauteuil zwischen dem Hofprediger und dem alten Herrn, als die Heimkehrenden den Salon betraten.

Es war, als zögen die Wetterwolken auch droben an der Decke des Saales hin, ein so häßlich gedrücktes Halbdunkel webte in dem weiten Raume – die weißen Gipsornamente dämmerten gespenstisch an den Wänden; noch fahler aber erschien das maskenhaft bleiche, in grimmigen Spotte verzogene Antlitz der fürstlichen Frau; das ungewisse trübe Tageslicht löschte selbst den Glanz ihrer schönen Augen – wie glimmende Kohlen lagen sie unter der tief eingebogenen Krempe des hellgrauen Filzhutes. Sie erwiderte Lianes höfliche Verbeugung mit einem hochmütigen Kopfnicken.

»Was in aller Welt sind das für Grillen, Raoul?« rief der Hofmarschall seinem Neffen ärgerlich entgegen. »Läßt Wagen und Pferde im Stiche, um eine sentimentale Promenade durch den Wald zu machen! ... Weißt du auch, daß es beinahe in Unglück gegeben hat? Wie kannst du nur einem so dummen Burschen, wie der André ist, die wilden Wolkershäuser Pferde allein überlassen! Sie sind ihm durchgegangen – er kam halbtot vor Angst und Schrecken hier an.«

»Lächerlich – er hat sie seit Jahr und Tag allein unter den Händen – sie werden wieder einmal vor dem Meilensteine gescheut haben ... Uebrigens hat meine Heimkehr durch den Wald nicht im entferntesten etwas mit der leidigen Sentimentalität zu schaffen – ich hatte nur keine Lust, mich ferner vom Sonnenbrand auf dem Kutschersitz ausdörren zu lassen.«

»Und Sie, meine Gnädigste, hätten auch am besten gethan, allein nach Ihrem Forsthaus zu gehen, für welches Sie so plötzlich passioniert sind,« sagte der alte Herr mit schneidender Stimme zu der jungen Frau, ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden – er hielt es nicht für nötig, seine bequeme Stellung um ihretwillen zu verändern. – »Ich muß Sie dringend bitten, meinen Enkel nicht so ausschließlich als Trachenbergsches Eigentum zu reklamieren, mit welchem Sie nach Belieben schalten und walten zu dürfen meinen – ich habe eine angstvolle Stunde um das Kind verlebt.«

»Das bedaure ich herzlich, Herr Hofmarschall,« entgegnete Liane aufrichtig, die dabei fallenden impertinenten Stiche ruhig verschmerzend.

Die Herzogin war sichtlich heiter geworden. Sie zog Leo zu sich heran und herzte ihn. »Er ist ja unversehrt wieder da, mein bester Herr von Mainau,« sagte sie begütigend zu dem alten Herrn.

Leo wand sich mit derber Abwehr aus den schönen Armen – »dem Erbprinzen seine Mama« hatte er nun einmal nicht lieb, wie er stets hartnäckig versicherte. Desto besser gefiel ihm die Reitgerte der hohen Frau, die vor ihr auf dem Tische lag – der Griff bestand aus einem schöngearbeiteten Tigerkopf von Gold mit Brillantenaugen. »Die Reitgerte ist auch auf dem Bild, das auf Papas Schreibtisch gestanden hat,« sagte er – er meinte die große Photographie der Herzogin im Reitkostüm. »Aber jetzt steht sie nicht mehr dort« – pfeifend ließ er die Gerte durch die Luft sausen –, »alle anderen Bilder auch nicht, und wo sie gehangen haben, ist die Tapete noch sehr schön rot – und der dumme blaue Schuh ist auch fort –«

»Wie, Baron Mainau, haben Sie Tabula rasa gemacht?« fragte die Herzogin mit zurückgehaltenem Atem. »Haben Sie alle diese pensionierten Andenken in einen Winkel zurückgestellt?« Der ganze unbändige Stolz der regierenden Frau lag in ihrer Haltung; in ihrer tiefen, halbversagenden Stimme aber klangen tödlicher Schrecken und eine wilde Angst und Spannung nebeneinander ... Sie kannte Mainaus Zimmereinrichtung genau – zu Lebzeiten der ersten Frau hatte sie mancher Soiree in jenen Räumen beigewohnt.

Er stand ihr gegenüber – ruhig, fast amüsiert begegnete sein Blick ihren leidenschaftlich flammenden Augen. »Hoheit, sie sind sorgfältig eingepackt,« sagte er. »Ich gehe ja fort auf eine lange Reise und werde doch diese Andenken nicht dem Staube und den ungeschickten Händen der Bedienung überlassen.«

»Aber, Papa, mein Bild hast du doch nun dahin gestellt, wo erst die Glasglocke mit dem alten Schuh stand,« erinnerte Leo hartnäckig; »und darüber hängt das neue Bild, das die Mama gemalt hat.«

Nicht auf das Gesicht der Herzogin oder eines der anderen Anwesenden fiel Mainaus Blick in diesem Moment – mit einer jähen Wendung des Kopfes sah er nach der jungen Frau hin, so scheu und dabei so zornig, als sei er wütend darüber, daß gerade sie diese kindliche Ausplauderei mit angehört habe.

»Also du hast das Bild konfisziert, Raoul?« rief der Hofmarschall lebhaft. »Ich hatte mir erlaubt, die Behauptung der Frau Baronin, daß sie die Skizze nicht wieder an sich genommen habe, ein wenig zu bezweifeln – um Vergebung, meine Gnädigste! Ich that Ihnen unrecht.« Er neigte den Kopf spöttisch feierlich gegen Liane. »Nun meinetwegen – bei dir ist es gut ausgehoben, Raoul; mag es in der Fensterecke bleiben! ... Weißt du aber auch, zu welchem Preise es die Künstlerin selbst eingeschätzt hat? ... Vierzig Thaler –«

»Ich muß dich sehr bitten, es mir zu überlassen, wie ich den Ausgleich bewerkstelligen will,« unterbrach ihn Mainau heftig. Der alte Herr schrak ein wenig zusammen vor diesem tiefverfinsterten Männergesicht – sah es doch fast aus, als wolle die festgeballte Rechte dort sich drohend heben.

Die Herzogin und ihre Hofdame saßen verständnislos bei diesem kleinen Wortwechsel – der Hofprediger aber, der sich bis dahin vollkommen passiv verhalten, stemmte, den Oberkörper vorgebeugt, beide Hände auf die Armlehnen seines Stuhles – es war eine Stellung, so dämonisch lauernd und gespannt lauschend, als spüre er in Blick, Stimme und Gebärden des schönen heftigen Mannes einem scheuen Geheimnis nach.

»Mein Gott, rege dich nicht unnötig auf, bester Raoul!« beschwichtigte der Hofmarschall. »Weshalb echauffierst du dich denn? Ich will ja nur Gerechtigkeit.«

Mainau sah ihm ernst in das Gesicht. »Das will ich glauben, Onkel – nur passiert es dir leicht, daß du dich im Ausüben derselben allzusehr in der Form vergreifst ... Niemand schwört lieber auf dein Rechtsgefühl als ich – du bist ja der einzigen noch lebende Mainau, an den ich mich halten kann mit meinem Standesbewußtsein, mit dem Stolz auf die Ehrenhaftigkeit unseres Geschlechts ... Apropos, da fällt mir ein – kann ich nicht noch einmal Einsicht in die Papiere nehmen, durch die sich Onkel Gisbert auf dem Krankenbette seiner Umgebung verständlich gemacht hat? ... Ich wurde in Wolkershausen lebhaft an ihn erinnert, als ich vor seinem wundervollen Oelbild stand und zu meinem Schrecken bemerkte, daß es durch Staub und Feuchtigkeit gelitten hat und restauriert werden muß ... Aus diesen Papieren spricht doch noch sein scheidender Gruß zu uns.«

»Du sollst sie haben – muß es sofort sein?«

»Sie sind ja wohl dort in einem der Raritätenkasten aufbewahrt?« meinte Baron Mainau leichthin und zeigte nach dem Rokokoschreibtisch. »Wenn du die Güte haben wolltest, aufzuschließen –«

Der Hofmarschall stand schon auf seinen Füßen und stelzte bereitwillig durch den Saal. Er schloß denselben Kasten auf, in welchem das Billet der Gräfin Trachenberg lag. Mit spitzen Fingern faßte er zart das rosenfarbene Papier und zeigte es diabolisch lächelnd der Herzogin hinüber. »Schöne Erinnerungen, Hoheit, – ein rosiger Duft – nichts weiter, und ist mir doch Tausende wert!« rief er frivol auflachend und warf es in den Kasten zurück. Dann nahm er eine mit schwarzem Band umwickelte dicke Papierrolle heraus. »Hier, mein Freund!« – Er reichte sie Mainau hin, der das Band sofort löste.

»Ah – da liegt ja die Verfügung bezüglich Gabriels obenauf,« sagte Mainau, einen schmalen Papierstreifen aus dem Innern der Rolle nehmend. »Es war ja wohl der letzte schriftliche Ausdruck seines Willens?«

»Es war sein letzter Wille,« bestätigte der Hofmarschall unbefangen, indem er zu seinem Rollstuhl zurückkehrte.

Mainau nahm noch einige Papiere heraus und legte sie nebeneinander auf den Tisch. »Merkwürdig!« rief er. »Diese letzte Verfügung ist nur wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben, wie man mir sagt, und doch sind es die unverändert eigentümlichen, krausverschlungenen Schriftzüge; selbst bis auf Punkt und Komma bleiben sie sich treu – der herannahende Tod hat keine Gewalt über die Festigkeit seiner Hand gehabt ... Und das ist gut – wie leicht könnte sonst dieses ohne gerichtliche Zeugen geschriebene Blatt angezweifelt werden.«

Die Herzogin nahm ihm neugierig den Papierstreifen aus der Hand. »Charakteristisch, aber schwer zu entziffern ist diese Hand,« meinte sie. – »Ich bestimme den Knaben Gabriel ausdrücklich für den geistlichen Beruf – er soll im Kloster für seine tiefgefallene Mutter beten« – las sie stockend einen der Sätze ab.

»Willst du dir diese interessanten letztwilligen Verfügungen eines Sterbenden nicht auch einmal ansehen, Juliane?« wandte sich Mainau unbefangen an die junge Frau, die, ihre Hände auf die hohe Lehne gelegt, hinter einem leeren Fauteuil stand. Sie sah nicht auf zu ihm, der sie tief zu beschämen suchte. Niemand von allen, die um den Tisch saßen, ahnte, was er bezweckte – für sie allein war jedes Wort ein gutgezielter Messerstich. Warum war sie auch so vermessen gewesen, die Hand nach dem bedeckenden Schleier auszustrecken, auf den Frau Löhn bedeutsam hingewiesen! ... Mainau hielt ihr zwei Blätter hin, und sie verglich sie, ohne dieselben zu berühren, mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit. Es war genau eine und dieselbe Handschrift, genau ein und derselbe Schnörkel am Schlußwort – dabei waren diese Züge zu originell, zu sonderbar eigenwillig, als daß man an eine Fälschung hätte denken können, und doch –

Ein eintretender Lakai, der auf silbernem Teller Mainau eine Karte überbrachte, machte der peinlichen Situation ein Ende.

»Ach ja!« rief der Hofmarschall und schlug sich leicht vor die Stirn; »das habe ich rein vergessen, Raoul! ... Vor einer Stunde fuhr ein junger Mann vor und stieg aus dem Wagen, so selbstverständlich und ungezwungen, als beabsichtige er hier zu bleiben ... Er hat auch behauptet, auf deinen Befehl gekommen zu sein, und wäre mir nicht das unschätzbare Glück zu teil geworden, Ihre Hoheit begrüßen zu dürfen, dann hätte ich ihn angenommen, um zu hören, was er eigentlich will –«

»In der That dableiben, Onkel – es ist Leos neuer Hofmeister,« versetzte Mainau gelassen und legte sorgfältig die Papiere aufeinander.

Der Hofmarschall bog sich vor, als höre er nicht recht. »Mein lieber Raoul, ich glaube, ich habe dich falsch verstanden,« sagte er langsam, jedes Wort accentuierend. »Sagtest du wirklich: Leos neuer Hofmeister? ... Mein Gott, sollte ich denn monatelang geschlafen haben oder fieberkrank gewesen sein, daß ich davon nichts weiß?«

Mainaus Mundwinkel zuckten sarkastisch. »Die Veränderung hat sich durchaus nicht monatelang vorbereitet, Onkel. Der junge Mann ist mir früher schon einmal vorgeschlagen worden, und jetzt, wo ich seiner bedurfte, habe ich ihn kommen lassen. Glücklicherweise war er gerade frei und so unbehindert, daß er zwei Tage früher hier eingetroffen ist, als ich bestimmt hatte. Das ist mir insofern nicht lieb, als ich dir wenigstens einen Tag vorher seine Ankunft anzuzeigen wünschte.«

»Es würde wenig an meiner Willensmeinung geändert haben, nach welcher dieser hereingeschneite junge Mann nicht in Schönwerth bleiben wird.«

Mainau hatte eben die gelösten Papiere in den Händen und war im Begriffe, sie nach dem Schreibtische zurückzutragen – bei den letzten, mit unglaublicher Impertinenz gesprochenen Worten des alten Herrn blieb er, wie durch einen Ruck festgehalten, sofort stehen und wandte das Gesicht nach dem Sprechenden zurück – die Damen schlugen unwillkürlich und ängstlich die Augen nieder vor dem Ingrimme und der tiefen Gereiztheit, die das schöne Gesicht des Mannes entstellten.

Der Hofmarschall ließ sich nicht beirren; er war innerlich wütend – man sah es an seinem scharf hervorgeschobenen Kinne, an der Art und Weise, wie er seine bleichen Finger in das purpurseidene, auf seinem Schoße liegende Taschentuch vergrub. »Darf man wenigstens erfahren, was dich veranlaßt hat zu diesem plötzlichen – Staatsstreiche?«

»Das könntest du dir selbst sagen, Onkel,« antwortete Mainau sich bezwingend, mit leichtem Hohne. »Ich verreise – was ich wohl nun sattsam ausgesprochen habe – für Jahr und Tag; die Baronin geht nach Rudisdorf; sie wird Leo nicht mehr unterrichten;« – bei dieser eisigkalten Hindeutung hob die Herzogin die gesenkten Lider, und ein unverschleierter Triumphblick flog nach der jungen Frau hin, die still und gelassen in ihrer bisherigen Stellung verharrte – »und – was mir in der That die Hauptsache ist,« fuhr Mainau fort – »wir können unmöglich vom Herrn Hofprediger verlangen, daß er auch im Winter so oft nach Schönwerth kommt, um Leo Religionsunterricht zu erteilen.«

»Ah bah – das machst du mir nicht weis – an diesen Grund glaubst du selbst nicht. Du weißt im Gegenteil recht gut, daß unser lieber Hofprediger sich kürzlich sogar erboten hat, das Kind auch in anderen Fächern zu unterrichten –«

»O ja, ich erinnere mich,« versetzte Mainau trocken; »aber bei meinem Grauen vor gefälschter Welt– und Naturgeschichte wirst du es begreiflich finden, wenn ich für so viel Güte und Aufopferung danke.«

»Herr Baron!« fuhr der Hofprediger auf.

»Hochwürden?« frug Mainau langsam und hohnvoll zurück und ließ aus den halbgesunkenen Augen einen messenden Blick über ihn hinstreifen.

Diese ausdrucksvoll verächtliche Gebärde Mainaus war nicht zu ertragen – der Hofprediger erhob sich mit hervorbrechendem Ungestüm, aber der alte Herr umklammerte mit beiden Händen seinen Arm und versuchte, ihn wieder an seine Seite niederzuziehen.

»Raoul, ich begreife dich nicht! Wie kannst du den Hofprediger so beleidigen, und noch dazu in Gegenwart Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin?« rief er mit halberstickter Stimme.

»Beleidigen? ... Habe ich denn von gefälschten Wechseln oder dergleichen gesprochen? ... Ich frage dich selbst: lehrt der orthodoxe Theologe die Dinge, wie sie sind? Muß er nicht vieles – das so sonnenklar ist, wie der Satz, daß zweimal zwei vier ist, und in alle Ewigkeit bleiben wird – hartnäckig verneinen, wenn er auf seiner Basis bleiben will? Läßt er nicht Weltenkörper unverrückbar feststehen, die nach des ewigen Schöpfers Willen und Gesetzen gehen müssen? Läßt er nicht Weltereignisse, die durch den kraftvollen Geist und Willen einzelner und das Gesamtwirken von Völkerschaften notwendig heraufbeschworen werden, durch übersinnliche gute und böse Dämonen bewerkstelligen? Stellt er nicht den heiligen Hokuspokus der Bittgänge und Wallfahrten über alle Wirksamkeit des denkenden Arztes, über die vom Alleschaffer uns verliehenen heilsamen Mittel, ja, über Gottes Weisheit selbst, dem er eine Veränderung seiner ewigen Maßregeln abzuzwingen vorgibt?«

Der Hofmarschall schlug sprachlos die Hände zusammen und sank in seinen Stuhl zurück. »Um Gotteswillen, Raoul, ich habe dich noch nie in der Weise vorgehen sehen.«

»Ach ja,« versetzte Mainau die Achseln zuckend – »du hast recht; ich habe mich eigentlich nie in diese Dinge gemischt. Man ärgert sich nur über die schwachen Argumente und Waffen des Gegners, der in der Bedrängnis hinter seinen Schild mit der Devise: ›Bei Gott ist kein Ding unmöglich‹ – im Siegesbewußtsein flüchtet; und schließlich, wer läßt sich wohl gern die schwarzen Wespen um die Ohren summen, wenn er Gottes schöne Welt liebt und sie – genießen will? ... Aus dieser Friedfertigkeit bin ich nur ein wenig aufgerüttelt worden durch das Hexenvernichtungsprojekt im indischen Garten, das meinem Kind um ein Haar das Augenlicht gekostet hätte. Ich hege Mißtrauen gegen den Religionsunterricht, bei welchem derartiges Unkraut so lustig fortgedeihen kann, und meine, mit der Radikalkur müsse man schleunigst bei den jungen Köpfen anfange, denn die alten, die noch zu vielen Tausenden die schöne Erde verderben, sind doch nicht mehr zu bessern.«

»Wie ungerecht, Baron Mainau! So denken Sie in Wirklichkeit über die heilige Einfalt?« rief die bigotte Hofdame, die nicht länger an sich zu halten vermochte. »Haben Sie nicht neulich selbst gesagt, daß Sie dieselbe an Frauen lieben?«

»Das sage ich heute noch, meine Gnädige,« entgegnete er, in seinen leicht frivolen Ton verfallend. »Eine schöne, glatte, weiße Stirn unter seidenem Lockenhaar, die nicht grübelt, ein süßer, roter Mund, der harmlos plaudert – wie bequem für uns! ... O ja, ich liebe diese Frauen, aber – ich bevorzuge sie nicht.«

»Und wenn das seidene Lockenhaar erbleicht und dem süßen, roten Mund das kindlich ausdruckslose Lächeln nicht wohl mehr anstehen will, dann legt man das Spielzeug in die Ecke – wie, Baron Mainau?« fragte die Herzogin scharf – sie ließ mit nachlässiger Grazie die Reitgerte figurenzeichnend über die Tischplatte hingleiten, wobei die brillantenen Tigeraugen farbige Blitze umherschleuderten.

»Wollen es diese Frauen anders, Hoheit?« fragte Mainau kalt lächelnd zurück.

»Ei, da wird man schleunigst sein Latein, seine botanischen und chemischen Studien, mit denen man in der Backfischzeit wahrhaft gepeinigt worden ist, hervorsuchen müssen,« lachte die fürstliche Frau hart auf. »Man sagt mir nach, daß ich rasch und leicht auffasse – vielleicht hat sich auch mit den Jahren der innere Trieb eingestellt – es käme auf einen Versuch an ... Was meinen Sie dazu, Baron Mainau, wenn ich Sie bei Ihrer Rückkehr aus dem Orient mit einer lateinischen Anrede begrüßen und dann in mein Laboratorium führen würde, um Sie mit allen möglichen gelehrten Experimenten zu regalieren?«

»Hu, ein Blaustrumpf in salopper Toilette, mit ungeordnetem Haar!« rief Mainau in ihr Spottgelächter einstimmend. »Hoheit, diese Antipathie wurzelt unausrottbar in meiner Seele – ich bilde mir aber plötzlich ein, es könnte Frauengeister geben, die mit einigem Verständnis den Spuren der Natur nachzugehen und deren Wunder, gleich den Männern, aufzuschließen suchen, die bei klarem Blick den unüberwindlichen Trieb haben, selbständig, ohne das Gängelband der Tradition, zu denken und den Erscheinungen und Dingen auf unserem Planeten bis auf den Grund zu folgen – wobei sie diesen Trieb jedoch erst in zweiter Linie berücksichtigen, indem sie sich sagen, daß das Behüten der heiligen Herdflamme, das Zusammenhalten ›des Hauses‹ mit weichen, linden und doch starken Armen ihre Hauptlebensaufgabe sei.«

»Mein bester Baron Mainau, vielleicht findet sich ein großer Künstler, der Ihnen eine solche Frau – malt,« rief die Hofdame, in ein spöttisches Kichern ausbrechend, während sich die Herzogin mit einer ungestümen Gebärde erhob.

Liane hatte in dem Moment, wo Mainau und der Hofprediger so hart und ingrimmig aneinander gerieten, die Arme um Leos Schultern gelegt und war mit ihm in die entfernteste Fensternische getreten. Die Wetterwolken draußen entluden sich in einem prasselnden Regen, der breitströmend an den Scheiben niederklatschte. In einem dicken, grauen Dampf gleichsam versunken, bogen und neigten sich schattenhaft, wie Gespenster, die an Ort und Stelle gebannt, zu fliehen versuchen, drüben die Baumwipfel unter dem zerzausenden Sturm, und auf den Rasenflächen standen bleifarbene Teiche. Durch die niederstürzenden, erlösenden Wassermassen zuckte längst kein Blitz mehr, aber dort am Tische, dem die junge Frau den Rücken kehrte, war es beängstigend gewitterhaft – lehnte sich doch plötzlich der seltsame Mann unerwartet gegen die leise, aber fest gehandhabte Bevormundung auf, die er bisher stillschweigend ignorierte, weil er – in seinem Lebensgenuß nicht gestört sein wollte – ja, er ging noch weiter, er verwarf frühere Ansichten; war das dieselbe Kaprice, infolge deren er die Verheiratung mit der protestantischen, vermögenslosen Frau durchgesetzt hatte, oder ein wirklicher innerer Umschwung?

Die junge Frau wandte sich nicht um – auch nicht, als sie die Stühle heftig rücken und den Hofprediger mit seinen festen, majestätischen Schritten nach der Glasthür zu gehen hörte – gleich darauf trat Mainau an den Schreibtisch und stieß hörbar den Kasten zu. Fast in demselben Moment rauschte eine Schleppe; ein süßer Jonquillenduft – das Lieblingsparfüm der Herzogin – flog in die Nische, und plötzlich legte sich ein Arm um die weiche Taille der jungen Frau. »Sie haben eine verführerische Gestalt, schöne Frau,« zischelte ihr die Herzogin in das Ohr; – »aber bemühen Sie sich nicht – ich nehme es mit diesen weichen, linden und doch so starken Armen auf – Sie müssen unterliegen – Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise.«

Die Lippen, die das aussprachen, waren weiß wie Schnee und zogen sich krampfhaft nach innen – ein furchterweckendes Medusengesicht, das die erschrockene junge Frau in der That förmlich versteinerte.

»Lasse meine Mama gehen – du thust ihr ja weh,« rief Leo, indem er sich zwischen die beiden Damen drängte; aber schon trat die Herzogin zurück.

»Ei behüte, mein kleiner Mann, wie könnte ich das wohl über das Herz bringen!« scherzte sie heiter auflachend und trat vor den Spiegel im Hintergrunde des Saales, um sich den Hut tiefer in die Stirn zu rücken und die in der hereinströmenden schweren Regenluft sich auflösenden Locken höher zu stecken; die Hofdame eilte herbei, ihr zu helfen.

Währenddem verließ Liane die Fensternische und kam in Mainaus Nähe – noch schlugen ihre Pulse heftig infolge des Schreckens. »Lasse dich nie wieder von der Frau berühren – ich will es nicht haben,« gebot er finster mit unterdrückter Stimme, so daß nur sie es hören konnte und unwillkürlich stehen blieb.

»Himmel, was für ein Wetter! – Wie fatal! Mein Arminius wird in Schönwerth übernachten müssen,« rief die Herzogin in demselben Moment – sie stand zwar mit dem Rücken nach dem Saale, aber ihre großen Augen funkelten aus dem Spiegel herüber. »Wollen Sie die große Güte haben, mich heimfahren zu lassen, Baron Mainau? – Ich muß zurück – es ist schon fast zu spät.«

Mainau erbot sich, sie selbst zu fahren, da er die unbändigen Apfelschimmel anderen Händen nicht überlassen dürfe, und ging hinaus, um Befehl zu geben und im Vorbeigehen dem angekommenen Hofmeister einige begrüßende Worte zu sagen.

Als sei nichts vorgefallen, setzte sich die Herzogin noch einmal neben den Hofmarschall, der sich in ein grimmiges Schweigen gehüllt hatte, und plauderte, auch den Hofprediger in das Gespräch ziehend, unbefangen über alltägliche Dinge, bis Mainau im Regenmantel zurückkehrte, die Apfelschimmel schnaubend drunten an der Freitreppe hielten, und zwei Lakaien mit aufgespannten Schirmen sich draußen vor der Glasthür postierten.

»Wollen Sie mitkommen?« fragte sie den Hofprediger.

Er entschuldigte sich mit einer Schachpartie, die er dem Hofmarschall für die späten Abendstunden zugesagt habe, und wich ruhig zurück, als Mainau neben ihm unsanft und klirrend die Glasthür aufriß.

Die schöne Fürstin schwebte verbindlich grüßend an Mainaus Arm hinaus, und ächzend kehrte der Hofmarschall an seinen Stuhl zurück. »Bitte, schließen Sie die Thür, Herr Hofprediger!« sagte er mürrisch und sank in die Polster. »Sie hätten sie vorhin nicht aufmachen sollen, liebster Freund – ich wagte nicht zu protestieren, weil es auch Ihre Hoheit zu wünschen schien – aber diese miserable Luft schlug mir wie Blei in die Beine; morgen bin ich todkrank – dazu der furchtbare Aerger, der Grimm, der mir die Kehle noch zuschnürt ... Bitte, fahren Sie mich in mein warmes Schlafzimmer; dort will ich mich sammeln und warten, bis hier der Kamin geheizt ist – es ist bitter kalt geworden ... Allons, Leo, du gehst mit mir!« rief er dem Knaben zu, der sich an die junge Frau schmiegte.

»Ich möchte gern bei der Mama bleiben – sie ist so allein, Großpapa,« sagte das Kind.

»Die Mama ist nie allein – sie empfängt ›die Naturgeister‹ und braucht uns nicht,« versetzte der alte Herr malitiös. »Komm nur hierher!« Er griff nach der widerstrebenden Hand des Knaben und zog ihn mit sich, während der Hofprediger den Rollstuhl zur Thür hinausschob.

20.

Die junge Frau trat wieder in das Fenster. Eben verbrauste das letzte Rollen des fortfahrenden Wagens – jetzt fuhr sie, in die weißen Atlaskissen geschmiegt, mit den Apfelschimmeln durch den Wald – die junge Frau mit dem schönen Medusengesichte, die ihn liebte mit verzehrender Glut, die ihre fürstliche Hoheit vergaß, ihren berüchtigten Hochmut abwarf, und in seiner Nähe nichts war als das leidenschaftlich anbetende Weib voll glühender Eifersucht ... Warum hatte er das junge Mädchen aus Rudisdorf an eine Seite geholt? Warum hatte er nicht am Fürstenhofe gefreit? Er wäre mit offenen Armen empfangen worden und hätte glücklich werden können mit ihr, die ihm ja durchaus nicht gleichgültig war – die Begegnung im Walde am Hochzeitstage tauchte in grellen Farben vor der jungen Frau auf – da lag ein Geheimnis. »Sie scheitern an der unerbittlich festgehaltenen Reise,« hatte ihr die Herzogin zugeflüstert – noch fühlte sie den heißen Atem der Frau an Hals und Ohr – welche Bemühung sollte den scheitern? Sie hatte alles aufgeboten, ihre Pflichten zu erfüllen, aber – Gott sei Dank – ihr Stolz war ihr treugeblieben; sie hatte nie auch nur einen Finger gerührt, um Mainaus Liebe zu erringen – darin irrte sich die Frau Herzogin; aber sie hatte Recht mit ihrer Behauptung, daß die Reise das lose geknüpfte Band vollständig lösen werde, selbst wenn Liane ihren Entschluß fortzugehen nicht mehr ausführen wollte ... Es war doch niederschlagend! Wenn er nach Jahr und Tag zurückkehrte, dann wußte niemand mehr, daß einmal eine Gräfin Trachenberg nach Schönwerth geschleppt worden war, um dort eine Reihe unglücklicher Tage voll Prüfungen und Anfechtungen zu verleben; er selbst hatte draußen die unerquickliche Erinnerung abgeschüttelt und kam, um endlich die schöne Hand zu ergreifen, die sich ihm in gebührender Sehnsucht entgegenstreckte.

Unwillkürlich fuhr die junge Frau mit der krampfhaft geballten Hand nach dem Herzen – was quälte sie plötzlich für ein unerklärliches Weh? War es denn so schrecklich, verstoßen zu werden um einer anderen willen? ... Sie dachte an den Moment, wo er ihr verboten hatte, sich von der Herzogin berühren zu lassen – was war da sein Motiv gewesen? Doch nur die Eifersucht – er gönnte ihr, seiner Frau, diese Gunstbezeigung nicht ... Sie vergrub das Gesicht in den Händen – war für eine erbärmliche Schwäche überkam sie! ... Langsam verließ sie das Fenster, um sich in ihre Zimmer zurückzuziehen. Sie ging an dem Schreibtisch vorüber und blieb plötzlich wie festgewurzelt stehen – an dem Kasten steckte noch der Schlüssel; Mainau hatte vergessen, ihn abzuziehen, und dem Hofmarschall war es »in seinem furchtbaren Aerger und Grimm« nicht eingefallen, ihn zurückzufordern ... Das Herz der jungen Frau klopfte heftig – da drin lag das Papier, an welchem Gabriels Schicksal hing – nur einmal mochte sie es herausnehmen; sie wußte, daß man solche Dokumente ganz anders prüfen müsse, als mit dem bloßen Auge. Aber der »Raritätenkasten« mußte aufgezogen werden; er war fremdes Eigentum und den Schlüssel hatte man aus Versehen stecken lassen ... War es nicht unehrlich, das Papier herauszunehmen? Nein, sie legte es ja unverletzt wieder an Ort und Stelle, und es zu prüfen hatte ihr Mainau selbst zur Pflicht gemacht und zu dem Zwecke die Papierrolle dem Hofmarschall abverlangt. Sie zog rasch entschlossen den Kasten auf – das verhängnisvolle rosenfarbene Billet ihrer Mutter lag vor ihr – wie von einer Viper gestochen wich ihre Hand zurück, als sie es zufällig berührte – sie griff nach dem obersten, offen daliegenden Blatt – es war das, welches sie suchte.

Atemlos flog sie, das Papier in der Tasche, hinunter in ihre Appartements, und nach wenigen Minuten lag es unter dem Mikroskop, dem treuen Gehilfen bei ihren Studien ... Unwillkürlich prallte sie zurück und schauerte in sich zusammen – da unter dem unerbittlichen Glas lag sonnenklar und erwiesen ein scheußlicher Betrug. Jeder sorgsam ausgeführte Buchstabe war vorher mit Bleistift vorgezeichnet gewesen – war man mit bloßem Auge nicht zu entdecken vermochte, hier trat es als breiter Schatten fast bei allen diesen so ungezwungen scheinenden Zügen neben dem festen Tintenstrich heraus, und da, wo die Tinte selbst dünner aufgetragen war, schimmerte die Linie des Bleistiftes klar durch ... Es war eine mühevolle Arbeit gewesen – der Fälscher hatte die einzelnen Buchstaben aus vorhandenen Schriftstücken zusammensuchen müssen, um sie zu den Worten, die er zu schreiben wünschte, zusammenzusetzen ... Wer aber hatte das gethan? Und wozu? Der Zettel war ohne gerichtliche Zeugen geschrieben – man hatte mithin nur gefälscht, um einen moralischen Zwang auf eine wichtige Stimme auszuüben, die in der Angelegenheit mitsprechen durfte, und das – war Mainau; er hatte ihr ja selbst gesagt, daß er anfänglich zu gunsten des Knaben aufgetreten sei ... Handelte es sich hier einzig um Geld und Gut, oder wirkte auch der religiöse Fanatismus mit? ... Da stand ja auch: »Die Frau aber soll und muß die heilige Taufe empfangen, zur Rettung ihrer Seele –«

Die junge Frau warf sich auf das Ruhebett – ihre Pulse schlugen heftig, und durch die Glieder lief ein nervöses Zittern – sie mußte erst ruhiger werden – in dieser Aufregung durfte sie niemand begegnen ... Mainau war doch eine edle Natur – um seinen gerechten Widerspruch zu beugen, mußte man zum Betruge greifen; die Verführung zu einem wirklichen Unrecht durfte es nicht wagen, ohne geschlossenes Visier an ihn heranzutreten. Das Papier mußte vorläufig an seine Stelle zurück – sie konnte mit dieser Enthüllung nur wirken, wenn sie es vor seinen Augen aus dem Schubfach nahm – ihre Mundwinkel zuckten schmerzlich – er hätte jedenfalls weit eher sie, die neu Eingetretene und Mißtrauische verdächtigt, als es für möglich gehalten, daß in seinem Schönwerth, diesem Sitz der Ehrenhaftigkeit und Sittenstrenge, solche Dinge vorgehen könnten ... Erfahren aber mußte er die Thatsache – es galt, Gabriel zu retten.

Leise huschte sie in den Saal zurück. Man hatte unterdessen den Kamin geheizt. Die schweren Damastvorhänge fielen zugezogen an den hohen Fensternischen nieder, und vor der Glasthür lagen festschließende Eichenholzflügel. Nur als schwaches, eintöniges Murmeln drang das unermüdliche Rauschen und Gießen des Regens herein. Der Theetisch war bereits vorgerichtet, und die große Kugellampe unter wohlthätig grünem Schleier brannte inmitten der weißgedeckten Tischplatte – sie erhellte dürftig den weiten Raum – dunkel, in unförmlichen Gruppen, standen die Polstermöbel an den fernen Wänden, in die Ecken aber drangen nicht einmal die ungewissen Ausläufer des smaragdgrünen Lichtes und nur vor dem Kamin breitete behaglich der volle, gelbe Schein der brennenden Scheite über das glänzende Parkett.

Die junge Frau sah sich scheu um – es war niemand da. Beruhigt trat sie an den Schreibtisch, zog den Kasten auf, und in ihm selbst die Rolle sorgfältig wieder zurechtschiebend und auseinanderfaltend, legte sie den Zettel hinein – in diesem Augenblick wurde ihre Hand erfaßt und gleichsam bei der That im Schubfach selbst festgehalten – sie war nicht einmal fähig, aufzuschreien das Blut trat ihr im entsetzten Schrecken so rasend schnell nach den Herzen, daß sie zu sterben meinte – halb zusammenbrechend, sah sie mit versagenden Blicken in das Gesicht – des Hofpredigers. Er erfing sie in seinem Arm, und die hilflose Gestalt an seine Brust drückend, zog er wiederholt die Hand, die er noch festhielt, an seine brennenden Lippen.

»Fassen Sie sich, teure Frau! Ich habe es allein gesehen – es ist niemand außer mir im Salon,« flüsterte er in weichen, tröstenden Tönen.

Diese Stimme gab ihr sofort die Besinnung zurück. Sie riß sich los und schleuderte seine Hand von sich. »Was haben Sie gesehen?« fragte sie mit wankender, klangloser Stimme; aber ihre schöne Gestalt reckte sich empor in stolzer Haltung. »Enthalten diese Schubfächer Gold– und Silberwert? ... Habe ich – stehlen wollen!«

»Wie könnte ich hinter dieser königlichen Stirn einen solchen Gedanken vermuten! – Eher würde ich das Andenken meiner – Mutter mit einem so häßlichen Verdachte beflecken als Ihre himmlisch reine Seele – glauben Sie mir das! ... Sie werden diesen Ausspruch freilich nicht begreifen können, denn eben durch die Kindesliebe getrieben stehen Sie doch hier ... Gnädige Frau, wer will Ihnen verargen, wenn Sie den kleinen Brief, mit welchem man Sie peinigt und demütigt, vernichten wollen?« – Er nahm das Billet aus dem Kasten. – »Verbrennen wir diesen rosenfarbenen Zeugen der mütterlichen Verirrung gemeinschaftlich!«

Mit einem raschen Griffe entriß sie ihm den Brief und warf ihn an seine vorherige Stelle. »Ist das nicht Diebstahl? Ist er an mich gerichtet?« zürnte sie. »Er bleibt, wo er ist. Mit einem Unrechte kann ich den Flecken vom Rufe meiner Mutter nicht wegwischen.« Sie wich zurück und trat an die andere Ecke des Schreibtisches, als könne der Raum zwischen ihr und diesem Priester, der gewagt hatte, sie zu berühren, nicht weit genug sein. Der grüne Lampenschein fiel auf ihr lieblich edles Profil – es erschien steinern in seinem stolzen Ausdrucke wie eine Kamee ... Er hatte aber versucht, ihr eine Schlinge um den Hals zu werfen; bei weniger Energie, ja nur bei einem augenblicklichen Schwanken der Bestürzung, wäre sie ihm rettungslos verfallen gewesen – er mußte erfahren, daß sie ihn durchschaue. »Wie können Sie die Stirn haben, mir die Hand zu einer lichtscheuen That bieten zu wollen?«

»Sie verkennen meine Motive absichtlich und stellen sich mir feindlich gegenüber, wo Sie können,« sagte er mit schmerzlicher Bitterkeit – der Ton, in welchem er sprach, hatte etwas tief Leidenschaftliches; er war nicht gemacht, das mußte sie selbst zugeben – »und doch haben Sie keinen treueren Freund auf Erden als mich.«

»Ich habe zwei Freunde – meine Geschwister – eine andere Freundschaft suche ich nicht,« versetzte sie.

Er schlug bei dieser eisigkalten Zurückweisung die geballten Hände vor die Brust, als habe er einen Schuß empfangen – mit unheimlich glimmenden Augen trat er ihr einen Schritt näher. »Gnädige Frau, hier in Schönwerth sollten Sie nicht eine so stolze, verletzende Sprache führen,« sagte er mit heiserer Stimme. »Hier, wo Sie wurzellos im Boden hängen, wo Sie der Spielball eines jeden Windhauches sind –«

»Gott sei Dank! vom Standpunkte meiner Grundsätze hat er mich nicht um eine Linie drängen können.«

»Was fragt die Welt nach diesem inneren Halt, die Welt, die sich über Ihre schiefe Stellung hier im Hause, über das Motiv, infolgedessen man Sie zur Frau von Mainau gemacht hat, lächelnd die demütigendsten Dinge zuraunt!«

Sie wurde noch blässer als vorher. »Wozu sagen Sie mir das?« fragte sie mit ungewisser Stimme. »Uebrigens kenne ich ›die Motive‹, infolge derer ich hier bin – ich soll Leo Mutter und dem verwaisten Hause Herrin sein – eine Stellung, die mein Frauengefühl in keiner Weise verletzt,« fügte sie mit ungebeugter stolzer Haltung und kühler Ruhe hinzu.

Diese Gelassenheit erbitterte ihn sichtlich.

»Wohl – wären Sie es in Wirklichkeit gewesen!« sagte er rasch. »Aber der Mangel einer Herrin ist in Schönwerth wohl selten empfunden worden. Die vorgerückten Jahre und die Respektabilität des Hofmarschalls machen eine dame d'honneur bei Festivitäten vollkommen überflüssig, und das Hauswesen versteht er ja zu kontrollieren, wie kaum eine Frau; Leo aber soll die militärische Karriere machen – er wird Schönwerth und die mütterliche Obhut früh verlassen müssen – diese Motive sind schwerlich in Betracht gekommen; die Haupttriebfeder ist Rachedurst, glühender Rachedurst gewesen; ich weiß nicht, ob das Gefühl einer Frau auch unverletzt bleibt, wenn man ihr mitteilt, daß sie einzig und allein gewählt worden ist, um eine andere zu züchtigen, um derselben ein entsetzliches Weh in einer Art und Weise zuzufügen, wie sie sich raffinierter und grausamer nicht denken läßt.«

Die großen, grauen Augen der jungen Frau starrten den Sprechenden wie entgeistert an; aber gerade dieses schmerzliche Verstummen, dieser Blick voll unverhüllten Schreckens ließen ihn hart und unerbittlich fortfahren; »Wer Baron Mainau kennt, der weiß, daß sein ganzes Thun und Wesen auf den Effekt berechnet ist. Hören Sie, wie er hier zu Werke gegangen ist! Er hat in seinen Jünglingsjahren eine hochgestellte Dame leidenschaftlich geliebt und sie hat diese Liebe ebenso glühend erwidert; durch ihre Angehörigen aber ist sie gezwungen worden, zu entsagen, um den höchsten Rang im Lande einzunehmen – Baron Mainau mag vielleicht nicht ganz im Unrecht sein, wenn er das strafbare Untreue nennt; in den Augen aller Eingeweihten aber war es ein furchtbares Hinopfern für Standespflichten ... Der Tod hat die Frau, die nie aufgehört, ihn zu lieben, wieder frei gemacht; der armen Dulderin in Hermelin und Purpur ist ein neues Morgenrot aufgegangen – sie hat all den schweren Fürstenglanz abwerfen wollen, um in der elften Stunde noch eine liebende und geliebte Gattin und glücklich zu werden – wem ist es je geglückt, die wahren Absichten, den Endpunkt des Handelns bei Baron Mainau zu berechnen? ... Er hat ungezwungen, in liebenswürdigster Weise während der Trauerzeit mit der Dame verkehrt und sich wahrhaft teuflisch unbefangen gezeigt bis zu dem Moment, wo sie, glühend vor Liebe und seliger Hoffnung, seine Werbung um ihre Hand erwartet, und er ihr, angesichts des ganzen Hofes, kaltblütig seine Verlobung mit – Juliane, Gräfin von Trachenberg, anzeigt. – Das hat allerdings einen ungeheuren Effekt gemacht – es war ein satanischer Triumph.«

Die junge Frau hatte die verschränkten Hände auf den hohen Aufsatz des Schreibtisches gelegt und preßte die Stirn darauf. Sie hätte sich am liebsten tief im Schoß der Erde vergraben mögen, um nur diese mitleidslose Stimme nicht mehr zu hören, die ihrem Familienstolze, ihrer weiblichen Würde und ihrem, ja, ihrem Herzen nie zu heilende Wunden schlug.

»Was nach dieser Komödie kommen mußte, das war ihm sehr gleichgültig,« fuhr der Hofprediger in überstürzter Hast fort – es klang, als geize er mit jedem Augenblick, in welchem er dieser Frau endlich einmal allein, ohne Zeugen, gegenüberstand. »Für Pflichtgefühl hat ja dies Seele dieses Mannes keinen Raum, wie er schon seiner ersten hinreißend liebenswürdigen, edlen Gemahlin gegenüber durch die rücksichtsloseste Vernachlässigung bewiesen« – jetzt hob sie das Gesicht: er log, der Priester, edel war jene Frau nicht gewesen, die bei jedem Widerspruch mit den Füßen gestampft und mit Messern und Scheren um sich geworfen hatte – »auch sie hat er einst an seine Seite gerissen, lediglich um der fürstlichen Dame zu beweisen, daß er sich aus ihrer Untreue nicht mache ... Gnädige Frau, sie war noch zu beneiden im Vergleiche zu der zweiten, die er seiner verletzten schrankenlosen Eitelkeit opferte – ihr stand der Vater zur Seite – die zweite Frau hat auch ihn gegen sich, ja, er ist ihr furchtbarster Feind ... Er weiß jetzt, daß die Einsegnung dieser verhaßten zweiten Ehe nichts als die Besiegelung eines unerhörten Racheaktes gewesen ist, er weiß, daß die fürstliche Dame alles aufbieten wird, doch noch zu siegen, und er ist ihr eifrigster Verbündeter – der Stammtafel der Mainau wird freilich der fürstliche Name mit dem Nimbus der Souveränität einen beneidenswerten Glanz verleihen –«

»Ich frage Sie nochmals: wozu sagen Sie mir das alles?« unterbrach sie ihn plötzlich – sie hatte ihre feste, hoheitsvolle Haltung wieder errungen. »Ich gehe ja freiwillig, wie Sie alle wissen – ich werde der Frau Herzogin und ihrem Verbündeten wenig Mühe machen – aber solange ich den Namen Mainau nicht abgeschüttelt, so lange dulde ich nicht, daß der Mann, dem ich angetraut bin, vor meinen Ohren verunglimpft wird, mag er noch so schuldig sein. Ich bitte, das im Auge zu behalten, Hochwürden ... Uebrigens will ich nicht entscheiden, was schwerer zu verdammen ist, ob der Leichtsinn des Weltmannes oder die Frivolität des Priesters, der, um jenen Frevel wissend, um erschütternden Gebet den Segen des Himmels auf das unwürdige Spiel herabfleht – der eine zertritt Frauenherzen, ganz im Sinne der meisten seiner Standesgenossen, der andere lästert Gott, indem er den Altar zur Bühne herabwürdigt, wo er als glücklich begabter Schauspieler agiert.« – Sie sprach laut, heftig; sie vergaß alle Vorsicht, alle Selbstbeherrschung. »Dieses Schönwerth ist ein Abgrund, und zu Mainaus Ehre sei es gesagt, er weiß es nicht – er geht unbewußt an finsteren Thaten vorüber, die gleichsam die Luft des Schlosses erfüllen; er ahnt nicht, daß die Dokumente, auf welche er sich im guten Glauben stützt, gefälscht sind –« sie verstummte erschrocken; der Hofprediger fuhr mit einer so ausdrucksvollen Gebärde empor, als gehe ihm plötzlich ein Licht auf – blitzschnell griff er in den Kasten, nahm das obenauf liegende Papier und hielt es prüfend in den Lampenschein.

»Sie meinen dieses Dokument, gnädige Frau? Die Gelehrte, die Denkerin hat es mikroskopisch untersucht und hat entdeckt«

»Daß es mit Bleistift vorgeschrieben ist,« sagte sie fest.

»Ganz recht, mit Bleistift ist jeder Buchstabe auf der Fensterscheibe nachgezeichnet und dann mit Tinte überzogen worden,« bestätigte er vollkommen ruhig; »ich weiß das ganz genau, weiß auch, daß es eine mühevolle, nervenangreifende Arbeit gewesen ist, denn ich – ich selbst habe dieses Dokument verfaßt und geschrieben – o, nicht diesen Abscheu, gnädige Frau! Gilt es in Ihren Augen so gar nichts, rührt es Sie nicht, daß ich mich vor Ihnen demütige und rückhaltlos bekenne? ... Sie könnten getrost diese Hand berühren – nicht um Geld und Gut, nicht um irdische Macht und Ehren, sondern in Verwirklichung hoher Ideen hat sie gehandelt ... Hätte ich nicht ebenso erfolgreich diesem letzten Willen irgend eine Schenkung an Kapitalien oder Grundbesitz zu gunsten meines Ordens anfügen können? Baron Mainau glaubt an die Echtheit des Dokuments; er würde auch eine solche Verfügung nicht angetastet haben – und der alte Herr, der Hofmarschall – nun, er hätte aus guten Gründen glauben müssen. – Ein solcher Raub aber lag mir fern – ich wollte nur die zwei Seelen, die heidnische der Mutter für die Taufe, und die des Knaben für die Mission ... Unser Jahrhundert haßt und verfolgt diese selbstlose Hingebung einer glühenden Mannesseele an den Priesterberuf als Fanatismus – man bedenkt nicht, daß eiserne Bande, um einen Feuerkern gelegt, die Flammen zum Himmel lodern machen und –«

»Ketzer verbrennen,« warf sie in eisigem Tone ein und wandte sich ab.

Er zerdrückte den Zettel in der geballten Hand. »Sie lodern nicht mehr,« murmelte er mit erstickter Stimme; – der Mann kämpfte schwer mit einem furchtbaren inneren Aufruhre. »Nicht das inbrünstigste Gebet, nicht die verzweifeltste Selbstkasteiung vermögen sie wieder anzufachen – mich verzehrt eine andere Glut.« – Er streckte ihr die Hand mit dem zerknitterten Papiere hin. »Gnädige Frau, Sie können mich der Fälschung anklagen – mit zwei Worten und diesem überführenden Dokument können Sie Gabriel befreien, mich von meiner vielbeneideten Stellung herabstürzen und mir allen Einfluß, alle Macht rauben, die ich über Hochgestellte besitze – thun Sie es! Ich will stillhalten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – werfen Sie mich meinen zahlreichen Feinden hin – nur gestatten Sie, daß ich – wenn Sie Schönwerth verlassen haben werden – in Ihrer Nähe leben darf!«

Sie sah ihn mit großen Augen wie versteinert an – war er wahnwitzig? ... Ihre schöne Gestalt wuchs gleichsam vor ihm empor. »Sie vergessen, Hochwürden, daß mein Bruder als Patronatsherr von Rudisdorf die Pfarrerstelle nur an protestantische Geistliche vergeben darf,« sagte sie mit leicht bebender Stimme, aber kalt lächelnd über die Schulter zurück.

»Es ist wahr – der Psycholog hat recht, wenn er die kälteste Grausamkeit in diejenigen Frauenköpfe verlegt, die den blonden Glorienschein über der Stirn tragen.« Das kam fast zischend von seinen Lippen. – »Sie sind klug, gnädige Frau, und hochmütig, wie selten eine aristokratisch Geborene, die Fürstenblut in ihren Adern weiß – mit einer einzigen Wendung Ihres schönen Hauptes meinen Sie sich über das ›Gesindel‹ zu stellen, das in den Staub gehört. Mag es Ihnen bei anderen gelingen – bei mir nicht. Ich folge Ihnen Schritt um Schritt; ich hänge mich an Ihre Fersen – nicht um eine Linie ziehe ich die Hand zurück, die ich einmal nach Ihnen ausgestreckt habe, und sollte ich sie dabei verlieren! Schlagen Sie nach mir, treten Sie mich mit Füßen – ich werde alles dulden, schweigend, ohne Gegenwehr, aber abschütteln werden Sie mich nicht ... Meine Kirche verlangt von ihrem Priester, daß er wache und faste, daß er in rastloser Thätigkeit hier wie ein Maulwurf den Boden unterminiere und dort eine Brücke durch die Lüfte schlage – wie ganz anders noch wird mich diese fanatische Hingebung an das Ziel beseelen, bis – Sie mein sind!«

Ungekannte Schauer überliefen sie. Jetzt wußte sie, daß er nicht um ihre Seele für seine Kirche ringe – der eidbrüchige Priester liebte das Weib in ihr. Diese Entdeckung machte ihr fast das Blut gerinnen – sie schüttelte sich vor Entsetzen, und doch, wie die Sünde berückend sein kann, so wirkte diese energische Beredsamkeit, die in erschütternden Lauten alle Kämpfe, Stürme und Leiden der Seele bloßlegte, halb abstoßend, halb magnetisch auf die junge Frau – sie hatte ja noch nie die unverstellte Sprache tiefer, alles vergessender Leidenschaft von Männerlippen gehört ... Las er dieses Gemisch von Grauen und augenblicklichem, halb unbewußten Hinlauschen in dem verstörten Ausdrucke, mit welchem sie das liebliche, tieferblaßte Antlitz ihm zuwandte? Er trat plötzlich unter einem leidenschaftlichen Zurückwerfen des Kopfes auf sie zu und breitete niedersinkend beide Arme aus, um die Kniee der jungen Frau flehend zu umfassen – das grüne Lampenlicht floß grell über das marmorartige Oval seines Gesichts, über den leblosen weißen Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen – ihr war, als zeige ein unsichtbarer Finger auf diesen Fleck als auf ein Kainszeichen – sie floh, während ihre schönen Hände wild nach dem knieenden Manne stießen. »Fälscher!« rief sie heiser und tonlos aus. »Eher will ich drüben im See ertrinken, als daß ich auch nur mein Kleid von Ihren Fingerspitzen berühren lasse.« – Die Hände angstvoll auf die Brust drückend, zog sie die schmiegsamen Schultern eng zusammen, wie ein Kind, das eine entsetzliche Berührung fürchtet und sich doch nicht von der Stelle traut. Sie durfte nicht gehen, solange sie das Dokument in seinen Händen wußte – sie hatte unverantwortlich kopflos ihre Mitwisserschaft verraten.

Der Hofprediger erhob sich langsam. In die plötzlich eintretende atembeklemmende Stille klang heranbrausendes Rädergeroll, und gleich darauf knirschte drunten der Kies unter den Hufen der Apfelschimmel; Mainau kam schon zurück – er mußte wie toll gefahren sein. Bei diesem Geräusch stampfte der Hofprediger mit dem Fuße auf und wandte in sprachlosem Grimme den Kopf nach den verhüllten Fenstern – man sah, er hätte am liebsten den ersten besten schweren Gegenstand ergreifen und zermalmend auf die Equipage und ihren Insassen hinabschleudern mögen.

Die junge Frau schöpfte tief Atem – es war kein Augenblick zu verlieren. »Ich muß Sie bitten, Hochwürden, das Papier wieder an seinen Platz zu legen,« sagte sie, vergeblich bemüht, ihrer Stimme Klang und Festigkeit zu geben.

»Trauen Sie mir das wirklich zu, gnädige Frau? Eine so – stupide Gutmütigkeit?« rief er heiser auflachend. »Sie meinen, Ihr todwundes Opfer habe nicht die Kraft mehr, sich zu wehren? O, ich kann noch denken. Ich will Ihnen sagen, wie Sie rechnen. Sie sind hier heraufgekommen, um sich des wichtigsten Geheimnisses zu bemächtigen – mit dem Mikroskope in der Hand werden Sie Ihrem Gemahle und dem Hofmarschalle beweisen, daß im Hause Mainau ein abscheulicher Betrug, respektive eine Erbschleicherei verübt worden ist. Man läßt Sie selbstverständlich mit diesem Geheimnisse nicht nach Rudisdorf zurückkehren und bittet Sie, zu bleiben ... Was aber erringen Sie damit? Baron Mainau liebt sie nicht, wird Sie nie lieben, schöne Frau – sein Herz gehört trotz alledem und alledem der Herzogin. Jetzt sind Sie ihm noch vollkommen gleichgültig – nach der Entdeckung aber wird er sie hassen, und – sehen Sie, wie selbstlos meine Liebe ist – das will ich verhindern.«

Ehe sie sich dessen versah, hatte er auch den rosenfarbenen Brief der Gräfin Trachenberg ergriffen und stand mittels weniger Sätze am Kaminfeuer. Es half ihr nichts, daß sie aufschreiend nachflog und ihre Hände um den Arm des Mannes, der sie nie berühren sollte, selbstvergessen klammerte – Dokument und Brief lagen inmitten eines Flammenmeeres und sanken eben zu Aschenstäubchen in sich zusammen.

»So, nun klagen Sie mich an, gnädige Frau! Wer nach dem Zettel sucht, wird auch den Brief der Gräfin Trachenberg vermissen, und daß ich ihn verbrannt habe, wird Ihnen niemand glauben.« Er hielt noch die hocherhobene Linke abwehrend vor die Kaminöffnung, obgleich auch nicht der kleinste verkohlte Rest der Papiere liegen geblieben war.

Die junge Frau ließ schlaff ihre Hände von seinem Arme niedersinken – ihr von den Flammen hell angestrahltes Gesicht zeigte eine namenlos schmerzliche Bestürzung. Dem ränkevollen Geiste des Priesters war diese zwar starke, aber zu reine unschuldigsvolle Mädchenseele freilich nicht gewachsen, und wie sie dastand, so blumenhaft zart und schlank, so hilflos, mit erschrockenen Augen in die Glut starrend und die samtweiche Schläfe unbewußt nahe an die Schulter des Mannes geneigt, da sah es aus, als bedürfe es nur einer seiner energischen Bewegungen, um sich ihrer zu bemächtigen – es war wie eine Lähmung über sie gekommen – nur ein tiefer zitternder Seufzer kam wie ein Hauch von ihren Lippen – er streifte die Wange des Geistlichen.

»Gnädige Frau, noch ist es Zeit,« rief er – alles Blut war ihm bei der Berührung aus dem Gesichte gewichen. – »Seien Sie mild und barmherzig gegen mich, und ich gehe sofort zu den Herren von Schönwerth, um zu bekennen.«

Sie trat stolz zurück und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. »Das ist einzig und allein Ihre Sache – handeln Sie, wie Ihnen beliebt!« sagte sie – ihre Stimme klang schneidend, vernichtend. »Ich habe allerdings innig gewünscht, Gabriel zu retten – ich würde mich vielleicht sogar zu einem Fußfalle vor – der Herzogin, um des guten Zweckes willen, haben hinreißen lassen; aber in Gemeinschaft mit einem – Jesuiten zu handeln, das vermag ich nicht ... Ich kann dem Knaben nicht mehr helfen – mag sich sein grausames Geschick erfüllen ... Aber, wahrlich, Deutschland ist im Rechte, wenn es diese Gesellschaft Jesu von seinem Boden verjagt, wenn es endlich die Rute aufnimmt, um die grimmigsten Feinde des patriotischen Sinnes, der geistigen Entwickelung und des konfessionellen Friedens in das Gesicht zu schlagen ... Das war mein letztes Wort an Sie, Hochwürden. Und nun gehen Sie, um die ›Briefintrigue‹ gegen mich einzufädeln – fein, aber mit unvergleichlicher Sicherheit – wie es dem Jünger Loyolas ziemt!«

Sie wandte ihm den Rücken und wollte mit raschen Schritten den Saal verlassen, da wurde seitwärts eine Thür geöffnet, und der Hofmarschall, auf seinen Krückstock gestützt, sah herein.

»Wo bleiben Sie denn, verehrter Freund?« rief er – seine Augen fuhren suchend durch den Salon. »Mein Gott, braucht es denn so lange Zeit, einen Schlüssel abzuziehen?«

Die junge Frau war bei seinem Erscheinen stehen geblieben und wandte ihm voll das Gesicht zu, während der Hofprediger in seiner Stellung am Kamine verharrte und nur seine weißen, vollen Hände gegen die Flammen hielt, als friere er.

Der Hofmarschall stelzte herein; er vergaß, die Thür hinter sich zu schließen, so sehr frappierte ihn die Situation.

»Ei, meine Gnädigste, Sie auch schon hier?« sagte er, den Krückstock vor sich auf das Parkett stemmend. »Oder wie – Sie können doch unmöglich die ganze lange Zeit über in dem halbdunklen Salon verblieben sein – undenkbar bei Ihrer Gewohnheit, jede Sekunde spießbürgerlicherweise thätig auszunützen.«

Urplötzlich, als dämmere eine Ahnung in ihm auf, wandte er den Kopf nach dem Schreibtische mit den Raritätenkästen – das verhängnisvolle Schubfach war noch so weit aufgezogen, daß man meinen konnte, es falle im nächsten Moment aus den Fugen.

Ein langgezogenes »Ah!« kam von den Lippen des alten Herrn. »Wie, meine Gnädigste, Sie haben – gekramt?« fragte er unter einem grausamen Lächeln fast sanft, wie ein gewiegter Untersuchungsrichter, der einen gewandten Angeklagten eben den Stützpunkt verlieren sieht. Er wiegte bedächtig den feinen Kopf. »Impossible – was sagte ich? Diese schönen Hände, diese aristokratischen Hände einer Dame, die so glücklich ist, sich die Enkelin einer Prinzessin von Thurgau nennen zu dürfen, ich sage, solch hochgeborene Hände können sich doch unmöglich so weit herablassen, in dem Eigentume anderer Leute herumzustöbern – fi donc –Verzeihung, meine Gnädigste! Ich habe unpassend gescherzt!«

Er humpelte nach dem Schreibtische, sah in den Kasten, und sich mit der Linken mühsam auf den Stock stützend, warf er suchend die Papiere durcheinander.

Liane kreuzte die Arme krampfhaft fest unter dem Busen – sie sah Furchtbares kommen. Dort der Mann im langen schwarzen Rock bog sich so angelegentlich nach den Flammen hin, als höre er nicht ein Wort von dem, was hinter seinem Rücken vorgehe – er war wohl bereits fertig mit seinem Feldzugsplane.

Der Hofmarschall drehte sich um. »Sie haben auch gescherzt, meine Gnädigste,« rief er und zeigte lachend sein schneeweißes Gesicht. »Sie haben mir einen kleinen Schabernack zufügen wollen. Nicht mehr als billig – ich bin heute der Frau Herzogin gegenüber ein wenig indiskret gewesen – aber ich will künftig artiger sein – ich verspreche es Ihnen. Und nun, bitte, bitte, geben Sie mir mein reizendes Billetdoux zurück, an welchem mein ganzes Herz hängt, wie Sie wissen! – Wie, Sie weigern sich? ... Ich wollte drauf schwören, ich sähe dort aus Ihrer Kleidertasche ein herziges, rosenfarbenes Briefeckchen gucken. – Nein? – Wo ist der Brief der Gräfin Trachenberg, frage ich?« fügte er plötzlich mit völlig veränderter, zornig knurrender Stimme hinzu – im Uebermaße seiner hervorbrechenden Wut vergaß er sich so weit, den Krückstock drohend zu heben.

»Fragen Sie den Herrn Hofprediger!« antwortete die junge Frau mit totenbleichen Wangen.

»Den Herrn Hofprediger? Ist die Gräfin Trachenberg seine Mutter? ... Hm ja, möglicherweise hat er – den kühnen Eingriff belauscht, und Sie appellieren nun an seine Ritterlichkeit und christliche Milde, respektive an seine rettende Hand – aber das hilft Ihnen nichts, schöne Frau. Ich will direkt aus Ihrem  Munde hören, wo der Brief ist.«

Die junge Frau zeigte nach dem Kamine. »Er ist verbrannt,« sagte sie in klanglosem, aber festem Tone. In diesem Augenblicke wandte der Hofprediger zum erstenmal den Kopf ein wenig – er warf einen verstörten, halb wahnwitzigen Seitenblick nach der Sprechenden, der es nicht einfiel, zu dem einzigen Mittel, dem Leugnen, zu greifen.

Der Hofmarschall stieß einen heisern Wutschrei aus und sank, unfähig, sich länger auf seinen kranken Füßen zu halten, in den nächsten Lehnstuhl.

»Und Sie sind Zeuge gewesen, Hochwürden? Sie haben diese Infamie ruhig geschehen lassen?« preßte er zwischen den Zähnen heraus.

»Ich kann Ihnen in diesem Momente nicht darauf antworten, Herr Hofmarschall – Sie müssen erst ruhiger werden. Die Sache liegt doch anders, als Sie annehmen mögen,« versetzte der Hofprediger ausweichend. Er trat vom Kamine weg und kam mit zögernden Schritten näher.

»Nun wahrhaftig, es hat noch gefehlt, daß auch Sie ablenken. Macht denn der ketzerische Geist dort unter den roten Flechten alle Männerköpfe rebellisch? Raoul traue ich schon längst nicht mehr« – er biß sich auf die Lippen; die letzten Worte waren ihm offenbar wider Willen herausgefahren – auf den Hofprediger aber wirkten sie wie ein unerwarteter Schlag in das Gesicht; mit einem Blick voll zornigen Schreckens nach der Zuhörerin hob er rasch die Hand, als wolle er sie auf den unvorsichtigen Mund des alten Herrn legen.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Hofmarschall,« sagte er, in drohendem Warnungstone jedes Wort markierend.

»Mein Gott, ich sprach in bezug auf seinen gut katholischen Glauben,« rief der Hofmarschall ärgerlich.

Der Mann, um dessen »Glauben« es sich eben handelte, kam in diesem Moment die große, mit den byzantinischen Teppichen belegte Haupttreppe herauf. Liane stand der noch immer offenen Thür gegenüber – der stark beleuchtete Gang, welchen sie übersehen konnte, mündete in dem Treppenhause, das auch in einem förmlichen Lichtermeere schwamm. Auf der obersten Stufe blieb Mainau, noch in seinen dunklen Regenmantel gehüllt, einen Moment stehen. Sah er die hellgekleidete Gestalt seiner Frau inmitten des dämmernden Salons? Er war jedenfalls im Begriffe gewesen, nach seinen Zimmern zu gehen – jetzt lenkte er sofort in den Gang ein.

»Aha, da kommt er ja! Sehr gelegen!« sagte der Hofmarschall sichtlich frohlockend bei den sich rasch nähernden, wohlbekannten Schritten – er richtete sich kampffertig im Stuhle auf und rieb sich kichernd die dürren, trockenen Hände aneinander.

»Herr Hofmarschall, ich muß Sie dringend bitten, vorläufig noch zu schweigen,« rief der Hofprediger in seltsam gebietendem, halbem Flüsterton, dem man aber doch die Angst anhörte.

Aber da stand Mainau schon auf der Schwelle. »Soll ich's nicht wissen, Hochwürden?« fragte er schneidend – sein scharfes, argwöhnisches Ohr hatte den Zuruf erfangen. Durchbohrend glitt sein flammender Blick von dem Geistlichen hinweg auf das Gesicht der jungen Frau. »Ein Geheimnis also – ein Geheimnis zwischen dem Herrn Hofprediger und – meiner Frau, das du nicht verraten sollst, Onkel?« setzte er mit langsamem Nachdruck hinzu. »Ich muß gestehen, das könnte mich lebhaft interessieren. Ein Geheimnis zwischen einem strengkatholischen Priester und einer ›Ketzerin‹ – wie pikant! ... Rate ich recht, interessante Bekehrungsversuche, Onkel?«

»Denke nicht dran, Raoul – unser Hofprediger ist viel zu klug und verstandesüberlegen, um sich nicht zu sagen, daß da Hopfen und Malz verloren ist – die Frau Baronin ist ja nicht einmal protestantisch ... Nein, mein Freund, das Geheimnis gehört der Gnädigen ganz allein, und der Hofprediger, der es unfreiwillig belauscht, ist so ritterlich und christlich, sie nicht kompromittieren zu wollen ... Auch ich würde geschwiegen haben – mein Gott, man ist und bleibt ja doch Kavalier – aber was soll ich dir nun sagen? Mein Kopf ist viel zu unbeholfen und auch zu alt, um rasch ein Märchen zu erfinden –«

»Zur Sache, Onkel!« rief Mainau mit harter, gepreßter Stimme – sein Gesicht mit den krampfhaft nach innen gezogenen Lippen und den wie im Fieber glimmenden Augen war furchtbar anzusehen.

»Nun ja doch – es ist rasch erzählt. Du hast den Schlüssel am Schreibtisch stecken lassen, just an dem Kasten, in welchem der Brief der Gräfin Trachenberg lag. Ich muß mich freilich anklagen, die Frau Baronin allzuhäufig mit dem kleinen, interessanten Aktenstück geneckt zu haben, und da hat sie wohl gemeint, es sei doch besser, wenn es eines schönen Tages für immer verschwinde ... Sie war allein hier im Salon, hat den günstigen Zufall benutzt und meinen kleinen Liebling, das hübsche, rosenrote Briefchen in – das Kaminfeuer geworfen – eh, was sagst du dazu? ... Es war nur sehr fatal, daß ich kurz vorher das Fehlen des Schlüssels bemerken mußte – der Herr Hofprediger erbot sich, ihn mir zu holen, und so hat ihn seine Gefälligkeit zum unfreiwilligen Zeugen des Autodafees gemacht. Als ich, über sein allzulanges Ausbleiben beunruhigt, hier plötzlich eintrat, da stand mein verehrter Freund in sichtlicher Bestürzung noch am Kamin, und die Frau Baronin macht zu spät den Versuch, vor mir zu fliehen ... Sieh' hin! Das offenen Schubfach sagt genug.«

Die junge Frau, die den drohenden Sturm nun völlig entfesselt auf sich losstürzen sah, ließ jetzt das Taschentuch sinken, das sie an ihre Lippen gepreßt hatte, und trat mit entfärbtem, fast wachsweißem Gesichte ihrem Mann einen Schritt näher.

»Lasse das, Juliane!« sagte er kalt wie Eis, indem er zurückwich und die Rechte, Schweigen gebietend, erhob. »Der Onkel beurteilt die Sachlage von seinem vorurteilsvollen kurzen Gesichtspunkt aus – du hast das Papier nicht berührt – ich weiß es, und wehe dem, der es wagt, diese gemeine Beschuldigung zu wiederholen! ... Dagegen muß ich mein Befremden aussprechen, dich zu dieser Zeit hier zu sehen –«

»Aha – wir gehen von ein und demselben Punkte aus,« lachte der Hofmarschall kurz auf.

»Die Theestunde ist noch fern –« fuhr Mainau fort, ohne den Einwurf zu beachten – »bei dieser armseligen Beleuchtung kannst du unmöglich gestickt haben – ich sehe auch weder deinen Arbeitskorb, noch ein Buch, das auf irgend eine Beschäftigung schließen ließe – du bist ferner stets die Erste, die geht und sich in ihre Appartements zurückzieht, und die Letzte  beim Wiedererscheinen aller. Ich wiederhole, aus allen diesen Gründen befremdet mich deine Anwesenheit hier höchlichst, und ich kann sie nur so erklären: Es ist irgend eine Aufforderung an dich ergangen, hierher zu kommen, und – du bist ihr gefolgt. Juliane – der Vogel hat also doch den Kopf in die Schlinge gesteckt, und ich gebe ihn verloren, unrettbar verloren. Du bist an die Hand gefesselt, die, sicher ohne deine Billigung und wohl auch zu deinem eigenen Schrecken, dir den Liebesdienst erwiesen hat, den kompromittierenden Brief zu verbrennen ... Gefallen bist du noch nicht, aber verloren dennoch – warum bist du gekommen?«

»Was soll denn das heißen, Raoul? Was sprichst du da für tolles Zeug?« rief der Hofmarschall ganz verblüfft.

Mainau lachte auf, so bitter und so schallend, daß es von den Wänden widergellte. »Lasse dir's vom Herrn Hofprediger übersetzen, Onkel! – Er hat so lange die fetten Karpfen in das große römische Fischernetz getrieben, daß es ihm nicht zu verdenken ist, wenn er auch einmal auf eigene Faust fischt und ein schönes, schlankes Goldfischlein für sich behalten will ... Hochwürden, Ihr heiliger Orden leugnet zwar in neuester Zeit den oft citierten Grundsatz ›der Zweck heiligt die Mittel‹. Möglich, daß er aus Vorsicht niemals niedergeschrieben worden ist – desto energischer wirkt er als zugeflüstertes Losungswort, und ich mache Ihnen mein Kompliment darüber, wie Sie diese kostbare Abfindung mit dem Gewissen auch im Privatinteresse zu verwerten wissen – oder sollen wirklich die schönen Lippen dort lediglich den Rosenkranz beten?«

»Ich muß gestehen, ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, Herr Baron,« versetzte der Hofprediger vollkommen unbefangen. Er hatte Zeit gefunden, eine imponierend ruhige, ja herausfordernde Haltung anzunehmen, wenn auch die rachefunkelnden Augen in dem fahlgewordenen Gesicht durchaus nicht auf inneren Gleichmut schließen ließen.

»Possen – ich verstehe absolut nicht, wo du hinaus willst, Raoul,« sagte der alte Herr, ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her rückend.

»Ich weiß es, Mainau,« murmelte die junge Frau wie vernichtet – dann streckte sie plötzlich mit einer stummen Gebärde die Arme gegen den Himmel – ihr war, als stürze mit der Erkenntnis verzehrendes Feuer auf sie herab.

»Komödie!« sagte der Hofmarschall mit seiner scharrenden Stimme und wandte indigniert den Kopf zur Seite – aber der Hofprediger trat mit dröhnenden Schritten vor ihn hin.

»Versündigen Sie sich nicht, Herr Hofmarschall!« warnte er streng und gebieterisch. »Diese arme, gequälte junge Dame steht unter meinem Schutze. Ich leide nicht, daß man die himmlische Reinheit ihrer Seele –«

»Kein Wort weiter, Herr Hofprediger!« rief Liane empört mit flammenden Augen. »Sie wissen doch, daß ich mich ›mit einer einzigen Wendung meines Hauptes über das Gesindel stelle, das in den Staub gehört‹ – Sie wissen, daß ich ›hochmütig bin, wie kaum eine aristokratisch Geborene, die Fürstenblut in ihren Adern weiß‹ – Ihre eigenen Worte von vorhin, Herr Hofprediger! – Und dennoch wagen Sie es, unaufgefordert sich zu meinem Verteidiger aufzuwerfen? Sagen Sie sich nicht selbst, daß die Gräfin Trachenberg eine solche Aufdringlichkeit nicht duldet, sondern gebührend zurückweist? ... Da steht der Schauspieler, der Komödiant ohnegleichen, Herr Hofmarschall!« – sie streckte die Hand gegen den Geistlichen aus. – »Werden Sie mit ihm fertig – lassen Sie sich von ihm die Vorgänge hier im Salon erklären, wie es ihm und Ihnen am bequemsten ist! Ich halte es für verlorenen Mühe und auch meiner selbst nicht würdig, Ihnen gegenüber zu meiner Verteidigung auch nur die Lippen zu öffnen.«

Sie wandte sich rasch ab und blieb vor ihrem Manne stehen – sie standen Auge in Auge. »Ich gehe, Mainau,« sagte sie – so energisch und fest sie eben noch gesprochen, jetzt mischte sich eine Art Schluchzen in die Töne. »Vor wenigen Tagen noch hätte ich Schönwerth verlassen können, ohne auch dir gegenüber ein Wort zu meiner Ehrenrettung zu verlieren – heute ist das anders – seit ich einen tieferen Blick in deinen Geist gethan, bin ich ihm näher getreten; ich achte ihn, wenn ich mich auch in diesem Augenblicke wieder zu meinem Schmerze überzeugen muß, wie schwach und verblendet du sein kannst, und wie vergiftet deine Anschauungsweise ist, daß du nicht mehr an den Abscheu vor der Sünde in der Seele anderer zu glauben vermagst ... Ich selbst kann dir freilich den wahren Sachverhalt weder sagen noch schreiben – aber ich habe ja Geschwister – durch sie sollst du von mir hören.«

Sie schritt durch den Saal nach dem Ausgange.

»Um Gotteswillen, keinen Skandal, Raoul! – Du wirst doch dieser abgefeimten Intrigantin nicht glauben? – Bei dem Andenken deines Vaters beschwöre ich dich, lasse dich nicht hinreißen gegen den bewährten, treuen Freund unseres Hauses! O Gott – liebster, bester Hofprediger, führen Sie mich fort – schnell – in mein Schlafzimmer! Mir ist sehr unwohl,« hörte die junge Frau den Hofmarschall angstvoll und gellend aufschreien, als die Thür hinter ihr zugefallen war.

In der That, da war ein Komödiant des anderen würdig! Dieses fingierte Unwohlsein war die Flagge, unter welcher der Herr Hofmarschall seinen Freund, seinen Vertrauten vor einem Zusammenstoß mit dem aufgeregten Neffen in sein Schlafzimmer rettete.

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