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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 8
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
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Siebentes Kapitel

Das Telegramm

Während in der Villa des Advokaten völlige Stille herrscht, der Advokat in sein ewiges Aktenstudium vertieft ist, und seine Frau träumend auf dem Diwan im Nebenzimmer liegt, stirbt der Lärm der leuchtenden Feste nach und nach hin. Die Feuer verlöschen. Es wird dunkler und dunkler; aber die Dunkelheit vermischt sich mit einem schwachen Dämmern des kommenden Tages. Der Advokat kann mit knapper Not einen Lichtstreifen durch die oberen Fensterscheiben erspähen, wenn er, was selten geschieht, gedankenvoll von seinen Papieren aufblickt.

Da wird er plötzlich aufmerksam und lauscht. Er hört etwas, stutzt und verharrt eine Weile ganz unbeweglich. Plötzlich fährt er auf. Ja, es ist kein Zweifel mehr. Da ist jemand draußen. Der Advokat erhebt sich, nimmt die Lampe vom Tisch, und nachdem er noch einmal gelauscht hat, nähert er sich der Tür. (Hier muß eingeschoben werden, daß sein Arbeitszimmer das mittlere von den drei Zimmern im Erdgeschoß der Villa ist. Um in den Garten hinauszukommen, muß er also erst durch das Verandazimmer. Von dort führt eine breite Flügeltür zu der großen Gartentreppe hinaus.) Der Advokat öffnet diese Tür und geht bis an die Treppe. Er hält die Lampe in seiner erhobenen Hand. Indem er sich aufmerksam umsieht, ruft er:

»Ist da jemand.«

Keine Antwort.

Der Advokat versucht mit seinem Blick die Dunkelheit zu durchdringen, aber er sieht nur die tiefen und dichten Schattengruppen der Bäume. Noch, einmal ruft er, ob jemand da ist; als er aber keine Antwort bekommt, geht er wieder kopfschüttelnd hinein, indem er die Verandatür sorgfältig hinter sich verschließt.

Er nimmt wieder am Schreibtisch Platz, und von jetzt ab wird er durch nichts mehr gestört.

Hier muß ich wieder den Wortlaut von Asbjörn Krags Notizen zitieren. An den Rand seines Manuskriptes hatte er geschrieben:

»Die Apachen waren draußen. Sie lagen im Gras oder unterhalb der Villamauer verborgen. Hatten sie Frau Gades Juwelen gesehen, als sie sie vor kurzem abnahm und in den eisernen Geldschrank legte?«

Tags darauf ist strahlendes Sonnenwetter. Die junge Frau scheint ihre kleine Unpäßlichkeit vom Tag vorher ganz überwunden zu haben. Der Polizeileutnant kommt auf Besuch und bringt ein Bukett der schönsten Blumen aus dem Garten des Hotels mit. Es ist nach dem Frühstück, das der Advokat und seine Frau im Garten eingenommen haben. Nach dem Frühstück greift der Advokat wieder nach seinen Papieren. Es ist überhaupt erstaunlich, wie er alles beiseite schieben kann, wenn eine Sache ihn interessiert. Er sieht wohl, daß seine Frau sich langweilt, er weiß, daß sie Wert darauf legen würde, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen, und er sagt ihr auch, daß er das alles weiß; leider aber ist diese Sache so eilig. Es ist die Sache der Grundeigentümerbank.

In diesem Moment erscheint der Leutnant mit seinen Blumen. Er kommt wie ein rettender Engel, und als er hört, daß Frau Sonja einen Spaziergang machen möchte, bietet er sich begeistert als Begleiter an. Die beiden verschwinden in lebhaftem Gespräch über den sonnenbeschienenen Gartenweg, während der fleißige Jurist sich wieder über seine Papiere beugt. Bevor die beiden aber ganz fort sind, hebt er den Kopf und sieht ihnen nach. Wieder ist in seinem männlichen Gesicht das Stutzen von gestern auf dem Ball im »Hotel Trinacria«; dann aber verschwindet dieser Ausdruck, und ein hübsches Lächeln kräuselt seine Lippen. Er glaubt an seine Frau.

Die Uhr geht auf zwei, und das Mädchen bringt ihm ein Telegramm.

Aber bevor sich dieses ereignet, ist etwas anderes geschehen. Man muß bedenken, daß Asbjörn Krag, als er seine Aufzeichnungen niederschrieb, den ganzen Gang dieser merkwürdigen Ereignisreihe kannte. Darum konnte er die einzelnen Auftritte mit dem vergleichen, was gleichzeitig an anderen Orten geschah, und auf diese Weise Zusammenhang in das Ganze bringen. Bevor Asbjörn Krag von dem Empfang des Telegramms erzählt, notiert er darum, daß die beiden Apachen vormittags mit einem frühen Zug nach Kopenhagen fuhren. Der eine kehrte gleich zurück, während der andere sich in einer besonderen Angelegenheit in die Stadt begab. Es war der Apache mit dem blauseidenen Halstuch, der zurückkehrte. Der andere hielt sich genau 12 Uhr 30 auf dem Telegraphenamt auf, von wo er folgendes Telegramm an Advokat Gade sandte:

»Kommen Sie sofort zur Stadt. Ihre Anwesenheit in Angelegenheit Grundeigentümerbank notwendig.«

Dies Telegramm war es, das der Advokat um 2 Uhr empfing; und es setzte ihm nicht im geringsten in Erstaunen. Die betreffende Affäre war so verwickelt und brachte so viele Überraschungen, daß der plötzliche Ruf nach Kopenhagen ihm keineswegs auffallend erscheinen konnte. Er las also das Telegramm, legte es beiseite und begann den Fahrplan zu studieren. Es zeigte sich, daß vor 5 Uhr kein Zug nach Kopenhagen ging. Er mußte also eine Weile warten, bevor er fahren konnte. Er würde dann um 8 Uhr in Kopenhagen sein, früh genug, um noch eine Unterredung mit seinem Bürochef zu haben. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß dieser das Telegramm geschickt hatte.

Beim Mittagessen teilte der Advokat seiner Frau mit, daß er notwendig zur Stadt müsse. Gleichzeitig gab er telephonisch ein Telegramm an den Bürochef auf, daß er etwas nach 8 Uhr in seinem Kontor zu treffen sei. Er hatte die Freude zu beobachten, daß seine Frau bei der Aussicht, daß er sie wieder verlassen wollte, sehr verdrießlich wurde.

»Wie lange bleibst du fort?« fragte sie.

»Nur bis morgen,« antwortete er. »Ich komme so schnell wie möglich zurück und hoffe, daß ich es einrichten kann, von morgen ab lange hier draußen bei dir zu bleiben.«

Mit diesen Worten trennten sie sich. Sie begleitete ihn zum Bahnhof.

Was ist nun zwischen Frau Sonja und dem Polizeileutnant vorgegangen? Als Frau Sonja, nachdem sie ihren Mann begleitet hatte, zurückkehrte, traf sie den Polizeileutnant und machte mit ihm einen Spaziergang.

Später, am Nachmittage, um 6 Uhr etwa, trafen sie sich auf der Strandpromenade, und während sie in ihrem Strandstuhl am Meeresufer saß, lag er im Sand zu ihren Füßen und las ihr aus dem neuesten französischen Roman vor. Lauschte sie seiner Vorlesung, träumte sie? Woran dachte sie? Sie freute sich jedenfalls an seiner Gesellschaft, man könnte ihren Gemütszustand vielleicht am besten mit dem einfachen Satz ausdrücken: Jetzt langweilte sie sich nicht mehr. Wir wissen nicht, was sie miteinander gesprochen haben. Wir stehen nur vor der Tatsache, daß er und sie sich einig wurden, sich um Mitternacht wieder zu treffen, und daß die Begegnung in der Villa stattfinden sollte.

Man kann sich hier zwei Möglichkeiten denken, und aus Asbjörn Krags Aufzeichnungen geht hervor, daß er beide Eventualitäten in Betracht gezogen hat. Entweder hat unser Freund, der Polizeileutnant, Erfolg mit seiner Kurmacherei gehabt, oder sie hatten von dem Geheimnis des Apachen mit dem Halstuch gesprochen, und sie hat sich entschlossen, ihm zu erzählen, was sich hinter diesem Geheimnis verbarg, und vielleicht seinen Beistand gesucht. Helmersen hat sich weder zu Asbjörn Krag noch zu jemand anderem über diese Sache äußern wollen. Aus dieser Verschwiegenheit kann, man möglicherweise auf das Richtige schließen.

Während all dies geschah, rollte der Advokat zur Stadt. Erst mit der Lokalbahn zur nächsten Provinzstadt, von dort mit dem Eilzug nach Kopenhagen. Dort kam er zur bestimmten Zeit, um 8 Uhr, an. Sein Bürochef erwartete ihn.

Anfangs sprachen sie von ganz allgemeinen Sachen, plötzlich aber wird der Advokat bei einer Äußerung des Bürochefs aufmerksam und fragt erstaunt:

»Aber mein Gott, haben Sie mir denn nicht das Telegramm geschickt?«

»Welches Telegramm?« fragt der Bürochef, ebenfalls sehr erstaunt.

Der Advokat wiederholt jetzt den Wortlaut des Telegramms, das er bekommen hat, und der Bürochef schwört darauf, daß er dieses Telegramm niemals abgeschickt habe. Außerdem liegt in der Banksache gar nichts vor, was die plötzliche Reise des Advokaten nach Kopenhagen notwendig gemacht hätte. Die beiden Männer sehen sich an, und keiner von ihnen vermag gleich zu fassen, daß hier eine Mystifikation vorliegen muß. Sie überlegen eine Weile, ob irgend eins der Büros, das mit ihnen in Verbindung steht, dieses Telegramm geschickt haben kann, kommen aber zu dem Resultat, daß es nicht der Fall sein könne. Der Advokat bittet den Bürochef, ihn allein zu lassen. Er muß die Sache durchdenken.

Während er in seinem Stuhl sitzt und ratlos vor sich hinstarrt, gleitet ein Bild durch seine Erinnerung, das er kürzlich gesehen hat. Er sieht, wie die beiden zwischen den sonnenbeglänzten Bäumen des Gartens spazieren gehen, seine Frau und sein junger norwegischer Freund. Dem Advokaten wird es plötzlich heiß. Er springt heftig auf und beginnt im Zimmer auf und ab zu schreiten. Merkwürdige Gedanken ziehen durch sein Gehirn. Er sieht die beiden wieder vor sich, plaudernd, in fröhlicher Stimmung. Sollte es dennoch möglich sein, denkt er, daß eine Vertraulichkeit zwischen ihnen entstanden ist? Im nächsten Augenblick aber lächelt er; er kann, noch will es glauben. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. Dann setzt er sich wieder und beginnt von neuem zu überlegen.

Advokat Aage Gade hatte in früheren Zeiten, als er Richter am Kriminalgericht war, so viel mit Verbrechersachen zu tun gehabt, daß er sich gleich folgendes sagen kann:

Wenn ein Mann ein Telegramm bekommt, das ihn von einem bestimmten Ort abruft, und wenn dieses Telegramm sich als falsch erweist, so kann das einzig und allein bedeuten, daß es einen oder mehrere Personen gibt, denen daran gelegen ist, ihn zu einem gewissen Zeitpunkt oder während eines gewissen Zeitraumes von diesem Ort zu entfernen.

Wer, dachte er, kann Interesse daran haben, mich heute abend vom »Hotel Trinacria« und dem Badeort fernzuhalten?

Zuerst dachte er an den Polizeileutnant. Von ihm glitt der Gedanke ganz selbstverständlich zu Sonja. Aber wieder schlug er sich diesen Verdacht kopfschüttelnd aus dem Sinn.

Da glitt ein neues Bild durch seine grübelnden Gedanken.

 

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