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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 6
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Fünftes Kapitel

Die Notizen

Als der Polizeileutnant Frau Sonjas bittende Augen sah und gewahr wurde, wie eine plötzliche Blässe, einem kalten Windhauch gleich, über ihr Gesicht fuhr, wurde es ihm plötzlich klar, daß sie ein Geheimnis habe.

Er konnte nicht leugnen, daß diese Entdeckung ihn auf eine gewisse Weise erfreute. Wenn sie ein Geheimnis hatte, das ihr Mann nicht wissen durfte, dann war er ja auf eine Weise ihr Mitwisser, und dadurch war gleich eine Art vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen geschaffen. Das würde ihm Veranlassung geben, häufiger mit ihr zusammenzukommen. Sie konnten Blicke wechseln, die nur sie allein verstanden – eine bezaubernde Aussicht für einen Verliebten.

Im übrigen war der berühmte Advokat sehr froh über die Begegnung mit seinem norwegischen Freund. Er wollte sich so gern, sagte er, für seine Liebenswürdigkeit in Christiana erkenntlich zeigen und lud ihn deshalb für den Abend ein. Der Polizeileutnant nahm die Einladung blitzschnell an, aber er hatte die Enttäuschung zu sehen, wie ein gewisser Verdruß sich auf Frau Sonjas hübschem Gesicht spiegelte. Sie gingen plaudernd zusammen bis zur Gitterpforte der Villa; der Polizeileutnant hatte erwartet, daß man ihn gleich mit hineinbitten würde, weil es doch schon bald Abend war. Statt dessen streckte ihm die gnädige Frau liebenswürdig die Hand entgegen, und er hörte sie sagen:

»Wir erwarten Sie also heute abend um 9 Uhr und freuen uns sehr Sie zu sehen.«

Der Advokat schien über den schnellen Abschied erstaunt, aber er streckte die Hand aus und sagte:

»Na ja, dann leben Sie wohl so lange.«

Helmersen, unser ausgezeichneter Polizeileutnant, ging etwas enttäuscht, aber doch glücklich nach Hause.

In seinem Hotelzimmer verbrachte er den größten Teil der Zeit vorm Spiegel. Welchen Anzug und welchen Schlips sollte er wählen? Wäre er in der Stadt gewesen, hätte er nicht nachzudenken brauchen. Hier draußen auf dem Lande aber konnte er unmöglich Gesellschaftstoilette anlegen. Er wählte einen blauen Jackettanzug. Auf den Schlips verwandte er besondere Sorgfalt.

Hier müssen wir unseren Freund, den Polizeileutnant, vorläufig verlassen.

Der erste Abschnitt von Asbjörn Krags Aufzeichnungen über diese merkwürdige Sache schließt nämlich damit, daß der Polizeileutnant vorm Spiegel steht. Krag hat in Parenthese hinzugefügt: »Rostbrauner Schlips.« Solche unwesentliche Kleinigkeit würde er sich nicht erlaubt haben, wenn sich nicht irgend eine Bedeutung daran knüpfte. Darum wollen auch wir uns erinnern, daß der Polizeileutnant an jenem ersten Abend beim Advokaten einen rostbraunen Schlips trug.

Der folgende Teil von Asbjörn Krags Aufzeichnungen, die Mitte des ganzen Werkes, ist ziemlich schematisch und zum Teil ganz rätselhaft. Er vergißt verschiedene Umstände mitzuteilen, die Helmersens Verbindung mit dem Advokaten und sein wachsendes Interesse für die schöne Frau Sonja näher beleuchten könnten.

Dagegen fügt er Kleinigkeiten hinzu, deren Wichtigkeit ganz unbegreiflich erscheint. Diese kleinen Notizen sind sehr schwer zu deuten gewesen. Wie das Vorhergehende eine novellistische Ausgestaltung von Krags recht ausführlichen Mitteilungen war, muß das Folgende im wesentlichen eine auf Schlüssen beruhende Ausgestaltung des interessanten Teiles von Asbjörn Krags Manuskript bleiben.

Am meisten scheinen den berühmten Detektiv die Verhältnisse des Advokaten Aage Gade interessiert zu haben.

Wir finden verschiedene Aufklärungen über ihn, die ein klares Bild von ihm zu diesem Zeitpunkt geben:

Ein angesehener Advokat, der an großen Geschäften beteiligt war, und der diese Geschäfte mit großem und wachsendem Interesse führte.

Wie die meisten Kopenhagener Rechtsanwälte stand er mit gewissen angesehenen Aktiengesellschaften in Verbindung, entweder als juristischer Ratgeber, als Direktionsmitglied, Revisor oder dergleichen.

Abgesehen davon, daß Aage Gade Privatvermögen besaß, müssen seine Einnahmen aus diesen Geschäften recht bedeutend gewesen sein. Krag führt in Parenthese eine Summe an: 40 000 Kronen, setzt aber ein Fragezeichen dahinter.

Als erste Tatsache wird also festgestellt, daß Advokat Aage Gade ein ökonomisch vollständig unabhängiger Mann ist.

Darauf kamen Notizen, die bezeugten, daß er ein hervorragender Jurist war. Krag hatte hier anscheinend Archivstudien in der dänischen Gerichtszeitung gemacht (dem offiziellen dänischen Gerichtsjournal). Er zählt verschiedene Sachen auf, die Gade beim höchsten Gericht geführt – und zwar mit entschiedenem Erfolg geführt hat.

Zwischen diesen Notizen stehen einige merkwürdige und anscheinend ganz sinnlose Mitteilungen über die Villa des Advokaten in dem Badeort, und über seinen Landaufenthalt überhaupt.

Um von diesem Sammelsurium einen Begriff zu geben, dessen leitender Grundgedanke Asbjörn Krag sicherlich klar vor Augen gestanden hat, teilen wir hier einige von diesen Notizen mit.

24. Mai. Der Advokat und seine Frau besuchen den Badeort.

27. bis 29. Mai. Plädoyer beim höchsten Gericht in der Affäre Bülowstraße 13.

30. Mai. Reise nach Esbjerg wegen der westindischen Dampfschiffahrtsgesellschaft.

usw. usw.

Und dann kommt:

20. Juni. Aufbruch nach dem Badeort. Von jetzt ab hält Frau Sonja sich in der Villa auf.

22. Juni. Der Advokat in der Stadt.

23. Juni. Der Advokat in der Villa.

25. bis 27. Juni. Plädoyer beim höchsten Gericht.

27. bis 30. Juni. Der Advokat in der Villa.

1. Juli. Der Advokat gewinnt die Glamsberg-Sache beim höchsten Gericht.

3. Juli. Generalversammlung im Yachtklub. (Der Advokat zugegen.)

4. Juli. Sitzung im Touristenverein. (Der Advokat zugegen.)

Hier kommt eine Unterbrechung in Asbjörn Krags Notizen, die dem so trockenen und prosaischen Polizeimenschen gar nicht ähnlich sieht.

Er schreibt folgendes:

»Es ist als sicher zu betrachten, daß der Advokat seine Frau liebt, und daß sie ihn liebt.

Dann kommt wieder:

5. und 6. Juli. Der Advokat in der Villa.

7. bis 8. Juli. Der Advokat in Kopenhagen usw.

Aus all diesem kann man schließen, daß der Advokat ein sehr beschäftigter Mann war, dessen Landaufenthalt häufige Unterbrechungen erfuhr.

Bei flüchtiger Betrachtung bekommt man aus Krags Papieren den Eindruck, als ob ein Privatdetektiv das Tun und daß Lassen eines Ehemannes ausspioniere. Es kann indessen nicht bezweifelt werden, daß er schon jetzt von weitem eine bestimmte Linie in einer Untersuchung verfolgte, die zu merkwürdigen Resultaten führen sollte.

Von Frau Sonja heißt es irgendwo in den Notizen:

»Langweilt sie sich?«

Über den Polizeileutnant wird nur gesagt, was er sich nach seiner ersten Begegnung mit dem Advokaten am Bahnhof vorgenommen hatte. Hieraus geht hervor, daß Asbjörn Krag ihn einzig und allein für eine Nebenperson gehalten hat – eine gleichgültige Person, die durch einen reinen Zufall in ein sonderbares Spiel verwickelt wurde, eine gewisse Bedeutung dadurch bekam und wieder verschwand, während das Spiel fortgesetzt wurde.

Es ergibt sich, daß der Polizeileutnant viel in Gades Villa verkehrt hat. Er hat Frau Gade mit Konversation und Spaziergängen unterhalten, während der Advokat von seinen ewigen Geschäften in Anspruch genommen war.

Denn der Advokat war von Geschäften in Anspruch genommen und nicht nur, während er sich in Kopenhagen aufhielt.

Auch wenn er in der Villa war, breitere er seine Papiere um sich aus und trieb Aktenstudien. Er versuchte immer wieder seine Frau für seine Sachen zu interessieren, und sie hörte ihm geduldig zu, aber was er sagte, ging ihr in das eine Ohr hinein und zum anderen hinaus.

Dagegen wollte sie gern mit ihrem Mann an den Vergnügungen teilnehmen, die der Badeort bot: Tanz, Abendunterhaltung, Ausflüge, Feste, Konzerte. Dazu war er entschieden nicht aufgelegt. Der Advokat liebte es nicht, unter Menschen zu gehen. Darum hatte er seine Sommervilla auch an einem ziemlich entlegenen Platz gebaut. Der Polizeileutnant war häufig Sonjas Kavalier, aber er hatte immer den Eindruck, daß er nur ein Notbehelf war und die schöne Frau viel lieber mit ihrem Mann gegangen wäre.

Auf einem ihrer Spaziergänge wagte der Polizeileutnant eine Anspielung auf das Geheimnis, das die junge Frau, wie er wußte, bedrückte.

Aber sie schüttelte nur den Kopf.

»Warum,« fragte er, »darf Ihr Mann nichts von dem Auftritt wissen, bei dem wir uns kennen lernten?«

»Davon darf er nichts erfahren,« sagte sie, »eine andere Antwort kann ich Ihnen nicht geben. Fragen Sie um Gottes willen nicht weiter.«

(Merkwürdig war es, daß Asbjörn Krag hier in seinen Notizen hinzufügte: »Langweilt sie sich?«)

So vergingen ungefähr vierzehn Tage.

Da kam der Abend, an dem in der Gegend gleichzeitig zwei Feste abgehalten wurden.

Ball im Badehotel »Trinacria«, Eintritt 20 Kronen.

Und gleichzeitig Tanz in der Kneipe »Babylon« der düsteren Kneipe im Dorf, die der Polizeileutnant schon früher bemerkt hatte.

Am Tanzfest in »Trinacria« nahm unter anderen teil: der Advokat (ausnahmsweise) mit seiner Frau und dem Polizeileutnant.

Am Tanzfest in »Babylon« nahm unter anderen teil: der Mann mit dem blauseidenen Halstuch.

 

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