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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 43
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Ein Schuß um drei Uhr nachts

Der Apache ging mit ausgebreiteten Armen auf Frau Sonja zu, und als er ihr ganz nahe war, wiederholte er:

»Ich liebe dich noch immer.«

Sie zog sich mehr und mehr von ihm zurück, aber er folgte ihr, indem er auf seine merkwürdige Weise lächelte. Es sollte freundlich und entgegenkommend sein, wurde aber grausam und triumphierend.

Von dem Augenblick, wo der Apache ins Zimmer getreten war, hatten Krags Augen ihn scharf beobachtet. Als er sah, daß der Apache seinen Mantel über einen Stuhlrücken warf, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als ihn beiseite zu legen. Wenn der Apache in diesem Augenblick für etwas anderes Blick gehabt hätte, als für Frau Sonja, würde er sich darüber gewundert haben, daß Krag den Mantel so auffallend lange behielt und in den Taschen wühlte.

Indessen war Frau Sonja bis in die entfernteste Ecke des Zimmers zurückgetrieben worden. Sie flüchtete vor dem Menschen wie vor einem Tier, und helles Entsetzen leuchtete ihr aus den Augen. Der Apache sah dieses Entsetzen, stutzte und blieb stehen. Er sah sie lange an und schüttelte dann bedenklich den Kopf.

»Wie du dich verändert hast!« sagte er. »Früher warst du ganz anders. Du bist nie feige gewesen. Du warst tapfer. Fürchtest du mich jetzt?«

»Ja,« flüsterte sie, »ich fürchte mich vor dir.«

»Du glaubst, daß ich grausam und herzlos bin,« sagte der Apache, »weil du gegen mich bist und nicht mehr mit mir. Wenn du wieder meine Sonja werden, mit mir reisen, immer um mich sein und mir bei meiner Arbeit helfen willst, dann werde ich vergessen, was du mir und den andern getan hast.«

»Dir bei deiner Arbeit helfen,« murmelte sie, indem sie zusammenschauerte, »das hieße zum Verbrechen zurückkehren. Lieber gehe ich freiwillig in den Tod.«

Er lachte. Und bei diesem Lachen fuhr sie zusammen und ließ sich auf einen Stuhl gleiten, das Gesicht in den Händen verbergend.

Er sagte:

»Ich glaube nicht mehr an dich, ich glaube nicht, daß du den Tod suchst. Du hast die Welt schon einmal mit dieser Komödie betrogen. Ich glaube auch nicht an deinen Schmerz. Ich kenne dich, du vergißt, wie wir in alten Zeiten dein Schauspielertalent bewunderten. Hör' mich an, Kleine, heb' den Kopf! Wenn du es nicht anders willst, gut, dann laß uns die Sache geschäftsmäßig behandeln!«

»Ich habe keine Komödie gespielt,« sagte sie, »ich habe für Mann und Kind gekämpft. Kennst du denn kein Erbarmen?«

Er ging auf sie zu und legte ihr drohend den Zeigefinger aufs Haar. Sie zuckte bei der Berührung zusammen.

»Kanntest du Erbarmen?« sagte er drohend. »Denk' an unsere Freunde, die sich auf dich verließen, und die du verraten hast! Verräterin! Ein schlimmeres Wort gab es nicht für uns, und wer uns verriet, war unserer Rache sicher.«

»Aber ihr wurdet ja alle Verbrecher, gemeine, boshafte Verbrecher.«

»Unsinn. Wir wollten uns nur nicht länger mit leeren Redensarten begnügen. Wir wollten handeln. Und anfangs warst du ja mit uns einig. Dann aber fiel dir ein, daß es noch eine Welt in Reichtum und Behaglichkeit gab, fern von uns Unglücklichen. Und da flohst du, ließest deine Aufgabe und deinen Eid im Stich. Und damit verrietest du uns. Wir haben dir Rache geschworen, und diese Rache will ich jetzt vollbringen. Ich habe dir angeboten, zu uns zurückzukehren. Du hast es abgeschlagen. Aber du sollst uns auch nicht mehr schaden, du sollst fühlen, daß es nicht so leicht ist, ein Gelübde zu brechen. Nach der großen Katastrophe sind die Freunde in Europa zerstreut worden. Noch gibt es viele von uns, die der Polizei nicht in die Hände gefallen oder im Kampf gegen die Unterdrücker gefallen sind. Wir sind im Begriff uns wieder zu sammeln, und gegen Verräter kennen wir keine Gnade.«

»Nimm mein Leben!« sagte Sonja.

Der Apache brach in ein leises, grausames Gelächter aus.

»Wir sind nicht mehr so naiv wie früher,« sagte er, »nicht mehr solche Draufgänger. Wir arbeiten planmäßig. Wenn wir durch kluges Intrigenspiel einen großen Vorteil erlangen können, warum dann alles auf eine Karte setzen, wie in alten Tagen? Noch habe ich den Freunden nicht erzählt, daß ich dich gefunden habe. Aber es soll nicht lange dauern, bis alle wissen, daß der Verräter gefunden ist. Ich weiß, daß du durch deine Ehe über ein großes Vermögen verfügst. Wir haben die Absicht, dich bis auf das letzte Geldstück auszuplündern. Ich weiß genau, wie viel du hergeben sollst, und welche Mittel wir anwenden wollen. Jeder hat für seine Handlungen zu bezahlen. Dein Leben wollen wir nicht anrühren, im Gegenteil, wir wollen deine Gesundheit hochhalten. Wir wissen jetzt, wie viel du uns wert bist. Das Merkwürdige bei euch Frauen ist ja, daß ihr immer etwas haben müßt, was ihr über alles in der Welt liebt. Du hast deinen Mann und dein Kind. Ich weiß, wo wir dich treffen können, wir können dich furchtbar treffen. Und so gut kennst du uns, daß du weißt, daß wir unbarmherzig zuschlagen, wenn du nicht gehorchst.«

Asbjörn Krag sah, daß Frau Sonja sich erhob, und daß eine wahnsinnige Verzweiflung aus ihrem Gesicht leuchtete. Selbst der Apache zog sich einige Schritte zurück, und Krag der eine Katastrophe befürchtete, trat zwischen die beiden.

»Sie vergessen,« sagte er, »daß ein Dritter zugegen ist. Ich bin auch noch da und möchte Anteil am Gewinn haben. Ich habe Ihre Befehle ausgeführt, mein Herr, und habe dieser Dame mitgeteilt, daß Ihr Mann in der Stadt ist.«

»Gut, gut,« antwortete der Apache. »Ich möchte mit dieser Dame allein sprechen. Das Auto wartet draußen. Ich komme gleich.«

»Wenn das Auto wartet,« antwortete Krag, »brauche ich dieses Zimmer ja nicht zu verlassen.«

Der Apache bemerkte Krags veränderten Ton. Er warf einen hastigen Blick auf seinen Mantel, und im nächsten Augenblick stand er neben dem Stuhl, worauf dieser lag.

»Ich bin gewohnt,« sagte er, »daß meine Helfer mir unverzüglich gehorchen.«

»Und ich,« antwortete Krag lächelnd, »bin gewohnt zu tun, was mir beliebt.«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« schrie der Franzose. »Ich lasse mich nicht auf Unterhaltungen mit einem gemeinen Taschendieb ein.«

Da lachte Krag laut auf. Ein Lachen, das den andern sehr zu reizen schien. Krag aber hatte erreicht, was er beabsichtigte. Frau Sonja war ruhiger geworden. Sie sah ihn voll Vertrauen an, und Krag wurde seltsam gerührt durch diesen Blick. Eine unendliche Bitte lag darin, ein stummer Hilferuf. Der Detektiv wandte sich kaltblütig an den Franzosen.

»Da Sie meinen Beistand in dieser Sache gesucht haben,« sagte er, »wünsche ich meine Bedingungen zu stellen, bevor die Affäre zur Entscheidung kommt.«

Der Apache antwortete nicht. Er durchsuchte die Taschen seines Mantels. Und plötzlich erblaßte er, denn Krag zeigte ihm einen Revolver.

»Suchen Sie vielleicht diesen?« fragte er. »Seien Sie ein andermal vorsichtiger und vergessen Sie ihn nicht in der Manteltasche, wenn Sie den Mantel aus der Hand legen! Und zugleich möchte ich die Gelegenheit benutzen, um Ihnen zu sagen, daß Sie der größte Schurke sind, der mir in meinem Leben begegnet ist, obgleich ich seit fünfzehn Jahren Polizeibeamter bin.«

Bei dem Wort »Polizeibeamter« zuckte der Franzose zusammen. Seine Blicke jagten durchs Zimmer.

»Dort ist das Fenster,« sagte Krag, »und dort die Tür. Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich mit dem Revolver zeige! Aber Sie werden wohl einsehen, daß ich vorläufig hierbleiben muß. Das Auto kann warten. Es ist übrigens sonderbar,« fügte er neckend hinzu, »wie machtlos Apachen wie Sie, ohne diesen kleinen, blanken Gegenstand sind. Sonst pflegt Ihresgleichen doch auch ein Messer für alle Fälle bei sich zu haben? Ja, ja, dachte ich mir's doch! Seien Sie so freundlich und halten Sie Ihre Hand ganz still! Ich kenne Sie. Sehen Sie mir in die Augen! Zweifeln Sie daran, daß ich Sie niederschieße, wenn Sie nur die geringste Bewegung machen?«

Der Apache war weiß vor Wut. Aber er bezwang sich und heuchelte Überlegenheit, indem er sagte:

»Ah, Sie sind also der Ritter dieser Dame! Haben Sie vielleicht die Absicht mich zu verhaften?«

»Ja, tot oder lebendig.«

»Dann seien Sie so freundlich und verhaften Sie diese Dame gleich mit! Ich kann Ihnen ihre Geschichte erzählen. Wir haben viel zusammen erlebt. Wir haben einige heitere Erinnerungen aus Asnières, einige hübsche und rote Erinnerungen.«

»Sie irren sich,« antwortete Krag, indem er nachlässig mit dem Revolver spielte. »Diese Dame hat viel für das gelitten, was sie einst begangen haben mag. Sie ist sicher bereit, mit ihrem eigenen Leben zu sühnen, was sie verbrochen hat. Ich aber habe beschlossen, sie zu schonen und Sie zu fällen.«

In diesem Augenblick machte er dasselbe hastige Manöver mit dem elektrischen Knopf wie vorhin. Aus dem Garten ertönten Schritte.

»Da kommt Ihr Gatte, gnädige Frau,« sagte Krag.

Die Stubenuhr schlug drei.

 

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