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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 41
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Vierzigstes Kapitel

Der Zweite

Frau Sonja starrte Krag entsetzt an, und Mißtrauen drückte sich in ihren Zügen aus.

»Sie lügen,« sagte sie.

Krag erhob sich.

»Wie ich Ihnen bereits sagte,« antwortete er, »habe ich sehr wenig Zeit. Wir können jeden Augenblick Besuch bekommen. Der schwarze Peter ist in der Stadt und auf dem Wege hierher.«

»Er weiß also, daß ich am Leben bin?«

»Ja, er sah Sie heute abend im Speisesaal des Hotels. Und jetzt, gnädige Frau, sind wir bei einem andern Punkt dieser merkwürdigen Geschichte angelangt. Sie speisten mit einem unserer bekanntesten Schriftsteller und schienen ihn von früher zu kennen. Kannten Sie ihn als Frau Sonja Gade oder als ...«

»Als Madame Bernier,« antwortete sie. »Ich bin in Paris mit ihm zusammengewesen. Ich habe zwei seiner Bücher ins Französische übersetzt, ›Die schöne Venus‹ und ›Der tadellose Gentleman‹.«

»Sie haben also literarische Interessen?«

»Das hatte ich, bevor ich in andere Kreise kam, das heißt, ich habe es noch, aber auf eine andere Weise.«

»Jetzt sind wir bald beim Hauptpunkt angelangt,« sagte Krag. »Sie sprachen von anderen Kreisen. Darf ich Sie fragen, sind es dieselben Kreise, in denen auch der schwarze Peter verkehrt und verkehrt hat?«

»Ja. Aber ich kann nicht fassen, daß er wieder in meiner Nähe ist. Er weiß also, daß ich lebe?«

»Sie kennen ihn besser als ich und halten ihn nicht für dumm, nicht wahr?«

»Im Gegenteil, er ist außerordentlich scharfsinnig.«

»Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie die Komödie mit dem Ertrinken zu schlecht in Szene gesetzt haben. Meinen Argwohn erweckte sie sofort; um wie viel mehr muß sie den seinen erweckt haben, da er Sie kannte und wußte, was Sie fürchteten! Mir fiel es gleich auf, daß etwas Rätselhaftes an Ihrem Verschwinden war. Ich fand bei der Badeanstalt verschiedene Spuren, die mich davon überzeugten. Aber ich irrte mich, wenn ich annahm, daß Sie vor Ihrem Mann geflohen seien. Ja, ich glaubte sogar eine Zeitlang, daß Sie mit diesem mystischen Menschen geflohen seien, den ich anfangs unter dem Namen ›Der Mann mit dem blauseidenen Halstuch‹ kannte. Sagen Sie mir aufrichtig, gnädige Frau, bevor wir weitergehen: Sie sind mit Advokat Gade verheiratet?«

»Er ist mein Gatte,« antwortete sie.

»Und er ahnt nichts von der Komödie?«

»Hoffentlich nicht.«

»Sie würden mir die Sache sehr erleichtern, wenn Sie noch eine Frage ehrlich beantworten: Sind Sie auch mit dem schwarzen Peter verheiratet?«

»Nein.«

»Gut. Dann ist der Zusammenhang so, wie ich ihn mir in den letzten Tagen zurechtgelegt habe. Sie fürchteten den schwarzen Peter mehr als irgend etwas in der Welt?«

»Ja.«

»Aber Sie fürchten nicht für Ihr Leben?«

»Nein, wenn es nur das wäre!«

»Ihre Furcht gilt also mehr Ihrem Mann und Ihrem Kind?«

»Ja, ihnen allein.«

»Wann hat er Sie zuerst erschreckt?«

»Er hat mich während des letzten Jahres dreimal erschreckt,« sagte sie. »Zuerst vor einigen Monaten, als ich mit meinem Mann in Rußland reiste. Es war eines Tages in Kiew im Hotel Puschkin. Ich habe früher in Paris viel mit Russen verkehrt. Und seit der Zeit hatte ich immer Lust gehabt, ihr Land zu sehen. Ich kann etwas Russisch. Im Wintergarten des Hotels entdeckte ich plötzlich diesen Menschen. Er war mit einem andern zusammen, den ich auch aus Paris kannte.«

»Und aus Marseille, Asnières und den andern Orten, die Sie vorhin nannten?«

Frau Sonja nickte.

»Sein Anblick,« fuhr sie fort, »berührte mich so peinlich, daß mein Mann glaubte, ich sei krank geworden. Da ich die Stadt sofort verlassen wollte, mußte ich ihm eine Erklärung für mein merkwürdiges Benehmen geben. Und da sagte ich ihm, dieser Mann habe mich einmal so tief beleidigt, daß ich seinen Anblick nicht ertrüge.«

»Ihr Gatte hat ihn also auch gesehen?«

»Ja, und er erkannte ihn diesen Sommer, als wir in dem Badeort wohnten.«

»Sagen Sie mir, hat der Mensch Sie verfolgt?«

»Nein, keineswegs. Ein unglückseliger Zufall hat ihn meinen Weg kreuzen lassen. Die Welt ist ja so klein. Und wenn er nicht in Paris sein kann, dann streift er ruhelos umher.«

»Was wollte er in dem dänischen Badeort?«

»Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, kann es mir aber denken. Er erkannte mich, als er einen Einbruch in unsere Villa machte. Es war nach dem Erntefest im Hotel, wo er auf meine Juwelen aufmerksam geworden war. Mein Gesicht sah er nicht, aber er erkannte mich an meinem Haar. Und sein Erstaunen bei jener Gelegenheit war echt. Es überzeugte mich davon, daß er mich nicht verfolgte, sondern daß unsere Begegnung ein reiner Zufall war. In dem Augenblick begann mein eigentliches, mein furchtbares Unglück.«

»Mit andern Worten,« sagte Krag, »Sie sind in der Gewalt dieses Mannes.«

»Ja, vollständig.«

»Darf ich Sie fragen, aus welchem Grunde?«

»Ich bin einst,« antwortete Frau Sonja, indem sie tief aufatmete, »ich bin einst die Vertraute dieses Mannes gewesen. Ich habe ihn einst geliebt,« fügte sie hinzu und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Krag sah wieder nach seiner Uhr. Sie gewahrte seine Bewegung und hob den Kopf.

»Ich bedaure,« sagte der Detektiv, »daß ich Sie Ihren Gefühlen nicht überlassen kann. Aber ich erwarte das Automobil!«

»Ich hoffte, daß er sich nicht mehr zeigen würde,« fuhr Frau Sonja fort. »Ich gab ihm alles, was ich hatte, erst all mein Geld, dann versetzte ich meine Schmucksachen, um mehr Geld zu schaffen.«

»Und kauften statt dessen falsche, damit Ihr Mann keinen Verdacht schöpfe. Die Geschichte kenne ich. Ich habe die unechten Juwelen gesehen.«

»Sie wissen alles,« sagte Sonja erstaunt, »und dennoch kommen Sie zu mir und wollen, daß ich erzählen soll?«

»Ich will es aus Ihrem eigenen Mund hören. Ich weiß noch mehr. Aber das meiste errate ich, und darum muß ich es bestätigt haben, um den Schlag mit voller Kraft führen zu können.«

»Gegen wen wollen Sie den Schlag führen?«

»Gegen den Mann, den ich erwarte,« sagte Krag.

Frau Sonja sah Krag scharf an.

»Dann sollen Sie auch erfahren, worin mein furchtbares Unglück besteht. Als er mich bis auf das letzte Geldstück geplündert hatte, wollte er, daß ich ein Verbrechen begehen sollte, um mehr Geld zu schaffen. Das schlug ich ab.«

»Und da wollte er Sie töten?«

»Nein. Als ich ihn das letzte Mal sprach, sagte er: ›Du willst von jetzt ab ein bürgerliches Leben führen, Du liebst Deinen Mann und Dein Kind. Durch sie werde ich Dich zu treffen wissen.‹ Damit ging er. Darauf verbrachte ich einige Tage in Angst und Beben. Eines Abends wurde mein Mann im Treppenhaus unseres Hauses überfallen. Die Polizei in Kopenhagen fabelte etwas von dem Racheakt eines entlassenen Sträflings. Ich wußte es besser; ich wußte, daß der Mensch es damit nicht bewenden lassen würde. Das nächste Mal würde er mein Kind treffen. Da faßte ich meinen verzweifelten Entschluß. Ich tat, als ob ich in den Tod ginge. Wenn er mich tot weiß, dachte ich, wird er nichts mehr unternehmen, weil es ihm nichts nützen kann. Ich wollte eine Zeitlang verschwinden und dann zu meinem Kind zurückkehren, zu meinem Kind, das ich so grenzenlos liebe.«

»Und das alles haben Sie getan, weil Sie fürchteten, daß er Sie kompromittieren würde, wenn er erzählte, daß Sie, die Frau des berühmten Advokaten, einst seine Geliebte, die Geliebte des Einbrechers gewesen seien?«

»Glauben Sie mir nicht?« fragte Sonja.

»Nein,« antwortete Krag, »Sie haben noch einen anderen Grund gehabt.«

»Ja, ich habe noch einen anderen Grund.«

Da horchten beide auf, denn sie hörten draußen ein Automobil.

»Da ist der Mann,« sagte Krag. »Es ist der Erste.«

»Erwarten Sie noch jemanden?« fragte Sonja.

»Ja,« antwortete Krag, »ich erwarte noch einen, ich erwarte Ihren Gatten.«

 

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