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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 4
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
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Drittes Kapitel

Der Schnitt im Ohr

An den Armbewegungen der jungen Dame sah der Polizeileutnant, daß sie sich in Gefahr glaubte und seine Hilfe anrief. Die beiden Burschen sahen ihn nicht, so vertieft waren sie in ihre höfliche Bettelei.

Unser Held aber eilte hastig näher. Es fehlt ihm nie an Mut, besonders nicht, wenn er einer hübschen Dame beistehen kann. Als er die Gruppe erreichte, ging die Dame auf ihn zu, und als die Burschen fortfuhren, sich ihr zu nähern, lehnte sie sich an ihn und ergriff seinen Arm.

Helmersen merkte, daß sie zitterte. Er fand, daß ihr großes Entsetzen übertrieben sei. Ihre Augen waren weit geöffnet vor Schreck, und starrten mit Angst und Beben besonders auf den einen der fremdartig aussehenden Menschen – den mit dem blauseidenen Halstuch. Dem Polizeileutnant kam plötzlich der Gedanke, daß diesem furchtbaren Entsetzen etwas anderes zugrunde liegen müsse, als die zufällige Begegnung mit verdächtig aussehenden Personen. Sie mochten ja auf eine gewisse drohende Weise gebettelt haben, aber sie hatten doch immerhin nur gebettelt.

Als sie sahen, daß sich Hilfe einfand, zogen die beiden Apachen sich einige Schritte zurück. Aus ihren Augen aber leuchtete jetzt sowohl Keckheit wie Mut. Sie sahen sich um, es war niemand anderes in der Nähe. Der Wald war still. Bis zu bewohnten Häusern war es weit. Und sie waren zwei gegen einen Mann und eine Frau, die halb ohnmächtig war vor Schreck.

Ihre Gesten wurden wieder einschmeichelnd, ihre Augen schielend. Sie näherten sich mit tiefen Verbeugungen, den Hut in der Hand.

Der eine (nicht der mit dem Halstuch) sagte:

»Wir sind reisende Handwerksburschen, schenken Sie uns etwas für unsere Reisekasse! Wir haben noch nichts gegessen und drei Nächte unter offenem Himmel geschlafen.«

Hätte der Polizeileutnant Kleingeld bei sich gehabt, würde er ihnen sicher ein paar Münzen gegeben haben; aber er wußte, daß er zufällig kein Kleingeld bei sich hatte, und er wollte sein Taschenbuch, in dem seine ganze Reisekasse lag, nicht herausnehmen. Er war mutig, aber einige Jahre im Polizeidienst hatten ihn Vorsicht gelehrt.

Darum warf er sich in die Brust, legte sein Gesicht in die gewohnten strengen Polizeifalten und rief:

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Da richteten beide Apachen sich höher auf und der vorderste lächelte mit kreideweißen Zähnen in seinem jungen, frechen Gesicht.

»Nur sachte, nur sachte,« sagte er, »wir sind friedliche Leute. Wir lassen uns nicht beleidigen.«

Die beiden Apachen schlichen vorsichtig näher. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir hier darauf aufmerksam machen, daß die junge Dame sich zitternd enger an ihren Beschützer lehnte, und daß der Beschützer sie fest um die Hüften faßte.

Mit der anderen Hand, die er frei hatte, griff Helmersen in die Tasche.

Der vorderste der Apachen griff auch in die Tasche. Und er lächelte wieder – mit einem seltsamen Lächeln das einem einsamen Spaziergänger durch Mark und Bein gehen kann.

Der Polizeileutnant begriff, daß die Sache anfing ernst zu werden.

Gleichzeitig merkte er, daß die Dame einer Ohnmacht nahe war.

Die Lage war wirklich alles andere als günstig.

Da tat er etwas, was ihm schon früher aus der Verlegenheit geholfen hatte.

Eine Waffe zog er nicht heraus, denn er hatte keine.

Dagegen trug er immer sein Polizeischild bei sich.

Diese Polizeischilder sind fast in allen Ländern gleich. Und das Wort Polizei verstehen alle Spitzbuben der Welt.

Er zog also das blitzende Polizeischild aus der Tasche und zeigte es.

Das hatte gleich eine sonderbare Wirkung auf die beiden Kerle.

Sie warfen sich einen hastigen Blick zu.

Da verbeugte der Vordere sich noch tiefer, als er bisher getan hatte, und sagte:

»Mein Herr, wir sind friedliche Handwerksburschen und haben nichts Unrechtes getan.«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen,« sagte der Polizeileutnant.

»Wir werden gehen,« antwortete der Apache, »wir fliegen, mein Herr, aber wir haben nichts zu essen.«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Der Apache zeigte abermals seine Zähne auf eine merkwürdige Weise. Dann machten sie kehrt und gingen weiter. Als sie ein Stück gegangen waren, beschleunigten sie ihre Schritte, und als sie um die nächste Wegbiegung verschwunden waren, hörte der Polizeileutnant ihre schnellen, klappernden Schritte. Sie liefen.

Da wandte der Polizeileutnant sich an die junge Dame. Sie war einer Ohnmacht nahe und lehnte ihren schönen Kopf gegen seine Schulter. Eine seltsame Stimmung durchbebte ihn, sowohl Stolz wie Freude, aber wir müssen abermals der Wahrheit die Ehre geben, indem wir verraten, daß sein erster Gedanke dieser war:

Ich bin noch nicht vierundzwanzig Stunden in dem Badeort und habe bereits ein Abenteuer. Noch dazu ein spannendes und pikantes.

Sein nächster Gedanke war:

Wer ist die Dame, und was soll ich jetzt mit ihr machen?

»Gnädiges Fräulein,« sagte er, »kommen Sie zu sich, die Gefahr ist vorüber.«

Die Dame seufzte tief auf und schlug ihre halbgeschlossenen Augen auf.

Dann blickte sie sich erschrocken um, als fürchte sie, daß die schrecklichen Apachen noch in der Nähe seien.

Als sie sah, daß sie allein waren, fühlte sie sich sichtlich erleichtert.

Im nächsten Augenblick entdeckte sie, daß sie gegen einen fremden Herrn gelehnt stand.

Sie fuhr zurück.

»Gott!« rief sie, »ich kenne Sie ja gar nicht.«

In diesem Ausruf lag etwas so Naives und Rührendes, daß unser Held sein Herz stocken fühlte.

»Fürchten Sie nichts,« sagte er, »es kann Ihnen nichts mehr geschehen. Ich habe sie fortgejagt.«

Die Dame wurde auf seine Sprache aufmerksam.

»Sie sind ein Fremder,« sagte sie. »Sind Sie Schwede?«

»Ich bin Norweger,« antwortete der Polizeileutnant mit einer Verbeugung und stellte sich vor.

»Mein Name ist Frau Sonja Gade,« antwortete die junge Dame.

Also Frau! dachte der Polizeileutnant.

Die junge Frau hielt ihm ihren Arm hin.

»Darf ich Sie bitten, mich nach Hause zu begleiten,« sagte sie, »ich wage es nicht mehr allein durch den Wald zu gehen.«

So gingen sie denn zusammen durch den schönen und stillen Wald, und der Polizeileutnant bemerkte, wie die Erregung der jungen Dame sich nach und nach legte.

Hin und wieder nur machte sie eine Bemerkung und erschauerte, woran er sah, daß sie noch immer mit Schrecken an das kleine Erlebnis dachte.

»Er war entsetzlich,« flüsterte sie.

»Welcher von beiden?« fragte der Polizeileutnant.

»Meinen Sie den mit den weißen Zähnen, gnädige Frau?«

»Nein den anderen mit dem blauseidenen Halstuch.«

»Nun, der hielt sich doch die ganze Zeit im Hintergrund, mir schien er der friedlichste von beiden zu sein.«

»Haben Sie nicht auf sein Ohr geachtet, sein linkes Ohr?«

»Ja, aber –«

»Es hatte einen Schnitt,« sagte sie mit einem Schauder.

Der Polizeileutnant lachte.

»Ja,« sagte er, »ich erinnere mich, er hatte eine kleine Narbe im linken Ohrläppchen; aber das ist doch nichts Schreckliches.«

Die Dame sah ihn mit großen erstaunten Augen an.

Sie fuhr zusammen.

»Nein,« sagte sie, »Sie haben recht.«

Der Polizeileutnant hatte wieder das bestimmte Gefühl, daß ihr auffallend großes Entsetzen eine besondere Ursache habe.

Sie kamen aus dem Wald heraus.

 

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