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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 39
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Achtunddreißigstes Kapitel

Der Erste

Es war der Name des Polizeileutnants, den Asbjörn Krag ihr ins Ohr geraunt hatte.

Sie schien sich gegen Überraschungen jeder Art gewappnet zu haben, denn der Name machte keinen sonderlichen Eindruck auf sie.

Dennoch entging Krag ihre nervöse Erregung nicht, als sie sich den Hut aufsetzte; und ihre Stimme hatte etwas Atemloses gehabt, was ihre Unsicherheit verriet. Außerdem machte sie nicht den geringsten Versuch, ihren Kavalier zu Hilfe zu rufen, damit er sie gegen Krags Zudringlichkeit schütze.

Sie sagte nur, während sie vor dem Spiegel stehen blieb:

»Ich kenne diesen Namen nicht. Sie müssen mich mit jemand anders verwechseln.«

»Ich muß Sie sprechen,« fuhr Krag unbeirrt fort.

»Das ist unmöglich,« sagte sie. »Sie irren sich ... Sie irren sich.«

»Ich bin Ihr Freund, ebenso wie der andere, den ich eben genannt habe. Ich habe Sie in Ihrem kleinen Haus in Schweden gesehen. Ich kann Sie von Ihrem toten Hund grüßen.«

»Ich habe nie ein Haus in Schweden gehabt,« antwortete sie, »und noch weniger einen Hund. Ich kann nicht mit Ihnen sprechen.«

Im selben Augenblick trat ihr Kavalier heran und bot ihr den Arm. Und sie wandte sich von Krag ab, ohne ihn eines Grußes oder Blickes zu würdigen.

Im Vorbeigehen hörte Krag, wie der Schriftsteller sie fragte:

»Was wollte er? Kannten Sie ihn, Madame?«

»Nur ganz flüchtig,« antwortete Madame.

Diese kleine Lüge bereitete Krag eine wahre Freude. Sie zeigte, daß sie fürchtete, sich zu verraten und Aufsehen zu erregen, wenn sie sich über seine Zudringlichkeit beklagte. Er war überzeugt, daß er die Wirkliche vor sich hatte. Es war Frau Sonja.

Asbjörn Krag wartete, bis sie auf die Straße gekommen waren. Dann folgte er ihnen. Dieses Auflauern war nicht nach seinem Geschmack, aber er sah kein anderes Mittel.

Die beiden stiegen in ein Automobil. Als der Chauffeur die Tür zugeschlagen und am Steuer Platz genommen hatte, sprang Krag auf den Wagen und setzte sich neben ihn.

Der Chauffeur wandte sich erstaunt zu ihm um. Krag antwortete nicht auf seine erschrockene Frage. Er hielt ihm nur seine Hand hin. Beim Schein der Laterne blitzte etwas in der hohlen Hand. Es war ein Polizeischild. Als der Chauffeur es sah, nickte er nur und fuhr. Auf diese Weise war Krag »der Mann neben dem Chauffeur« geworden. In der letzten Zeit hatte er oft die Rollen gewechselt.

»Wohin?« fragte er den Chauffeur.

Und er erfuhr, daß die Fahrt nach Bestum ging, zum Villenviertel der Stadt. Er dachte sich gleich, daß Frau Sonja eine der kleinen Villen gemietet habe.

Seine Annahme erwies sich als zutreffend. Das Auto hielt vor einem der kleinen Häuser, deren Gärten schon unter herbstlichem Reif lagen.

Die beiden Passagiere stiegen aus, und Asbjörn Krag merkte, daß der berühmte Schriftsteller sich auf eine längere, schwärmerische Zwiesprache unter den rauschenden Herbstbäumen vorbereitete.

Madame aber öffnete gleich die Gitterpforte, reichte ihrem Begleiter die Hand und sagte:

»Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit. Guten Abend. Ich bin müde.«

Der Kavalier küßte ihr galant die Hand, und dann trennten sie sich. Der Schriftsteller winkte zum Abschied und bestieg wieder das Automobil.

Als das Auto gewendet hatte, sagte Krag zum Chauffeur:

»Fahren Sie langsam!«

Der Chauffeur tat, wie ihm geheißen worden war, und verlangsamte die Fahrt. Krag schrieb etwas auf einen Zettel. Er steckte ihn in eins der kleinen Kuverts, die er immer bei sich hatte.

Als Adresse schrieb er:

Herrn Kraus
Grand Hotel, Zimmer Nr. 101,

Eilig.

Als er damit fertig war, schrieb er einen ähnlichen Brief, aber mit einer anderen Adresse. Während er damit beschäftigt war, wurde die Tür des Autos aufgerissen, und er hörte die gereizte Stimme des Schriftstellers:

»Zum Donnerwetter, warum fahren Sie so langsam?«

»Fahren Sie selbst schneller, wenn Sie es in dieser Dunkelheit können,« antwortete der Chauffeur. Worauf der Kopf des Schriftstellers wieder im Automobil verschwand und die Tür mit einem Krach, der beinahe die Fensterscheibe gekostet hätte, zugeworfen wurde. Nach einigen Minuten schien Krag dem Chauffeur alle Anweisungen gegeben zu haben, die er ihm geben wollte. Mit einem Satz sprang er vom Auto, und der Chauffeur fuhr jetzt schneller weiter.

Während das Auto mit glühenden Laternen zwischen den Bäumen verschwand, ging Krag im Dunkeln zur Villa zurück.

Kaum zwanzig Minuten, nachdem das Auto die Villa verlassen hatte, war Krag wieder bei der Gitterpforte. Da die Pforte verschlossen war, sprang er über den Zaun. Eine Weile blieb er lauschend stehen. Er hörte nur das leise Säuseln des Windes im Herbstlaub; durch die Äste aber konnte er sehen, daß noch Licht in der Villa war. Ein matter Schein fiel durch einen dunkelroten Vorhang. Krag schlich sich ans Fenster. Und da die Vorhänge nicht ganz geschlossen waren, konnte er hineinspähen.

Frau Sonja war drinnen. Krag wurde von einer nervösen Unruhe befallen, als er sah, womit sie beschäftigt war.

Sie hatte das Feuer im Kamin angefacht und stand jetzt darüber gebeugt und überantwortete dem flammenden Rachen Brief auf Brief. Erst besah sie jeden Brief flüchtig; dann warf sie ihn ins Feuer. Ihr schönes Gesicht hatte einen gedankenvollen, wehmütigen Ausdruck. Krag empfand ein gewisses Mitleid bei ihrem Anblick. Gleichzeitig aber hatte er den Eindruck, daß sie einen Aufbruch vorbereitete oder einen Abschluß machte. Er wandte sich der Küchenseite des Hauses zu. Er ging sehr leise, um nicht die Aufmerksamkeit des Dienstmädchens zu erregen; daß Frau Sonja ihn auf dieser Seite nicht hören konnte, wußte er.

Die Tür war natürlich verschlossen, aber Krag besaß eine fabelhafte Geschicklichkeit, solch gewöhnliche Schlösser zu öffnen. Er probierte nicht viele von seinen Schlüsseln, bevor das Schloß nachgab.

Er kam in einen Vorraum. Da aber etwas Licht von dem blauen Nachthimmel durch die Türscheibe drang, verharrte er regungslos, bis er die Umgebung unterscheiden konnte.

Frau Sonja hatte nichts gehört. Sie stand und verbrannte ihre Briefe, einen nach dem andern.

Indessen war der Chauffeur, nachdem er den Schriftsteller abgesetzt hatte, zum Grand Hotel gelangt. Er hatte Krag das Versprechen gegeben, den Brief dem Adressaten persönlich zu übergeben. Er wartete in der Halle, bis »Herr Kraus« herunterkam. Als er kam überreichte er ihm den Brief und ging weg. Daß er nicht wartete, geschah auf Krags ausdrücklichen Befehl.

Der Franzose las den Brief und nachdem er ihn gelesen hatte, bestellte er ein Automobil, das ihn nach Bestum fahren sollte. Da war Krags Chauffeur bereits mit einem andern Brief unterwegs, der eine andere Adresse hatte.

In der Villa aber hatte sich indessen ereignet, daß Asbjörn Krag zu Frau Sonja ins Zimmer getreten war.

 

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