Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sven Elvestad >

Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/elvestad/zweidame/zweidame.xml
typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120204
projectid4591221f
Schließen

Navigation:

Siebenunddreißigstes Kapitel

Eine Begegnung

»Dann wären wir uns also wieder einig,« sagte Krag.

Der Franzose nickte und forderte Krag auf, wieder Platz zu nehmen.

»Was wünschen Sie nun von mir?« fragte der Detektiv.

»Sie sollen mein Gesandter sein.«

»Bei Sonja?«

»Bei Sonja und einem andern.«

»Wer ist dieser andere?«

»Ihr Mann. Wie ich Ihnen bereits sagte, glaubt er, daß seine Frau tot ist. Sie hat in einer bestimmten Absicht, die ich übrigens durchschaue, diese Komödie ins Werk gesetzt. Und da er sich nicht denken kann, daß Grund zu einer so kühnen und grausamen Täuschung vorliegt, glaubt er, daß sie tot ist. Oder richtiger gesagt, er glaubte es bis vor vierundzwanzig Stunden.«

»Jetzt glaubt er es nicht mehr?«

»Er hat zu zweifeln angefangen. Und ich habe den Zweifel in sein Gemüt gesät.«

Krag lächelte ungläubig. (Es paßte in seinen Plan, sich dieser merkwürdigen Geschichte gegenüber zweifelnd zu stellen.)

»Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß ein Mann, der seine Frau als tot beweint, sich ohne weiteres einreden läßt, sie sei am Leben, nur weil er einen mystischen, anonymen Brief bekommt?«

»Ihre Schlußfolgerung,« antwortete der Apache, »wäre unter gewöhnlichen Umständen ganz richtig. So aber hatte das Verschwinden seinem Frau bereits, etwas Mystisches. Sie ist ertrunken, wie man meint, doch kann man sich nicht erklären, wie es zugegangen ist, und hat auch ihre Leiche nirgends gefunden. Außerdem hatten sich vor ihrem Verschwinden allerhand Dinge ereignet, die darauf deuten, daß sie in ein Netz von rätselhaften Umständen verwickelt war. Wenn darum ihr Mann diesen anonymen Brief bekommt, wird er sich sehr damit beschäftigen. Der Brief wird ihm Unruhe bereiten. Er wird glauben, daß noch Hoffnung vorhanden ist. Und wenn er auch nicht zu hoffen wagt, daß er seine Frau wiederfindet, wird sich ihm doch eine Möglichkeit öffnen, in Erfahrung zu bringen, warum sie den Tod gesucht hat. Sie war in der letzten Zeit sehr unglücklich. Und alle neigen der Auffassung zu, daß sie aus eigenem Antrieb in den Tod gegangen ist. Mit alledem habe ich gerechnet, als ich ihm den Brief sandte. Wenn ich mich nicht sehr irre, ist er schon in Christiania.«

»Und es ist Ihr Wunsch, daß ich ihn aufsuchen soll?«

»Vorläufig nicht.«

»Was soll ich dann tun?«

»Sie sollen nur wissen, daß er hier ist.«

»Das ist nicht viel. Das weiß ich jetzt also.«

»Und dann sollen Sie diese Kenntnis einem andern mitteilen.«

»Und dieser andere ist?«

»Frau Sonja. Ich nehme an, daß sie noch unten im Speisesaal sitzt. Sie sollen versuchen, mit ihr in Verbindung zu kommen, durch den Schriftsteller oder mit wem oder wie Sie wollen. Jedenfalls aber sollen Sie mit ihr sprechen.«

»Warum wollen Sie nicht selbst mit ihr sprechen? Sie kennen sie ja so genau, und ich glaubte, Sie wären nach Christiania gekommen, um sie zu treffen?«

»Ich bin nach Christiania gekommen,« antwortete der Franzose, »um in Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder wirklich tot ist.«

»Sie hatten also selbst daran gezweifelt?« »Ja.«

»Dann hat sie wohl einen triftigen Grund, sich das Leben zu nehmen?«

»Ja.«

»Und diesen Grund kennen Sie?«

»Ja. Und er hängt mit dem Umstand zusammen, daß ich sie nicht selbst sprechen kann.«

»Ich verstehe Sie noch immer nicht ganz.«

»Es ist auch nicht nötig, daß Sie alles verstehen,« antwortete der Franzose und lächelte auf seine seltsam unheimliche Weise. »So viel aber dürfen Sie wissen: Wenn diese Dame, die wir meinetwegen Frau Sonja nennen können, erfährt, daß ich ihr abermals auf der Spur bin, dann tut sie nicht nur, als ob sie sich das Leben nimmt, sondern dann tötet sie sich wirklich. Ich kann Ihnen versichern, daß sie eine entschlossene Dame ist.«

Asbjörn Krag erschrak unwillkürlich bei diesen Worten.

Er hatte schon lange den grausamen Sinn in dem absonderlichen Spiel des Apachen geahnt. Jetzt war es ihm, als sähe er in einen Abgrund menschlicher Herzlosigkeit. Er begann zu fürchten, daß er nicht imstande sein würde, selbst einzugreifen, wenn der richtige Augenblick gekommen wäre. Dennoch blieb er bei der Rolle, die er nun einmal übernommen hatte, weil er kein Mittel fand, das ihn schneller und leichter ans Ziel bringen würde.

Er erhob sich.

»Ich soll also Frau Sonja aufsuchen?« sagte er.

»Ja, und hinterher sollen Sie mir einen Bericht ablegen, mag es auch noch so spät werden. Wollen Sie noch immer nichts von den Kosten der Angelegenheit wissen?«

»Doch,« antwortete Krag. »Da diese Sache langwierig zu werden scheint, und ich bereits verschiedene Gemütsbewegungen gehabt habe, muß ich mit einer Vergütung rechnen. Ich muß auch auf meine eigenen Geschäfte Rücksicht nehmen.«

»Mit anderen Worten,« fiel der Apache ein, »damit Sie gar keine Rücksicht auf Ihre eigenen Geschäfte zu nehmen brauchen, während Sie sich dieser Sache widmen, verlangen Sie einen Schadenersatz?«

»So kann man es auch nennen.«

»Ich ziehe es vor, eine bestimmte Summe anzugeben, weil das Geschäft unsicher und nicht ausschließlich ökonomischer Natur ist. Sind Sie mit 3000 Kronen zufrieden?«

»Vollkommen.«

»Gut, dann sind wir einig. Gehen Sie jetzt! Ich erwarte Sie hier. Entweder müssen Sie selbst kommen oder, wenn Sie verhindert sind, mir einen zuverlässigen Boten schicken.«

»Liegt die Möglichkeit vor,« fragte Krag, »daß ich verhindert werde?«

»Ja, das ist nicht ausgeschlossen.«

Nachdem Krag sich eine Zigarre angezündet hatte, verließ er das Zimmer dieses Mannes. Er fühlte sich noch etwas schwindlig nach dem Gift, und wußte, daß er etwas blaß geworden war. Aber er wußte auch, daß er stark genug war im letzten Akt dieses Dramas mitzuspielen. Die Uhr war noch nicht eins, aber die Gäste hatten den Speisesaal schon zum großen Teil verlassen. Der Schriftsteller und Madame Bernier saßen noch zusammen bei der grünen Lampe. Krag wartete in der Halle, bis sie aufbrachen. Es dauerte nicht lange. Die schöne Frau war offenbar in ausgezeichneter Stimmung.

Als sie einen Augenblick allein vorm Spiegel stand, benutzte Krag die Gelegenheit, um ihr zuzuflüstern:

»Frau Sonja, ich muß Sie sprechen.«

Er beobachtete ihr Gesicht im Spiegel. Als sie ihren Namen nennen hörte, stieg eine heftige Röte in ihre Wangen, und darauf wurde sie totenbleich. Aber sie bezwang ihre Erregung schnell. Sie runzelte die Stirn.

»Was wollen Sie? fragte sie. »Ich kenne Sie nicht.«

Da flüsterte Krag ihr einen Namen ins Ohr.

 

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.