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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 36
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Das Gift

Krag machte ein heiteres, ganz ahnungsloses Gesicht. Der Franzose betrachtete ihn die ganze Zeit über aufmerksam und spähend. Und der norwegische Detektiv wußte, daß er sich verraten würde, wenn er die geringste Unruhe bekundete. Der Franzose schien auf irgend eine Weise Verdacht bekommen zu haben, daß Krag ein doppeltes Spiel spielte. Oder war es bei ihm nur Vorsicht?

Außerdem aber benutzte Krag die Zeit, um die seltsame Dame zu beobachten. War sie wirklich Sonja Gade? Ja, jetzt meinte er sie zu erkennen, obgleich er sie nur flüchtig und in Männerkleidung an einem halbdunklen Morgen, auf einem Fahrrad gesehen hatte. Er wußte im Augenblick weder aus noch ein. Dort saß also die Dame, die tot sein sollte. Er wußte, daß die Geschichte von ihrem Verschwinden auch die norwegischen Zeitungen nicht wenig interessiert hatte. Jeder Zeitungsleser kannte ihren Namen. Und jetzt saß sie dort, als ob nichts geschehen sei, und tafelte mit einem norwegischen Bekannten.

Krag wandte sich wieder an den Franzosen und sagte:

»Sie müssen selbst entscheiden, wie weit diese Dame Ihnen von Nutzen sein kann. Mir ist die Sache unbegreiflich.«

Er sah wieder zu ihr hinüber.

»Sie ist sehr schön,« sagte er.

»Ja,« murmelte der Franzose träumend und geistesabwesend, »sie ist sehr schön. Eine Schönheit, die viele Männer zugrunde gerichtet hat. Begreifen Sie jetzt, warum ich behaupten konnte, daß Sie gelogen haben? In diese Dame ist der Polizeileutnant verliebt. Wenn sie in Christiania ist, ist er auch hier.«

»Gut,« antwortete Krag, »nehmen wir also an, daß er in Christiania ist! Ich habe nur erzählt, was ich gehört habe.«

»Schön. Haben Sie etwas dagegen, den Kaffee in meinem Zimmer einzunehmen? Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.«

Krag nickte zustimmend. Die Dame saß jetzt allein am Tisch. Ihr Kavalier war zum Telephon gerufen worden und in die Halle hinausgegangen.

»Gehen Sie an meiner linken Seite!« bat der Franzose.

»Warum?« fragte Krag.

»Weil ich nicht von ihr erkannt werden möchte.«

»In dieser Verkleidung?« murmelte Krag. »Das erscheint mir unmöglich.«

Der Franzose lächelte wieder auf die seltsam höhnische Weise.

»Sie kennen sie nicht,« sagte er.

Sie kamen durch den großen Speisesaal, ohne die Aufmerksamkeit der Dame zu wecken. In der Tür zur Halle stießen sie auf den Schriftsteller, der im Begriff war, wieder in den Saal zu gehen; Krag sah ihm ins Gesicht, konnte aber nicht entdecken, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei.

Während der Franzose in der Portierloge einen Bescheid gab, hatte Krag Gelegenheit mit dem Portier, dem allwissenden Jensen, einige Worte zu wechseln.

Er fragte ihn, wer die Dame sei, die mit dem Schriftsteller Botolssen zusammen speiste.

»Das ist eine französische Dame,« antwortete der Portier. »Sie heißt Madame Bernier.«

»Wohnt sie hier im Hotel?«

»Nein, aber ich war zufällig dabei, als sie den Schriftsteller traf. Sie scheinen alte Bekannte aus Paris zu sein. ›Wie bin ich erfreut, Sie wiederzusehen, Madame Bernier,‹ sagte der Schriftsteller. Daher kenne ich ihren Namen. Herr Kraus fragt übrigens nach Ihnen.«

Krag wandte sich wieder dem Franzosen zu, der neben dem Fahrstuhl stand und auf ihn wartete. Sie fuhren zusammen nach Nr. 101 hinauf.

»Haben Sie etwas erfahren?« fragte der Franzose.

»Sie nennt sich Madame Bernier.«

»Das ist kühn von ihr.«

»Warum?«

»Weil die wirkliche Madame Bernier augenblicklich in Paris lebt. Sie wohnt Boulevard Clichy 214. Aber es paßt gut. Die wirkliche Madame Bernier ist Übersetzerin und eine literarisch gebildete Dame.«

Krag sah ihn erstaunt an.

»Wenn ich den Portier recht verstanden habe,« sagte er, »so sind die beiden, der Schriftsteller und die Dame, alte Bekannte. Es soll eine herzliche Begrüßung zwischen ihnen stattgefunden haben.«

»Das ist nur ein Beweis für einen neuen Betrug. Wir wollen jetzt den Kaffee trinken.«

Sie machten es sich in den Klubsesseln bequem.

Der Franzose war plötzlich sehr wohlwollend geworden. Er schenkte seinem Gast Kaffee ein und reichte ihm gute Zigarren. Krag glaubte, daß er ihm etwas eröffnen wolle. Es galt, auf der Hut zu sein. Und da der andere von allgemeinen Dingen sprach, hielt Krag es für das Klügste, das Gespräch auf das Thema zu bringen, das sie beide am meisten beschäftigte.

Er stellte die Frage so brutal wie möglich.

»Was haben Sie gegen die Dame vor?« fragte er. »Wollen Sie sie ausplündern?«

Der Franzose streifte die Asche von seiner Zigarre. Die Frage schien ihn nicht im geringsten zu verblüffen.

»Vor allen Dingen bitte ich Sie, sich daran zu erinnern,« sagte er, »daß die Dame tot ist.«

»Das haben Sie schon früher angedeutet. Es steckt also ein Betrug dahinter?«

»Ja. Ein Betrug der Dame. Sie ist in Kopenhagen verheiratet, und ihr Mann glaubt, daß sie tot ist.«

»Und es ist ihre Absicht gewesen, ihm diesen Glauben beizubringen?«

»Ja.«

»Vielleicht um einen Vorteil zu erlangen?«

»So kann man es auch nennen. Nun gibt es Leute, denen daran gelegen ist, daß der Mann den Verdacht bekommt, daß irgendeine Verräterei mit dem mystischen Verschwinden seiner Frau in Zusammenhang steht?«

»Gehören Sie vielleicht zu diesen Leuten?«

»Das bestreite ich nicht. Und ihr Mann ist in diesem Augenblick wahrscheinlich schon auf dem Wege nach Christiania. Ein anonymer, aber sehr glaubwürdiger Brief hat ihn hergeführt. Diesen Brief habe ich geschrieben.« (Also nicht Frau Sonja, dachte Krag.)

»Aha, ich fange an zu verstehen,« sagte Krag. »Die Dame ist wahrscheinlich wohlhabend, oder jedenfalls der Mann. Sie haben zufällig Einblick in einen Skandal bekommen. Das Ganze ist eine hübsche Erpressungssache.«

»Keineswegs,« antwortete der Franzose, und gleichzeitig starrte er Asbjörn Krag so unverwandt und intensiv an, daß dieser ein physisches Unbehagen dabei spürte. Er nahm einen großen Schluck von dem starken Kaffee, um sich zu beruhigen.

Plötzlich erhebt sich der Franzose.

»Jetzt ist es genug,« sagt er.

»Was,« fragt Krag. Auch er versucht sich zu erheben, aber seine Knie versagen ihm den Dienst, und seine Stimme klingt merkwürdig verschleiert.

»Sie sind ein Betrüger,« sagt der Apache ruhig, »ich habe Sie schon lange durchschaut.«

»Was Sie sagen!«

»Wissen Sie, wer ich bin?«

»Da Sie mein Freund geworden sind,« antwortete Krag und versuchte zu lächeln, »sind Sie wahrscheinlich ein großer Schurke.«

»Wenn Sie an die Polizei in Paris telegraphierten,« fuhr der Apache fort »und ihr mitteilten, daß Sie mit Jean Guyot in einem Hotelzimmer in Christiania säßen, dann würden Sie sicher Ritter der Ehrenlegion werden. Ein so bedeutender Mann bin ich.«

»Alle Wetter, das ist ja ausgezeichnet. Aber warum sollte ich das telegraphieren?«

»Das meine ich auch. Und da ich so dumm gewesen bin, mich Ihnen zu erkennen zu geben, sehe ich mich gezwungen, in ein anderes Hotel zu übersiedeln.«

»Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein, eine andere Unterkunft zu suchen?«

»Nicht nötig. Ich werde mich gezwungen sehen, dieses Zimmer allein zu verlassen.«

»Ah so. Und was wird aus mir?«

»Sie bleiben hier. Sie wissen zu viel. Sie sind schon unschädlich gemacht.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»In zehn Minuten sind Sie tot,« sagte der Apache. »In dem Kaffee, den Sie tranken, war Gift.«

 

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