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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 32
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Einunddreißigstes Kapitel

Der Taschendieb Asbjörn Krag

Es war eine Minute vor Abgang des Zuges. Der Polizeileutnant begann wankelmütig zu werden. Der Anblick des Apachen hatte ihn unruhig gemacht. Ihm ahnte eine Gefahr, und in dem Gedanken, daß er allein zurückbleiben sollte, fühlte er sich plötzlich hilflos. Asbjörn Krag sah, was in ihm vorging und reichte ihm schnell die Hand zum Abschied.

»Leben Sie wohl,« sagte er, »wenn wir uns wiedersehen, ist alles aufgeklärt.«

Die ganze Zeit hatte er das Abteil, in das der Apache eingestiegen war, im Auge behalten. Es waren nicht viele Reisende im Zug.

»Ich bedenke mich vielleicht doch noch,« sagte der Polizeileutnant.

»Bedenken Sie sich nicht,« antwortete Krag, »ich muß Sie jetzt verlassen. Ich habe die Absicht, die Bekanntschaft des Mannes dort im Abteil zu machen, und dabei sind Sie nicht allein unnötig, sondern auch gefährlich. Er kennt Sie ja.«

Der Zugführer gab das Abfahrtssignal, und Asbjörn Krag stieg ein. Er winkte seinem Freund, der auf dem regennassen Bahnsteig zurückblieb.

Der Detektiv ging durch den Wagen; es war ein Wagen zweiter Klasse. In einem Abteil sah er den Apachen allein sitzen. Er hatte seinen nassen Regenmantel ausgezogen und im Korridor aufgehängt. Er las in einem Buch. Und er hielt das Buch so, daß Krag das Titelblatt lesen konnte. Es war »Crainquebille« von Anatole France. »Der Mensch hat Geschmack,« dachte der Detektiv. Da er selbst auf dem dunklen Korridor stand, konnte er die Gesichtszüge des andern genau studieren. Es war durchaus kein abstoßendes Gesicht; es drückte Kraft und Energie aus. Die Muskulatur des Mannes deutete auf Stärke und Geschmeidigkeit, und Krag konnte nicht begreifen, wie man seine Gestalt mit Frau Sonjas zarter, schlanker und weiblicher hatte verwechseln können. Er mochte ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt sein. Nachdem Krag einen Platz in dem Abteil des Apachen belegt hatte, ging er durch den übrigen Teil des Zuges.

Als er den nächsten Wagen passierte, wurde er davon überrascht, daß jemand seinen Namen nannte. Er drehte sich um und sah ein bekanntes Gesicht aus Christiania, einen Rechtsanwalt, dem er einmal bei einer Gerichtsverhandlung einen Dienst geleistet hatte. Die Begegnung war ihm in diesem Augenblick alles andere als angenehm. Er nahm an der Seite des Herrn Platz.

Der Rechtsanwalt wollte nicht nach Christiania; er wollte schon in der schwedischen Stadt K. aussteigen, wo er wegen eines Waldverkaufs zu tun hatte. Der Zug würde schon in einer halben Stunde in K. sein. Krag fühlte sich erleichtert, und mit seiner Fähigkeit, jede Situation auszunutzen, begann er gleich zu überlegen, wie er diesen Mann bei der Komödie benutzen könnte, die er zu spielen gedachte. Er hatte die Absicht, die Bekanntschaft des Apachen zu machen, aber wollte es so einleiten, daß der Apache kein Mißtrauen faßte. Plötzlich bekam er eine Idee.

»Hören Sie mal, lieber Freund,« sagte er vertraulich, »Sie können sich wohl denken, daß ich mich nicht ohne eine besondere Veranlassung in diesem Zuge befinde.«

Ja, das konnte der Rechtsanwalt sich denken.

»Und Sie würden mir wirklich den Gefallen tun, mir zu helfen?«

»Herzlich gern, soweit ich es vermag.«

»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar. Vor allen Dingen dürfen Sie mich nicht kennen. Und ferner ...«

»Und ferner?« fragte der Rechtsanwalt.

Asbjörn Krag beugte sich über ihn und begann ihm etwas ins Ohr zu flüstern.

 

Einige Minuten später tritt Asbjörn Krag in das Abteil des Apachen und nimmt den Platz ein den er schon belegt hat. Niemand konnte, wenn es darauf ankam, besser Komödie spielen als Asbjörn Krag. Keiner konnte wie er in ein Wagenabteil kommen, ohne seine Mitreisenden eines einzigen Blickes zu würdigen. Dann nachsehen, ob sein Gepäck (die Handtasche) auch nicht gestohlen sei, während er draußen war. Darauf mit Umständlichkeit eine Zigarre aus seinem Etui nehmen, sie anzünden und die Rauchwolke dem andern gerade in Gesicht pusten. Nicht um Entschuldigung bitten, sondern sich setzen und die Hosen überm Knie hochziehen. Worauf ihm plötzlich einfällt, daß er einen Reisegefährten hat. Er betrachtet den Reisenden prüfend, als ob er sich selbst fragt: Lohnt es sich mit diesem ein Gespräch anzufangen? Worauf er ein Gähnen hinter der Hand verbirgt und eine französische Zeitung aus der Tasche zieht. Im selben Augenblick hält der Zug. Es ist eine kleine Landstation. Der Zug hält nur einen Augenblick und eilt dann weiter.

Inzwischen ist es draußen ganz dunkel geworden, und die Gardinen am Fenster sind herabgelassen. Da kommt ein neuer Reisender in den Wagen. Er öffnet die Tür des Abteils und macht sich mit seinem Regenmantel breit. Es ist der Rechtsanwalt. Asbjörn Krag kennt ihn nicht. Der Apache sendet ihm einen Blick – und dabei hat Krag Gelegenheit seine Augen zu sehen. Sie sind dunkel und klar, aber kalt. Der Rechtsanwalt zieht seinen Regenmantel nicht aus. Er nimmt auf dem Polster neben dem Apachen Platz und stellt seine Reisetasche neben sich. Er will offenbar bald wieder aussteigen.

Die drei Reisenden betrachten einander wie vollkommen fremde Menschen und sagen kein Wort. Als der Zug im Begriff ist zu halten, erhebt Krag sich und streckt die Hand zum Netz hinauf, um etwas aus seiner Reisetasche zu nehmen. Und gerade, als der Zug hält, bekommt er einen Stoß und fällt auf den Rechtsanwalt. Gleichzeitig macht er merkwürdige Bewegungen mit den Fingern. Nach dem Zusammenstoß gibt es natürlich tausend Entschuldigungen von beiden Seiten, und der Rechtsanwalt verläßt grüßend das Abteil.

Nach einem Augenblick setzt der Zug sich wieder in Bewegung. Jetzt sind die beiden allein. Krag sitzt lässig da, das eine Bein über das andere geschlagen. Er stößt Rauchwolke nach Rauchwolke von sich. Plötzlich blickt er durch die Rauchwolken hindurch auf das Gesicht des Apachen. Es hat sich ganz und gar verändert. Vorher war es unnahbar und gleichgültig. Jetzt leuchtet es von einem Lächeln, das sowohl Erstaunen wie Interesse verrät. Das Gesicht ist fast hübsch geworden. Krag heuchelt Erstaunen und nimmt die Zigarre aus dem Mund.

Das Lächeln des Apachen wird unzweideutig. Er beugt sich zu dem Detektiv hinüber, streckt die Hand aus und sagt:

»Geben Sie mir!«

Krag reißt die Augen auf.

»Was meinen Sie?« fragte er.

»Geben Sie mir die Hälfte,« wiederholt der Apache.

Krag lacht. Da wird der andere plötzlich ernst.

»Ich werde Sie beim Schaffner verklagen,« sagt er.

»Klagen Sie meinetwegen wo Sie wollen!«

Krag zeigt auf die Tür.

Da wird der Apache wieder gemütlich.

»Sie und ich, einander schon verstehen,« meint er. »Wir teilen, und Schaffner stumm bleibt. Ich sah wohl, daß Sie an dem Regenmantel von das Mann fingerten.«

Da zieht Asbjörn Krag eine Brieftasche aus seiner Rocktasche und öffnet sie. Sie enthält Papiere und ungefähr 100 Kronen in kleinen Scheinen. Krag zählt die Scheine nach, während der andere ihm zusieht. Worauf er sie ruhig in die Tasche steckt, das Fenster öffnet und das Taschentuch hinauswirft. Dann lehnt er sich mit Ruhe in seine Polster zurück, sieht dem andern unverschämt ins Gesicht und sagt:

»Ich teile nie.«

Eine Grimasse verzieht das Gesicht des Apachen.

»Bah,« höhnt er, »zu wenig, viel zu wenig für mich. Können Sie selbst behalten. Ganz hübsch gemacht, aber in Frankreich wir machen das viel besser. Ich haben es gesehen. In Frankreich sehen man so etwas nie.«

»Wie heißen Sie?« fragt Krag.

»Heute heiße ich Jean Guyot,« antwortete der Franzose. »Wie heißen Sie?«

»Heute abend heiße ich Jules Hebertot.«

»Aber Sie sind Skandinavier?«

Krag nickte.

»Aus Paris.«

»Ja, ich komme aus Paris.«

»Dann kennen wir einander.«

Der Franzose streckte die Hand aus, Krag betrachtete diese Hand.

Mechaniker, dachte er.

 

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