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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 31
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Dreißigstes Kapitel

Der Passagier im Schnellzug

Der Polizeileutnant war den ganzen Tag still und verschlossen. Er fühlte sich von der Unheimlichkeit der Situation bedrückt und begann zu ahnen, daß mehr hinter dieser Sache steckte, als er bisher geglaubt hatte. Da er einsah, daß es doch nichts nützen konnte, Asbjörn Krag zu überreden, die Verfolgung einzustellen und die Verfolgte in Ruhe zu lassen, quälte er ihn nicht weiter. Aber es peinigte ihn sehr, daß sein Freund in so geringschätzigem Ton von der Frau sprach, an die er trotz allem glaubte, und die er liebte.

Krag fühlte es ihm nach und wollte ihn gern trösten.

Als sie nachmittags zusammen auf der Terrasse des Hotels saßen, sagte er:

»Sie müssen doch einsehen, lieber Freund, daß ich die Dame nicht mit demselben Augen betrachten kann wie Sie. Ich habe ihretwegen zweimal einräumen müssen, daß ich mich geirrt habe. Das vergesse ich ihr nicht so leicht. Zuerst glaubte ich, daß sie mit den Verbrechern von Trinacria im Bunde stehe. Später glaubte ich, daß sie von ihnen verfolgt würde und aus irgendeinem Grunde in den Tod gegangen sei. Nichts von alledem hat sich als richtig erwiesen. Sie lebt noch immer im besten Wohlsein. Aber sie umgibt sich mit einem Geheimnis, das höchst seltsam ist, und hat, um neue Abenteuer zu suchen oder sich zu verbergen – was weiß ich? – Mann und Kind verlassen. Ich habe jetzt den Entschluß gefaßt, sie zu suchen und ihr Geheimnis zu entschleiern. Ich ruhe und raste nicht, bevor es mir gelungen ist.«

Er entfaltete die Nummer einer Kopenhagener Zeitung und zeigte Helmersen eine Anzeige. Es war eine Todesanzeige, durch die Advokat Aage Gade Freunden und Verwandten mitteilte, daß seine Frau durch einen traurigen Unglücksfall beim Baden ums Leben gekommen sei.

»Es ist ausgeschlossen,« sagte er, »daß ihr Mann, der angesehene Advokat, von dieser Komödie weiß. Er glaubt natürlich, daß sie tot ist. Warum hat sie ihm nicht mitgeteilt, daß sie lebt? Weil sie will, daß er an ihren Tod glauben soll. Warum? Weil sie etwas damit bezweckt, wenn sie ihn auf diese furchtbare Weise zum Narren hält. Wenn wir alle Punkte in dieser sonderbaren Tragödie, wo um Menschenleben gespielt wird, vergleichen, kommen wir zu dem Resultat, daß Frau Sonja teils von einem geheimnisvollen Feind gejagt wird, und teils ein Geheimnis zu verbergen sucht, das sie oder ihr Leben betrifft. In diese beiden Dinge will ich jetzt Klarheit bringen.«

Als die Abfahrtszeit des Zuges herannahte, gingen die beiden Freunde zum Bahnhof. Der Polizeileutnant wollte bis zum nächsten Tag in Helsingborg bleiben, darauf nach Kopenhagen reisen und dort den Gang der Ereignisse abwarten. Er hatte ein für allemal die Karten niedergelegt und wollte nicht mehr mitspielen. Asbjörn Krag ließ ihn gewähren, denn er wußte jetzt selbst so gut mit der Sache Bescheid, daß er Helmersen nicht mehr brauchte. Darum hatte er sich entschlossen, ihn zu verlassen, und er tat es mit leichtem Herzen; der verliebte Polizeileutnant würde ihm nur zur Last fallen.

Bevor aber die beiden Freunde auseinandergingen, erhielten sie noch eine Mitteilung merkwürdiger Art:

Als sie gerade die erleuchtete Halle des Bahnhofes betraten, kam ein Bote vom Hotel. Atemlos überreichte er Asbjörn Krag einen Brief. »Gut, daß ich Sie noch treffe,« sagte er, »dieser Brief ist eben mit Eilpost aus Kopenhagen gekommen.«

Krag nahm den Brief und betrachtete die Aufschrift.

»Antwort von Boyesen,« sagte er, nachdem er den Boten verabschiedet hatte.

»Antwort?« fragte der Polizeileutnant verwundert. »Haben Sie denn eine Frage an ihn gerichtet?«

»Ja,« antwortete Krag, »ich habe ihm heute eine Depesche gesandt.«

»Warum?«

Krag faßte seinen Freund untern Arm und führte ihn zu einem Tisch im Bahnhofsrestaurant. Er sah auf seine Uhr.

»Es ist noch eine Viertelstunde bis Abgang des Zuges,« sagte er, »ich habe also noch Zeit, Ihnen die Sache zu erklären. Sehen Sie, hier ist eine Abschrift der Depesche an Boyesen.«

Krag breitete ein Papier vor ihm aus.

Da stand:

»Untersuchen Sie, ob etwas Verdächtiges bei der Badeanstalt oder in der Nähe von Advokat Gades Wohnung vorgeht.«

Darauf öffnete Krag Boyesens Eilbrief. Er lehnte sich über den Tisch und las dem Polizeileutnant halblaut vor:

»Lieber Kollege,« schrieb der dänische Kriminalbeamte, »ich habe Ihre Depesche erhalten, und Ihre Frage wundert mich nicht. Seit Ihrer Abreise hat sich nämlich etwas ereignet, just in der Nähe der Badeanstalt, bei Advokat Gades Wohnhaus und – was Ihnen vielleicht überraschend kommt – in dem Hotel, wo Sie mit Ihrem Freund, dem Polizeileutnant Helmersen, gewohnt haben. Wie Sie sich denken können, hatten wir die Nachforschungen nach der verunglückten Frau Sonja Gade noch nicht ganz eingestellt. Auf die inständige Bitte des Advokaten sind sowohl Polizei wie Rettungswesen die ganze Zeit tätig gewesen. Hierbei nun ist einer unserer Geheimpolizisten auf einen Fremden aufmerksam geworden, der den Nachforschungen nach der Verunglückten mit auffallendem Interesse folgte. Als er merkte, daß man ihn beobachtete, verschwand er und ist bisher nicht wieder gesehen worden. Bei den Untersuchungen, die ins Werk gesetzt wurden, kam heraus, daß dieser Mann, ein Ausländer, wahrscheinlich ein Pole, sich eifrig bei der Bedienung in der Badeanstalt nach dem Unglücksfall erkundigt hat. Dort hatte er auch von den Nachforschungen gehört, die Sie und Ihr Freund draußen angestellt haben, und als er erfuhr, daß Sie Norweger seien, legte er großes Interesse dafür an den Tag, besonders, als man ihm das Aussehen des Polizeileutnants Helmersen beschrieb. Indem wir seine Personalangabe mit der Beschreibung verglichen, die Advokat Gade von dem Attentäter im Treppenhause geben konnte, kamen wir zu dem Resultat, daß es derselbe Mann sei oder jedenfalls einer, der ihm sehr ähnelt. In der ganzen Stadt und besonders im Polenviertel, sind eingehende Nachforschungen angestellt worden, ohne daß man bisher eine Spur von dem Fremden gefunden hat. Jetzt aber kommt etwas Neues hinzu.

Es zeigt sich nämlich, daß dieser selbe Mann sich während der letzten Abende bei der Wohnung des Advokaten herumgetrieben hat. Der Pförtner hat ihn gesehen, eines der Dienstmädchen hat ihn gesehen, und auch Advokat Gade, der jetzt aus dem Krankenhaus entlassen ist, meinte eines Abends seine Züge wahrgenommen zu haben, als er gerade unter einer Laterne stand und der Schein auf ihn fiel. Können Sie sich dieses seltsame Interesse erklären? Was will dieser Fremde?

Dies alles hat indessen die Polizei veranlaßt sich von neuem für diese Sache zu interessieren. Man findet es auch sonderbar, daß Frau Sonjas Leiche nicht gefunden worden ist.

Gestern erfuhren wir von dem Geheimpolizisten, dessen Aufgabe es ist, die Hotels im Auge zu behalten, daß ein Fremder nach Ihnen und Ihrem Freund gefragt hat, merkwürdigerweise hauptsächlich nach Ihrem Freund. Als man ihm mitteilte, daß Sie beide nordwärts gereist seien, entweder nach Schweden oder Norwegen, hat er vor sich hingemurmelt: ›Also nach Norwegen‹. Danach schien er die Nationalität Ihres Freundes zu kennen. Die Beschreibung, die man uns im Hotel von diesem Mann gab, stimmt in allen Punkten mit der Beschreibung überein, die wir von dem Mann bei der Badeanstalt und dem geheimnisvollen Burschen haben, der sich vorgestern abend bei Advokat Gades Wohnung herumtrieb. Dagegen ist man, wie gesagt nicht sicher, ob dieser Mann mit dem Attentäter identisch ist. Die Polizei arbeitet jetzt mit erneuter Kraft, und ich hoffe, daß Sie mir Ihre neue Adresse aufgeben, damit ich Ihnen sofort Mitteilung zugehen lassen kann, falls sich etwas ereignet.

Ihr usw.«

Boyesens Brief brachte Asbjörn Krag in beste Laune.

»Da sehen Sie selbst,« sagte er, »die Sache ruht nicht, irgend etwas geschieht immer. Wer, meinen Sie, kann dieser mystische Fremde sein?«

»Das kann nur einer sein,« antwortete der Polizeileutnant düster, »kein anderer als der wirkliche Apache, der unheimliche Mensch aus Trinacria.«

»Was will er aber?

»Er sucht Frau Sonja.«

»Frau Sonja ist tot,« antwortete Krag.

»Es gibt also noch einen, der nicht an ihren Tod glaubt,« sagte der Polizeileutnant.

Als die Abgangszeit des Zuges sich näherte, gingen die beiden Herren auf den Bahnsteig. Es war ein regnerischer, dunkler Abend.

»Vielleicht flüchtet sie vor ihm,« murmelte Krag vor sich hin.

»Vor wem sonst?« fragte der Polizeileutnant.

»Ich dachte einen Augenblick,« sagte Krag, »daß sie vielleicht vor ihrem Mann flüchtet.«

»Wie dem auch sei,« bemerkte Helmersen, »es will mir scheinen, daß wir lieber in Kopenhagen als in Christiania suchen müssen. Wenn Sie den Apachen ausfindig machen, werden wir den Urheber dieses Verbrechens gefunden haben.«

»Nein, ich will Frau Sonja suchen,« antwortete Krag, »ich will meine ganze Zeit für sie opfern, selbst wenn ich Gefahr laufe, daß sie nicht der Verbrecher ist.«

Auf einmal packte der Polizeileutnant seinen Freund am Arm. Und gleichzeitig trat er einen Schritt zurück, so daß er hinter dem breiten Rücken des Detektivs verborgen war. Er war in großer Aufregung.

»Dort,« flüsterte er und zeigte durchs Gedränge, »dort.«

»Was ist denn?«

»Sehen Sie den Mann dort im Regenmantel, der gerade in den Zug steigt?«

»Ja.«

»Bei Gott im Himmel, er ist es.«

»Der Apache?«

»Ja.«

Asbjörn Krag musterte den Mann genau. Sein Regenmantel glänzte von Nässe. Sein Gesicht war von dem breitrandigen Hut fast verborgen. Er bewegte sich still und ruhig zwischen den andern Reisenden, aber dennoch war es, als ob seine nervige Gestalt eine gewisse Unheimlichkeit ausstrahle.

Der Apache stieg in den Zug, der nach Christiania fuhr.

 

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