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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 3
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Zweites Kapitel

Der Mann mit dem seidenen Halstuch

Leutnant Helmersen dachte gar nicht mehr an diese Einladung: er betrachtete sie als eine reine Höflichkeitsphrase, und als er einige Monate darauf nach Kopenhagen kam, hatte er den freundlichen Advokaten ganz vergessen.

Helmersen trieb sich einige Tage in Kopenhagen herum, wie reisende Norweger zu tun pflegen. Nach der grauen Langeweile der Cafés und den unwürdigen und rohen »Vergnügungslokalen,« auf die Junggesellen in Christiania angewiesen sind, öffnen sich plötzlich in Kopenhagen große, menschengefüllte Lokale voll frohen Gelächters und munteren Lärms. Der norwegische Polizeileutnant plätscherte lustig mit im Strom, und nachdem er sich den letzten Abend die Zeit im »Hotel Astoria« im Taumel vertrieben hatte, fühlte er sich am nächsten Morgen so müde, daß er aufs Land wollte.

Natürlich tauchten seine alten Schwärmereien, die Badeorte, in seiner Erinnerung auf, und er setzte sich in den Zug nach – – –. Da hätte ich den Ort beinah verraten. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich will nicht einmal die Lage andeuten. Es ist überhaupt gar nicht gesagt, daß unser Held mit dem Zug nach dem Badeorte reiste. Es gibt große schöne Badeorte in Dänemark, die man nur auf dem Wasserwege erreichen kann.

Genug davon, tags darauf befand Helmersen sich als Gast in dem vornehmen Hotel des Ortes, dem großen »Hotel Trinacria«. Er machte nach der Reise Toilette, und nachdem er in dem eleganten Speisesaal etwas gefrühstückt und Gelegenheit gehabt hatte, die anwesenden Damen zu mustern (sie waren wirklich sehr hübsch, Helmersen strich seinen Schnurrbart und kam gleich in gute Laune), zündete er sich eine duftende Zigarre an und begab sich an dem hellen, warmen Sommernachmittag zur Promenade, – dem breiten, menschengefüllten Weg längs des Strandes, im Volksmund, Kurdistan genannt. Das Wort selbst verrät, was hier vorging. Hier wurde in den Vormittagsstunden die Kur gemacht, hier wurde in den Nachmittagsstunden die Kur gemacht, hier wogte Geschwätz und Geklatsch zwischen hellen lustigen Kleidern und weißen Flanellhosen, und wenn eine unbekannte Gestalt in dem Gewühl auftauchte, ein neuer Mann, eine neue Möglichkeit, gleich spukte es lustig in vielen Augenpaaren. Helmersen ging auf und ab und stellte mit Wohlbehagen fest, daß er gar nicht übel sei, ganz hübsch, ganz flott – dies Urteil hatte er in verschiedenen blitzenden Mädchenaugen gelesen.

Nach dem Bade am nächsten Morgen finden wir unseren Helden wieder, als er die Umgebung durchstreifte. Er wollte den Ort kennen lernen. Das kleine Fischerdorf, das dem Ort seinen Namen gegeben hatte, fand er sehr interessant, die kleinen niedrigen Häuser mit ihren Strohdächern lagen idyllisch in der Landschaft verstreut. Er bemerkte, daß mehrere Wirtshäuser und kleinere Restaurants im Dorf waren, und er kehrte ein paarmal ein, um sich in der brennenden Sommerhitze zu erquicken.

Einzelne der Wirtschaften waren offenbar ausschließlich für die Badegäste da. Andere hatten ein anderes Gepräge, hier verkehrten die Eingeborenen des Dorfes und der Umgebung, Arbeiter, Fischer, Viehhirten, Pferdehändler; am Ende des Dorfes lag solch eine typische Wirtschaft. Der Krug trug den bezeichnenden Namen »Café Babylon.« Helmersen sollte später auf sonderbare Weise an diesen Krug erinnert werden, der eine Rolle bei seinem Aufenthalt an diesem Ort zu spielen bestimmt war.

Auf dem Rückweg machte er einen großen Umweg über das bebaute Land. Er wußte, daß er wegen dieses langen Spaziergangs zu spät zum Frühstück kommen würde. Aber es kümmerte ihn nicht. Er fühlte sich aufgeräumt und glücklich, weil er hier so allein ging und ihm wohl war. Es begegneten ihm nur wenig Menschen, und als er plötzlich an einen Weg vorbeikam, der in einen dunklen und duftenden Wald führte, schlug er ihn ein und befand sich nach einigen Minuten allein im Walde. Kein Mensch war zu sehen, der Wald war kühl und still und schien wenig besucht zu werden, denn das Gras wuchs üppig auf dem Pfade und zwischen alten, eingetrockneten Wagenspuren. Indem er tiefer in den Wald hineinkam und sich mehr und mehr vom Dorfe entfernte, war es ihm, als ob die Stille um ihn her immer größer wurde. Plötzlich aber wurde sie von knirschenden Schritten vor ihm auf dem Pfade zerrissen.

Kurz darauf tauchten zwei Gestalten auf.

Er hatte erwartet, irgendeinem Forstbeamten oder ländlichen Wanderer von einem Gehöft in der Nähe zu begegnen. Darum wurde er äußerst erstaunt, als er sah, wer ihm entgegenkam.

Es waren zwei jüngere Männer, nicht schlecht gekleidet. Aber sie hatten etwas Falsches und gleichsam Schleichendes an sich, das lichtscheue Geschäfte anzudeuten pflegt. Beide waren typische Großstadtexistenzen, von jener Sorte, die der Polizeileutnant genau von der Anklagebank her kannte: schlaue Gesichter, umherirrende Augen, höflich und gewandt, zudringlich und frech. Der eine hatte sogar einen gewissen Apachen-Anstrich, indem er statt Kragen und Schlips, ein blauseidenes Tuch um den Hals trug.

Das ist ein richtiger Schwerenöter, dachte Helmersen, einer von denen, die auf Tanzböden Erfolg haben und einen flotten Schieber tanzen können.

Der Polizeileutnant fixierte sie scharf, indem er an ihnen vorbeiging. Die beiden Burschen sahen ihn auch an, aber verstohlen und mit halbgeschlossenen Augen, als ob sie es sich nicht merken lassen wollten, daß er ihre Neugierde weckte. Das war das erstemal, daß der Polizeileutnant dem Mann mit dem seidenen Halstuch begegnete. Er sollte ihn später noch häufiger unter sonderbaren Umständen treffen.

Als Helmersen einige Schritte gegangen war, drehte er sich um und sah ihnen nach. Gleichzeitig hatten auch die beiden Burschen sich umgewandt. Sie wurden verlegen, drehten sich schnell um und gingen weiter.

Der Polizeileutnant aber fühlte sich plötzlich von einer eigentümlichen Vorahnung ergriffen. Es war ihm natürlich auffallend, zwei solche Typen in der Nähe des großen und mondänen Badeortes zu sehen. Hatten sie etwas Böses im Sinn?

Da er doch zu spät zum Frühstück kommen würde und eigentlich nichts zu versäumen hatte, beschloß er, ihnen zu folgen, um zu sehen, welchen Weg sie einschlagen würden. Vielleicht konnte er diesem oder jenem eine Warnung zukommen lassen. Obgleich er in Zivil war, trug er doch sein Polizeischild bei sich. Dies, dachte er, konnte ihn gegebenen Falles legitimieren und erklären, weshalb er sich in die Sache mischte.

Er ging also hinter den Apachen her. Aber er wartete, bis sie hinter einer Biegung des Weges verschwunden waren, so daß er ihnen folgen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er hörte ihre Schritte die ganze Zeit in dem lautleeren und unbeweglichen Walde vor sich.

Plötzlich aber horchte er interessiert auf; er hörte noch mehr Schritte. Schritte, die sich aus der Ferne näherten und mit denen der Apachen vermischten. Und dann auf einmal wurde alles still.

Der Polizeileutnant stand einen Augenblick lauschend, und ging dann rasch weiter.

Als er zur Wegbiegung kam und ein Stück des Weges offen vor sich liegen hatte, sah er, daß plötzlich drei Menschen auf der Arena aufgetreten waren.

Der dritte war eine elegante, hochgewachsene und sehr schöne Dame.

Sie war den Apachen auf dem Waldweg begegnet, und, soweit er verstehen konnte, waren sie ihr entgegen getreten und hatten sie zum Stillstehen gezwungen.

Sie versuchte sie zu umgehen, aber sie näherten sich ihr auf drohende Weise.

Das heißt, die Apachen näherten sich ihr bettelnd, sie hielten die Mützen in der Hand und standen in gebückter Haltung vor ihr.

Zur selben Zeit aber lag etwas in ihrem Auftreten, woraus klar hervorging, daß sie sich mit Gewalt nehmen würden, wenn ihre Bettelei nicht erhört wurde.

Die Dame sah sich nach Hilfe um und entdeckte den Polizeileutnant.

 

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