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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 25
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Ein unerwartetes Begegnis

Der Amtmann wollte anspannen lassen, damit sie schneller hinkämen, weil es schon über Mitternacht war, Asbjörn Krag aber meinte, daß es besser sei zu gehen, um weniger Aufsehen zu machen. Darum machten sie sich zu Fuß auf den Weg.

Es war eine kalte Nacht, Anfang Oktober. Die Kälte war noch nicht streng, doch hatte die Erde schon begonnen hart zu werden. Auf den Landstraßen lagen hohe Haufen von gelbem Laub. Die Nacht war sehr dunkel. Der Amtmann ging voran, und da er die Gegend wie seine Tasche kannte, kam man schnell vorwärts.

Nach einer halbstündigen Wanderung blieb der Amtmann einen Augenblick stehen und sagte:

»Wir müssen bald da sein.«

Er sah sich um.

»Hier muß ein Pfad durch den Wald führen,« sagte er.

Krag zündete seine Taschenlaterne an, die ein breites, kräftiges Lichtband über den dunklen Waldsaum warf.

Da wurde eine Öffnung zwischen den Bäumen sichtbar. Dort mündete der Weg.

Der Amtmann schlug ihn ein, und die anderen folgten ihm auf den Fersen.

»Was für eine Art Haus ist es, das der Mann bewohnt?« fragte Krag.

»Ich hörte vorhin,« sagte der Amtmann lachend, »daß sie es eine Villa nannten. Das ist etwas übertrieben. Es ist ein kleines Häuschen, das ehemals, als der König hier Jagden abhielt, als Waldwärterwohnung diente. Das Haus hat, soweit ich weiß, nur ein einziges Zimmer und eine kleine Küche.«

Nach einer Weile blieb der Amtmann stehen.

»Wenn wir jetzt weitergehen,« sagte er, »kommen wir direkt auf die Hauswand zu.«

»Gut, dann gehen wir weiter.«

Sie brachen sich durch den immer dichter werdenden Wald Bahn. Die Unwegsamkeit des Pfades ließ vermuten, daß das Haus lange nicht bewohnt gewesen war.

Plötzlich befanden sie sich auf einer Lichtung im Walde, und der Amtmann wäre beinahe über ein kleines Drahtgitter gestolpert, das hier gezogen war. Er fluchte. Asbjörn Krag ermahnte ihn, leise zu sein. Im übrigen schien es dem Amtmann ganz einerlei, ob er den Verfolgten weckte oder nicht. Er verließ sich einzig und allein auf seine Kräfte.

Sie stiegen über das Gitter und gerieten in einen alten Kartoffelacker, wo das welke Kartoffelkraut sich ihnen feucht um die Füße wickelte.

Schließlich gelangten sie bis an die Hauswand, und indem sie sich daran entlang tasteten, kamen sie bald zur Tür. Bei all diesem hatten sie so viel Lärm gemacht, daß Krag sich darüber wunderte, daß der Bewohner des Hauses sich noch nicht gezeigt habe.

Als sie vor der Tür standen, forderte Krag den Polizeileutnant auf, seinen Revolver in Bereitschaft zu halten.

Er selbst hielt den seinen in der Hand.

Der Amtmann klopfte an die Tür, aber es kam keine Antwort von drinnen.

Da stemmte er seine Schulter gegen die Tür. Die Türbretter knackten, und mit einem Krach sprang das Schloß auf.

Die drei Männer traten hastig ins Haus. Asbjörn Krag leuchtete mit seiner Laterne.

Im Zimmer war kein Mensch.

Die drei Männer sahen sich an, und Asbjörn schüttelte ärgerlich den Kopf. Sollte der Mörder ihnen wirklich entschlüpft sein?

Der Amtmann stieß eine Tür auf, die bisher angelehnt gewesen war.

»Hier ist die Küche,« sagte er.

Sie gingen hinein. Auch hier war kein Mensch.

»Der Bursche scheint durchgebrannt zu sein,« rief Krag, »wir sind zu laut gewesen.«

»Vielleicht hat er sich versteckt,« meinte der Amtmann. »Es gehört auch noch ein kleiner Keller zum Hause.«

Er fand die Luke auf dem Fußboden und öffnete sie. Der Keller war ganz klein und niedrig. Man konnte ihn ganz übersehen, als Krag mit seiner Laterne hineinleuchtete. Im Keller war auch niemand.

Sie mußten sich mit der Tatsache abfinden: der Bursche war fort. Gleichzeitig aber lag etwas über dem Zimmer, das den Detektiv zu der Annahme veranlaßte, daß der Bewohner seine Hütte nicht für immer verlassen habe. Krag begann jetzt mit größtem Interesse die Einrichtung des Zimmers zu untersuchen.

Es war ersichtlich, daß der jetzige Besitzer das Haus möbliert gemietet und daß es vorher einige Zeit leergestanden hatte. Die wenigen Möbel waren hinfällig und verbraucht, aber sie waren so gestellt, daß das Zimmer eine gewisse Behaglichkeit bot. Es war nur ein einziges Fenster da. Davor war der Tisch gerückt, ein viereckiger, einfacher Holztisch. Auf dem Tisch lagen eine alte, gestickte Decke mit Fransen, ein Schreibzeug mit Mappe und einige Bücher. Daneben stand eine Lampe. Krag öffnete die Schreibmappe und sah, daß auf einem Stück Papier Buchstaben geschrieben waren, die er nicht kannte. Russisch wahrscheinlich.

Krag besah auch die Bücher. Es waren alles neue in französischer Sprache. Sie trugen den Stempel eines Buchhändlers in Malmö. Nur in einigen schien gelesen zu sein, der Rest war noch unaufgeschnitten.

Krag studierte die Titel der Bücher mit Interesse. Sie trugen die Namen der besten französischen Verfasser. Es schien ein gebildeter Mörder zu sein.

Im übrigen war es erstaunlich, wie wenig Kleidungsstücke sich im Zimmer vorfanden. Da war nur ein Jackettanzug, der übrigens ganz neu war, einige Hemden, Kragen und etwas Unterzeug. Das war alles. Hingegen war es seltsam, wie viele Toilettesachen vor dem kleinen Spiegel standen. Da waren alle möglichen Dosen und Flaschen aufgereiht, wie man sie nur in den Garderoben eitler Schauspieler zu finden pflegt. Und Krag konnte dem Spiegel ansehen, daß der Besitzer des Zimmers verzweifelte Versuche gemacht hatte, ihn blank zu reiben. Vor dem Spiegel standen ein kleiner Tisch und ein Stuhl.

»Hallo,« rief plötzlich der Polizeileutnant aus der Küche, wo er auf eigene Faust Untersuchungen vorgenommen hatte, »ich habe etwas gefunden.«

Als er ins Zimmer kam, hatte er einige leuchtende, funkelnde Gegenstände in der Hand. Es waren Juwelen.

Jetzt begann dem Amtmann die Sache etwas bunt zu werden.

»Das ist ja ein Vermögen an Schmuck,« sagte er. »Entweder muß der Bewohner hier sehr wohlhabend sein, oder er ist ein Dieb.«

»Ich glaube,« schob Krag ein, »wir gehen nicht fehl, wenn wir letzteres annehmen.«

Er wollte die Juwelen sehen, und der Polizeileutnant ließ das Gefunkel in seine Hände gleiten. Es war ein Perlenhalsband, Ringe, ein Armband, ein Diadem. Krag untersuchte alles sorgfältig und legte es Stück für Stück beiseite.

Die anderen betrachteten ihn gespannt.

»Na,« fragte der Amtmann, »wie hoch taxieren Sie das Ganze?«

Krag lächelte.

»Gleich null,« sagte er. »Es ist alles falsch.«

Er warf dem Polizeileutnant, der ganz verdutzt war, einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Erinnern Sie sich noch,« fragte er »des Briefes den ich Ihnen heute vorlas?«

»Des Briefes von den falschen Schmucksachen und den verpfändeten echten? Ja.«

Krag zeigte auf die Schmucksachen.

»Können Sie sich das zusammenreimen?«

»Ich kann es mir nur so zusammenreimen, daß der Apache nicht nur Mörder, sondern auch Dieb ist.«

»Dann hat er bei dem ersten Geschäft mehr Erfolg gehabt als bei dem letzten,« antwortete Krag.

Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit der drei Männer von etwas anderem gefangen genommen. Durch die offenstehende Tür hörten sie einen Laut.

Es war ein sonderbarer Laut. Es war, als ob jemand durch den Wald geschlichen käme.

Etwas raschelte im Waldboden. Der Näherkommende schien über die Erde zu kriechen.

»Die Waffen,« flüsterte Krag.

Das Geräusch kam näher und näher. Jetzt war es gleich neben der Hauswand.

»Stillstehen,« schrie Krag, »stillstehen! Oder ich schieße.«

Der Mann aber schien auf die Drohung keine Rücksicht zu nehmen.

Er kam näher und näher.

 

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