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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 22
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Einundzwanzigstes Kapitel

Auf der Spur

Asbjörn Krag ließ den Portier kommen.

»Wann geht die Fähre nach Malmö?« fragte er.

»In einer Stunde,« antwortete der Portier, »Punkt sieben Uhr.«

»Gut, sorgen Sie dafür, daß unser Gepäck zur rechten Zeit an Bord kommt, und bringen Sie uns die Rechnung!«

Der Detektiv sah auf seine Uhr.

»Wir haben noch etwas Zeit zum Plaudern,« sagte er, »Sie haben ja noch nichts Näheres über den Hund des Etatsrats erfahren, und was ich damit meinte.«

»Und ich habe auch noch nicht erfahren,« antwortete der Polizeileutnant, »warum wir so plötzlich aufbrechen. Diese Abreise erscheint mir ganz sinnlos. Kommen wir bald nach Kopenhagen zurück?«

»Vielleicht,« antwortete der Detektiv.

»Warum reisen wir dann nach Malmö?«

»Weil wir eine Spur verfolgen,« antwortete Krag. »So merkwürdig es auch klingt, diese Spur führt von der Badeanstalt in Bellevue, am Garten des Etatsrats vorbei, nach Malmö.«

»Ah, das klingt ebenso interessant, wie unverständlich.«

»Ich habe gerade noch Zeit, mich näher zu erklären,« sagte der Detektiv. Er griff wieder nach seinem Bleistift und machte die angefangene Skizze auf dein Tischtuch fertig. Der Polizeileutnant folgte den Bleistiftstrichen auf der weißen Fläche mit größter Spannung.

»Aus dieser Skizze,« fuhr Asbjörn Krag fort, »kann man das Geschehene leicht erraten. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, laufen die Spuren auf der Sandbank in zwei Richtungen. Es sind Männerfüße, übrigens merkwürdig kleine. Die Spuren sind ziemlich deutlich in dem losen Sand zu sehen, und nach der Stellung der Fußspuren zu urteilen, muß der Betreffende ziemlich schnell über die Sandbank gelaufen sein.

Wie sie sehen, liegen Frau Sonjas Kabinen auf der Nordseite der Badeanstalt. Wenn tiefe Ebbe ist, kann man von dort, indem man über die Pfähle klettert, fast trockenen Fußes zur Sandbank gelangen. Ich habe es selbst versucht, weiß also, daß es sich machen läßt.

Nun könnte man sich also denken, daß eine geheimnisvolle Person sich schon zeitig am Tage – es waren ja nur wenig Badegäste den ganzen Tag über da – in die Anstalt geschlichen und in Frau Sonjas Badekabine versteckt hat.

Was dann geschehen ist, kann man nicht wissen. Wenn wir uns aber Frau Sonjas Angst vor dem Mann mit dem Halstuch, und den Mordversuch auf ihren Mann ins Gedächtnis zurückrufen, liegt die Annahme nahe, daß eine Tragödie geschehen ist.«

Der Polizeileutnant erbebte.

»Um so mehr,« fuhr der Detektiv fort, indem er wieder mit dem blutigen Halstuch spielte, »um so mehr, als man fast mit Sicherheit annehmen kann, daß der Apache sein Unwesen dort getrieben hat.«

»Wie ist das Drama nun geschehen?«

»Wenn wir davon ausgehen, daß Frau Sonja ermordet worden ist, dann begegnet uns der erste bedeutungsvolle Widerspruch, auf den ich bereits hingewiesen habe:

In der Badekabine ist nicht die geringste Spur, die darauf hinweist, daß ein Kampf stattgefunden hat. Und als man die Sache nach Frau Sonjas Verschwinden zu untersuchen begann, fand man ihre Kleider, die unberührt dalagen. Wenn wir also davon ausgehen, daß ein Verbrechen geschehen ist, müssen wir uns gleich darüber klar sein, daß das Verbrechen im Wasser verübt sein muß. Um es kurz heraus zu sagen: Frau Sonja ist ertränkt worden.«

Der arme Polizeileutnant schrak bei diesem brutalen Ausspruch zusammen. Krag aber fuhr fort, als ob er die Gemütsbewegung des anderen gar nicht bemerkt habe:

»Hinterher ist der Mörder dann aus der Badeanstalt hinausgeklettert, ist auf den seichten Strand gekommen, auf der Sandbank zum Festland hinübergelaufen und weiter zum Garten des Etatsrats. In all der Zeit hat die Bedienung in dem Verwaltungszimmer gesessen. Niemand hat den Mörder kommen sehen, und er hat die Badeanstalt unbelästigt wieder verlassen können«

Plötzlich schob der Polizeileutnant ein:

»Sie vergessen das Halstuch.«

»Wieso?« fragte Krag.

Der Polizeileutnant zeigte mit bebenden Fingern auf die rostbraunen Flecke des Halstuchs.

»Es ist ja blutig,« sagte er.

»Und was schließen Sie daraus?« fragte der Detektiv.

»Daß dennoch ein Kampf stattgefunden hat.«

»Nein,« antwortete der Detektiv, »ich habe das Halstuch im Garten des Etatsrats gefunden.«

»Der Verbrecher hat es natürlich von sich geworfen.«

»Das dachte ich auch im ersten Augenblick. Als ich es aber mit den übrigen Umständen verglich, kam ich zu einem anderen Resultat.

Der Etatsrat, dem die Villa gehört, erzählte mir nämlich, daß der Hund an jenem Nachmittag, als die Familie auf der Veranda beisammen saß, plötzlich mit einem furchtbaren Gebell durch den Garten raste und in der Richtung des Strandes verschwand.

Der Etatsrat versuchte ihn zurückzurufen, aber ohne Erfolg.

Der Hund fuhr mit seinem Gebell zwischen den Bäumen fort und war lange Zeit unruhig und erbittert.

Es ist nicht schwer zu erraten, was vorgegangen war.

Nachdem der Apache über die Sandbank auf den Strand gelangt war, ist er über das Gitter in den Garten des Etatsrats gestiegen, hat sich dort hindurchgeschlichen und die Aufmerksamkeit des Hundes geweckt. Als er aber auf der anderen Seite wieder über das Gitter klettern wollte, hat der Hund ihn angefallen. Das Gitter ist sehr hoch und nicht leicht zu übersteigen, für einen geübten Turner aber ist es immerhin möglich.

Zwischen dem Hund und dem Menschen hat ein Kampf stattgefunden, und wir können annehmen, daß der Hund dabei gebissen hat. Indessen ist der Apache hinübergekommen, und auf der anderen Seite des Gitters, wo er also vor dem Hund in Sicherheit war, hat er die Wunden mit dem Halstuch abgetrocknet. Sie sehen, daß das Halstuch zerknüllt ist und die Blutflecke auf dem Tuch so verteilt sind, wie wenn man Blut mit einem Tuch abtrocknet. Nachher ist er dann so unvorsichtig gewesen, das Tuch fortzuwerfen. Ich fand es in dem Garten des Etatsrats.

Als ich mit meinen Untersuchungen bis hierher gekommen war, fiel es mir leicht, sie fortzuführen.

Ich konnte mir denken, daß der Mörder danach strebte, den Tatort so schnell wie möglich zu verlassen, und nachdem ich eine Menge Straßenbahnschaffner in Verhör genommen hatte, erfuhr ich, daß ihnen ein jüngerer, ausländisch aussehender Mensch mit einem zerrissenen Anzug und einer blutigen Hand aufgefallen war, der nachmittags mit der Straßenbahn zur Stadt gefahren war. Kurz vor der Stadt war er ausgestiegen, und der Schaffner hatte beobachtet, daß er gleich darauf ein Automobil nahm.

Es fiel mir nicht schwer, dieses Automobil ausfindig zu machen.

Der Chauffeur sagte mir, daß er den Fremden zur Fähre, die nach Malmö geht, gefahren habe.«

Krag sah auf seine Uhr.

»Und jetzt müssen wir uns beeilen,« sagte er, »wenn wir die Fähre nach Schweden erreichen wollen.«

 

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