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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 21
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Zwanzigstes Kapitel

Der Hund des Etatsrats

»Wo haben Sie dies Halstuch gefunden?« fragte der Polizeileutnant.

Asbjörn Krag schien viel zu sehr in sein Essen vertieft zu sein, um antworten zu können.

»Sehen Sie es sich genau an,« sagte er nach einer Weile. »Sie müssen ganz sicher sein, daß es das betreffende Halstuch ist. Vorher kann ich mich nicht zufrieden geben.«

Helmersen betrachtete das Tuch von neuem sehr aufmerksam.

»Ich bin vollkommen sicher,« sagte er dann, »es ist das Halstuch des Apachen.«

»Schön, dann haben wir eine Spur,« sagte der Detektiv, »das ist alles.«

»Haben Sie es in Frau Sonjas Wohnung gefunden?« fragte der Polizeileutnant.

»Nein.«

»Wo denn?«

»In der Nähe der Badeanstalt.«

Den andern durchfuhr ein Schauder. Er saß noch immer mit dem Tuch in der Hand, als ob er sich nicht davon losreißen könne.

»Und diese Flecke,« sagte er, »sind wirklich Blut?«

»Ich irre mich nie,« sagte Asbjörn Krag, indem er seinen Teller von sich schob. Er war fertig mit Essen. »Hallo, Oberkellner,« rief er »bringen Sie uns zwei Tassen starken Kaffee und Havannazigarren! Ich habe eine kleine Anreizung nötig,« sagte er und rieb sich vergnügt die Hände, »ich habe den ganzen Tag sehr intensiv gearbeitet, von 8 Uhr an.«

Der Polizeileutnant begriff, daß Asbjörn Krag erzählen wollte, und rückte ihm gespannt näher.

Als der Detektiv seine Zigarre angezündet und am Kaffee genippt hatte, begann er:

»Wie Sie wissen, habe ich nie recht an diesen Unglücksfall geglaubt. Es kam mir zu sonderbar vor, daß er unmittelbar nach dem Mordversuch an Gade eintreffen sollte. Gewiß, hin und wieder bringt das Leben solche launenhaften Zufälle mit sich, aber man tut gut, im großen ganzen nicht damit zu rechnen. Darum begab ich mich heute morgen zur Badeanstalt nach Bellevue.«

Krag zog seinen Bleistift aus der Westentasche und zeichnete eine leichte Skizze auf das Tischtuch. Während er zeichnete, fuhr er fort:

»Wie Sie vielleicht wissen, ist es die vornehmste Badeanstalt in Kopenhagen. Sie wird zeitig im Frühjahr eröffnet und spät im Herbst geschlossen. Sie ist nie sehr besucht, selbst in der heißesten Sommerzeit nicht, aber das Unternehmen rentiert sich dennoch, da der Preis für die Badebillette ziemlich hoch ist. Jeder der Badenden hat zwei Kabinen zu seiner Verfügung, eine Kabine zum Auskleiden und ein Ruhezimmer. Diese kleinen Wohnungen, die sehr nett ausgestattet sind, liegen voneinander abgesondert, so daß die Badenden sich nicht sehen, bevor sie im Wasser sind. Wenn sie nun einen Blick auf meine Zeichnung werfen, werden Sie sehen, daß die Badeanstalt ziemlich isoliert liegt, obgleich der Strandweg dicht bebaut ist. Hier, eben außerhalb Kopenhagens, liegen die Administrationsgebäude der Tuborg-Brauerei. Dann kommen Anlagen zwischen dem Meer und dem Strandweg, und dann das Gelände der Badeanstalt. Dann kommen wieder Anlagen. Und dann folgt Etatsrats Moreseos Villa mit Garten. Wie Sie sehen, hat die Badeanstalt eine sehr idyllische Lage.«

»Ferner ist zu bemerken,« fuhr Krag fort, »daß das Wasser im Sund an dieser Stelle ziemlich seicht ist.«

Er zeigte mit dem Blei.

»Hier, links neben der Badeanstalt ist eine Sandbank, die bei stillem Wetter zur Flutzeit sichtbar wird und zur Ebbezeit sogar ganz trocken liegt und mit dem Land Verbindung hat. Als ich hinauskam, fiel mir diese Sandbank gleich auf. Erst aber untersuchte ich die Badelokalitäten. Ich hatte ein Polizeischild bei mir, und darum war es nicht schwer, Aufklärungen zu bekommen. Man teilte mir mit, was ich übrigens schon wußte, daß Frau Gade, während sie badete, allein in der Anstalt war. Die Angestellten hatten gerade Mittagszeit, und da es ziemlich kühl war, hielt sich die Bedienung in ihren Zimmern auf, von wo man keine Aussicht aufs Meer hat. Sie wußten ja, daß Frau Sonja eine vorzügliche Schwimmerin ist, und daß man auf sie nicht, wie auf andere, weniger kundige Badegäste, acht zu geben brauchte. Außerdem hatte sie die Friseurin auf eine halbe Stunde später bestellt.

Frau Sonja war also allein. Was dann geschah, ist nicht gut zu wissen. Ich fragte, ob sich nicht einige verdächtige Individuen unmittelbar vor Frau Gades Ankunft auf dem Badegelände herumgeschlichen hätten, bekam aber zur Antwort, daß man niemanden gesehen habe.

Darauf fragte ich, ob man Schreie gehört habe. Aber nein, hieß es. Bei näherer Untersuchung überzeugte ich mich davon, daß man unbedingt ihre Schreie gehört haben würde, wenn sie geschrien hätte. Dies ist sehr merkwürdig.«

»Warum?« fragte der Polizeileutnant.

»Wenn,« antwortete Krag, »Frau Sonja ermordet worden ist, dann ist es in unmittelbarer Nähe der Badeanstalt, vielleicht sogar in der Badekabine selbst geschehen.«

»Wie aber hat der Verbrecher dort hinein gelangen können? Ich nehme an, daß eine so vornehme Badeanstalt gut bewacht wird.«

»Das wird sie auch,« antwortete Asbjörn Krag, »der Mörder aber braucht gar nicht den gewöhnlichen Weg gekommen zu sein. Sie vergessen die Sandbank. Er kann bei Ebbe trockenen Fußes zu ihr hinausgelangt und darauf in die Badeanstalt hineingewatet sein. In jeder Badekabine steht ein breiter türkischer Diwan. Es ist nicht unmöglich, daß der Mörder sich unter einem solchen Diwan versteckt hat.«

»Um Frau Sonja zu überfallen, wenn sie allein in ihrer Kabine war?« fragte der Polizeileutnant.

Asbjörn Krag antwortete nicht gleich. Nach einer Weile sagte er:

»In der Badekabine war alles in schönster Ordnung. Nicht die geringsten Anzeichen eines Kampfes waren zu sehen. Ihr Zeug lag hübsch zusammengelegt. Und draußen auf der Badetreppe standen ihre Pantoffeln.«

»Sie haben die Kabine wohl aufs Sorgfältigste untersucht?«

»Ja, und ich habe auch etwas gefunden,« sagte Asbjörn Krag, »diesen unechten Manschettenknopf. Ich glaube kaum, daß er Frau Sonja gehört.«

Krag zeigte seinem Freund einen vergoldeten Manschettenknopf mit einer unechten Perle.

»Beachten Sie die Rückseite,« sagte er, »dort steht etwas eingraviert, das Wort Printemps. Wahrscheinlich ist es ein Reklamegegenstand aus dem großen Pariser Warenhaus. Solche Gegenstände werden zu Tausenden in der ganzen Welt verstreut. Der Knopf kann natürlich auch einem Dänen gehört haben, wenn man ihn aber mit dem Halstuch und einigen anderen Umständen, die ich konstatiert habe, zusammenhält, ist es sehr wahrscheinlich, daß der Manschettenknopf einem Ausländer gehörte. Jedenfalls bekannte keiner in der Badeanstalt sich zu dem Knopf. Ich bin sehr froh über den Fund. Er ist ein Indizium. Wenn wir den andern Knopf auch finden, kann er leicht ein Beweis werden.«

Der Polizeileutnant wurde, während Krag erzählte, immer erstaunter.

»Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß der Apache mit dem Halstuch sich in Frau Sonjas Badekabine aufgehalten hat?«

»ES sieht fast so aus.«

»Und Frau Sonja sollte gewagt haben ...«

Lieber Freund,« unterbrach ihn Krag, »weil der Mann mit dem Halstuch sich an jenem denkwürdigen Tage in Frau Sonjas Baderaum aufgehalten hat, braucht er sich nicht gleichzeitig mit ihr dort aufgehalten zu haben, nicht wahr?«

»Die Geschichte wird immer mystischer«, murmelte der Polizeileutnant.

»Da haben Sie recht, und ich genieße das Mystische an dieser Sache sehr. Aber im übrigen beweist es nur, daß wir auf einer falschen Spur sind.«

»Einer falschen Spur?«

»Ja, denn wenn wir auf der richtigen Spur wären, würde uns die Sache nicht so mystisch vorkommen. Jetzt aber sollen Sie das Merkwürdigste von meinen Entdeckungen erfahren. Sie erinnern sich doch der Sandbank? Also auf der Sandbank habe ich eine Fußspur gefunden.«

»Frau Sonjas Fußspur?«

»Nein, die Spuren von Männerfüßen.«

»In welcher Richtung gingen die Spuren?«

»In zweierlei Richtungen. Die Spuren erzählten eine ganze Geschichte. Sie erzählten, daß ein Mann auf diesem Wege in die Badeanstalt gelangt, und daß der Mann auf demselben Weg zurückgelaufen ist. Der Mann war angezogen. Es waren deutliche Stiefelabdrücke in dem losen Sand. Und jetzt kommen wir zu dem Hund des Etatsrats. Dieser Hund spielt ebenfalls eine Rolle in dem Drama.«

 

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