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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 2
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
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Erstes Kapitel

Asbjörn Krags doppelte Buchführung

P. C. Helmersen, der hübsche Polizeileutnant vom Polizeiamt in Christiania«, war gerade von seinem Sommeraufenthalt aus einem der bekanntesten und elegantesten Badeorte von Dänemark zurückgekehrt.

Es geht nicht an, den Namen des Badeortes zu nennen, weil man sonst leicht erraten könnte, wer sich hinter den erdichteten Namen dieser Geschichte verbirgt.

Eine Enthüllung würde für mehrere Damen und Herren, die in diese Geschichte verwickelt sind, und die fortfahren sollen, ihr ehrenwertes Leben unangefochten von Neugierde und Geklatsch weiterzuführen, peinlich sein. Aus all diesem geht hervor, daß in dieser Kriminalgeschichte ehrenwerte Menschen auftreten. Das heißt einige, vielleicht die meisten, jedenfalls die Hauptpersonen. Es sind aber auch einige unehrenhafte dazwischen. Zum Beispiel der mit dem blauseidenen Halstuch, der ... Aber es ist zu zeitig, Geheimnisse zu diesem Zeitpunkt zu entschleiern. Es genügt, wenn wir sagen, daß der Polizeileutnant P. C. Helmersen, als er von seiner Badereise zurückkam, voll Verwunderung war über die Zufälligkeiten des Lebens, über die Arglist der Menschen und besonders über ein seltsames Ereignis, das einer Dame die Ehre, und zwei Menschen das Leben rettete.

Helmersen war, wie gesagt, ein sehr hübscher Mann. Lebt er wirklich? Kann es nützen, daß wir auf einen unserer Polizeileutnants raten? Kaum. Ich sage nicht, wer sich hinter der Maske P. C. Helmersen verbirgt. Und mit schwerem Herzen gehe ich daran, die Neugierde der geehrten Leserin noch höher zu spannen, indem ich berichte, daß in dieser Geschichte von P. C. Helmersen eine sehr hübsche junge und reiche dänische Dame auch eine Rolle spielt. Noch dazu eine sehr bedeutende Rolle.

Polizeileutnant Helmersen war also zu den langweiligen und häßlichen Polizeikontoren zurückgekehrt, ganz erfüllt von seinem merkwürdigen Sommererlebnis. Bereits den ersten Abend in der Stadt gab er die Geschichte seinem Freund, dem Detektiv Asbjörn Krag zum besten, während sie im Restaurant Königin speisten, und Krag interessierte sich so lebhaft dafür, daß er ihr auf den Grund zu dringen wünschte.

Er fragte den Polizeileutnant aufs sorgsamste aus, erfuhr alle Einzelheiten, selbst der geringste Umstand schien Interesse für ihn zu haben, und schließlich hatte er das Ganze beisammen.

Darauf begann er die Geschichte zu ordnen. Eine Geschichte ordnen war ein besonderer Ausdruck, den Asbjörn Krag gebrauchte, wenn er eine Reihe von Ereignissen in ihre verschiedenen Phasen auflöste und die einzelnen Umstände in Kolonnen aufstellte. Auf diese Weise wurde die Begebenheit rein wissenschaftlich behandelt, als würde sie einem Reagenzglas oder einer Lupe ausgesetzt. Dieses Verfahren machte allerdings jegliche Begebenheit, selbst die spannendste, trocken, aber es hatte den Vorteil, daß er in den Kern der Ereignisse eindrang. Er sah sozusagen ihren Aufbau ihr einfaches und kahles Skelett.

Asbjörn Krag machte verschiedene Notizen. Über die Notizen setzte er die Überschrift:

»Polizeileutnant P. C. Helmersens sonderbares Erlebnis.«

Diese Überschrift würde zu einer spannenden Novelle gepaßt haben, keine Geschichte aber konnte trockener wiedergegeben sein als diese. Sie sah aus, wie eine Abrechnung in einer doppelten Buchführung, und dadurch, daß jedenfalls anfangs ein gewisser komischer Anstrich über der Geschichte lag, wirkten Asbjörn Krags Aufzeichnungen geradezu parodistisch. Zuerst kam eine Beschreibung des großen dänischen Badeortes.

Ebensowenig wie ich meine Leser mit einer Wiedergabe von Krags merkwürdiger Buchführung ermüden will, ebensowenig werde ich etwas Besonderes von dem Badeort sagen. Ich fürchte, wie gesagt, daß jemand ihn wiedererkennen könnte. Nur so viel muß man wissen, daß die Begebenheit sich in einem der bekanntesten Badeorte in Dänemark abspielte, und daß die Begebenheit von der Art war, daß niemand außer den Hauptpersonen etwas davon erfuhr. Das Ereignis griff also nicht in das muntere, flackernde und boshafte Geklatsch des Badelebens ein. Die vielen Gäste, die ihre Gesundheit an dem Badeort pflegten, lebten ihr Leben unangefochten weiter, und es wurde kein Wort über das Geschehene gesagt, weder in den Strandkörben am Meer, noch in der Bodega des Dorfes, noch beim Fünfuhrtee in dem eleganten Palmengarten des »Hotels Trinacria«, während die italienische Kapelle mit flatternden Haaren und jubelnden Violinen Saint-Saëns' »Simson und Delila« spielte. Kann jemand nach dieser Beschreibung erraten, auf welchen Badeort ich abziele, nun meinetwegen. Ich habe nichts gesagt.

Nach der Beschreibung des Badeortes folgte Asbjörn Krags Personenliste. Merkwürdigerweise kam der Name des Polizeileutnants erst in dritter Reihe, was nach Asbjörn Krags Methode unbedingt bedeutete, daß Helmersen als Nummer drei zwischen den auftretenden Hauptpersonen zu betrachten war. Ich gebe hier die Personenliste wieder, indem ich die geehrten Leserinnen bitte, sie in ihrer Erinnerung festzuhalten.

Aage Gade, Rechtsanwalt, vierzig Jahre alt, arbeitsam, angesehen, wohlhabend, politisch interessiert, führt große Sachen, ist oft bei großen Generalversammlungen zugegen, ehrgeizig, Ritter vom Danebrog-Orden, liebt seine Frau.

Sonja, seine Frau, geborene Russin, spricht Dänisch mit einem leisen Akzent, sehr hübsch, tugendhaft, liebt ihren Mann.

Hier hatte Asbjörn Krag in Klammer hinzugefügt »(hat einen gewissen Hang zu Untätigkeit und Langeweile).«

P. C. Helmersen, norwegischer Polizeileutnant, tüchtig, pflichtgetreu, amüsiert sich gern, wenn er Gelegenheit dazu hat. Prahlt mit seinen Damenbekanntschaften. Ist sehr hübsch, was er auch weiß und hin und wieder durchblicken läßt. Würde es in einem weniger trockenen und ernsten Land als Norwegen weit bringen.

Es versteht sich von selbst, daß eine schmerzvolle Grimasse über Helmersens Gesicht glitt, als er diese Beschreibung las. Aber er sagte nichts. Er kannte ja Asbjörn Krag und wußte, daß er ihm augenblicklich unterm Seziermesser hatte.

Dann kam der letzte Posten:

Der Mann mit dem blauseidenen Halstuch.

Über diesen Mann schrieb Asbjörn Krag nichts, ganz und gar nichts. Dagegen machte er ein großes Fragezeichen dahinter und bemerkte in einer beifolgenden Notiz: »Bis jetzt hat noch keiner ihn sprechen gehört.«

Jetzt aber komme ich zu Asbjörn Krags Aufzeichnungen über die Sache, und hier will ich seine Papiere schließen und auf eigene Faust berichten. Ich möchte nur noch seine Auffassung, die er von dem Polizeileutnant hat, unterschreiben. Er war ein nicht ganz sympathischer Mann. Aber der Erfolg, den er bei dem schönen Geschlecht hatte, bewies, daß er Frauen gefiel. Der Sommer war seine große Zeit. Dann schwärmte er von Badeort zu Badeort, und wenn er nach Hause kam, konnte man seinem mystischen Lächeln und seiner rosenroten Korrespondenz anmerken, daß der Hochsommer erfolgreich gewesen war. Diesmal aber war alles verändert, und Helmersen kehrte ernst und nachdenklich zurück. Daran war die verdammte Geschichte schuld.

Auf eine Weise kann man sagen, daß die Sache bereits im Mai begonnen hatte. Denn hätte Helmersen nicht am 24. Mai nachmittags eine Besprechung mit Rechtsanwalt Aage Gade im Grand Hotel in Christiania gehabt, dann wäre aus der ganzen Geschichte nichts geworden.

Diese Besprechung aber hat nichts mit der Begebenheit zu tun. Aage Gade hielt sich damals wegen einer bekannten dänischen Bankaffäre in Christiania auf. Er wollte mit Hilfe der Polizei einige Umstände aufgeklärt haben, die mit gewissen norwegischen Bankgeschäften zusammenhingen. Der dänische Rechtsanwalt hatte sich von der Liebenswürdigkeit und Dienstbereitschaft des Polizeileutnants angenehm berührt gefühlt und ihn eingeladen, ihn zu besuchen, falls sein Weg ihn nach Dänemark führen sollte.

 

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