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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 18
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Siebzehntes Kapitel

Stunden der Ungewißheit

Das war die Frage, die Asbjörn Krag zuerst an den erschrockenen Polizeileutnant richtete! »Wer ist eigentlich diese Frau Sonja?« Und der Polizeileutnant mußte zugeben, daß er die Frage im Augenblick nicht zu beantworten wußte.

Im übrigen aber schien die Sache Asbjörn Krag aufs höchste zu interessieren. Mit Sachen, bei denen man die Polizei umging oder sich nur im Notfall an sie wandte, beschäftigte er sich am liebsten.

Sobald der Polizeileutnant nähere Erkundigungen eingezogen hatte, berichtete er Krag, was er von der schönen Frau erfahren hatte. Viel war es nicht und schien zur Lösung des Rätsels nicht das Geringste beizutragen. Was den Polizeileutnant aber sehr peinlich berührte, war die Art und Weise, wie Asbjörn Krag Frau Sonja behandelte, sowohl durch seine Fragen, wie durch sein Urteil überhaupt. Der Polizeileutnant meinte daraus zu ersehen, daß Asbjörn Krag ihr unedle Motive unterschob.

Der Polizeileutnant hatte in Kopenhagen gehört, daß Frau Sonja russischer Abstammung sei. Das paßte auch zu ihrer Sprache. Sie sprach allerdings ganz gut Dänisch, doch keineswegs fehlerfrei. Auch mit einem anderen Umstand stimmte es überein, meinte Asbjörn Krag, nämlich dem, daß sie anscheinend die Sprache der Apachen verstanden hatte. Man glaubte ja, daß sie Polnisch gesprochen hatten. Es war aber zweifellos Russisch gewesen.

Ferner hatte der Polizeileutnant ermittelt, daß Advokat Gade Frau Sonja bei einem Aufenthalt in Ostende kennen gelernt hatte. Sie war dort als Begleiterin einer vornehmen russischen Familie gewesen. Der Advokat hatte sich sofort in ihre eigentümliche Schönheit und überlegene Intelligenz verliebt. Die sehr angesehene Familie des Advokaten war mit dieser Verbindung keinesweges einverstanden gewesen. Weder die Herkunft noch die Mitgift der Dame hatten sie befriedigt. Frau Sonja brachte in die Ehe nichts mit als eine elegante Aussteuer – eine Aussteuer, über die die Familie des Advokaten die Nase rümpfte, weil sie sich mehr für eine elegante Weltdame schickte als für ein solides Bürgermädchen, wie die Familie sich Aage Gades Frau gewünscht hatte. Der Advokat aber setzte die Heirat trotz des Widerstandes durch, und Sonja hatte sich bald in den Familienkreis eingelebt und bei allen beliebt gemacht. Niemand wußte etwas anderes von ihrer Ehe, als daß sie ihrem Mann sehr ergeben war, und daß er trotz einer gewissen Trockenheit, seine Zärtlichkeit für sie nicht verbergen konnte. Auch darin war man sich einig, daß Frau Sonja ihr einziges Kind abgöttisch liebte, eine kleines Mädchen, das zu Beginn des hier Erzählten ungefähr ein Jahr alt war.

Als Asbjörn Krag diese Aufklärungen erhalten hatte, die übrigens wenig besagten, verabredete er mit dem Polizeileutnant, bis zum nächsten Tag in dieser Angelegenheit nicht zu tun. Er wollte erst abwarten, ob sie nicht noch nähere Einzelheiten durch die dänischen Zeitungen erhalten könnten. Und ganz richtig. Schon am nächsten Vormittag, als die Zeitungen eingetroffen waren, hatten die beiden Herren eine neue Unterredung.

Aus den Zeitungen war ersichtlich, daß die Polizei sehr geheimnisvoll tat. Dadurch wuchs das starke Interesse, das Asbjörn Krag an der Sache nahm, während der arme Polizeileutnant immer besorgter wurde. Er sprach bereits davon, daß er noch Kopenhagen reisen wollte, weil er Frau Sonja in Gefahr glaubte.

»Warum glauben Sie das?« fragte Asbjörn Krag. »Weil ich fühle,« antwortete der Polizeileutnant, »daß dieser Überfall auf den Advokaten mit den beiden Apachen aus »Trinacria« in Verbindung steht.«

»Und darum sollte sie in Gefahr sein? Das klingt unwahrscheinlich. In der Zeitung steht, daß Frau Gade allein zu Hause war, als der Bandit auf Advokat Gade schoß. Nach Aussage von Leuten soll der Mensch im Hause gestanden und gewartet haben. Wenn es seine Absicht war, Frau Sonja ein Leid zuzufügen, so wäre das sehr einfach gewesen. Er hatte nur anzuklingeln und nach ihr zu fragen brauchen. Außerdem steht hier etwas, das überraschende Dinge an den Tag bringen wird!«

Asbjörn Krag entfaltete die letzte Nummer der »Nation« und las die neuesten Berichte über dieses merkwürdige Drama:

»Wie die Polizei mitteilt, hat man jetzt ein ausgezeichnetes Signalement des Attentäters. Frau Sonja Gade hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach, einige Minuten bevor er seine feige Tat verübte, mit ihm gesprochen. Als der Überfall stattfand, war es ganz dunkel im Treppenhaus. Darum konnte der Advokat den Attentäter nicht sehen und weiß nichts von seinem Äußeren. Man kann sich darum nur an die von seiner Frau gegebene Beschreibung halten.

Frau Gade erzählt, daß einige Minuten vor dem Überfall, ein Mensch an ihrer Tür läutete. Sie öffnete selbst, weil sie ihren Mann erwartete und glaubte, daß er es sei. Statt dessen stand ein fremder Mann vor der Tür. Diesen Menschen schildert sie als einen Mann von mittleren Jahren, sehr ärmlich gekleidet, dunkelhaarig, mit rotblondem Schnurrbart. Der Mann fragte nach Advokat Gade, und als ihm erwidert wurde, daß er nicht da sei, lag ihm daran zu erfahren, wann der Advokat nach Hause käme. Frau Gade glaubte, der Mensch wolle ihren Mann anbetteln, und riet ihm darum, sich am nächsten Tage in sein Bureau zu begeben. Der Mann murmelte, daß er keine Zeit habe zu warten, und schlich die Treppe hinunter. Frau Gade lauschte seinen Schritten. Sie war überzeugt, daß er die Treppe hinunter und aus der Haustür hinausging. Wenige Minuten nachdem sie die Tür geschlossen hatte, als sie wieder in ihrem Zimmer war, hörte sie Schüsse und furchtbaren Lärm. Sie meint mit Bestimmtheit, daß sie den verdächtig aussehenden Menschen noch nie gesehen habe. Sie hat der Polizei ein besonderes Kennzeichen von ihm gegeben, das die Polizei jedoch aus gewissen Gründen vorläufig geheim zu halten wünscht. Der Mann sprach das reinste Dänisch. Wahrscheinlich wird er unter der niedrigsten Bevölkerung Kopenhagens zu suchen sein, und wahrscheinlich handelt es sich um einen Racheakt. Advokat Gade hat ja nicht nur Freunde. Aus seiner Richterzeit erinnert er sich mehrerer Drohungen von Personen, die durch ihn von der richterlichen Gewalt getroffen wurden.«

Asbjörn Krag faltete die Zeitungen zusammen.

»Na,« sagte er, »was meinen Sie jetzt?«

Der Polizeileutnant sah bei dem letzten Bericht etwas verblüfft aus.

»Die Beschreibung paßt ganz und gar nicht auf die beiden Apachen!« rief er.

Asbjörn Krag fragte:

»Sie haben also wirklich geglaubt, daß einer der Apachen der Attentäter ist?«

Die Frage kam dem Polizeileutnant überraschend, dennoch antwortete er:

»Aufrichtig gestanden, haben Sie das nicht auch geglaubt?«

»Ich will mit einer neuen Frage antworten. Was sollten die beiden Apachen gegen Gade haben? Er hat ihnen ja nichts anderes getan, als was zum Beispiel Sie auch getan haben, indem Sie den Versuch machten, sie zu verhaften. Das ist mißglückt. Später hat der Advokat vielleicht gar nicht mehr an sie gedacht. Aus welchem Grunde sollten sie ihm nach dem Leben trachten?«

»Nein, nein, aber Sie vergessen die geheimnisvollen Umstände, die die beiden Apachen mit Frau Sonja verknüpfen.«

»Ich vergesse nichts,« antwortete Krag, »nach Frau Sonjas Beschreibung zu urteilen aber kann keiner der Apachen hier mit im Spiel gewesen sein.«

»Das scheint fast so. Und darum ist es vielleicht wirklich nur ein gewöhnlicher Racheakt.«

»Und darum,« vollendete Krag, »haben Sie eigentlich gar keine Veranlassung, sich an mich zu wenden.«

Der Polizeileutnant sah ihn forschend an.

»Irre ich mich,« fragte er, »oder interessieren Sie sich wirklich nicht für diese Sache?«

»Sie irren sich.«

»Das freut mich. Aber was soll ich machen?«

»Sie sollen sich die Sache mal ordentlich durch den Kopf gehen lassen,« sagte der Detektiv, »vielleicht stellt sie sich Ihnen dann anders dar. Vor allen Dingen brauchen Sie den Glauben nicht aufzugeben, daß die beiden Apachen doch etwas mit der Affäre zu tun haben.«

»Ja, aber das Signalement, das Signalement!«

»Das kann falsch sein.«

Der Polizeileutnant fuhr auf.

»Sie meinen, daß das Signalement falsch ist?« fragte er.

»Ja.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, daß Frau Sonja vielleicht gelogen hat.« »Zu welchem Zweck?«

»Um etwas zu verbergen.«

»Was soll sie zu verbergen haben?« »Zum Beispiel,« antwortete Asbjörn Krag, »daß der Attentäter wirklich der Apache mit dem blauseidenen Halstuch war.«

 

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