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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 16
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Fünfzehntes Kapitel

Die verborgene Gefahr

Von allem, was der Polizeileutnant in den letzten Tagen erlebt hatte, war dies das Unerklärlichste. Hier stand Frau Sonja im Gespräch mit dem Verbrecher, auf den ganz Dänemark fahndete. Und an der Haltung der beiden konnte er sehen, daß die Unterredung nicht zufällig war. Es war ein Stelldichein, dessen Zeuge er zufällig wurde; und daß es an diesem einsamen Ort stattfand, deutete darauf, daß es im voraus verabredet war. Was aber hatten die beiden miteinander zu reden? Er wußte wohl, daß eine Verbindung zwischen dem Mann mit dem Halstuch und Frau Sonja bestand; aber er hatte geglaubt, daß sie vor allen Dingen den mystischen Fremden fürchtete und ihn jedenfalls nicht aufsuchen würde. Dies alles überdachte der Polizeileutnant blitzschnell, während er auf dem Wege stand. Im nächsten Augenblick trat er schnell zurück und verbarg sich hinter den Bäumen. Im übrigen war es ihm vorgekommen, und dieser Gedanke machte ihn ganz heiß, daß Frau Sonja ihn bemerkt habe. Aber er schlug sich den Gedanken gleich wieder aus dem Kopf. Es war ja nicht möglich. Ihr war nichts Auffallendes anzusehen. Was den Apachen betraf, so hatte er ihm die ganze Zeit den Rücken zugekehrt. Der Polizeileutnant hatte das Gefühl, daß er seines Weges gehen müsse. Aber gleichzeitig war seine Besorgnis, daß Frau Sonja in Gefahr schwebe, so groß, daß sie seine natürliche Anlage zur Verschwiegenheit überwand. Er fühlte in seinen Taschen nach, ob er seinen Revolver bei sich habe; aber nein, auch jetzt hatte er wieder keine Waffe bei sich. Es war auch zu töricht, daß er nie auf die schlimmsten Möglichkeiten gefaßt war. Wer hätte sich auch denken können, daß der Apache in dieser Gegend wieder auftauchen würde?

Der Polizeileutnant verbarg sich im Walddickicht; durch die Bäume hatte er jetzt die beste Aussicht über das Gelände und konnte genau jede Bewegung der beiden verfolgen. Das Gespräch zwischen ihnen dauerte fast eine Viertelstunde. Frau Sonja schien die ganze Zeit zu sprechen. An ihren lebhaften und eindringlichen Bewegungen konnte er sehen, daß sie ihn von irgend etwas zu überzeugen versuchte, worin er nicht mit ihr einig zu sein schien. Ein paarmal stampfte er wütend mit dem Fuß auf die Erde. Sie wurde immer eifriger, und er schüttelte den Kopf. Der Polizeileutnant beugte sich vor und starrte die beiden wie verhext an. War es möglich? Ja, es war möglich. Sie bat ihn um etwas, flehte ihn an, und er schlug es ab. Schließlich schien das Gespräch zu Ende zu sein, und obgleich sie ihn zurückzuhalten versuchte, verließ er sie brutal. Sie stand und sah ihm nach, bis er hinter der Wegbiegung verschwunden war. Ja, sie blieb noch eine Weile stehen, wie um sich zu vergewissern, daß er nicht zurückkäme, und erst als sie sah, daß er verschwunden war und blieb, wandte sie sich und ging langsam in entgegengesetzter Richtung davon – auf die Stelle zu, wo der Polizeileutnant wartete.

Er duckte sich zwischen das dichte Laub, damit sie ihn nicht sehen sollte. Merkwürdigerweise aber blieb sie vor seinem Versteck stehen. Er erschrak. Sollte sie ihn entdeckt haben? Plötzlich hörte er, daß sie seinen Namen nannte. Er verharrte unbeweglich.

»Lieber Helmersen,« sagte sie, »ich weiß, daß Sie dort stehen. Aber warten Sie noch eine Weile, bis Sie hervorkommen!«

Sie ging weiter, den Weg entlang. Sie spähte umher. Der Polizeileutnant kam ohne weiteres aus seinem Versteck hervor. Als sie seiner ansichtig wurde, runzelte sie zornig die Stirn.

»Sie sind unvorsichtig,« sagte sie, »ich habe Ihnen ja ausdrücklich gesagt, daß Sie stehen bleiben sollen.«

»Gnädige Frau,« antwortete er, »ich bitte um Entschuldigung. Es war der reine Zufall, der mich hierherführte. Hätte ich gewußt, daß Sie hier ein heimliches Stelldichein mit dem Verbrecher hätten, wäre ich natürlich nicht gekommen.«

Der Polizeileutnant hielt es für das Beste, den Gekränkten zu spielen. Frau Sonja aber schien die beabsichtigte Schroffheit ganz zu überhören.

»Das meinte ich nicht,« sagte sie, »ich meinte, daß Sie in Ihrem Versteck bleiben sollten; durch Ihre Unvorsichtigkeit hätten Sie leicht ein großes Unglück auf uns beide herabbeschwören können. Ich wollte mich erst überzeugen, ob der Mensch wirklich fort ist.«

»Ich fürchte mich nicht,« antwortete der Polizeileutnant.

Sie schüttelte unwillig und ungeduldig den Kopf.

»Wie seid ihr Männer doch naiv,« sagte sie. »Ich möchte darauf wetten, daß Sie ohne Waffe sind.«

»Sie haben richtig geraten,« antwortete er, »aber ich blieb dennoch stehen, weil ich Sie in Gefahr wähnte, und ich wäre mit den bloßen Fäusten auf den Kerl losgegangen, wenn er es gewagt hätte, Ihnen etwas zu tun.«

Sie lachte nur, lachte ihm spöttisch ins Gesicht und sagte: »Geben Sie mir Ihren Arm, ich möchte Ihnen etwas mitteilen. Lassen Sie uns langsam gehen,« fuhr sie fort, »hier auf diesem einsamen Weg sind wir ungestört. Hier kommen keine Menschen vorüber.«

Der Polizeileutnant hörte Frau Sonja aufmerksam zu; während er an ihrer Seite ging, fand er, daß sie mit solch merkwürdiger Stimme sprach – trocken und angestrengt. Es war, als ob sie über irgend etwas verzweifelt sei und mit dem Weinen kämpfte. Eine wehmütige Stimmung ergriff ihn. Dasselbe Gefühl, das er schon früher gehabt hatte: daß sie in Gefahr sei und er ihr nicht helfen könne.

»Sie kennen mich nicht,« sagte sie, »mein Mann kennt mich auch nicht ganz, aber es gibt einen Menschen, der mich durch und durch kennt, und das ist dieser Mann, der vor einem Augenblick dort im Walde verschwunden ist.«

»Sie enthüllen da ein seltsames Geheimnis,« sagte der Polizeileutnant.

»Ich enthülle kein Geheimnis, ich sage nur, was wahr ist, und was Sie wissen müssen, weil Sie nun einmal zu viel gesehen haben.«

»Es war nicht meine Schuld, daß ich –«

Sie unterbrach ihn.

»Einerlei,« sagte sie, »Sie können Ihrem Schutzengel danken, daß Sie Zeit fanden, sich im Walde zu verbergen.«

»Warum?«

»Hätte er Sie gesehen, würde er Sie wahrscheinlich getötet haben.«

»Gnädige Frau, mich dünkt, daß Ihre Worte für diese friedliche und freundliche Umgebung etwas zu stark gewählt sind.«

Sie blieb stehen und blickte ihm in die Augen, und er wurde ganz ängstlich bei ihrem Blick.

»Machen Sie sich die Sachlage bitte klar: Sie finden mich im vertraulichen Gespräch mit einem Mann, der einen kühnen Einbruch und einen Mord oder jedenfalls einen Mordversuch begangen hat, finden mich, Advokat Gades Frau, im vertraulichen Gespräch mit solchem Menschen – halten Sie diese Situation für ernst oder nicht?«

»Es gibt wohl in jedem Menschenleben Geheimnisse,« murmelte der Polizeileutnant. Etwas besseres fiel ihm nicht ein – tatsächlich machte ihr Vertrauen ihn immer verwirrter.

»Sie mögen recht haben,« sagte sie, »und jetzt Haben Sie einen Einblick bekommen, wie ernst mein Geheimnis ist. Ich gehe natürlich davon aus, daß Sie mein Freund sind, und daß das Gesagte unter uns bleibt.«

»Über diese Seite der Angelegenheit brauchen wir kein Wort zu verlieren,« sagte der Polizeileutnant.

»Ich kann Ihnen nur so viel sagen, daß es in meinem Leben ein Geheimnis gibt, von dem mein Mann nichts weiß. Ich bin nicht immer die gewesen, die ich jetzt bin. Durch das Zusammentreffen mit den Banditen bin ich an etwas erinnert worden, was ich seit langem begraben glaubte. Aber schließlich wird wohl jeder einmal für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen. Meine Stunde ist jetzt gekommen, aber ich werde die Schickungen zu tragen wissen. Zwei Jahre bin ich verheiratet gewesen, und in dieser ganzen Zeit habe ich ein ruhiges und glückliches Leben geführt. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich war meinem Mann eine treue Gattin. Ich habe ein kleines Kind, das ich über alles in der Welt liebe. Vielleicht soll diese Liebe mir verderblich werden. Während dieser zwei Jahre habe ich keinen Feind gehabt. Jetzt aber habe ich wieder gefährliche und herzlose Feinde bekommen.«

»Sie haben auch Freunde,« sagte der Polizeileutnant, »Freunde, die Sie bis zum Letzten verteidigen werden.«

»Von jetzt ab wird es gefährlich sein, zu meinen Freunden zu gehören.«

»Das schreckt mich nicht.«

»Es soll Sie schrecken. Darüber will ich ja gerade mit Ihnen sprechen. Sie müssen tun, als hätten Sie unsere Zusammenkunft nicht gesehen, und Sie müssen tun, als ob ich nie mit Ihnen über dies all gesprochen habe. Wenn Sie mich jetzt verlassen, müssen Sie sich darüber klar sein, daß Sie ganz und gar nichts gesehen oder gehört haben.«

»Aber ich bin Polizist. Darf ich auch nicht wissen, daß der gefährliche Verbrecher sich hier in der Nähe aufhält?«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Woher sollten Sie das wissen? Sie haben ja nichts gesehen. Wollen Sie mir das fest versprechen?«

»Ja–a.«

»Wenn ich nicht so sicher wäre, daß Sie mein Freund sind und Ihr Versprechen halten werden, dann wüßte ich ein anderes Mittel, um Sie zum Schweigen zu bringen.«

»Und was ist das für ein Mittel, Frau Sonja?«

»Ich brauchte nur zu meinem Feind, dem Einbrecher, zu sagen: Auf Zimmer Nr. 26 im ›Hotel Trinacria‹ wohnt ein Mann, der dich gesehen hat, das würde genügen.«

»Du,« sagte der Polizeileutnant ernst, »sagen Sie ›Du‹ zu dem Einbrecher?«

»Ja,« antwortete Frau Sonja.

 

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